TikTok: Gekommen, um zu bleiben

Was ist

Der große Hype um TikTok ist vorbei. Jede Zeitung hat ihren obligatorischen „Was Sie über die neue App wissen müssen, auf die ihre Kinder gerade abfahren”-Artikel veröffentlicht. Doch das Ende der TikTok-Explainer für Eltern bedeutet nicht das Ende von TikTok – im Gegenteil:

  • Statt über die App und den Entwickler ByteDance zu berichten, schreiben Medien mittlerweile ganz selbstverständlich über die Kultur und die Inhalte der Plattform, die für viele junge Menschen Teil ihres Social-Media-Alltags geworden sind.
  • Das gilt nicht nur für Beat-Reporterïnnen wie Taylor Lorenz, die für die New York Times so tief in die Netzkultur eintaucht wie kaum jemand sonst.
  • Selbst die FAZ spricht mit Younes Zarou und Onkel Banjou und nennt die beiden einfach nur „TikTok-Influencer” – ohne einmal zu erklären, wer oder was dieses TikTok überhaupt sein soll.

Warum das wichtig ist

Wer dieses Briefing liest, weiß seit langem, dass TikTok mehr ist als ein kurzfristiges Social-Media-Phänomen. Wir haben unter anderem:

  • im Februar 2019 die Gründe für den Erfolg der App erklärt (#524).
  • im März 2019 bei 1Live nachgefragt, die als einer der ersten großen deutschen Medienanbieter auf TikTok präsent waren (#533).
  • im August 2019 den TikTok-Algorithmus unter die Lupe genommen (#573).
  • im September 2019 über geleakte Richtlinien für Content-Moderation berichtet (#582).
  • im November 2019 den TikTok-Account der Tagesschau ausführlich vorgestellt (#594).
  • gegen Ende des Jahres gleich dreimal nacheinander den Blick auf Zensurvorwürfe, fragwürdige Moderationsregeln, Datenschutzverstöße und andere unerfreuliche Nachrichten geworfen (#596, #597, #598).
  • im Februar 2020 zehn Dinge beschrieben, die TikTok von seinen Konkurrenten abhebt (#613).

Doch während der Corona-Krise hat sich TikTok endgültig als weiteres Schwergewicht im Plattform-Boxring etabliert – und zwar als eines, das auf absehbare Zeit nicht k.o. gehen wird, obwohl YouTube, Snapchat und vor allem Facebook alles daran setzen, einen Kinnhaken anzubringen.

Seitdem Facebook den rasanten Aufstieg von Snapchat stoppte, indem es alle Funktionen kopierte und Instagram als Konkurrenten aufbaute, herrschte ein Kräftegleichgewicht. Wenn TikTok weiter wächst, könnte das den westlichen Social-Media-Markt durcheinanderwirbeln. Das betrifft nicht nur die konkurrierenden Unternehmen, sondern alle, die soziale Netzwerke privat oder beruflich nutzen.

Wie sich der Erfolg von TikTok äußert

Es gibt eine Reihe von Zahlen und Entwicklungen, die verdeutlichen, dass ByteDance weiß, was es tut:

  • Viele Start-ups verbrennen jahrelang Geld und vertrauen darauf, das sie schon irgendwann ein Geschäftsmodell finden werden. Bis dahin leben sie von Risikokapital. Oft genug geht das schief.
  • Auch ByteDance fährt eine ultra-aggressive Expansionsstrategie und gibt viel Geld für Anzeigen aus, die es bei seinen direkten Rivalen Facebook, Instagram und Snapchat schaltet.
  • Doch TikTok und sein chinesisches Pendant Douyin werfen Gewinn ab: Im vergangenen Jahr verdiente ByteDance drei Milliarden Dollar (Bloomberg) bei einem Umsatz von 17 Milliarden.
  • Im ersten Quartal 2020 wurde TikTok 315 Millionen Mal heruntergeladen (Forbes) – öfter als je eine andere App in einem solchen Zeitraum.
  • In den USA, Großbritannien und Spanien verbringen Kinder zwischen vier und 15 Jahren mittlerweile 80 Minuten pro Tag mit TikTok (#644). Damit hat die App YouTube fast schon eingeholt.
  • Lange Zeit galt TikTok als reine Unterhaltungsplattform. Das ist längst passé: Videos mit den Hashtags #BlackLivesMatter und #GeorgeFloyd wurden jeweils mehrere Milliarden Mal angeschaut
  • Der schwarze Comedian Kareem Rahma sagt etwa (Bento): „TikTok ist eine sehr responsive Plattform. Deshalb bewegt sie sich dahin, wo die globale Konversation sie hinführt. Twitter ist für alte Leute.”
  • Immer mehr Medien, Unternehmen, Prominente und Influencerïnnen toben sich auf TikTok aus. Obwohl TikTok seinen Gewinn nicht an die Creators weitergibt, verdienen TikTok-Stars viel Geld (Digital Trends) über Werbeverträge oder direkte Geldgeschenke der Nutzerïnnen (Spiegel).
  • ByteDance weiß auch, dass ihm als chinesisches Unternehmen im Westen viel Misstrauen entgegenschlägt. Deshalb investiert es viel Geld und Mühe in Lobbying (Politico), um drohende Regulierung zu vermeiden.
  • Kürzlich heuerte ByteDance etwa den früheren Disney-Manager Kevin Mayer an (SZ) an. Er wird Chef von TikTok und soll bei ByteDance das operative Geschäft leiten.
  • Außerdem verkündete ByteDance, dass chinesische Entwicklerïnnen keinen Zugriff mehr auf sensible Daten (PingWest) und den Code von TikTok und anderen Apps hätten, die außerhalb Chinas angeboten werden. Auch das soll eine vertrauensbildende Maßnahme sein.

Welche Gefahren TikTok drohen

Mit großer Reichweite kommt großes Misstrauen, erst recht bei einem chinesischen Eigentümer. Zwar beteuert ByteDance, dass für seine westliche App TikTok auch westliche Standards gälten, doch in den vergangenen Jahren gab es zu viele Berichte über fragwürdige Moderationsregeln und staatliche Zensur, um sie einfach wegzuwischen.

Vor allem in den USA wird ByteDance die Vorbehalte vermutlich niemals ganz ausräumen können. Den meisten Nutzerïnnen ist das vermutlich egal, dafür schauen Politikerïnnen und Sicherheitsbehörden umso genauer hin. Auch die EU will den Datenschutz der App überprüfen (Golem) und hat dafür eine TikTok-Taskforce eingerichtet (European Data Protection Board).

Und dann ist da natürlich noch die Konkurrenz, allen voran Facebook. Mark Zuckerberg wird sicher nicht tatenlos zusehen, wie TikTok den US-Markt erobert. Auch bei Snapchat dauerte es eine Weile, bis Facebook mit Instagrams Story-Funktion die richtige Antwort fand, um den Rivalen auszubremsen.

Bislang konnten Facebooks Kopierversuche TikTok nichts anhaben – aber wenn es jemanden gibt, der alles daransetzen wird, ByteDance zurückzudrängen, dann ist das Mark (Wired) „Domination!” (New Yorker) Zuckerberg (The Atlantic).

Be smart

TikTok ist nicht das einzige Phänomen, das die etablierten Social-Media-Plattformen unter Druck setzt. Für viele jüngere Menschen sind Games nicht nur Unterhaltung, sondern eine wichtige Kommunikationsplattform: Sie feiern Graduierungspartys in Minecraft (Wired) oder lauschen virtuellen Konzerten in Fortnite (Tobias van Schneider), die etwa der Rapper Travis Scott als mächtiges Marketing-Mittel einsetzt:

„Players celebrated with custom in-game items designed for this event, and the new single, titled „THE SCOTTS,“ rocketed to #1 on Billboard charts. Across four replays over three days, 27.7 million unique players attended the event 45.8 million times. The video captured in Fortnite has already reached more than 24 million views and is trending in 44 countries.“

Was Tobias van Schneider über Games als Plattform schreibt, ist absolut faszinierend – und führt dazu, dass wir uns ein bisschen alt fühlen.

Trumps Kampfansage an Facebook und Twitter, erklärt

Was ist

In den vergangenen Tagen sind drei Dinge passiert, die drei ungewöhnliche Monate beenden:

  • Twitter hat unter zwei Tweets von Donald Trump einen kleinen Hinweis eingeblendet.
  • Das Wall Street Journal (WSJ) hat eine Recherche über Facebook veröffentlicht.
  • Das US-Berufungsgericht in Washington hat ein Urteil gefällt.

Seit Ausbruch der Corona-Krise haben Facebook, Twitter und Google eine ganz neue Erfahrung gemacht. Sie wurden gelobt – oder zumindest nicht aus allen Richtungen kritisiert. Auch in unserem Briefing haben wir den Plattformen für ihre Bemühungen (Witness) Respekt gezollt, die Infodemie einzudämmen. In Ausgabe #633 schrieben wir etwa:

"Facebook hat etliche Maßnahmen angekündigt und umgesetzt, die helfen sollen, das Virus aufzuhalten. Die Schlagzahl ist beeindruckend, und die Entschlossenheit ist ungewohnt. In der Vergangenheit reagierte Facebook oft nur zögerlich und nach massivem öffentlichen Druck."

Natürlich war trotzdem nicht alles perfekt: Mehr als 100 Medizinerïnnen und Gesundheitsexpertïnnen forderten die Plattformen in einem offenen Brief (Avaaz) auf, mehr gegen Lügen und Gerüchte zu unternehmen, die sich über das Coronavirus verbreiten. Doch obwohl eine Welle der Desinformation das Netz flutete, richtete sich der Großteil der Aufmerksamkeit nicht auf die Plattformen, sondern auf die Verbreiterïnnen.

Die kurze Ära ist seit Dienstag Geschichte: Die Monate, in denen die Pandemie vergleichsweise unpolitisch war, sind vorbei. In den USA hat der Wahlkampf begonnen, und egal, was Facebook und Twitter tun – sie werden es nicht allen recht machen können.

 

Warum das wichtig ist

Bevor wir die drei Ereignisse im Einzelnen analysieren, erklären wir, warum wir uns überhaupt so ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Was auf den ersten Blick nach einem weiteren Wutanfall des US-Präsidenten aussieht, an die man sich nach dreieinhalb Jahren eigentlich schon gewöhnt hat, wirft grundlegende Fragen auf:

  • Wie positioniert sich das Silicon Valley zu Trump, gerade mit Hinblick auf den kommenden Wahlkampf?
  • Sollen private Unternehmen entscheiden, was demokratisch gewählte Politikerïnnen verbreiten können?
  • Können Plattformen tatsächlich so neutral sein, wie Mark Zuckerberg das propagiert?

 

Was Twitters Faktencheck ausgelöst hat

Seit Dienstag ist so viel in so schneller Abfolge passiert, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Deshalb zunächst eine Timeline der Ereignisse:

  • Twitter hat zum ersten Mal reagiert und blendet unter den beiden Tweets einen blauen Hinweis ein: "Get the facts about mail-in ballots".
  • Wer darauf klickt, landet auf einer Faktencheck-Seite (Twitter), auf der Twitter Artikel mehrerer Medien verlinkt und bilanziert: Trump makes unsubstantiated claim that mail-in ballots will lead to voter fraud."
  • Daraufhin wütet der weltweit einflussreichste Twitter-Nutzer auf Twitter über Twitter und droht Twitter mit Konsequenzen, weil es die freie Rede gefährde, indem es Desinformation nicht etwa löscht, sondern um Fakten ergänzt.
  • Trump-Beraterin Kellyanne Conïn identifiziert in der TV-Sendung "Fox & Friends" den Twitter-Mitarbeiter Yoel Roth als Übeltäter (Protocol) und sagt: "Somebody in San Francisco go wake him up. Tell him he's about to get more followers."
  • Trump weitet seine Drohungen auf alle Social-Media-Plattformen aus (Twitter), die angeblich konservative Stimmen unterdrückten, und kündigt an, sie hart zu regulieren oder abzuschalten.
  • Das hätten die Unternehmen bereits 2016 versucht und verloren – "Now they are going absolutely CRAZY. Stay Tuned!!!"
  • Während wir diesen Newsletter schreiben, kursieren zunächst nur Entwürfe (PDF), etwa eine kommentierte Version (Google Docs) der Stanford-Forscherin Daphne Keller, die das Dekret für juristisch fragwürdig hält.
  • In der Nacht von Donnerstag auf Freitag unterschreibt Trump die Verordnung (White House) und eskaliert damit den Konflikt: aus einer Privatfehde wird ein Machtkampf zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und einigen der mächtigsten Unternehmen der Welt, der Auswirkungen auf das gesamte Netz haben könnte.

That escalated quickly. Der Versuch einer Einordnung:

  • Es gibt gute Gründe, Twitter zu kritisieren. Der Faktencheck ist handwerklich schlecht gemacht, die Auswahl der überwiegend liberalen Medien dürfte Trump-Fans kaum überzeugen, wie Patrick Beuth kommentiert (Spiegel).
  • Wer Trumps Timeline durchscrollt, sieht Dutzende Lügen und Falschbehauptungen. Warum Twitter ausgerechnet diesen Tweet auswählt und andere unangetastet lässt, erschließt sich nur eingeschränkt.
  • Offenbar war sich Twitter der Konsequenzen bewusst: "The company needed to do what’s right, and we knew from a comms perspective that all hell would break loose", sagt Twitters Kommunikations-Chef (OneZero).
  • Demnach hätten die Policy-Änderungen im Zuge der Pandemie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt: "Covid was a game changer", sagt eine Sprecherin (Politico). "We now have the tools in place to label content that may contain misleading claims that could cause offline harm."
  • Trumps Drohung, Twitter oder andere Plattformen abzuschalten, muss man nicht ernst nehmen: Selbst ein US-Präsident kann sich keine rechtliche Grundlage dafür basteln kann, eigenhändig Unternehmen zu schließen, die vollkommen legal handeln.
  • Der erste Verfassungszusatz, der in den USA die Meinungsfreiheit garantiert, schützt nicht etwa Trump vor Twitter – er schützt Twitter vor Trump.
  • Außerdem würde sich Trump damit seines liebsten Spielzeugs und wichtigsten Sprachrohrs berauben, über das er 80 Millionen Menschen erreicht und Politik macht.
  • Wir konnten uns das Dekret am frühen Freitagmorgen noch nicht in Ruhe anschauen und sind selbst keine Juristen. Allem Anschein nach dürfte Trump aber schlechte Chancen haben, die Verordnung durchzusetzen.
  • Das schreiben etwa The Verge, Wired, NPR und Vox, die jeweils mehrere Expertïnnen zitieren, die darin reine Symbolpolitik sehen.
  • Axios hat etliche Reaktionen von Politikerïnnen, Bürgerrechtsorganisationen und Unternehmen wie Twitter, Google und Facebook gesammelt, die Trumps Entscheidung größtenteils scharf kritisieren.
  • Trump will Section 230 beschneiden (Washington Post), einen wichtigen Bestandteil des Communications Decency Act, der Webseitenbetreibern, die Inhalte von Nutzerïnnen hosten, weitgehend von der Verantwortung für diese Inhalte ausnimmt.
  • Falls sich im Laufe der kommenden Tage herausstellt, dass Trumps Angriff auf "the legal backbone of the internet" (Vox) tatsächlich Erfolg hat, werden wir das Gesetz natürlich nochmal ausführlicher erklären und die Konsequenzen analysieren.

 

Was hinter Trumps Vorwürfen steckt

An dieser Stelle kommen die beiden anderen Ereignisse ins Spiel, die wir erwähnt haben: die Recherche des WSJ und das Urteil des US-Berufungsgerichts in Washington (Bloomberg). Beide zeigen, wie Republikaner seit Jahren behaupten, das Silicon Valley kuschle mit und kusche vor den Demokraten. Obwohl die Vorwürfe haltlos sind, versucht vor allem Facebook, Trump zu besänftigen.

Das Gerichtsurteil ist schnell zusammengefasst:

  • Die Richterïnnen weisen die Klage einer rechtsgerichteten NGO und einer rechtsradikalen Youtube-Influencerin ab.
  • Die Klägerinnen hatten Facebook, Twitter, Google und Apple vorgeworfen, konservative Sichtweisen bewusst von ihren Plattformen zu verbannen.
  • Diesen Rechtsstreit mögen die Unternehmen vorerst gewonnen haben. Es gibt aber Dutzende weitere Klagen (The Verge), die zwar allesamt schlechte Chancen haben, aber verdeutlichen, wie verbreitet die Auffassung ist, das Silicon Valley behandle Republikaner unfair.

Der WSJ-Artikel ist komplexer:

  • Unter normalen Umständen wäre die Recherche eine eigene Analyse Wert gewesen – angesichts der aktuellen Entwicklungen gehen wir vorerst nur am Rande darauf ein.
  • Jeff Horwitz und Deepa Seetharaman werfen Facebook vor, interne Untersuchungen weitgehend ignoriert zu haben, wonach die Plattform die Polarisierung beschleunige und die Gesellschaft spalte.
  • Demnach habe Facebook die Empfehlungen seiner eigenen Forscherïnnen nicht umgesetzt und die Ergebnisse unter Verschluss gehalten.
  • Wir haben in den vergangenen Tagen selbst mit ehemaligen und aktuellen Facebook-Mitarbeiterïnnen gesprochen und werden die Vorwürfe kommende Woche in Ruhe einordnen, falls nicht erneut andere Themen dazwischenkommen.
  • Für den Moment verweisen wir auf die Entgegnung von Facebook-Manager Guy Rosen (Facebook-Newsroom), der zwar keine einzige Behauptung des WSJ explizit dementiert, der Gesamtaussage dennoch vehement widerspricht: "The piece uses a couple of isolated initiatives we decided against as evidence that we don’t care about the underlying issues — and it ignored the significant efforts we did make."
  • Interessant ist auch ein Detail, das Casey Newton nennt (Revue): "Among the reasons the company was frustrated with the story, according to an internal Workplace post I saw, is that Facebook had spent 'several months' talking with the Journal reporters about their findings."
  • Im aktuellen Zusammenhang ist vor allem die Rolle wichtig, die Joel Kaplan spielt: Der Bericht beschreibt unter anderem den großen Einfluss, den der Republikaner und ehemalige Bush-Berater bei Facebook hat.
  • Im Laufe der vergangenen Jahre habe Kaplan demnach darauf gedrängt, Projekte zu stoppen, die verhindern sollten, dass Facebook dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren. Seine Sorge: Die dafür nötigen Änderungen am Empfehlungsalgorithmus könnten vor allem konservativen Medien und Persönlichkeiten schaden.
  • Ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter sagte damals: "Es wurden Entscheidungen getroffen, von denen Republikaner profitieren, weil sie sich so große Sorgen um ihren Ruf bei rechten Republikanern machen, vor allem bei Trump."

 

Wie Facebook sich von Twitter abgrenzt

Während Trump Twitter attackiert, versucht Zuckerberg, bloß nicht in den Streit mit hineingezogen zu werden:

  • In einem Interview mit Trumps Haussender Fox News kritisiert er Twitters Faktencheck und sagt, Unternehmen sollten sich nicht als "Arbiter of Truth" aufspielen.
  • Später wiederholt er die Aussagen bei CNBC: "Political speech is one of the most sensitive parts in a democracy, and people should be able to see what politicians say."
  • Auf einer Aktionärsversammlung sagt Zuckerberg, Facebook halte die Meinungsfreiheit hoch (Deadline). Demnach werde man nur Beiträge löschen, die "unmittelbaren Schaden" auslösen könnten. "Harm down the line" sei dagegen kein Grund, Inhalte zu entfernen.
  • Die öffentlichen Aussagen von Zuckerberg wirken wie Profilierung auf Kosten von Twitter: Tatsächlich ähneln sich die Richtlinien der beiden Unternehmen, was Desinformation über Wahlen angeht. Zuckerberg erweckt aber den Eindruck, dass Facebook vollkommen anders handle als Twitter.
  • Im konkreten Fall hat Twitter Trumps Aussagen mit einem Hinweis versehen und Facebook nicht – in der Vergangenheit hat aber auch Facebook schon falsche Beiträge von Politikern entfernt, etwa von Brasilien Präsident Jair Bolsonaro.
  • Der Unterschied ist also nicht so groß, wie Zuckerberg Glauben machen will. Man kann durchaus der Meinung sein, dass Twitters Entscheidung ein Fehler war, zumal der Zeitpunkt etwas willkürlich wirkt – Zuckerbergs Abgrenzung zu einem Zeitpunkt, an dem Trump zum Angriff auf das gesamte Silicon Valley bläst, ist aber fragwürdig.
  • Zumindest wirtschaftlich ergibt die Positionierung wohl Sinn: Es lohnt sich einfach nicht, sich mit dem US-Präsidenten und der Hälfte der Bevölkerung anzulegen.

Zuckerberg übersieht oder ignoriert dabei aber drei Dinge:

  1. Facebooks Algorithmen entscheiden zwar nicht, was wahr oder falsch ist, wohl aber, was vermeintlich "relevant" ist. Damit beeinflussen sie, welche Inhalte Milliarden Menschen täglich sehen. Das wichtigste Kriterium dabei sind Likes und Kommentare, die wiederum stark von Emotionen der Nutzerïnnen beeinflusst werden. Keine Plattform, die Inhalte maschinell gewichtet, ist neutral – auch Facebook nicht.
  2. Die Vorwürfe aus dem Lager der Republikaner sind unbegründet: Trump dominiert mit seinen Inhalten die sozialen Netzwerke, konservative Medien wie Fox News und noch weiter rechtsstehende Portale sammeln die meisten Interaktionen. Es gibt keine inhaltlichen Gründe, Trump so weit entgegenzukommen – nur machtpolitische.
  3. Zwischen Tatenlosigkeit und vermeintlicher Zensur gibt es einen Mittelweg: Twitter hat Trumps Tweets ja eben nicht gelöscht, sondern einen zurückhaltend formulierten Hinweis eingeblendet. Auch Facebook könnte zumindest die Sonderbehandlung überdenken, die Beiträge und vor allem Anzeigen von Politikerïnnen genießen: Derzeit wird politische Werbung explizit von Faktenchecks ausgenommen – Trump kann also dafür bezahlen, dass Facebook seine Lügen einem noch größeren Publikum ausspielt.

 

Be smart

Der Guardian nennt zwölf Gründe, warum Twitter Trump komplett von seiner Plattform verbannen sollte. Das klingt nachvollziehbar, ist aber unrealistisch. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass bereits ein viel kleinerer Anlass zu einer maßlosen Überreaktion führt – wir können und wollen uns nicht vorstellen, was passieren würde, sollte Twitter Trumps Account schließen.

Charlie Warzel zieht ein pessimistisches Fazit:

"The damage — at least for this generation of world leaders — is nearly impossible to reverse. Banning Mr. Trump from Twitter, just like fact-checking one or two of his lying tweets, might feel good and might make the platform feel less toxic for a while. But it’s still just tinkering on the margins. It won’t fix the deeper structural problems that have created our information apocalypse. For that, we’re going to need a far bigger reckoning — one that certainly includes but also goes well beyond the platforms."

Warten wir auf den 3. November 2020 – dann wird in den USA gewählt.

Warum Facebook Giphy kauft

Was ist

Facebook schluckt Giphy und bezahlt dafür angeblich 400 Millionen Dollar. Die beiden Unternehmen haben den Kaufpreis nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Giphy soll Teil des Instagram-Teams werden, wie es im Facebook-Newsroom heißt. Giphy selbst schreibt, man sei begeistert und freue sich auf aufregende Zeiten – die Ankündigung kommt, natürlich, mit zwei Gifs daher (Medium).

Warum das wichtig ist

Facebook hat im vergangenen Quartal knapp fünf Milliarden Dollar verdient, das sind mehr als 50 Millionen Dollar pro Tag. Jetzt legt man also den Reingewinn von etwa einer Woche auf den Tisch, um eine Plattform zu kaufen, auf der Menschen bewegte Bilder hochladen – und das soll eine wichtige Nachricht sein?

Ja, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Zukunft der Kommunikation ist visuell.
  • Menschen wollen ihre Gefühle ausdrücken, oft geht das mit Bildern leichter als mit Wörtern. „If a picture’s worth a thousand words, a GIF is worth a thousand pictures“, schreibt etwa der frühere TechCrunch-Chefredakteur Josh Constine in seinem neuen Newsletter.
  • Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man nutzt die eigene Kamera, daraus resultiert der Erfolg von Instagram, Snapchat und TikTok – oder man kommuniziert mit Gifs und Memes.
  • Gifs sind also eine essenzielle digitale Kulturtechnik und Ausdrucksform – und Giphy ist ihre Heimat.
  • Die beiden anderen relevanten Gif-Plattformen Gfycat und Tenor sind kleiner. Letztere hat Google bereits vor zwei Jahren aufgekauft (Tenor-Blog) und unter anderem in seine Tastatur-App Gboard integriert.
  1. Facebook kauft viel mehr als lustige Gifs.
  • Eine unvollständige Auswahl der Dienste, Messenger und Plattformen, die Giphy auf seiner Entwicklerseite als Partner nennt: Snapchat, TikTok, Twitter, Tinder, Signal, Telegram, Viber, Slack, Skype, Microsoft Teams, Mailchimp.
  • All diese Unternehmen greifen auf Giphys Datenbank zurück, wenn Nutzerïnnen nach Gifs suchen. Dafür fragen sie Daten über Giphys Schnittstelle ab und haben Software-Bestandteile (SDKs) in ihre jeweiligen Apps integiert.
  • Anders ausgedrückt: Facebook besitzt jetzte eine Wanze in den Kernprodukten seiner schärfsten Konkurrenten.
  • Welche Daten über die API abgegriffen werden können und wie das Facebook helfen könnte, erklären wir weiter unten unten („Worum es bei dem Deal geht“).

Wie der Deal abgelaufen ist

Normalerweise bahnen sich Übernahmen über einen längeren Zeitraum an. Diesmal ging angeblich alles sehr schnell, wie Giphy-Investor John Borthwick erzählt (Protocol):

This happened very fast. The team has spent a ton of time on Zoom just working through this. I do think the fact that the companies knew each other well probably made this happen. (…) All this started in the post-COVID era. Probably end of March. Figuring something out like this in six weeks is fast.

Später korrigierte sichBorthwick, dass die Verhandlungen wohl doch eher Monate als Wochen gedauert hätten – was immer noch ein kurzer Zeitraum ist. Casey Newton nennt in seinem Newsletter „The Interface“ ein weiteres interessantes Detail:

Two people close to the deal told me it likely would have gone out of business had it not been acquired.

Offenbar steckte Giphy also in finanziellen Schwierigkeiten und hatte selbst ein Interesse, übernommen zu werden, um die Pleite abzuwenden. Das passt zu einer anonymen Quelle, die Sara Fischer zitiert (Axios):

A source close to the deal says Giphy came to Instagram amid financial struggles prior to the pandemic, although conversations were initially more about a partnership than an acquisition.

Demnach sei die Initiative von Giphy ausgegangen. Wenn man den kolportierten Kaufpreis mit einer früheren Bewertung vergleicht, ergibt das Sinn: Als Giphy 2016 Risikokapital einsammelte, betrug der Wert 600 Millionen Dollar. Facebook hat also ein Drittel weniger bezahlt, als Investorïnnen vor vier Jahren für das Unternehmen veranschlagten.

Dieser Hergang unterscheidet die Übernahme von Facebooks bekanntesten Zukäufen Instagram (2012, eine Milliarde) und WhatsApp (2014, 19 Milliarden). Damals schluckte Facebook junge, aufstrebende Unternehmen, die sich zu zwei der wichtigsten Kommunikationsplattformen entwickelten.

Bei allem strategischen Geschick von Mark Zuckerberg und Adam Mosseri: Giphy wird kein zweites WhatsApp – und trotzdem könnte sich Geschichte wiederholen und die Übernahme in ein paar Jahren als Schnäppchen und genialer Schachzug durchgehen.

Warum Facebook „nur“ 400 Millionen zahlt

Neben der mutmaßlich drohenden Pleite, wohl noch verschärft durch die Corona-Krise, gibt es einen weiteren Grund für den vergleichsweise geringen Kaufpreis: Giphy hat es nie geschafft, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren, das auf Werbung basiert.
„We’re thinking about revenue not in terms of millions or hundreds of millions (of dollars), but, like, billions“, sagte Giphy-Chef Alex Chung 2017 (Fast Company). Doch dieser Traum hat sich nicht erfüllt, das Werbemodell ist nie abgehoben, weil Marken nicht dafür zahlen wollten, dass ihre eigenen Gifs bei bestimmten Suchbegriffen prominent angezeigt werden.

Für Facebook sei das ein Glücksfall, sagt Michael Ostrovsky (Fast Company), Wirtschaftsprofessor in Stanford:

If Giphy would have been a success as an advertising business, there would have been another zero in the sale price.

Was Facebook mit Giphy einkauft

Es geht also nicht um mögliche Werbeeinahmen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Facebook kauft sich weitere Reichweite und ein Stück Internet-Infrastruktur:

  • 2018 drückte es Alex Chung so aus (YouTube): „We’re a superset of all companies, because we’re embedded in every one of those apps (…) We can reach basically everyone on the internet at any given moment.“
  • 2019 legte er nach (New Atlas): „The whole goal from the beginning was to see if we could compete with Google for search. (…) Now, after seven years, we’re the second-largest search engine in the world.“

Im Gegensatz zu Google finden diese Suchen größtenteils nicht auf Giphys eigener Plattform statt, sondern in den Apps von anderen Unternehmen. Neben den oben aufgezählten Partnern gibt es Hunderte weitere Entwicklerïnnen (OMR), die auf Giphys APIs und SKDs zurückgreifen:

Eine exklusiv für OMR erstellte Auswertung des App-Intelligence-Dienstleisters 42 Matters zeigt, dass das Standard-SDK von Giphy alleine in 587 Android-Apps integriert ist. Darunter finden sich viele Kamera- sowie einige Dating-Apps, aber überraschenderweise auch die App des Bezahldienstes Paypal.

Was Facebook mit Giphy vorhat

Google hat es geschafft, seine Dominanz zu monetarisieren: Der „Suchmaschinenbetreiber“ ist hauptberuflich das erfolgreichste Werbeunternehmen der Welt. Da Giphy kein ähnlich erfolgreicher Anzeigenverkäufer ist, wurde nach der Verkündung der Übernahme teilweise geunkt, dass Facebook sich die Schnittstelle bezahlen lassen oder sie ganz abschalten werde.

Sowohl Facebook als auch Giphy dementieren das deutlich. Im Facebook-Newsroom heißt es:

Giphy will continue to operate its library (including its global content collection), and we’re looking forward to investing further in its technology and relationships with content and API partners.

Und Giphy schreibt (Medium):

And for our API/SDK partners and developers: Giphy’s Gifs, Stickers, Emojis, etc. aren’t going anywhere. We will continue to make Giphy openly available to the wider ecosystem.

Die Vergangenheit lehrt, dass man bei solchen Beteuerungen skeptisch sein sollte. Auch WhatsApp und Instagram sollten einst komplett eigenständig bleiben – großes Zuckerberg-Ehrenwort.

Doch diesmal gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Giphy ist für Facebook viel wertvoller, wenn möglichst viele andere Apps und Dienste die Datenbank anzapfen.

Worum es bei dem Deal geht

Wenn man Instagram-Chef Adam Mosseri glaubt (Axios), greifen die meisten Interpretationen der Übernahme zu kurz:

On Giphy the most interesting thing to me is how quickly some people jump to data always, which is a reminder of how important privacy is and how often we oversimplify things.

Demnach gehe es nicht um Daten, sondern um drei andere Dinge:

On the motivations for Giphy, the short answer is it’s not about data. The three big ideas were keeping the platform going, working with a scrappy creative team with different DNA, and the creator ecosystem given how much we care about that group.

Dass diese drei Punkte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, ist glaubwürdig. Giphy steckte in Schwierigkeiten und hätte ohne Facebooks Übernahme womöglich seine Plattform dicht gemacht – mit unangenehmen Konsequenzen für Facebook:

  • Die Hälfte der Zugriffe auf Giphy kommen durch Facebooks eigene Apps, also Messenger, WhatsApp und Instagram.
  • Bei sieben Milliarden ausgelieferten Gifs pro Tag, müsste sich Facebook also eine neue Quelle suchen, die täglich 3,5 Milliarden Gifs liefert.
  • Das ist selbst für Facebook eine große Herausforderung.

Doch Mosseri sagt noch mehr:

In terms of trends, the bonus that we can learn about what Gifs are trending generally is interesting.

Dieser Satz dürfte eine kleine Untertreibung sein. Facebook kauft sich mit Giphy einen Seismograph für Netzkultur, dessen Sensoren Schwingungen und Erschütterungen in fast allen relevanten Plattformen, Messengern und Hunderten Apps aufzeichnen.

Giphys API und SDK funktionieren dabei ausdrücklich nicht wie Facebooks Tracking-Pixel und Like-Buttons, die einzelne Nutzerïnnen verfolgen und Profile mit weiteren Daten anreichern. Diese Sorge hatte unter anderem der bekannte Apple-Blogger John Gruber geäußert (Daring Fireball):

Six years ago Slack added built-in Giphy support. So post-acquisition, Facebook will now have tracking info for all the Slack channels where this has been used. That’s cool.

Später korrigierte sich Gruber und ergänzte den Blogeintrag mit Statements eines Slack-Managers und eines Informanten:

Giphy doesn’t receive any information about users or even companies using the Giphy for Slack integration, and only sees Slack usage of the Giphy API in aggregate.

Das gilt wohl für die meisten großen Dienste, die Giphy integriert haben, wie etwa Signal-Gründer Moxie Marlinspike (Twitter) und Telegram (Twitter) klarstellten. Giphy bestätigte die Aussagen später (The Verge): Demnach werden keine Daten über einzelne Nutzerïnnen gesammelt, sondern nur aggregierte Informationen.

Genauer gesagt: „nur“ – denn auch diese Daten könnten Facebook helfen:

  • Facebook bekommt frühzeitig mit, welche kleinen Apps schnell wachsen, wenn das Volumen der API-Zugriffe stark zunimmt – und könnte dann eine der beiden bewährten Strategien anwenden: Kaufen (Instagram, WhatsApp) oder Kopieren (Snapchat, TikTok).
  • Facebook erfährt, welche Arten von Gifs populär sind und könnte mit diesem Wissen eine eigene App oder Meme-Feed für Facebook und Instagram bauen.
  • Facebook kann nicht nur einen Social-Graph, sondern auch einen Culture-Graph aufbauen. Diese Daten könnten helfen, um etwa Livestreaming-Deals abzuschließen oder Künstlerïnnen und Influencer auszuwählen, die prominent in Facebooks und Instagrams Produkten auftauchen sollen.

In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Vergleich mit Onavo, das Facebook 2013 übernahm:

  • Facebook bewarb die Onavo-App als VPN, die helfen solle, „dich und deine Daten zu schützen“. Tatsächlich sammelte sie massenhaft Daten von Nutzerïnnen.
  • Für Facebook waren die Information vermutlich Milliarden wert. Es nutzte die Daten um herauszufinden, wofür sich Menschen interessieren und wie sie kommunizieren.
  • Onavo zeichnete nicht nur die besuchten Webseiten auf, sondern die installierten Apps. Diese Erkenntnisse halfen Zuckerberg, langfristige strategische Entscheidungen zu treffen.
  • Unter anderem sollen die Daten von Onavo maßgeblich zum Kauf von Whatsapp beigetragen haben. Facebook konnte sehen, wie beliebt der Messenger damals bereits war – und wie gefährlich er Facebook werden könnte.
  • Nachdem bekannt wurde, dass Facebook auch Teenager dafür bezahlte, Onavo zu installieren, musste es den Dienst nach heftiger Kritik schließen (mehr dazu in Briefing #520).

Giphy dürfte kein ähnlich mächtiges Spionagewerkzeug werden. Über die API kann Facebook viel weniger Daten abgreifen als über einen VPN-Dienst. Außerdem werden auf Privatsphäre bedachte Unternehmen wie Apple (das bei iMessage auch mit Giphy arbeitet), Telegram und Signal und direkte Konkurrenten wie Twitter, Snapchat und TikTok Facebook diese Daten mit Sicherheit nicht freiwillig überlassen.

Be smart

Was die Übernahme von Giphy aus regulatorischer Perspektive bedeutet, werden wir voraussichtlich in einer der kommenden Ausgaben beleuchten. Wir planen gerade ohnehin einen Deep-Dive zu Big-Tech-Regulierung im Schatten der Corona-Pandemie.

Deshalb wollen wir diese Analyse mit einer Klarstellung beenden, die bei diesem Thema zwingend ist. Giphy selbst schreibt in seiner Danksagung: „The hard G defenders, the soft G defenders (we all know who’s right)“

Den Inhalt der Klammer beantwortet Giphy-Investor John Borthwick (Protocol):

What’s your reaction when you hear people pronounce it Jiffy?

I come down firmly on the side of Giphy. I once had David Cameron, when he was prime minister of England, come by Betaworks, and he looked at me with a straight face and said, „I’m so fascinated to see BEEtaworks.“ So yeah. I come down hard on the side of Giphy.

Hygiene-Demos und Corona-Rebellen

Was war

Vergangene Woche haben wir die bislang erfolgreichste Ausgabe unseres Briefings veröffentlicht – zumindest, wenn man die Zahl der Reaktionen, Interaktionen und Seitenaufrufe in unserem Blog als Maßstab nimmt. Die Analyse „Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben“ * hat uns eine Menge Zuspruch und neue Abos beschert – aber auch Kritik ausgelöst.

Teils fühlen sich Abonnentïnnen, die selbst an den Demonstrationen teilgenommen haben, zu Unrecht als Wirrköpfe abgestempelt. Teils schreiben uns auch die Verschwörungsideologïnnen selbst und wollen uns weismachen, dass Bill Gates die WHO eben doch unter seine Kontrolle gebracht habe.

In der Zwischenzeit habe ich zu dem Thema mehrere Texte für die SZ geschrieben und beobachte dort ähnliche Reaktionen: Allein übers Wochenende kam eine knapp dreistellige Zahl an E-Mails an, manche sachlich, andere wüst, einige justiziabel.

(*) Künftig schreiben wir nicht mehr von Verschwörungstheorien, denn (DLF):

Eine Verschwörungstheorie an sich hat also nichts mit einer Theorie zu tun. Der Begriff gibt Propaganda, Desinformation und Lügen nur fälschlicherweise einen wissenschaftlichen Anstrich. Dabei handelt es sich aber je nach Ausprägung um Erzählungen, um Ideologien, Mythen oder Legenden.“

Was ist

Das Thema löst offenbar große Emotionen aus und scheint viele Menschen zu beschäftigen. Allein am vergangenen Wochenende sind mehr als zehntausend Teilnehmerïnnen im Rahmen von „Hygiene-Demos“ auf die Straße gegangen, um gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren.

Deshalb wollen wir in diesem Newsletter nochmal ganz genau hinsehen: Wir beleuchten, wer diese Leute sind und schauen uns an, wie im Netz mobilisiert wird. Wir analysieren, welche Motive dahinterstecken und erklären, warum wir Demonstrantïnnen nicht pauschal als rechtsradikal oder grenzdebil bezeichnen wollen.

Trotzdem sind wir nach wie vor überzeugt, dass antisemitische, rechtsextremistische Verschwörungsideologïnnen die Situation ausnutzen und gezielt Plattformen wie YouTube (Correctiv) und Messenger wie Telegram (DLF) bespielen, um ihren menschenfeindlichen Unsinn massenhaft zu verbreiten. Mit dieser Strategie prägen sie die Demonstrationen und Online-Diskurse – auch, weil sich gemäßigte Kritikerïnnen und verunsicherte Menschen vereinnahmen lassen.

Warum das wichtig ist

Verschwörungserzählungen und rechtsradikale Narrative sind gefährlich, erst recht in Zeiten einer Pandemie. Fast immer geht es darum, vermeintlich Schuldige zu finden: Bill Gates, Juden, die Bundesregierung. In geschlossenen Gruppen und Telegram-Kanälen wird teils offen zu Gewalt aufgerufen.

Es ist wichtig, diese Szene genau im Blick zu behalten, denn aus dem Unsinn können schnell Taten werden – das zeigen etwa die Angriffe auf Mobilfunkmasten, Angestellte von Telekommunikationsunternehmen und Journalistïnnen, die über die Demonstrationen berichten wollten. Ignorieren ist in diesem Fall keine Option.

Genauso entscheidend ist aber die Art und Weise der Berichterstattung. Dabei geht es uns um zwei Dinge:

  1. Wir möchten den Mythen nicht mehr Bedeutung und Aufmerksamkeit geben als unbedingt nötig. Wir wollen die Botschaft nicht weiterverbreiten und die kleine krakeelende Minderheit nicht als mächtig und bedrohlich darstellen – obwohl es sich tatsächlich nur um einen verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung handelt.
  2. Wir wollen den Menschen, die an den Demonstrationen teilnehmen, Videos von Ken Jebsen teilen, Artikel auf RT Deutsch lesen oder Telegram-Gruppen wie den „Corona-Rebellen“ beitreten, gerecht werden. Ein Teil davon hat schlicht Angst: vor Freiheitsbeschneidungen und Grundrechtseingriffen, um Job, Zukunft und Existenz.

Vergangene Woche schrieben wir:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.“

Das gilt nach wie vor. Und dass Menschen auf die Straße gehen können, um dagegen zu demonstrieren, dass sie ihre Meinung im Netz und auf dem Münchner Marienplatz kundtun und alternative Medien lesen können, zeigt, dass wir eben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie leben.

Wenn wir aber all diese Leute pauschal als Extremistïnnen oder Quartalsirre abwerten, entsteht bei vielen der Eindruck einer „Meinungsdiktatur“: Wer sich übergangen fühlt, den Kurs der Bundesregierung kritisiert oder den Zahlen des RKI misstraut, werde lächerlich gemacht – so empfinden es jedenfalls viele. Und nicht jeder, der sich fragt, ob die WHO durch die Großspenden von Bill Gates (Zeit Online) an Unabhängigkeit verliert, glaubt an Mythen über Mikrochip-Implantate und Illuminaten (Golem).

Bernhard Pörksen drückt es im Deutschlandfunk so aus:

Und ich glaube, es ist der Moment, an dem man als Journalist oder als Journalistin möglichst genau hinschauen muss, den präzisen Blick betonen muss. (…) Die Menschen demonstrieren aus ganz unterschiedlichen Gründen, mal schlechteren und mal besseren. Eine vorschnelle Diffamierung seitens der Medien ruiniert den Diskurs.

In eine ähnliche Richtung gehen Ingrid Brodnig mit ihrem Appell „Im Zweifel für den Zweifel“ (Journalist) und Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die zurecht warnt (Belltower-News):

Wenn wir kein „Pegida reloaded“-Erlebnis wollen, sollten die Medien aufhören, Kameras und Mikros in die wütende Menge zu halten, und anfangen mit Analyse, Erklärungen und Lösungssuche.

Warum Extremistïnnen den (Online-)Diskurs prägen

Die Motive der Menschen, die online mobilisieren und offline demonstrieren, sind divers. Am lautesten schreien aber eindeutig jene, die komplexe Fragen mit einfachen Antworten begegnen. In Briefing #636 haben wir beschrieben, wie Rechtsradikale, Antisemitïnnen und Verschwörungsideologïnnen unter tatkräftiger Mithilfe von Prominenten und Politikerïnnen die Infodemie befeuern. Sie konstruieren Feindbilder, suchen Sündenböcke und bieten Erzählungen an, die gerade bei verunsicherten, ängstlichen Menschen verfangen.

Diese Kampagnen sind hochprofessionell und werden teils mit großem Aufwand initiiert und gesteuert, wie etwa das virale „Plandemic“-Video zeigt (The Verge). Die Wissenschaftsleugnerïnnen nutzen dabei gezielt die Mechanismen der Plattformen und wissen, wie Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert (Technology Review):

Anti-vaccine activists are particularly good at gaining views on virtually any social app, says Renee DiResta, a researcher at the Stanford Internet Observatory who works to combat this type of misinformation. „They are on every single social platform—even TikTok,“ she says. „If they can create content people will find if they search for a specific term, they’ll invest the time.

Von einzelnen Ausnahmen wie dem „Coronavirus-Update“ abgesehen, tun sich Gesundheitsbehörden, Forschungsinstitute und Wissenschaftlerïnnen schwer (The Atlantic), der Flut an Desinformationen Fakten entgegenzusetzen. Je länger der Zustand andauert, desto hanebüchener wird der Unsinn werden, der verbreitet wird (NYT):

Bogus information is only going to get worse in this pandemic as some people sow distrust of medical experts and any potential coronavirus vaccines. This is dangerous, and we can stop them by understanding the mechanics of bad information, and by not fanning the flames.

Die Debatte ist hitzig und polarisiert: Auf der einen Seite stehen die Bundesregierung, fast alle Wissenschaftlerïnnen und – immer noch – ein Großteil der Bevölkerung (Twitter / Matthias Quent). Auf der anderen Seite formt sich eine Querfront, die von Rechtsradikalen dominiert wird. Wer sich irgendwo dazwischen verortet und leise differenziert, wird oft nicht wahrgenommen. Manche wenden sich deshalb den Extremistïnnen zu, weil sie das Gefühl haben, nur so gehört zu werden.

Wir rufen an dieser Stelle ausdrücklich nicht dazu auf, alle Teilnehmerinnen der „Hygiene-Demos“ ernst zu nehmen oder ihnen eine Plattform zu geben. Lutz Jäkel (Volksverpetzer) war am Wochenende in Berlin unterwegs:

Sie skandieren, schreien, brüllen: „WI-DER-STAND! WI-DER-STAND!“, „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“, einige bauen sich direkt vor der Polizei auf: „Ihr steht auf der falschen Seite! Ihr Verräter!“, „WIR bezahlen euch, NICHT IHR UNS!“, „Schämt euch!!“.

Ein weiterer Beitrag beim Volksverpetzer und diese Übersicht der Amadeu-Antonio-Stiftung (Belltower-News) lassen wenig Zweifel, woher der Wind weht. Dennoch glauben wir, dass der Verschwörungs-Stempel der Komplexität nicht gerecht wird. Die Strippenzieher des „Widerstands“ sind meist radikale Ideologen – aber das gilt nicht für alle, die ihre Videos anschauen oder ihren Aufrufen folgen.

Be smart

Vergangene Woche haben wir dem geschätzten Kollegen Christian Fahrenbach das Schlusswort überlassen. Auch diesmal verweisen wir auf einen anderen Journalisten – leider schon wieder ein Mann, dafür aber ein kluger: Dirk von Gehlen hat einen „Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freundinnen“ geschrieben, der genau das ist, was wir uns wünschen: nachdenklich, differenziert und immer auf Augenhöhe.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.


Foto-Quelle: Markus Spiske, Unsplash


Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben

Was ist

In den vergangenen Wochen haben Gerüchte und Fehlinformationen über Covid-19 eine neue Dimension angenommen. Wir sind längst über das Stadium der WhatsApp-Kettenbriefe hinaus, die den Ausbruch der Pandemie bestimmten. Politische Akteure nutzen die Situation, um Verschwörungstheorien zu verbreiten und Verunsicherung auszulösen – mit fatalen Folgen.

Warum das wichtig ist

Wir haben uns in diesem Newsletter mehrfach mit Corona-Quatsch beschäftigt, und die Überschriften verdeutlichen die Relevanz und Brisanz des Themas:

  • Warum die virale Infodemie tödlich ist: In Briefing #623 beschreiben wir, wie die Flut aus Gerüchten, Halbwahrheiten, Falschinformationen und bewussten Lügen Menschen dazu bringen kann, sich entweder panisch (hallo, Hamsterkäufe) oder sorglos (hallo, Hygeniedemos) zu verhalten.
  • 5G ist gefährlich – aber nicht wegen der Strahlung: In Briefing #629 erklären wir, wie hanebüchene Verschwörungstheorien, die einen Zusammenhang zwischen 5G und Covid-19 herbeifantasieren, Menschen dazu bringen, Mobilfunkmasten anzuzünden. Damals waren es 20 Brandanschläge in Großbritannien, mittlerweile sind es mehr als 60 (Politico) – hinzu kommen Attacken in mehr als einem Dutzend weiterer europäischer Länder.

Der Unsinn bleibt also nicht im Netz. Es war schon vor fünf Jahren fahrlässig, Drohungen oder Hasskommentare als halb so wild abzutun, weil sie ja „nur in irgendeiner Kommentarspalte“ hingerotzt wurden. Diese Dualität aus analog und digital, real und virtuell hat sich längst überholt.

Beide Sphären beeinflussen und überschneiden sich so stark, dass wir Internet und vermeintliche Realität nicht mehr trennen können. Nach Tausenden Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, Pizzagate, Christchurch, El Paso, Poway, Halle und Hanau liefert die aktuelle Krise einen weiteren Beleg dafür, dass die Stimmung aus dem Netz auf die Straße schwappt.

In den USA wurde kürzlich eine 37-jährige Frau festgenommen (The Daily Beast), die mit mehr als einem Dutzend Messern im Gepäck nach New York reiste, um Joe Biden umzubringen. Sie war überzeugt, dass er einem Pädophilenring angehöre, der aus hochrangigen Politikerïnnen der Demokraten besteht – eine Verschwörungstheorie aus dem Umfeld der QAnon-Bewegung, die zum wiederholten Mal dazu führt, dass Irre zu Waffen greifen.

Wir beobachten seit mehreren Wochen Dutzende deutsche Facebook-Gruppen und Telegram-Kanäle und nehmen wahr, wie die Stimmung dort zunehmend aggressiv wird. Das deckt sich mit dem (von uns leicht gekürzten) Fazit der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich die Corona-Querfront genauer angesehen hat (Belltower News):

Diese neue Bewegung ist reizvoll für klassische Rechtsextreme. Sie sehen nun die Zeit gekommen für den viel beschworenen „Tag X“, an dem man zu den Waffen greifen darf. Genau das sehen wir momentan in zahlreichen Telegram-Kanälen. Hier geben Userinnen bekannt, dass sie bereit dazu sind, für ihren Widerstand auch Waffengewalt einzusetzen. Wir sehen hier also eine Bewegung, die alles andere als harmlos ist – und die mit ihrem proklamierten Ziel, nämlich dem Einsatz für das Grundgesetz, wirklich nichts zu tun hat.“

Was geteilt wird

Wassertrinken und Ibuprofen – diese beiden Stichwörter dürften sofort Erinnerungen an die ersten Gerüchte auslösen, die sich über Covid-19 verbreiteten. Uns kommt es so vor, als sei das eine Ewigkeit her. Tatsächlich gibt es aber immer noch Kettenbriefe, die diese alten Narrative nacherzählen.

Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen haben dazu geführt, dass eine zweite, deutlich aggressivere Welle der Fehlinformationen die Runde macht. Es wird Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahmen gesät und unterstellt, die Regierung nutze die Pandemie, um „endlich“ durchzuregieren.

Solche Andeutungen tauchen selbst in großen, vermeintlich seriösen Medien immer wieder auf – in sozialen Medien sind sie ungleich drastischer formuliert und oft von der Forderung begleitet, sich gegen die Maßnahmen zu wehren. All das vermischt sich zu einer toxischen Brühe, die Till Eckert von Correctiv in einem Newsletter (deshalb kein Link) so beschreibt:

Wir beobachten außerdem vermehrt, dass alte Verschwörungstheorien wieder auftauchen und sich mitunter kräftig mit neuen durchmischen: Da wäre zum Beispiel das immer wieder kehrende Feindbild Bill Gates, der aus nicht näher erläuterten Gründen „Schuld“ an einem angeblichen „Impfzwang“ sein soll, den die Bundesregierung vorbereite. Konkrete und prüfbare Tatsachenbehauptungen dazu haben wir noch nicht entdeckt, nur Spekulationen und Prognosen. Das macht es schwer für uns, solche Theorien zu entkräften – sie eignen sich nur selten für Faktenchecks.

Ein Motiv, das sich durch die zweite Welle der Desinformation zieht, ist die Suche nach vermeintlich Schuldigen. Mal ist es China, mal die Bundesregierung, mal Bill Gates. Gerade der US-Milliardär und Philanthrop wird besonders oft und heftig angefeindet. In den Kreisen der Verschwörungstheoretiker hat er George Soros als ultimatives Feindbild abgelöst (NYT).

 

Warum geteilt wird

In Briefing #629 schrieben wir mit Bezug auf den 5G-Irrsinn:

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Der letzte Satz lässt sich auf die gesamte Corona-Krise übertragen. Das liegt an mehreren Faktoren:

Der dauerhafte Ausnahmezustand

  • Nach fast jeder Breaking-News-Situation grassieren Gerüchte und Fehlinformationen. Menschen haben Angst und saugen jedes Informationshäppchen auf, das ihnen hilft, sich ein Bild der Lage zu machen.
  • In dieser Hinsicht gleichen die ersten Wochen des Ausbruchs einem fortgesetzten Terroranschlag: Täglich entwickelt sich die Lage weiter, stündlich lassen die Eilmeldungen das Handy vibrieren, viele Menschen sind ständig unter Strom.
  • Dieser Zustand macht anfällig für Desinformation. Wir sind nervös und entscheiden oft mit dem Bauch, statt gründlich abzuwägen.
  • Globale Pandemien gab es auch in der Vergangenheit, aber sie sind noch niemals auf eine derart vernetzte Öffentlichkeit getroffen, in der Milliarden Menschen in Sekundenbruchteilen Informationen in die Welt setzen und weiterverbreiten können.

Die epistemologischen Krise

  • Die redaktionelle Gesellschaft (Vgl. Bernhard Pörksen, re:publica 2019), in der alle Menschen Publizistïnnen sind, führt zu einer unüberschaubaren Flut an Informationen.
  • Es gibt wertvolle Expertise, und es gibt grandiosen Unfug. Der beschriebene Ausnahmezustand verringert die Fähigkeit zu selektieren – entsprechend viel Zulauf bekommt der Unfug.
  • Die epidemiologische Krise wird also zu einer epistemologischen Krise: Menschen sind oft nicht mehr in der Lage, sich echtes Wissen anzueignen und die Gerüchte auszusortieren.

Die fluide Faktenlage

  • Anfang des Jahres war sich das Robert-Koch-Institut sicher: Die Gefahr für die deutsche Bevölkerung ist „sehr gering“, das Virus betrifft vor allem China.
  • Anfang Februar waren sich fast alle Wissenschaftlerïnnen einig: einen selbstgebastelten Mundschutz tragen bringt wenig – nun gibt es eine Maskenpflicht in vielen Geschäften und dem öffentlichen Nahverkehr.
  • Das sind zwei von vielen Beispielen, die zeigen, dass es in der aktuellen Situation keine absolute Wahrheit gibt. Die Erkenntnislage ändert sich ständig, und was vor einer Woche noch als gesichert galt, kann morgen schon wieder überholt sein.
  • Viele Forscherïnnen gehen mit dieser Ungewissheit offen um. Sie geben zu, wenn sie sich nicht sicher sind, und versuchen deutlich zu machen, dass alles, was sie sagen, immer nur den aktuellen Stand der Wissenschaft widerspiegeln kann.
  • Doch in einer Zeit, wo sich fast alle Menschen nach Sicherheit und eindeutigen Aussagen sehnen („Wenn wir R auf 0,9 senken, wird alles gut“ oder „In zwölf Monaten gibt es einen Impfstoff“), wird diese verantwortungsvolle Vorgehensweise oft als Schwäche ausgelegt.
  • Viele fragen sich, wie glaubwürdig Wissenschaftlerïnnen schon sein können, die ihre Meinung ständig ändern – und negieren dabei, dass die meisten Expertïnnen eben nicht „meinen“, sondern unter Hochdruck forschen.
  • Deshalb werden täglich Dutzende neue Studien publiziert (Christian Drosten sagt (SZ), dass er zur Vorbereitung auf seinen Podcast teils 40, 50 vorveröffentlichte Studien lese), und der Erkenntnisstand entwickelt sich in einer Geschwindigkeit, die bei manchen Skepsis auslöst.

Die eingeschränkten Grundrechte

  • Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.
  • Fast alle sind sich einig, dass aus dem Ausnahmezustand kein Dauerzustand werden darf. Doch auf beiden Seiten des politischen Spektrums suggerieren Extremistïnnen, dass die Pandemie der Politik doch durchaus gelegen käme – endlich könne sie schalten und walten, wie sie es sich schon immer gewünscht habe.
  • Daraus basteln sich die Verschwörungstheoretiker eine wirre Manipulationserzählung, die sie damit rechtfertigen, dass sie doch nur „kritische“ Fragen stellen. Diese Taktik findet bei vielen Menschen Anklang, die dem Staat tendenziell ablehnenden gegenüber stehen.

Wer dahinter steckt

Wir beobachten unterschiedliche Gruppierungen, die sich am besten mit Blick auf ihre Motivation unterteilen lassen:

Finanzielle Motive

  • Kaum war „coronavirus“ zum ersten Mal in den Google-Trends, witterten Kriminelle das große Geld.
  • Scammer, Phisher und bösartige Hackerïnnen arbeiten hochprofessionell: Sie identifizieren Trends frühzeitig und optimieren ihre Angriffe, sobald ein Thema wichtig wird.
  • Von Ransomware über Phishing-Mails bis zu Fake-Shops, die dubiose Hilfsmittel anbieten: Mittlerweile haben sich fast alle, die im Netz mit Lug, Betrug und Arglist Geschäfte machen, auf Corona spezialisiert.
  • Je größer die Angst, desto größer die Bereitschaft, Links anzuklicken, Anhänge zu öffnen oder in unseriöse Online-Shops zu bestellen.
  • Dementsprechend schüren die Kriminellen die Infodemie, weil sie hoffen, dass sie davon finanziell profitieren können.

Politische Motive

  • Je länger die Krise andauert und je kontroverser die politischen Maßnahmen diskutiert werden, desto mehr Akteure an den äußeren Rändern des politischen Spektrums schalten sich ein.
  • Vor allem Rechtsradikale vermischen Corona-Verschwörungstheorien mit antisemitischen und islamfeindlichen Narrativen, wettern gegen Flüchtlinge und machen sich über LGBTQ lustig.
  • Eine Untersuchung der BBC zeigt, dass rassistische und menschenfeindliche Stimmungsmache zunehmend mit Corona-Bezug versehen wird: Das Virus sei eine geheime Waffe der Juden/Islamisten/“globalen Eliten“, heißt es dann etwa.
  • Teils vermischen sich auch linkes und rechtes Lager (Belltower News), was sich etwa auf den Hygienedemos vor der Berliner Volksbühne zeigt.

Sie alle kommen aus unterschiedlichen Ecken. Aber sie alle sehen sich als Verteidiger der Freiheit und des Grundgesetzes, alle reden von einem Notstandsregime, die meisten vergleichen die Situation auf die eine oder andere Art mit dem Jahr 1933, dem Faschismus (Lenz) oder warnen vor einem zweiten Auschwitz (Jebsen). Und alle reden von der Gleichschaltung der freien Presse.

  • Hinzu kommen staatliche Akteure, vor allem aus Russland (EU vs Disinfo) und China (Telegraph).

Wer die Infodemie befeuert

Neben den Urheberïnnen des Unsinns gibt es Verbreiterïnnen, die mindestens genauso entscheidend sind:

  • Hinzu kommen Wissenschaftlerïnnen, die zwar Doktor- oder Professorentitel besitzen und einst seriös gearbeitet haben mögen, heute aber vor allem durch Geraune und haltlose Behauptungen auffallen.
  • Sie verbreiten keinen völlig Unsinn, bewegen sich teils aber an der Grenze zu Desinformation und werden oft von deutlich extremeren Kreisen rezipiert und weiter verbreitet.
  • Diese vermeintlichen Expertïnnen nehmen eine wichtige Schnittstellenfunktion ein und sind für viele Menschen eine Art „Einstiegsdroge“, über die sie allmählich in die Ecke der Verschwörungstheoretiker abrutschen.
  • Einer Studie des Reuters Instituts zufolge stammt zwar nur ein Fünftel der desinformierenden Beiträge von Politikerïnnen und Promis, sie lösen aber 69 Prozent der Interaktionen aus.
  • Auch in Deutschland sind es Prominente wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann, die Verschwörungsmythen verbreiten und teils offen zu bewaffnetem Widerstand aufrufen (Volksverpetzer) und damit Hunderttausende erreichen.

Was die Plattformen tun können

Wir haben die Rolle von Facebook, YouTube und anderen Unternehmen in der Corona-Krise in diesem Newsletter immer wieder ausführlich beleuchtet. An unserer grundlegenden Einschätzung ändert sich nichts: Wir glauben, dass die Plattformen in den vergangenen Monaten schneller und entschiedener handeln, als sie das jemals zuvor getan haben. Dafür gebührt ihnen Respekt.

Trotzdem sind die großen Netzwerke immer noch weit davon entfernt, alles richtig zu machen:

  • Facebook will Nutzerïnnen, die Corona-Fehlinformationen teilen, nur vage Warnungen anzeigen, die keinen Bezug auf ihr eigenes Posting nehmen. Studien hätten gezeigt, dass man sonst einen Backfire-Effekt auslösen könne, sagt Facebook (mehr dazu in Briefing #631)
  • Jetzt sagen Forscher: In dieser Konstellation gibt es keinen Backfire-Effekt (Statnews) – pikanterweise sind es die Autoren der Studien, die Facebook zitiert.

We’re right now in the middle of a natural experiment, so what I would like to see is the platforms do more but then allow academics to test alongside them to see what the effects are. All of them are doing different things but what we’re lacking is transparency and oversight.

Be smart

Die letzten Worte überlassen wir diesmal anderen – ein Zitat stimmt sorgenvoll, eins macht Mut.

Claire Wardle warnt vor den Langzeitfolgen der Infodemie (Huffington Post), die bislang kaum diskutiert werden:

My fear is if we’ve got 18 months of conspiracies about Bill Gates, where does that lead us to as a society? We have to think about the longer term rather than if one particular piece of content breaks the rules.

Diese wichtige Einordnung von Christian Fahrenbach unterstreicht dagegen (Mailchimp), dass es um ein Vielfaches mehr vernünftige und hilfsbereite Menschen gibt als protestierende Idioten – und das gilt zum Glück sowohl für die USA als auch für Deutschland:

Tagelang haben die Bilder von martialisch Bewaffneten Protestlern die Runde gemacht, die sich gegen die angebliche Tyrannei der Coronamaßnahmen beschweren. Sie kamen dabei in den einigen Fällen auf kaum ein paar Dutzend Teilnehmer, mehr als einige Hundert waren es meines Wissens nach nie. (…) Ein Vorschlag: Geben wir solchen Demonstrationen die Luft zum Atmen, die ihnen aufgrund der Teilnehmerzahl zustehen. Rücken wir ins Verhältnis, dass Hunderte Millionen sich massiv einschränken und weitestgehend daheim bleiben. Schreiben wir darüber, dass allein in den wenigen Straßen von Midtown New York aktuell geschätzt rund 4.000 Krankenschwestern und Pfleger in Hotels untergebracht sind, angereist aus dem gesamten Land, um die Not in den überforderten Krankenhäusern der Stadt zu lindern.

Facebook, Google und Microsoft blasen zur Jagd auf Zoom

Was ist

Zoom ist in aller Munde und vor aller Augen. Die Plattform für Videokonferenzen zählt zu den größten Profiteuren der Corona-Krise. In Zeiten von Physical Distancing versuchen Menschen, zumindest virtuell sozialen Kontakt aufrechtzuerhalten – und das funktioniert auf Zoom so gut wie mit kaum einem anderen Dienst.

Was kommt

Der steile Aufstieg von Zoom hat schlafende Riesen geweckt. Das Silicon Valley reagiert spät, aber mit aller Macht: Facebook, Google und Microsoft wollen ihren Teil vom Videokuchen abhaben und verteilen intern Ressourcen neu, um ihre Produkte möglichst schnell auf Augenhöhe mit Zoom zu bringen – und nach Möglichkeit vorbeizuziehen.

Auch der Rest der Tech-Branche will mitspielen: Verizon hat den Dienst BlueJeans gekauft, Cisco pusht Webex als sichere Alternative zu Zoom (mit der wir in einem Test gute Erfahrungen gemacht haben), und auch Telegram hat Videotelefonie für Gruppen angekündigt.

Wir werden uns an dieser Stelle aber auf Facebook, Google und Microsoft beschränken – diese Konzerne haben qua Marktmacht und strategischen Möglichkeiten schlicht die größten Chancen, Zooms Siegeszug zu stoppen.

Warum das wichtig ist

„Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.” Das sagte der Futurist Gerd Leonhard bereits Anfang März (dirkvongehlen.de). In einem aktuellen Blogeintrag führt Dirk den Gedanken weiter aus:

„Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, ‚live‘ zu denken.“

Wir sind überzeugt, dass Dirk Recht hat. Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die sonst womöglich erst in einigen Jahren spürbar geworden wäre. Die Grenzen zwischen analoger und virtueller Realität werden verschwimmen, digitale Zusammenkünfte werden zunehmend normal werden.

Für Kulturpessimisten ist diese Vorstellung ein Graus („aber ‚echter’ Kontakt ist doch viel wertvoller”). Wir sehen in erster Linie die langfristigen Vorteile:

  • Im Privatleben müssen virtuelle Treffen analoge Begegnungen ja nicht ersetzen, sondern können sie ergänzen. Ein Zoom-Bier ist (oft) netter als ein Glas Wein allein.
  • Im Arbeitsleben dürften viele Unternehmen feststellen, dass strikte Präsenzkultur ein Dinosaurier ist. Home-Office, flexible Arbeitszeiten und Videokonferenzen können viele Mitarbeiterïnnen das Leben erleichtern.
  • Manchmal müssen Arbeitgeber zu ihrem Glück gezwungen werden. Das Coronavirus hat verkrustete Strukturen eingerissen, die nach der Krise kaum wieder alle aufgebaut werden dürften.

Kurzum: Videokonferenzen und Livestreams haben gerade ihre 15 Weeks of Fame. Wir glauben, dass daraus ein Dauerzustand werden wird, der Sozial- und Berufsleben prägt.

Was Zahlen und Fakten sagen

  • Einer Analyse von App Annie zufolge sind die Downloads von Zoom im vergangenen Monat um 740 Prozent gestiegen.
  • Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte Zoom 10 Millionen Nutzerïnnen – jetzt sind es mehr als 300 Millionen.
  • In den vergangenen Wochen haben sich 50 Millionen Menschen bei der Videochat-App Houseparty angemeldet, hinter der Fortnite-Entwickler Epic Games steckt.
  • Zoom hat bereits den Einzug in Popkultur und Alltagssprache gehalten. Begriffe wie „Zoombombing” (Wikipedia – mit 39 Quellen!) Und „Zoom-Fatigue” (SZ) zeigen, wie allgegenwärtig der Dienst ist.
  • Auch andere Dienste wachsen rasant: Täglich melden sich drei Millionen Menschen bei Google Meet an, die Zahl der täglichen Nutzerïnnen liegt bei mehr als 100 Millionen.
  • Facebooks Zahlen sind noch eindrücklicher: 700 Millionen Menschen videotelefonieren täglich mit dem Messenger und WhatsApp.

Was Facebook macht

Mark Zuckerberg soll Entwicklerïnnen auf neue Video-Produkte angesetzt haben (NYT), nachdem er gesehen hat, wie erfolgreich Zoom ist. Angeblich haben sich Facebook-Mitarbeiterïnnen in internen Foren staunend über die Zahlen ausgetauscht, die Zoom vorlegt.

Im Gespräch mit Casey Newton (The Verge) sagt Zuckerberg selbst, dass ihm das Thema Video am Herzen liegt:

„I’m very focused on remote presence: being able to feel like you’re with a person even when you can’t physically be there.“

Er glaubt, dass sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen wird:

„I’m sure there’s some kind of temporary peak now, but the trend has been going this direction for a while. (…) And I think that this period will accelerate that permanently by a few years.“

Deshalb hat Facebook eine Reihe von Updates verkündet (Facebook-Newsroom), die sich alle um das Thema Video drehen und im Laufe der kommenden Tage oder Wochen weltweit freigeschaltet werden:

  • Messenger Rooms ist eine Mischung aus Zoom und Houseparty: Nutzerïnnen können Chat-Räume eröffnen und bis zu 50 Teilnehmerïnnen einladen.
  • Man muss niemanden anrufen, sondern kann Rooms direkt aus der Facebook- oder Messenger-App heraus nutzen. Die Funktion taucht im Newsfeed, in Gruppen und auf Event-Seiten auf.
  • Bald soll Rooms für WhatsApp, Instagram und Facebooks Smart-Speaker Portal folgen.
  • Im Gegensatz zu WhatsApp ist die Video-Verbindung nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Facebook sagt aber, dass es daran arbeite (Facebook-Newsroom).
  • Das Unternehmen verspricht, keine Inhalte zu erfassen und die Metadaten nicht zu nutzen, um Anzeigen zu personalisieren.
  • Die Videoanrufe bei WhatsApp werden von vier auf acht Personen erweitert.
  • Facebook Live und Instagram Live erhalten etliche neue Funktionen, unter anderem kann man bald Geld verlangen, wenn man einen Livestream erstellt – spannend für Künsterïnnen oder Online-Seminare.

Was Google macht

Allo, Duo, Hangouts, Messages, Meet, Talk – Google hat in den vergangenen Jahren etliche Messenger und Videokonferenz-Dienste vorgestellt und teils wieder beerdigt. Auch wir haben Mühe, in dem Messenger-Chaos den Überblick zu behalten. Kürzlich wurde Hangouts Meet zu Meet (Google Cloud) und Hangouts Chat zu Chat (The Verge).

Es läuft also noch nicht alles rund bei Google, wie eine (leicht gekürzte) Anekdote zeigt, die das Unternehmen der New York Times zwar nicht bestätigen wollte – die Google aber auch nicht dementiert:

„Philipp Schindler, Google’s chief business officer, held a videoconference with thousands of the search giant’s employees using Google Meet. During the session, one employee asked why Zoom was reaping the biggest benefits even though Google had long offered Meet.

Mr. Schindler tried placating the engineer’s concerns, the people said. Then his young son stumbled into view of the camera and asked if his father was talking to his co-workers on Zoom. Mr. Schindler tried correcting him, but the boy went on to say how much he and his friends loved using Zoom.“

Immerhin scheint Google allmählich herauszufinden, welche Dienste es dauerhaft beibehalten will: Duo und Meet – einen unkomplizierten Facetime-Konkurrenten für private Anrufe, ein mächtigeres Tool für größere Gruppen und Unternehmen.

  • Im Laufe der vergangenen Monate hat Google Duo immer weiter aufgebohrt. Kürzlich kam ein größeres Update hinzu (Google-Blog), das unter anderem nochmals deutlich verbesserte Video-Qualität verspricht und die Zahl der möglich Teilnehmerïnnen bei Gruppentelefonate auf zwölf erhöht.
  • In unseren Tests war Duo unkompliziert und fast immer zuverlässig. Vor allem die Bildqualität überzeugt, insbesondere bei langsamem Wlan oder schlechtem mobilen Netz.
  • Bislang war Meet Business-Kundïnnen vorbehalten, die Googles G Suite abonniert haben. Nun wird die Plattform für alle Nutzerïnnen freigeschaltet – während Duo auch ohne Google-Konto funktioniert, braucht es für Meet aber einen Account.
  • Die Plattform ermöglicht Gruppenanrufe mit bis zu 100 Teilnehmerïnnen, bis 30. September gibt es keine zeitliche Begrenzung. Danach gilt ein Limit von 60 Minuten.
  • Native Apps gibt es nur für mobile Betriebssysteme, auf dem Desktop läuft Meet im Browser.
  • Google setzt auf Integration mit seinen bestehenden Diensten und verwebt Meet etwa eng mit Gmail. Außerdem soll das Bundle mit G Suite und dem Google Drive attraktiv für Unternehmen sein.

Was Microsoft macht

Genau wie Google hat Microsoft zwei Produkte im Portfolio: Skype und Teams. Ganz im Gegensatz zu Google scheint Microsoft aber nicht überzeugt zu sein, ob beide Dienste dauerhaft parallel existieren sollen – ein Statement ist vielsagend (The Verge):

„For now, Skype will remain a great option for customers who love it and want to connect with basic chat and video calling capabilities.“ The ‚for now‘ part of that statement is a telling sign that Microsoft’s focus is now Teams, not Skype.“

Wäre Skype noch ein eigenständiges Unternehmen und gäbe es noch Aktien zu kaufen – wir würden unser Geld woanders investieren.

Die Zahl der Menschen, die Skype täglich nutzen, stieg im vergangenen Monat zwar um 70 Prozent auf 40 Millionen. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das aber überschaubar – zumal Skype auf allen Windows-Rechnern vorinstalliert ist und damit eigentlich einen großen Wettbewerbsvorteil haben sollte.

Das Unternehmen pusht stattdessen Teams und will die Plattform, die sich einst nur an Unternehmen richtete, auch für Privatnutzerïnnen attraktiv machen (VentureBeat):

The company wants you to use Teams to plan trips, neighborhood gatherings, and book club meetings. You can share photos and videos in a group chat and make video calls, as you might expect. Additionally, you will soon be able to collaborate over shared to-do lists, assign tasks to specific people, and coordinate schedules.

Microsoft selbst bezeichnet Teams als „All-in-one-Hub für Arbeit und Leben”, während Skype in erster Linie eine Chat- und Video-Plattform sei. Die Update-Frequenz zeigt aber eindeutig, welcher Dienst höhere Priorität genießt.

Einem Bericht von The Verge zufolge will Microsoft Teams möglichst schnell neue Funktionen verpassen und hat dafür Entwicklerïnnen von anderen Aufgaben abgezogen. Skype Business ist bereits in Teams aufgegangen, Skype könnte folgen.

Ähnlich wie Mark Zuckerberg hält Jared Spataro, der das Team für Microsoft 365 leitet, den aktuellen Boom für eine nachhaltige Entwicklung (The Verge)

„The new normal is not going to be, like what I thought two weeks ago, that all is clear, go back everybody. There will be a new normal that will require us to continue to use these new tools for a long time. (…) I really feel this will be a turning point for how we work and learn because there are just some very real practical things happening that will mean we’ll never go back to the old way.“

Während Google Meet mit G Suite verwebt, will Microsoft Teams als Argument für das Microsoft-365-Abo (bis vor kurzem bekannt als Office 365) nutzen. Der Lock-in-Effekt, der bislang vor allem für Betriebssysteme und soziale Netzwerke galt, greift zunehmend auf Software-Bundles über.

Was Zoom macht

Während das halbe Valley das Kriegsbeil ausgegraben hat, gibt sich Zoom-Chef Eric Yuan ganz entspannt (NYT:

„Zoom’s chief executive, Eric Yuan, said in an interview this month that his company was not thinking about competition and was focused on users and their experience during a ‚once in a probably 100 years crisis.“

Das mag man glauben oder nicht (wir sind eher skeptisch). Fakt ist, dass Zoom momentan tatsächlich viel tut, um sein Produkt zu verbessern.

Die Plattform ist zwar einfach zu verstehen, leicht zu bedienen und funktioniert zuverlässig – auf den zweiten Blick gibt es aber etliche Mängel bei Datenschutz und Privatsphäre, die wir in Briefing #627 aufgelistet haben.

In Ausgabe #628 folgte das Update: Anfang April versprach Yuan im Blog des Unternehmens, man werde 90 Tage lang keine neuen Funktionen entwickeln, sondern sich darauf konzentrieren, Sicherheitslücken zu stopfen und Daten besser zu schützen.

Am Montag wurde Version 5.0 veröffentlicht – mit besserer Verschlüsselung und der Möglichkeit, Daten nicht mehr durch China leiten zu lassen. Dafür ist allerdings ein kostenpflichtiger Account nötig.

Be smart

Facebook hat Konkurrenten in der Vergangenheit oft einfach aufgekauft. Doch Zoom wird sich nicht schlucken lassen, wie das etwa bei WhatsApp und Instagram möglich war. Dafür ist das Unternehmen zu groß und mit einer Bewertung von knapp 50 Milliarden Dollar (Business Insider) auch zu teuer.

Snapchat und TikTok haben gezeigt, dass es möglich ist, sich dauerhaft zu etablieren, obwohl Facebook alles kopiert, was nicht bei Drei ein Patent angemeldet hat.

Die Technikgeschichte zeigt aber auch, dass Erfolg vergänglich ist. Wäre Covid-19 2011 ausgebrochen, hätte der große Krisengewinner Skype geheißen. Damals zahlte Microsoft 8,5 Milliarden Dollar für den Dienst, der so allgegenwärtig war, dass Skypen sogar ins Oxford-Dictionary aufgenommen wurde – nachdem The Onion zuvor noch Witze darüber gerissen hatte.

Doch es folgte eine Reihe von Fehlentscheidungen (The Verge), Microsoft verschlief die mobile Revolution, setzte auf die falsche Technologie, wollte zwischenzeitlich Snapchat kopieren und manövrierte Skype so ins Abseits.

Niemand weiß, ob Zoom-Chef Yuan die kommenden Trends frühzeitig antizipiert, um sein Unternehmen dauerhaft konkurrenzfähig zu halten. Google und Microsoft haben durch die Integration in G Suite und Microsoft 365 Vorteile – und Facebook kontrolliert drei der wichtigsten Plattformen der Welt, vernetzt 2,5 Milliarden Menschen und kann neue Produkte wie Rooms nahtlos integrieren.

Für Zuckerberg scheint Video ohnehin nur eine Zwischenstation zu sein (The Verge):

Clearly, there are a bunch of things that are kind of weird about just staring at a video screen. I did a management team meeting in VR earlier, when everyone was working from home. And even though VR is earlier in its development, and video presence is more mature, there’s something about the feeling of space. (…) There was something that felt a lot more real about that in a way. I do think that there are things that we’ll get to over time. Video presence is not the end of the line.


Foto-Quelle: Gabriel Benois, Unsplash


Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will

Was ist

Am Wochenende verkündeten Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung ihren Kurs bei der geplanten Proximity-Tracing-App ändert: Nachdem Deutschland wochenlang hartnäckig an einem Modell mit zentralem Server festgehalten hatte, bevorzugt sie nun einen dezentralen Ansatz.

Warum das wichtig ist

Keine App der Welt wird die Pandemie aufhalten. Aber Tracing-Technologie kann einer von vielen Bausteinen sein, um Kontaktpersonen von Erkrankten zu warnen und Infektionsketten zu unterbrechen.

Obwohl dieses Thema nicht direkt in unsere Kernkompetenz fällt, haben wir die Entwicklung deshalb fortlaufend und mit ausführlichen Analysen begleitet:

  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Um das Format dieses Newsletters nicht zu sprengen, setzen wir die bisherigen Briefings als bekannt voraus. Wir wiederholen nur die nötigsten Information und fokussieren uns darauf, die neuesten Entwicklungen zu beleuchten.

Warum die Entscheidung überraschend kommt

Die Bundesregierung hat sich vor Wochen für die europäische Plattform Pepp-PT ausgesprochen. Das Projekt sollte aus technologischer Perspektive agnostisch sein, also sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze ermöglichen. In Deutschland war aber ein Modell mit zentralem Server geplant.

In der vergangenen Wochen wurde es dann chaotisch:

  • In offenen Briefen warnten Wissenschaftlerïnnen vor „beispielloser Überwachung“, sechs netzpolitische Vereine und Verbände appellierten an die Regierung, ihren Kurs zu überdenken.
  • Aus dem Digitalausschuss gelangten widersprüchliche Aussagen an die Öffentlichkeit, die die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg in ihrem Blog beschreibt.
  • Mal hieß es, die Regierung sei nach wie vor von Pepp-PT überzeugt. Dann wurde kolpotiert, sie prüfe nun doch drei unterschiedliche Modelle, was das Kanzleramt wenige Stunden später wieder dementierte.
  • Spätestens am Freitag waren alle Beteiligten grundlegend verwirrt und niemand wusste mehr so richtig, was Sache ist – bis Helge Braun in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Kehrtwende bekanntgab.

Wie die Reaktionen ausfallen

Zusammen mit meinem SZ-Kollegen Daniel Brössler habe ich Stimmen aus der Opposition (SZ) und von netzpolitischen Vereinen wie dem CCC eingeholt. Für einen weiteren Text (SZ) habe ich mit Professoren für IT-Sicherheit sowie dem Richter und Grundrechtsaktivisten Ulf Buermeyer gesprochen. Die Zusammenfassung:

  • Linke, FDP und Grüne loben den Kurswechsel der Regierung.
  • Auch der CCC hält es für „genau die richtige Entscheidung“.
  • Forscherïnnen, die mittlerweile das dezentrale Modell DP-3T unterstützen, freuen sich über besseren Datenschutz und mehr Datensicherheit.
  • Buermeyer fürchtet dagegen, der öffentliche Streit könnte der Sache geschadet haben. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt er.
  • Womöglich habe die hitzige öffentliche Diskussion Menschen verunsichert, sodass sie der App nun misstrauen.
  • „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben“, sagt Buermeyer. Das könne auf Kosten der öffentlichen Gesundheit gehen.

Wie die App funktionieren soll

Wer den Unterschied zwischen Tracing und Tracking mittlerweile im Schlaf erklären kann, darf beim nächsten Punkt weiterlesen. Für alle anderen nochmal die Eckpunkte im Überblick:

  • Statt Menschen staatlich zu überwachen („Tracking“), dienen Tracing-Apps nur dazu, Kontakte nachzuverfolgen – wo sich die Personen begegnen, wird nicht erfasst.
  • Dafür speichern die Apps, welche Geräte sich nahekommen. Derzeit liegen die Parameter bei 15 Minuten und zwei Meter. Das lässt sich aber nachträglich den aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen anpassen.
  • Auf jedem Handy erzeugt die App einen geheimen, zufällig generierten Schlüssel. Daraus errechnet sie temporäre Proximity-IDs, die das Handy über den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE) überträgt.
  • Wenn sich zwei Smartphone annähern, sodass eine Ansteckung möglich wäre, speichern sie die Proximity-ID des jeweils anderen Geräts – auschließlich lokal auf dem Handy.
  • Wer positiv auf Covid-19 getestet wird, erhält einen Zugangscode vom Gesundheitsamt, der Missbrauch verhindern und Trolle abschrecken soll.
  • Damit ist es möglich, seinen geheimen Schlüssel auf einen Server hochzuladen, den wiederum alle anderen Geräte regelmäßig kontaktieren.
  • Aus den empfangenen Schlüsseln können andere Apps die Proximity-IDs der Infizierten berechnen und sie mit dem eigenen, lokal gespeicherten Kontakttagebuch abgleichen.
  • Wenn sich die Geräte zuvor begegnet sind, warnt die App und fordert zu Test und freiwilliger Quarantäne auf.

Wie sich die Ansätze unterscheiden

Die Modelle funktionieren ganz ähnlich und haben nur einen entscheidenden Unterschied:

  • Bei der dezentralen Lösung übermitteln Nutzerïnnen nur den Schlüssel ihres eigenen Smartphones auf einen Server.
  • Der Abgleich erfolgt lokal in der App auf den anderen Handys. Es entsteht also keine zentrale Datenbank mit Kontakten, der Social-Graph der Nutzerïnnen bleibt verborgen.
  • Dagegen speichert die zentrale Lösung die IDs der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen auf einem Server.
  • In der Theorie entsteht also ein sensibles Kontaktnetzwerk. Allerdings lassen die pseudonymen IDs keinen Rückschluss auf die Person zu, die dahintersteht.
  • Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung, die bewusste Kontakte per E-Mail, Telefon oder Messenger erfasst, gibt es beim Proximity-Tracing ein großes Rauschen, das gezielte individuelle Analysen erschwert.
  • Wer ein paar Stunden im Zug sitzt oder beim Einkaufen an der Kasse wartet, sammelt schnell etliche Kontaktpersonen, die aber keinen echten Social-Graph darstellen, sondern eher einen Random-Proximity-Graph.

Welche Vor- und Nachteile die Modelle haben

Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). In einem Gastbeitrag arbeiten Samuel Brack, Jeanette Hofmann, Leonie Reichert und Björn Scheuermann die Unterschiede genauer heraus (Netzpolitik). Wir glauben, dass es gute Argumente für beide Ansätze gibt:

  • Die dezentrale Lösung bietet weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus.
  • Eine Datenbank ist immer ein potenzielles Angriffsziel für kriminelle Hacker, dieses Risiko minimiert das dezentrale Modell.
  • Dafür gibt ein zentraler Server mit pseudonymisierten Kontaktdaten Epidemiologen die Möglichkeit, Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus zu gewinnen.
  • Außerdem könnte das Infektionsrisiko mit Hilfe von Machine-Learning-Modellen berechnet werden, sodass Kontaktpersonen zielgenauer gewarnt werden können.

Welche Rolle Apple und Google spielten

Neben der massiven öffentlichen Kritik der Forscherïnnen und Verbände dürften die beiden US-Konzerne eine entscheidende Rolle für den Sinneswandel der Regierung gespielt haben. Vor allem Apple hat die Verhandlungen maßgeblich geprägt:

  • Derzeit lässt sich BLE auf iOS-Geräten nur nutzen, wenn das Display aktiviert ist. Niemand installiert und verwendet eine App, die nur funktioniert, wenn der Bildschirm dauerhaft leuchtet.
  • Deshalb muss Apple für die App eine Art Sondergenehmigung programmieren. Diese API erlaubt es, auch im Hintergrund auf BLE zuzugreifen.
  • Apple und Google unterstützen aber nur dezentrale Ansätze, die sie für datenschutzfreundlicher halten. Bei einer zentralen Datenbank fürchten sie etwa Missbrauch durch autoritäre Regime.
  • Mehrere Quellen haben uns aus Verhandlungskreisen berichtet: Dort soll Apple den zentralen Ansatz seit Wochen hartnäckig blockieren.
  • Angeblich liegt die wochenlange Verzögerung von Pepp-PT – ursprünglich sollte die Plattform bereits am 7. April starten, die deutsche App war für kurz nach Ostern angekündigt – in erster Linie an der Hardball-Taktik von Apple.
  • Demnach haben die Entwicklerïnnen versucht, eine Art Hack einzuprogrammieren, um die Restriktion von iOS zu umgehen. Das soll viel Zeit gekostet haben.
  • Aus Gesundheitsministerium und Kanzleramt ist der Vorwurf zu hören, Apple wolle einer gewählten Regierung den eigenen Willen aufdrängen.
  • Beide Unternehmen erklären seit Jahren, dass sie digitale Gesundheitskonzerne werden wollen. Das löste Argwohn auf Seiten der Regierung und der Unterstützer einer zentralen Lösung aus, die ein Eigeninteresse der Unternehmen wittern.
  • In Telefonkonferenzen und Hintergrundgesprächen mit Apple und Google haben wir aber den Eindruck gewonnen, dass es in dem Fall nicht ums Geld, sondern um die Sache geht.
  • Apple wird alle Geräte mit iOS 13 unterstützen, Google setzt mindestens Android 6 voraus.
  • Das Update wird über die Google Play Services erfolgen. Der Vorteil: Hersteller müssen es nicht an ihre Android-Versionen anpassen, alle Nutzerïnnen erhalten es sofort. Der Nachteil: Wer ein neues Huawei-Handy besitzt oder in China lebt, bleibt außen vor – wegen des US-Handelembargos kann Huawei keine Google-Dienste nutzen.
  • Die Schnittstellen, an denen die Konzerne seit Wochen arbeiten, wurden vergangene Woche besser kryptografisch abgesichert und heißen nun auch nicht mehr „Contact Tracing“-, sondern „Exposure Notification“-APIs.
  • Das soll verdeutlichen, dass Apple und Google selbst eben keine Kontakdaten sammeln. Der Social-Graph wird lokal in der App berechnet, über die API werden keine persönlichen Daten abgegriffen.
  • Ein gewisses Grundvertrauen ist aber nötig, und zwar unabhängig davon, ob man einen zentralen oder dezentralen Ansatz wählt. Theoretisch könnte die API missbraucht werden. Allerdings soll der Code veröffentlicht werden, und Sicherheitsforscherïnnen dürften ganz genau hinschauen.
  • Außerdem könnten Apple und Google noch ganz andere Daten abgreifen: Sie stellen Betriebssysteme für Smartphones her, die Milliarden Menschen nutzen – und jedes einzelne ist nicht nur ein Peilsender, sondern enthält oft ein halbes, digital gespeichertes Leben: Fotos, Nachrichten, Anruflisten.
  • Wer diesen Unternehmen grundlegende Bösartigkeit unterstellt und es für möglich hält, dass sie Vertrauen auf derart kriminelle Art missbrauchen, sollte sich besser ein Nokia 3310 kaufen (und vielleicht einen Aluhut dazu).

Welche Hürden es gibt

In Briefing #630 haben wir unter den Kategorien „Verbreitung“, „Verwirrung“, „Zuverlässigkeit“, „Sicherheit“, „Psychologische und soziale Folgen“ und „Testkapazitäten“ etliche Herausforderungen aufgezählt, die Tracing-Apps überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Zwei Punkte dieser Liste wollen wir nochmal unterstreichen:

  • Um auf eine angestrebte Verbreitung von etwa 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, muss fast jeder Mensch, der ein technisch geeignetes Smartphone besitzt, die App installieren.
  • Dafür ist Vertrauen nötig – und das dürfte nach den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Woche zumindest bei einem Teil der potenziellen Nutzerïnnen angekratzt sein.
  • „Jetzt braucht es eine Kultur der App-Installationen“; sagt Buermeyer. „So wie wir das mit Masken machen: Wer eine trägt, handelt solidarisch und schützt vor allem andere.“
  • Über die Zuverlässigkeit wird unserer Meinung nach noch zu wenig gesprochen. BLE wurde nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen zwei Geräten zu ermitteln – dementsprechend wird der Abstand eher geschätzt als gemessen.
  • Je nach Smartphone-Modell unterscheidet sich die Signalstärke, in der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen.
  • Ein Forscherteam um Professor Gerhard Fettweis von der TU Dresden versucht seit Wochen, das System so zu kalibrieren, dass Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig identifiziert werden können.
  • Andere Wissenschaftlerïnnen loben seine Arbeit. „Das Forscherteam hat bei der Bluetooth-Kalibrierung viel geleistet“, sagt etwa IT-Professor Thorsten Holz. „Da sind wir in Deutschland vorn dabei.“
  • Allerdings zählt Fettweis zu den Unterstützern von Pepp-PT. Jetzt bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit auch in einen dezentralen Ansatz einfließt.

Was noch unklar ist

Das Ziel steht fest, Deutschland soll eine Tracing-App mit dezentraler Software-Architektur erhalten. Wie der Weg dorthin aussehen wird, wissen wir aber noch nicht:

  • Hinter dem zentralen Ansatz stand die Plattform Pepp-PT. Für eine dezentrale Lösung gibt es mehrere Konzepte, etwa das Bündnis DP-3T, die ito-App auf Grundlage des TCN-Protokolls und die Intiative GesundZusammen.
  • Auf welche Bausteine die deutsche App setzt, wird derzeit noch verhandelt.
  • Zumindest steht mittlerweile fest, dass die Deutsche Telekom und die SAP die Entwicklung unterstützen sollen (Bundesregierung.de). Außerdem beraten die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA.
  • Das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft leitete zuvor die Entwicklung der Pepp-PT-App. Das Helmholtz-Institut unterstützte Pepp-PR anfang ebenfalls, distanzierte sich aber und zeichnete den offenen Brief mit.
  • Es sind also Institute und Forscherïnnen beteiligt, die vor kurzem noch an konkurrierenden Projekten arbeiteten. Es wird wichtig sein, den Streit beizulegen und die Kräfte zu bündeln.
  • Spahn und Braun erwähnten in ihrer Erklärung am Wochenende auch die Möglichkeit, freiwillig zusätzliche Daten zu übermitteln.
  • Nun schreibt die Bundesregierung, es sei geplant, „einen Forschungsserver einzurichten, der auf Basis freiwilliger Datenspenden der Nutzer die pseudonymisierten Daten zur qualitätssichernden Analyse der Corona-App nutzen kann“.
  • Was das genau bedeutet? Zumindest wir wissen es nicht, und öffentlich ist bislang nicht mehr darüber bekannt. Man kann sich fragen, ob es eine gute Idee ist, die App mit einer solchen Funktionalität auszustatten. Immerhin soll die Datenspende freiwillig und opt-in-basiert bleiben.
  • Auch hinter dem Zeitplan stehen Fragezeichen. Apple will die APIs diese Woche veröffentlichen, doch bis die Apps angepasst sind und zuverlässig funktionieren, wird es wohl noch einige Wochen dauern. Mitte Mai dürfte eine eher optimistische Schätzung sein.

Be smart

In seinem Newsletter „The Interface“ versteckt Casey Newton eine wichtige Beobachtung in einem eingeklammerten Absatz im letzten Drittel (Revue):

(As an aside, the idea that we live in a time where Apple is telling Europe what forms of exposure notification will be permitted is basically the entire thesis behind / pitch for the existence of this newsletter. Not because I believe Apple abused its power, but because the world is still catching up to the idea that Apple and a handful other tech giants have this power.)

Das gilt für seinen Newsletter, aber natürlich genauso auch für uns. Die Pandemie zeigt erneut, welch zentralen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Funktionen Plattformen und Tech-Konzerne übernommen haben.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn wir die Wahl hätten, ob Tim Cook und Sundar Pichai oder Donald Trump und Jair Bolsonaro über Anti-Corona-Maßnahmen entscheiden sollen, müssten wir nicht lange grübeln. Natürlich denken diese Unternehmen auch ans Geldverdienen, aber das ist nicht verwerflich. Außerdem macht es sie berechenbar – im Gegensatz zu manchem Staatsoberhaupt.

Unabhängig vom Ergebnis kann man den Prozess hinterfragen: Ist es wünschenswert, dass private Konzerne demokratisch legitimierten Regierungen diktieren, wie sie die Pandemie zu bekämpfen haben? Dass Apple und Google in diesem Fall eine datenschutzfreundlichere Lösung erwirkt haben, ist bemerkenswert – aber wenn beim nächsten Mal ein Unternehmen wie Palantir, dessen Corona-Software Hessen nutzen will (SZ), mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht die Sache womöglich anders aus.

Know more

Auch andere Medien haben schöne Tracing-Analysen:

  • Ein siebenköpfiges Autorïnnenteam hat für Netzpolitik das wohl ultimative Q&A zur digitalen Kontaktverfolgung geschrieben: 22 Fragen und Antworten, fortlaufende Updates, und jede Menge weiterführende Links.
  • Etwas kürzer, aber genauso lesenswert ist die Analyse von Fabian A. Scherschel (Heise), der vor allem die technischen Details ausführlich und verständlich erklärt.
  • Der dritte empfehlenswerte Text hat nichts mit der deutschen App zu tun: Patrick Howell O’Neillarchive zählt fünf Dinge auf (MIT Technology Review), die es braucht, damit Contact-Tracing funktionieren kann – zum Beispiel 100.000 menschliche Tracer, die Kontakte manuell nachverfolgen. Merke: Technologie allein ist nie die Lösung.

Foto-Quelle: Mika Baumeister, Unsplash


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