Twitters blauer Himmel, YouTubes neue Regeln, Einbrüche bei Nutzungsdauer von Facebook, Gruppen-Stories bei Instagram

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Salut und herzlich Willkommen zur 601. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute schauen wir in Twitters blauen Himmel. Ferner beschäftigen wir uns mit YouTubes neuen Regeln. Auch geht es um Einbrüche bei der Nutzungsdauer von Facebook und neuen Gruppen-Stories bei Instagram. Wir wünschen wie immer eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse an unserem Newsletter! Herzlichst, die Social-Media-Watchblog-Crew!

Twitters blauer Himmel

Was ist: Twitter-Boss Jack Dorsey denkt darüber nach, „offene und dezentrale“ Standards für Twitter und andere Social-Media-Plattformen zu schaffen. Ziel müsse es sein, dass Twitter am Ende einfach nur eins von vielen Werkzeugen ist, um diesen Standard zu nutzen.

Warum ist das interessant?

  • Alle großen Netzwerke stehen vor der Herkulesaufgabe, die Inhalte der Nutzer möglichst fair und transparent zu moderieren. Mit Blick auf die Milliarden Fotos, Videos, Updates und Kommentare, die in den sozialen Medien wöchentlich lanciert werden, ist dieser Herausforderung allerdings kaum adäquat zu begegnen. Dorsey würde diese Aufgabe daher gern den Nutzer selbst überlassen.

Wie soll das funktionieren?

  • Das Internet basiert auf offenen Standards. Denken wir an Email oder Links.
  • Der Erfolg der sozialen Netzwerke besteht darin, dass sie auf der Basis dieser offenen Standards sogenannte „Walled Gardens“ gebaut haben – also digitale Räume, die nach außen abgeschirrmt sind.
  • Ein Beispiel: Von GMX zu Gmail lässt sich ohne Probleme eine Email versenden. Von Facebook zu Snapchat hingegen funktioniert das Versenden von Nachrichten nicht – die Plattformen sind voneinander hermetisch abgeriegelt.
  • Dorsey schwebt nun vor, dass Twitter ein bisschen mehr wie GMX ist – also einfach ein Client unter vielen, um auf der Grundlage von offenen Standards Kommunikation zu ermöglichen.

Dorseys Grundannahme: Das kostbarste Gut der sozialen Medien ist der Empfehlungsalgorithmus – also die Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage. Twitter könnte sich bei offenen Standards darauf konzentrieren, Algorithmen zu bauen, die auf gesunde Unterhaltungen abzielen, so Dorsey. Zitat:

„It will allow us to (…) focus our efforts on building open recommendation algorithms which promote healthy conversation, and will force us to be far more innovative than in the past.“

Wie wird das Vorhaben bewertet? Das Projekt @bluesky baut auf Ideen von Mike Masnick („Protocols, not platforms“) und Stephen Wolfram („Testifying at the Senate about A.I.‑Selected Content on the Internet“) auf. Folglich ist es wenig überraschend, dass Techdirt-Herausgeber Masnick den Vorstoß begrüßt:

„It certainly has the potential to be one of the most significant directional shifts for the mainstream internet in decades. Keep watching.“

Andere sind skeptischer: etwa der Tech-Beobachter Nick Heer oder Micro.Blog-Betreiber Manton Reece. Beide sehen in der Ankündigung von Dorsey mehr PR als konkrete Produktidee. Die Grundidee sei richtig. Nur bräuchte es dafür keinen neuen Ansatz. John Gruber:

„The whole thing could (and perhaps is likely to) fizzle out, but if successful, decentralizing Twitter-like social media should be a huge win for the world. But why create something new? There’s a whiff of boil-the-ocean in Dorsey’s description of the plan — “blockchain” is the new second step in the South Park “(1) Steal underpants, (2) …, (3) Profit!” to my mind).“

Be smart: Es ist schwer einzuschätzen, wie ernst es Dorsey mit seinem Vorstoß meint. In seinem Thread kündigt er an, dass fünf Mitarbeiter an der Idee tüfteln sollen. Nach einem Team, das die Revolution herbeiführen sollen, klingt das nicht.

Go deep: Ben Thompson mit grundsätzlichen Gedanken über Interoperability.

YouTube verschärft Regeln

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Was ist: YouTube verbietet Videos, die Menschen aufgrund ihrer Rasse, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung „böswillig beleidigen“.

Warum ist das interessant?

  • Aufhänger für das Regel-Update ist der Disput zwischen dem Journalisten Maza und dem YouTuber Crower (Briefing #553).
  • Google sieht darüber hinaus auch einen allgemeinen Trend, dass Kreative andere Kreative auf der Plattform belästigen.

Was genau ändert sich?

  • Sowohl direkte als auch indirekte Bedrohungen werden fortan sanktioniert.
  • Die Regeln gelten zudem für persönliche Angriffe – egal ob der Absender ein normaler Nutzer, ein Kreativer oder ein Politiker ist.
  • Die Regeln haben Auswirkungen auf das YouTube Partner Programm.
  • Auch Kommentare sind von den neuen Regeln betroffen.

Was ist davon zu halten? Grundsätzlich ist die Verschärfung der Regeln zu begrüßen. Am Ende kommt es darauf an, wie die Regeln durchgesetzt werden – sowohl mit Blick auf Politiker (read: Donald Trump und andere Poltergeister) als auch hinsichtlich prominenter YouTuber wie bislang Crower schwer vorstellbar. Carlos Maza bleibt skeptisch.

Social Media & Politik

Apple, Twitter und die US-Wahl 2020: Tech-Konzerne beteiligen sich in den USA auch an der Übertragung der Präsidentschaftskandidaten-Debatten. Dieses Jahr sind Apple und Twitter mit an Bord (Business Insider). YouTube und Facebook sind raus.

Mark Zuckerberg und die FTC: Die Federal Trade Commission brütet über einem Plan, Mark Zuckerberg die technische Verschränkung von Facebook, Instagram und WhatsApp (siehe Briefing #519) zu untersagen. Damit würde die FTC Facebooks Pläne durchkreuzen, eine Zerschlagung des Konzerns deutlich zu erschweren. Hochspannend, aber noch lange nichts entschieden (WSJ $).

Twitter und die Kandidaten-Labels: US-Politiker, die für ein Amt kandidieren, bekommen auf Twitter wieder Labels – etwa „Governor Candidate, CA“. Die Labels wurden ursprünglich bei den Midterms 2018 eingeführt. Jetzt sollen sie auch bei den Präsidentschaftswahlen für mehr Transparenz sorgen.

Kampf gegen Desinfo & Hass

Twitter-Account gibt sich als syrischer Flüchtling aus: False Flage heißt das Prinzip, wenn Menschen unter Angabe einer falschen Identität provozieren sollen. Correctiv hat einen Twitter-Account enttarnt, der sich als syrischer Flüchtling ausgab.

Labor digitaler Demagogen: In einem sehr lesenswerten Beitrag beschreibt Kollege Paul Oswald bei der taz, warum Afrika ideale Bedingungen bietet, um günstig die Effektivität von Desinformations-Kampagnen zu prüfen.

Label für State Sponsored Media: Facebook denkt darüber nach, Medien, die von Staaten finanziert werden, mit einem gesonderten Label zu versehen. Al Jazeera is not amused. Und auch andere Häuser zeigen sich irritiert. Denn bislang hat Facebook noch nicht erklärt, auf welcher Grundlage entsprechende Labels vergeben werden sollen (Buzzfeed).

Facebooks Oversight Board bekommt 130 Millionen Dollar, um mindestens sechs Jahre arbeitsfähig zu sein. Bevor es nächstes Jahr losgehen kann, müssen noch die Regeln definiert und Kandidaten gefunden werden. Mehr über die Aufgaben des neuen Aufsichtsrats gibt es in Ausgabe #580.

Fact Checking bei Instagram: Seit Mai widmen sich Fact Checker auch bei Instagram um die Überprüfung von Inhalten – zumindest in den USA (siehe Ausgabe #546) . Jetzt hat Facebook angekündigt, dass das Insta-Fact-Checking global eingeführt wird – also in den 62 Ländern, in denen von Poynter zertifizierte Fact-Checker für Facebook arbeiten.

Das Gesetzespaket gegen Hasskriminalität im Internet, das vom Bundesjustizministerium vorgelegt wurde, sieht vor, dass künftig nicht nur bestraft werden soll, „wer eine kriminelle Tat billigt, die schon begangen worden ist. Bestraft werden soll auch, wer eine Tat billigt, die noch nicht begangen worden ist. Also eine fiktive Tat.“ (SZ) Auch Drohungen sollen härter bestraft werden. Ich bin kein Jurist. Aber das klingt durchaus angebracht in Zeiten, in denen so viel Hass in den sozialen Medien verbreitet wird.

Abteilung Datenschutz

Projekt von der SZ: Bei der Süddeutschen Zeitung gibt es ein spannendes Projekt zum Thema digitale Privatsphäre. Die Kollegen – darunter auch Watchblog-Autor Simon Hurtz – gehen der Frage nach, was das geliebte Smartphone alles an Daten sammelt, mit wem es die Daten teilt und was man dagegen unternehmen kann.

Herausgabe von Passwörtern: Im Gesetzespaket gegen Hasskriminalität im Internet (s.o.) steht zudem, dass Email-Dienste und soziale Netzwerke künftig auch Passwörter herausgeben sollen (SZ). Da diese aber nun einmal in der Regel verschlüsselt gespeichert sind – übringens auch deshalb, weil es nur dann eine Zertifizierung vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie gibt – ist zunächst einmal für den Nutzer wenig zu befürchten. Es sei denn, das Gesetz ist eine Vorlage, um die Verschlüsselungsstandards wieder aufzuweichen.

Zahlen, Daten, Statistiken

Facebooks Referral Traffic ist wesentlich stabiler als erwartet, berichtet Digiday. Und auch Medienmacher – wie etwa der geschätzte Kollege Daniel Fiene – plädieren dafür, die Plattform nicht aufzugeben. Bei der Rheinischen Post etwa befände sich der Social-Traffic derzeit auf Rekordkurs.

Facebook-Nutzung sinkt: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Active verbrachten US-Nutzer im Jahr 2019 nur noch 9 Stunden pro Monat auf Facebook – gegenüber 2017 ein Rückgang um 26 Prozent. TikTok hingegen ist im gleichen Zeitraum um 1533 Prozent gewachsen. Und hat quasi vom Fleck weg alle hinter sich gelassen. Die App scheint wirklich süchtig zu machen.

Neues von den Plattformen

Instagram

  • Anti Bullying: Bei den Kommentaren hatte Instagram bereits ein Tool eingeführt, das Nutzer davor warnt, beleidigende Posts zu verfassen. Dieses Feature kommt nun auch bei Captions zum Einsatz (Instagram).

Google

Giphy

Tipps, Tricks und Apps

Die besten Tools: Investigativ-Journalisten aufgepasst: In einer neuen Ausgabe von „My Favorite Tools“ erklärt Malachy Brown, seines Zeichens „Senior Story Producer on the Visual Investigations Team at The New York Times“, welche Tools er für seine investigativen Recherchen verwendet. Super spannend!

Wie man ein Telefon sichert, egal ob man als Journalist, Aktivist oder Whistleblower arbeitet, erklärt Tech-Veteran David Koff bei Medium: How to set up a secure phone.

One more thing

100 Memes that defined 2010s: Ende 2019 gibt es nicht nur Jahresrückblicke en masse. Vielerorts wird gleich auf das ganze Jahrzehnt zurückgeschaut. BuzzFeeds Rückblick auf die besten Meme der 2010er-Jahre ist definitiv ein Klick wert. Ich meine: Planking! 😂

Quelle: CC BY-SA 3.0 / Donkey100 / Via commons.wikimedia.org

Header-Foto von Denys Nevozhai bei Unsplash

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