News bei Facebook, Instabook, Spotify for Podcasters, Silent Messages

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 572. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir ausführlich auf Facebooks neuerlichen Versuch, die Verlage zu umgarnen. Zudem interessiert uns die zunehmende Verzahnung von Instagram, WhatsApp und Facebook. Darüber hinaus schauen wir auf Spotify for Podcasters sowie einen ganzen Haufen neuer Features der Plattformen. Herzlichen Dank für die Wertschätzung unserer Arbeit, Tilman, Simon und Martin



Facebook umgarnt Verlage – mal wieder

Was ist: Facebook will in seiner App einen separaten Bereich für Nachrichten einführen. Darüber berichtete zuerst das Wall Street Journal, später bestätigte Facebook-Managerin Campbell Brown die Meldung. CNBC zitiert eine Sprecherin mit einem Erscheinungsdatum im Herbst, die New York Times nennt das Ende des Jahres.

Was dahinter steckt: Facebook bietet derzeit mehreren großen US-Medien bis zu drei Millionen Dollar pro Jahr, wenn diese ihre Überschriften und Teaser lizenzieren. Die Verlage sollen selbst entscheiden können, ob nur die Vorschau oder der gesamte Artikel in der Facebook-App erscheint. Anfang April hatte Mark Zuckerberg die Pläne erstmals in einem Gespräch mit Mathias Döpfner erwähnt.

Was sich Facebook erhofft: Facebook verdient Dutzende Milliarden Dollar pro Jahr, weil mehr als zwei Milliarden Menschen eine Menge Zeit auf Facebook verbringen und durch einen Newsfeed scrollen, in dem sich zwischen vielen Anzeigen auch ein paar Inhalte verstecken. Um Nutzerïnnen auf der Plattform zu halten, braucht es Inhalte, für die sie sich interessieren.

Bei den meisten Menschen sind das Nachrichten von Freunden – dummerweise posten viele Nutzerïnnen aber immer seltener öffentlich auf Facebook und weichen lieben auf private Gruppen oder andere Plattformen aus. Also sichert sich Facebook mit einem Nachrichten-Tab auch vor dem Peak-User-Generated-Content ab.

Mindestens genauso wichtig: Das halbe Silicon Valley ist mittlerweile auf Kuschelkurs mit den Verlagen. Apple bietet mit News+ eine Abo-Flatrate an (und behält 50 Prozent Marge ein), Snapchat überlässt Medien einen Teil seines Umsatzes aus dem Discover-Tab, Google lockt mit AMP-Seiten und steckt Hunderte Millionen Euro in die Google News Initiative, um journalistische Projekte zu fördern. Da will Facebook verständlicherweise nicht untätig zuschauen.

Was sich Verlage erhoffen: Geld und Reichweite. Mehr lässt sich derzeit nicht sagen. Details und der Stand der Verhandlungen sind unklar, weder beteiligte Medien noch Facebook kommentieren. Viel hängt davon ab, wie der Nachrichten-Bereich aussieht, wo er in der App zu finden ist, wie viel Geld fließt, welche Rechte die Verlage Facebook einräumen und ob sie wirklich selbst entscheiden können, dass ausschließlich Snippets auf Facebook angezeigt werden.

Be smart: In den vergangenen Jahren hat sich Facebook immer wieder als unzuverlässiger bis gefährlicher Partner für Medien erwiesen. Es hat:

  • Metriken für Videos vollkommen falsch berechnet und Medien dazu gebracht, unsinnigerweise viel zu viel Geld in Videoproduktion zu stecken. (NYT)
  • Verlage überzeugt, in Instant Articles zu investieren und ihre Inhalte vollständig auf Facebook auszuspielen. Keine gute Idee: Das Projekt ist gescheitert. (CJR)
  • Medien Geld dafür gezahlt, dass sie Videos exklusiv für Facebook Live und Facebook Watch produzieren. Keine gute Idee: Das Projekt ist gescheitert. (CJR)
  • Sich großen, großen Ärger mit seinen Trending Topics eingehandelt, die angeblich konservative Nachrichten unterdrückten. (Gizmodo)
  • Das berühmte Foto des vietnamesischen "Napalm-Mädchens" Phan Thị Kim Phúc als pornografisch eingestuft (und etliche weitere berühmte Fotos und Kunstwerke zensiert). (Aftenposten)
  • Medien als externe Faktenprüfer bezahlt, um Falschmeldungen zu identifizieren – doch etliche dieser Partner ziehen sich frustriert zurück. (Snopes)
  • Ohne Vorankündigung den Newsfeed umgebaut und weniger Medieninhalte angezeigt, was bei etlichen Verlagen den Traffic einbrechen ließ und manche in den Ruin trieb. (Slate)

Das ist eine unvollständige Auflistung. Mehr über das schwierige Verhältnis zwischen Facebook und Medien steht beim Nieman Lab, dem Atlantic und der SZ.

Es wäre Unsinn, das Projekt zu verurteilen, ohne Details zu kennen. Vielleicht meint es Facebook diesmal tatsächlich ernst. Vielleicht hat Mark Zuckerberg ein schlechtes Gewissen bekommen und möchte Medien einen klitzekleinen Teil der Werbemilliarden zurückgeben, die Facebook und Google den Verlagen in den vergangenen Jahren entzogen haben. Vielleicht möchte sich Facebook auch nur freundlichere Schlagzeilen sichern.

Mit Sicherheit lässt sich nur eines sagen: Verlage, die mit Facebook kooperieren, sollten ganz genau hinschauen, wie es anderen Medien in den vergangenen Jahren ergangen ist – und sich ausschließlich auf Partnerschaften einlassen, bei denen alle Inhalte auch auf der eigenen Webseite stattfinden, die eigenen Abo-Modelle nicht untergraben werden, Facebook die Bedingungen nicht nachträglich ändern kann und sich der Vertrag problemlos kündigen lässt.



Facetagram und Instabook

___STEADY_PAYWALL___

Was ist: Facebook bindet Instagram näher an sich. Kurt Wagner und Sarah Frier berichten bei Bloomberg, dass Instagrams Funktion für Direktnachrichten neu entwickelt werden soll – mit Technik des Facebook Messenger im Hintergrund. Optisch ändert sich angeblich kaum etwas, sodass Nutzerïnnen keinen Unterschied merken. Neu ist nur, dass Nachrichten App-übergreifend zwischen Facebook und Instagram ausgetauscht werden können.

Was dahinter steckt: Facebook will die "blaue App", den Messenger, Intagram und Whatsapp näher zusammenbringen. Diese Pläne sind länger bekannt, jetzt werden sie offenbar konkreter. Anfang August hatte Facebook angekündigt (SZ), dass Instagram und Whatsapp den Namenszusatz "von Facebook" erhalten sollen. Nun wirkt sich das Vorhaben erstmals konkret aufs Produkt aus.

Be smart: Regulierung, Entflechtung, Zerschlagung. Für Facebook sind das bedrohliche Szenarien. Um sich dagegen zu wappnen, setzt Zuckerberg auf die Strategie Gordischer Knoten: Je enger sich Facebook mit Instagram und Whatsapp verbindet, je stärker Nutzerïnnen untereinander vernetzt sind und je mehr Technik die drei Dienste teilen, desto schwerer wird es, die Unternehmen wieder zu trennen. Wenn das Gestrüpp nur dicht genug ist, braucht es ein scharfes Schwert, um das Firmengeflecht zu zerschlagen. Ich habe meine Zweifel, dass Aufsichtsbehörden oder Politikerïnnen zu solch radikalen Mitteln greifen.

Es gibt aber auch eine positivere Perspektive: Unabhängig von Facebooks Eigeninteresse bietet das Zusammenwachsen Vorteile für Nutzerïnnen. Wenn sie über mehrere Plattformen hinweg chatten können, ist das ein großer Zugewinn an Komfort. Außerdem hat Facebook versprochen, alle Nachrichten Ende-zu-Ende zu verschlüsseln. Das macht es zwar schwerer, Inhalte zu moderieren und Straftaten zu verfolgen, wäre aber trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung.



Social Media & Demokratie

YouTube in Russland: Zu gern möchte die russische Regierung, dass YouTube Videos von Protesten von der Plattform nimmt. Doch bislang zeigt sich YouTube von den Drohungen unbeeindruckt. (Heise)

TikTok in Indien: Als könte der Kelch an keinem sozialen Netzwerk vorbeigehen: auch TikTok hat in Indien mit Hassrede und Verleumdungen auf der Plattform zu kämpfen. (WIRED)

WhatsApp in Indien: WhatsApp steckt in Indien in so ziemlich jeder Hosentasche. Da verwundert es kaum, dass die Regierung gern mehr darüber erfahren möchte, wer was mit wem auf der Plattform teilt. Doch WhatsApp streubt sich, die Privatsphäre der Nutzer dafür zu opfern. (BuzzFeed News)

Epstein-Selbstmord-Verschwörung: Nach dem mutmaßlichen Suizid des US-amerikanischen Investmentbankers und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein tobt ein Kampf um die Wahrheit – ausgetragen auf der Plattform, die für Politiker, News-Junkies und Verschwörungstheoretiker gleichermaßen attraktiv ist – eine toxische Mischung. (New York Times)



Inspiration

Remote Staff: Beim Social Media Watchblog arbeitet wir ja auch komplett remote: Während Simon primär von Berlin aus arbeitet und Tilman jetzt wieder in Bonn beheimatet ist, lebe ich im entspannten Göttingen. Das klappt prima und ist völlig stressfrei, aber natürlich gar nix im Vergleich zur Firma, die hinter WordPress steckt und jüngst Tumblr gekauft hat: bei Automattic arbeiten alle 900 Mitarbeiter an einem anderen Ort – The firm with 900 staff and no office (BBC News)

Twitch-fluencer: Für viele ist Twitch ja noch ziemliches – ähem – Neuland. Von daher sei dieser Artikel empfohlen: 5 Twitch influencers you need to know (Digiday $$). Kleiner Spoiler: Ninja gehört nicht mehr dazu. Was ja übrigens einige Mitarbeiter der Plattform auch mehr als deutlich gemacht haben… (Twitch CEO apologises for pornography on Ninja's channel, BBC News)

Inkubator im Newsroom: Das Wall Street Journal möchte gern innovativer werden und hat deshalb nun direkt im Newsroom einen Ideen-Inkubator. Da darf man ruhig einmal blass werden vor Neid: How The Wall Street Journal is building an incubator into its newsroom, with new departments and plenty of hires (NiemanLab)



Follow the money

Tumblr goes Automattic: Automattic hat sich die Blogging-Plattform Tumblr einverleibt (Techcrunch). Genaueres bezüglich des Kaufpreises weiß man zwar noch nicht, aber die Rede ist von schlappen 20 Millionen Dollar. Unfassbar wenig, wenn man sich vor Augen führt, dass David Karp, Tumblrs Gründer, die Plattform vor gerade einmal sechs Jahren für mehr als 1 Milliarde Dollar an Yahoo (Hallo Marissa Mayer!) verkloppt hat. Für 20 Millionen Dollar kriegt man übrigens diese schönen Appartments in New York (BuzzFeed News) – just saying.



Tipps, Tricks und Apps

Wavve: Wer einen Podcast betreibt, steht kurz oder lang vor der Herausforderung, dass er/sie eine Landingpage braucht, um Interessierte auf die jeweils bevorzugte Plattform zu schicken. Wavve.Co bietet genau das – ohne dass es groß technischen Sachverstand bräuchte. Quasi eine About-me-Seite mit allen aktuellen Episoden für Podcasts. Das sieht dann so aus: wavve.link/demo/episodes

Spotify for Podcasters: Wo wir gerade bei Podcasts sind: Spotify holt Spotify for Podcaster aus der Beta. Somit können jetzt alle, die bei Spotify Podcasts lancieren, auf einen Datenschatz zugreifen, den sie so sonst nirgends in ähnlicher Form bekommen können. The Verge schreibt:

The company is taking its Spotify for Podcasters dashboard out of a beta today, giving more podcasters a chance to see data like their listeners’ music taste, age, gender, location, and how long they listened to a particular episode. Apart from Apple, which offers some show analytics, this is the most detailed information podcasters likely have about their audience.



Neues von den Plattformen

Facebook

Instagram

  • Face Filter: Mehr Filter für alle: Facebook öffnet sein Spark AR – dadurch kann jetzt jeder, der Bock hat, einen eigenen Face Filter für Stories auf Instagram basteln, respektive entsprechende Filter von freshen Künstlern (oder Freunden, die sich wie ein Künstler fühlen), finden. (The Verge)

WhatsApp

  • Boomerang Effekt: Auch bei WhatsApp könnten bald geloopte Videos die Runde machen – jedenfalls arbeitet das Unternehmen laut WABETAINFO an einem Boomerang-Feature.

ByteDance

  • Toutiao Seach: Das wird spannend und demächst hier noch einmal ausführlicher beleuchtet: ByteDance launcht ein eigenes Suchportal, das sowohl weite Teile des Webs (Zensur inbegriffen) als auch die eigenen Plattform durchsucht.

Telegram

  • Silent Messages, Slow Mode, etc.: Bei Telegram sind sie ja nicht darum verlegen, mehr oder weniger im Zwei-Wochen-Takt neue Features zu lancieren – einige davon sind ziemlich nett: so lassen sich mit leisen Nachrichten, Texte ohne Ton verschicken – etwa, wenn der Empfänger gerade eine Klausur schreibt, etc. Zudem können Gruppen-Admins jetzt festlegen, wie viel Zeit vergangen sein muss, bevor ein Nutzer erneut in eine Gruppe posten kann – überlege deshalb schon die ganze Zeit, ob ich mit meiner Familien-Gruppe nicht zu Telegram wechsel, da gibt es so ein paar Experten, denen das Feature gut tun würde… Mehr auf dem Telegram-Blog.

Twitter

  • Subscribe to Tweet: Twitter testet derzeit die Funktion, dass NutzerInnen Tweet-Replies abonnieren können. Klingt zunächst einmal unspektakulär. Wer allerdings weiß, wie schwierig es sein kann, bestimmten Threads zu folgen, versteht, dass das eine echte Hilfe sein könnte.

Snapchat

  • Spectacles 3: Das hatte ich nicht erwartet: Snapchat haut tatsächlich noch einmal eine neue Version der Spectacles auf den Markt. Dieses Mal mit zwei HD-Kameras und 3D-Features. (WIRED)


Header-Foto von Lily Banse bei Unsplash