Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will

Was ist

Am Wochenende verkündeten Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung ihren Kurs bei der geplanten Proximity-Tracing-App ändert: Nachdem Deutschland wochenlang hartnäckig an einem Modell mit zentralem Server festgehalten hatte, bevorzugt sie nun einen dezentralen Ansatz.

Warum das wichtig ist

Keine App der Welt wird die Pandemie aufhalten. Aber Tracing-Technologie kann einer von vielen Bausteinen sein, um Kontaktpersonen von Erkrankten zu warnen und Infektionsketten zu unterbrechen.

Obwohl dieses Thema nicht direkt in unsere Kernkompetenz fällt, haben wir die Entwicklung deshalb fortlaufend und mit ausführlichen Analysen begleitet:

  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Um das Format dieses Newsletters nicht zu sprengen, setzen wir die bisherigen Briefings als bekannt voraus. Wir wiederholen nur die nötigsten Information und fokussieren uns darauf, die neuesten Entwicklungen zu beleuchten.

Warum die Entscheidung überraschend kommt

Die Bundesregierung hat sich vor Wochen für die europäische Plattform Pepp-PT ausgesprochen. Das Projekt sollte aus technologischer Perspektive agnostisch sein, also sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze ermöglichen. In Deutschland war aber ein Modell mit zentralem Server geplant.

In der vergangenen Wochen wurde es dann chaotisch:

  • In offenen Briefen warnten Wissenschaftlerïnnen vor „beispielloser Überwachung“, sechs netzpolitische Vereine und Verbände appellierten an die Regierung, ihren Kurs zu überdenken.
  • Aus dem Digitalausschuss gelangten widersprüchliche Aussagen an die Öffentlichkeit, die die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg in ihrem Blog beschreibt.
  • Mal hieß es, die Regierung sei nach wie vor von Pepp-PT überzeugt. Dann wurde kolpotiert, sie prüfe nun doch drei unterschiedliche Modelle, was das Kanzleramt wenige Stunden später wieder dementierte.
  • Spätestens am Freitag waren alle Beteiligten grundlegend verwirrt und niemand wusste mehr so richtig, was Sache ist – bis Helge Braun in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Kehrtwende bekanntgab.

Wie die Reaktionen ausfallen

Zusammen mit meinem SZ-Kollegen Daniel Brössler habe ich Stimmen aus der Opposition (SZ) und von netzpolitischen Vereinen wie dem CCC eingeholt. Für einen weiteren Text (SZ) habe ich mit Professoren für IT-Sicherheit sowie dem Richter und Grundrechtsaktivisten Ulf Buermeyer gesprochen. Die Zusammenfassung:

  • Linke, FDP und Grüne loben den Kurswechsel der Regierung.
  • Auch der CCC hält es für „genau die richtige Entscheidung“.
  • Forscherïnnen, die mittlerweile das dezentrale Modell DP-3T unterstützen, freuen sich über besseren Datenschutz und mehr Datensicherheit.
  • Buermeyer fürchtet dagegen, der öffentliche Streit könnte der Sache geschadet haben. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt er.
  • Womöglich habe die hitzige öffentliche Diskussion Menschen verunsichert, sodass sie der App nun misstrauen.
  • „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben“, sagt Buermeyer. Das könne auf Kosten der öffentlichen Gesundheit gehen.

Wie die App funktionieren soll

Wer den Unterschied zwischen Tracing und Tracking mittlerweile im Schlaf erklären kann, darf beim nächsten Punkt weiterlesen. Für alle anderen nochmal die Eckpunkte im Überblick:

  • Statt Menschen staatlich zu überwachen („Tracking“), dienen Tracing-Apps nur dazu, Kontakte nachzuverfolgen – wo sich die Personen begegnen, wird nicht erfasst.
  • Dafür speichern die Apps, welche Geräte sich nahekommen. Derzeit liegen die Parameter bei 15 Minuten und zwei Meter. Das lässt sich aber nachträglich den aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen anpassen.
  • Auf jedem Handy erzeugt die App einen geheimen, zufällig generierten Schlüssel. Daraus errechnet sie temporäre Proximity-IDs, die das Handy über den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE) überträgt.
  • Wenn sich zwei Smartphone annähern, sodass eine Ansteckung möglich wäre, speichern sie die Proximity-ID des jeweils anderen Geräts – auschließlich lokal auf dem Handy.
  • Wer positiv auf Covid-19 getestet wird, erhält einen Zugangscode vom Gesundheitsamt, der Missbrauch verhindern und Trolle abschrecken soll.
  • Damit ist es möglich, seinen geheimen Schlüssel auf einen Server hochzuladen, den wiederum alle anderen Geräte regelmäßig kontaktieren.
  • Aus den empfangenen Schlüsseln können andere Apps die Proximity-IDs der Infizierten berechnen und sie mit dem eigenen, lokal gespeicherten Kontakttagebuch abgleichen.
  • Wenn sich die Geräte zuvor begegnet sind, warnt die App und fordert zu Test und freiwilliger Quarantäne auf.

Wie sich die Ansätze unterscheiden

Die Modelle funktionieren ganz ähnlich und haben nur einen entscheidenden Unterschied:

  • Bei der dezentralen Lösung übermitteln Nutzerïnnen nur den Schlüssel ihres eigenen Smartphones auf einen Server.
  • Der Abgleich erfolgt lokal in der App auf den anderen Handys. Es entsteht also keine zentrale Datenbank mit Kontakten, der Social-Graph der Nutzerïnnen bleibt verborgen.
  • Dagegen speichert die zentrale Lösung die IDs der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen auf einem Server.
  • In der Theorie entsteht also ein sensibles Kontaktnetzwerk. Allerdings lassen die pseudonymen IDs keinen Rückschluss auf die Person zu, die dahintersteht.
  • Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung, die bewusste Kontakte per E-Mail, Telefon oder Messenger erfasst, gibt es beim Proximity-Tracing ein großes Rauschen, das gezielte individuelle Analysen erschwert.
  • Wer ein paar Stunden im Zug sitzt oder beim Einkaufen an der Kasse wartet, sammelt schnell etliche Kontaktpersonen, die aber keinen echten Social-Graph darstellen, sondern eher einen Random-Proximity-Graph.

Welche Vor- und Nachteile die Modelle haben

Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). In einem Gastbeitrag arbeiten Samuel Brack, Jeanette Hofmann, Leonie Reichert und Björn Scheuermann die Unterschiede genauer heraus (Netzpolitik). Wir glauben, dass es gute Argumente für beide Ansätze gibt:

  • Die dezentrale Lösung bietet weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus.
  • Eine Datenbank ist immer ein potenzielles Angriffsziel für kriminelle Hacker, dieses Risiko minimiert das dezentrale Modell.
  • Dafür gibt ein zentraler Server mit pseudonymisierten Kontaktdaten Epidemiologen die Möglichkeit, Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus zu gewinnen.
  • Außerdem könnte das Infektionsrisiko mit Hilfe von Machine-Learning-Modellen berechnet werden, sodass Kontaktpersonen zielgenauer gewarnt werden können.

Welche Rolle Apple und Google spielten

Neben der massiven öffentlichen Kritik der Forscherïnnen und Verbände dürften die beiden US-Konzerne eine entscheidende Rolle für den Sinneswandel der Regierung gespielt haben. Vor allem Apple hat die Verhandlungen maßgeblich geprägt:

  • Derzeit lässt sich BLE auf iOS-Geräten nur nutzen, wenn das Display aktiviert ist. Niemand installiert und verwendet eine App, die nur funktioniert, wenn der Bildschirm dauerhaft leuchtet.
  • Deshalb muss Apple für die App eine Art Sondergenehmigung programmieren. Diese API erlaubt es, auch im Hintergrund auf BLE zuzugreifen.
  • Apple und Google unterstützen aber nur dezentrale Ansätze, die sie für datenschutzfreundlicher halten. Bei einer zentralen Datenbank fürchten sie etwa Missbrauch durch autoritäre Regime.
  • Mehrere Quellen haben uns aus Verhandlungskreisen berichtet: Dort soll Apple den zentralen Ansatz seit Wochen hartnäckig blockieren.
  • Angeblich liegt die wochenlange Verzögerung von Pepp-PT – ursprünglich sollte die Plattform bereits am 7. April starten, die deutsche App war für kurz nach Ostern angekündigt – in erster Linie an der Hardball-Taktik von Apple.
  • Demnach haben die Entwicklerïnnen versucht, eine Art Hack einzuprogrammieren, um die Restriktion von iOS zu umgehen. Das soll viel Zeit gekostet haben.
  • Aus Gesundheitsministerium und Kanzleramt ist der Vorwurf zu hören, Apple wolle einer gewählten Regierung den eigenen Willen aufdrängen.
  • Beide Unternehmen erklären seit Jahren, dass sie digitale Gesundheitskonzerne werden wollen. Das löste Argwohn auf Seiten der Regierung und der Unterstützer einer zentralen Lösung aus, die ein Eigeninteresse der Unternehmen wittern.
  • In Telefonkonferenzen und Hintergrundgesprächen mit Apple und Google haben wir aber den Eindruck gewonnen, dass es in dem Fall nicht ums Geld, sondern um die Sache geht.
  • Apple wird alle Geräte mit iOS 13 unterstützen, Google setzt mindestens Android 6 voraus.
  • Das Update wird über die Google Play Services erfolgen. Der Vorteil: Hersteller müssen es nicht an ihre Android-Versionen anpassen, alle Nutzerïnnen erhalten es sofort. Der Nachteil: Wer ein neues Huawei-Handy besitzt oder in China lebt, bleibt außen vor – wegen des US-Handelembargos kann Huawei keine Google-Dienste nutzen.
  • Die Schnittstellen, an denen die Konzerne seit Wochen arbeiten, wurden vergangene Woche besser kryptografisch abgesichert und heißen nun auch nicht mehr „Contact Tracing“-, sondern „Exposure Notification“-APIs.
  • Das soll verdeutlichen, dass Apple und Google selbst eben keine Kontakdaten sammeln. Der Social-Graph wird lokal in der App berechnet, über die API werden keine persönlichen Daten abgegriffen.
  • Ein gewisses Grundvertrauen ist aber nötig, und zwar unabhängig davon, ob man einen zentralen oder dezentralen Ansatz wählt. Theoretisch könnte die API missbraucht werden. Allerdings soll der Code veröffentlicht werden, und Sicherheitsforscherïnnen dürften ganz genau hinschauen.
  • Außerdem könnten Apple und Google noch ganz andere Daten abgreifen: Sie stellen Betriebssysteme für Smartphones her, die Milliarden Menschen nutzen – und jedes einzelne ist nicht nur ein Peilsender, sondern enthält oft ein halbes, digital gespeichertes Leben: Fotos, Nachrichten, Anruflisten.
  • Wer diesen Unternehmen grundlegende Bösartigkeit unterstellt und es für möglich hält, dass sie Vertrauen auf derart kriminelle Art missbrauchen, sollte sich besser ein Nokia 3310 kaufen (und vielleicht einen Aluhut dazu).

Welche Hürden es gibt

In Briefing #630 haben wir unter den Kategorien „Verbreitung“, „Verwirrung“, „Zuverlässigkeit“, „Sicherheit“, „Psychologische und soziale Folgen“ und „Testkapazitäten“ etliche Herausforderungen aufgezählt, die Tracing-Apps überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Zwei Punkte dieser Liste wollen wir nochmal unterstreichen:

  • Um auf eine angestrebte Verbreitung von etwa 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, muss fast jeder Mensch, der ein technisch geeignetes Smartphone besitzt, die App installieren.
  • Dafür ist Vertrauen nötig – und das dürfte nach den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Woche zumindest bei einem Teil der potenziellen Nutzerïnnen angekratzt sein.
  • „Jetzt braucht es eine Kultur der App-Installationen“; sagt Buermeyer. „So wie wir das mit Masken machen: Wer eine trägt, handelt solidarisch und schützt vor allem andere.“
  • Über die Zuverlässigkeit wird unserer Meinung nach noch zu wenig gesprochen. BLE wurde nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen zwei Geräten zu ermitteln – dementsprechend wird der Abstand eher geschätzt als gemessen.
  • Je nach Smartphone-Modell unterscheidet sich die Signalstärke, in der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen.
  • Ein Forscherteam um Professor Gerhard Fettweis von der TU Dresden versucht seit Wochen, das System so zu kalibrieren, dass Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig identifiziert werden können.
  • Andere Wissenschaftlerïnnen loben seine Arbeit. „Das Forscherteam hat bei der Bluetooth-Kalibrierung viel geleistet“, sagt etwa IT-Professor Thorsten Holz. „Da sind wir in Deutschland vorn dabei.“
  • Allerdings zählt Fettweis zu den Unterstützern von Pepp-PT. Jetzt bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit auch in einen dezentralen Ansatz einfließt.

Was noch unklar ist

Das Ziel steht fest, Deutschland soll eine Tracing-App mit dezentraler Software-Architektur erhalten. Wie der Weg dorthin aussehen wird, wissen wir aber noch nicht:

  • Hinter dem zentralen Ansatz stand die Plattform Pepp-PT. Für eine dezentrale Lösung gibt es mehrere Konzepte, etwa das Bündnis DP-3T, die ito-App auf Grundlage des TCN-Protokolls und die Intiative GesundZusammen.
  • Auf welche Bausteine die deutsche App setzt, wird derzeit noch verhandelt.
  • Zumindest steht mittlerweile fest, dass die Deutsche Telekom und die SAP die Entwicklung unterstützen sollen (Bundesregierung.de). Außerdem beraten die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA.
  • Das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft leitete zuvor die Entwicklung der Pepp-PT-App. Das Helmholtz-Institut unterstützte Pepp-PR anfang ebenfalls, distanzierte sich aber und zeichnete den offenen Brief mit.
  • Es sind also Institute und Forscherïnnen beteiligt, die vor kurzem noch an konkurrierenden Projekten arbeiteten. Es wird wichtig sein, den Streit beizulegen und die Kräfte zu bündeln.
  • Spahn und Braun erwähnten in ihrer Erklärung am Wochenende auch die Möglichkeit, freiwillig zusätzliche Daten zu übermitteln.
  • Nun schreibt die Bundesregierung, es sei geplant, „einen Forschungsserver einzurichten, der auf Basis freiwilliger Datenspenden der Nutzer die pseudonymisierten Daten zur qualitätssichernden Analyse der Corona-App nutzen kann“.
  • Was das genau bedeutet? Zumindest wir wissen es nicht, und öffentlich ist bislang nicht mehr darüber bekannt. Man kann sich fragen, ob es eine gute Idee ist, die App mit einer solchen Funktionalität auszustatten. Immerhin soll die Datenspende freiwillig und opt-in-basiert bleiben.
  • Auch hinter dem Zeitplan stehen Fragezeichen. Apple will die APIs diese Woche veröffentlichen, doch bis die Apps angepasst sind und zuverlässig funktionieren, wird es wohl noch einige Wochen dauern. Mitte Mai dürfte eine eher optimistische Schätzung sein.

Be smart

In seinem Newsletter „The Interface“ versteckt Casey Newton eine wichtige Beobachtung in einem eingeklammerten Absatz im letzten Drittel (Revue):

(As an aside, the idea that we live in a time where Apple is telling Europe what forms of exposure notification will be permitted is basically the entire thesis behind / pitch for the existence of this newsletter. Not because I believe Apple abused its power, but because the world is still catching up to the idea that Apple and a handful other tech giants have this power.)

Das gilt für seinen Newsletter, aber natürlich genauso auch für uns. Die Pandemie zeigt erneut, welch zentralen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Funktionen Plattformen und Tech-Konzerne übernommen haben.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn wir die Wahl hätten, ob Tim Cook und Sundar Pichai oder Donald Trump und Jair Bolsonaro über Anti-Corona-Maßnahmen entscheiden sollen, müssten wir nicht lange grübeln. Natürlich denken diese Unternehmen auch ans Geldverdienen, aber das ist nicht verwerflich. Außerdem macht es sie berechenbar – im Gegensatz zu manchem Staatsoberhaupt.

Unabhängig vom Ergebnis kann man den Prozess hinterfragen: Ist es wünschenswert, dass private Konzerne demokratisch legitimierten Regierungen diktieren, wie sie die Pandemie zu bekämpfen haben? Dass Apple und Google in diesem Fall eine datenschutzfreundlichere Lösung erwirkt haben, ist bemerkenswert – aber wenn beim nächsten Mal ein Unternehmen wie Palantir, dessen Corona-Software Hessen nutzen will (SZ), mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht die Sache womöglich anders aus.

Know more

Auch andere Medien haben schöne Tracing-Analysen:

  • Ein siebenköpfiges Autorïnnenteam hat für Netzpolitik das wohl ultimative Q&A zur digitalen Kontaktverfolgung geschrieben: 22 Fragen und Antworten, fortlaufende Updates, und jede Menge weiterführende Links.
  • Etwas kürzer, aber genauso lesenswert ist die Analyse von Fabian A. Scherschel (Heise), der vor allem die technischen Details ausführlich und verständlich erklärt.
  • Der dritte empfehlenswerte Text hat nichts mit der deutschen App zu tun: Patrick Howell O’Neillarchive zählt fünf Dinge auf (MIT Technology Review), die es braucht, damit Contact-Tracing funktionieren kann – zum Beispiel 100.000 menschliche Tracer, die Kontakte manuell nachverfolgen. Merke: Technologie allein ist nie die Lösung.

Foto-Quelle: Mika Baumeister, Unsplash


Warum Menschen aus Angst vor Corona 5G-Mobilfunkmasten anzünden

Was ist

Besorgte Bürgerïnnen haben in Großbritannien mindestens 20 Mobilfunkmasten angegriffen und angezündet (Guardian). Außerdem wurden Ingieneurïnnen und andere Angestellte der Betreiber beschimpft und bedroht (Guardian).

Was dahintersteckt

Die Attacken wurden von hanebüchene Verschwörungstheorien befeuert. Angeblich übertrage 5G-Strahlung die Lungenkrankheit Covid-19. Videos und andere Beiträge mit solchen unwissenschaftlichen und nachweislich falschen Behauptungen verbreiten sich in sozialen Netzwerken und erreichen Millionen Menschen.

Als ob die Brandstiftungen nicht schon absurd genug wären, gibt es einen weiteren Treppenwitz: Ein Großteil der beschädigten Masten sendet nur mit 3G- und 4G-Standard. Die Angreifer haben damit ausgerechnet jene Mobilfunktechnik zerstört, die in der aktuellen Situation für Sanitäterïnnen und anderes medizinisches Personal besonders wichtig ist, um sich zu koordinieren.

Warum das wichtig ist

Die Vorfälle zeigen erneut, dass Falschnachrichten reale Konsequenzen haben. In Briefing #623 haben wir analysiert, warum die Infodemie genauso gefährlich ist wie die Pandemie. Lügen und Gerüchte können dazu führen, dass sich Menschen leichtfertig verhalten, Abstandsregeln ignorieren und Menschenleben riskieren – oder sie lösen Panik aus.

Psychologisch ist das nachvollziehbar. In Krisensituationen suchen Menschen nach Halt. Sie sammeln Informationen, um die Lage besser einschätzen zu können. Das ist evolutionär gelerntes Verhalten und war einst überlebenswichtig. Doch mittlerweile gibt es ein Überangebot an Informationen – und gerade in sozialen Medien sind viele davon irreführend oder falsch.

Schon immer habe Unsicherheit dazu geführt, dass sich Gerüchte ausbreiten, schreibt die Professorin Kate Starbird (Medium), die zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht. Im aktuellen Ausnahmezustand löst das eine Flut an Falschnachrichten und Verschwörungstheorien aus, die teils bewusst gestreut werden.

Was die Plattformen tun

Nachdem die ersten Masten brannten, schaltete sich die britische Regierung ein. Sie drängte Plattformen wie Facebook, WhatsApp, YouTube und Twitter, aktiv gegen den 5G-Unfug vorzugehen. „Hammer this message home“, habe die Forderung gelautet (Guardian).

Ob der politische Druck eine Rolle spielte ist unklar. YouTube und Facebook reagierten jedenfalls schnell:

  • YouTube will die Reichweite von Videos, die 5G-Strahlung für Covid-19 verantwortlich machen, künftig drosseln (Guardian) oder die Inhalte ganz löschen, wenn sie gegen YouTubes Regeln verstoßen.
  • Facebook kündigte an, Beiträge zu sperren, die einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard und der Krankheit herstellen, wenn sie eine physische Gefahr darstellen.
  • Unabhängig von 5G hat YouTube Tausende Video gelöscht (Axios), die medizinische Falschinformationen zum Coronavirus enthalten. Die Plattform versucht, stattdessen seriöse Quellen wie die WHO und glaubwürdige Medien zu stärken.
  • Auch Whatsapp verschärft sein Vorgehen gegen viralen Corona-Quatsch (SZ): Nachrichten, die bereits mehrfach weitergeleitet wurden, lassen sich nur noch an einzelne Kontakte weiterschicken. Das soll helfen, Kettenbriefe mit Gerüchten und Falschnachrichten zu verhindern.

Das passt zu unserer bisherigen Einschätzung, die wir etwa in Ausgabe #620 und #624 formuliert haben. Damals schrieben wir:

In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

Die vergangenen Wochen haben deutlich gemacht, dass Facebook, Google und Co. sehr wohl schnell und entschlossen handeln können. In einer Telefonschalte mit Journalistïnnen sagte Mark Zuckerberg (SZ): „Man kann nicht einfach ‚Feuer‘ in einem vollen Theater schreien.“ Das bezog er auf Falschnachrichten zum Coronavirus. Deshalb greife Facebook bei solcher Desinformation härter durch, als es das in der Vergangenheit getan habe.

Wir können nicht beurteilen, ob jede einzelne Maßnahme der Plattformen das gewünschte Ziel erreicht. Aber niemand kann ihnen absprechen, dass sie sich anstrengen, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein.

Diesen Eindruck haben auch etliche Hintergrundgespräche verfestigt, die wir in den vergangenen Wochen geführt haben. Neue Funktionen werden plötzlich nebensächlich, und die besten Entwicklerïnnen kümmern sich nicht mehr nur noch darum, wie man möglichst viel Geld verdienen, sondern fragen sich, wie man möglichst viele Leben retten kann.

Warum die 5G-Panik verfängt

Es vermischen sich Technophobie und eine weltweite Pandemie. Verschärfend hinzu kommen Zehntausende lokale Nachbarschaftsgruppen in sozialen Netzwerken und Messengern, die Menschen gegründet haben, um sich über das Virus auszutauschen – und in denen jetzt auch Falschnachrichten kursieren.

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Wie Medien und Prominente alles noch schlimmer machen

Ahnungs- oder gewissenlose Portale wie der Daily Star schreiben Überschriften wie „Coronavirus: Fears 5G wifi networks could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Nach einem Faktencheck der Organisation Fullfact lautet die Überschrift nun: „Activists in bizarre claim 5G could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Um die Verbreitung zu stoppen, sind solche nachträglichen Korrekturen natürlich zu spät.

Noch größeren Schaden richten Prominente wie der Boxer Amir Khan (Independent) oder der Schauspieler Woody Harrelson (Buzzfeed) an, die Videos mit Verschwörungstheorien teilen oder auf dubiose Petitionen verlinken. Sie agieren als Influencer im Wortsinn – nur dass sie statt Werbung Panik verbreiten.

Wo die Verschwörungstheorien herkommen

Wir wollen die absurden Behauptungen nicht im Einzelnen nacherzählen. Das gibt ihnen zu viel Raum. Lieber beschränken wir uns auf einige Hintergrundinformationen und Eckpunkte:

  • Widerstand gegen 5G ist im Netz seit Jahren ein großes Thema. „Seit 5G bekomme ich wäschekörbeweise Zuschriften“, sagte Dorothee Bär im Oktober. Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Wer eine der zahlreichen Anti-5G-Demos besucht, denkt plötzlich ganz neu über das Wort besorgte Bürgerïnnen nach.
  • Verschwörungstheorien über 5G werden Hunderttausendfach geteilt (Buzzfeed) und finden auch in QAnon-Kreisen großen Anklang – dort vermischt sich die Technophobie mit Antisemitismus und Rassismus.
  • Die aktuellen Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Covid-19 konstruieren, wurden wohl maßgeblich durch ein – online mittlerweile gelöschtes – Interview mit einem dubiosen Arzt in einer belgischen Lokalzeitung ausgelöst (Wired).
  • Der verlinkte Wired-Text erzählt detailliert nach, wie sich der Unfug über vermeintliche Expertïnnen, Infowars, russische Medien und hauptberufliche Verschwörungstheoretiker wie den ehemaligen Fußballprofi David Icke im ganzen Netz ausbreitet. Die Dynamik ist faszinierend, das Ergebnis ist erschreckend.

The big picture: Die 5G-Theorien sind nur eine von vielen üblen Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Während Trump Covid-19 lange Zeit verharmlost hat und China dafür verantwortlich machen will, versucht die chinesische Regierung über Staatsmedien und mit Werbung auf Facebook und Instagram, ihrerseits den USA die Schuld in die Schuhe zu schieben (Telegraph).

Wo sich die zwei Großmächte streiten, will natürlich auch Russland mitmischen. Kremltreue Medien wie RT verbreiten haltlose Behauptungen (Belltower), die sich teils mit antisemitischen Motiven vermischen. Meist wird nahegelegt, die USA hätten das Virus erschaffen (EU vs Disinfo).

Be smart

Verschwörungstheorien sind nichts Neues. Auch neue Technik hat seit jeher Widerstand ausgelöst. Als 3G eingeführt wurde, gab es ebenfalls Angriffe auf Funkmasten. Mobilfunkstrahlen, Mikrowellen, Wlan – Fortschritt macht Menschen Angst.

Die aktuellen Umstände potenzieren das Problem jedoch: eine virologische Pandemie, eine virale Infodemie und nahezu unkontrollierbare, Ende-zu-Ende verschlüsselte Messenger, die als Gerüchteschleuder dienen.

Deshalb ist es wichtig, selbst alles dafür zu tun, dass sie die Falschnachrichten nicht weiterverbreiten. Dieser BBC-Artikel ist ein guter Anfang: David Robson erklärt, warum auch kluge Menschen groben Unsinn glauben und wie man dem am besten entgegentritt: nicht überheblich oder brüsk, sondern mit möglichst präzisen und einfach formulierten Argumenten.


Grafik: Julia Tripke


Digitales Lagerfeuer: Warum Messenger, Micro-Communities und Shared Experiences boomen

Digitales Lagerfeuer: Warum Messenger, Micro-Communities und Shared Experiences boomen

Was ist: Die Zeit, die Menschen mit Social-Media-Angeboten verbringen, steigt weltweit.¹ Und auch die Plattformen selbst wachsen – mit Blick auf den Umsatz und auch hinsichtlich der Nutzerzahlen.² Soweit alles bekannt. Wer allerdings etwas tiefer gräbt, bekommt ein wesentlich nuancierteres Bild. Denn junge Menschen sind für diese Steigerungen nur bedingt verantwortlich. Sie versammeln sich nämlich zunehmend lieber um digitale Lagerfeuer. Genauer gesagt boomen derzeit…

  • Messenger (WhatsApp, FB Messenger, iMessage, IG Close Friends)
  • Micro-Communities (FB Gruppen, Slack, Discord, Subreddits)
  • Shared Experiences (Fortnite, Twitch)

Was genau hat sich verändert?

  • Eine Studie von Edison Research und Triton Digital zeigt, dass die Social-Media-Nutzung von 13- bis 34-jährigen Amerikanerïnnen stagniert, bzw. sogar abnimmt.
  • Eine Untersuchung des Global Web Index unterstreicht diese Tendenz und zeigt, dass die mit Social Media verbrachte Zeit in der Generation Y (aka Millennials) und Z nicht so stark wächst wie in den Jahren zuvor.
  • Auch in Deutschland erfreuen sich Instagram und Facebook laut aktueller ARD-ZDF-Onlinestudie zwar weiterhin grundsätzlich großer Beliebtheit, längst hat sich aber WhatsApp als populärstes Kommunikationswerkzeug etabliert.

Warum ist das so?

  • Nachdem Menschen jahrelang an ihren digitalen Identitäten gepfeilt haben und dabei jede Menge Freunde, Bekannte, Verwandte, Fremde und Kollegen angehäuft haben, sehnen sie sich nun auch online nach Freundschaften, die vor allem auf geteilten Interessen beruhen.
  • Auch teilen viele Social-Media-Nutzerïnnen ein großes Verlangen danach, wieder authentisch agieren zu können. Nicht von ungefähr löschen Kids ihre Posts mitunter genauso schnell, wie sie sie gepostet haben (WSJ). Nicht zufällig sind Finstas und FikFoks (Fake Instagram-, bzw. TikTok-Accounts) unter jungen Menschen weit verbreitet. Das Ziel: jenseits der akkurat gepflegten (pseudo-öffentlichen) Profile endlich einmal richtig privat³ sein – fernab von Eltern und anderen Personen, vor denen auf bestimmte Art performt werden muss.

Die drei Arten des digitalen Lagerfeuers: Für das Harvard Business Review hat Sara Wilson drei Kategorien herausgearbeitet, um den Trend besser zu beschreiben:

  • Messenger: „Privates Messaging oder in Kleingruppen – in der Regel, aber nicht immer, mit Freunden aus dem wirklichen Leben.“ Primäre Anbieter, die dafür genutzt werden: WhatsApp, Facebook Messenger, iMessage oder auch Instagram DM / Close Friends.
  • Micro-Communities: „Interaktive, private / halbprivate Foren, in denen sich Menschen um Interessen, Hobbies oder Überzeugungen versammeln.“ Facebook Gruppen sind hier das bekannteste Beispiel. Aber auch Slack dient häufig abseits der Arbeitskommunikation zum gezielten Austausch. Ähnliches gilt für Discord, Subreddits oder auch YouTube-Kommentarspalten.
  • Shared Experiences: „Private oder öffentliche Foren, bei denen die Teilnahme an einer gemeinsamen Erfahrung – oft um ein bestimmtes gemeinsames Interesse herum – mit einer gleichgesinnten Gemeinschaft der Hauptzweck des Treffens ist.“ Insbesondere Spiele wie Fortnite schaffen es, solche ‚Shared Experiences‘ zu kreieren. Aber auch Challenges bei TikTok oder Livestreams bei Twitch können digitale Lagerfeuer-Atmosphäre erzeugen.

Be smart: Wer junge Menschen erreichen möchte, muss auch darum kämpfen, einen Platz am digitalen Lagerfeuer einnehmen zu dürfen. Das kann über verschiedene Strategien funktionieren:

  • Orte erschaffen, an denen Menschen ihre Bedürfnisse befriedigt sehen. Das kann eine Facebook Gruppe zu einem bestimmten Thema sein. Das kann ein Konzert innerhalb einer „Shared Experience“ sein. Das kann Kommunikation auf Augenhöhe sein, die über Messenger angeboten wird.
  • Inhalte kreieren, die nicht nur dafür gedacht sind, dass Menschen sie teilen, um damit ein Stück ihrer eigenen digitalen Identität zu unterstreichen. Es gilt, sich von „identity-driven content“ zu lösen und Content zu erschaffen, der zur Partizipation und Diskussion einlädt – quasi „actionable content“.
  • Partnerschaften eingehen, um nicht Gefahr zu laufen, den Menschen auf die Nerven zu gehen. Denn eigentlich galt ja schon immer: Niemand meldet sich bei Facebook an, um mit (Namen einer beliebigen Organisation / eines beliebigen Unternehmens hier einfügen) befreundet zu sein.

¹ Digital Trends 2020 (The Next Web)
² FB Q4 Earnings, Twitter Q4 Earnings, Snap Q4 Earnings
³ Es handelt sich dabei natürlich nur um eine gefühlte Privatsphäre – es findet weiterhin alles im Vorgarten von Mark Zuckerberg und Co statt.
⁴ Das Folio Mag hat einen spannenden Artikel zum Thema veröffentlicht: Publishers Share Their Social Distribution Secrets.


Grafik: Julia Tripke

Von Telegram bis 4chan: Wo sich Rechtsextreme vernetzen

Von Telegram bis 4chan: Wo sich Rechtsextreme vernetzen

Was ist: Jakob Guhl, Julia Ebner und Jan Rau haben für das Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD) analysiert, wie rechtsextreme Online-Subkulturen auf alternativen Plattformen gedeihen. Die Studie trägt den Titel "Das Online-Ökosystem Rechtsextremer Akteure". Das 76-seitige PDF liegt bislang nur auf Englisch vor. Bei der Bosch-Stiftung, die das Projekt gefördert hat, gibt es eine deutsche Zusammenfassung (PDF, zwölf Seiten).

Warum das wichtig ist: Allein im vergangenen Jahr gab es vier rechtsextrem motivierte Terroranschläge (Christchurch, El Paso, Poway, Halle). Die Täter waren junge, weiße Männer, die sich mit Gleichgesinnten auf Imageboards wie 8chan ausgetauscht und in ihrem Hass auf Frauen, Ausländer und Jüdïnnen bestätigt hatten. Sie übertrugen ihre Morde live ins Netz (der Täter von Poway versuchte es vergeblich) und veröffentlichten krude Pamphlete, die Bezug auf rassistische Memes und Verschwörungstheorien wie den "großen Austausch" nehmen.

Diese Subkultur ist also mehr als eine Parallelwelt voller extremistischer Spinner, die im Netz zur Gewalt aufrufen. Einige von ihnen machen ihre Drohungen war. Sie bauen Waffen und ermorden Menschen. In den vergangenen fünf Jahren haben rechtsextrem motivierte Terroranschläge stark zugenommen (die Studie spricht von 320 Prozent, gibt aber keine Quelle an). Das alternative Online-Ökosystem hat definitiv dazu beigetragen.

Was die Forscherïnnen untersucht haben: Die Digital Analysis Unit des ISD hat sich vor allem mit deutschsprachigen und auf Deutschland fokussierten Communities beschäftigt. Mit qualitativen und quantitativen Methoden wie Befragungen und automatisierten Textanalysen beleuchten die Wissenschaftlerïnnen insgesamt zehn alternative Plattformen und deren Nutzerïnnen.

Dazu zählen sechs ultralibertäre Plattformen, die nahezu bedingungslose Redefreiheit versprechen und damit Rechtsextreme anziehen: 8chan, Telegram, Minds, Voat, Gab und BitChute. Hinzu kommen vier "gekaperte" Plattformen, die nicht nur, aber auch von Extremistïnnen genutzt werden: 4chan, Reddit, VK und Discord.

Was die Forscherïnnen herausgefunden haben: Die komplette Studie wiederzugeben, sprengt dieses Briefing. Deshalb picken wir einige Erkenntnisse heraus, die wir für besonders wichtig und/oder überraschend halten:

  • Auf den untersuchten Plattformen sind 15.000 bis 50.000 Personen mit rechtsextremen Ansichten aktiv. Im Vergleich zu großen Plattformen wie Facebook sprechen wir also von einer kleinen, aber umso radikaleren Minderheit.
  • Unter den 379 Gruppen und Kanälen dominieren muslimfeindliche Akteure (104) und Neonazis (92). Die größte Reichweite weisen identitäre Kanäle auf.
  • Auf 4chan enthalten mehr als die Hälfte der Beiträge über Jüdïnnen klar antisemitische Narrative. Dahinter steckt nicht nur eine toxische Diskussionskultur, sondern eine antisemitische Grundstimmung.
  • Für die AfD spielen die alternativen Plattformen keine große Rolle. Die Partei nutzt eher etablierte soziale Medien.
  • Die Beweggründe, aus denen Menschen die Angebote nutzen, unterscheidet sich stark: Auf Gab treibt die Nutzerïnnen etwa die Sorge um Meinungsfreiheit um. Wer auf dem anarchischen 4chan-Board /pol/ postet, lehnt Minderheiten ab oder will unterhalten werden.
  • Einwanderung und angeblich kriminelle Flüchtlinge sind die am häufigsten diskutierten Themen über alle Plattformen hinweg. Zwölf Prozent der Beiträge erwähnen die Verschwörungstheorie des "großen Austausch".
  • Rechtsextreme Influencerïnnen, deren Accounts auf den großen Social-Media-Plattformen gesperrt wurden, weichen hauptsächlich auf Telegram aus.
  • Nur ein kleiner Teil der untersuchten Postings enthält Aufrufe zur Gewalt. Obwohl die meisten Inhalte nicht eindeutig strafbar sind, erzeugen die von Ressentiments und Rassismus dominierten Beiträge "das Gefühl dringenden Handlungsbedarfs zum vermeintlich notwendigen Schutz der Eigengruppe".
  • Eine solche Grundstimmung kann zu gewalttätigem Extremismus und Terroranschlägen führen, ohne dass direkt zu Gewalt aufgerufen wird.
  • Deplatforming scheint zu wirken: Wenn rechtsextreme Akteure von großen sozialen Netzwerken gesperrt werden, können sie meist nur einen kleinen Teil ihrer Followerïnnen auf alternative Plattformen mitnehmen.
  • Eine Stichprobe von 25 Gruppen hat auf Nischenkanälen zehn Mal weniger Reichweite als auf etablierten Plattformen. Wer weiter auf den großen Netzwerken aktiv ist, gewinnt auch in der Subkultur an Einfluss. Im Umkehrschluss führt eine Verbannung nicht zu einer Massenabwanderung der Followerïnnen in die Nische.

Was die Forscherïnnen empfehlen: Im Gegensatz zu den recht konkreten Ergebnissen bleiben die Handlungsempfehlungen eher allgemein und abstrakt. Das spricht aber nicht gegen die Wissenschaftlerïnnen, sondern zeigt nur, dass es für ein komplexes Problem keine einfachen Lösungen gibt.

Guhl, Ebner und Rau sehen alle gesellschaftlichen Akteure gefordert: Politik, Tech-Unternehmen, Zivilgesellschaft und Forschung müssten gemeinsam tätig werden, um Radikalisierung zu verhindern. Dazu zählen sie unter anderem diese Maßnahmen:

  • Große soziale Netzwerke sollen mit alternativen Plattformen zusammenarbeiten, damit diese terroristische und extremistische Inhalte besser erkennen und bekämpfen können. Für Angebote wie Gab oder 8chan, die sich aktiv gegen solche vermeintliche Zensur wehren, ist das allerdings keine Option.
  • Regierungen müssen gemeinsam mit Forscherïnnen neue Definitionen von (Rechts-)Terrorismus entwickeln und festlegen, wo Strafbarkeit beginnt. Das ist eine Voraussetzung, um Inhalte zu löschen.
  • Wer digital belästigt, bedroht oder angegriffen wird, braucht einfacheren Zugang zu juristischer und psychosozialer Unterstützung. Die Täterïnnen, die versuchen, ihre Opfer einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, müssen konsequenter ermittelt und bestraft werden.
  • Auch die etablierten Plattformen stehen in der Verantwortung: Ihre Algorithmen, die der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie folgen, empfehlen oft radikalisierende Inhalte, die Nutzerïnnen immer weiter ins Extrem treiben. Hier regen die Forscherïnnen eine gesetzliche verankerte Sorgfaltspflicht für Plattformbetreiber an.
  • Wenn Plattformen Accounts sperren, sollen sie die Entscheidungen nachvollziehbar und öffentlich begründen. Andersherum braucht es transparente Prozesse für Nutzer ïnnen, die sich gegen eine Sperre wehren wollen, die sie als ungerechtfertigt empfinden.
  • Systematische Monitoring und Machine-Learning-Technologien können helfen, konkrete Drohungen frühzeitig zu erkennen und mögliche Anschläge zu verhindern.
  • Lehrkräfte, Eltern und Sozialarbeiterïnnen sollen geschult und für die Gefahr sensibilisiert werden, die von alternativen Plattformen ausgeht.
  • Da sich die Online-Subkulturen immer weiter dezentralisieren und auffächern, sind plattformübergreifende Analysen und Forschung nötig. Damit können Wissenschaftlerïnnen dazu beitragen, die rechtsextremen Online-Ökosysteme auszuleuchten, die Verbreitungswege der Inhalte nachzuvollziehen und die Motivation der Nutzerïnnen besser zu verstehen. Nur dann ist es möglich, effektive Gegenstrategien zu entwickeln.

Be smart: Im vergangenen Jahr haben wir uns mehrfach mit der Rolle beschäftigt, die Netz, Medien und Online-Subkulturen für Terroranschläge spielen. Die Analyse aus Briefing #586, die wir nach dem Massenmord von Halle geschrieben haben, ist nach wie vor aktuell.

Einen Aspekt betonen wir erneut, da er in der Studie nur sehr am Rande auftaucht: Auch klassische Medien haben eine Verantwortung. Es gibt den Werther-Effekt nicht nur für Selbstmorde, sondern auch für Terrorismus. Die Art und Weise, wie Journalistïnnen über Attentäter berichten, ist entscheidend, ob sie ihr Ziel erreichen.

Diese Terroristen inszenieren ihre Morde nicht für die anderen Anons auf ihren Imageboard, sondern für eine massenmediale Öffentlichkeit. Sie wollen Schrecken verbreiten und streben maximale Aufmerksamkeit an. Es liegt auch an Zeitungen, Fernsehsendern und Online-Medien, das zu verhindern.

Know more:

  • Die Broschüre "Alternative Wirklichkeiten" der Amadeu-Antonio-Stiftung beschäftigt sich ausführlich mit rechts-alternativen Medienstrategien. Das PDF-Dokument umfasst 100 Seiten und ist einen Bookmark Wert.

Grafik: Julia Tripke


Zehn Dinge, die TikTok anders macht

Was ist

TikTok ist gekommen, um zu bleiben. Das ahnten wir schon im Frühjahr 2019, als wir in einer Sonderausgabe den Hype um TikTok ausführlich einordneten. Aufgrund des anhaltenden Erfolgs (Sensortower) lohnt es sich, noch einmal die wesentlichen Unterschiede zu anderen Social-Media-Plattformen aufzuzeigen. Genau das hat Sam Lessin¹ getan (The Information $). Wir fassen seine Beobachtungen zusammen und garnieren sie mit eigenen Eindrücken.

Was TikTok unterscheidet

    1. Konsum steht an erster Stelle: Wer TikTok herunterlädt und zum ersten Mal öffnet, kann direkt Videos gucken. Nutzerïnnen müssen dafür keinen Account anlegen – ein fundamentaler Unterschied zu Facebook, Instagram und Co, bei denen ein Signup unumgänglich ist. TikTok reagiert damit auf einen Trend, den Lessin als „account and identity fatigue“ beschreibt – Menschen haben einfach immer weniger Lust, sich irgendwo neu zu registrieren, bzw. neue Online-Identitäten aufzusetzen.
    2. Ranking durch Handlung: Im Gegensatz zu Facebook oder Instagram geht es bei TikTok nicht primär darum, wen Nutzerïnnen kennen / liken, sondern darum, wie sie mit Inhalten interagieren. Per Design kann immer nur ein Video entweder angeschaut oder weggewischt werden – jede Entscheidung wird von TikTok registriert und dafür genutzt, weitere Videos vorzuschlagen.
    3. Nur ein Feed: Während Facebook, Instagram und Snapchat verschiedene Orte anbieten, wo Inhalte konsumiert werden können, ist bei TikTok der Feed zentral. Zwar gibt es auch bei TikTok Überlegungen, ob analog zu Snapchat Discover ein Ort für professionelle Medieninhalte angeboten werden sollte (Briefing #606). Bislang bekommen Nutzerïnnen aber alles zentral und integriert serviert: Inhalte von Menschen, denen sie folgen und Inhalte, die TikTok vorschlägt.
    4. Müheloser Konsum: Lange Zeit galt Facebooks News Feed als das Nonplusultra der Distribution von Inhalten. Aus geschäftlicher Sicht mag das auch weiterhin stimmen. Nutzerïnnen hingegen stehen zunehmend vor der Aufgabe, aus einer Masse an unterschiedlichen Formaten (Videos, Fotos, Posts, Links, Stories, etc.) die für sie passenden herauszufiltern. Nun wollen wir nicht suggerieren, dass das Scrollen durch den News Feed eine fordernde Aufgabe darstellt. Aber das Zappen von TikTok-Videos ist im Vergleich mit nahezu null Aufwand verbunden.
    5. Trennung von Konsum und Produktion: „Was gibt’s Neues“, fragt mich Twitter. „Schreib etwas“, fordert mich Facebook auf. Die Social-Media-Plattformen versuchen seit Jahren mit immer neuen Kniffen, Nutzerïnnen dazu zu bringen, selbst Inhalte zu produzieren. Bei TikTok ist das anders: dort wird niemand aufgefordert, etwas zu posten. Aus gutem Grund, denn bei Social-Media-Plattformen gilt das Paretoprinzip – ein Großteil der Inhalte wird von einer Minderheit der Nutzerïnnen produziert. Dadurch, dass TikTok diese Tatsache akzeptiert, kann die Plattform Tools für jene anbieten, die wirklich Inhalte produzieren wollen.
    6. Produktion als soziales Event: Während bei Instagram primär Inhalte von und mit Einzelpersonen zu finden sind, bestehen TikTok-Videos sehr häufig aus einer Vielzahl von Akteuren. Somit ist auch die Produktion der Inhalte – insbesondere bei Challenges – viel stärker ein soziales Event. Klar, auch bei TikTok geht es um Wettbewerb. Trotzdem scheint die Plattform bislang weniger narzistisch.
    7. Lob der Kopie: Normalerweise ist es verpönt, Inhalte von anderen zu kopieren. Bei TikTok aber steht die Kopie im Zentrum. Egal ob bei Challenges, Duetts, Lipsync, Tanzmoves oder Fingerspielereien – die eigene Interpretation bekannter Themen ist elementarer Bestandteil der Plattform-Logik. Genau das macht es für Nutzerïnnen recht einfach, eigene Inhalte zu kreieren.
    8. Talent-basiert: Anders als bei den etablierten Social-Media-Angeboten geht es bei TikTok nicht nur um den Status, sondern darum wie gut die Inhalte sind, die geteilt werden. Daher ist die Plattform gerade für all jene interessant, die bislang vielleicht nur die zweite Geige spielten.
    9. Lotterie-Logik: Auf Social-Media-Plattformen gehen natürlich immer mal wieder Inhalte viral, die von ganz gewöhnlichen Menschen geteilt wurden. In der Regel verhält es sich aber so, dass denen gegeben wird, die bereits die Aufmerksamkeit auf ihrer Seite haben. Bei TikTok aber scheint eine Art Lotterie-Prinzip fest in die Plattform eingebaut zu sein. Immer wieder schaffen es Videos von regulären Nutzerïnnen in die Feeds von Millionen Menschen. Das kann kein Zufall sein, sondern eher eine Art perfides Anreizsystem.
    10. Amateure stehen im Fokus: In einer Welt, die voller Stars ist, fallen die vielen Krankenschwestern, Polizisten und Angestellten, die bei TikTok Videos teilen, extrem auf. Dieser Fokus auf Amateure und der Blick ins Private unterscheidet sich stark von den anderen Angeboten.

    Be smart

    Facebook, Instagram und Snapchat schauen sich ganz genau an, warum TikTok so schnell so populär wurde. Wir können daher sicher sein, dass wir viele der hier aufgeführten TikTok-Merkmale künftig auch bei den bereits etablierten Social-Media-Angeboten sehen werden.


    ¹ Sam Lessin ist der Ehemann von Jessica Lessin, Herausgeberin und Gründerin von The Information. Von 2010 bis 2014 arbeitete Lessin als Vice President of Product Management bei Facebook. Bei The Information wird er als Praktikant geführt.


    Foto-Quelle: Kon Karampelas, Unsplash


Im Schatten der Giganten

Was ist

Die längste Zeit schien es so, als sei Facebooks Siegeszug nicht aufzuhalten. Und ja: Die Quartalszahlen sind immer wieder aufs Neue beeindruckend. Gleichzeitig lässt sich aktuell aber so viel Bewegung im Markt feststellen wie lange nicht mehr. Ein paar Beispiele:

Talent vs status based

  • Über TikTok wurde in den letzten Monaten ja ausführlich berichtet. Das Angebot des chinesischen Unternehmens ByteDance hat es 2019 geschafft, in der westlichen Welt Fuß zu fassen. Der primäre Grund dafür besteht vor allem darin, dass die App komplett ohne Freunde funktioniert. Das ganze Nutzungserlebnis basiert nicht so sehr auf Status, sondern auf Talent. Ein entscheidender Unterschied zu Facebook und Instagram, bei denen Status (Stars, Friendgraph, etc.) zentral ist. Und auch ein entscheidender Grund dafür, warum Facebook den Erfolg von TikTok nicht so einfach aufhalten kann: es reicht eben nicht immer, einfach nur ein paar Features zu kopieren.

Musik & Social Media

  • Spotify testet derzeit ein Stories-Feature, das stark an die Features von Snapchat und Instagram erinnert. Der Clou: Spotify gibt Künstlerïnnen damit die Möglichkeit, ihre Fans direkt auf der Plattform zu unterhalten. Ein Umweg über Instagram ist nicht mehr notwendig.
  • Resso heißt der Streaming-Service von ByteDance, der ebenfalls Elemente aus der Welt der sozialen Medien mit Ideen von Musik-Angeboten verknüpft. Wie in Briefing #600 dargestellt, können Resso-Nutzerïnnen direkt unter einem Song Kommentare verfassen. Zudem sehen sie die Real-Time-Lyrics zu jedem Song – ein dauerhafter Karaoke-Modus sozusagen. Auch können Nutzerïnnen aus den Songs Gifs und Videos produzieren und sie auf der Plattform posten. Eine derart konsequente Verquickung von Streaming und Social Media hat bislang keine Plattform im Angebot.

Unabhängige, dezentrale Netzwerke

  • Planetary Social heißt der neueste Versuch, den übermächtigen Angeboten von Facebook und Co die Stirn zu bieten. Das Startup verspricht, alles besser zu machen als die Platzhirschen und soll dieses Jahr regulär starten – als „offene und humane Alternative zu Facebook“. Ob dies in der Breite gelingen kann, sei einmal dahingestellt. Wichtig ist lediglich, dass es Menschen gibt, die Social Media weiterdenken und sich zutrauen, dezentrale Alternativen zu erfinden. Der Clou von Planetary besteht nämlich vor allem darin, dass es mit einem offenen Protokoll arbeitet – etwa so wie Email. Planetary wäre damit das Gegenteil der prominenten Walled Gardens aus dem Silicon Valley. (Danke Johannes Brümmer für den Tipp 🙏)
  • Die Wiki-Alternative: Der Mitgründer der Wikipedia, Jimmy Wales, hat ein soziales Netzwerk – WT:Social – gelauncht, das explizit als „Gegenpol zu Clickbait und anderen Formen der Volksverdummung“ wahrgenommen werden soll. WT:Social soll komplett ohne Werbung auskommen und sich über freiwillige Spenden finanzieren. Die grundsätzliche Idee des Netzwerks besteht darin, Diskussionen zu bestimmten Themen in Gang zu bringen (t3n). Bislang hebt das Projekt zwar noch nicht so richtig ab – aber es sorgt für Bewegung im Markt.
  • Für den kleinen Kreis: Wie in Briefing #595 berichtet, haben zwei ehemalige Facebook-Mitarbeiter Cocoon gegründet. Das Startup wirbt damit, Familien und Freunden einen sicheren und intimen Ort zum Austausch zu bieten. Alles ohne Tracking und Werbung, dafür aber später einmal mit einer Bezahl-Version.

Special-Purpose-Netzwerke

  • Auch im Bereich der Special-Purpose-Netzwerke hat sich in den letzten Monaten und Jahren einiges getan: So haben sich Sportler-Netzwerke wie Strava einen festen Platz im Tagesablauf von Sportbegeisterten gesichert – nicht zuletzt durch die Möglichkeit, dort Fotos und Berichte von Events und Erlebnissen zu teilen.
  • Foto-Communities: Wer sich für Fotografie interessiert, bleibt nicht zwangsläufig bei Instagram stehen. Apps wie VSCO bieten Foto- und Kunstinteressierten Orte und Features, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Und sind so wirkmächtig, dass sie selbst zum Meme werden (VOX).
  • Berufsnetzwerke wie LinkedIn haben in den letzten Monaten eine regelrechte Rennaissance (Social Media Today) erlebt. Selten zuvor haben sich so viele Unternehmen & Kollegïnnen über ihre LinkedIn-Strategie Gedanken gemacht.
  • Entdecker-Portale wie Pinterest sind auch weit entfernt davon, das Licht auszumachen. Im Gegenteil: Pinterest entwickelt sich neben den Platzhirschen weiter recht anständig. Und hat häufig sogar die besseren Ideen (Pinterest Newsroom), wenn es um die Verantwortung gegenüber den Nutzerïnnen geht – eine Attitüde, die sich auszahlen könnte.

Livestreaming

  • Last but not least erleben wir gerade eine enorme Weiterentwicklung im Bereich des Livestreamings. Tummelten sich bislang vor allem Gamer auf den Plattformen von Twitch und Co, rücken zunehmend auch andere „Livestreaming-Gattungen“ ins Zentrum. Bei brand eins habe ich über diesen Trend geschrieben: Helden wie wir.

Be smart

Nicht alle Angebote können das nächste Facebook werden. Müssen sie auch nicht. Die Vielzahl der Services zeigt, dass sich jenseits der etablierten Unternehmen neue Akteure auftun (bzw. alte berappeln) und spezielle Bedürfnisse sehr viel besser befriedigen. Wer als Unternehmen oder Organisation darauf angewiesen ist, Menschen zu erreichen, sollte bekanntlich immer schauen, wo sich die Zielgruppe aufhält. Vielleicht ja irgendwo im Schatten der Giganten.


Foto: Daria Nepriakhina, Unsplash


Radikalisiert YouTube nun oder nicht?

Was ist: Ende vergangenen Jahres machte ein (mehr oder weniger) wissenschaftliches Paper die Runde, das angeblich zeigt, dass YouTube gar keine radikalisierende Wirkung hat (arXiv). Die beiden Autorïnnen Mark Ledwich und Anna Zaitsev behaupten gar, dass YouTubes Algorithmen Nutzerïnnen aktiv davon abhielten, extremistische oder radikalisierende Inhalte zu betrachten.

Warum das wichtig ist: Seit Jahren schreiben Medien über die angebliche Radikalisierungsmaschine Youtube. Am bekanntesten dürfte der Kommentar der Soziologin Zeynep Tufekci sein, die das Thema 2018 mit „YouTube, the Great Radicalizer“ aufbrachte (NYT). Meinem Kollegen Jannis Brühl hat sie ihre These auch in einem deutschsprachige Interview erklärt (SZ).

Im vergangenen August legte Kevin Roose mit einem Longread nach: In „The Making of a YouTube Radical“ (NYT) zeichnet er den jahrelangen Radikalisierungsprozess des 26-jährigen Caleb Cain nach, der selbst sagt: „I fell down the alt-right rabbit hole.“ Das Portrait lässt wenig Zweifel, dass YouTube eine zentrale Rolle bei Calebs Rechtsdrift spielte.

Haben Journalistïnnen also unbegründet Panik geschürt? Tun wir YouTube unrecht, wenn wir die Plattform als wirkmächtige Propagandaschleuder rechtsextremer Verschwörungstheoretikerïnnen bezeichnen?

Um es kurz zu machen: nein.

Warum das Paper wenig Aussagekraft hat: Am 28. Dezember setzte Co-Autor Ledwich seinen Tweetstorm ab (Twitter) und übte heftige Medienkritik: „Algorithmic Radicalization — The Making of a New York Times Myth“ (Medium).

Das vermeintliche Debunking wurde zumindest in meiner Timeline fleißig geteilt – doch es dauerte nur einen Tag, bis sich seriöse Wissenschaftlerïnnen die öffentlich verfügbaren Daten angeschaut hatten, die der Analyse zugrundeliegen (Github). Am drastischsten fiel die Entgegnung von Arvind Narayanan aus. Der Informatik-Professor aus Princeton nahm das Paper komplett auseinander (Twitter).

Der wichtigste Kritikpunkt: Die beiden Forscherïnnen wollten eine nicht vorhandene Radikalisierung nachweisen, ohne einen einzigen Account anzulegen, dem YouTubes Algorithmen personalisierte Empfehlungen hätten vorsetzen können.

They reached their sweeping conclusions by analyzing YouTube without logging in, based on sidebar recommendations for a sample of channels (not even the user’s home page because, again, there’s no user). Whatever they measured, it’s not radicalization.

Was man aus dem Paper lernen kann: Aus wissenschaftlicher Sicht mag die Analyse fragwürdig bis nutzlos sein – dennoch finde ich sie wertvoll. Denn der kurze Hype, der meine Tech-Bubble kurzzeitig in Aufregung versetzte, ist für alle Beteiligten lehrreich:

  • Nur weil Wissenschaft draufsteht, muss keine Wissenschaft drin sein: Nicht jedes „Paper“, das auf Twitter auftaucht, ist eine ernstzunehmende Arbeit.
  • Wie immer helfen Quellenkritik und Medienkompetenz, um die Seriosität zu beurteilen, ohne sich alle Daten selbst anzuschauen: Fachmagazine setzen meist Peer-Review-Verfahren voraus, bevor sie veröffentlichen. Die hochgeladenen Paper auf Seiten wie arXiv werden zwar auch begutachtet, der Prozess gleicht aber eher einem Spamfilter, als einer kritischen Inhaltsprüfung (Twitter).
  • Mal angenommen, ein selbsternannter Wissenschaftler behauptet, er hätte zweifelsfrei bewiesen, dass Menschen nicht zur globalen Erhitzung beitragen – würden wir ihm glauben? – Irritierenderweise scheint die Bereitschaft zur kritischen Analyse technischen Phänomenen deutlich geringer zu sein.
  • Das Netz hat nicht nur alle Menschen zu Publizistïnnen gemacht – es ermöglicht auch, dass jedeR ein Paper veröffentlichen und Wissenschaft draufschreiben kann. Je mehr angebliche Studien es gibt, desto größer sollte unser Misstrauen werden.

Be smart: Und was ist jetzt mit YouTube? Radikalisiert die Plattform nun oder nicht? Zweifelsfrei kann das derzeit niemand beantworten – höchstens YouTube selbst, das seinen Datenschatz aber nicht mit Forscherïnnen teilt. Darauf weisen Roose und Tufekci auf Twitter hin.

Meine persönliche Einschätzung:

  • Wir haben bei der SZ monatelang an einer datengestützte Analyse der YouTube-Algorithmen gearbeitet. Am Ende waren die Aussagen nicht eindeutig genug, um sie guten Gewissens zu veröffentlichen. Seitdem bin ich bei dem Thema vorsichtig.
  • YouTube hat seine Empfehlungsalgorithmen in den vergangenen Jahren mehrfach geändert, um Desinformation, extremistische und potenziell radikalisierende Inhalte herabzustufen (YouTube-Blog). Ich sehe es wie Roose (Twitter): Wenn es kein Problem gegeben hätte, hätte YouTube nicht eingegriffen – offenbar besagten auch YouTubes interne Daten, dass die Plattform üble Auswirkungen auf Nutzerïnnen haben kann.
  • Trotzdem wäre es – wie immer – Unsinn, YouTube allein dafür verantwortlich zu machen, dass Menschen sich radikalisieren. Digitale Plattformen beschleunigen diese Prozesse höchstens, weil sie den Zugang zu extremistischen und verschwörungstheoretischen Inhalten erleichtern.

Weiterlesen:

  • Bereits im Oktober kamen zwei US-Forscher zu dem Schluss, dass YouTubes Algorithmen bei Radikalsierungsprozessen höchstens eine untergeordnete Rolle spielen: „Maybe It’s Not YouTube’s Algorithm That Radicalizes People“ (Wired)
  • Can Duruk, der zusammen mit Ranjan Roy den empfehlenswerten Newsletter Margins schreibt, wünscht sich angesichts des Hypes um das fragwürdige Paper mehr Wissenschaftskompetenz: „Do you even science, bro?“ (Substack / The Margins)

Autor: Simon Hurtz

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