Was ist

In den vergangenen drei Wochen hat die Realität TikTok eingeholt. Die App ist zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für Menschen geworden, die sich über den Krieg in der Ukraine informieren wollen.

Das schrieben wir im März 2022, als wir erklärten, wie der russische Angriffskrieg die weitgehend heile, meist gewollt politikfreie Plattform aufwühlte (#782). Gut anderthalb Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Der Krieg im Nahen Osten spiegelt sich auf Social Media wider – und führt zu Debatten, ob die Plattformen ihrer Verantwortung gerecht werden.

Disclaimer vorab

  • Wir haben in den vergangenen Wochen selbst wenig Zeit auf Instagram, Twitter und TikTok verbracht. Die Weltlage ist schon bedrückend genug, da braucht es nicht auch noch Kriegs-Memes und Gewaltvideos.
  • Das muss kein Nachteil sein, weil wir dann nicht in Versuchung kommen, Schnellschüsse zu ziehen.
  • Anekdotische Evidenz und eigene Erfahrungen sind selten eine gute Grundlage für fundierte Kritik. Die Inhalte, die man selbst sieht, müssen nicht repräsentativ für die Erfahrung sein, die andere machen.
  • Auch vermeintlich neutrale Experimente ersetzen keine wissenschaftlichen Datenerhebungen. Ein Beispiel: Welt-Volontär Jan Alexander Casper hat einen neuen Account erstellt und beschreibt, wie schnell antiisraelische bis antisemitische Inhalte seinen Feed dominieren (Welt).
  • Der Text ist deskriptiv und zieht keine Schlüsse, das unterscheidet ihn positiv von Geraune und Mutmaßungen über angebliche Einseitigkeit der Algorithmen (NZZ).
  • Eine Information fehlt aber: Casper dokumentiert alle problematischen Videos, die er sieht. Dafür macht er Screenshots und muss sie mehrfach abspielen, während er bei anderen Inhalten vermutlich schneller weiter wischt. Das ist ein Signal für TikTok: Zeig mir mehr davon.
  • Es ist fast unmöglich, auf Plattformen mit algorithmischer Empfehlungslogik ein neutraler Beobachter zu bleiben. Jede Handlung beeinflusst die Auswahl der Inhalte. Deshalb raten wir bei der Interpretation solcher Selbstversuche zur Vorsicht.

Warum das wichtig ist

  • Soziale Medien sind insbesondere für Jüngere wichtige Informationsquellen. Viele Jugendliche konsumieren fast keine klassischen Medien mehr.
  • Einer aktuellen Studie des Hans-Bredow-Instituts zufolge liegt der Anteil der "gering Informationsorientierten" unter den 14-17-Jährigen bei 45 Prozent (SSOAR). Stattdessen informieren sie sich auf TikTok oder Instagram, die Rolle von Journalistïnnen übernehmen Creator.
  • Das ist nicht per se schlecht, Rezo oder Herr Anwalt arbeiten akribischer als viele vermeintlich seriöse Medien.
  • Leider sind sie eher die Ausnahme. Andere Influencerïnnen, die vor einem Millionenpublikum über komplexe politische Themen reden, zeichnen sich durch viel Meinung und wenig Ahnung aus.

Welche Vorwürfe TikTok gemacht werden

  • Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn häuften sich die Beschwerden über Desinformation und gewaltverherrlichende Videos auf TikTok.
  • Die EU-Kommission verlangte Auskunft und leitete ein Verfahren ein (European Commission). TikTok beteuerte, dass es seine Verantwortung ernst nehme und listete eine Reihe von Maßnahmen auf (TikTok-Newsroom).
  • Das reichte nicht, um die Kritikerïnnen zufriedenzustellen. Fast täglich werden neue Vorwürfe laut. Jüdinnen und Juden fühlen sich unzureichend geschützt (Dear TikTok), propalästinensische Aktivistïnnen unterstellen Zensur (Al Jazeera).
  • Sobald es um angeblich böse Tech-Konzerne im Allgemeinen und die "chinesische Propagandaschleuder" TikTok im Besondere geht, darf eine Stimme nicht fehlen: die der Republikaner in den USA.
  • "Why Do Young Americans Support Hamas? Look at TikTok", verwechselt der Republikaner Mike Gallagher Korrelation und Kausalität (The Free Press), und die Überschrift ist noch das Harmloseste am Text, der vor undifferenziertem Unsinn überquillt.
  • Ins gleiche Horn stoßen prominente Republikaner wie Josh Hawley, Marco Rubio oder Marsha Blackburn, die auf Grundlage eines irreführenden Twitter-Threads mit katastrophaler Datengrundlage absurde Anschuldigungen erheben (Gizmodo).
  • TikTok selbst sprach in einem rechtfertigenden Blogeintrag von "fehlinformierte Berichterstatter*innen" und "fehlerhaften Analysen der Hashtag-Daten von TikTok" (TikTok-Newsroom):

Wir ermutigen Journalistinnen und Analystinnen, die sich mit diesen Themen befassen, die Daten sorgfältig zu prüfen und mit uns zu sprechen, bevor sie zu falschen Schlussfolgerungen kommen.

Welche Verantwortung TikTok hat

  • Obwohl wir TikToks Vorwärtsverteidigung nachvollziehen können und den Großteil der Vorwürfe für ungerechtfertigt halten, bleiben valide Kritikpunkte übrig.
  • Trotz eigens eingerichteter Leitstelle für den Nahostkonflikt sowie der Einstellung von arabisch- und hebräischsprachigen Moderatorïnnen rutschen zu viele Videos durch, die den Terror der Hamas verharmlosen.
  • Damit ist TikTok aber nicht allein. Perfekte Content-Moderation in globalem Ausmaß ist unmöglich – Konzerne, die Milliarden mit ihren Plattformen verdienen, sollten aber zumindest den Anspruch haben, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen.
  • Auf TikTok mischen sich Unterhaltung und politische Schwarz-weiß-Malerei in verstörender Weise (taz)

Wie einfach es sich manche Content Creators machen, sieht man an typischen TikTok-Tänzen. Der Song „Jalebi Baby“ von Tesher und Jason Derulo, Emoji einer Israel-Flagge rechts, Palästina-Flagge links, und schon hüpfen TikTok-Stars hüfteschwingend in die Richtung der Seite, die sie unterstützen. Diese Art, Präferenzen auszudrücken, ist typisch für TikTok. Man verkündet, ob man Süßes oder Herzhaftes zum Frühstück mag, Hunde oder Katzen. Oder eben: Welche Kriegspartei man unterstützt.

  • Das kann man der Plattform nicht zum Vorwurf machen. Solche Videos sind nicht verboten. Aber man kann zumindest über die Folgen nachdenken und die Rolle von TikTok kritisch beleuchten.
  • Gerade bei einem komplexen, polarisierten Thema wie dem Nahostkonflikt sind viele Social-Media-Formate gefährlich. Die Grenzen zwischen legitimer Kritik an der israelischen Regierung und israelbezogenem Antisemitismus verlaufen fließend (Belltower).
  • Fairerweise muss man sagen: Vereinfachung ist kein Alleinstellungsmerkmal sozialer Medien, auch die öffentliche Diskussion ist oft eindimensional. Das Publikum auf TikTok ist aber deutlich jünger und leichter zu beeinflussen.
  • Etliche Creator arbeiten, ob bewusst oder unbewusst, mit Schlagwörtern, Sprüchen und Sharepics, die das Existenzrecht Israels infrage stellen. Wenn 14-Jährige solche Videos sehen, prägt das ihren Blick auf den Konflikt.

Be smart

Wir warnen oft davor, den Einfluss von Plattformen auf die Meinungsbildung zu überschätzen. Die meisten Menschen können sehr wohl zwischen Propaganda und Fakten unterscheiden. Ähnliches gilt für die angeblich radikalisierende Wirkung von Algorithmen. Viele "Skandale" (Cambridge Analytica, russische Trolle, Radikalisierungsmaschine YouTube) verloren mit etwas Abstand einen Gutteil ihres Empörungspotentials: 603, 675, 690, 852, 893.

Das gilt auch in der aktuellen Situation. Natürlich ist es legitim, Einzelfälle zu thematisieren und zu problematisieren. Um Plattformen aber fundiert zu kritisieren, braucht es Daten und Studien. Und damit wären wir bei unserem Lieblingsthema: Transparenz. Als abschreckendes Beispiel dient mal wieder Twitter (Reuters):

Social media researchers have canceled, suspended or changed more than 100 studies about X, formerly Twitter, as a result of actions taken by Elon Musk that limit access to the social media platform, nearly a dozen interviews and a survey of planned projects show.


Social Media & Politik

Im kommenden Jahr stehen sowohl die US-Wahl als auch die Europawahl an. Politik und Medien rücken aus Sorge vor Wählermanipulation die Themen KI und Desinformationen zunehmend in den Fokus.

  • EU: Strengere Regeln für politische Werbung: Das EU-Parlament und die EU-Länder haben sich auf strengere Regeln für politische Werbung geeinigt. Künftig bedarf es der ausdrücklichen Zustimmung, damit persönliche Daten für das gezielte Ausspielen von politischen Anzeigen (Targeting) genutzt werden können. (Europäisches Parlament)
  • Meta verbietet Nutzung von KI-Tools für politische Werbung. (Reuters)
  • Neue Nachrichtenangebote mit Fokus auf Desinformation. Das Portal WIRED hat ein neues Vertical gelauncht, das sich ausschließlich der Schnittstelle von Tech & Politik (Axios) widmet. CBS News hat ein neues Fact-Checking-Angebot, das sich mit der Analyse von Desinformationen und KI-generierten Inhalten mit Bezug zur US-Politik beschäftigt (The Wrap).

Follow the money

  • TikTok lässt Creator Fund auslaufen: Ab dem 16. Dezember ist Schluss mit TikToks ursprünglichem Creator Fund. Künftig gibt es nur noch das Creativity Programm, das Videos belohnt, die länger als eine Minute sind. Gibt wohl genug Kurzvideos. (The Verge)
  • Instagram meldet eine Million Creator-Abos: Ok, nur eine Million? Das ist arg wenig. Wenn eine Million Kreative Abos verkauft hätten, cool. Aber insgesamt erst eine Million Abos überhaupt? Puh, Instagram hat immerhin zwei Milliarden monatlich aktive Nutzerïnnen. Ist halt alles nicht so einfach mit der Creator Economy. (Meta)

Next (VR, AR, KI, Metaverse)

  • OpenAI will zur Plattform werden: OpenAI hat auf seinem Dev Day dargelegt, wie sich das Unternehmen vom Anbieter von KI-Werkzeugen wie Dall-E und ChatGPT zur Plattform weiterentwickeln will. Wir schauen uns das Thema die Tage noch einmal ausführlicher an. Erstmal aber nur die News:
    • In einem GPT Store sollen Entwicklerïnnen künftig GPTs anbieten können. (OpenAI, Axios)
    • ChatGPT hat 100 Millionen wöchentlich aktive User. (Keynote)
    • GPT-4 kriegt ein „Turbo“-Upgrade. (OpenAI)
  • X kann jetzt auch KI: Elon Musk hat ein neues KI-Tool mit dem Namen Grok gelauncht (X.AI). Michael Seemann hat sich in einem lesenswerten Blogpost (ctrl-verlust) mit Musks KI-Angebot auseinandergesetzt und auf Mastodon eine recht treffliche Zusammenfassung geteilt:


X-Watch

  • Elon Musk will die Welt vom „extinctionist mind virus“ befreien: Bei Joe Rogan hat Musk dargelegt, was die eigentlichen Beweggründe für die Übernahme von Twitter waren (Spotify): Musk möchte die Welt vor den Woken (Wikipedia) retten. Und weil Twitter eben genau der Raum war, den progressiv denkende Menschen gern und gewinnbringend genutzt haben, um sich zu artikulieren und ihre Gedanken in die Welt zu tragen, musste die Plattform weg. Jedenfalls in ihrer ursprünglichen Gestalt. Rechtsextreme Islamfeinde wie Katie Hopkins und Tommy Robinson sind herzlich willkommen (MMFA).
  • Elon Musk ist jedenfalls nie angetreten, um aus Twitter eine Super-App zu bauen. Er verfolgt eine politische Agenda. Es tritt damit leider genau das ein, wovor seit Jahren gewarnt wurde: Was passiert, wenn ein durchgeknallter Rechtsextremer eine der wichtigsten Social-Media-Plattformen übernimmt? (martinfehrensen.de)

Trends / Beobachtungen

  • Digital heimatlos: Nachdem Facebook und Instagram sich aus kommerziellen Interessen dafür entschieden haben, TikTok nachzueifern und eine Art zeitgemäßes Fernsehen zu werden (Swipe, Swipe), Elon Musk aus politischen Gründen den einstigen Debattenraum Twitter final in Flammen gesteckt hat (Hass, Hass), bleiben kaum noch Orte, um sich eine digitale Heimat aufzubauen (Wired). Beim Deutschlandfunk haben wir über das Thema „digitale Heimatlosigkeit" gesprochen.
  • Mozilla wettet, dass dezentrale Social-Media-Angebote die Zukunft sind. (TechCrunch)
  • Die BBC sieht hingegen kein „next big thing“.
  • Lemon8 wird es definitiv nicht. Der anfängliche, gekaufte Hype um ByteDance Antwort auf Instagram ist längst abgeflaut. (TechCrunch)
  • Warum die Algorithmen die Schuld an der Enshittification der Plattformen tragen, erklärt Cory Doctorow bei Medium.

Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • YouTube kündigt an, neue KI-Funktionen zu testen – etwa Zusammenfassungen von Kommentaren. (TechCrunch)

Facebook

  • Bei Facebook Reels können User jetzt mittels A/B-Test prüfen, welches Thumbnail und welche Caption besser funktioniert. (The Verge)

Instagram

  • Instagram hat eine neue Funktion, mit der User Song-Lyrics zu Reels hinzufügen können. (Social Media Today)

Threads

  • Threads hat zahlreiche neue Features für die Web-Version an den Start gebracht (Mosseri / Threads). Offenbar ist Web für den Erfolg des Twitter-Herausforderers genauso wichtig wie die App. Spannend!

Telegram

  • Bei Telegram können Kanalbetreiber jetzt mittels Verlosungen Gewinne unter Followern verteilen – zum Beispiel „Vegan for fun“. (Telegram)

Bluesky

  • Bluesky kann jetzt normale Listen. So wie bei der App, dessen Namen wir bei Bluesky nicht nennen. Die Listen sind öffentlich und können geteilt werden. (Bluesky)