300 Millionen für Lokaljournalismus, Swipen statt Scrollen, WeChats Score

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 516. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute blicken wir auf Facebooks Vorhaben, 300 Millionen Dollar in Lokaljournalismus investieren zu wollen. Also in amerikanischen Lokaljournalismus wohlgemerkt. Ferner klären wir, warum Tappen / Swipen das neue Scrollen ist. Zudem berichten wir über WeChats Idee, Nutzer mit einem Score zu versehen, um sie je nach bisherigem Verhalten mit Gutscheinen oder Vergünstigungen zu belohnen. Ich wünsche eine gewinnbringende Lektüre und bedanke mich bei nun 2.000 lesenden AbonnentInnen – trotz Paywall. Verrückt 🙂



Facebook investiert 300 Millionen Dollar in Lokaljournalismus

Was ist: Facebook hat angekündigt, 300 Millionen Dollar in Lokaljournalismus investieren zu wollen. Über einen Zeitraum von drei Jahren möchte Facebook dabei helfen, Produkte und Strategien zu entwickeln, die die Zukunft des Lokaljournalismus sichern.

An wen geht das ganze Geld?

  • Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass die 300 Millionen Dollar in den USA investiert werden. Für Projekte in Europa, bzw. Deutschland liegen noch keine konkreten Informationen, erklärt ein Facebook-Sprecher auf Nachfrage.
  • Bislang hat Facebook 20 von den insgesamt 300 Millionen Dollar für den „Local News Membership And Subscription Accelerator“ vorgesehen (Facebook for Media). Dabei handelt es sich um ein Programm, „das lokalen Nachrichten-Publishern helfen soll, ihre Einnahmen durch digitale Abonnements zu steigern“.
  • Darüber hinaus steht bereits fest, dass 16 Millionen Dollar an die folgenden Nonprofits und Journalismus-Organisationen verteilt werden: „Pulitzer Center, Report for America, the Knight-Lenfest News Transformation Fund, the Local Media Association, the Local Media Consortium, the American Journalism Project and the Community News Project“. Was die Organisationen konkret mit dem Geld vorhaben, kann hier beim NiemanLab nachgelesen werden.

Warum macht Facebook das?

  • Facebook sieht darin sicherlich eine Option, ein Stück weit die Wogen zu glätten. Nachdem die Beziehung zu „Publishern“ über all die Jahre von einem steten Auf und Ab geprägt war, lädt Facebook nun dazu ein, über einen Zeitraum von drei Jahren eng zusammenzuarbeiten.
  • Auch kann Facebook mit so einer großen Summe bei der Politik Eindruck schinden. Insbesondere in den USA wird es gern gesehen, wenn sich Unternehmen zu ihrer patriotischen Verantwortung bekennen.
  • Zudem haben Journalismus-Anbieter schon lange darüber diskutiert, ob und wie Tech-Unternehmen (insbesondere Facebook) stärker Journalismus-Anbieter unterstützen, respektive an ihren Gewinnen beteiligen könnten. Siehe dazu z.B. auch die aktuelle Reuters-Umfrage zu den Trends und Entwicklungen 2019.
  • Google hatte letztes Jahr exakt die gleiche Summe für die Google News Initiative in Aussicht gestellt. Auch hat Google jüngst in Kooperation mit Automatic (dem Unternehmen hinter WordPress) angekündigt, ein CMS für Publisher entwickeln zu wollen (WordPress / Blog). Da will Facebook sicherlich mithalten.

Aber da ist noch mehr:

  • Eine Stärkung des Lokaljournalismus ist im ureigenen Interesse von Facebook. So hat das Unternehmen über die Jahre immer wieder betont, dass die Nutzer von der Plattform erwarten, dass sie über lokale News, Events, Gruppen, Sportvereine, etc. informiert bleiben. Seit der Umstellung des News Feeds im Januar 2018 werden deshalb ja auch lokale News im Feed bevorzugt (Facebook Newsroom). (Leider kenne ich noch keine Zahlen, ob und wie sich diese Umstellung für lokale Publisher tatsächlich ausgewirkt hat.)
  • Auch das relativ neue Facebook-Feature „Today In“ unterstreicht Facebooks Interesse daran, lokale News noch stärker auf Facebook abzubilden. (NBC News)

Be smart: Schon lange sprechen wir über die Gefahr der Abhängigkeit von Facebook. Während wir mittlerweile alle verstanden haben sollten, dass es keine kluges Geschäftsmodell ist, sich einzig und allein auf den Traffic von Facebook zu verlassen, dreht sich die Diskussion nun darum, ob Publisher Geld von Facebook nehmen sollten (CJR).

Tiefgang:



Tappen / Swipen ist das neue Scrollen

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Was ist: Es sieht so aus, als hätten wir uns die längste Zeit durch unsere Apps gescrollt. Tappen und Swipen schicken sich an, das Scrollen abzulösen.

Warum ist das so ? Durch den Erfolg des Stories-Formats und die Popularität von Tinder wurde deutlich, wie viel praktischer es für die Benutzung von mobilen Apps ist, sich durch den Content zu „tappen“, bzw. zu „wischen“. So ist der Erfolg des Stories-Formats eben nicht nur darin begründet, dass sich mit ihnen schicke Powerpoint-Präsentationen in eigener Sache in einem vermeintlich privateren Umfeld erstellen lassen, sondern auch in der Art und Weise, wie der Inhalt konsumiert werden kann: Tap, Tap, Tap, Tap, Tap, Tap, Tap, Tap…

Welche Konsequenzen hat das?

  • Nutzer haben weniger Überblick über das Gesamtinventar an Inhalten
  • Nutzer verbringen mehr Zeit in der App
  • Nutzer interagieren mehr mit den Inhalten
  • Nutzer müssen nicht beim Scrollen die richtige Position erwischen, um einen Post anzuschauen
  • Inhalte werden automatisch im Vollbild dargestellt
  • Unternehmen können Werbekunden versprechen, dass ihre Anzeigen auf jeden Fall gesehen werden

Welche Apps setzen aufs Tappen / Wischen?

  • Zunächst einmal natürlich alle Apps, die das Stories-Format anbieten. Also Snapchat, Instagram, Facebook, WhatsApp, WeChat, etc…
  • Als nächstes wäre wohl der neue Google News Feed zu nennen, der mit seinen AMP-Stories ebenfalls Tappen/Wischen ins Programm mit aufgenommen hat. (AMP Project)
  • Dann wäre da dieser ominöse Test von Instagram Ende vergangenen Jahres, bei dem einigen Nutzern nur für wenige Minuten der Feed zum Tappen/Wischen angeboten wurde. (The Verge)
  • Jetzt führt YouTube die Option ein, sich in der mobilen Version seines Angebots von einem Video zum nächsten zu wischen. (Techcrunch)

Be smart: Auch auf Websites lässt sich das Tappen/Wischen nutzen, um Geschichten zu erzählen. Vielleicht lohnt es sich, damit ein wenig zu experimentieren. Denn am Ende sind die Social-Media-Apps so stark in ihrer Strahlkraft, dass sie durchaus neue Standards setzen können, wie Inhalte erlebt werden wollen.



Schon einmal im Briefing davon gehört

Facebook startet Podcast: Facebook ist ja bereits als Publisher aktiv und gibt das Magazin Grow heraus. Jetzt geht Facebook auch unter die Podcast-Produzenten. In der ersten Ausgabe des Podcasts mit dem Namen „Three and a Half Degrees: The Power of Connection“ geht es darum, wie drei Gründer die Plattform nutzen, um anderen zu helfen. Hach. (USA Today)

Der nächste Bitte: Es nimmt einfach kein Ende: bei Snapchat geht schon wieder eine Führungskraft von Bord. Nach nur acht Monaten in der Position verlässt CFO Tim Stone bereits wieder das Unternehmen. Die Börse reagiert entsprechend. Was ist da bloß los? (Recode)

WeChat User Ranking: WeChat nutzt offenbar die Daten, die sie über ihre Nutzer sammeln, um ihnen eine Art Score zuzuordnen. Auf der Grundlage dieses Scores wiederum verteilen sie Gutscheine und Vergünstigungen. Die Idee: wer ganz viel von einem Unternehmen kauft oder immer ganz schnell seine Rechnungen begleicht, wird belohnt. Kann man in diesem Zusammenhang noch von Nudgen sprechen? (Techcrunch)



Lesetipps fürs Wochenende

Minecraft und rechte YouTuber: Daniel Laufer hat einen tollen Hintergrundartikel zum Umfeld des 20-Jährigen verfasst, der persönliche Daten von hunderten Politikern und Prominenten im Netz veröffentlicht hat. Eine wirklich faszinierende und zugleich verstörende Welt. So tickt die Szene hinter dem Datenleck (Badische Zeitung)

Stalking / Verantwortung der Plattformen: Stell Dir vor, Du trennst Dich von Deinem Partner und aus Rache schickt Dir Dein Ex via Social-Media-App 1000 Menschen nach Hause, die davon ausgehen, dass Du mit ihnen Sex haben möchtest. Unvorstellbar, richtig? Nun bei einem Gericht in New York wehrt sich gerade die App Grindr dagegen, für genau diesen Vorgang eine Mitverantwortung zu tragen. Laut Section 230 seien sie nämlich vor dem Gesetz nicht dafür haftbar, was auf ihrer Plattform passiert, so die Argumentation. Wir kennen das ja bereits von YouTube und Facebook, die ebenfalls großen Schutz durch Section 230 genießen – etwa bei Copyrights-Verletzungen. Aber wo lässt sich die Grenze ziehen für das, was von Section 230 gedeckt ist? A Man Sent 1,000 Men Expecting Sex And Drugs To His Ex-Boyfriend Using Grindr, A Lawsuit Says (BuzzFeed News)

Wenn die Meme-Challenge vor allem den Plattformen hilft: Hunderttausende beteiligen sich derzeit an der „10 Year Challenge“ und füttern damit freiwillig Facebooks Gesichtserkennungssoftware, argumentiert Kate O’Neill. Facebook’s 10 Year Challenge is just a harmless meme – right? (WIRED)



Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • Policies: YouTube hat seine Regeln verschärft: fortan dürfen keine Inhalte mehr auf YouTube verbreitet werden, die gefährliche Stunts oder Pranks zeigen (Support Google). Auch dann nicht, wenn sie in einer sicheren Umgebung kreiert worden. Hintergrund ist die zunehmende Popularität an Challenges wie etwa der BirdBox-Challenge, bei der Youtuber mit verbundenen Augen im Straßenverkehr umherirren. Konkret heißt es in der Ankündigung:

We’ve updated our external guidelines to make it clear that we prohibit challenges presenting a risk of serious danger or death, and pranks that make victims believe they’re in serious physical danger, or cause children to experience severe emotional distress.

  • Neue Recommendations: Ferner testet YouTube eine neue Form der Empfehlungen. So werden künftig unter Videos kleine Icons angezeigt, die zum Video passende Keywords, Künstler oder Themen auflisten. (The Verge)


Tipps, Tricks und Apps

Kennzeichnungspflicht: Wann muss Mensch eigentlich einen Blogbeitrag, bzw. ein Post bei Facebook, Twitter, Instagram, etc. als Werbung kennzeichnen? Dieser Leitfaden von den Medienanstalten hilft dabei, den Überblick zu behalten:



One more thing

Das berühmteste Ei der Welt: In aller Regel beschäftigen wir uns hier im Briefing ja nicht so sehr mit Social-Media-Rekorden. Aber wenn es jemand schafft, dass ein Foto von einem Ei (44 Mio Likes) innerhalb weniger Stunden mehr Zuspruch bei Instagram erfährt als das Foto von Kylie Jenners neugeborenem Baby (18,5 Mio Likes) und damit den soeben von Jenner aufgestellten Like-Rekord direkt pulverisiert, dann muss das auch hier Erwähnung finden. What a time to be alive. Wohl wahr.



Foto-Credit: Tyson Dudley bei Unsplash