Der Clubhouse-Hype, erklärt | WhatsApp Privacy-Policy-Update | Instagram überdenkt Video-Angebote

Salut und herzlich willkommen zur 696. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns - wie könnte es anders sein - mit dem Hype um Clubhouse. Zudem lernen wir, dass WhatsApp sein geplantes Privacy-Policy-Update noch einmal bis Mai verschiebt und dass Instagram über eine Konsolidierung der hauseigenen Video-Angebote nachdenkt! Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse an unserer Arbeit, Simon und Martin

Der Clubhouse-Hype, erklärt

Was ist

Das neue Jahr hat seinen zweiten Hype. Nach dem großen Ansturm auf die WhatsApp-Alternativen Signal, Threema und Telegram gibt es seit vergangenem Wochenende unter Marketing-Menschen, Influencerïnnen, Tech-Bros, Medienmacherïnnen und anderen Early-Adoptern nur noch ein Thema: Clubhouse. Samira El Ouassil bringt es mit dem Transkript eines fiktiven Clubhouse-Talks auf den Punkt (Übermedien):

Herzlich willkommen zu unserem ersten und einzigen Clubhouse Weekly Clubhouse Room Daily Update auf Clubhouse, wo wir über das Clubhouse-Branding, die Clubhouse-Performance, das Clubhouse-Storytelling und den Clubhouse-Buzz der neuen Plattform Clubhouse sprechen werden.

Wie wir auf das Thema blicken

Jedes große Medium hat Anfang der Woche den obligatorischen „Was Sie über Clubhouse wissen müssen“-Explainer veröffentlicht. Da wartet die Welt natürlich nur darauf, dass wir die App ebenfalls erklären.

Okay, wartet sie nicht. Und du vermutlich auch nicht – weil du mindestens fünf der 37 Loblieder und Abgesänge, Analysen, Erklärstücke und Twitter-Threads zu Clubhouse gelesen hast, die dich seit Montag per Newsletter, RSS-Feed, Podcast und auf allen sozialen Kanälen erreichen.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Ich (Simon) besitze kein iPhone und muss meine Fear of missing out (FOMO) deshalb vorerst mit dem Gedanken an Ello und andere Apps bekämpfen, die ebenfalls mit einem Invite-only-System den Hype befeuerten, um dann schnell wieder zu verschwinden. (Zugegeben: Auch Gmail war einst nur auf Einladung nutzbar. Bis heute hält sich der Dienst recht ordentlich. Immerhin arbeitet Clubhouse an einer Android-Version.) Martin hängt zwar schon im Clubhaus ab, bei Anton und Padlet aber derzeit Lockdown-bedingt noch viel mehr. Da blieb noch keine Zeit, sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Trotzdem kommen wir an dem Thema nicht vorbei. Als Social Media Watchblog können wir schlecht ignorieren, dass die halbe Social-Media-Welt um Einladungen bettelt oder auf ihre Clubhouse-Diskussionen mit Thomas Gottschalk hinweist (Twitter / Sascha Lobo). Zumal wir selbst schon im Mai über Clubhouse schrieben und fragten:

HAT DENN EIGENTLICH NIEMAND EINEN CLUBHOUSE INVITE FÜR UNS?!

Wir schauen in diesem Briefing zunächst von Außen auf Clubhouse. Statt die Party zu beschreiben, die Drinnen steigt, denken wir allgemeiner über Erfolgsfaktoren, mögliche Probleme und die langfristigen Aussichten von Clubhouse nach. Wenn wir uns lang genug unter die Gäste gemischt haben, folgt in einer der kommenden Ausgaben die Binnenperspektive.

Wie Clubhouse funktioniert

Die meisten Abonnentïnnen können diesen Abschnitt wohl einfach überspringen. Wenn du bislang erfolgreich einen Bogen um Clubhouse gemacht hast, findet du hier die wichtigsten Fakten in Kürze:

  • Bei Clubhouse dreht sich alles um das gesprochene Wort. Es gibt ausschließlich Audio-Inhalte, niemand kann Schreiben, Streamen oder Fotos posten.
  • Statt eines Newsfeeds gibt es Räume, in denen Nutzerïnnen moderierend, aktiv sprechend oder passiv zuhörend auftreten können. Das entspricht einer digitalen Podiumsdiskussion: Moderatorïn, Speakerïnnen, Publikum.
  • Schweigend zu lauschen ist möglich, heimlich aber nicht: Es wird immer angezeigt, wer spricht und wer im Publikum sitzt.
  • Menschen im Publikum können sich ähnlich wie bei Zoom oder Teams melden, woraufhin ihnen Moderatorïnnen das Wort erteilen können.
  • Alle können öffentlichen Räumen beitreten oder eigen erstellen. Außerdem gibt es private Räume, um sich mit Freundïnnen auszutauschen. Diskussionsrunden lassen sich in Clubs organisieren und vorplanen.
  • Neben einer Timeline fehlen weitere Bestandteile sozialer Netzwerke: Likes, Shares und Kommentare.
  • Eine andere Kernfunktion bleibt dagegen erhalten: Man kann anderen Nutzerïnnen folgen und sieht, in welchen Räumen sie sich gerade aufhalten.
  • Außerdem gibt es eine Suchfunktion, über die sich andere Nutzerïnnen und Clubs finden lassen, die den eigenen Interessen entsprechen.

Wer hinter Clubhouse steckt

  • Die Gründer heißen Paul Davison und Rohan Seth. Beide haben eine Google-Vergangenheit, Davison hat mehrere Unternehmen gegründet.
  • Die Firma Alpha Exploration brachte die App im Frühjahr 2020 auf den Markt und sammelte schnell Geld von Investorïnnen wie Marc Andreessen ein (NYT).
  • Damals hatte Clubhouse zwei Angestellte, ein paar tausend Nutzerïnnen – und wurde mit 100 Millionen Dollar bewertet (Forbes).
  • Das lag auch an zahlreichen Prominenten wie Marc Cuban, Jared Leto, Ashton Kutcher und Kevin Hart, die bereits frühzeitig mitmischten und die Bekanntheit schnell steigerten.
  • Kurz vor Weihnachten hatte die App 600.000 Nutzerïnnen (NYT).

Was den Reiz von Clubhouse ausmacht

  • Künstliche Verknappung: Das Einladungssystem schafft Exklusivität und löst FOMO aus. Es ist ein beliebter Trick, um eine App zu bewerben. Gleichzeitig hilft es, den Zuwachs der Nutzerïnnen zu begrenzen und zu verhindern, dass die Server unter der Last der Neuanmeldungen zusammenbrechen, wie es Anfang der Woche bei Signal geschah.
  • Influencerïnnen und Promis: Maßgeblich zum Hype beigetragen haben Philipp Klöckner und Philipp Gloeckler vom Doppelgänger-Podcast (OMR) und Ann-Katrin Schmitz (Spiegel), vielen besser bekannt als @himbeersahnetorte auf Instagram. Sie machten ihre Followerïnnen auf Clubhouse aufmerksam, zu denen auch Menschen mit noch größerer Reichweite zählen. Schnell tummelten sich auf Clubhouse Promis (Joko Winterscheidt, Elyas M’Barek) Politikerïnnen (Doro Bär, Christian Lindner) und bekannte Medienmenschen (Dunja Hayali, Sascha Lobo). Die Pendants in den USA sind noch eine bis vier Ecken bekannter und heißen Drake oder Oprah Winfrey.
  • Audio, sonst nichts: Seit bald einem Jahr findet ein Gutteil unsere Berufs- und Soziallebens in Zoom, Teams, Jitsi und anderen Videokonferenzen statt. Das ist besser als nichts – aber trotzdem nervt es manchmal. Da kommt eine App, in der man einfach nur Reden kann, gerade recht. Niemand muss sich Schminken oder Kämmen. An Clubhouse-Diskussionen kann man auch im Schlafanzug und im Bett teilnehmen, ohne dass es jemand merkt.
  • Timing: Clubhouse passt nicht nur zum Videokonferenz-Überdruss, sondern generell gut ins Leben in Zeiten einer Pandemie. Nach vielen Wochen der Selbstisolation sehnen sich viele Menschen nach Kontakt und Austausch. Stimmen und direkte Interaktion schaffen eine andere Nähe als Tweets oder Fotos auf Instagram. Das lindert die Einsamkeit und lässt ein bisschen weite Welt (oder zumindest: Berlin-Mitte, denn allzu divers ist Clubhouse bislang nicht) ins Wohnzimmer.
  • Vergänglichkeit: Raum auf, Loslabern, Raum zu – und alles ist Geschichte. Zumindest für andere Nutzerïnnen sind die Diskussionen dann nicht mehr auffindbar. Es gibt kein Archiv und keine alten Tweets, um die man sich Gedanken machen muss. Clubhouse setzt auf das gleiche Prinzip wie das Stories-Format: Alles ist vergänglich, und das entlastet viele Menschen.
  • Zugänglichkeit: Einen Invite zu ergattern, ist nicht so leicht. Sobald man einmal dabei ist, zeigt sich Clubhouse aber sehr niedrigschwellig und selbsterklärend. Wer Telefonieren kann, hat mit Clubhouse keine Mühe.
  • Menschen: Der Erfolg jeder Social-Media-App steht und fällt mit ihren Nutzerïnnen. Im Fall von Clubhouse sind das außergewöhnlich viele prominente Köpfe aus der Tech-, Marketing- und Medienszene, die auf anderen Kanälen oft Hunderttausende erreichen und dort auch über ihre Clubhouse-Erfahrungen schreiben. Diesen Leuten live zuzuhören, sich vielleicht gar zu melden und mit Promis zu reden, die man sonst nur im Fernsehen oder aus dem Netz kennt, reizt verständlicherweise viele Menschen.

Welche Probleme Clubhouse drohen

Content-Moderation

  • Bereits im Juli schrieb Casey Newton (Revue) ausführlich über die problematische Herangehensweise der Clubhouse-Gründer an das Thema Content-Moderation. Early-Adopter aus der Venture-Capital-Szene attackierten damals NYT-Reporterin Taylor Lorenz (Vice), es folgten hässliche Beleidigungen und Belästigungen, die Lorenz in einem langen Twitter-Thread dokumentiert.
  • Newton kritisierte, Clubhouse sei komplett naiv gewesen und habe sich viel zu spät um Community-Standard gekümmert. Auch in einer geschlossenen Beta-Phase könne es zu Hass und Hetze kommen, die moderiert und reglementiert werden müsse.
  • Auch bei seinen …

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