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Social Media Watchblog

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Musk dreht durch: Wann wird es Zeit zu gehen?

Salut und herzlich willkommen zur 847. Ausgabe des Social-Media-Briefings! Heute beschäftigt uns vor allem die Frage, ob nicht der Tag gekommen ist, Twitter final den Rücken zu kehren. Darüber hinaus sehen wir erste Anzeichen, dass TikToks kometenhafter Aufstieg vorerst vorbei sein könnte, und dass uns synthetische Medien 2023 noch sehr viel mehr beschäftigen werden, als wir uns das heute vorstellen können. Danke, dass Du unabhängigen Journalismus unterstützt, Martin und Simon
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Musk dreht durch: Wann wird es Zeit zu gehen?

Was ist

Ist es Zeit, Twitter zu verlassen? Diese Frage stellen wir uns seit Monaten. Woche für Woche liefert Musk neue Argumente, der Plattform keine kostenlosen Inhalte und Aufmerksamkeit zu schenken. Doch was in den vergangenen Tagen geschehen ist, stellt eine neue Eskalationsstufe dar (zugegeben: Das schreiben wir nicht zum ersten Mal).

Damit meinen wir nicht, dass Forbes Musk nur noch als zweitreichsten Mensch der Welt listet (Axios). Auch der 47. Anlauf (Twitter-Blog), das kostenpflichtige Abo Blue zu starten (diesmal mit dreifarbigen Haken), ist uns herzlich egal.

Uns geht es um die offen zur Schau gestellte Menschenfeindlichkeit, mit der Musk seine Angestellten bloßstellt, seine zunehmende (Rechts-)Radikalisierung, die Lügen, Drohungen und den Hass, mit dem er den öffentlichen Diskurs vergiftet. Lange Zeit konnte man versuchen, Musk zu ignorieren, seine Tweets als ironisches Shitposting abzutun. Doch er ist mehr als ein Troll – er ist gefährlich.

Dieses Briefing wird etwas persönlicher als sonst. Wir reflektieren unseren eigenen Umgang mit Twitter und teilen die Gedanken, die uns umtreiben. Spoiler: Wir sind noch nicht zu einer endgültigen Entscheidung gekommen und werden auch keine eindeutigen Empfehlungen abgeben. Vielleicht hilft es dir trotzdem, dich selbst zu positionieren. Unserer Meinung nach gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Letztlich muss jede und jeder das tun, was sich am besten anfühlt.

Davor fassen wir die beispiellose Shitshow zusammen, die Musk abgezogen hat. Seine Worte und Taten sprechen für sich. Deshalb beschränken wir uns auf einen Satz pro Ereignis und verlinken jeweils weiterführende Texte. Für detailliertere Analysen des gesamten Wahnsinns verweisen wir auf unsere vergangenen Ausgaben:

Der Anlass: Musks Shitshow

  • Mit QAnon-Methoden und -Phrasen unterstellt Musk dem früheren Twitter-Sicherheitschef Yoel Roth ohne jegliche Grundlage Sympathie für Pädophile und löst damit eine Welle an Morddrohungen und verbaler Gewalt aus, der sich kurz zuvor kritisch über Musk geäußert hatte: Bloomberg, WaPo, Caroline Orr Bueno
  • In fünf Wörtern ("My pronouns are Prosecute/Fauci") verhöhnt Musk queere und nonbinäre Menschen, bläst die Dogwhistle für Rechtsradikale und hetzt radikale Impfgegnerïnnen auf den Virologen Anthony Fauci, was selbst das sonst zurückhaltende Weiße Haus als "widerlich" bezeichnet: Atlantic, Axios
  • Musk reaktiviert nicht nur massenweise rechtsextreme Accounts, die aus guten Gründen gesperrt wurden, sondern teilt selbst Memes mit Nazi-Symbolik und -Rhetorik, pflichtet mit Verschwörungsideologen bei und fabuliert von einem "woke mind virus", der besiegt werden müsse, um die Menschheit zu retten: Vice, Tom Nichols, Elon Musk
  • Der Twitter-Chef gibt interne Twitter-Dokumente an rechte Journalistïnnen weiter, die das Material als mehrteilige "Twitter Files" veröffentlichen, dabei einen Skandal herbeifantasieren, der gar keiner ist, und ehemalige Twitter-Angestellte einem wütenden Mob aussetzen: New York Magazine, Max Read, Wired, Atlantic, Melissa Ryan, Ed Zitron
  • Zwei Tage, nachdem Musk die "Twitter Files" als angeblichen Beleg für gelebte Transparenz preist, droht er Angestellten, die Interna teilen, mit Schadenersatzklagen: Zoë Schiffer, James Surowiecki
  • Um Spam zu bekämpfen, blockierte Musk rund 30 Mobilfunkanbieter und schneidet damit Hunderttausende Nutzerïnnen in Indonesien, Indien und Russland von Twitter ab: Platformer
  • Nachdem sich Musk immer wieder über Shadowbanning beschwert hatte, stellt sich heraus, dass ein Account, der die Flüge von Musks Privatjet trackte, von Shadowbanning betroffen war, ohne dass der Inhaber etwas davon wusste: Daily Beast, Techdirt

Die Reaktion: Der Rückzug

In den vergangenen Wochen haben sich bereits etliche Journalisten, Politikerinnen und Prominente von Twitter zurückgezogen, um gegen Musk und dessen Führungsstil zu protestieren. Relativierend muss man aber sagen: Seit einem Jahrzehnt verkünden immer wieder Menschen öffentlichkeitswirksam ihren Abschied. Meist geht es um Hass und Hetze, manchmal spielen andere Gründe eine Rolle. Nicht immer sind prominente Nutzerïnnen der beste Maßstab für das eigene Verhalten.

Was am Montag geschah, gibt uns aber zu denken. Mit Nilay Patel und Casey Newton haben zwei Reporter ihre Accounts stillgelegt, die zu den klügsten Beobachtern und am besten informierten Beatwritern zählen.

Der Chefredakteur von The Verge, dessen "Welcome to hell, Elon"-Brief vom Tag der Übernahme mit jedem Tag besser altert, fasst sich kurz:

Whatever relationship I had with Twitter has come to an end, and you can find me at http://theverge.com, where I will be posting much more often, and welcome your comments on my posts.

Newton, der gemeinsam mit Zoë Schiffer seit Wochen nahezu jeden Twitter-Scoop zuerst berichtet und Dutzende Quellen im Unternehmen hat, sortiert seine Gedanken in einer langen und unbedingt lesenswerten Ausgabe des Newsletters Platformer:

Now, awaiting Musk’s latest tweets, I find myself anxious that one of his former employees could be physically assaulted or worse over what the CEO is posting. I don’t know how, in that environment, to make little jokes about Google’s latest failed messaging app, or bad PR pitches, or any of the other bits I have been doing on Twitter forever. I don’t know how to pretend that what is happening is not actually happening. I don’t want to provide, even in the smallest of ways, a respectable backdrop against which hate speech against my fellow LGBTQ people, or Black or Jewish or any other people, can flourish.

Was tun?

Wir sind beide keine typischen Twitter-Nutzer. Martin lässt seinen Account seit dem 21. November komplett ruhen, ich verbringe seit anderthalb Jahren eh kaum noch Zeit auf Twitter. Zumindest in meinem Fall gab es keinen konkreten Anlass. Ich habe einfach festgestellt, dass ich lieber Zeit mit Freundïnnen verbringe oder abends eine Runde auf dem Rad drehe, als noch länger auf kleine und große Bildschirme zu starren.

Für uns persönlich spielt Twitter also ohnehin keine große Rolle mehr. Trotzdem schätzen und mögen wir viele Aspekte der Plattform. Twitter gibt Menschen eine Stimme, die sonst nicht gehört werden, kann politische und gesellschaftliche Veränderung auslösen und ermöglicht Begegnungen, Freundschaften und Beziehung. Manchmal ist Twitter, genauer gesagt seine Nutzerïnnen, auch einfach wahnsinnig witzig.

Obwohl wir selbst wenig bis gar keine Inhalte mehr teilen, ist Twitter beruflich nach wie vor wichtig für uns. Wichtigen Quellen und Beatwritern folgen wir per RSS, regelmäßig suchen wir dort g…

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