Was ist

Unter der euphemistischen Überschrift "An Update on Facebook News in Europe" versteckt Meta in seinem Newsroom die wenig überraschende, aber dennoch vielsagende Nachricht:

Today, we are announcing that in the UK, France and Germany we will deprecate Facebook News – a dedicated tab on Facebook in the bookmarks section that spotlights news – in early December.

Gleichzeitig schwelt seit Monaten ein Streit in Kanada. Ähnlich wie in Australien versucht die Regierung, Plattformen mit einem (Spoiler: absurden) Gesetz zu zwingen, Verlage für Links zu deren Angeboten zu bezahlen. Meta hat darauf verständlicherweise keine Lust und blockiert in Kanada seit gut einem Monat alle journalistischen Inhalte auf Facebook und Instagram.

Die Auswirkungen:

  • für Meta: bislang fast gar keine, von etwas schlechter PR mal abgesehen
  • für Medien: weniger Publikum, weniger Einnahmen, insbesondere kleine Verlage leiden

Warum das wichtig ist

Die Zeiten, in denen Facebook für 15 bis 20 Prozent des gesamten Traffics vieler Medien verantwortlich war, sind vorbei. Trotzdem bleibt es in Sachen Reichweite das relevanteste soziale Netzwerk für Verlage. Auch Instagram spielt in der Social-Media-Strategie eine wichtige Rolle.

Für Meta gilt das Gegenteil. Dem Konzern sind Journalismus und das Wohlergehen der Verlage egal. Früher sagte Mark Zuckerberg noch Feigenblatt-Sätze wie: "I think news is incredibly important to society and democracy." (The Atlantic)

Besonders glaubwürdig war das noch nie. Schließlich blickt Meta zurück auf ein Jahrzehnt voller falscher Versprechungen, geänderter Algorithmen und gescheiterter Projekte, die Facebook teils schnell wieder beerdigte – und die beteiligten Medien gleich mit (#572). Erinnert sich noch jemand an Instant Articles, Facebook Watch oder die Zeiten, in denen journalistische Inhalte regelmäßig und organisch viral gingen?

Mittlerweile gibt sich Zuckerberg nicht mal mehr Mühe, so zu tun, als liege ihm etwas am Schicksal der Verlage. Das ist immerhin ehrlich, untermauert aber ein weiteres Mal, was wir vor drei Jahren schrieben, als Facebook News in den USA startete (#663):

Facebook ist nicht dafür verantwortlich, Verlagen ein funktionierendes Geschäftsmodell zu liefern. Die finanzielle Krise, in der viele Medien stecken, ist größtenteils hausgemacht. Nur sollten Journalistïnnen keine allzu großen Hoffnungen ins Silicon Valley stecken. Facebook und Google sind nicht die Totengräber des Journalismus – aber auch nicht dessen Retter.

Warum Meta Facebook News beerdigt

  • Kurze Gedächtnisstütze: Seit Mai 2021 gibt es auf Facebook einen dedizierten Bereich für journalistische Inhalte. Verlage, die an dem Programm teilnehmen und Inhalte für Facebook News zur Verfügung stellen, erhalten Geld von Meta. Alle weiteren Details findest du in Ausgabe #732.
  • Dass diese Erinnerung überhaupt nötig ist, zeigt schon: Facebook News war, freundlich ausgedrückt, kein allzu großer Erfolg. Menschen kommen nicht auf Facebook, um Nachrichten zu lesen. Wenn gelegentlich ein Link im Feed auftaucht, ist das okay – ein stärker personalisiertes Google News will offenbar kaum jemand.
  • Im Blogeintrag macht Meta das unmissverständlich klar. Man müsse Zeit und Ressourcen in Dinge stecken, die Menschen auf der Plattform sehen wollten – und das seien nun mal eher Kurzvideos als Medieninhalte:

We know that people don’t come to Facebook for news and political content – they come to connect with people and discover new opportunities, passions and interests. News makes up less than 3% of what people around the world see in their Facebook feed, so news discovery is a small part of the Facebook experience for the vast majority of people.

  • Auch deshalb reduziert Meta seit Jahren kontinuierlich den Anteil an journalistischen und politischen Inhalten im Feed (Meta-Newsroom). Das bekommen Medien immer stärker zu spüren (CNN):

[Meta] has quietly made changes in recent months that have dramatically reduced referral traffic to media outlets, more than half a dozen publishers told me. The move has put considerable dents in the daily traffic publishers see, with the damage appearing to be more pronounced among those who publish more hard news-oriented content.

  • Wohl aus aktuellem Anlass sieht sich Meta genötigt zu versichern, dass in Europa – anders als in Kanada – eben keine News- und Medien-Blockade zu befürchten ist:

People will still be able to view links to news articles on Facebook. European news publishers will continue to have access to their Facebook accounts and Pages, where they can post links to their stories and direct people to their websites in the way any other individual or organization can.

  • Zudem werde man laufende Verträge einhalten und Medienpartner so lange bezahlen, bis die News-Deals auslaufen. Danach sei aber ein für alle Mal Schluss:

However, to ensure that we continue to invest in those products and services that drive user engagement, we will not enter into new commercial deals for news content on Facebook News in these countries and do not expect to offer new Facebook products specifically for news publishers in the future.

Was in Kanada los ist

  • Wir steigen an dieser Stelle nicht in die Details des kanadischen Mediengesetzes ein. Die Kurzfassung: Bill C-18, der Online News Act, ist der unsinnige Versuch, eine Linksteuer einzuführen. Plattformbetreiber wie Google und Meta sollen Verlage dafür bezahlen, dass Leserïnnen über Links den Weg zu den Medien finden.
  • Wir verstehen den Impuls, Verlage an den gewaltigen Einnahmen der Tech-Konzerne beteiligen zu wollen. Zumindest für Google sind journalistische Inhalte wichtig und machen einen signifikanten Teil des Informationsökosystems aus, das der Konzern indexiert und aufbereitet (Tech Policy Press).
  • Der kanadische Versuch ist aber ähnlich hanebüchen wie das australische Mediengesetz, über das wir damals schrieben (#704):

Letztlich ist der Media Bargaining Code eine verkappte Steuer, die aber nur bei den größten Verlagen landet und Grundprinzipien des Netzes über Bord wirft. Wenn Australien Geld sinnvoll umverteilen will, könnte es Digitalkonzerne anders besteuern und das Geld in Förderprogramme für gemeinnützigen Journalismus investieren. Nahezu jede Lösung wäre besser als dieses auf vielen Ebenen fragwürdige Gesetz.

  • Drastischer drückt es Mike Masnick aus, der über Bill C-18 in Kanada schreibt (Techdirt):

In establishing the principle that the government can look at one industry and force another industry to pay it, is a recipe for very dangerous corruption. That’s doubly true when, as in this case, we’re talking about one industry that mostly failed to innovate, rested on its cash cow laurels, and spent years mocking the innovation occurring around them. And then going after the industry that did innovate, that built products and services that customers actually used, with better business models, and basically telling them they have to cough up cash for the industry that failed to do that?

  • Anyway. Hier geht es nicht um Sinn und Unsinn des Online News Acts. Interessanter ist Metas Reaktion.
  • Monatelang drohte Meta, dass es sämtliche News-Inhalte auf Facebook und Instagram blockieren werde, falls das Gesetz in Kraft trete. Das war kein Bluff. Seit August können Menschen nicht mehr zu Medien verlinken, Posts von Verlagen und Sendern sind in Kanada nicht sichtbar (Meta-Newsroom).
  • Wenig überraschend brach der Social-Traffic der kanadischen Medien ein (Chartbeat).
  • Facebooks Zugriffe bleiben dagegen stabil. Der News-Ban wirkt sich so gut wir gar nicht auf die Zahl der Nutzerïnnen aus (Reuters):

Daily active users of Facebook and time spent on the app in Canada have stayed roughly unchanged since parent company Meta started blocking news there at the start of August, according to data shared by Similarweb (…). Another analytics firm, Data.ai, likewise told Reuters that its data was not showing any meaningful change to usage of the platform in Canada in August.

  • Die wirtschaftlichen Auswirkungen für Meta halten sich in engen Grenzen, die gesellschaftlichen Folgen sind aber spürbar. Im August wüteten Waldbrände in Kanada, doch Menschen fanden auf Facebook und Instagram kaum verlässliche Informationen (Wired):

The Canadian wildfires have been the first test of C-18 and the Meta news ban. So far, it has failed spectacularly. While people have found ways around the ban by posting screenshots of news stories, confusion and misinformation have abounded about which evacuation centers are still accepting people, how evacuees might be able to get financial compensation, the progression of the fires and what happens next as residents watch the fires through their screens, far from home.

Be smart

In den USA und der EU gibt es immer wieder Stimmen, die Gesetze nach dem Vorbild Australiens und Kanadas fordern. Bitte nicht! Der renommierte kanadische Jurist und Urheberrechtsexperte Michael Geist erklärt, warum das eine schlechte Idee wäre (Michael Geist):

Canadian media is a loser, particularly the small and independent media outlets that are more reliant on social media to develop community and build their audience. The loss of Facebook links will take a serious toll and undermine innovative companies in Canada. The Internet platforms are losers as they comply with an unreasonable law by removing links and making their services objectively worse in order to do so. Individual Canadians who use the platforms to find links to news are losers since news links will be blocked from the platform. And the government is a loser, as having dismissed critics and ignored repeated warnings about the risks associated with its bill, it has now left Canada as the global example of digital policy disastrously gone wrong.


Two more things

  • TikTok will sozialer werden: Das Portal Axios hat Stellenausschreibungen von TikTok entdeckt, die darauf hindeuten, dass das Unternehmen sich künftig stärker als Soziales Netzwerk begreifen möchte. Bislang ist die Kurzvideo-App ja vor allem als Unterhaltungsplattform bekannt: Wer gerade drei Minuten Zeit hat (aus denen dann immer locker 18 Minuten werden), schmeisst die App an und schaut, was der Algorithmus gerade so zu bieten hat. Läuft gut für TikTok, wie wir alle wissen. Wäre da nicht ein Problem: Wenn User Videos teilen oder diskutieren wollen, nutzen sie dafür andere Dienste — allen voran Messenger. Künftig soll diese Kommunikation bei TikTok selbst stattfinden. Dafür wird das Team „TikTok Social“ nun ordentlich ausgebaut. Wir schauen uns das die Tage noch einmal ausführlicher an.
  • US-Appstores verzeichnen weniger Downloads: Einem Bericht von AppFigures zufolge laden US-Bürgerïnnen immer seltener Apps herunter. Den Zahlen nach scheint es eine große Sättigung in den Bereichen News, Games und Unterhaltung zu geben. Zwar müssen Platzhirschen wie Facebook und Co ihre Top-Platzierungen noch nicht an andere Apps abgeben, aber die Einbrüche seien durchaus eklatant. Ob und wie sich das auf dem deutschen Markt darstellt, ist uns nicht bekannt. Aber oftmals kommen solche Trends dann ja auch mit ein bisschen Verzögerung in Deutschland an. Von daher: 👀

Aus organisatorischen Gründen haben wir das zweite Briefing der Woche vorgezogen. Sollte am Donnerstag noch etwas Wesentliches passieren (Elon Musk und Mark Zuckerberg steigen doch in den Ring, X stellt seinen Dienst ein, Threads kommt nach Europa, TikTok wird verboten), melden wir uns noch einmal. Ansonsten lesen wir uns kommende Woche wieder.