Hygiene-Demos und Corona-Rebellen

Was war

Vergangene Woche haben wir die bislang erfolgreichste Ausgabe unseres Briefings veröffentlicht – zumindest, wenn man die Zahl der Reaktionen, Interaktionen und Seitenaufrufe in unserem Blog als Maßstab nimmt. Die Analyse „Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben“ * hat uns eine Menge Zuspruch und neue Abos beschert – aber auch Kritik ausgelöst.

Teils fühlen sich Abonnentïnnen, die selbst an den Demonstrationen teilgenommen haben, zu Unrecht als Wirrköpfe abgestempelt. Teils schreiben uns auch die Verschwörungsideologïnnen selbst und wollen uns weismachen, dass Bill Gates die WHO eben doch unter seine Kontrolle gebracht habe.

In der Zwischenzeit habe ich zu dem Thema mehrere Texte für die SZ geschrieben und beobachte dort ähnliche Reaktionen: Allein übers Wochenende kam eine knapp dreistellige Zahl an E-Mails an, manche sachlich, andere wüst, einige justiziabel.

(*) Künftig schreiben wir nicht mehr von Verschwörungstheorien, denn (DLF):

Eine Verschwörungstheorie an sich hat also nichts mit einer Theorie zu tun. Der Begriff gibt Propaganda, Desinformation und Lügen nur fälschlicherweise einen wissenschaftlichen Anstrich. Dabei handelt es sich aber je nach Ausprägung um Erzählungen, um Ideologien, Mythen oder Legenden.“

Was ist

Das Thema löst offenbar große Emotionen aus und scheint viele Menschen zu beschäftigen. Allein am vergangenen Wochenende sind mehr als zehntausend Teilnehmerïnnen im Rahmen von „Hygiene-Demos“ auf die Straße gegangen, um gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren.

Deshalb wollen wir in diesem Newsletter nochmal ganz genau hinsehen: Wir beleuchten, wer diese Leute sind und schauen uns an, wie im Netz mobilisiert wird. Wir analysieren, welche Motive dahinterstecken und erklären, warum wir Demonstrantïnnen nicht pauschal als rechtsradikal oder grenzdebil bezeichnen wollen.

Trotzdem sind wir nach wie vor überzeugt, dass antisemitische, rechtsextremistische Verschwörungsideologïnnen die Situation ausnutzen und gezielt Plattformen wie YouTube (Correctiv) und Messenger wie Telegram (DLF) bespielen, um ihren menschenfeindlichen Unsinn massenhaft zu verbreiten. Mit dieser Strategie prägen sie die Demonstrationen und Online-Diskurse – auch, weil sich gemäßigte Kritikerïnnen und verunsicherte Menschen vereinnahmen lassen.

Warum das wichtig ist

Verschwörungserzählungen und rechtsradikale Narrative sind gefährlich, erst recht in Zeiten einer Pandemie. Fast immer geht es darum, vermeintlich Schuldige zu finden: Bill Gates, Juden, die Bundesregierung. In geschlossenen Gruppen und Telegram-Kanälen wird teils offen zu Gewalt aufgerufen.

Es ist wichtig, diese Szene genau im Blick zu behalten, denn aus dem Unsinn können schnell Taten werden – das zeigen etwa die Angriffe auf Mobilfunkmasten, Angestellte von Telekommunikationsunternehmen und Journalistïnnen, die über die Demonstrationen berichten wollten. Ignorieren ist in diesem Fall keine Option.

Genauso entscheidend ist aber die Art und Weise der Berichterstattung. Dabei geht es uns um zwei Dinge:

  1. Wir möchten den Mythen nicht mehr Bedeutung und Aufmerksamkeit geben als unbedingt nötig. Wir wollen die Botschaft nicht weiterverbreiten und die kleine krakeelende Minderheit nicht als mächtig und bedrohlich darstellen – obwohl es sich tatsächlich nur um einen verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung handelt.
  2. Wir wollen den Menschen, die an den Demonstrationen teilnehmen, Videos von Ken Jebsen teilen, Artikel auf RT Deutsch lesen oder Telegram-Gruppen wie den „Corona-Rebellen“ beitreten, gerecht werden. Ein Teil davon hat schlicht Angst: vor Freiheitsbeschneidungen und Grundrechtseingriffen, um Job, Zukunft und Existenz.

Vergangene Woche schrieben wir:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.“

Das gilt nach wie vor. Und dass Menschen auf die Straße gehen können, um dagegen zu demonstrieren, dass sie ihre Meinung im Netz und auf dem Münchner Marienplatz kundtun und alternative Medien lesen können, zeigt, dass wir eben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie leben.

Wenn wir aber all diese Leute pauschal als Extremistïnnen oder Quartalsirre abwerten, entsteht bei vielen der Eindruck einer „Meinungsdiktatur“: Wer sich übergangen fühlt, den Kurs der Bundesregierung kritisiert oder den Zahlen des RKI misstraut, werde lächerlich gemacht – so empfinden es jedenfalls viele. Und nicht jeder, der sich fragt, ob die WHO durch die Großspenden von Bill Gates (Zeit Online) an Unabhängigkeit verliert, glaubt an Mythen über Mikrochip-Implantate und Illuminaten (Golem).

Bernhard Pörksen drückt es im Deutschlandfunk so aus:

Und ich glaube, es ist der Moment, an dem man als Journalist oder als Journalistin möglichst genau hinschauen muss, den präzisen Blick betonen muss. (…) Die Menschen demonstrieren aus ganz unterschiedlichen Gründen, mal schlechteren und mal besseren. Eine vorschnelle Diffamierung seitens der Medien ruiniert den Diskurs.

In eine ähnliche Richtung gehen Ingrid Brodnig mit ihrem Appell „Im Zweifel für den Zweifel“ (Journalist) und Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die zurecht warnt (Belltower-News):

Wenn wir kein „Pegida reloaded“-Erlebnis wollen, sollten die Medien aufhören, Kameras und Mikros in die wütende Menge zu halten, und anfangen mit Analyse, Erklärungen und Lösungssuche.

Warum Extremistïnnen den (Online-)Diskurs prägen

Die Motive der Menschen, die online mobilisieren und offline demonstrieren, sind divers. Am lautesten schreien aber eindeutig jene, die komplexe Fragen mit einfachen Antworten begegnen. In Briefing #636 haben wir beschrieben, wie Rechtsradikale, Antisemitïnnen und Verschwörungsideologïnnen unter tatkräftiger Mithilfe von Prominenten und Politikerïnnen die Infodemie befeuern. Sie konstruieren Feindbilder, suchen Sündenböcke und bieten Erzählungen an, die gerade bei verunsicherten, ängstlichen Menschen verfangen.

Diese Kampagnen sind hochprofessionell und werden teils mit großem Aufwand initiiert und gesteuert, wie etwa das virale „Plandemic“-Video zeigt (The Verge). Die Wissenschaftsleugnerïnnen nutzen dabei gezielt die Mechanismen der Plattformen und wissen, wie Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert (Technology Review):

Anti-vaccine activists are particularly good at gaining views on virtually any social app, says Renee DiResta, a researcher at the Stanford Internet Observatory who works to combat this type of misinformation. „They are on every single social platform—even TikTok,“ she says. „If they can create content people will find if they search for a specific term, they’ll invest the time.

Von einzelnen Ausnahmen wie dem „Coronavirus-Update“ abgesehen, tun sich Gesundheitsbehörden, Forschungsinstitute und Wissenschaftlerïnnen schwer (The Atlantic), der Flut an Desinformationen Fakten entgegenzusetzen. Je länger der Zustand andauert, desto hanebüchener wird der Unsinn werden, der verbreitet wird (NYT):

Bogus information is only going to get worse in this pandemic as some people sow distrust of medical experts and any potential coronavirus vaccines. This is dangerous, and we can stop them by understanding the mechanics of bad information, and by not fanning the flames.

Die Debatte ist hitzig und polarisiert: Auf der einen Seite stehen die Bundesregierung, fast alle Wissenschaftlerïnnen und – immer noch – ein Großteil der Bevölkerung (Twitter / Matthias Quent). Auf der anderen Seite formt sich eine Querfront, die von Rechtsradikalen dominiert wird. Wer sich irgendwo dazwischen verortet und leise differenziert, wird oft nicht wahrgenommen. Manche wenden sich deshalb den Extremistïnnen zu, weil sie das Gefühl haben, nur so gehört zu werden.

Wir rufen an dieser Stelle ausdrücklich nicht dazu auf, alle Teilnehmerinnen der „Hygiene-Demos“ ernst zu nehmen oder ihnen eine Plattform zu geben. Lutz Jäkel (Volksverpetzer) war am Wochenende in Berlin unterwegs:

Sie skandieren, schreien, brüllen: „WI-DER-STAND! WI-DER-STAND!“, „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“, einige bauen sich direkt vor der Polizei auf: „Ihr steht auf der falschen Seite! Ihr Verräter!“, „WIR bezahlen euch, NICHT IHR UNS!“, „Schämt euch!!“.

Ein weiterer Beitrag beim Volksverpetzer und diese Übersicht der Amadeu-Antonio-Stiftung (Belltower-News) lassen wenig Zweifel, woher der Wind weht. Dennoch glauben wir, dass der Verschwörungs-Stempel der Komplexität nicht gerecht wird. Die Strippenzieher des „Widerstands“ sind meist radikale Ideologen – aber das gilt nicht für alle, die ihre Videos anschauen oder ihren Aufrufen folgen.

Be smart

Vergangene Woche haben wir dem geschätzten Kollegen Christian Fahrenbach das Schlusswort überlassen. Auch diesmal verweisen wir auf einen anderen Journalisten – leider schon wieder ein Mann, dafür aber ein kluger: Dirk von Gehlen hat einen „Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freundinnen“ geschrieben, der genau das ist, was wir uns wünschen: nachdenklich, differenziert und immer auf Augenhöhe.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.


Foto-Quelle: Markus Spiske, Unsplash


Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben

Was ist

In den vergangenen Wochen haben Gerüchte und Fehlinformationen über Covid-19 eine neue Dimension angenommen. Wir sind längst über das Stadium der WhatsApp-Kettenbriefe hinaus, die den Ausbruch der Pandemie bestimmten. Politische Akteure nutzen die Situation, um Verschwörungstheorien zu verbreiten und Verunsicherung auszulösen – mit fatalen Folgen.

Warum das wichtig ist

Wir haben uns in diesem Newsletter mehrfach mit Corona-Quatsch beschäftigt, und die Überschriften verdeutlichen die Relevanz und Brisanz des Themas:

  • Warum die virale Infodemie tödlich ist: In Briefing #623 beschreiben wir, wie die Flut aus Gerüchten, Halbwahrheiten, Falschinformationen und bewussten Lügen Menschen dazu bringen kann, sich entweder panisch (hallo, Hamsterkäufe) oder sorglos (hallo, Hygeniedemos) zu verhalten.
  • 5G ist gefährlich – aber nicht wegen der Strahlung: In Briefing #629 erklären wir, wie hanebüchene Verschwörungstheorien, die einen Zusammenhang zwischen 5G und Covid-19 herbeifantasieren, Menschen dazu bringen, Mobilfunkmasten anzuzünden. Damals waren es 20 Brandanschläge in Großbritannien, mittlerweile sind es mehr als 60 (Politico) – hinzu kommen Attacken in mehr als einem Dutzend weiterer europäischer Länder.

Der Unsinn bleibt also nicht im Netz. Es war schon vor fünf Jahren fahrlässig, Drohungen oder Hasskommentare als halb so wild abzutun, weil sie ja „nur in irgendeiner Kommentarspalte“ hingerotzt wurden. Diese Dualität aus analog und digital, real und virtuell hat sich längst überholt.

Beide Sphären beeinflussen und überschneiden sich so stark, dass wir Internet und vermeintliche Realität nicht mehr trennen können. Nach Tausenden Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, Pizzagate, Christchurch, El Paso, Poway, Halle und Hanau liefert die aktuelle Krise einen weiteren Beleg dafür, dass die Stimmung aus dem Netz auf die Straße schwappt.

In den USA wurde kürzlich eine 37-jährige Frau festgenommen (The Daily Beast), die mit mehr als einem Dutzend Messern im Gepäck nach New York reiste, um Joe Biden umzubringen. Sie war überzeugt, dass er einem Pädophilenring angehöre, der aus hochrangigen Politikerïnnen der Demokraten besteht – eine Verschwörungstheorie aus dem Umfeld der QAnon-Bewegung, die zum wiederholten Mal dazu führt, dass Irre zu Waffen greifen.

Wir beobachten seit mehreren Wochen Dutzende deutsche Facebook-Gruppen und Telegram-Kanäle und nehmen wahr, wie die Stimmung dort zunehmend aggressiv wird. Das deckt sich mit dem (von uns leicht gekürzten) Fazit der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich die Corona-Querfront genauer angesehen hat (Belltower News):

Diese neue Bewegung ist reizvoll für klassische Rechtsextreme. Sie sehen nun die Zeit gekommen für den viel beschworenen „Tag X“, an dem man zu den Waffen greifen darf. Genau das sehen wir momentan in zahlreichen Telegram-Kanälen. Hier geben Userinnen bekannt, dass sie bereit dazu sind, für ihren Widerstand auch Waffengewalt einzusetzen. Wir sehen hier also eine Bewegung, die alles andere als harmlos ist – und die mit ihrem proklamierten Ziel, nämlich dem Einsatz für das Grundgesetz, wirklich nichts zu tun hat.“

Was geteilt wird

Wassertrinken und Ibuprofen – diese beiden Stichwörter dürften sofort Erinnerungen an die ersten Gerüchte auslösen, die sich über Covid-19 verbreiteten. Uns kommt es so vor, als sei das eine Ewigkeit her. Tatsächlich gibt es aber immer noch Kettenbriefe, die diese alten Narrative nacherzählen.

Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen haben dazu geführt, dass eine zweite, deutlich aggressivere Welle der Fehlinformationen die Runde macht. Es wird Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahmen gesät und unterstellt, die Regierung nutze die Pandemie, um „endlich“ durchzuregieren.

Solche Andeutungen tauchen selbst in großen, vermeintlich seriösen Medien immer wieder auf – in sozialen Medien sind sie ungleich drastischer formuliert und oft von der Forderung begleitet, sich gegen die Maßnahmen zu wehren. All das vermischt sich zu einer toxischen Brühe, die Till Eckert von Correctiv in einem Newsletter (deshalb kein Link) so beschreibt:

Wir beobachten außerdem vermehrt, dass alte Verschwörungstheorien wieder auftauchen und sich mitunter kräftig mit neuen durchmischen: Da wäre zum Beispiel das immer wieder kehrende Feindbild Bill Gates, der aus nicht näher erläuterten Gründen „Schuld“ an einem angeblichen „Impfzwang“ sein soll, den die Bundesregierung vorbereite. Konkrete und prüfbare Tatsachenbehauptungen dazu haben wir noch nicht entdeckt, nur Spekulationen und Prognosen. Das macht es schwer für uns, solche Theorien zu entkräften – sie eignen sich nur selten für Faktenchecks.

Ein Motiv, das sich durch die zweite Welle der Desinformation zieht, ist die Suche nach vermeintlich Schuldigen. Mal ist es China, mal die Bundesregierung, mal Bill Gates. Gerade der US-Milliardär und Philanthrop wird besonders oft und heftig angefeindet. In den Kreisen der Verschwörungstheoretiker hat er George Soros als ultimatives Feindbild abgelöst (NYT).

 

Warum geteilt wird

In Briefing #629 schrieben wir mit Bezug auf den 5G-Irrsinn:

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Der letzte Satz lässt sich auf die gesamte Corona-Krise übertragen. Das liegt an mehreren Faktoren:

Der dauerhafte Ausnahmezustand

  • Nach fast jeder Breaking-News-Situation grassieren Gerüchte und Fehlinformationen. Menschen haben Angst und saugen jedes Informationshäppchen auf, das ihnen hilft, sich ein Bild der Lage zu machen.
  • In dieser Hinsicht gleichen die ersten Wochen des Ausbruchs einem fortgesetzten Terroranschlag: Täglich entwickelt sich die Lage weiter, stündlich lassen die Eilmeldungen das Handy vibrieren, viele Menschen sind ständig unter Strom.
  • Dieser Zustand macht anfällig für Desinformation. Wir sind nervös und entscheiden oft mit dem Bauch, statt gründlich abzuwägen.
  • Globale Pandemien gab es auch in der Vergangenheit, aber sie sind noch niemals auf eine derart vernetzte Öffentlichkeit getroffen, in der Milliarden Menschen in Sekundenbruchteilen Informationen in die Welt setzen und weiterverbreiten können.

Die epistemologischen Krise

  • Die redaktionelle Gesellschaft (Vgl. Bernhard Pörksen, re:publica 2019), in der alle Menschen Publizistïnnen sind, führt zu einer unüberschaubaren Flut an Informationen.
  • Es gibt wertvolle Expertise, und es gibt grandiosen Unfug. Der beschriebene Ausnahmezustand verringert die Fähigkeit zu selektieren – entsprechend viel Zulauf bekommt der Unfug.
  • Die epidemiologische Krise wird also zu einer epistemologischen Krise: Menschen sind oft nicht mehr in der Lage, sich echtes Wissen anzueignen und die Gerüchte auszusortieren.

Die fluide Faktenlage

  • Anfang des Jahres war sich das Robert-Koch-Institut sicher: Die Gefahr für die deutsche Bevölkerung ist „sehr gering“, das Virus betrifft vor allem China.
  • Anfang Februar waren sich fast alle Wissenschaftlerïnnen einig: einen selbstgebastelten Mundschutz tragen bringt wenig – nun gibt es eine Maskenpflicht in vielen Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr.
  • Das sind zwei von vielen Beispielen, die zeigen, dass es in der aktuellen Situation keine absolute Wahrheit gibt. Die Erkenntnislage ändert sich ständig, und was vor einer Woche noch als gesichert galt, kann morgen schon wieder überholt sein.
  • Viele Forscherïnnen gehen mit dieser Ungewissheit offen um. Sie geben zu, wenn sie sich nicht sicher sind, und versuchen deutlich zu machen, dass alles, was sie sagen, immer nur den aktuellen Stand der Wissenschaft widerspiegeln kann.
  • Doch in einer Zeit, wo sich fast alle Menschen nach Sicherheit und eindeutigen Aussagen sehnen („Wenn wir R auf 0,9 senken, wird alles gut“ oder „In zwölf Monaten gibt es einen Impfstoff“), wird diese verantwortungsvolle Vorgehensweise oft als Schwäche ausgelegt.
  • Viele fragen sich, wie glaubwürdig Wissenschaftlerïnnen schon sein können, die ihre Meinung ständig ändern – und negieren dabei, dass die meisten Expertïnnen eben nicht „meinen“, sondern unter Hochdruck forschen.
  • Deshalb werden täglich Dutzende neue Studien publiziert (Christian Drosten sagt (SZ), dass er zur Vorbereitung auf seinen Podcast teils 40, 50 vorveröffentlichte Studien lese), und der Erkenntnisstand entwickelt sich in einer Geschwindigkeit, die bei manchen Skepsis auslöst.

Die eingeschränkten Grundrechte

  • Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.
  • Fast alle sind sich einig, dass aus dem Ausnahmezustand kein Dauerzustand werden darf. Doch auf beiden Seiten des politischen Spektrums suggerieren Extremistïnnen, dass die Pandemie der Politik doch durchaus gelegen käme – endlich könne sie schalten und walten, wie sie es sich schon immer gewünscht habe.
  • Daraus basteln sich die Verschwörungstheoretiker eine wirre Manipulationserzählung, die sie damit rechtfertigen, dass sie doch nur „kritische“ Fragen stellen. Diese Taktik findet bei vielen Menschen Anklang, die dem Staat tendenziell ablehnenden gegenüber stehen.

Wer dahinter steckt

Wir beobachten unterschiedliche Gruppierungen, die sich am besten mit Blick auf ihre Motivation unterteilen lassen:

Finanzielle Motive

  • Kaum war „coronavirus“ zum ersten Mal in den Google-Trends, witterten Kriminelle das große Geld.
  • Scammer, Phisher und bösartige Hackerïnnen arbeiten hochprofessionell: Sie identifizieren Trends frühzeitig und optimieren ihre Angriffe, sobald ein Thema wichtig wird.
  • Von Ransomware über Phishing-Mails bis zu Fake-Shops, die dubiose Hilfsmittel anbieten: Mittlerweile haben sich fast alle, die im Netz mit Lug, Betrug und Arglist Geschäfte machen, auf Corona spezialisiert.
  • Je größer die Angst, desto größer die Bereitschaft, Links anzuklicken, Anhänge zu öffnen oder in unseriöse Online-Shops zu bestellen.
  • Dementsprechend schüren die Kriminellen die Infodemie, weil sie hoffen, dass sie davon finanziell profitieren können.

Politische Motive

  • Je länger die Krise andauert und je kontroverser die politischen Maßnahmen diskutiert werden, desto mehr Akteure an den äußeren Rändern des politischen Spektrums schalten sich ein.
  • Vor allem Rechtsradikale vermischen Corona-Verschwörungstheorien mit antisemitischen und islamfeindlichen Narrativen, wettern gegen Flüchtlinge und machen sich über LGBTQ lustig.
  • Eine Untersuchung der BBC zeigt, dass rassistische und menschenfeindliche Stimmungsmache zunehmend mit Corona-Bezug versehen wird: Das Virus sei eine geheime Waffe der Juden/Islamisten/“globalen Eliten“, heißt es dann etwa.
  • Teils vermischen sich auch linkes und rechtes Lager (Belltower News), was sich etwa auf den Hygienedemos vor der Berliner Volksbühne zeigt.

Sie alle kommen aus unterschiedlichen Ecken. Aber sie alle sehen sich als Verteidiger der Freiheit und des Grundgesetzes, alle reden von einem Notstandsregime, die meisten vergleichen die Situation auf die eine oder andere Art mit dem Jahr 1933, dem Faschismus (Lenz) oder warnen vor einem zweiten Auschwitz (Jebsen). Und alle reden von der Gleichschaltung der freien Presse.

  • Hinzu kommen staatliche Akteure, vor allem aus Russland (EU vs Disinfo) und China (Telegraph).

Wer die Infodemie befeuert

Neben den Urheberïnnen des Unsinns gibt es Verbreiterïnnen, die mindestens genauso entscheidend sind:

  • Hinzu kommen Wissenschaftlerïnnen, die zwar Doktor- oder Professorentitel besitzen und einst seriös gearbeitet haben mögen, heute aber vor allem durch Geraune und haltlose Behauptungen auffallen.
  • Sie verbreiten keinen völlig Unsinn, bewegen sich teils aber an der Grenze zu Desinformation und werden oft von deutlich extremeren Kreisen rezipiert und weiter verbreitet.
  • Diese vermeintlichen Expertïnnen nehmen eine wichtige Schnittstellenfunktion ein und sind für viele Menschen eine Art „Einstiegsdroge“, über die sie allmählich in die Ecke der Verschwörungstheoretiker abrutschen.
  • Einer Studie des Reuters Instituts zufolge stammt zwar nur ein Fünftel der desinformierenden Beiträge von Politikerïnnen und Promis, sie lösen aber 69 Prozent der Interaktionen aus.
  • Auch in Deutschland sind es Prominente wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann, die Verschwörungsmythen verbreiten und teils offen zu bewaffnetem Widerstand aufrufen (Volksverpetzer) und damit Hunderttausende erreichen.

Was die Plattformen tun können

Wir haben die Rolle von Facebook, YouTube und anderen Unternehmen in der Corona-Krise in diesem Newsletter immer wieder ausführlich beleuchtet. An unserer grundlegenden Einschätzung ändert sich nichts: Wir glauben, dass die Plattformen in den vergangenen Monaten schneller und entschiedener handeln, als sie das jemals zuvor getan haben. Dafür gebührt ihnen Respekt.

Trotzdem sind die großen Netzwerke immer noch weit davon entfernt, alles richtig zu machen:

  • Facebook will Nutzerïnnen, die Corona-Fehlinformationen teilen, nur vage Warnungen anzeigen, die keinen Bezug auf ihr eigenes Posting nehmen. Studien hätten gezeigt, dass man sonst einen Backfire-Effekt auslösen könne, sagt Facebook (mehr dazu in Briefing #631)
  • Jetzt sagen Forscher: In dieser Konstellation gibt es keinen Backfire-Effekt (Statnews) – pikanterweise sind es die Autoren der Studien, die Facebook zitiert.

We’re right now in the middle of a natural experiment, so what I would like to see is the platforms do more but then allow academics to test alongside them to see what the effects are. All of them are doing different things but what we’re lacking is transparency and oversight.

Be smart

Die letzten Worte überlassen wir diesmal anderen – ein Zitat stimmt sorgenvoll, eins macht Mut.

Claire Wardle warnt vor den Langzeitfolgen der Infodemie (Huffington Post), die bislang kaum diskutiert werden:

My fear is if we’ve got 18 months of conspiracies about Bill Gates, where does that lead us to as a society? We have to think about the longer term rather than if one particular piece of content breaks the rules.

Diese wichtige Einordnung von Christian Fahrenbach unterstreicht dagegen (Mailchimp), dass es um ein Vielfaches mehr vernünftige und hilfsbereite Menschen gibt als protestierende Idioten – und das gilt zum Glück sowohl für die USA als auch für Deutschland:

Tagelang haben die Bilder von martialisch Bewaffneten Protestlern die Runde gemacht, die sich gegen die angebliche Tyrannei der Coronamaßnahmen beschweren. Sie kamen dabei in den einigen Fällen auf kaum ein paar Dutzend Teilnehmer, mehr als einige Hundert waren es meines Wissens nach nie. (…) Ein Vorschlag: Geben wir solchen Demonstrationen die Luft zum Atmen, die ihnen aufgrund der Teilnehmerzahl zustehen. Rücken wir ins Verhältnis, dass Hunderte Millionen sich massiv einschränken und weitestgehend daheim bleiben. Schreiben wir darüber, dass allein in den wenigen Straßen von Midtown New York aktuell geschätzt rund 4.000 Krankenschwestern und Pfleger in Hotels untergebracht sind, angereist aus dem gesamten Land, um die Not in den überforderten Krankenhäusern der Stadt zu lindern.

Facebook, Google und Microsoft blasen zur Jagd auf Zoom

Was ist

Zoom ist in aller Munde und vor aller Augen. Die Plattform für Videokonferenzen zählt zu den größten Profiteuren der Corona-Krise. In Zeiten von Physical Distancing versuchen Menschen, zumindest virtuell sozialen Kontakt aufrechtzuerhalten – und das funktioniert auf Zoom so gut wie mit kaum einem anderen Dienst.

Was kommt

Der steile Aufstieg von Zoom hat schlafende Riesen geweckt. Das Silicon Valley reagiert spät, aber mit aller Macht: Facebook, Google und Microsoft wollen ihren Teil vom Videokuchen abhaben und verteilen intern Ressourcen neu, um ihre Produkte möglichst schnell auf Augenhöhe mit Zoom zu bringen – und nach Möglichkeit vorbeizuziehen.

Auch der Rest der Tech-Branche will mitspielen: Verizon hat den Dienst BlueJeans gekauft, Cisco pusht Webex als sichere Alternative zu Zoom (mit der wir in einem Test gute Erfahrungen gemacht haben), und auch Telegram hat Videotelefonie für Gruppen angekündigt.

Wir werden uns an dieser Stelle aber auf Facebook, Google und Microsoft beschränken – diese Konzerne haben qua Marktmacht und strategischen Möglichkeiten schlicht die größten Chancen, Zooms Siegeszug zu stoppen.

Warum das wichtig ist

„Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.” Das sagte der Futurist Gerd Leonhard bereits Anfang März (dirkvongehlen.de). In einem aktuellen Blogeintrag führt Dirk den Gedanken weiter aus:

„Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, ‚live‘ zu denken.“

Wir sind überzeugt, dass Dirk Recht hat. Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die sonst womöglich erst in einigen Jahren spürbar geworden wäre. Die Grenzen zwischen analoger und virtueller Realität werden verschwimmen, digitale Zusammenkünfte werden zunehmend normal werden.

Für Kulturpessimisten ist diese Vorstellung ein Graus („aber ‚echter’ Kontakt ist doch viel wertvoller”). Wir sehen in erster Linie die langfristigen Vorteile:

  • Im Privatleben müssen virtuelle Treffen analoge Begegnungen ja nicht ersetzen, sondern können sie ergänzen. Ein Zoom-Bier ist (oft) netter als ein Glas Wein allein.
  • Im Arbeitsleben dürften viele Unternehmen feststellen, dass strikte Präsenzkultur ein Dinosaurier ist. Home-Office, flexible Arbeitszeiten und Videokonferenzen können viele Mitarbeiterïnnen das Leben erleichtern.
  • Manchmal müssen Arbeitgeber zu ihrem Glück gezwungen werden. Das Coronavirus hat verkrustete Strukturen eingerissen, die nach der Krise kaum wieder alle aufgebaut werden dürften.

Kurzum: Videokonferenzen und Livestreams haben gerade ihre 15 Weeks of Fame. Wir glauben, dass daraus ein Dauerzustand werden wird, der Sozial- und Berufsleben prägt.

Was Zahlen und Fakten sagen

  • Einer Analyse von App Annie zufolge sind die Downloads von Zoom im vergangenen Monat um 740 Prozent gestiegen.
  • Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte Zoom 10 Millionen Nutzerïnnen – jetzt sind es mehr als 300 Millionen.
  • In den vergangenen Wochen haben sich 50 Millionen Menschen bei der Videochat-App Houseparty angemeldet, hinter der Fortnite-Entwickler Epic Games steckt.
  • Zoom hat bereits den Einzug in Popkultur und Alltagssprache gehalten. Begriffe wie „Zoombombing” (Wikipedia – mit 39 Quellen!) Und „Zoom-Fatigue” (SZ) zeigen, wie allgegenwärtig der Dienst ist.
  • Auch andere Dienste wachsen rasant: Täglich melden sich drei Millionen Menschen bei Google Meet an, die Zahl der täglichen Nutzerïnnen liegt bei mehr als 100 Millionen.
  • Facebooks Zahlen sind noch eindrücklicher: 700 Millionen Menschen videotelefonieren täglich mit dem Messenger und WhatsApp.

Was Facebook macht

Mark Zuckerberg soll Entwicklerïnnen auf neue Video-Produkte angesetzt haben (NYT), nachdem er gesehen hat, wie erfolgreich Zoom ist. Angeblich haben sich Facebook-Mitarbeiterïnnen in internen Foren staunend über die Zahlen ausgetauscht, die Zoom vorlegt.

Im Gespräch mit Casey Newton (The Verge) sagt Zuckerberg selbst, dass ihm das Thema Video am Herzen liegt:

„I’m very focused on remote presence: being able to feel like you’re with a person even when you can’t physically be there.“

Er glaubt, dass sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen wird:

„I’m sure there’s some kind of temporary peak now, but the trend has been going this direction for a while. (…) And I think that this period will accelerate that permanently by a few years.“

Deshalb hat Facebook eine Reihe von Updates verkündet (Facebook-Newsroom), die sich alle um das Thema Video drehen und im Laufe der kommenden Tage oder Wochen weltweit freigeschaltet werden:

  • Messenger Rooms ist eine Mischung aus Zoom und Houseparty: Nutzerïnnen können Chat-Räume eröffnen und bis zu 50 Teilnehmerïnnen einladen.
  • Man muss niemanden anrufen, sondern kann Rooms direkt aus der Facebook- oder Messenger-App heraus nutzen. Die Funktion taucht im Newsfeed, in Gruppen und auf Event-Seiten auf.
  • Bald soll Rooms für WhatsApp, Instagram und Facebooks Smart-Speaker Portal folgen.
  • Im Gegensatz zu WhatsApp ist die Video-Verbindung nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Facebook sagt aber, dass es daran arbeite (Facebook-Newsroom).
  • Das Unternehmen verspricht, keine Inhalte zu erfassen und die Metadaten nicht zu nutzen, um Anzeigen zu personalisieren.
  • Die Videoanrufe bei WhatsApp werden von vier auf acht Personen erweitert.
  • Facebook Live und Instagram Live erhalten etliche neue Funktionen, unter anderem kann man bald Geld verlangen, wenn man einen Livestream erstellt – spannend für Künsterïnnen oder Online-Seminare.

Was Google macht

Allo, Duo, Hangouts, Messages, Meet, Talk – Google hat in den vergangenen Jahren etliche Messenger und Videokonferenz-Dienste vorgestellt und teils wieder beerdigt. Auch wir haben Mühe, in dem Messenger-Chaos den Überblick zu behalten. Kürzlich wurde Hangouts Meet zu Meet (Google Cloud) und Hangouts Chat zu Chat (The Verge).

Es läuft also noch nicht alles rund bei Google, wie eine (leicht gekürzte) Anekdote zeigt, die das Unternehmen der New York Times zwar nicht bestätigen wollte – die Google aber auch nicht dementiert:

„Philipp Schindler, Google’s chief business officer, held a videoconference with thousands of the search giant’s employees using Google Meet. During the session, one employee asked why Zoom was reaping the biggest benefits even though Google had long offered Meet.

Mr. Schindler tried placating the engineer’s concerns, the people said. Then his young son stumbled into view of the camera and asked if his father was talking to his co-workers on Zoom. Mr. Schindler tried correcting him, but the boy went on to say how much he and his friends loved using Zoom.“

Immerhin scheint Google allmählich herauszufinden, welche Dienste es dauerhaft beibehalten will: Duo und Meet – einen unkomplizierten Facetime-Konkurrenten für private Anrufe, ein mächtigeres Tool für größere Gruppen und Unternehmen.

  • Im Laufe der vergangenen Monate hat Google Duo immer weiter aufgebohrt. Kürzlich kam ein größeres Update hinzu (Google-Blog), das unter anderem nochmals deutlich verbesserte Video-Qualität verspricht und die Zahl der möglich Teilnehmerïnnen bei Gruppentelefonate auf zwölf erhöht.
  • In unseren Tests war Duo unkompliziert und fast immer zuverlässig. Vor allem die Bildqualität überzeugt, insbesondere bei langsamem Wlan oder schlechtem mobilen Netz.
  • Bislang war Meet Business-Kundïnnen vorbehalten, die Googles G Suite abonniert haben. Nun wird die Plattform für alle Nutzerïnnen freigeschaltet – während Duo auch ohne Google-Konto funktioniert, braucht es für Meet aber einen Account.
  • Die Plattform ermöglicht Gruppenanrufe mit bis zu 100 Teilnehmerïnnen, bis 30. September gibt es keine zeitliche Begrenzung. Danach gilt ein Limit von 60 Minuten.
  • Native Apps gibt es nur für mobile Betriebssysteme, auf dem Desktop läuft Meet im Browser.
  • Google setzt auf Integration mit seinen bestehenden Diensten und verwebt Meet etwa eng mit Gmail. Außerdem soll das Bundle mit G Suite und dem Google Drive attraktiv für Unternehmen sein.

Was Microsoft macht

Genau wie Google hat Microsoft zwei Produkte im Portfolio: Skype und Teams. Ganz im Gegensatz zu Google scheint Microsoft aber nicht überzeugt zu sein, ob beide Dienste dauerhaft parallel existieren sollen – ein Statement ist vielsagend (The Verge):

„For now, Skype will remain a great option for customers who love it and want to connect with basic chat and video calling capabilities.“ The ‚for now‘ part of that statement is a telling sign that Microsoft’s focus is now Teams, not Skype.“

Wäre Skype noch ein eigenständiges Unternehmen und gäbe es noch Aktien zu kaufen – wir würden unser Geld woanders investieren.

Die Zahl der Menschen, die Skype täglich nutzen, stieg im vergangenen Monat zwar um 70 Prozent auf 40 Millionen. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das aber überschaubar – zumal Skype auf allen Windows-Rechnern vorinstalliert ist und damit eigentlich einen großen Wettbewerbsvorteil haben sollte.

Das Unternehmen pusht stattdessen Teams und will die Plattform, die sich einst nur an Unternehmen richtete, auch für Privatnutzerïnnen attraktiv machen (VentureBeat):

The company wants you to use Teams to plan trips, neighborhood gatherings, and book club meetings. You can share photos and videos in a group chat and make video calls, as you might expect. Additionally, you will soon be able to collaborate over shared to-do lists, assign tasks to specific people, and coordinate schedules.

Microsoft selbst bezeichnet Teams als „All-in-one-Hub für Arbeit und Leben”, während Skype in erster Linie eine Chat- und Video-Plattform sei. Die Update-Frequenz zeigt aber eindeutig, welcher Dienst höhere Priorität genießt.

Einem Bericht von The Verge zufolge will Microsoft Teams möglichst schnell neue Funktionen verpassen und hat dafür Entwicklerïnnen von anderen Aufgaben abgezogen. Skype Business ist bereits in Teams aufgegangen, Skype könnte folgen.

Ähnlich wie Mark Zuckerberg hält Jared Spataro, der das Team für Microsoft 365 leitet, den aktuellen Boom für eine nachhaltige Entwicklung (The Verge)

„The new normal is not going to be, like what I thought two weeks ago, that all is clear, go back everybody. There will be a new normal that will require us to continue to use these new tools for a long time. (…) I really feel this will be a turning point for how we work and learn because there are just some very real practical things happening that will mean we’ll never go back to the old way.“

Während Google Meet mit G Suite verwebt, will Microsoft Teams als Argument für das Microsoft-365-Abo (bis vor kurzem bekannt als Office 365) nutzen. Der Lock-in-Effekt, der bislang vor allem für Betriebssysteme und soziale Netzwerke galt, greift zunehmend auf Software-Bundles über.

Was Zoom macht

Während das halbe Valley das Kriegsbeil ausgegraben hat, gibt sich Zoom-Chef Eric Yuan ganz entspannt (NYT:

„Zoom’s chief executive, Eric Yuan, said in an interview this month that his company was not thinking about competition and was focused on users and their experience during a ‚once in a probably 100 years crisis.“

Das mag man glauben oder nicht (wir sind eher skeptisch). Fakt ist, dass Zoom momentan tatsächlich viel tut, um sein Produkt zu verbessern.

Die Plattform ist zwar einfach zu verstehen, leicht zu bedienen und funktioniert zuverlässig – auf den zweiten Blick gibt es aber etliche Mängel bei Datenschutz und Privatsphäre, die wir in Briefing #627 aufgelistet haben.

In Ausgabe #628 folgte das Update: Anfang April versprach Yuan im Blog des Unternehmens, man werde 90 Tage lang keine neuen Funktionen entwickeln, sondern sich darauf konzentrieren, Sicherheitslücken zu stopfen und Daten besser zu schützen.

Am Montag wurde Version 5.0 veröffentlicht – mit besserer Verschlüsselung und der Möglichkeit, Daten nicht mehr durch China leiten zu lassen. Dafür ist allerdings ein kostenpflichtiger Account nötig.

Be smart

Facebook hat Konkurrenten in der Vergangenheit oft einfach aufgekauft. Doch Zoom wird sich nicht schlucken lassen, wie das etwa bei WhatsApp und Instagram möglich war. Dafür ist das Unternehmen zu groß und mit einer Bewertung von knapp 50 Milliarden Dollar (Business Insider) auch zu teuer.

Snapchat und TikTok haben gezeigt, dass es möglich ist, sich dauerhaft zu etablieren, obwohl Facebook alles kopiert, was nicht bei Drei ein Patent angemeldet hat.

Die Technikgeschichte zeigt aber auch, dass Erfolg vergänglich ist. Wäre Covid-19 2011 ausgebrochen, hätte der große Krisengewinner Skype geheißen. Damals zahlte Microsoft 8,5 Milliarden Dollar für den Dienst, der so allgegenwärtig war, dass Skypen sogar ins Oxford-Dictionary aufgenommen wurde – nachdem The Onion zuvor noch Witze darüber gerissen hatte.

Doch es folgte eine Reihe von Fehlentscheidungen (The Verge), Microsoft verschlief die mobile Revolution, setzte auf die falsche Technologie, wollte zwischenzeitlich Snapchat kopieren und manövrierte Skype so ins Abseits.

Niemand weiß, ob Zoom-Chef Yuan die kommenden Trends frühzeitig antizipiert, um sein Unternehmen dauerhaft konkurrenzfähig zu halten. Google und Microsoft haben durch die Integration in G Suite und Microsoft 365 Vorteile – und Facebook kontrolliert drei der wichtigsten Plattformen der Welt, vernetzt 2,5 Milliarden Menschen und kann neue Produkte wie Rooms nahtlos integrieren.

Für Zuckerberg scheint Video ohnehin nur eine Zwischenstation zu sein (The Verge):

Clearly, there are a bunch of things that are kind of weird about just staring at a video screen. I did a management team meeting in VR earlier, when everyone was working from home. And even though VR is earlier in its development, and video presence is more mature, there’s something about the feeling of space. (…) There was something that felt a lot more real about that in a way. I do think that there are things that we’ll get to over time. Video presence is not the end of the line.


Foto-Quelle: Gabriel Benois, Unsplash


Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will

Was ist

Am Wochenende verkündeten Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung ihren Kurs bei der geplanten Proximity-Tracing-App ändert: Nachdem Deutschland wochenlang hartnäckig an einem Modell mit zentralem Server festgehalten hatte, bevorzugt sie nun einen dezentralen Ansatz.

Warum das wichtig ist

Keine App der Welt wird die Pandemie aufhalten. Aber Tracing-Technologie kann einer von vielen Bausteinen sein, um Kontaktpersonen von Erkrankten zu warnen und Infektionsketten zu unterbrechen.

Obwohl dieses Thema nicht direkt in unsere Kernkompetenz fällt, haben wir die Entwicklung deshalb fortlaufend und mit ausführlichen Analysen begleitet:

  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Um das Format dieses Newsletters nicht zu sprengen, setzen wir die bisherigen Briefings als bekannt voraus. Wir wiederholen nur die nötigsten Information und fokussieren uns darauf, die neuesten Entwicklungen zu beleuchten.

Warum die Entscheidung überraschend kommt

Die Bundesregierung hat sich vor Wochen für die europäische Plattform Pepp-PT ausgesprochen. Das Projekt sollte aus technologischer Perspektive agnostisch sein, also sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze ermöglichen. In Deutschland war aber ein Modell mit zentralem Server geplant.

In der vergangenen Wochen wurde es dann chaotisch:

  • In offenen Briefen warnten Wissenschaftlerïnnen vor „beispielloser Überwachung“, sechs netzpolitische Vereine und Verbände appellierten an die Regierung, ihren Kurs zu überdenken.
  • Aus dem Digitalausschuss gelangten widersprüchliche Aussagen an die Öffentlichkeit, die die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg in ihrem Blog beschreibt.
  • Mal hieß es, die Regierung sei nach wie vor von Pepp-PT überzeugt. Dann wurde kolpotiert, sie prüfe nun doch drei unterschiedliche Modelle, was das Kanzleramt wenige Stunden später wieder dementierte.
  • Spätestens am Freitag waren alle Beteiligten grundlegend verwirrt und niemand wusste mehr so richtig, was Sache ist – bis Helge Braun in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Kehrtwende bekanntgab.

Wie die Reaktionen ausfallen

Zusammen mit meinem SZ-Kollegen Daniel Brössler habe ich Stimmen aus der Opposition (SZ) und von netzpolitischen Vereinen wie dem CCC eingeholt. Für einen weiteren Text (SZ) habe ich mit Professoren für IT-Sicherheit sowie dem Richter und Grundrechtsaktivisten Ulf Buermeyer gesprochen. Die Zusammenfassung:

  • Linke, FDP und Grüne loben den Kurswechsel der Regierung.
  • Auch der CCC hält es für „genau die richtige Entscheidung“.
  • Forscherïnnen, die mittlerweile das dezentrale Modell DP-3T unterstützen, freuen sich über besseren Datenschutz und mehr Datensicherheit.
  • Buermeyer fürchtet dagegen, der öffentliche Streit könnte der Sache geschadet haben. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt er.
  • Womöglich habe die hitzige öffentliche Diskussion Menschen verunsichert, sodass sie der App nun misstrauen.
  • „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben“, sagt Buermeyer. Das könne auf Kosten der öffentlichen Gesundheit gehen.

Wie die App funktionieren soll

Wer den Unterschied zwischen Tracing und Tracking mittlerweile im Schlaf erklären kann, darf beim nächsten Punkt weiterlesen. Für alle anderen nochmal die Eckpunkte im Überblick:

  • Statt Menschen staatlich zu überwachen („Tracking“), dienen Tracing-Apps nur dazu, Kontakte nachzuverfolgen – wo sich die Personen begegnen, wird nicht erfasst.
  • Dafür speichern die Apps, welche Geräte sich nahekommen. Derzeit liegen die Parameter bei 15 Minuten und zwei Meter. Das lässt sich aber nachträglich den aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen anpassen.
  • Auf jedem Handy erzeugt die App einen geheimen, zufällig generierten Schlüssel. Daraus errechnet sie temporäre Proximity-IDs, die das Handy über den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE) überträgt.
  • Wenn sich zwei Smartphone annähern, sodass eine Ansteckung möglich wäre, speichern sie die Proximity-ID des jeweils anderen Geräts – auschließlich lokal auf dem Handy.
  • Wer positiv auf Covid-19 getestet wird, erhält einen Zugangscode vom Gesundheitsamt, der Missbrauch verhindern und Trolle abschrecken soll.
  • Damit ist es möglich, seinen geheimen Schlüssel auf einen Server hochzuladen, den wiederum alle anderen Geräte regelmäßig kontaktieren.
  • Aus den empfangenen Schlüsseln können andere Apps die Proximity-IDs der Infizierten berechnen und sie mit dem eigenen, lokal gespeicherten Kontakttagebuch abgleichen.
  • Wenn sich die Geräte zuvor begegnet sind, warnt die App und fordert zu Test und freiwilliger Quarantäne auf.

Wie sich die Ansätze unterscheiden

Die Modelle funktionieren ganz ähnlich und haben nur einen entscheidenden Unterschied:

  • Bei der dezentralen Lösung übermitteln Nutzerïnnen nur den Schlüssel ihres eigenen Smartphones auf einen Server.
  • Der Abgleich erfolgt lokal in der App auf den anderen Handys. Es entsteht also keine zentrale Datenbank mit Kontakten, der Social-Graph der Nutzerïnnen bleibt verborgen.
  • Dagegen speichert die zentrale Lösung die IDs der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen auf einem Server.
  • In der Theorie entsteht also ein sensibles Kontaktnetzwerk. Allerdings lassen die pseudonymen IDs keinen Rückschluss auf die Person zu, die dahintersteht.
  • Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung, die bewusste Kontakte per E-Mail, Telefon oder Messenger erfasst, gibt es beim Proximity-Tracing ein großes Rauschen, das gezielte individuelle Analysen erschwert.
  • Wer ein paar Stunden im Zug sitzt oder beim Einkaufen an der Kasse wartet, sammelt schnell etliche Kontaktpersonen, die aber keinen echten Social-Graph darstellen, sondern eher einen Random-Proximity-Graph.

Welche Vor- und Nachteile die Modelle haben

Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). In einem Gastbeitrag arbeiten Samuel Brack, Jeanette Hofmann, Leonie Reichert und Björn Scheuermann die Unterschiede genauer heraus (Netzpolitik). Wir glauben, dass es gute Argumente für beide Ansätze gibt:

  • Die dezentrale Lösung bietet weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus.
  • Eine Datenbank ist immer ein potenzielles Angriffsziel für kriminelle Hacker, dieses Risiko minimiert das dezentrale Modell.
  • Dafür gibt ein zentraler Server mit pseudonymisierten Kontaktdaten Epidemiologen die Möglichkeit, Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus zu gewinnen.
  • Außerdem könnte das Infektionsrisiko mit Hilfe von Machine-Learning-Modellen berechnet werden, sodass Kontaktpersonen zielgenauer gewarnt werden können.

Welche Rolle Apple und Google spielten

Neben der massiven öffentlichen Kritik der Forscherïnnen und Verbände dürften die beiden US-Konzerne eine entscheidende Rolle für den Sinneswandel der Regierung gespielt haben. Vor allem Apple hat die Verhandlungen maßgeblich geprägt:

  • Derzeit lässt sich BLE auf iOS-Geräten nur nutzen, wenn das Display aktiviert ist. Niemand installiert und verwendet eine App, die nur funktioniert, wenn der Bildschirm dauerhaft leuchtet.
  • Deshalb muss Apple für die App eine Art Sondergenehmigung programmieren. Diese API erlaubt es, auch im Hintergrund auf BLE zuzugreifen.
  • Apple und Google unterstützen aber nur dezentrale Ansätze, die sie für datenschutzfreundlicher halten. Bei einer zentralen Datenbank fürchten sie etwa Missbrauch durch autoritäre Regime.
  • Mehrere Quellen haben uns aus Verhandlungskreisen berichtet: Dort soll Apple den zentralen Ansatz seit Wochen hartnäckig blockieren.
  • Angeblich liegt die wochenlange Verzögerung von Pepp-PT – ursprünglich sollte die Plattform bereits am 7. April starten, die deutsche App war für kurz nach Ostern angekündigt – in erster Linie an der Hardball-Taktik von Apple.
  • Demnach haben die Entwicklerïnnen versucht, eine Art Hack einzuprogrammieren, um die Restriktion von iOS zu umgehen. Das soll viel Zeit gekostet haben.
  • Aus Gesundheitsministerium und Kanzleramt ist der Vorwurf zu hören, Apple wolle einer gewählten Regierung den eigenen Willen aufdrängen.
  • Beide Unternehmen erklären seit Jahren, dass sie digitale Gesundheitskonzerne werden wollen. Das löste Argwohn auf Seiten der Regierung und der Unterstützer einer zentralen Lösung aus, die ein Eigeninteresse der Unternehmen wittern.
  • In Telefonkonferenzen und Hintergrundgesprächen mit Apple und Google haben wir aber den Eindruck gewonnen, dass es in dem Fall nicht ums Geld, sondern um die Sache geht.
  • Apple wird alle Geräte mit iOS 13 unterstützen, Google setzt mindestens Android 6 voraus.
  • Das Update wird über die Google Play Services erfolgen. Der Vorteil: Hersteller müssen es nicht an ihre Android-Versionen anpassen, alle Nutzerïnnen erhalten es sofort. Der Nachteil: Wer ein neues Huawei-Handy besitzt oder in China lebt, bleibt außen vor – wegen des US-Handelembargos kann Huawei keine Google-Dienste nutzen.
  • Die Schnittstellen, an denen die Konzerne seit Wochen arbeiten, wurden vergangene Woche besser kryptografisch abgesichert und heißen nun auch nicht mehr „Contact Tracing“-, sondern „Exposure Notification“-APIs.
  • Das soll verdeutlichen, dass Apple und Google selbst eben keine Kontakdaten sammeln. Der Social-Graph wird lokal in der App berechnet, über die API werden keine persönlichen Daten abgegriffen.
  • Ein gewisses Grundvertrauen ist aber nötig, und zwar unabhängig davon, ob man einen zentralen oder dezentralen Ansatz wählt. Theoretisch könnte die API missbraucht werden. Allerdings soll der Code veröffentlicht werden, und Sicherheitsforscherïnnen dürften ganz genau hinschauen.
  • Außerdem könnten Apple und Google noch ganz andere Daten abgreifen: Sie stellen Betriebssysteme für Smartphones her, die Milliarden Menschen nutzen – und jedes einzelne ist nicht nur ein Peilsender, sondern enthält oft ein halbes, digital gespeichertes Leben: Fotos, Nachrichten, Anruflisten.
  • Wer diesen Unternehmen grundlegende Bösartigkeit unterstellt und es für möglich hält, dass sie Vertrauen auf derart kriminelle Art missbrauchen, sollte sich besser ein Nokia 3310 kaufen (und vielleicht einen Aluhut dazu).

Welche Hürden es gibt

In Briefing #630 haben wir unter den Kategorien „Verbreitung“, „Verwirrung“, „Zuverlässigkeit“, „Sicherheit“, „Psychologische und soziale Folgen“ und „Testkapazitäten“ etliche Herausforderungen aufgezählt, die Tracing-Apps überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Zwei Punkte dieser Liste wollen wir nochmal unterstreichen:

  • Um auf eine angestrebte Verbreitung von etwa 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, muss fast jeder Mensch, der ein technisch geeignetes Smartphone besitzt, die App installieren.
  • Dafür ist Vertrauen nötig – und das dürfte nach den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Woche zumindest bei einem Teil der potenziellen Nutzerïnnen angekratzt sein.
  • „Jetzt braucht es eine Kultur der App-Installationen“; sagt Buermeyer. „So wie wir das mit Masken machen: Wer eine trägt, handelt solidarisch und schützt vor allem andere.“
  • Über die Zuverlässigkeit wird unserer Meinung nach noch zu wenig gesprochen. BLE wurde nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen zwei Geräten zu ermitteln – dementsprechend wird der Abstand eher geschätzt als gemessen.
  • Je nach Smartphone-Modell unterscheidet sich die Signalstärke, in der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen.
  • Ein Forscherteam um Professor Gerhard Fettweis von der TU Dresden versucht seit Wochen, das System so zu kalibrieren, dass Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig identifiziert werden können.
  • Andere Wissenschaftlerïnnen loben seine Arbeit. „Das Forscherteam hat bei der Bluetooth-Kalibrierung viel geleistet“, sagt etwa IT-Professor Thorsten Holz. „Da sind wir in Deutschland vorn dabei.“
  • Allerdings zählt Fettweis zu den Unterstützern von Pepp-PT. Jetzt bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit auch in einen dezentralen Ansatz einfließt.

Was noch unklar ist

Das Ziel steht fest, Deutschland soll eine Tracing-App mit dezentraler Software-Architektur erhalten. Wie der Weg dorthin aussehen wird, wissen wir aber noch nicht:

  • Hinter dem zentralen Ansatz stand die Plattform Pepp-PT. Für eine dezentrale Lösung gibt es mehrere Konzepte, etwa das Bündnis DP-3T, die ito-App auf Grundlage des TCN-Protokolls und die Intiative GesundZusammen.
  • Auf welche Bausteine die deutsche App setzt, wird derzeit noch verhandelt.
  • Zumindest steht mittlerweile fest, dass die Deutsche Telekom und die SAP die Entwicklung unterstützen sollen (Bundesregierung.de). Außerdem beraten die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA.
  • Das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft leitete zuvor die Entwicklung der Pepp-PT-App. Das Helmholtz-Institut unterstützte Pepp-PR anfang ebenfalls, distanzierte sich aber und zeichnete den offenen Brief mit.
  • Es sind also Institute und Forscherïnnen beteiligt, die vor kurzem noch an konkurrierenden Projekten arbeiteten. Es wird wichtig sein, den Streit beizulegen und die Kräfte zu bündeln.
  • Spahn und Braun erwähnten in ihrer Erklärung am Wochenende auch die Möglichkeit, freiwillig zusätzliche Daten zu übermitteln.
  • Nun schreibt die Bundesregierung, es sei geplant, „einen Forschungsserver einzurichten, der auf Basis freiwilliger Datenspenden der Nutzer die pseudonymisierten Daten zur qualitätssichernden Analyse der Corona-App nutzen kann“.
  • Was das genau bedeutet? Zumindest wir wissen es nicht, und öffentlich ist bislang nicht mehr darüber bekannt. Man kann sich fragen, ob es eine gute Idee ist, die App mit einer solchen Funktionalität auszustatten. Immerhin soll die Datenspende freiwillig und opt-in-basiert bleiben.
  • Auch hinter dem Zeitplan stehen Fragezeichen. Apple will die APIs diese Woche veröffentlichen, doch bis die Apps angepasst sind und zuverlässig funktionieren, wird es wohl noch einige Wochen dauern. Mitte Mai dürfte eine eher optimistische Schätzung sein.

Be smart

In seinem Newsletter „The Interface“ versteckt Casey Newton eine wichtige Beobachtung in einem eingeklammerten Absatz im letzten Drittel (Revue):

(As an aside, the idea that we live in a time where Apple is telling Europe what forms of exposure notification will be permitted is basically the entire thesis behind / pitch for the existence of this newsletter. Not because I believe Apple abused its power, but because the world is still catching up to the idea that Apple and a handful other tech giants have this power.)

Das gilt für seinen Newsletter, aber natürlich genauso auch für uns. Die Pandemie zeigt erneut, welch zentralen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Funktionen Plattformen und Tech-Konzerne übernommen haben.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn wir die Wahl hätten, ob Tim Cook und Sundar Pichai oder Donald Trump und Jair Bolsonaro über Anti-Corona-Maßnahmen entscheiden sollen, müssten wir nicht lange grübeln. Natürlich denken diese Unternehmen auch ans Geldverdienen, aber das ist nicht verwerflich. Außerdem macht es sie berechenbar – im Gegensatz zu manchem Staatsoberhaupt.

Unabhängig vom Ergebnis kann man den Prozess hinterfragen: Ist es wünschenswert, dass private Konzerne demokratisch legitimierten Regierungen diktieren, wie sie die Pandemie zu bekämpfen haben? Dass Apple und Google in diesem Fall eine datenschutzfreundlichere Lösung erwirkt haben, ist bemerkenswert – aber wenn beim nächsten Mal ein Unternehmen wie Palantir, dessen Corona-Software Hessen nutzen will (SZ), mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht die Sache womöglich anders aus.

Know more

Auch andere Medien haben schöne Tracing-Analysen:

  • Ein siebenköpfiges Autorïnnenteam hat für Netzpolitik das wohl ultimative Q&A zur digitalen Kontaktverfolgung geschrieben: 22 Fragen und Antworten, fortlaufende Updates, und jede Menge weiterführende Links.
  • Etwas kürzer, aber genauso lesenswert ist die Analyse von Fabian A. Scherschel (Heise), der vor allem die technischen Details ausführlich und verständlich erklärt.
  • Der dritte empfehlenswerte Text hat nichts mit der deutschen App zu tun: Patrick Howell O’Neillarchive zählt fünf Dinge auf (MIT Technology Review), die es braucht, damit Contact-Tracing funktionieren kann – zum Beispiel 100.000 menschliche Tracer, die Kontakte manuell nachverfolgen. Merke: Technologie allein ist nie die Lösung.

Foto-Quelle: Mika Baumeister, Unsplash


Warum Menschen aus Angst vor Corona 5G-Mobilfunkmasten anzünden

Was ist

Besorgte Bürgerïnnen haben in Großbritannien mindestens 20 Mobilfunkmasten angegriffen und angezündet (Guardian). Außerdem wurden Ingieneurïnnen und andere Angestellte der Betreiber beschimpft und bedroht (Guardian).

Was dahintersteckt

Die Attacken wurden von hanebüchene Verschwörungstheorien befeuert. Angeblich übertrage 5G-Strahlung die Lungenkrankheit Covid-19. Videos und andere Beiträge mit solchen unwissenschaftlichen und nachweislich falschen Behauptungen verbreiten sich in sozialen Netzwerken und erreichen Millionen Menschen.

Als ob die Brandstiftungen nicht schon absurd genug wären, gibt es einen weiteren Treppenwitz: Ein Großteil der beschädigten Masten sendet nur mit 3G- und 4G-Standard. Die Angreifer haben damit ausgerechnet jene Mobilfunktechnik zerstört, die in der aktuellen Situation für Sanitäterïnnen und anderes medizinisches Personal besonders wichtig ist, um sich zu koordinieren.

Warum das wichtig ist

Die Vorfälle zeigen erneut, dass Falschnachrichten reale Konsequenzen haben. In Briefing #623 haben wir analysiert, warum die Infodemie genauso gefährlich ist wie die Pandemie. Lügen und Gerüchte können dazu führen, dass sich Menschen leichtfertig verhalten, Abstandsregeln ignorieren und Menschenleben riskieren – oder sie lösen Panik aus.

Psychologisch ist das nachvollziehbar. In Krisensituationen suchen Menschen nach Halt. Sie sammeln Informationen, um die Lage besser einschätzen zu können. Das ist evolutionär gelerntes Verhalten und war einst überlebenswichtig. Doch mittlerweile gibt es ein Überangebot an Informationen – und gerade in sozialen Medien sind viele davon irreführend oder falsch.

Schon immer habe Unsicherheit dazu geführt, dass sich Gerüchte ausbreiten, schreibt die Professorin Kate Starbird (Medium), die zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht. Im aktuellen Ausnahmezustand löst das eine Flut an Falschnachrichten und Verschwörungstheorien aus, die teils bewusst gestreut werden.

Was die Plattformen tun

Nachdem die ersten Masten brannten, schaltete sich die britische Regierung ein. Sie drängte Plattformen wie Facebook, WhatsApp, YouTube und Twitter, aktiv gegen den 5G-Unfug vorzugehen. „Hammer this message home“, habe die Forderung gelautet (Guardian).

Ob der politische Druck eine Rolle spielte ist unklar. YouTube und Facebook reagierten jedenfalls schnell:

  • YouTube will die Reichweite von Videos, die 5G-Strahlung für Covid-19 verantwortlich machen, künftig drosseln (Guardian) oder die Inhalte ganz löschen, wenn sie gegen YouTubes Regeln verstoßen.
  • Facebook kündigte an, Beiträge zu sperren, die einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard und der Krankheit herstellen, wenn sie eine physische Gefahr darstellen.
  • Unabhängig von 5G hat YouTube Tausende Video gelöscht (Axios), die medizinische Falschinformationen zum Coronavirus enthalten. Die Plattform versucht, stattdessen seriöse Quellen wie die WHO und glaubwürdige Medien zu stärken.
  • Auch Whatsapp verschärft sein Vorgehen gegen viralen Corona-Quatsch (SZ): Nachrichten, die bereits mehrfach weitergeleitet wurden, lassen sich nur noch an einzelne Kontakte weiterschicken. Das soll helfen, Kettenbriefe mit Gerüchten und Falschnachrichten zu verhindern.

Das passt zu unserer bisherigen Einschätzung, die wir etwa in Ausgabe #620 und #624 formuliert haben. Damals schrieben wir:

In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

Die vergangenen Wochen haben deutlich gemacht, dass Facebook, Google und Co. sehr wohl schnell und entschlossen handeln können. In einer Telefonschalte mit Journalistïnnen sagte Mark Zuckerberg (SZ): „Man kann nicht einfach ‚Feuer‘ in einem vollen Theater schreien.“ Das bezog er auf Falschnachrichten zum Coronavirus. Deshalb greife Facebook bei solcher Desinformation härter durch, als es das in der Vergangenheit getan habe.

Wir können nicht beurteilen, ob jede einzelne Maßnahme der Plattformen das gewünschte Ziel erreicht. Aber niemand kann ihnen absprechen, dass sie sich anstrengen, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein.

Diesen Eindruck haben auch etliche Hintergrundgespräche verfestigt, die wir in den vergangenen Wochen geführt haben. Neue Funktionen werden plötzlich nebensächlich, und die besten Entwicklerïnnen kümmern sich nicht mehr nur noch darum, wie man möglichst viel Geld verdienen, sondern fragen sich, wie man möglichst viele Leben retten kann.

Warum die 5G-Panik verfängt

Es vermischen sich Technophobie und eine weltweite Pandemie. Verschärfend hinzu kommen Zehntausende lokale Nachbarschaftsgruppen in sozialen Netzwerken und Messengern, die Menschen gegründet haben, um sich über das Virus auszutauschen – und in denen jetzt auch Falschnachrichten kursieren.

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Wie Medien und Prominente alles noch schlimmer machen

Ahnungs- oder gewissenlose Portale wie der Daily Star schreiben Überschriften wie „Coronavirus: Fears 5G wifi networks could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Nach einem Faktencheck der Organisation Fullfact lautet die Überschrift nun: „Activists in bizarre claim 5G could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Um die Verbreitung zu stoppen, sind solche nachträglichen Korrekturen natürlich zu spät.

Noch größeren Schaden richten Prominente wie der Boxer Amir Khan (Independent) oder der Schauspieler Woody Harrelson (Buzzfeed) an, die Videos mit Verschwörungstheorien teilen oder auf dubiose Petitionen verlinken. Sie agieren als Influencer im Wortsinn – nur dass sie statt Werbung Panik verbreiten.

Wo die Verschwörungstheorien herkommen

Wir wollen die absurden Behauptungen nicht im Einzelnen nacherzählen. Das gibt ihnen zu viel Raum. Lieber beschränken wir uns auf einige Hintergrundinformationen und Eckpunkte:

  • Widerstand gegen 5G ist im Netz seit Jahren ein großes Thema. „Seit 5G bekomme ich wäschekörbeweise Zuschriften“, sagte Dorothee Bär im Oktober. Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Wer eine der zahlreichen Anti-5G-Demos besucht, denkt plötzlich ganz neu über das Wort besorgte Bürgerïnnen nach.
  • Verschwörungstheorien über 5G werden Hunderttausendfach geteilt (Buzzfeed) und finden auch in QAnon-Kreisen großen Anklang – dort vermischt sich die Technophobie mit Antisemitismus und Rassismus.
  • Die aktuellen Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Covid-19 konstruieren, wurden wohl maßgeblich durch ein – online mittlerweile gelöschtes – Interview mit einem dubiosen Arzt in einer belgischen Lokalzeitung ausgelöst (Wired).
  • Der verlinkte Wired-Text erzählt detailliert nach, wie sich der Unfug über vermeintliche Expertïnnen, Infowars, russische Medien und hauptberufliche Verschwörungstheoretiker wie den ehemaligen Fußballprofi David Icke im ganzen Netz ausbreitet. Die Dynamik ist faszinierend, das Ergebnis ist erschreckend.

The big picture: Die 5G-Theorien sind nur eine von vielen üblen Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Während Trump Covid-19 lange Zeit verharmlost hat und China dafür verantwortlich machen will, versucht die chinesische Regierung über Staatsmedien und mit Werbung auf Facebook und Instagram, ihrerseits den USA die Schuld in die Schuhe zu schieben (Telegraph).

Wo sich die zwei Großmächte streiten, will natürlich auch Russland mitmischen. Kremltreue Medien wie RT verbreiten haltlose Behauptungen (Belltower), die sich teils mit antisemitischen Motiven vermischen. Meist wird nahegelegt, die USA hätten das Virus erschaffen (EU vs Disinfo).

Be smart

Verschwörungstheorien sind nichts Neues. Auch neue Technik hat seit jeher Widerstand ausgelöst. Als 3G eingeführt wurde, gab es ebenfalls Angriffe auf Funkmasten. Mobilfunkstrahlen, Mikrowellen, Wlan – Fortschritt macht Menschen Angst.

Die aktuellen Umstände potenzieren das Problem jedoch: eine virologische Pandemie, eine virale Infodemie und nahezu unkontrollierbare, Ende-zu-Ende verschlüsselte Messenger, die als Gerüchteschleuder dienen.

Deshalb ist es wichtig, selbst alles dafür zu tun, dass sie die Falschnachrichten nicht weiterverbreiten. Dieser BBC-Artikel ist ein guter Anfang: David Robson erklärt, warum auch kluge Menschen groben Unsinn glauben und wie man dem am besten entgegentritt: nicht überheblich oder brüsk, sondern mit möglichst präzisen und einfach formulierten Argumenten.


Grafik: Julia Tripke


Digitales Lagerfeuer: Warum Messenger, Micro-Communities und Shared Experiences boomen

Digitales Lagerfeuer: Warum Messenger, Micro-Communities und Shared Experiences boomen

Was ist: Die Zeit, die Menschen mit Social-Media-Angeboten verbringen, steigt weltweit.¹ Und auch die Plattformen selbst wachsen – mit Blick auf den Umsatz und auch hinsichtlich der Nutzerzahlen.² Soweit alles bekannt. Wer allerdings etwas tiefer gräbt, bekommt ein wesentlich nuancierteres Bild. Denn junge Menschen sind für diese Steigerungen nur bedingt verantwortlich. Sie versammeln sich nämlich zunehmend lieber um digitale Lagerfeuer. Genauer gesagt boomen derzeit…

  • Messenger (WhatsApp, FB Messenger, iMessage, IG Close Friends)
  • Micro-Communities (FB Gruppen, Slack, Discord, Subreddits)
  • Shared Experiences (Fortnite, Twitch)

Was genau hat sich verändert?

  • Eine Studie von Edison Research und Triton Digital zeigt, dass die Social-Media-Nutzung von 13- bis 34-jährigen Amerikanerïnnen stagniert, bzw. sogar abnimmt.
  • Eine Untersuchung des Global Web Index unterstreicht diese Tendenz und zeigt, dass die mit Social Media verbrachte Zeit in der Generation Y (aka Millennials) und Z nicht so stark wächst wie in den Jahren zuvor.
  • Auch in Deutschland erfreuen sich Instagram und Facebook laut aktueller ARD-ZDF-Onlinestudie zwar weiterhin grundsätzlich großer Beliebtheit, längst hat sich aber WhatsApp als populärstes Kommunikationswerkzeug etabliert.

Warum ist das so?

  • Nachdem Menschen jahrelang an ihren digitalen Identitäten gepfeilt haben und dabei jede Menge Freunde, Bekannte, Verwandte, Fremde und Kollegen angehäuft haben, sehnen sie sich nun auch online nach Freundschaften, die vor allem auf geteilten Interessen beruhen.
  • Auch teilen viele Social-Media-Nutzerïnnen ein großes Verlangen danach, wieder authentisch agieren zu können. Nicht von ungefähr löschen Kids ihre Posts mitunter genauso schnell, wie sie sie gepostet haben (WSJ). Nicht zufällig sind Finstas und FikFoks (Fake Instagram-, bzw. TikTok-Accounts) unter jungen Menschen weit verbreitet. Das Ziel: jenseits der akkurat gepflegten (pseudo-öffentlichen) Profile endlich einmal richtig privat³ sein – fernab von Eltern und anderen Personen, vor denen auf bestimmte Art performt werden muss.

Die drei Arten des digitalen Lagerfeuers: Für das Harvard Business Review hat Sara Wilson drei Kategorien herausgearbeitet, um den Trend besser zu beschreiben:

  • Messenger: „Privates Messaging oder in Kleingruppen – in der Regel, aber nicht immer, mit Freunden aus dem wirklichen Leben.“ Primäre Anbieter, die dafür genutzt werden: WhatsApp, Facebook Messenger, iMessage oder auch Instagram DM / Close Friends.
  • Micro-Communities: „Interaktive, private / halbprivate Foren, in denen sich Menschen um Interessen, Hobbies oder Überzeugungen versammeln.“ Facebook Gruppen sind hier das bekannteste Beispiel. Aber auch Slack dient häufig abseits der Arbeitskommunikation zum gezielten Austausch. Ähnliches gilt für Discord, Subreddits oder auch YouTube-Kommentarspalten.
  • Shared Experiences: „Private oder öffentliche Foren, bei denen die Teilnahme an einer gemeinsamen Erfahrung – oft um ein bestimmtes gemeinsames Interesse herum – mit einer gleichgesinnten Gemeinschaft der Hauptzweck des Treffens ist.“ Insbesondere Spiele wie Fortnite schaffen es, solche ‚Shared Experiences‘ zu kreieren. Aber auch Challenges bei TikTok oder Livestreams bei Twitch können digitale Lagerfeuer-Atmosphäre erzeugen.

Be smart: Wer junge Menschen erreichen möchte, muss auch darum kämpfen, einen Platz am digitalen Lagerfeuer einnehmen zu dürfen. Das kann über verschiedene Strategien funktionieren:

  • Orte erschaffen, an denen Menschen ihre Bedürfnisse befriedigt sehen. Das kann eine Facebook Gruppe zu einem bestimmten Thema sein. Das kann ein Konzert innerhalb einer „Shared Experience“ sein. Das kann Kommunikation auf Augenhöhe sein, die über Messenger angeboten wird.
  • Inhalte kreieren, die nicht nur dafür gedacht sind, dass Menschen sie teilen, um damit ein Stück ihrer eigenen digitalen Identität zu unterstreichen. Es gilt, sich von „identity-driven content“ zu lösen und Content zu erschaffen, der zur Partizipation und Diskussion einlädt – quasi „actionable content“.
  • Partnerschaften eingehen, um nicht Gefahr zu laufen, den Menschen auf die Nerven zu gehen. Denn eigentlich galt ja schon immer: Niemand meldet sich bei Facebook an, um mit (Namen einer beliebigen Organisation / eines beliebigen Unternehmens hier einfügen) befreundet zu sein.

¹ Digital Trends 2020 (The Next Web)
² FB Q4 Earnings, Twitter Q4 Earnings, Snap Q4 Earnings
³ Es handelt sich dabei natürlich nur um eine gefühlte Privatsphäre – es findet weiterhin alles im Vorgarten von Mark Zuckerberg und Co statt.
⁴ Das Folio Mag hat einen spannenden Artikel zum Thema veröffentlicht: Publishers Share Their Social Distribution Secrets.


Grafik: Julia Tripke

Von Telegram bis 4chan: Wo sich Rechtsextreme vernetzen

Von Telegram bis 4chan: Wo sich Rechtsextreme vernetzen

Was ist: Jakob Guhl, Julia Ebner und Jan Rau haben für das Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD) analysiert, wie rechtsextreme Online-Subkulturen auf alternativen Plattformen gedeihen. Die Studie trägt den Titel "Das Online-Ökosystem Rechtsextremer Akteure". Das 76-seitige PDF liegt bislang nur auf Englisch vor. Bei der Bosch-Stiftung, die das Projekt gefördert hat, gibt es eine deutsche Zusammenfassung (PDF, zwölf Seiten).

Warum das wichtig ist: Allein im vergangenen Jahr gab es vier rechtsextrem motivierte Terroranschläge (Christchurch, El Paso, Poway, Halle). Die Täter waren junge, weiße Männer, die sich mit Gleichgesinnten auf Imageboards wie 8chan ausgetauscht und in ihrem Hass auf Frauen, Ausländer und Jüdïnnen bestätigt hatten. Sie übertrugen ihre Morde live ins Netz (der Täter von Poway versuchte es vergeblich) und veröffentlichten krude Pamphlete, die Bezug auf rassistische Memes und Verschwörungstheorien wie den "großen Austausch" nehmen.

Diese Subkultur ist also mehr als eine Parallelwelt voller extremistischer Spinner, die im Netz zur Gewalt aufrufen. Einige von ihnen machen ihre Drohungen war. Sie bauen Waffen und ermorden Menschen. In den vergangenen fünf Jahren haben rechtsextrem motivierte Terroranschläge stark zugenommen (die Studie spricht von 320 Prozent, gibt aber keine Quelle an). Das alternative Online-Ökosystem hat definitiv dazu beigetragen.

Was die Forscherïnnen untersucht haben: Die Digital Analysis Unit des ISD hat sich vor allem mit deutschsprachigen und auf Deutschland fokussierten Communities beschäftigt. Mit qualitativen und quantitativen Methoden wie Befragungen und automatisierten Textanalysen beleuchten die Wissenschaftlerïnnen insgesamt zehn alternative Plattformen und deren Nutzerïnnen.

Dazu zählen sechs ultralibertäre Plattformen, die nahezu bedingungslose Redefreiheit versprechen und damit Rechtsextreme anziehen: 8chan, Telegram, Minds, Voat, Gab und BitChute. Hinzu kommen vier "gekaperte" Plattformen, die nicht nur, aber auch von Extremistïnnen genutzt werden: 4chan, Reddit, VK und Discord.

Was die Forscherïnnen herausgefunden haben: Die komplette Studie wiederzugeben, sprengt dieses Briefing. Deshalb picken wir einige Erkenntnisse heraus, die wir für besonders wichtig und/oder überraschend halten:

  • Auf den untersuchten Plattformen sind 15.000 bis 50.000 Personen mit rechtsextremen Ansichten aktiv. Im Vergleich zu großen Plattformen wie Facebook sprechen wir also von einer kleinen, aber umso radikaleren Minderheit.
  • Unter den 379 Gruppen und Kanälen dominieren muslimfeindliche Akteure (104) und Neonazis (92). Die größte Reichweite weisen identitäre Kanäle auf.
  • Auf 4chan enthalten mehr als die Hälfte der Beiträge über Jüdïnnen klar antisemitische Narrative. Dahinter steckt nicht nur eine toxische Diskussionskultur, sondern eine antisemitische Grundstimmung.
  • Für die AfD spielen die alternativen Plattformen keine große Rolle. Die Partei nutzt eher etablierte soziale Medien.
  • Die Beweggründe, aus denen Menschen die Angebote nutzen, unterscheidet sich stark: Auf Gab treibt die Nutzerïnnen etwa die Sorge um Meinungsfreiheit um. Wer auf dem anarchischen 4chan-Board /pol/ postet, lehnt Minderheiten ab oder will unterhalten werden.
  • Einwanderung und angeblich kriminelle Flüchtlinge sind die am häufigsten diskutierten Themen über alle Plattformen hinweg. Zwölf Prozent der Beiträge erwähnen die Verschwörungstheorie des "großen Austausch".
  • Rechtsextreme Influencerïnnen, deren Accounts auf den großen Social-Media-Plattformen gesperrt wurden, weichen hauptsächlich auf Telegram aus.
  • Nur ein kleiner Teil der untersuchten Postings enthält Aufrufe zur Gewalt. Obwohl die meisten Inhalte nicht eindeutig strafbar sind, erzeugen die von Ressentiments und Rassismus dominierten Beiträge "das Gefühl dringenden Handlungsbedarfs zum vermeintlich notwendigen Schutz der Eigengruppe".
  • Eine solche Grundstimmung kann zu gewalttätigem Extremismus und Terroranschlägen führen, ohne dass direkt zu Gewalt aufgerufen wird.
  • Deplatforming scheint zu wirken: Wenn rechtsextreme Akteure von großen sozialen Netzwerken gesperrt werden, können sie meist nur einen kleinen Teil ihrer Followerïnnen auf alternative Plattformen mitnehmen.
  • Eine Stichprobe von 25 Gruppen hat auf Nischenkanälen zehn Mal weniger Reichweite als auf etablierten Plattformen. Wer weiter auf den großen Netzwerken aktiv ist, gewinnt auch in der Subkultur an Einfluss. Im Umkehrschluss führt eine Verbannung nicht zu einer Massenabwanderung der Followerïnnen in die Nische.

Was die Forscherïnnen empfehlen: Im Gegensatz zu den recht konkreten Ergebnissen bleiben die Handlungsempfehlungen eher allgemein und abstrakt. Das spricht aber nicht gegen die Wissenschaftlerïnnen, sondern zeigt nur, dass es für ein komplexes Problem keine einfachen Lösungen gibt.

Guhl, Ebner und Rau sehen alle gesellschaftlichen Akteure gefordert: Politik, Tech-Unternehmen, Zivilgesellschaft und Forschung müssten gemeinsam tätig werden, um Radikalisierung zu verhindern. Dazu zählen sie unter anderem diese Maßnahmen:

  • Große soziale Netzwerke sollen mit alternativen Plattformen zusammenarbeiten, damit diese terroristische und extremistische Inhalte besser erkennen und bekämpfen können. Für Angebote wie Gab oder 8chan, die sich aktiv gegen solche vermeintliche Zensur wehren, ist das allerdings keine Option.
  • Regierungen müssen gemeinsam mit Forscherïnnen neue Definitionen von (Rechts-)Terrorismus entwickeln und festlegen, wo Strafbarkeit beginnt. Das ist eine Voraussetzung, um Inhalte zu löschen.
  • Wer digital belästigt, bedroht oder angegriffen wird, braucht einfacheren Zugang zu juristischer und psychosozialer Unterstützung. Die Täterïnnen, die versuchen, ihre Opfer einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, müssen konsequenter ermittelt und bestraft werden.
  • Auch die etablierten Plattformen stehen in der Verantwortung: Ihre Algorithmen, die der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie folgen, empfehlen oft radikalisierende Inhalte, die Nutzerïnnen immer weiter ins Extrem treiben. Hier regen die Forscherïnnen eine gesetzliche verankerte Sorgfaltspflicht für Plattformbetreiber an.
  • Wenn Plattformen Accounts sperren, sollen sie die Entscheidungen nachvollziehbar und öffentlich begründen. Andersherum braucht es transparente Prozesse für Nutzer ïnnen, die sich gegen eine Sperre wehren wollen, die sie als ungerechtfertigt empfinden.
  • Systematische Monitoring und Machine-Learning-Technologien können helfen, konkrete Drohungen frühzeitig zu erkennen und mögliche Anschläge zu verhindern.
  • Lehrkräfte, Eltern und Sozialarbeiterïnnen sollen geschult und für die Gefahr sensibilisiert werden, die von alternativen Plattformen ausgeht.
  • Da sich die Online-Subkulturen immer weiter dezentralisieren und auffächern, sind plattformübergreifende Analysen und Forschung nötig. Damit können Wissenschaftlerïnnen dazu beitragen, die rechtsextremen Online-Ökosysteme auszuleuchten, die Verbreitungswege der Inhalte nachzuvollziehen und die Motivation der Nutzerïnnen besser zu verstehen. Nur dann ist es möglich, effektive Gegenstrategien zu entwickeln.

Be smart: Im vergangenen Jahr haben wir uns mehrfach mit der Rolle beschäftigt, die Netz, Medien und Online-Subkulturen für Terroranschläge spielen. Die Analyse aus Briefing #586, die wir nach dem Massenmord von Halle geschrieben haben, ist nach wie vor aktuell.

Einen Aspekt betonen wir erneut, da er in der Studie nur sehr am Rande auftaucht: Auch klassische Medien haben eine Verantwortung. Es gibt den Werther-Effekt nicht nur für Selbstmorde, sondern auch für Terrorismus. Die Art und Weise, wie Journalistïnnen über Attentäter berichten, ist entscheidend, ob sie ihr Ziel erreichen.

Diese Terroristen inszenieren ihre Morde nicht für die anderen Anons auf ihren Imageboard, sondern für eine massenmediale Öffentlichkeit. Sie wollen Schrecken verbreiten und streben maximale Aufmerksamkeit an. Es liegt auch an Zeitungen, Fernsehsendern und Online-Medien, das zu verhindern.

Know more:

  • Die Broschüre "Alternative Wirklichkeiten" der Amadeu-Antonio-Stiftung beschäftigt sich ausführlich mit rechts-alternativen Medienstrategien. Das PDF-Dokument umfasst 100 Seiten und ist einen Bookmark Wert.

Grafik: Julia Tripke


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