Kein Algorithmus ist auch keine Lösung | Wie Instagram und YouTube um TikTok-Creator buhlen

Salut und herzlich willkommen zur 759. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen uns zwei größere Themen: Zum einen lernen wir, dass die Welt nicht automatisch besser, schöner, gerechter, klüger und bunter wäre, wenn Social-Media-Plattformen doch bloß ihre Algorithmen in den Giftschrank packten. Zum anderen interessiert uns, wie YouTube und Instagram versuchen, TikTok-Creator abzuwerben, um beim War of Talents nicht abgehängt zu werden. Vielen Dank für das Interesse, einen angenehmen Dienstag, Simon und Martin

Kein Algorithmus ist auch keine Lösung

Was ist

Die Facebook Files enthalten mehrere Dokumente mit Experimenten, die untersuchen, ob Facebook mit einem strikt chronologisch sortierten Newsfeed automatisch besser wäre – für das Unternehmen, für die Nutzerinnen und für die Gesellschaft. Glaubt man den Zahlen, dann lautet die Antwort: dreimal nein.

Warum das wichtig ist

  • Seit Jahren muss "der Facebook-Algorithmus" (ein komplexes Machine-Learning-System, das in Wirklichkeit aus etlichen unterschiedlichen Algorithmen besteht) immer wieder als Sündenbock für Hass, Desinformation und Radikalisierung in sozialen Medien herhalten.
  • Dafür gibt es gute Gründe. Wie fast jede andere Plattform optimiert Facebook sein System auf Verweildauer und Interaktionen. Das begünstigt Inhalte, die Emotionen ansprechen, mit einfachen Wahrheiten und eine graue Welt in eine Schwarz-Weiß-Karikatur verwandeln: wir gegen die.
  • Facebook ist also keine neutrale Plattform, die einfach nur abbildet, was Menschen dort schreiben. Vielmehr greift Facebook ein, verbirgt, verstärkt oder pusht bestimmte Postings.
  • Doch wer glaubt, dass sich die grundlegenden Probleme ohne Algorithmus von selbst auflösen, macht es sich zu einfach. Das gilt etwa für die Demokraten in den USA, die Plattformen mit einem Gesetzentwurf dazu zwingen wollen, einen chronologischen Newsfeed anzubieten.

Was die Experimente zeigen

  • Vorab: Es handelt sich um Dokumente aus den Jahren 2014 und 2018. In beiden Fällen wurde einer kleinen Testgruppe standardmäßig ein chronologischer Newsfeed angezeigt. Wir wissen nicht, wie lange die Experimente andauerten und wie viele Nutzerïnnen (unwissentlich) teilgenommen haben. Das geht aus den Posts auf Facebooks Kommunikationsplattform Workplace nicht hervor.
  • Die Inhalte wurden zwar strikt chronologisch sortiert, ein Filter blieb aber erhalten: Als erste Stufe seines Ranking-Prozesses prüft Facebook, ob Inhalte mit den Integritätskriterien vereinbar sind (mehr dazu in dieser ausführlichen, technischen Erklärung). Erst nachdem aussortiert wurde, beginnt die Priorisierung. Diese Vorfilterung wurde für das Experiment beibehalten.
  • Da die Versuche schon länger zurückliegen und wir keine Details über die Methodik kennen, beschränken wir uns auf eine grobe Zusammenfassung.
  • Über beide Experimente wu…

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