Zensur bei TikTok, Politiker bei YouTube und Facebook, Sharenting

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 582. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute beschäftigen wir uns mit Zensur-Strategien bei TikTok. Ferner schauen wir darauf, dass Facebook und Youtube Inhalte anders behandeln wollen, wenn sie von Politikerïnnen geteilt werden. Zudem fragen wir uns, wie viel „Sharenting“ eigentlich erlaubt sein sollte. Wir wünschen eine gute Lektüre und ein angenehmes Wochenende, Simon & Martin



Zensur bei TikTok

Was ist: Der Guardian berichtet über Guidelines für Content-Moderatoren bei TikTok, in denen nachzulesen ist, dass Videos zu bestimmten Personen und Themen zensiert werden sollen, respektive weniger Sichtbarkeit erhalten.

Warum ist das wichtig? Bislang hatte TikTok stets behauptet – auch mir gegenüber – dass auf der Plattform nicht zensiert wird. Der Bericht vom Guardian zeigt nun, dass diese Aussage mit Blick auf bestimmte Themen und bestimmte Regionen so nicht stimmt.

Was steht in den Guidelines?

  • Der Guardian bezieht sich auf Guidelines für TikTok-Mitarbeiter, die den Content-Moderatoren u.a. vorschreiben, Videos zu den Themen "Tiananmen Square, Tibetan independence, Falun Gong" zu zensieren.
  • Auch sind laut den vorliegenden Richtlinien Videos und Posts zu den folgenden Personen auf TikTok unerwünscht: Kim Jong-il, Kim Il-sung, Mahatma Gandhi, Vladimir Putin, Donald Trump, Barack Obama, Kim Jong-un, Shinzo Abe, Park Geun-Hee, Joko Widodo und Narendra Modi.
  • Ferner steht in den Guidelines, die dem Guardian vorliegen, dass Videos von Menschen, bei denen das Alter nicht eindeutig zu klären ist, stets so behandelt werden sollten, als wären die Personen im Video alle über 18 Jahre alt.

Was sagt TikTok dazu? Laut TikTok sind die Guidelines seit Mai diesen Jahres nicht mehr in Kraft – Zitat:

"In TikTok’s early days we took a blunt approach to minimising conflict on the platform, and our moderation guidelines allowed penalties to be given for things like content that promoted conflict, such as between religious sects or ethnic groups, spanning a number of regions around the world. As TikTok began to take off globally last year, we recognised that this was not the correct approach, and began working to empower local teams that have a nuanced understanding of each market. As we’ve grown we’ve implemented this localised approach across everything from product, to team, to policy development.

Ja, aber: Genau dieses „nuanced understanding of each market“ hat die Situation nicht verbessert. In der Türkei etwa, so berichtet der Guardian in einem zweiten Artikel zum Thema, haben die nuancierten Guidelines dazu geführt, dass Videos / Inhalte über die Bestrebungen der Kurden, einen eigenen Staat aufzubauen, auf TikTok nicht erlaubt sind. Auch dürfen TikTok-NutzerInnen in der Türkei z.B. keine Kritik an Mustafa Kemal Atatürk und Recep Tayyip Erdoğan äußern. Auch Alkohol, Abbildungen von „non-Islamic gods“ sowie Beiträge zum Thema Homosexualität sind in der Türkei auf TikTok nicht erwünscht. TikTok äußert sich dazu wie folgt:

Our platform has experienced rapid growth in Turkey and other markets, and as we grow we are constantly learning and refining our approach to moderation. The referenced guidelines regarding LGBTQ content in Turkey are no longer in use, and we have since made significant progress in establishing a more robust localised approach. However, we recognise the need to do more and we are actively working with local third parties and independent advisers to ensure our processes are appropriate.

Be smart:

  • Begründet wird der Marketeintritt immer mit dem Argument, dass die eingeschränkten Services westlicher Unternehmen sicherlich noch besser für die Bevölkerung seien als die häufig stark zensierte Presse oder beispielsweise Wechat in China, auf dem die Regierung direkt mitliest.
  • Das ist natürlich vor allem PR. Die Unternehmen haben an allererster Stelle ein ökonomisches Interesse daran, in den Märkten mitzumischen. Keine Frage. Aber völlig falsch ist die Argumentation dadurch trotzdem nicht.
  • TikTok pauschal zu verdammen, wäre sicherlich mit Blick darauf, wie sich Facebook und Co in anderen Ländern verhalten, zu kurz gesprungen. Und dennoch gilt es, all dies im Blick zu haben, wenn es darum geht, selbst auf den Plattformen aktiv zu werden.
  • TikTok wäre jedenfalls gut beraten, sämtliche Guidelines komplett offenzulegen. Nur so kann das Unternehmen volle Transparenz herstellen und Vertrauen gewinnen.


Alle Menschen sind gleich – Politikerïnnen sind gleicher

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Was ist: Facebook und Youtube wollen Inhalte anders behandeln, wenn sie von Politikerïnnen geteilt werden. Was bei normalen Nutzerïnnen gelöscht würde, weil es gegen die eigenen Hausregeln verstößt, bleibt online, wenn die Absender einen politischen Hintergrund haben. Facebook nimmt solche Inhalte sogar von seinem Faktencheck-Programm aus.

Was Facebook sagt: Nick Clegg, der für Facebooks Policy-Angelegenheiten zuständig ist, hielt am Dienstag eine Rede und veröffentliche einen weiterführenden Blogeintrag. "Wir glauben nicht, dass es angemessen für uns ist, in politischen Debatten den Schiedsrichter zu geben und zu verhindern, dass eine politische Rede ihr Publikum erreicht", schreibt Clegg. Deshalb lege Facebook bei Politikerïnnen andere Maßstäbe an. Ihre Inhalte werden nicht von Faktencheckerïnnen geprüft und genießen eine Vorzugsbehandlung: "Von heute an werden wir diese Postings grundsätzlich als berichtenswerten Inhalt behandeln, der generell gesehen und gehört werden sollte."

Facebook will aber keinen Freifahrtschein erteilen, sondern öffentliches Interesse und den potenziellen Schaden in jedem Einzelfall abwägen und sich an Menschenrechtsstandards orientieren. Inhalte, die Gewalt auslösen könnten, würden gelöscht, selbst wenn die Öffentlichkeit ein Interesse daran habe, sie zu sehen. Bezahlte Postings und Anzeigen sind davon ausgenommen: Wenn Politikerïnnen Geld für Reichweite bezahlen, gelten für sie dieselben Regeln wie für alle anderen.

Was Youtube sagt: Einen Tag nach Clegg zog Youtube-Chefin Susan Wojcicki nach und sagte fast das Gleiche: "Wenn eine politische Person etwas sagt, dass die Bevölkerung und andere globale Führerïnnen sehen sollten, dann ist das ein Inhalt, den wir online lassen, weil wir denken, dass es wichtig ist, dass andere Menschen ihn sehen sollten." Also auch hier: Für Politikerïnnen gelten andere Regeln als für normale Nutzerïnnen.

Politico zitiert noch einen Sprecher, der im Nachgang versichterte, dass sich Politikerïnnen genauso an Youtubes Community Standard halten müssten wie alle anderen und mitnichten eine Sonderbehandlung erhielten. Das Unternehmen mache nur für bestimmte politische Äußerungen eine Ausnahme. Ja wat denn nu: Ausnahme oder keine Ausnahme? Im Zweifel glaube ich eher der Chefin als dem Sprecher, zumal sich dessen Aussage auch noch selbst widerspricht.

Was dahintersteckt: Tatsächlich machen beide Unternehmen damit nur offiziell, was ohnehin seit langem die Regel ist. Facebook und Youtube achten eben nicht nur darauf, was gesagt wird, sondern auch darauf, wer etwas sagt – und Politikerïnnen müssen sich schon sehr anstrengen, wenn sie wollen, dass ihre Inhalt moderiert werden.

Bereits 2016 verkündete Facebook, dass es für bestimmte Inhalte ("newsworthy or significant") Ausnahmen mache, selbst wenn Facebooks eigene Regeln verletzt werden. Damals war Facebook unsicher, wie es mit Trumps Postings umgehen sollte. Das Wall Street Journal berichtete, dass Mark Zuckerberg persönlich interveniert und durchgesetzt habe, Trumps Aussagen über das Einreiseverbot für Muslime nicht zu entfernen.

Auch die fehlenden Faktenchecks sind seit mehr als einem Jahr etabliert. Falls Politikerïnnen Artikel teilen, die von Facebooks Faktencheckern als fragwürdig oder falsch gekennzeichnet wurden, taucht dieser Hinweis auf – Behauptungen, die Politikerïnnen selbst treffen, werden aber nicht überprüft. Auch ihre Reichweite wird nicht herabgestuft, wie das bei Artikeln passiert, die nachweislich irreführende Darstellungen oder falsche Tatsachen enthalten.

Auf Twitter gelten diese Regeln übrigens ebenfalls. 2018 war Twitter die erste Plattform, die öffentlich erklärte, dass es die Accounts bestimmter Politikerïnnen nur in absoluten Ausnahmefällen sperren werde. Der Titel des Blogeintrags: World Leaders . Der Anlass war – natürlich – Donald Trump (VOX), der alle Medien und sozialen Medien dazu bringt, ihre Standards zu überdenken. Im Juni kündigte Twitter dann an, dass es Trump-Tweets nicht löschen, womöglich aber ihre Reichweite begrenzen werde. (Natürlich gilt das auch für andere Politikerïnnen, und Twitter erwähnt den US-Präsidenten nicht namentlich.)

Be smart: Die Botschaft, die Facebook und Youtube senden, ist eindeutig: Wir sind neutrale Plattformen. Wir wollen auf gar keinen Fall in eine Situation kommen, in der wir in Konflikt mit der Politik geraten. Bevor wir heikle Entscheidungen treffen, entscheiden wir lieber gar nichts.

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich es richtig, dass Facebook und Youtube versuchen, nicht aktiv in politische Prozess einzugreifen. Tatsächlich könnte das schnell zu Problemen führen und heftige Gegenreaktionen hervorrufen. Ich will mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Facebook vor der US-Wahl 2020 ein Posting von Trump löscht oder gar seinen Account sperrt. Vermutlich würde es ihm sogar mehr nutzen als schaden.

Andererseits kann man es auch für feige bis verantwortungslos halten, wenn zwei der größten Kommunikationsplattformen der Welt abstreiten, dass sie für politische Propaganda und Desinformation benutzt werden. Denn genau das passiert, wenn Politikerïnnen ihre Reichweite misbrauchen. Während klassische Medien, die früher das wichtigste Sprachrohr waren, offene Lügen zumindest noch einordnen oder richtigstellen konnten, haben Politikerïnnen jetzt einen ungefilterten Kanal – und Populisten wie Trump nutzen das gnadenlos aus.

Ich verstehe, dass sich Facebook und Youtube nicht als Medien begreifen wollen, die Verantwortung für Inhalte übernehmen. Das schadet dem Geschäft. Aber Plattformen, die Milliarden Menschen vernetzen, dürfen auch nicht die Augen davor verschließen, dass sie missbraucht werden können. Sonst machen sie sich zum bereitwilligen Gehilfen von Demagogïnnen, die Hass säen und die Gesellschaft spalten.

Autor: Simon Hurtz



Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

Doxing via Telegram: Bei den Protesten in Hongkong überbieten sich staatliche Stellen und Aktivisten gerade darin, Personen der Gegenseite zu identifizieren, um in der Folge persönliche Daten von ihnen zu veröffentlichen / weiterzurreichen. Zu den Informationen, die gesammelt werden, gehören nicht nur der Name, sondern auch die Wohnadresse, der Familienstand, Körpergröße, Haarfarbe, etc… Denunziation 2.0. Telegram spielt dabei eine wesentliche Rolle. (dfrlab / medium)

Teen Activist Harrasment: Es ist wirklich gruselig, mit welchem Hass und Spott Greta Thunberg auf Facebook und Co überschüttet wird. Aber nicht nur Thunberg steht im Zentrum des Sturms – das Phänomen hat sich wie eine Seuche ausgebreitet: Teenage Girls Are Leading The Climate Movement — And Getting Attacked For It (Buzzfeed).



Follow the money

Youtube: In sechs Jahren soll der größte Teil der Musikumsätze der Welt laut Youtubes Musikchef, Lyor Cohen, auf Youtube erzielt werden. Ein ziemlich ambitioniertes Ziel: Die Plattform ist zwar bereits, was die Nutzungszeit angeht, der größte Musik-Streaming-Dienst der Welt. Der Umsatz, der darüber für die Musiker erzielt wird, ist allerdings bislang eher gering (FAZ).

YouTube-Kid wird abgemahnt: Ryan ToysReview gehört zu den populärsten YouTube-Kanälen, wenn es darum geht, Spielzeug für Kinder vorzustellen. Das Interesse an Ryans Unboxing-Videos, etc. ist so groß, dass der kleine Ryan (read: seine Eltern) aufgrund von YouTube-Ads und Werbedeals mittlerweile Multimillionär sein dürfte. Aber eben bei genau diesen Werbedeals scheint Ryans Management übers Ziel hinausgeschossen zu sein: die FTC (Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde in den USA) ermittelt wegen mangelhafter Kennzeichnung von Werbebeiträgen – die Rede ist von „tricking preschoolers into watching ads“ (Buzzfeed). Wie sympathisch! Nicht.



Empfehlungen fürs Wochenende

Sharenting: Für viele ist es das normalste der Welt, Fotos, Videos, Zitate und Anekdoten von ihren Kids auf Facebook oder Instagram zu posten. Sie sind einfach zu niedlich, diese kleinen Braten. Ich kenne den Impuls nur all zu gut. Und dennoch stehen dabei unweigerlich mehrere Fragen im Raum: Sollten Eltern einfach so darüber befinden dürfen, dass von den Kids bereits digitale Profile erstellt werden? Vielleicht möchten sie später niemals eine der Plattformen nutzen. Und wer sagt denn, dass die Daten, die dort hinterlegt werden, von Dritten nicht zu einem späteren Zeitpunkt gegen sie verwendet werden? Das Buch „Sharenthood: Why We Should Think before We Talk about Our Kids Online“ beschäftigt sich mit diesen Fragen und wird beim New Yorker vorgestellt.

Die empörte Republik: Wo entstehen die Debatten von heute? Wer sind die Vordenker und Meinungsführer? Welche Rolle spielen soziale Medien? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, begibt sich Jakob Augstein auf eine Reise durch die Republik – u.a. zu Stefan Aust, Jan Fleischhauer, Isabelle Sonnenfeld und Julia Reda. Eine wirklich sehenswerte Doku. Einer der klügsten Kommentare im Film kommt dabei imho von Julia Reda. Sie unterscheidet zwischen Debatte und Diskussion und stellt fest, dass bei Twitter (ergo auf Social Media) vor allem debattiert würde, es also gar nicht wirklich darum ginge, das Gegenüber von der eigenen Meinung zu überzeugen. Vielmehr ginge es darum, vor dem eigenen Publikum den eigenen Standpunkt zu unterstreichen. Smart!



Inspiration

Lokaljournalismus auf Instagram kann durchaus erfolgreich sein. Bei Poynter erzählen drei junge KollegInnen, warum es sich auch für lokale Nachrichtenanbieter lohnen kann, auf Instagram aktiv zu sein.

1 Million Subscriber: Der Guardian feiert eine Million YouTube-Subscriber. Das Erfolgsgeheimnis besteht in längeren Videos, wie die Verantwortlichen bei Digiday erklären.

Reporter-App: Die dpa hat eine neue Reporter-App, die den KollegInnen das Leben schneller und flexibler machen soll. Projektleiter Felix Frieler gewährt einen Einblick in den Entwicklungsprozess. Spannend!



One more thing

Auch Facebook testet jetzt ganz offiziell, wie eine Welt ohne Likes aussehen kann. Dafür gibt es von uns ein:

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Header-Foto von Joseph Chan bei Unsplash