Furcht vor Desinformation: Entspannt euch (aber nicht zu sehr)

Die größte Gefahr von Desinformation könnte nicht von ihrem direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgehen – sondern von den ständigen Diskussionen und Warnungen vor angeblich ach so gefährlicher Desinformation.
Danke fürs Teilen

Russische Twitter-Bots? Offenbar ziemlich irrelevant für den Ausgang der US-Wahl 2016. Der Einfluss von Desinformation? Vermutlich ziemlich überschätzt. Also alles halb so wild? Ganz so einfach ist es leider nicht.

Was ist

Eine Studie des Center for Social Media and Politics des New York University (Nature Communications) kommt zum Schluss, dass russische Twitter-Bots keinen nachweisbaren Einfluss auf das Wahlverhalten von US-Amerikanerïnnen bei der Wahl 2016 hatten. Die fünf Forscher fassen ihre Erkenntnisse in drei Punkte zusammen:

  1. Exposure to Russian disinformation accounts was heavily concentrated: only 1% of users accounted for 70% of exposures.
  2. Exposure was concentrated among users who strongly identified as Republicans.
  3. Exposure to the Russian influence campaign was eclipsed by content from domestic news media and politicians.

Daraus schlussfolgert Josh Tucker (WaPo), einer der Autoren der Studie:

My personal sense coming out of this is that this got way overhyped. (…) We have this data to show we can’t find any relationship between being exposed to these tweets and people’s change in attitudes.

Dazu passt eine Publikation des Science Media Center, das im November vier Wissenschaftlerïnnen zum Thema Desinformation befragte. Sie sind sich weitgehend einig, dass Verbreitung und Auswirkung von Desinformation tendenziell überschätzt werden, zumindest in Deutschland sei der Einfluss auf das politische System gering. Kürzlich sagte Christian Hoffmann, einer der befragten Forscher, im Deutschlandfunk:

„Insofern ist die Annahme, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung durch Desinformation in den sozialen Medien radikalisiert oder in die Irre geführt wird, nicht gut fundiert durch die Datenlage.

Warum das wichtig ist

Seit Jahren hält sich vor allem in linksliberalen Kreisen die Annahme, dass Donald Trump seinen Wahlsieg wahlweise Cambridge Analytica oder russischen Trollen zu verdanken hat. Menschen hätten nur deshalb für einen rassistischen Verschwörungsideologen gestimmt, weil sie durch obskure Psychotricks, Desinformation und Propaganda manipuliert worden seien. Hätten Trumps Wählerïnnen Zugang zu seriösen Information gehabt, wäre die Wahl anders ausgegangen.

Diese Erklärung greift zu kurz. Vor allem Journalistïnnen tendieren dazu, den kurzfristigen Einfluss von (Fehl-)Informationen zu überschätzen. Menschen sind dickköpfig, sie ändern nur ungern ihre Meinung. Ein paar Tweets oder Facebook-Posts allein bringen niemanden dazu (Nieman Lab), anders zu wählen oder an Verschwörungserzählungen zu glauben:

Most misinformation reaches people who are already misinformed — or at least very open to being misinformed. If Facebook told you that John Podesta drinks the blood of children, it’s very likely you already had an, um, unusual media diet. A few tweets aren’t change your mind about anything as meaningful and identity-bound as your choice for president.

Wir verweisen dazu auf Ausgabe #742, in der wir uns ausführlich dem Thema Desinformation widmeten. Hinter diesen Absätzen stehen wir nach wie vor:

Es gab schon immer Menschen, die Unsinn erzählt haben. Vor Social Media gab es Stammtische, die Bullshit-Dichte im Bierzelt dürfte so manche Facebook-Gruppe harmlos erscheinen lassen. Dennoch haben globale Kommunikationsplattformen dem Problem eine neue Dimension hinzugefügt, weil Menschen Dis-, Mis- und Malinformation mit minimalem Aufwand produzieren und massenhaft verbreiten können.

Klar ist leider nur, dass (fast) gar nichts klar ist. Man kann die Verbreitung von Desinformation analysieren, aber es ist schwierig, die Auswirkungen zu erforschen. Teils lässt sich nicht zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden. Werden Menschen in Social Media radikalisiert? Oder machen Social Media nur sichtbar, dass es schon immer eine Menge ziemlich unangenehmer Menschen gab, die ihre Meinung bislang nicht in die Welt hinausposaunen konnten?

Am Ende steht und fällt alles mit der Frage, für wie manipulierbar wir Menschen halten. Seit dem Aufkommen des Fernsehens in den 50er-Jahren behaupten Werbetreibende, sie könnten Zuschauerïnnen beinahe nach Belieben manipulieren. Dabei stützen sie sich auf fragwürdige psychologische Studien, die teils schlecht gealtert sind.

Yes, but

In der US-Studie steckt jahrelange Arbeit, sie erscheint uns methodisch valide, und wir vertrauen den Ergebnissen. Doch sie hat wichtige Einschränkungen, die auch die Forscher selbst offen ansprechen:

We also restrict our analysis to social media posts and thus cannot examine relationships from any potential sharing of other media content (e.g., images and videos) more generally. This research thus does not speak to the impact of similar campaigns on other social media platforms, nor to the possibility of foreign election interference via other channels, such as hacking or phishing schemes that were allegedly designed to surface information unfavorable to political opponents at opportune moments.

Die Studie beschränkte sich auf Twitter, weil diese Plattform mehr Daten liefert und extern leichter zu untersuchen ist als das deutlich größere Facebook. Die bisherige Studienlage deutet zwar darauf hin, dass auch Desinformation auf Facebook die Wahl nicht entscheidend beeinflusste, Gewissheit gibt es aber nicht.

Für noch wichtiger halten wir einen weiteren Punkt, auf den Studienautor Tucker in einem Twitter-Thread hinweist:

Indeed, debate about the 2016 U.S. election continues to raise questions about the legitimacy of the Trump presidency and the electoral system, which in turn could turn out to be related to Americans’ willingness to accept claims of voter fraud in the 2020 election.

Such beliefs may stem from speculation that Russian interference on social media influenced the election outcome. In a word, Russia’s social media campaign may have had its largest effects indirectly by convincing Americans that its campaign was successful.

Das ist eine faszinierende und erschreckende Beobachtung: Die größte Gefahr von Desinformation könnte nicht von ihrem direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgehen – sondern von den ständigen Diskussionen und Warnungen vor angeblich ach so gefährlicher Desinformation.

Dadurch verlieren Menschen das Vertrauen in Wahlergebnisse und politische Prozesse. Die Tatsache, dass so viele Trump-Anhängerïnnen dessen Lüge über die manipulierte Wahl 2020 glauben, könnte also darauf zurückzuführen sein, dass der russische Versuch aufflog, die Wahl 2016 zu manipulieren.


Social Media & Politik

  • Meta limitiert Targeting von Jugendlichen: Meta ändert, wie Werbetreibende Teenager bei Facebook und Instagram erreichen können (Meta). So dürfen Jugendliche nur noch nach Alter und Standort gezielt angesprochen werden. Die Kategorie Geschlecht kann nicht mehr verwendet werden. Ferner hat auch das Engagement in Apps keinen Einfluss mehr auf die Auswahl der Anzeigen. Yes! Leave those kids alone!
  • Zur Rolle der chinesischen App Kwai bei den Protesten in Brasilien: Das Medien-Startup Semafor berichtet in seinem Tech Newsletter, dass die chinesische App Kwai eine größere Rolle bei der Verbreitung von Falschinformationen rund um die Proteste in Brasilien gespielt haben könnte. Zwar sind Posts zu Wahlen und Aufrufe zur Gewalt laut Kwais Community Guidelines verboten. Wie immer stellt sich aber die Frage, wie gut die Regeln auch seitens der App-Betreiber durchgesetzt werden. Die App aus dem Hause Kuaishou zählt in Brasilien immerhin 45 Millionen monatlich aktive User (Rest of World) – rund 20 Prozent der Bevölkerung. Der Einfluss chinesischer Apps auf Länder außerhalb Chinas nimmt weiter an Fahrt auf – auch jenseits von TikTok. 👀
  • Weitere Klagen gegen Meta, Alphabet und Co: In der vergangenen Ausgabe hatten wir über die Klage des Seattle School Districts berichtet (#850): Der größte öffentliche Schulbezirk im Bundesstaat Washington sieht bei den Anbietern von Facebook, Instagram, Snapchat und TikTok eine Schuld für die schlechte mentale Verfassung vieler Schülerïnnen. Mit dieser Sicht ist der Schulverband nicht allein. Kommenden Monat soll in Kalifornien eine Sammelklage mit über 100 Klägern eingereicht werden (Axios). Der juristische Kniff: Bei den Apps handele es sich um Produkte, „die insofern fehlerhaft sind, als sie Kinder dazu veranlassen, die Plattformen in immer stärkerem Maße zu nutzen, und dass die extreme Nutzung eine Reihe von psychischen Problemen verursacht." Tristan Harris so ☺️
  • Muttergesellschaft von Parler entlässt Großteil der Mitarbeiterschaft: Bei Parlement Technologies wurde 75 Prozent der Belegschaft freigestellt (The Verge). Lediglich 20 Leute arbeiten derzeit bei Parler und den Cloud-Dienstleistungsunternehmen der Muttergesellschaft. Warum sollte es der auf rechtsextreme Nutzer ausgerichteten Twitter-Alternative besser gehen als den anderen Apps? Genau. Nur hält sich hier unsere Trauer in Grenzen.

Follow the money

  • Twitters Anzeigengeschäft noch immer unter Vor-Musk-Niveau: Seit Elon Musk Ende Oktober 2022 die Kontrolle über Twitter übernommen hat, haben Kunden von GroupM, der größten Werbeagentur der Welt, ihre Ausgaben für Twitter um 40 bis 50 Prozent runtergefahren, berichtet The Information. In den Gesprächen, die Führungskräfte aus der Werbebranche seither mit Twitter geführt hätten, sei wenig dafür getan worden, um Bedenken über mögliche Eskapaden des neuen CEO und anstößige Inhalte auf Twitter auszuräumen.
  • Twitter denkt über Verkauf von Nutzernahmen nach: Um neue Einnahmequellen zu erschließen, denkt Twitter offenbar über den Verkauf von Nutzernahmen nach. Die Rede ist von 1,5 Milliarden Twitter-Accounts (New York Times), die zwar irgendwann einmal registriert aber „offensichtlich“ schon lange nicht mehr benutzt wurden. Da müssen sich doch ein paar Käufer finden lassen…

Next (AI, AR, VR)

  • Meta ermöglicht Herzfrequenzmessung bei VR-Brillen: Wer regelmäßig Sport treibt, hat sich vermutlich unlängst eine Uhr zugelegt, die auch die Herzfrequenz messen kann. Allen Nicht-Sportlerïnnen unter uns sei gesagt: Das ist wirklich ganz praktisch, um das eigene Fitnessniveau im Blick zu behalten. Dass Meta diese Spielart der (Selbst-) Überwachung nun auch beim hauseigenen Quest 2 integriert, ist mit Blick auf Metas Push Richtung Fitness-Anwendungen nur logisch. Aber eben auch ein weiterer Datensatz, den User Meta anvertrauen. 📊
  • Kostenpflichtige Version von ChatGPT: OpenAI hat diese Woche durchblicken lassen, dass es bald zusätzlich zur freien auch eine kostenpflichtige Version von ChatGPT geben könnte. Welche zusätzlichen Benefits ChatGPT Professional beinhalten könnte, ist noch unklar. Über eine Waitlist (Google Docs) fragt das Unternehmen derzeit ab, welche Features von Interesse sind und wie viel die Profi-Version kosten darf.
  • Microsoft + ChatGPT = Microsoft Office on steroids: Microsoft sieht in ChatGPT das Potential, die eigene Office-Suite radikal zu transformieren. Von Word bis PowerPoint könnte einem bald überall ChatGPT begegnen, berichtet The Verge. Mmmh, dann wird es ja sicherlich auch nicht mehr lange dauern, bis es zu einer ähnlichen Integration bei Facebook, Insta und TikTok kommt. Klopf, klopf! Synthetische Medien stehen vor der Tür…

Trends / Beobachtungen

  • TikTok-Influencer helfen beim Recruiting: Klar, immer da sein, wo die Leute sind. Und die sind nun einmal bei TikTok. Verständlich, dass sich auch die Kollegïnnen von HR verstärkt darum bemühen, neue Arbeitskräfte via TikTok zu gewinnen (CNBC). Helfen tun ihnen dabei Menschen mit großen Followings. Im besten Fall gewinnen am Ende alle. Ist doch gut!
  • Google hört auf zu träumen: Hach, was waren das für abgefahrene Projekte, an denen sie bei X gearbeitet haben: Ballons, die über der Erde schweben und Internet regnen lassen, selbstfahrende Autos, Google Glass… Aber alles Schnee von gestern. Auch Google muss sparen, respektive Geld verdienen. Künftig soll daher mehr Pragmatismus herrschen. Im Fokus stehen dann Projekte, die auch tatsächlich Geld abwerfen (Business Insider). Verständlich. Aber auch wirklich schade um das Erbe von Sergey Brin und Larry Page.

Neue Features bei den Plattformen

Meta

YouTube

  • Neue Abo-Statistiken & Thumbnails für Shorts: YouTube hat eine Reihe neuer Features angekündigt (YouTube / Creator Insider): darunter u.a. auch neue Statistiken zum Thema Abonnentenwachstum sowie die Option, Thumbnails für Shorts direkt beim Upload des Videos auszuwählen.

Twitter

  • For You: Für iOS-Nutzerïnnen wird Twitters neue For-You-Page, also die algorithmische Timeline, zum neuen Standard (TechCrunch). Da hilft auch kein Ausloggen, Cachen oder wiederholtes, energisches Refreshen mehr.
Scroll to Top