12.8.2020 | Tik Tok, TikTok: Für ByteDance tickt die Uhr, Facebook vs. Covid-19-Quatsch, Ralph Lauren stattet Bitmojis aus

Salut und herzlich willkommen zur 658. Ausgabe des Social Media Briefings. Die zwei Wochen Sommerpause hatten es ja wirklich in sich! Verständlicherweise können wir nicht sämtliche News der vergangenen 14 Tage in einem Briefing abbilden. Daher wollen wir uns heute zunächst ausführlich mit den neuesten Entwicklungen bei TikTok beschäftigen. Im kommenden Briefing geht es dann schwerpunktmäßig um Facebook (z.B. um die internen Reibereien). Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für die vielen Zuschriften, die einmal mehr deutlich gemacht haben, wie stark wir für viele Leserïnnen zur „Gewohnheit“ geworden sind - das freut uns sehr! Wir haben Euch auch vermisst! Merci, Simon und Martin

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Tik Tok, TikTok: Für ByteDance tickt die Uhr

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Was war

  • Vor zwei Monaten war TikTok die heißeste App der Welt, allen Drohungen und angeblichen Sicherheitsbedenken der USA zum Trotz.
  • Als wir in unsere Sommerpause gingen, war TikTok immer noch "hot" – aber eher im Sinne einer heißen Kartoffel, an der ByteDance sich verbrennen könnte.
  • In unserem letzten Briefing analysierten wir den "Kampf um TikTok", nachdem Gerüchte über einen möglichen Verkauf an US-Investorïnnen kursierten.
  • Damals erschien uns (und vielen anderen) dieses Szenario noch unwahrscheinlich.

Was ist

  • Binnen zwei Wochen hat Donald Trump die halbe Tech-Welt auf den Kopf gestellt.
  • Mit zwei Executive Orders (EO) setzt der US-Präsident TikTok und überraschend auch WeChat (jeweils Whitehouse.gov) die Pistole auf die Brust.
  • Vom 20. September an sollen alle Geschäftsbeziehungen zwischen US-Unternehmen und den Eigentümern ByteDance und Tencent verboten werden.
  • TikTok scheint derzeit nur eine Möglichkeit zu bleiben: Es verkauft die US-Version der App – oder Trump zieht eine gigantische Firewall hoch.
  • Als wahrscheinlichster Käufer ist derzeit Microsoft im Gespräch, aber auch Twitter soll mit TikTok verhandeln (und StudiVZ kauft Facebook?).
  • Unklar ist bislang, was genau verkauft werden soll – und ob ByteDance überhaupt dazu bereit ist. Schließlich wird im November gewählt, vielleicht sitzt man das Embargo auch einfach aus und hofft auf Joe Biden.

All das wirft 1001 Fragen auf. Wir versuchen, die wichtigsten zu beantworten.

Was ist nochmal TikTok?

  • Als Watchblog-Abonnentïn brauchst du diese Erklärung nicht. Aber vielleicht hast du Verwandte oder Bekannte, die plötzlich wissen wollen, was das für eine App ist, über die gerade alle reden.
  • Acht Zeit-Autorïnnen haben einen langen und verständlichen Explainer geschrieben, der sich auch für Eltern eignet.
  • Wer für den Einstieg keinen Longread verschicken will: Deutlich kürzer (und oberflächlicher) habe ich den Konflikt um die App für Leserïnnen der SZ beschrieben – Nerd-Level: 2 von 10.
  • Nerd-Level 9 erreicht ein Essay von Eugene Wei, der damit auch für Abonnentïnnen dieses Briefings interessant sein dürfte. Er erklärt, wie TikToks Algorithmus der chinesischen App hilft, in den USA Fuß zu fassen:

"It turns out that in some categories, a machine learning algorithm significantly responsive and accurate can pierce the veil of cultural ignorance. Today, sometimes culture can be abstracted."

Warum die Aufregung über Trump?

  • Seine Anordnungen sind vage, die genaue Umsetzung eines Verbots ist unklar (Guardian), und beide EOs werfen eine Menge juristische Fragen auf (The Verge).
  • Auch Mark Zuckerberg, dessen TikTok-Klon Reels von einem Verbot massiv profitieren könnte, spricht in einem internen Meeting von einem "really bad long-term precedent“ (BuzzFeed).
  • Im Falle eines Verkaufs an Microsoft verlangt Trump "key money" für den US-Haushalt – schließlich habe er TikTok mit seinen wüsten Drohungen und dem Dekret weichgeklopft.
  • Das ist schlicht illegal. Der Begriff steht in der Immobilienbranche, in der sich Trump auskennt, für Schmiergeld (Brick Underground).
  • "This is all as dumb as it is possible for a thing to be", schreibt das sonst eher seriöse Finanzportal Bloomberg. "When President Trump says something, that just represents the crankish views of a guy who watches way too much television."
  • Das Wall Street Journal fordert Microsoft gar auf, den Deal abzulehnen, weil es einen "gefährlichen Präzedenzfall" schüfe, TikTok unter diesen Vorzeichen zu übernehmen.
  • Selbst Trumps Wirtschaftsberater und eine Sprecherin des Weißen Haus waren auf einer Pressekonferenz ratlos (Gizmodo). Sie konnten auch nicht erklären, was Trump mit "key money" meinte und sagten nur, sie wollten dem Präsident nicht vorgreifen.
  • Die "Clean Internet Policy" (SZ), mit der Außenminister Pompeo das Netz säubern will, kommt nicht nur mit rassistischer Semantik daher (Twitter / Te-Ping Chen), sondern ist hochgradig heuchlerisch (Intercept): Die USA warnen vor Überwachung, die sie selbst ganz selbstverständlich praktizieren (WSJ).
  • In seiner EO bezeichnet Trump TikTok als "Risiko für die nationale Sicherheit, Außenpolitik und Wirtschaft der USA". Als Beleg nennt er unter anderem widerlegte Verschwörungserzählungen über den Ursprung des Coronavirus, die sich auf TikTok verbreitet hätten.
  • Die passende Reaktion kommt von Nick Heer (Pixel Envy):

"This guy is complaining about TikTok spreading pandemic conspiracy theories (Politico)? This guy (Independent)? This guy (Mother Jones)? This fucking guy (Mother Jones)?"

Wie reagiert TikTok?

  • Für ByteDance-Gründer Zhang Yiming bedeuten die jüngsten Entwicklungen wohl das Ende seines Traums (NYT), eine globale App zu bauen, die den Graben zwischen China und den USA überwindet.
  • In einem Brief an die Angestellten (Bloomberg) nenn Yiming eine Übernahme "unvernünftig" und schreibt, dass es Trump in Wahrheit nicht um einen Verkauf, sondern um ein Verbot gehe.
  • "Wir sind schockiert über die jüngste Executive Order der US-Regierung, welche ohne ein ordnungsgemäßes Verfahren erlassen wurde", teilt das Unternehmen mit.
  • Angeblich will TikTok die US-Regierung noch im Laufe des Dienstags verklagen. TikTok-Manager Michael Beckerman bestätigte, dass juristische Schritte denkbar seien (Washington Post)
  • Da wir uns vorgenommen haben, unsere Briefings nach Möglichkeit nicht mehr quasi überwiegend in Nachtarbeit zu schreiben, machen wir heute um 20 Uhr Redaktionsschluss. Auf die mögliche Klage und alle weiteren Entwicklungen gehen wir dann in der kommenden Ausgabe ein.

Wie gefährlich ist TikTok?

  • Was die Bedenken angeht, TikTok sei ein Sicherheitsrisiko, übermittle Daten nach Peking und könne zum Spionagewerkzeug der chinesischen Regierung werden, verweisen wir auf unsere letzte Ausgabe zu diesem Thema. Damals schrieben wir: "Unterm Strich gibt es keine eineindeutigen Beweise – weder für die eine, noch für die andere Seite."
  • Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die USA haben bislang keine Belege für ihre Vorwürfe vorgelegt. Und TikTok kann Geraune nicht durch Beteuerungen entkräften, schließlich fehlt es an konkreten Anschuldigungen, die man widerlegen könnte.
  • Eine umfassende Analyse mit Einschätzungen vieler IT-Sicherheitsforscherïnnen liefert Shirin Ghaffary (Vox). Eine endgültige Antwort gibt aber auch dieser Text nicht.
  • "TikTok ist keine größere Gefahr für die IT-Sicherheit als andere große Social-Media-Apps", sagt der französische IT-Sicherheitsforscher Baptiste Robert (Spiegel), der analysiert hat, welche Daten vom Smartphone zu den Servern fließen. "TikTok ist keine Schadsoftware. Das ist eine geopolitische Debatte und keine Debatte um IT-Sicherheit."
  • Auch die New York Times hält die Sicherheitsbedenken für vorgeschoben. Von Huawei gehe etwa ein viel größeres Risiko aus.
  • Wer es lieber etwas technischer hat, kann sich mit den detaillierten Untersuchungsergebnisse von Elliot Alderson beschäftigen. Er kommt zum Schluss (Medium):

"As far as we can see, in its current state, TikTok doesn’t have a suspicious behavior and is not exfiltrating unusual data."

Wer könnte TikTok kaufen?

  • Derzeit scheint Microsoft der aussichtsreichste Kandidat zu sein. Der Konzern hat das Interesse auch schon öffentlich bestätigt.
  • Als Kaufpreis wurden 50 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ist unklar, was genau Bestandteil der Übernahme wäre.
  • Ursprünglich hieß es, es ginge nur darum, TikTok in den USA, Australien, Neuseeland und Kanada zu kaufen. Will Oremus erklärt, wie die Trennung praktisch funktionieren könnte (OneZero).
  • Mittlerweile soll Microsoft aber an einer Übernahme des weltweiten Geschäfts (FT) inklusive Europa und Indien (das TikTok bereits verboten hat) interessiert sein.
  • Insiderïnnen bezweifeln, dass Trumps Frist reicht, um alle nötigen Details einer Übernahme zu verhandeln. Was geschieht mit den Angestellten? Wer kontrolliert den Code der Algorithmen? Wie wird sichergestellt, dass China wirklich außen vor bleibt?
  • Ein Kauf durch Microsoft könnte auch kartellrechtliche Probleme nach sich ziehen. Schließlich wollen die Wettbewerbshüterïnnen nicht die Fehler wiederholen, die 2012 und 2014 machten, als Facebook WhatsApp und Instagram schlucken durfte.
  • Zumindest in dieser Hinsicht wäre Twitter der unproblematischere Käufer. Angeblich führen beide Unternehmen Gespräche (WSJ). Wie Jack Dorsey das nötige Geld für eine Plattform auftreiben soll, die Twitter in Sachen Größe und Umsatz längst abgehängt hat, ist unklar.
  • Alex Sherman erklärt, warum Netflix TikTok kaufen sollte (CNBC) – valide Argumente, aber wohl wenig Chancen auf Realisierung.
  • Weitere, teils nicht ganz ernst gemeinte Vorschläge stellt David Pierce in den Raum (Protocol): Wie wäre es mit Spotify? Tesla? WeWork?

Was verspricht sich Microsoft von TikTok?

  • Microsoft hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich neu erfunden. Unter der Führung von Satya Nadella hat es sich auf Unternehmenskunden und sein Cloud-Geschäft konzentriert. Auf den ersten Blick passt eine App wie TikTok nicht ins Portfolio (Techonomy).
  • Zumal die Übernahme auch Gefahren birgt. Bill Gates spricht gar von einem "Giftkelch" (500ish).
  • Doch Microsoft hat im Vergleich zu Google und Facebook einige Schwachstellen: Daten, Werbung und AI. Bei allen Punkten (Washington Post) könnte TikTok helfen (The Verge).
  • Microsoft hat die mobile Revolution verschlafen und findet über seine Office-365-Apps erst langsam wieder Zugang auf Smartphones. Mit TikTok wäre Microsoft auf einen Schlag auf Hunderten Millionen Handys präsent.
  • Einer der wenigen Consumer-Tech-Sparten, in denen Microsoft halbwegs erfolgreich agiert, ist Gaming. Die jungen TikTok-Nutzerïnnen wären eine ideale Ergänzung (Fast Company).
  • Im Gegensatz zu Google oder Facebook ist Microsoft seit Jahrzehnten aktiv in China (FT) und bietet seine Dienste dort immer noch an. Diese Erfahrung könnte in der aktuellen Situation hilfreich sein (Wired).

Be smart

Vor einigen Wochen haben wir uns über das Ende des "Wild Wild Web" gefreut. Jetzt sorgen wir uns, dass das World Wide Web bald Geschichte sein könnte. Von Belarus über China, Hong Kong, Indien, Russland und der Türkei haben Staaten das einst globale Netz in den vergangenen Monaten nationalisiert und balkanisiert (Axios) – und jetzt reiht sich auch noch die USA ein.

1997 schrieb Tim Berners-Lee (w3.org), der Gründungsvater des World Wide Web:

"The dream behind the Web is of a common information space in which we communicate by sharing information. Its universality is essential: the fact that a hypertext link can point to anything, be it personal, local or global, be it draft or highly polished."

23 Jahre später ist von diesem Traum nicht mehr viel übrig (OneZero).



Social Media & Politik

  • Snapchat möchte mit neuer Mini-App für die US-Wahl im November mobilisieren (The Verge). 2018 hatte Snapchat eigenen Angaben zufolge bereits mehr als 450.000 Menschen dazu gebracht, sich für die Wahl zu registrieren. Dieses Jahr dürfen es dem Unternehmen zufolge gern noch mehr sein. Facebook hatte jedenfalls jüngst ähnliche Pläne vorgelegt und das Ziel von vier Millionen Registrierungen (Forbes) ausgegeben.
  • TikTok-Influencerinnen in Ägypten zu Haftstrafen verurteilt: Ein ägyptisches Gericht hat fünf weibliche TikTok-Influencerinnen wegen Verstoßes gegen die öffentliche Moral zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt (Aljazeera).

Kampf gegen Desinformation

  • Facebook vs. Covid-19-Quatsch: Wir haben in unseren Briefings immer wieder betont, wie wichtig ein konsequentes Vorgehen gegen Desinformationen ist – gerade mit Blick auf Covid-19 (etwa hier und hier). Umso erfreulicher ist daher die Nachricht (Washington Post), dass Facebook mehr als 9 Millionen Posts gelöscht und 98 Millionen Posts mit Hinweisen versehen hat. Eine genauere Einschätzung zu dieser Meldung liefern wir am Freitag.

Follow the money

  • Starke Zahlen für GAFA in Q2: Die großen Vier haben für das zweite Quartal extrem starke Zahlen vorgelegt (Business Insider):
    • Amazons Umsatz in Q2: 88,9 Milliarden Dollar – 40 Prozent höher als im Vorjahr. Auch der Anteil von „subscription services“ kann sich sehen lassen: der Umsatz liegt bei 6 Milliarden Dollar – 29 Prozent höher als im Jahr zuvor.
    • Apples Umsatz in Q2: 59,7 Milliarden Dollar
    • Alphabets Umsatz in Q2: 38,3 Milliarden Dollar – zwar zwei Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, aber immerhin noch 7 Milliarden Dollar Gewinn. Der Umsatz bei YouTube lag übrigens bei 3,81 Milliarden Dollar.
    • Facebooks Umsatz in Q2: 18,69 Milliarden Dollar – 11 Prozent höher im Jahresvergleich.
  • Facebook ordnet seine Finzanzen: Der ehemalige Libra-Architekt, David Marcus, bekommt eine neue Abteilung: f2 (Bloomberg) wird sich fortan um die Entwicklung sämtlicher Finanzprodukte aus dem Hause Facebook kümmern – von Versicherungen (Techcrunch) bis zu digitalen Währungen.
  • Ralph Lauren stattet Bitmojis aus: In einer bis dato einzigartigen (und irgendwie auch leicht irre anmutenden) Partnerschaft haben Ralph Lauren und Snapchat 12 digitale Kleidungsstücke kreiert (Vogue Business), die sowohl von Bitmojis als auch im echten Leben gekauft und getragen werden können. Sure. Why not?!


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Mehr Teilnehmer: Bis zu 50 Nutzerïnnen können jetzt bei Facebook via Messenger Rooms in Live Video Broadcasts teilnehmen (CNBC). Zoom mag zwar für Firmen weiterhin ein praktisches Werkzeug sein – sämtliche Zoom Parties könnten aber künftig eher bei Facebook stattfinden.
  • Mehr Raum: Facebook testet ein neues Design für Pages (Techcrunch) – spannendes Detail: der neue Look kommt ohne Like Button daher.

Snapchat

  • Mehr Musik: Auch bei Snapchat können Posts jetzt mit Musik unterlegt werden (Variety). TikTok-People, we can here you loud and clear!

Twitch

  • Mehr Sport: Bei Twitch gibt es jetzt einen dezidierten Sport-Kanal (The Verge). Dort können z.B. Videos von Real Madrid, Juventus Turin und Paris Saint-Germain bestaunt werden. Aber auch echte Partien – von der Champions League bis zu zur NBA – sollen künftig bei der Amazon-Tochter zu finden sein.

Tipps, Tricks und Apps


Header-Foto von Robert Bye bei Unsplash


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