Facebook und die Meinungsfreiheit, TikToks Zukunft, State of Technology in Global Newsrooms

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 587. Ausgabe des Social-Media-Watchlog-Briefings. Heute ist ein besonderer Tag! Wir dürfen heute bei den Münchener Medientagen über unsere Arbeit beim Social Media Watchblog sprechen – und zwar als Beispiel für unabhängigen Journalismus im Netz. Das freut uns natürlich ungemein! Gern möchten wir daher die Möglichkeit nutzen, Euch allen noch einmal Danke zu sagen für das Vertrauen und die Wertschätzung unserer Arbeit – einfach großartig!

In unserer heutigen Ausgabe beschäftigen wir uns mit Mark Zuckerbergs Rede zum Thema Meinungsfreiheit und unterstreichen noch einmal, warum „free speech“ nicht automatisch auch „free reach“ heißen sollte. Ferner beschäftigen wir uns ausführlich mit der Zukunft von TikTok und dem „State of Technology in Global Newsrooms“. Wir wünschen wie immer eine gewinnbringende Lektüre, freuen uns über Feedback und sagen Merci, Martin & Team



Free Speech vs. Free Reach

Was ist: Mark Zuckerberg hat eine viel beachtete Rede zum Thema Meinungsfreiheit gehalten. Zuckerberg erklärte vor Studierenden der Georgetown University in Washington DC, dass soziale Medien für ihn eine Art fünfte Gewalt darstellen. Zitat:

"Giving everyone a voice empowers the powerless and pushes society to be better over time."

Daran ist grundsätzlich natürlich zunächst einmal nichts auszusetzen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist einer der zentralen Bausteine einer liberalen Demokratie. Allerdings blendet Zuckerberg aus, dass Technologie-Unternehmen wie Facebook nicht neutral sind, sie also nicht nur freie Rede anbieten, sondern auch eine freie Verstärkung des Gesagten.

Warum ist das wichtig? Würde Facebook noch so funktionieren wie in den Anfangszeiten, dann hätten wir all die Diskussionen um Desinformationskampagnen, Zensur und Hassbotschaften vermutlich nicht. Warum? Erst die Einführung des von Facebook konzipierten, algorithmisch-sortierten Newsfeeds hat dazu geführt, dass User nicht mehr auf die Profilseiten von Freunden und Bekannten gehen, um zu schauen, was sie gepostet haben, sondern dass sie nach den Spielregeln von Facebook ausgewählte Inhalte „gefüttert“ bekommen.

Facebooks Spielregeln sind aber nun einmal vor allem darauf ausgelegt, dass Menschen maximal lange und möglichst oft die App nutzen, um ihnen möglichst viel Werbung anzuzeigen. Der Algorithmus ist nicht dafür konzipiert, dass Menschen schlauer werden. Der Algorithmus ist einzig und allein dafür konzipiert, dass Menschen viel Zeit im Newsfeed / auf Facebook verbringen. Womit sie ihre Zeit verbringen, ist Facebook erst einmal egal. Allerdings schaffen es – neben bezahlten Inhalten – vor allem jene Inhalte in die Newsfeeds, die die Menschen zu „engagement“ anstacheln: zum Liken, zum Kommentieren, zum Teilen, zum Gucken, zum Klicken. Leider sind dies (und hier kommt die Natur des Menschen ins Spiel) vor allem Inhalte, die empören oder polarisieren oder einfach so unglaublich (falsch) sind, dass mensch sie sehen / bewerten / teilen „muss“ (siehe NewsWhips Report zu Facebook Publishing Q2 2019)

Neutral? Mmh, eher nein. In der Tat wird von Facebook weder der eine, noch der andere Inhalt grundsätzlich bevorzugt behandelt. Aber:

"It does mean favoring the extremes, the conspiracy theorists, the histrionic diatribes on all sides. It means fomenting mistrust, suspicion, and conflict everywhere. We’ve all seen it. We’ve all lived it."

Die viel grundsätzlicheren Fragen, die Mark Zuckerberg in seiner Rede hätte thematisieren müssen, wären also:

  • Welche Inhalte werden auf der Plattform wie verteilt?
  • In welchem Ausmaß?
  • Mit welchem Effekt?

Be smart: Facebook unternimmt viel, um Falschinformationen auf der Plattform zu begegnen (think: Fact Checker) oder um für mehr Transparenz zu sorgen (think: Werbebibliothek). Solange Facebook sich aber nicht von seinem grundsätzlichen Geschäftsmodell – auf Engagement optimieren, um Nutzern noch mehr Werbung anzuzeigen – verabschiedet, wird Facebook der Idee, eine echte fünfte Gewalt zu sein, nicht gerecht.



Zur Zukunft von TikTok

Was ist: TikTok ist gekommen, um zu bleiben. So lautete bereits das Fazit unserer ersten ausführlichen Analyse (Der Hype um TikTok, erklärt) im Februar. Mittlerweile sind acht Monate ins Land gezogen und der Hype um die App hat nicht nachgelassen. Im Gegenteil:

  • Laut Sensor Tower war TikTok im September 2019 die am drittmeisten heruntergeladene (non-game) App – noch vor Facebook und Messenger.
  • Weltweit belegte TikTok im September sogar den ersten Platz bei Social-Media-Apps.
  • Es gibt in den USA sogar bereits erste offizielle TikTok-AGs an Schulen (NYT) und Lehrer, die via TikTok versuchen, ihr Image aufzupolieren. Well 🤔

Es scheint daher ein guter Zeitpunkt, sich ein paar Gedanken über die weitere Entwicklung von TikTok zu machen. Here we go:

Das Unternehmen muss mehr Transparenz wagen. Für ein chinesisches Unternehmen (TikTok gehört zum Milliarden-schweren Startup ByteDance) ist dies (etwa im Vergleich zu Facebook) sicherlich erst recht keine leichte Aufgabe. Umso erstaunlicher also, dass TikTok in einem Blogpost ankündigt hat, mit der renommierten US-Kanzlei K&L Gates genau am Thema Transparenz arbeiten zu wollen. Folgende Schwerpunkte sollen gesetzt werden:

  • Es soll ein Experten-Gremium gebildet werden, um zum Thema Content Moderation zu beraten – vor allem hinsichtlich der Themen „child safety, hate speech, misinformation, bullying“.
  • Zudem kündigt TikTok an, künftig transparenter in Sachen Content Moderation zu sein.

Soweit so gut. Nachdem bekannt wurde, dass TikTok Content Moderation Policies nutzte, um auch im Westen politische Inhalte zu zensieren (siehe Briefing #582), ist es allerdings auch mehr als erforderlich, dass das Unternehmen an dieser Stelle endlich Klarheit schafft.

  • Wie steht es um die Zensur bei der chinesischen Schwester-App Douyin?
  • Welche Inhalte werden auf TikTok daran gehindert, Sichtbarkeit zu bekommen?
  • Wie sehen die Content Moderation Policies genau aus?
  • Wer befindet über die Einhaltung der Policies?
  • Wie sind die Moderatoren ausgebildet?
  • Wieviele Moderatoren gibt es für welche Länder?
  • Wie sieht der Workflow der Content Moderatoren aus?
  • Sind sie in der Lage, händisch auf die Verteilung von Inhalten – jenseits von Kooperationen mit Unternehmen – Einfluss zu nehmen?

… nur einige der Fragen, die von TikTok voll und ganz beantwortet werden müssen.

Damit TikTok weiter wachsen kann (und seine Nutzer bei Laune hält), könnte es imho in naher Zukunft viele Features einführen, die bei der chinesischen Schwester-App Douyin bereits implementiert sind.

  • Dazu zählen Mini-Programme (vor allem etwa Spiele wie wir sie bereist von Snapchat und vom Messenger kennen), Stories, eine chronologische Freundes-Timeline und AR/VR-Funktionalitäten.

Es geht aber nicht nur um „simple“ Features, sondern auch um grundsätzlichere Ideen, was TikTok eigentlich ist:

  • Stichwort E-Commerce: Bei Douyin können Nutzer, die mindestens zehn Videos gepostet haben, innerhalb der App zum Verkäufer werden – indem sie Produkte aus Chinas populärsten E-Commerce-Websites zu ihren eigenen Douyin-Stores verlinken. Es wäre etwa denkbar, dass Amazon eine Kooperation mit TikTok eingeht und Nutzer direkt über ihre eigenen Stores entsprechende Produkte verkaufen. Ähnliche Tests laufen bereits (siehe Briefing #574).
  • Stichwort Musik: Der unglaubliche Erfolg von Old Town Road hängt bekanntermaßen stark mit der Beliebtheit des Tracks bei TikTok (BuzzFeed News) zusammen. Was sich in den USA noch nach Neuland angefühlt haben dürfte, ist bei Douyin in China bereits normal. Eine Vielzahl an Interpreten veröffentlicht ihre Musik zuerst bei Douyin, um möglichst viel Buzz zu erzeugen. Auch arbeitet ByteDance an einem eigenen Musik-Streaming-Service (The Verge), was den Stellenwert von Musik innerhalb von TikTok noch einmal deutlich erhöhen könnte.
  • Stichwort Partnerschaften: In China hat Douyin mit dem chinesischen Staatsfernsehen eine Koop ausprobiert, bei der Douyin-Nutzer an bestimmten Stellen einer TV-Show ihr Smartphone schütteln mussten, um Geld zu gewinnen. Etwas akward, aber hey!
  • Stichwort Edutainment: Viele Menschen nutzen TikTok bereits jetzt schon, um zu lernen. Vor allem in Indien, wo TikTok mit 200 Millionen Nutzern am stärksten aufgestellt ist, ist Edutainment via TikTok sehr beliebt. Grund genug für das Unternehmen, Partnerschaften mit Edtech Startups (Techcrunch) einzugehen und Accounts wie @englishwithgeet zu pushen.

Be smart: Es ist sehr erfreulich, dass es mit TikTok nun einen echten Herausforderer für Facebook gibt. Gleichwohl gilt es, die weitere Entwicklung des Unternehmens sehr genau zu studieren. Denn wie arg China in Unternehmen reinregiert, zeigt das neue Cybersecurity Gesetz (China Law Blog): Künftig sollen alle Daten, die in China verarbeitet werden – egal ob von in- oder ausländischen Unternehmen – von chinesischen Überwachungsstellen erfasst werden. Im China Law Blog heißt es:

"There will be no secrets. No VPNs. No private or encrypted messages. No anonymous online accounts. No trade secrets. No confidential data. Any and all data will be available and open to the Chinese government. Since the Chinese government is the shareholder in all SOEs and is now exercising de facto control over China’s major private companies as well, all of this information will then be available to those SOEs and Chinese companies."

Bislang erklärt TikTok stets, alles laufe auf Servern außerhalb Chinas und sei damit vom Zugriff durch staatliche Stellen geschützt. Dass dies auch künftig der Fall sein wird, muss TikTok erst beweisen.



Follow the money

Werbung in Facebook-Gruppen: Facebook beginnt damit, den Feed in Gruppen zu monetarisieren. Zunächst zwar nur testweise, aber nachdem Facebook die User so arg dazu gepusht hat, Gruppen zu nutzen, war es nur eine Frage der Zeit, bis Facebook damit beginnt, auch Gruppen zu Geld zu machen. Facebook Begins Testing Ads in the Groups Tab Feed (Adweek)

Schwache Zahlen für Facebook Portal: Nein! Doch! Wer hätte das gedacht: Die Verkaufszahlen von Facebooks Smart-Display „Portal“ fallen eher mager aus im Vergleich zu ähnlichen Produkten von Google und Amazon. Supply-chain sources say Facebook Portal sales are ‘very low’ (Fast Company)

Snapchat testet dynamische Werbung: In einem Test ermöglicht es Snapchat ausgewählten Unternehmen, ihren gesamten Produktkatalog bei Snapchat zu hinterlegen, um Nutzern immer genau das „richtige“ Produkt anzubieten. Der Clou: Snapchat übernimmt die Kreation der Anzeige automatisch. Bedeutet: Unternehmen müssen nach dem Upload ihres Produktkatalogs einfach nur noch aus einer Vielzahl an Anzeigen-Templates auswählen und den Rest erledigt Snapchat wie von Geisterhand: Zielgruppe, Targeting, Schalten der Anzeige, etc. Snapchat Begins Testing Dynamic Ads That Work Off Brands’ Product Catalogs (Adweek)



Umfrage

The State of Technology in Global Newsrooms: Wie stehe es um die Digitalisierung des Journalismus? Welchen Stellenwert nimmt die Verschlüsselung von Kommunikation bei Journalisten ein? Wie viele Newsrooms haben eigentlich eigene Fact-Checker-Abteilungen installiert? Um diese und viele weitere Fragen zu beantworten, hat das ICFJ (International Center for Journalists) zusammen mit der Georgetown University eine Umfrage in 149 Ländern durchgeführt. Hier geht es zur Executive Summary, hier ist der ganze Report. Und hier gibt es einige ausgewählte Ergebnisse als Infografiken:



Schon einmal im Briefing davon gehört

Text me! Social Media war gestern! Heute buhlen Stars darum, einen sehr viel direkteren Draht zu ihren Fans aufzubauen – nämlich via Textnachrichten! Ashton Kutcher, Paul McCartney, Sophia Bush und Marshmello gehören zu den ersten, die ihre Fans dazu aufrufen, ihnen zu texten (New York Times).



Neues von den Plattformen

Twitch

  • Watch Party: Bislang habe ich persönlich noch nicht so ganz den Sinn von Watch Parties verstanden. Aber anscheinend sehen das viele, viele Menschen ganz anders. Deshalb gibt es womöglich künftig bei Twitch die Möglichkeit, mit Freunden zusammen Amazon-Filme zu streamen. (Polygon)

Facebook

  • Dark Mode & Twitter-like Interface: Facebook arbeitet an einem Dark Mode. Zudem schraubt das Unternehmen an einem Interface, das sehr an Twitters neuer Desktop-Version erinnert – mehr dazu bei The Next Web.
  • Grey Verification Badges: Bislang hatte Facebook mit einem grauen Haken gearbeitet, um die „Echtheit“ einer Unternehmensseite zu unterstreichen. Nun überarbeitet FB sein Verifikationssystem für Unternehmen – der graue Haken wird abgeschafft. (Marketingland)


Tipps, Tricks und Apps

Pentos: Wer sich für die Auswertung und Analyse von TikTok-Accounts interessiert, bekommt mit pentos.co das erste Drittanbieter-Werkzeug an die Hand.

“Google Docs“-Alternative: Wer auf kollaborative Werkzeuge wie Google Docs angewiesen ist, prinzipiell aber gern Google-unabhängig arbeiten möchte und Wert auf dezentrale Strukturen legt, kann sich gern docs.arcaneoffice.com anschauen.

One more thing

Werbung, wo vorher keine war: Die Firma Mirriad kann Werbung zielgruppenspezifisch in Online-Videos einblenden – und zwar dort, wo vorher keine Werbung war. Wirklich. Krass. Jetzt hat Mirriad einen Exklusiv-Deal mit Tencent-Video abgeschlossen. Die Chinesen, ey!



Header-Foto von Clay Banks bei Unsplash