23.7.2020 | Kampf um TikTok, Twitter kickt QAnon, BKA liest bei WhatsApp mit, Mozillas TheirTube

Salut und herzlich Willkommen zur 657. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute schauen wir ausführlich auf den Kampf um TikTok. Zudem beschäftigen uns Twitters Maßnahmen gegen die rechtsradikale QAnon-Bewegung und dass das BKA bei WhatsApp mitlesen kann - dabei handelt es sich zwar um keinen Hack, die Nachricht ist aber trotzdem wichtig. Übrigens: Das Social Media Watchblog macht jetzt zwei Wochen Sommerpause. Das nächste Briefing kommt in KW 33. Wie üblich gilt aber auch dieses Jahr wieder unser Versprechen: Alle Abonnentïnnen bekommen die zwei Wochen Sommerpause automatisch als Verlängerung an ihr Abo angehängt. Vielen Dank für das Verständnis und herzliche Grüße, Simon und Martin 🏔🏕

Kampf um TikTok

Was ist

Bei TikTok brennt die Hütte. Woche für Woche wird der Ton rauer, die Kritik lauter. Politikerïnnen warnen eindringlich, Indien hat die App bereits verboten, die USA denken darüber nach. Auch ein (erzwungener) Verkauf von TikTok an ein nicht-chinesisches Unternehmen wird derzeit ins Spiel gebracht. Der Versuch einer Einordnung:

Worum geht es konkret?

  • TikTok gehört zum chinesischen Startup ByteDance.
  • Zwar sammelt TikTok einer Untersuchung der Washington Post zufolge nicht mehr Daten als Facebook (was nicht unbedingt ein Kompliment ist), doch viele Politikerïnnen und Datenschützerïnnen befürchten, dass TikTok sensible Daten mit chinesischen Behörden teilen könnte.
  • Vor allem in den USA schlagen Teile des politischen Establishments Alarm: Sie stufen TikTok als nationales Sicherheitsrisiko und prüfen ein Verbot der App (siehe Briefing #652).
  • Auf Smartphones des US-Militärs ist die Nutzung von TikTok bereits untersagt (Military). Mitarbeitern des DNC und RNC wird nahegelegt, die App nur auf einem separaten Gerät zu nutzen (CNN). US-Bundesangestellten könnte die Nutzung auf Dienstgeräten bald verboten werden (The Information).
  • US-Präsident Trump ruft via Facebook-Anzeige (CNN) dazu auf, die App nicht zu nutzen.
  • Das Unternehmen beteuert, keine Daten mit der chinesischen Regierung zu teilen. Auch stünden die Server, die Daten von TikTok-Nutzerïnnen verarbeiten, gar nicht in China. Das chinesische Regime habe keinen Zugriff und keinen Einfluss auf das Unternehmen.
  • Dass eine solch rigorose Abschottung für ein chinesisches Unternehmen überhaupt möglich ist, wird von vielen angezweifelt – zumeist mit Verweis auf das „National Intelligence Law“ (lawfareblog), das Unternehmen enge Verbindungen zur Regierung vorschreibt. Ben Thompson schreibt:

All Chinese Internet companies are compelled by the country’s National Intelligence Law to turn over any and all data that the government demands, and that power is not limited by China’s borders. Moreover, this requisition of data is not subject to warrants or courts, as is the case with U.S. government requests for data from Facebook or any other entity; the Chinese government absolutely could be running a learning algorithms in parallel to ByteDance’s on all TikTok data.

We may share your information with law enforcement agencies, public authorities or other third parties if we consider that we are legally required to do so or if such use is reasonably necessary to: comply with a legal process or request;

  • Zudem gibt es angeblich Überschneidungen bei den Teams (The Information), die sich um TikTok, die chinesische Zwillings-App Douyin und weitere Apps aus dem Haus ByteDance kümmern:

ByteDance’s different apps share technologies for personalized recommendation and other engineering resources.

  • Auch verschleiert TikTok der Washington Post zufolge einen Teil des Datenstroms – Zitat:

TikTok even takes steps to obfuscate how the app works, which the company told The Washington Post is meant to thwart hackers, but obviously could have other purposes. Even by watching the app's network requests, you can't get the whole picture.

  • Unterm Strich gibt es keine eineindeutigen Beweise – weder für die eine, noch für die andere Seite. Es geht um Vertrauen. Doch wie David Pierce bei Protocol anmerkt, ist es mit Vertrauen bei China so eine Sache:

China is willing and able to use data to suppress dissent, distribute propaganda and harm people.

Warum ist das alles überhaupt interessant?

  • Zum ersten Mal erleben wir, dass ein Online-Dienst, der seine Ursprünge in China hat, weltweit genutzt wird. Insbesondere in der jungen Zielgruppe ist die App populär.
  • Über Jahrzehnte dominierten die USA, wenn es um Mainstream-Kultur ging. Genau diese Dominanz stellt TikTok ernsthaft in Frage.
  • Es geht bei TikTok nicht nur um Datenschutzaspekte, sondern um ökonomische, politische und kulturelle Machtfragen:

 

  1. Es geht um die Zukunft des Netzes und die Frage, ob sich das Internet in ein Splinternet verwandelt (Wikipedia).
  2. Es geht um die Frage, wer darüber (mit-)entscheidet, welche Inhalte bei den Nutzerïnnen landen: US-amerikanische Unternehmen, bei denen die Sorge besteht, dass sie zu lax moderieren? Oder Unternehmen aus China, bei denen die Sorge besteht, dass sie zu viel moderieren ("zensieren")?
  3. Es geht um wirtschaftliche Fragen: K…

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