📌 Neue Website, neue Abo-Modelle

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Neue Website

Um künftig einen besseren Service jenseits unseres Newsletters bieten zu können, haben wir in den letzten Wochen ordentlich gewirbelt und unsere Website neu aufgesetzt. Alles per Hand, ohne Agentur. Soweit sind wir dann doch noch nicht… Wer mag, schaut mal rein – Feedback ist gern gesehen.

Was die neue Website mitbringt:

  • Erstens möchten wir einen zentralen Ort anbieten, um alle Newsletter-Ausgaben auch Abseits der Email nachlesen zu können: socialmediawatchblog.de/archiv.
  • Zweitens möchten wir unseren Deep Dives mehr Raum geben: auf socialmediawatchblog.de/deep-dives führen wir daher künftig sämtliche Analysen separat auf.
  • Drittens haben wir unsere Artikel-Ebene aufgebohrt, um ein besseres Leseerlebnis und mehr Interaktionsmöglichkeiten zu bieten.

Zahlende Leserïnnen können selbstverständlich auf alle Inhalte unserer Website über ihr Steady-Login zugreifen. Wer das Abo über die Firma bezieht, kann sich gern bei uns für ein Login melden.

Neue Abo-Modelle: Steady, Soli, Teams

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Wir bieten stattdessen ab jetzt nur noch ein Abo via Steady an, das sich lediglich mit Blick auf Preis und Laufzeit unterscheidet: Hier geht es zur Abo-Seite.

Wichtig: Alle laufenden / bestehenden Abos bleiben davon selbstverständlich unberührt, sie laufen ganz normal weiter. Niemand muss in ein anderes Paket wechseln. Das neue Steady-Abo richtet sich an alle, die jetzt neu ein Abo abschließen möchten.

Das neue Abo, das via Steady angeboten wird, kostet:

  • 5 Euro / Monat bei Abschluss eines Jahresabos
  • 7,50 Euro / Monat bei monatlicher Laufzeit

Wie gewohnt erhalten zahlende Leserïnnen Zugriff auf den Newsletter, auf unsere Website und die Slack-Gruppe.

Ferner führen wir ein Soli-Abo ein, das für alle gedacht ist, die zwar gern unseren Newsletter lesen würden, sich aber ein kostenpflichtiges Abo aus welchen Gründen auch immer vorübergehend nicht leisten können.

Bei Interesse an einem Soli-Abo bitte einfach kurz eine Mail schreiben. No Worries: Niemand muss irgendwelche Bescheinigungen vorlegen.

Wer jedoch direkt ein Abo für das gesamte Team abschließen möchte, bekommt auf unserer neuen Team-Abo-Seite einen Überblick, wie die Team-Abos funktionieren.

Wir sind wirklich stolz, dass so viele Kommunikations- und Medienprofis unseren Briefings vertrauen und unsere Arbeit derart wertschätzen.

Vielen Dank
Tilman, Simon und Martin

Das Silicon Valley zähmt das Wild Wild Web (ein bisschen)

Was ist

In den vergangenen Tagen haben die großen Tech-Plattformen reihenweise rassistische, rechtsradikale und gewaltverherrlichende Kanäle, Gruppen, Seiten und Konten verbannt. Auch der Twitch-Account von Donald Trump wurde vorübergehend gesperrt (wobei man durchaus der Meinung sein kann, dass mindestens zwei der Adjektive auch auf den US-Präsidenten zutreffen, sodass er gar nicht einzeln aufgezählt werden müsste).

Wer wen gekickt hat

Ganz aktuell:

  • Twitter hat Konten der rechtsextremen Identitären Bewegung gesperrt. Facebook und Instagram haben bereits vor zwei Jahren durchgegriffen.
  • Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang hatte kurz zuvor explizit vor der Gefahr der sogenannten Neuen Rechten gewarnt und sie als „Superspreader von Hass und Gewalt“ (SZ) bezeichnet.
  • Die Sperrung der Twitter-Profile sei für die Identitäre Bewegung „ein erheblicher Einschnitt“, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl (DLF) vom Londoner Institute for Strategic Dialogue.
  • „Der Versuch der Identitären Bewegung, rechtsextreme Positionen mit einem bürgerlichen Anstrich zu tarnen, ist gescheitert“, sagt Miro Dittrich (ZDF) von der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Von vergangener Woche (auch schon in Briefing #651 zu lesen)

  • Reddit hat r/The_Donald, r/ChapoTrapHouse und rund 2000 weitere rassistische und extremistische Subreddits dicht gemacht (The Verge).

Warum das wichtig ist

In einer Telefonkonferenz mit Journalistïnnen sagte Reddit-Chef Steve Huffman:

„I have to admit that I’ve struggled with balancing my values as an American, and around free speech and free expression, with my values and the company’s values around common human decency.“

Dieses Zitat beschreibt das Dilemma, in dem Facebook, YouTube, Twitter, Reddit und andere Unternehmen stecken. Genauer gesagt: das Dilemma, in dem sie glauben zu stecken. Denn tatsächlich hat vieles von dem, was die Plattformen jahrelang stillschweigend duldeten, nichts mit Meinungs- oder Redefreheit zu tun. Kein Mensch der Welt hat ein Anrecht darauf, dass ihm jedes private Unternehmen ein Mikrofon unter die Nase hält.

Huffman hat entschieden: Reddit soll keine Plattform für Hass und Menschenfeindlichkeit mehr sein. Isoliert betrachtet wäre das nur der überfällige Sinneswandel eines jungen Gründers, der allmählich erwachsen wird. Doch wenn binnen einer Woche fünf Großkonzerne ähnliche Entscheidungen treffen, steht das für mehr.

„Goodbye to the Wild Wild Web“, verabschiedet Kevin Roose (NYT) die Ära der nahezu unbeschränkten Redefreiheit:

„But arriving all at once, they felt like something much bigger: a sign that the Wild Wild Web — the tech industry’s decade-long experiment in unregulated growth and laissez-faire platform governance — is coming to an end. In its place, a new culture is taking shape that is more accountable, more self-aware and less willfully naïve than the one that came before it.“

Warum das gut ist

Das Wild Wild Web hat dem World Wide Web schwer geschadet. Wenige Großkonzerne haben das Sagen – und Extremistïnnen spielen Katz und Maus mit ihnen. Sie kapern die Plattformen, Pöbeln, Provozieren und loten die Grenzen des Sagbaren aus. Sie profitieren von Algorithmen, die das Laute und Schrille weiter verstärken und Nuancen und Differenzierung unsichtbar machen.

Netzwerke wie Facebook sind weder neutral noch ein Spiegel der Gesellschaft. Was auf YouTube trendet, bestimmen nicht nur die Nutzerïnnen, sondern auch YouTubes mächtige Empfehlungsmaschine. John Herrman drückt es so aus (NYT):

„YouTube isn’t so much the marketplace of ideas as a marketplace for some ideas, if those ideas work well in video format, in the context of a subscription-driven social environment consumed mostly on phones, in which compensation is determined by viewership, subject matter and potential for sponsorship.“

Es war immer ein Mythos, dass ein Minimum an Regeln (gepaart mit einem noch viel eklatanteren Defizit an Durchsetzung jener Regeln) allen die gleichen Chancen gibt, ihre Ideen und Überzeugungen zu verbreiten. Im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie gewinnt meist, wer am vehementesten meint, am lautesten schreit oder am skrupellosesten auf Andersdenkende losgeht.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Deplatforming helfen kann, den besonders wüsten Schreihälsen dauerhaft die Bühne zu entziehen. Alex Jones und Milo Yiannopoulos haben massiv an Einfluss verloren (Vice), nachdem YouTube und Twitter ihre Kanäle und Konten dicht gemacht haben. In Briefing #614 haben wir ausführliche über eine Studie geschrieben, die unter anderem die Wirksamkeit von Deplatforming belegt.

Wenn Facebook, Twitter, YouTube, Reddit und Twitch nun durchgreifen, ist das weder Zensur, noch bedroht es die Meinungsfreiheit. Es ist ein erster von vielen nötigen Schritten, um das Wild Wild Web zu zähmen und zu entgiften.

Wie sich das Timing erklärt

Was hat sich geändert? Warum hat Reddit nach vielen Jahren entschieden, dass der Großteil der rund 800.000 Menschen, die r/The_Donald bevölkern, doch nicht harmlos ist? Warum greift Twitter ausgerechnet jetzt durch, obwohl Sellner und seine Gefolgsleute die Plattform immer wieder für ihre menschenfeindlichen Aktionen missbraucht haben?

Wir zitieren erneut John Herrman, der in erster Linie wirtschaftliche Motive sieht:

„These areas of previously unfettered growth – in far-right content, in groups with a tendency to harass and intimidate other users and in certain political circles — are, finally, more trouble than they’re worth. Maybe they alienate a platform’s own employees, making them uncomfortable or ashamed. Maybe they’ve attracted the wrong kind of attention from advertisers or even a critical mass of users.“

Das ist sicher ein Grund – aber nicht der einzige. Reddit-Chef Huffman sagt (NYT):

„We have advertisers who care about these things. But this was a decision — a series of decisions, really — to make Reddit better.“

Das ganze Interview ist absolut lesenswert. Huffman erläutert darin nachvollziehbar, welcher interne Diskussionsprozess zur Entscheidung führte und gesteht offen seine eigene Naivität ein:

„When we started Reddit 15 years ago, we didn’t ban things. And it was easy, as it is for many young people, to make statements like that because, one, I had more rigid political beliefs and, two, I lacked perspective and real-world experience.“

Was er sagt, klingt glaubwürdig. Auch Nilay Patel, der Chefredakteur von The Verge, nimmt Huffman den Idealismus ab (Twitter):

„Sometimes the answer is as simple as people looking at the thing they’ve made and deciding they would like to be more proud of it than they are.“

Es ist zu einfach, Tech-Konzerne und ihre Chefs immer nur auf finanzielle Motive oder Machtstreben zu reduzieren. Mark Zuckerberg, Jack Dorsey, Susan Wojcicki und Steve Huffman haben Werte und Überzeugungen. Natürlich wollen sie, dass ihre Produkte die Welt verbessern.

Man kann darüber streiten, ob das gelingt. Man kann den Moralkompass von Zuckerberg kritisieren, der Redefreiheit fast schon verabsolutiert. Man kann den Konzernen vorwerfen, dass ihre Handlungen oft nicht mal den eigenen Regeln entsprechen. Aber manchmal entscheiden mächtige Managerïnnen auch einfach, weil sie überzeugt sind, dass es wichtig und richtig ist – und nicht, weil das dem Aktienkurs hilft.

Wir wissen natürlich nicht, was genau in den aktuellen Fällen den Ausschlag gegeben hat. Neben Altruismus gibt es eine Reihe weiterer möglicher Gründe:

  • Die Welt verändert sich rasant. Gerade die „Black Lives Matter“-Proteste haben ein neues Bewusstsein geschaffen. In diesem Klima riskieren Konzerne, die Rassistïnnen eine Bühne bieten, Nutzerïnnen und Werbekunden zu verärgern.
  • Der Werbeboykott, der derzeit Facebook trifft, zeigt, dass Unternehmen bereit sind, ihre Budgets umzuverteilen. Ob bei allen moralische Überzeugungen ausschlaggebend sind, ist fraglich. Fakt ist aber, dass Aktionen wie #StopHateforProfit den öffentlichen Druck erhöhen, hasserfüllte Inhalte konsequenter zu löschen. (mehr dazu: #649)
  • Auch die Angestellten der Konzerne können Druck machen: Hunderte Facebook-Mitarbeiterïnnen streikten, weil Zuckerberg ein Posting von Trump unverändert stehen ließ. Gerade im (für US-Verhältnisse) linksliberalen Silicon Valley, in dem viele große Unternehmen um die klügsten Köpfe konkurrieren, kann eine solche Haltung junge, politisch denkende Entwicklerïnnen abschrecken. (mehr dazu: #643)
  • Die Corona-Pandemie hat bei den Plattformen ein Umdenken bewirkt: Es gibt Inhalte, die vielleicht nicht strafbar sind, aber doch so eindeutig gefährlich („Wassertrinken hilft gegen Covid 19“, „5G verbreitet das Virus“), dass sie gelöscht werden müssen (mehr dazu: #633). Und das gilt nicht nur für unwissenschaftlichen Unsinn, sondern auch für politische Inhalte. Forscherin Joan Donovan schreibt (Wired):

„It’s no coincidence that this newfound boldness on the part of social media companies is coming in the middle of a global pandemic. The past few months of work dealing with medical misinformation surrounding Covid-19 has taught these companies an important lesson: They must – and they can – take decisive action to control who and what is on their sites. It’s about time, and it had better be just the beginning.“

Ja, aber

Aus drei Gründen ist es zu früh für große Freude:

  1. Die Ereignisse der vergangenen Woche allein bewirken kaum etwas. Sie bekommen erst dann eine größere Bedeutung, wenn sich der Trend, der sich abzuzeichnen scheint, bewahrheitet. Bis dahin bleiben es fünf Entscheidungen, die nur Symptome bekämpfen – Symptome des Wild Wild Web, das die Plattformen selbst hervorgebracht haben.
  2. Viele der verbannten Extremistïnnen rufen dazu auf, sich woanders neu zu formieren. Sie ziehen sich auf Plattformen zurück, wo noch weniger moderiert wird – und wo die Öffentlichkeit noch weniger davon mitbekommt. Vor allem bei großen Accounts wirkt Deplatforming. Wenn aber die Boogaloo-Bewegung zu Telegram umzieht, ist wenig gewonnen. r/The_Donald hat sich seit Jahren auf die Sperre vorbereitet und wird alles versuchen, den harten Kern zusammenzuhalten.
  3. Bei den aktuellen Fällen waren die Entscheidungen eindeutig und überfällig. Es gibt aber einen großen Graubereich. „Hass“ und „Hatespeech“ sind schwammige Begriffe. Sollen die Plattformen selbst entscheiden, wo die Grenze liegt? Wer schreibt die Regeln für das Netz, das nach dem Wild Wild Web kommt? Es braucht demokratische und juristische Kontrolle – und Institutionen wie das Facebook-Oversight-Board, das zumindest einen kleinen Teil der Entscheidungsgewalt externalisiert.

Be smart

Vergangene Woche gab es noch einen sechsten Massenban: Indien hat 59 chinesische Apps gesperrt, darunter TikTok. Jetzt erwägen auch die USA, TikTok zu verbieten (WSJ).

Vielleicht folgt auf das globale Wild Wild Web kein zivilisiertes World Wide Web – sondern ein „Splinternet“ (Future Today Institute), das Jannis Brühl heraufziehen sieht (SZ):

„Wie unter einem Brennglas zeigt sich in Hongkong, wie die sozialen Medien zu Kampfplätzen der Geopolitik geworden sind. Das soziale Web von Facebook bis Tiktok lebt von den Inhalten seiner Nutzer, seien es Fotos vom Familienausflug oder politische Parolen. Der Versuch der Staaten, diese Datenströme zu kontrollieren, verändert das Netz. Regierungen errichten digitale Mauern und sabotieren die Globalisierungsmaschine Internet.“

Wie Social-Media-Angebote wieder sozialer werden könnten

Was ist

Es vergeht keine Woche, ohne dass in diesem Briefing die Worte Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit auftauchen. Die jüngsten Beispiele: #StopHateforProfit in Briefing #650 und das Deplatforming rechtsradikaler Kanäle, Gruppen und Subreddits durch YouTube, Facebook, Twitch und Reddit in Briefing #651.

Das ist traurig, denn eigentlich schreiben wir über soziale Medien. Doch zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen die negativen Folgeerscheinungen die positiven Effekte – die es zweifellos gibt. Social Media vernetzen Menschen auf der ganzen Welt und geben Leuten eine Stimme, die lange nicht gehört wurden, wie etwa #MeToo und #BlackLivesMatter zeigen.

Was das bedeutet

Das Potenzial, das soziale Netzwerke haben, ist groß. Die Realität zeichnet ein anderes Bild. Doch statt abzubilden und zu beklagen, was ist, wollen wir an dieser Stelle einen konstruktiven Blick auf Social Media werfen: Wir sammeln Vorschläge, was Plattformen, Politik und Nutzerïnnen tun könnten, damit kulturpessimistische Feuilletonistïnnen nicht mehr halbironisch von "sogenannten sozialen Medien" schreiben müssen.

Woher die Idee kommt

Unabhängig voneinander haben mehrere kluge Menschen in den vergangenen Tagen Texte veröffentlicht, die sich damit beschäftigen, wie soziale Netzwerke kleinteilig verbessert, grundlegend reformiert oder komplett neu gedacht werden könnten – auch wenn die Überschriften nicht alle danach aussehen:

  1. Nick Punt: „De-escalating Social Media” (nickpunt.com)
  2. Shira Ovice: „Bogus Ideas Have Superspreaders, Too” (NYT)
  3. Charlie Warzel: „Facebook Can’t Be Reformed” (NYT)
  4. Will Oremus: „What a Better Social Network Would Look Like” (OneZero)

Punt und Ovide machen konkrete und operationalisierbare Vorschläge. Warzel und Oremus aggregieren jeweils Ideen, die teils unrealistisch bis utopisch anmuten. Nummer 1 und 2 behandeln wir separat, die beiden anderen bündeln wir, da sie inhaltlich zusammenhängen. Wir haben alle vier Texte mit Gewinn gelesen und empfehlen sie weiter.

1. Twitter Mea Culpa

Die Ausgangsthese von Nick Punt lautet: "Social media has a conflict problem." Aus unterschiedlichen Gründen, die er nachvollziehbar herleitet, fällt es vielen Menschen in sozialen Netzwerken besonders schwer zuzugeben, dass sie im Unrecht sind und einen Fehler gemacht haben.

Eines der größten Probleme: Wenn einen Hunderte Menschen auf einmal teils aggressiv zurechtweisen, sinkt die Bereitschaft zur Selbstkritik massiv. Auf Twitter gibt es nur drei Optionen:

  1. Die Antworten ignorieren
  2. Den Tweet löschen
  3. Den Tweet online lassen und eine Korrektur posten

Nichts davon ist wirklich zielführend. Deshalb schlägt Punt eine neue Funktion vor – Twitter Mea Culpa:

"Twitter Mea Culpa is a way for a poster to flag their tweet as a mistake and de-escalate a situation, using the same action menu that deleting a post uses, and the same visual design as flagged tweets."

Wer auf diese Art eingesteht, einen Fehler gemacht zu haben, schränkt die Reichweite seines Ursprungstweets ein und verhindert weitere direkte Antworten. Der Tweet bleibt aber online und kann zitiert werden.

In seinem Gedankenspiel wägt Punt weitere Optionen ab (die Möglichkeit, ein Follow-up zu verschicken oder eine Funktion, mit der andere Nutzerïnnen Vergebung signalisieren können), beleuchtet mögliche Schattenseiten (etwa den Missbrauch durch Trolle) und erklärt, warum eine Mea-Culpa-Möglichkeit besser wäre als ein Edit-Button, den Twitter (aus durchaus nachvollziehbaren Gründen) ablehnt.

Unsere Einschätzung: Ein Twitter Mea Culpa verändert garantiert nicht die Welt – und vermutlich auch Twitter nur geringfügig. Dafür ließe sich die Idee wohl relativ einfach umsetzen, könnte Nutzerïnnen in bestimmen Situation unangenehme Erfahrungen ersparen und Twitter zu einem etwas angenehmeren Ort machen. R U Listening, Jack?

2. Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung

Shira Ovide beschreibt den Status Quo:

"If the Rock encouraged his 58 million Facebook followers to vandalize a fast-food restaurant, Facebook’s policies would treat it the same as if your neighbor blasted this to his 25 friends."

Und leitet daraus ab:

"But whether they intend it or not, celebrities, politicians and others with large online followings can be superspreaders — not of the coronavirus but of dangerous or false information. And I wonder whether these prominent people need to be held to stricter rules."

Anders ausgedrückt: Ovide wünscht sich, dass Plattformen bei der Content-Moderation nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Absenderïnnen achten. Sie erinnert an Beispiele wie die üble "Momo Challenge", die erst groß wurde, nachdem Kim Kardashian den Unsinn auf Instagram verbreitete.

Auch die Analyse aktueller Corona-Verschwörungsmythen stützt diese Theorie: In Briefing #636 haben wir erklärt, wie wenige Influencerïnnen, Prominente und Politikerïnnen den viralen Unsinn befeuern.

Deshalb schlägt Ovide vor:

  • Für Accounts mit mehr als einer halben Million Follower sollen verschärfte Regeln gelten.
  • Wer Inhalte postet, die gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen oder die von unabhängigen Faktenprüferïnnen widerlegt wurden, erhält einen Strike (ähnlich dem YouTube-System).
  • Ab einer gewissen Anzahl von Strikes wird die Reichweite des Accounts eingeschränkt. Facebook könnte seinen Algorithmus entsprechend anpassen, Twitter könnte etwa Retweets blockieren.
  • Einflussreiche Nutzerïnnen könnten immer noch alles sagen, was sie wollen (Freedom of Speech), aber sie erreichten nicht mehr alle Menschen, die sie adressieren wollen (Freedom of Reach).
  • Eine noch radikalere Idee wäre es, Inhalte von besonders großen Accounts nur noch nach vorheriger Prüfung freizugeben.
  • YouTube macht das bereits, bevor es Videos für bestimmte Werbeschaltungen freigibt. Medien machen es ohnehin jeden Tag. Die Plattformen entwickelten sich dann noch mehr in Richtung „Publishern“.

Unsere Einschätzung: Das Gegenargument liefert George Orwell, ausnahmsweise nicht im zu Tode zitierten 1984, sondern in seiner Fabel Farm der Tiere: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher."

Natürlich ist es riskant, wenn Nutzerïnnen anders behandelt werden, nur weil sie ein größeres Publikum adressieren. Aber schon Spiderman wusste: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung." Und wenn wir Kraft durch Reichweite ersetzen, lässt sich das auf Social Media übertragen.

Für globale Plattformen ist es unmöglich, alle Beiträge perfekt zu moderieren. Content-Moderation kann immer nur darauf bedacht sein, Fehler zu minimieren und Folgeschäden zu begrenzen. Alles richtig zu entscheiden, ist aufgrund der Menge der Inhalte, die Milliarden Nutzerïnnen täglich produzieren, schlicht ausgeschlossen.

Auch deshalb sind Plattformen wie Twitter bereits dazu übergegangen (Twitter-Blog), auch den möglichen Schaden als ein Entscheidungskriterium zu berücksichtigen ("If it is likely to cause harm, it should be removed"). Ein Nutzer mit elf Followern, der ein manipuliertes Video von Kim Jong-un hochlädt, ist ein bisschen egal – wenn Trump es tut, könnte die Welt ins Chaos stürzen.

Aus diesem Grund halten wir die Anregung von Shira Ovide zumindest für bedenkenswert und verweisen zudem auf Casey Newton, der bereits vor einigen Monaten schrieb (The Interface):

"Looking at the outcome is a useful frame for making individual policy decisions. There are lots of terrible pieces of social content that are essentially harmless, because no one sees them. And then there are the small few that go viral and do lots of damage. It makes sense that Twitter would focus its moderation efforts at that level. Promising to intervene in cases where there is serious harm isn’t just sensible – it’s also scalable."

3./4. Es braucht keine Reform, es braucht eine Revolution

Wer über Facebook berichtet, hat den Satz Dutzende Male gehört: "We know we have more work to do." So reagiert nicht nur Mark Zuckerberg, wenn Facebook sich von russischen Trollen hat manipulieren lassen, versehentlich Nutzerdaten weitergegeben oder Rechtsradikalen eine Plattform gegeben hat. Charly Warzel drückt es so aus:

"We Know We Have More Work to Do (let’s call it W.K.W.H.M.W.T.D. for short) is the definitive utterance of the social media era, trotted out by executives whenever their companies come in for a public shaming."

Diese lapidare Beschwichtigung soll Kritik abblocken und guten Willen signalisieren. Der Satz ist mächtig – und gefährlich:

"In Facebook’s case, what is most dangerous about W.K.W.H.M.W.T.D. is that it glosses over the fundamental structural flaws in the platform. The architecture of the social network – its algorithmic mandate of engagement over all else, the advantage it gives to divisive and emotionally manipulative content – will always produce more objectionable content at a dizzying scale."

In seinen Reaktionen auf Fehler oder Kritik folgt Facebook dem Design-Thinking-Prozess und beschränkt sich auf die Minimum Viable Action, die kleinstmögliche Reaktion. Das Kardinalproblem – die auf maximales Engagement ausgerichteten Algorithmen, kombiniert mit personalisierter Werbung, Microtargeting und massenhafter, plattformübergreifender Datensammlung – bleibt dabei immer außen vor.

Nun könnte man sagen: Eine globale Plattform wie Facebook spiegelt die Gesellschaft wider – und die besteht nun mal nicht nur aus netten Menschen, die Flausch verteilen.

Oder man fragt: Wie kann Facebook weniger toxisch werden? Wie lassen sich Plattformen entwerfen, die positive Emotionen verstärken, statt Hass zu verstärken?

Genau das hat Warzel vergangene Woche getan (Twitter):

"odd question but: what are your most far fetched utopian ideas for fixing social media platforms? the stuff that’s likely never ever gonna happen"

Es folgten mehr als 1100 Antworten, die Warzel im letzten Drittel seiner Kolumne (NYT) selbst kurz zusammenfasst. Den viel besseren und ausführlicheren Überblick liefert aber Will Oremus (OneZero), der unter anderem folgende Ideen-Cluster bildet und jeweils einordnet:

  • Soziale Netzwerke in gemeinnützige NGOs verwandeln
  • Algorithmen durch Redakteure ersetzen
  • Datensammlung und verhaltensbasierte Werbung einschränken
  • Weiße Managerïnnen durch Schwarze, queere Frauen ersetzen
  • Alternative Plattformen fördern

Zu jedem Vorschlag liefert Oremus nachvollziehbare Pro- und Contra-Argumente, weshalb wir seine Analyse dringend empfehlen (das sagten wir schon, oder?).

Auch wenn ein Großteil der Antworten auf Warzels Tweet wohl nie umgesetzt werden wird, hat das öffentliche Brainstorming zumindest eines gezeigt: Eine Plattform, auf der man eine schnoddrige Frage ohne Punkt und Komma stellt und binnen Stunden Hunderte Antworten von klugen Menschen auf der ganzen Welt erhält, ist ein Ort, für den es sich zu kämpfen lohnt – mit kleinen Verbesserungen und mit großen Utopien.

Der Facebook-Werbeboykott, erklärt

Was ist

Vergangene Woche stand an dieser Stelle:

Facebook hat eine turbulente Woche hinter sich.

Damals wussten wir noch nicht, was die kommenden Tage bringen würden. Jetzt braucht es einen Zusatz:

Facebook hat ein sehr turbulentes Wochenende hinter sich.

Der Werbeboykott, den wir in Ausgabe #649 analysiert haben, hat sich ausgeweitet – und wie. Immer mehr Unternehmen schließen sich der Kampagne #StopHateforProfit an und wollen im Juli keine Werbung mehr auf Facebook schalten.

 

Warum das wichtig ist

Facebook setzt pro Jahr rund 70 Milliarden Dollar um – den Großteil davon mit Werbung. Das Unternehmen ist nicht bekannt dafür, besonders schnell zu reagieren, wenn Datenschützerïnnen rüffeln oder Journalistïnnen kritisch kommentieren. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Werbekunden mehr Einfluss auf Zuckerbergs Entscheidungen haben.

 

Was hinter #StopHateforProfit steckt

    • Mehrere große US-Bürgerrechtsorganisationen wie die Anti-Defamation League, Color of Change, NAACP und Sleeping Giants rufen Unternehmen dazu auf, keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten.

 

 

 

    • Unter anderem soll Facebook seine Gemeinschaftsstandards verschärfen, Beiträge auch in geschlossenen Gruppen moderieren und bestimmte Gruppen schließen, seine Empfehlungsalgorithmen überarbeiten und keine Ausnahmen für Politikerïnnen machen.

 

  • Die Forderungen sind größtenteils nicht neu, aber sie sind sinnvoll und könnten dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen der Plattform zu reduzieren.

 

Wer bei #StopHateforProfit mitmacht

    • Im vergangenen Briefing schrieben wir von „bekannten Namen“, die sich angeschlossen hätten, darunter Ben & Jerry’s, The North Face, Patagonia, Magnolia Pictures, Dashlane und Arc’teryx.

 

    • Mittlerweile sind richtig bekannte Namen hinzukommen, etwa Unilever, Coca-Cola, Pepsi, Honda, Levi’s, Verizon und Starbucks.

 

    • Eine Google-Tabelle mit unterstützenden Unternehmen umfasst mittlerweile mehr als 180 Namen. Das Dokument ist allerdings etwas irreführend, da sich nicht alle Unternehmen der Kampagne #StopHateforProfit angeschlossen haben.

 

    • Starbucks und Coca-Cola nehmen etwa eine Werbe-Auszeit, führen dafür aber nicht die Initiative und deren Forderungen als Grund an, sondern bleiben in ihren Statements eher vage.

 

    • Ein wichtiger Dominostein fehlt bislang: Procter & Gamble, der über das größte Werbebudget in den USA verfügt. Angeblich wird bereits „im ganzen Unternehmen“ diskutiert (Protocol), wie man sich dazu verhalten will.

 

  • Bislang war die Kampagne auf die USA beschränkt – das soll sich ändern: Jim Steyer, einer der Initiatoren der Bewegung, begründet das so (Axios):

It will go global because the world will agree with us, we are on the right side of history, period. And Facebook is on the wrong side of history, period, and people know that.

  • Während wir dieses Briefing schreiben, erreicht uns die Meldung (Axios), dass auch Microsoft keine Werbung mehr auf Facebook schaltet – allerdings wohl bereits seit Mai und auch ohne Zusammenhang zu #StopHateforProfit.

 

Wie Facebook reagiert

    • Am Freitag verkündete Mark Zuckerberg vier neue Maßnahmen, mit denen Facebook seine Nutzerïnnen im Wahlkampf vor Desinformation und schützen will.

 

    • Unter anderem verschärft Facebook seine Standards für den Umgang mit Werbeanzeigen, die Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Herkunft, Religion, Kaste, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angreifen oder stigmatisieren.*

 

    • Außerdem legt Zuckerberg eine bemerkenswerte Kehrtwende hin: Künftig wird Facebook bestimmte Beiträge, die zwar gegen Facebooks Richtlinien verstoßen, aber „newsworthy“ sind, mit einem Warnhinweis versehen und online lassen – schließlich liege es im allgemeinen Interesse, etwa bestimmte Aussagen von Politikerïnnen zu sehen.

 

    • Noch vor wenigen Wochen hatte Zuckerberg solche Warnhinweise abgelehnt und Twitter für ein ähnliches Vorgehen kritisiert.

 

A handful of times a year we make a decision to leave up content that would otherwise violate our policies because we consider that the public interest value outweighs the risk of that content.

    • Die Änderungen greifen nicht rückwirkend und hätten Facebooks Umgang mit Trumps Postings („When the looting starts, the shooting starts“) ohnehin nicht verändert, sagt ein Sprecher. Dieser falle in eine andere Kategorie („state use of force“).

 

    • Während viele Medien (Guardian) und #StopHateforProfit die Ankündigungen als direkte Reaktion auf den Boykott werten, stellt Facebook die Situation anders dar. „We do not make policy changes tied to revenue pressure“, schrieb Facebook-Managerin Carolyn Everson (CNN) in einer Mail an Werbekunden. „We set our policies based on principles rather than business interests.“

 

    • Tatsächlich dauern Policy-Änderungen bei Facebook normalerweise länger und durchlaufen mehrere Abstimmungsebenen. Zudem wurde bereits Anfang Juni bekannt (Recode), dass Zuckerberg darüber nachdenkt, Warnhinweise einzuführen. Damals hatten Tausende Angestellte protestiert.

 

    • Womöglich hat der Werbeboykott Einfluss auf das Timing gehabt oder dazu geführt, dass Facebook interne Prozesse beschleunigt hat – eine direkte Reaktion auf die Ankündigungen von Verizon und Unilever, die sich kurz zuvor der Kampagne anschlossen, halten wir aber für unwahrscheinlich.

 

    • Natürlich bietet sich die Erzählung an: Sobald ein paar große Werbekunden anklopfen, kutscht Zuckerberg. Wir glauben: Es ist ein bisschen komplexer.

 

  • Zuckerberg hat tatsächlich Überzeugungen und Visionen, nach denen er handelt. Man muss seine Einstellungen nicht teilen, aber es erscheint uns unwahrscheinlich, dass er ausschließlich aus unternehmerischen Motiven und wegen des Drucks von #StopHateforProfit handelt.

 

Wie groß der Druck auf Facebook ist

Derzeit gibt es zwei Sichtweisen. Die einen sagen: #StopHateforProfit hat höchstens symbolischen Wert. Die anderen sagen: Diese Kampagne kann Facebook wirklich gefährlich werden.

Die erste Perspektive findet man etwa in dieser Analyse von Brian Fung (CNN). Das sind seine Argumente:

    • Nur drei der Unternehmen sind unter Facebooks 100 wichtigsten Werbekunden (Unilever: 30, Verizon: 88, REI: 90). Die 97 anderen Unternehmen pumpen also weiter Geld in Facebooks Anzeigenmaschinerie.

 

    • Selbst die Top-100-Werbekunden machen nur sechs Prozent von Facebooks gesamten Werbeerlösen aus.

 

  • Der Rest entfällt auf kleine und mittelständische Unternehmen – von denen sich Zehntausende dem Boykott anschließen müssten, damit es Facebook wirklich signifikant trifft.

Hinzu kommt eine Argumentation, die Shoshana Wodinsky aufmacht (Gizmodo):

    • Einige Unternehmen „boykottieren“ Facebook, stecken aber weiter Geld in Instagram, das 2020 allein 20 Milliarden Umsatz mit Werbung generierte.

 

    • Andere streichen auch ihre Buchungen für Instagram, investieren aber nach wie vor in Facebooks Audience-Network.

 

  • Außerdem greift der Werbeboykott bislang erst in den USA und ist zeitlich befristet – es bleibt abzuwarten, ob sich international genauso viele Unternehmen anschließen und wie es im August weitergeht.

Dem steht die Perspektive gegenüber, aus der etwa Kurt Wagner auf das Geschehen blickt (Bloomberg):

    • Wie viele andere blickt er auf die Facebook-Aktie, die zwischenzeitlich 8,3 Prozent und damit 56 Milliarden Dollar an Wert verlor.

 

    • Das Privatvermögen von Mark Zuckerberg reduzierte sich binnen weniger Stunden um mehr als sieben Milliarden Dollar – er wird trotzdem ruhig schlafen, es bleiben noch rund 80 Milliarden übrig (Forbes).

 

  • Wagner zitiert unter anderem einen Analysten, der Facebook unter großem Druck sieht:

Given the amount of noise this is drawing, this will have significant impact to Facebook’s business. Facebook needs to address this issue quickly and effectively in order to stop advertising exits from potentially spiraling out of control.

  • Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der Anti-Defamation-League und einer der wichtigsten Köpfe hinter #StopHateforProfit, prophezeit dem Konzern jedenfalls unruhige Zeiten:

Advertisers who have seen their own ads published against hateful, horrible content on Facebook (…) they are finally saying ‚enough’‘. Our phones have been ringing off the hook with advertisers. I can tell you more are coming.

Wir stehen irgendwo dazwischen:

    • Kurzfristige Aktienverluste oder -gewinne halten wir fast immer für schlechte Argumente.

 

    • Die Vergangenheit zeigt, dass sich Kurse meist schneller erholen, als wir Techlash buchstabieren können.

 

    • Bislang geht es eher um den symbolischen Wert. Der Werbeboykott wird sich in der Bilanz von Facebook kaum niederschlagen.

 

    • Trotzdem ist die Lage für Facebook knifflig: Angesichts der Corona-Pandemie reduzieren viele Unternehmen ohnehin ihr Werbebudget, darunter leidet auch Facebook. Außerdem sind viele Angestellte unzufrieden mit den Entscheidungen von Zuckerberg (mehr dazu in Briefing #643).

 

    • Der Facebook-Chef hat dank seiner Aktienanteile zwar die volle Kontrolle, kann quasi ungestört durchregieren und Widerworte aus dem Aufsichtsrat einfach weglächeln – doch wenn niemand mehr bei Facebook werben will und die klügsten Köpfe woanders arbeiten wollen, hat auch Zuckerberg ein Problem.

 

    • Zu allem Überfluss sitzt auch noch ein Mann im Weißen Haus, dessen Handlungen vermutlich nicht mal er selbst länger als ein paar Stunden voraussehen kann. Trump ist dermaßen unberechenbar und bauchgesteuert, dass Facebook sich auf unruhige Monate bis zur Wahl 2020 einstellen muss.

 

    • Deutlich wird das in diesem Text des Harvard-Professors Jonathan Zittrain (The Atlantic), der Handlungsoptionen für Twitter im Umgang mit Trump durchspielt. Die Zeile „Twitter’s Least-Bad Option for Dealing With Donald Trump“ spricht für sich – und lässt sich direkt auf Facebook übertragen.

 

  • Wer dazu noch diese hervorragende Recherche liest (Washington Post), die deutlich macht, wie Facebook seit 2015 verzweifelt versucht, sich nicht von Trump verrückt machen zu lassen, kann fast Mitleid bekommen. Fast.

 

Be smart

Bei einigen der Unternehmen, die nun öffentlichkeitswirksam den Boykott unterstützen, dürften nicht nur moralische Werte, sondern kühle Kalkulation dahinterstecken. Nilay Patel, Chefredakteur von The Verge, drückt es so aus (Twitter):

CEO: The pandemic has wrecked our forecasts for the year

CMO: Uh oh

CEO: As you know, the first thing to get cut is advertising

CMO: What if I take the social media line to zero and turn that into a gigantic earned media win

Tatsächlich kann es sich für einige Konzerne rechnen, wie diese Zahlen zeigen (FAZ):

In einer Schätzung für die F.A.Z. beziffert das amerikanische Analyseunternehmen Critical Mention den Werbeeffekt der globalen Boykottberichte für Coca Cola auf 194 Millionen, für Starbucks auf 160 Millionen und für die Outdoor-Marke The North Face auf 218 Millionen Dollar.

Wie es mit #StopHateforProfit weitergehen wird? „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Aber vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit.

2017 wurde schon einmal ein großes Tech-Unternehmen boykottiert: YouTube. Damals schlossen sich unter anderem AT&T, Verizon, Walmart, Pepsi an, nachdem die Times enthüllt hatte, dass Anzeigen der Unternehmen vor extremistischen Videos geschaltet wurden. YouTube reagierte mit schärferen Regeln (Google-Blog), die Werbekunden kamen bald wieder zurück – und nach allem, was wir wissen, geht es YouTube heute ganz gut.

Wie schließen uns deshalb der Einschätzung von Will Oremus an, der mit Blick auf Facebook ableitet (OneZero):

What that tells us is that ad boycotts of social media platforms can work – if the goal is to spur incremental changes to their policies, rather than an overhaul of their basic structure. In Facebook’s case, it seems likely that the company will find ways to accept some of the “Stop Hate for Profit” campaign’s recommendations, while skirting those that would cause the company the most friction with Trump and other conservatives who want it to keep its hands off of their content.

TikTok: Gekommen, um zu bleiben

Was ist

Der große Hype um TikTok ist vorbei. Jede Zeitung hat ihren obligatorischen „Was Sie über die neue App wissen müssen, auf die ihre Kinder gerade abfahren”-Artikel veröffentlicht. Doch das Ende der TikTok-Explainer für Eltern bedeutet nicht das Ende von TikTok – im Gegenteil:

  • Statt über die App und den Entwickler ByteDance zu berichten, schreiben Medien mittlerweile ganz selbstverständlich über die Kultur und die Inhalte der Plattform, die für viele junge Menschen Teil ihres Social-Media-Alltags geworden sind.
  • Das gilt nicht nur für Beat-Reporterïnnen wie Taylor Lorenz, die für die New York Times so tief in die Netzkultur eintaucht wie kaum jemand sonst.
  • Selbst die FAZ spricht mit Younes Zarou und Onkel Banjou und nennt die beiden einfach nur „TikTok-Influencer” – ohne einmal zu erklären, wer oder was dieses TikTok überhaupt sein soll.

Warum das wichtig ist

Wer dieses Briefing liest, weiß seit langem, dass TikTok mehr ist als ein kurzfristiges Social-Media-Phänomen. Wir haben unter anderem:

  • im Februar 2019 die Gründe für den Erfolg der App erklärt (#524).
  • im März 2019 bei 1Live nachgefragt, die als einer der ersten großen deutschen Medienanbieter auf TikTok präsent waren (#533).
  • im August 2019 den TikTok-Algorithmus unter die Lupe genommen (#573).
  • im September 2019 über geleakte Richtlinien für Content-Moderation berichtet (#582).
  • im November 2019 den TikTok-Account der Tagesschau ausführlich vorgestellt (#594).
  • gegen Ende des Jahres gleich dreimal nacheinander den Blick auf Zensurvorwürfe, fragwürdige Moderationsregeln, Datenschutzverstöße und andere unerfreuliche Nachrichten geworfen (#596, #597, #598).
  • im Februar 2020 zehn Dinge beschrieben, die TikTok von seinen Konkurrenten abhebt (#613).

Doch während der Corona-Krise hat sich TikTok endgültig als weiteres Schwergewicht im Plattform-Boxring etabliert – und zwar als eines, das auf absehbare Zeit nicht k.o. gehen wird, obwohl YouTube, Snapchat und vor allem Facebook alles daran setzen, einen Kinnhaken anzubringen.

Seitdem Facebook den rasanten Aufstieg von Snapchat stoppte, indem es alle Funktionen kopierte und Instagram als Konkurrenten aufbaute, herrschte ein Kräftegleichgewicht. Wenn TikTok weiter wächst, könnte das den westlichen Social-Media-Markt durcheinanderwirbeln. Das betrifft nicht nur die konkurrierenden Unternehmen, sondern alle, die soziale Netzwerke privat oder beruflich nutzen.

Wie sich der Erfolg von TikTok äußert

Es gibt eine Reihe von Zahlen und Entwicklungen, die verdeutlichen, dass ByteDance weiß, was es tut:

  • Viele Start-ups verbrennen jahrelang Geld und vertrauen darauf, das sie schon irgendwann ein Geschäftsmodell finden werden. Bis dahin leben sie von Risikokapital. Oft genug geht das schief.
  • Auch ByteDance fährt eine ultra-aggressive Expansionsstrategie und gibt viel Geld für Anzeigen aus, die es bei seinen direkten Rivalen Facebook, Instagram und Snapchat schaltet.
  • Doch TikTok und sein chinesisches Pendant Douyin werfen Gewinn ab: Im vergangenen Jahr verdiente ByteDance drei Milliarden Dollar (Bloomberg) bei einem Umsatz von 17 Milliarden.
  • Im ersten Quartal 2020 wurde TikTok 315 Millionen Mal heruntergeladen (Forbes) – öfter als je eine andere App in einem solchen Zeitraum.
  • In den USA, Großbritannien und Spanien verbringen Kinder zwischen vier und 15 Jahren mittlerweile 80 Minuten pro Tag mit TikTok (#644). Damit hat die App YouTube fast schon eingeholt.
  • Lange Zeit galt TikTok als reine Unterhaltungsplattform. Das ist längst passé: Videos mit den Hashtags #BlackLivesMatter und #GeorgeFloyd wurden jeweils mehrere Milliarden Mal angeschaut
  • Der schwarze Comedian Kareem Rahma sagt etwa (Bento): „TikTok ist eine sehr responsive Plattform. Deshalb bewegt sie sich dahin, wo die globale Konversation sie hinführt. Twitter ist für alte Leute.”
  • Immer mehr Medien, Unternehmen, Prominente und Influencerïnnen toben sich auf TikTok aus. Obwohl TikTok seinen Gewinn nicht an die Creators weitergibt, verdienen TikTok-Stars viel Geld (Digital Trends) über Werbeverträge oder direkte Geldgeschenke der Nutzerïnnen (Spiegel).
  • ByteDance weiß auch, dass ihm als chinesisches Unternehmen im Westen viel Misstrauen entgegenschlägt. Deshalb investiert es viel Geld und Mühe in Lobbying (Politico), um drohende Regulierung zu vermeiden.
  • Kürzlich heuerte ByteDance etwa den früheren Disney-Manager Kevin Mayer an (SZ) an. Er wird Chef von TikTok und soll bei ByteDance das operative Geschäft leiten.
  • Außerdem verkündete ByteDance, dass chinesische Entwicklerïnnen keinen Zugriff mehr auf sensible Daten (PingWest) und den Code von TikTok und anderen Apps hätten, die außerhalb Chinas angeboten werden. Auch das soll eine vertrauensbildende Maßnahme sein.

Welche Gefahren TikTok drohen

Mit großer Reichweite kommt großes Misstrauen, erst recht bei einem chinesischen Eigentümer. Zwar beteuert ByteDance, dass für seine westliche App TikTok auch westliche Standards gälten, doch in den vergangenen Jahren gab es zu viele Berichte über fragwürdige Moderationsregeln und staatliche Zensur, um sie einfach wegzuwischen.

Vor allem in den USA wird ByteDance die Vorbehalte vermutlich niemals ganz ausräumen können. Den meisten Nutzerïnnen ist das vermutlich egal, dafür schauen Politikerïnnen und Sicherheitsbehörden umso genauer hin. Auch die EU will den Datenschutz der App überprüfen (Golem) und hat dafür eine TikTok-Taskforce eingerichtet (European Data Protection Board).

Und dann ist da natürlich noch die Konkurrenz, allen voran Facebook. Mark Zuckerberg wird sicher nicht tatenlos zusehen, wie TikTok den US-Markt erobert. Auch bei Snapchat dauerte es eine Weile, bis Facebook mit Instagrams Story-Funktion die richtige Antwort fand, um den Rivalen auszubremsen.

Bislang konnten Facebooks Kopierversuche TikTok nichts anhaben – aber wenn es jemanden gibt, der alles daransetzen wird, ByteDance zurückzudrängen, dann ist das Mark (Wired) „Domination!” (New Yorker) Zuckerberg (The Atlantic).

Be smart

TikTok ist nicht das einzige Phänomen, das die etablierten Social-Media-Plattformen unter Druck setzt. Für viele jüngere Menschen sind Games nicht nur Unterhaltung, sondern eine wichtige Kommunikationsplattform: Sie feiern Graduierungspartys in Minecraft (Wired) oder lauschen virtuellen Konzerten in Fortnite (Tobias van Schneider), die etwa der Rapper Travis Scott als mächtiges Marketing-Mittel einsetzt:

„Players celebrated with custom in-game items designed for this event, and the new single, titled „THE SCOTTS,“ rocketed to #1 on Billboard charts. Across four replays over three days, 27.7 million unique players attended the event 45.8 million times. The video captured in Fortnite has already reached more than 24 million views and is trending in 44 countries.“

Was Tobias van Schneider über Games als Plattform schreibt, ist absolut faszinierend – und führt dazu, dass wir uns ein bisschen alt fühlen.

Trumps Kampfansage an Facebook und Twitter, erklärt

Was ist

In den vergangenen Tagen sind drei Dinge passiert, die drei ungewöhnliche Monate beenden:

  • Twitter hat unter zwei Tweets von Donald Trump einen kleinen Hinweis eingeblendet.
  • Das Wall Street Journal (WSJ) hat eine Recherche über Facebook veröffentlicht.
  • Das US-Berufungsgericht in Washington hat ein Urteil gefällt.

Seit Ausbruch der Corona-Krise haben Facebook, Twitter und Google eine ganz neue Erfahrung gemacht. Sie wurden gelobt – oder zumindest nicht aus allen Richtungen kritisiert. Auch in unserem Briefing haben wir den Plattformen für ihre Bemühungen (Witness) Respekt gezollt, die Infodemie einzudämmen. In Ausgabe #633 schrieben wir etwa:

"Facebook hat etliche Maßnahmen angekündigt und umgesetzt, die helfen sollen, das Virus aufzuhalten. Die Schlagzahl ist beeindruckend, und die Entschlossenheit ist ungewohnt. In der Vergangenheit reagierte Facebook oft nur zögerlich und nach massivem öffentlichen Druck."

Natürlich war trotzdem nicht alles perfekt: Mehr als 100 Medizinerïnnen und Gesundheitsexpertïnnen forderten die Plattformen in einem offenen Brief (Avaaz) auf, mehr gegen Lügen und Gerüchte zu unternehmen, die sich über das Coronavirus verbreiten. Doch obwohl eine Welle der Desinformation das Netz flutete, richtete sich der Großteil der Aufmerksamkeit nicht auf die Plattformen, sondern auf die Verbreiterïnnen.

Die kurze Ära ist seit Dienstag Geschichte: Die Monate, in denen die Pandemie vergleichsweise unpolitisch war, sind vorbei. In den USA hat der Wahlkampf begonnen, und egal, was Facebook und Twitter tun – sie werden es nicht allen recht machen können.

 

Warum das wichtig ist

Bevor wir die drei Ereignisse im Einzelnen analysieren, erklären wir, warum wir uns überhaupt so ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Was auf den ersten Blick nach einem weiteren Wutanfall des US-Präsidenten aussieht, an die man sich nach dreieinhalb Jahren eigentlich schon gewöhnt hat, wirft grundlegende Fragen auf:

  • Wie positioniert sich das Silicon Valley zu Trump, gerade mit Hinblick auf den kommenden Wahlkampf?
  • Sollen private Unternehmen entscheiden, was demokratisch gewählte Politikerïnnen verbreiten können?
  • Können Plattformen tatsächlich so neutral sein, wie Mark Zuckerberg das propagiert?

 

Was Twitters Faktencheck ausgelöst hat

Seit Dienstag ist so viel in so schneller Abfolge passiert, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Deshalb zunächst eine Timeline der Ereignisse:

  • Twitter hat zum ersten Mal reagiert und blendet unter den beiden Tweets einen blauen Hinweis ein: "Get the facts about mail-in ballots".
  • Wer darauf klickt, landet auf einer Faktencheck-Seite (Twitter), auf der Twitter Artikel mehrerer Medien verlinkt und bilanziert: Trump makes unsubstantiated claim that mail-in ballots will lead to voter fraud."
  • Daraufhin wütet der weltweit einflussreichste Twitter-Nutzer auf Twitter über Twitter und droht Twitter mit Konsequenzen, weil es die freie Rede gefährde, indem es Desinformation nicht etwa löscht, sondern um Fakten ergänzt.
  • Trump-Beraterin Kellyanne Conïn identifiziert in der TV-Sendung "Fox & Friends" den Twitter-Mitarbeiter Yoel Roth als Übeltäter (Protocol) und sagt: "Somebody in San Francisco go wake him up. Tell him he's about to get more followers."
  • Trump weitet seine Drohungen auf alle Social-Media-Plattformen aus (Twitter), die angeblich konservative Stimmen unterdrückten, und kündigt an, sie hart zu regulieren oder abzuschalten.
  • Das hätten die Unternehmen bereits 2016 versucht und verloren – "Now they are going absolutely CRAZY. Stay Tuned!!!"
  • Während wir diesen Newsletter schreiben, kursieren zunächst nur Entwürfe (PDF), etwa eine kommentierte Version (Google Docs) der Stanford-Forscherin Daphne Keller, die das Dekret für juristisch fragwürdig hält.
  • In der Nacht von Donnerstag auf Freitag unterschreibt Trump die Verordnung (White House) und eskaliert damit den Konflikt: aus einer Privatfehde wird ein Machtkampf zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und einigen der mächtigsten Unternehmen der Welt, der Auswirkungen auf das gesamte Netz haben könnte.

That escalated quickly. Der Versuch einer Einordnung:

  • Es gibt gute Gründe, Twitter zu kritisieren. Der Faktencheck ist handwerklich schlecht gemacht, die Auswahl der überwiegend liberalen Medien dürfte Trump-Fans kaum überzeugen, wie Patrick Beuth kommentiert (Spiegel).
  • Wer Trumps Timeline durchscrollt, sieht Dutzende Lügen und Falschbehauptungen. Warum Twitter ausgerechnet diesen Tweet auswählt und andere unangetastet lässt, erschließt sich nur eingeschränkt.
  • Offenbar war sich Twitter der Konsequenzen bewusst: "The company needed to do what’s right, and we knew from a comms perspective that all hell would break loose", sagt Twitters Kommunikations-Chef (OneZero).
  • Demnach hätten die Policy-Änderungen im Zuge der Pandemie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt: "Covid was a game changer", sagt eine Sprecherin (Politico). "We now have the tools in place to label content that may contain misleading claims that could cause offline harm."
  • Trumps Drohung, Twitter oder andere Plattformen abzuschalten, muss man nicht ernst nehmen: Selbst ein US-Präsident kann sich keine rechtliche Grundlage dafür basteln kann, eigenhändig Unternehmen zu schließen, die vollkommen legal handeln.
  • Der erste Verfassungszusatz, der in den USA die Meinungsfreiheit garantiert, schützt nicht etwa Trump vor Twitter – er schützt Twitter vor Trump.
  • Außerdem würde sich Trump damit seines liebsten Spielzeugs und wichtigsten Sprachrohrs berauben, über das er 80 Millionen Menschen erreicht und Politik macht.
  • Wir konnten uns das Dekret am frühen Freitagmorgen noch nicht in Ruhe anschauen und sind selbst keine Juristen. Allem Anschein nach dürfte Trump aber schlechte Chancen haben, die Verordnung durchzusetzen.
  • Das schreiben etwa The Verge, Wired, NPR und Vox, die jeweils mehrere Expertïnnen zitieren, die darin reine Symbolpolitik sehen.
  • Axios hat etliche Reaktionen von Politikerïnnen, Bürgerrechtsorganisationen und Unternehmen wie Twitter, Google und Facebook gesammelt, die Trumps Entscheidung größtenteils scharf kritisieren.
  • Trump will Section 230 beschneiden (Washington Post), einen wichtigen Bestandteil des Communications Decency Act, der Webseitenbetreibern, die Inhalte von Nutzerïnnen hosten, weitgehend von der Verantwortung für diese Inhalte ausnimmt.
  • Falls sich im Laufe der kommenden Tage herausstellt, dass Trumps Angriff auf "the legal backbone of the internet" (Vox) tatsächlich Erfolg hat, werden wir das Gesetz natürlich nochmal ausführlicher erklären und die Konsequenzen analysieren.

 

Was hinter Trumps Vorwürfen steckt

An dieser Stelle kommen die beiden anderen Ereignisse ins Spiel, die wir erwähnt haben: die Recherche des WSJ und das Urteil des US-Berufungsgerichts in Washington (Bloomberg). Beide zeigen, wie Republikaner seit Jahren behaupten, das Silicon Valley kuschle mit und kusche vor den Demokraten. Obwohl die Vorwürfe haltlos sind, versucht vor allem Facebook, Trump zu besänftigen.

Das Gerichtsurteil ist schnell zusammengefasst:

  • Die Richterïnnen weisen die Klage einer rechtsgerichteten NGO und einer rechtsradikalen Youtube-Influencerin ab.
  • Die Klägerinnen hatten Facebook, Twitter, Google und Apple vorgeworfen, konservative Sichtweisen bewusst von ihren Plattformen zu verbannen.
  • Diesen Rechtsstreit mögen die Unternehmen vorerst gewonnen haben. Es gibt aber Dutzende weitere Klagen (The Verge), die zwar allesamt schlechte Chancen haben, aber verdeutlichen, wie verbreitet die Auffassung ist, das Silicon Valley behandle Republikaner unfair.

Der WSJ-Artikel ist komplexer:

  • Unter normalen Umständen wäre die Recherche eine eigene Analyse Wert gewesen – angesichts der aktuellen Entwicklungen gehen wir vorerst nur am Rande darauf ein.
  • Jeff Horwitz und Deepa Seetharaman werfen Facebook vor, interne Untersuchungen weitgehend ignoriert zu haben, wonach die Plattform die Polarisierung beschleunige und die Gesellschaft spalte.
  • Demnach habe Facebook die Empfehlungen seiner eigenen Forscherïnnen nicht umgesetzt und die Ergebnisse unter Verschluss gehalten.
  • Wir haben in den vergangenen Tagen selbst mit ehemaligen und aktuellen Facebook-Mitarbeiterïnnen gesprochen und werden die Vorwürfe kommende Woche in Ruhe einordnen, falls nicht erneut andere Themen dazwischenkommen.
  • Für den Moment verweisen wir auf die Entgegnung von Facebook-Manager Guy Rosen (Facebook-Newsroom), der zwar keine einzige Behauptung des WSJ explizit dementiert, der Gesamtaussage dennoch vehement widerspricht: "The piece uses a couple of isolated initiatives we decided against as evidence that we don’t care about the underlying issues — and it ignored the significant efforts we did make."
  • Interessant ist auch ein Detail, das Casey Newton nennt (Revue): "Among the reasons the company was frustrated with the story, according to an internal Workplace post I saw, is that Facebook had spent 'several months' talking with the Journal reporters about their findings."
  • Im aktuellen Zusammenhang ist vor allem die Rolle wichtig, die Joel Kaplan spielt: Der Bericht beschreibt unter anderem den großen Einfluss, den der Republikaner und ehemalige Bush-Berater bei Facebook hat.
  • Im Laufe der vergangenen Jahre habe Kaplan demnach darauf gedrängt, Projekte zu stoppen, die verhindern sollten, dass Facebook dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren. Seine Sorge: Die dafür nötigen Änderungen am Empfehlungsalgorithmus könnten vor allem konservativen Medien und Persönlichkeiten schaden.
  • Ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter sagte damals: "Es wurden Entscheidungen getroffen, von denen Republikaner profitieren, weil sie sich so große Sorgen um ihren Ruf bei rechten Republikanern machen, vor allem bei Trump."

 

Wie Facebook sich von Twitter abgrenzt

Während Trump Twitter attackiert, versucht Zuckerberg, bloß nicht in den Streit mit hineingezogen zu werden:

  • In einem Interview mit Trumps Haussender Fox News kritisiert er Twitters Faktencheck und sagt, Unternehmen sollten sich nicht als "Arbiter of Truth" aufspielen.
  • Später wiederholt er die Aussagen bei CNBC: "Political speech is one of the most sensitive parts in a democracy, and people should be able to see what politicians say."
  • Auf einer Aktionärsversammlung sagt Zuckerberg, Facebook halte die Meinungsfreiheit hoch (Deadline). Demnach werde man nur Beiträge löschen, die "unmittelbaren Schaden" auslösen könnten. "Harm down the line" sei dagegen kein Grund, Inhalte zu entfernen.
  • Die öffentlichen Aussagen von Zuckerberg wirken wie Profilierung auf Kosten von Twitter: Tatsächlich ähneln sich die Richtlinien der beiden Unternehmen, was Desinformation über Wahlen angeht. Zuckerberg erweckt aber den Eindruck, dass Facebook vollkommen anders handle als Twitter.
  • Im konkreten Fall hat Twitter Trumps Aussagen mit einem Hinweis versehen und Facebook nicht – in der Vergangenheit hat aber auch Facebook schon falsche Beiträge von Politikern entfernt, etwa von Brasilien Präsident Jair Bolsonaro.
  • Der Unterschied ist also nicht so groß, wie Zuckerberg Glauben machen will. Man kann durchaus der Meinung sein, dass Twitters Entscheidung ein Fehler war, zumal der Zeitpunkt etwas willkürlich wirkt – Zuckerbergs Abgrenzung zu einem Zeitpunkt, an dem Trump zum Angriff auf das gesamte Silicon Valley bläst, ist aber fragwürdig.
  • Zumindest wirtschaftlich ergibt die Positionierung wohl Sinn: Es lohnt sich einfach nicht, sich mit dem US-Präsidenten und der Hälfte der Bevölkerung anzulegen.

Zuckerberg übersieht oder ignoriert dabei aber drei Dinge:

  1. Facebooks Algorithmen entscheiden zwar nicht, was wahr oder falsch ist, wohl aber, was vermeintlich "relevant" ist. Damit beeinflussen sie, welche Inhalte Milliarden Menschen täglich sehen. Das wichtigste Kriterium dabei sind Likes und Kommentare, die wiederum stark von Emotionen der Nutzerïnnen beeinflusst werden. Keine Plattform, die Inhalte maschinell gewichtet, ist neutral – auch Facebook nicht.
  2. Die Vorwürfe aus dem Lager der Republikaner sind unbegründet: Trump dominiert mit seinen Inhalten die sozialen Netzwerke, konservative Medien wie Fox News und noch weiter rechtsstehende Portale sammeln die meisten Interaktionen. Es gibt keine inhaltlichen Gründe, Trump so weit entgegenzukommen – nur machtpolitische.
  3. Zwischen Tatenlosigkeit und vermeintlicher Zensur gibt es einen Mittelweg: Twitter hat Trumps Tweets ja eben nicht gelöscht, sondern einen zurückhaltend formulierten Hinweis eingeblendet. Auch Facebook könnte zumindest die Sonderbehandlung überdenken, die Beiträge und vor allem Anzeigen von Politikerïnnen genießen: Derzeit wird politische Werbung explizit von Faktenchecks ausgenommen – Trump kann also dafür bezahlen, dass Facebook seine Lügen einem noch größeren Publikum ausspielt.

 

Be smart

Der Guardian nennt zwölf Gründe, warum Twitter Trump komplett von seiner Plattform verbannen sollte. Das klingt nachvollziehbar, ist aber unrealistisch. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass bereits ein viel kleinerer Anlass zu einer maßlosen Überreaktion führt – wir können und wollen uns nicht vorstellen, was passieren würde, sollte Twitter Trumps Account schließen.

Charlie Warzel zieht ein pessimistisches Fazit:

"The damage — at least for this generation of world leaders — is nearly impossible to reverse. Banning Mr. Trump from Twitter, just like fact-checking one or two of his lying tweets, might feel good and might make the platform feel less toxic for a while. But it’s still just tinkering on the margins. It won’t fix the deeper structural problems that have created our information apocalypse. For that, we’re going to need a far bigger reckoning — one that certainly includes but also goes well beyond the platforms."

Warten wir auf den 3. November 2020 – dann wird in den USA gewählt.

Warum Facebook Giphy kauft

Was ist

Facebook schluckt Giphy und bezahlt dafür angeblich 400 Millionen Dollar. Die beiden Unternehmen haben den Kaufpreis nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Giphy soll Teil des Instagram-Teams werden, wie es im Facebook-Newsroom heißt. Giphy selbst schreibt, man sei begeistert und freue sich auf aufregende Zeiten – die Ankündigung kommt, natürlich, mit zwei Gifs daher (Medium).

Warum das wichtig ist

Facebook hat im vergangenen Quartal knapp fünf Milliarden Dollar verdient, das sind mehr als 50 Millionen Dollar pro Tag. Jetzt legt man also den Reingewinn von etwa einer Woche auf den Tisch, um eine Plattform zu kaufen, auf der Menschen bewegte Bilder hochladen – und das soll eine wichtige Nachricht sein?

Ja, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Zukunft der Kommunikation ist visuell.
  • Menschen wollen ihre Gefühle ausdrücken, oft geht das mit Bildern leichter als mit Wörtern. „If a picture’s worth a thousand words, a GIF is worth a thousand pictures“, schreibt etwa der frühere TechCrunch-Chefredakteur Josh Constine in seinem neuen Newsletter.
  • Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man nutzt die eigene Kamera, daraus resultiert der Erfolg von Instagram, Snapchat und TikTok – oder man kommuniziert mit Gifs und Memes.
  • Gifs sind also eine essenzielle digitale Kulturtechnik und Ausdrucksform – und Giphy ist ihre Heimat.
  • Die beiden anderen relevanten Gif-Plattformen Gfycat und Tenor sind kleiner. Letztere hat Google bereits vor zwei Jahren aufgekauft (Tenor-Blog) und unter anderem in seine Tastatur-App Gboard integriert.
  1. Facebook kauft viel mehr als lustige Gifs.
  • Eine unvollständige Auswahl der Dienste, Messenger und Plattformen, die Giphy auf seiner Entwicklerseite als Partner nennt: Snapchat, TikTok, Twitter, Tinder, Signal, Telegram, Viber, Slack, Skype, Microsoft Teams, Mailchimp.
  • All diese Unternehmen greifen auf Giphys Datenbank zurück, wenn Nutzerïnnen nach Gifs suchen. Dafür fragen sie Daten über Giphys Schnittstelle ab und haben Software-Bestandteile (SDKs) in ihre jeweiligen Apps integiert.
  • Anders ausgedrückt: Facebook besitzt jetzte eine Wanze in den Kernprodukten seiner schärfsten Konkurrenten.
  • Welche Daten über die API abgegriffen werden können und wie das Facebook helfen könnte, erklären wir weiter unten unten („Worum es bei dem Deal geht“).

Wie der Deal abgelaufen ist

Normalerweise bahnen sich Übernahmen über einen längeren Zeitraum an. Diesmal ging angeblich alles sehr schnell, wie Giphy-Investor John Borthwick erzählt (Protocol):

This happened very fast. The team has spent a ton of time on Zoom just working through this. I do think the fact that the companies knew each other well probably made this happen. (…) All this started in the post-COVID era. Probably end of March. Figuring something out like this in six weeks is fast.

Später korrigierte sichBorthwick, dass die Verhandlungen wohl doch eher Monate als Wochen gedauert hätten – was immer noch ein kurzer Zeitraum ist. Casey Newton nennt in seinem Newsletter „The Interface“ ein weiteres interessantes Detail:

Two people close to the deal told me it likely would have gone out of business had it not been acquired.

Offenbar steckte Giphy also in finanziellen Schwierigkeiten und hatte selbst ein Interesse, übernommen zu werden, um die Pleite abzuwenden. Das passt zu einer anonymen Quelle, die Sara Fischer zitiert (Axios):

A source close to the deal says Giphy came to Instagram amid financial struggles prior to the pandemic, although conversations were initially more about a partnership than an acquisition.

Demnach sei die Initiative von Giphy ausgegangen. Wenn man den kolportierten Kaufpreis mit einer früheren Bewertung vergleicht, ergibt das Sinn: Als Giphy 2016 Risikokapital einsammelte, betrug der Wert 600 Millionen Dollar. Facebook hat also ein Drittel weniger bezahlt, als Investorïnnen vor vier Jahren für das Unternehmen veranschlagten.

Dieser Hergang unterscheidet die Übernahme von Facebooks bekanntesten Zukäufen Instagram (2012, eine Milliarde) und WhatsApp (2014, 19 Milliarden). Damals schluckte Facebook junge, aufstrebende Unternehmen, die sich zu zwei der wichtigsten Kommunikationsplattformen entwickelten.

Bei allem strategischen Geschick von Mark Zuckerberg und Adam Mosseri: Giphy wird kein zweites WhatsApp – und trotzdem könnte sich Geschichte wiederholen und die Übernahme in ein paar Jahren als Schnäppchen und genialer Schachzug durchgehen.

Warum Facebook „nur“ 400 Millionen zahlt

Neben der mutmaßlich drohenden Pleite, wohl noch verschärft durch die Corona-Krise, gibt es einen weiteren Grund für den vergleichsweise geringen Kaufpreis: Giphy hat es nie geschafft, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren, das auf Werbung basiert.
„We’re thinking about revenue not in terms of millions or hundreds of millions (of dollars), but, like, billions“, sagte Giphy-Chef Alex Chung 2017 (Fast Company). Doch dieser Traum hat sich nicht erfüllt, das Werbemodell ist nie abgehoben, weil Marken nicht dafür zahlen wollten, dass ihre eigenen Gifs bei bestimmten Suchbegriffen prominent angezeigt werden.

Für Facebook sei das ein Glücksfall, sagt Michael Ostrovsky (Fast Company), Wirtschaftsprofessor in Stanford:

If Giphy would have been a success as an advertising business, there would have been another zero in the sale price.

Was Facebook mit Giphy einkauft

Es geht also nicht um mögliche Werbeeinahmen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Facebook kauft sich weitere Reichweite und ein Stück Internet-Infrastruktur:

  • 2018 drückte es Alex Chung so aus (YouTube): „We’re a superset of all companies, because we’re embedded in every one of those apps (…) We can reach basically everyone on the internet at any given moment.“
  • 2019 legte er nach (New Atlas): „The whole goal from the beginning was to see if we could compete with Google for search. (…) Now, after seven years, we’re the second-largest search engine in the world.“

Im Gegensatz zu Google finden diese Suchen größtenteils nicht auf Giphys eigener Plattform statt, sondern in den Apps von anderen Unternehmen. Neben den oben aufgezählten Partnern gibt es Hunderte weitere Entwicklerïnnen (OMR), die auf Giphys APIs und SKDs zurückgreifen:

Eine exklusiv für OMR erstellte Auswertung des App-Intelligence-Dienstleisters 42 Matters zeigt, dass das Standard-SDK von Giphy alleine in 587 Android-Apps integriert ist. Darunter finden sich viele Kamera- sowie einige Dating-Apps, aber überraschenderweise auch die App des Bezahldienstes Paypal.

Was Facebook mit Giphy vorhat

Google hat es geschafft, seine Dominanz zu monetarisieren: Der „Suchmaschinenbetreiber“ ist hauptberuflich das erfolgreichste Werbeunternehmen der Welt. Da Giphy kein ähnlich erfolgreicher Anzeigenverkäufer ist, wurde nach der Verkündung der Übernahme teilweise geunkt, dass Facebook sich die Schnittstelle bezahlen lassen oder sie ganz abschalten werde.

Sowohl Facebook als auch Giphy dementieren das deutlich. Im Facebook-Newsroom heißt es:

Giphy will continue to operate its library (including its global content collection), and we’re looking forward to investing further in its technology and relationships with content and API partners.

Und Giphy schreibt (Medium):

And for our API/SDK partners and developers: Giphy’s Gifs, Stickers, Emojis, etc. aren’t going anywhere. We will continue to make Giphy openly available to the wider ecosystem.

Die Vergangenheit lehrt, dass man bei solchen Beteuerungen skeptisch sein sollte. Auch WhatsApp und Instagram sollten einst komplett eigenständig bleiben – großes Zuckerberg-Ehrenwort.

Doch diesmal gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Giphy ist für Facebook viel wertvoller, wenn möglichst viele andere Apps und Dienste die Datenbank anzapfen.

Worum es bei dem Deal geht

Wenn man Instagram-Chef Adam Mosseri glaubt (Axios), greifen die meisten Interpretationen der Übernahme zu kurz:

On Giphy the most interesting thing to me is how quickly some people jump to data always, which is a reminder of how important privacy is and how often we oversimplify things.

Demnach gehe es nicht um Daten, sondern um drei andere Dinge:

On the motivations for Giphy, the short answer is it’s not about data. The three big ideas were keeping the platform going, working with a scrappy creative team with different DNA, and the creator ecosystem given how much we care about that group.

Dass diese drei Punkte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, ist glaubwürdig. Giphy steckte in Schwierigkeiten und hätte ohne Facebooks Übernahme womöglich seine Plattform dicht gemacht – mit unangenehmen Konsequenzen für Facebook:

  • Die Hälfte der Zugriffe auf Giphy kommen durch Facebooks eigene Apps, also Messenger, WhatsApp und Instagram.
  • Bei sieben Milliarden ausgelieferten Gifs pro Tag, müsste sich Facebook also eine neue Quelle suchen, die täglich 3,5 Milliarden Gifs liefert.
  • Das ist selbst für Facebook eine große Herausforderung.

Doch Mosseri sagt noch mehr:

In terms of trends, the bonus that we can learn about what Gifs are trending generally is interesting.

Dieser Satz dürfte eine kleine Untertreibung sein. Facebook kauft sich mit Giphy einen Seismograph für Netzkultur, dessen Sensoren Schwingungen und Erschütterungen in fast allen relevanten Plattformen, Messengern und Hunderten Apps aufzeichnen.

Giphys API und SDK funktionieren dabei ausdrücklich nicht wie Facebooks Tracking-Pixel und Like-Buttons, die einzelne Nutzerïnnen verfolgen und Profile mit weiteren Daten anreichern. Diese Sorge hatte unter anderem der bekannte Apple-Blogger John Gruber geäußert (Daring Fireball):

Six years ago Slack added built-in Giphy support. So post-acquisition, Facebook will now have tracking info for all the Slack channels where this has been used. That’s cool.

Später korrigierte sich Gruber und ergänzte den Blogeintrag mit Statements eines Slack-Managers und eines Informanten:

Giphy doesn’t receive any information about users or even companies using the Giphy for Slack integration, and only sees Slack usage of the Giphy API in aggregate.

Das gilt wohl für die meisten großen Dienste, die Giphy integriert haben, wie etwa Signal-Gründer Moxie Marlinspike (Twitter) und Telegram (Twitter) klarstellten. Giphy bestätigte die Aussagen später (The Verge): Demnach werden keine Daten über einzelne Nutzerïnnen gesammelt, sondern nur aggregierte Informationen.

Genauer gesagt: „nur“ – denn auch diese Daten könnten Facebook helfen:

  • Facebook bekommt frühzeitig mit, welche kleinen Apps schnell wachsen, wenn das Volumen der API-Zugriffe stark zunimmt – und könnte dann eine der beiden bewährten Strategien anwenden: Kaufen (Instagram, WhatsApp) oder Kopieren (Snapchat, TikTok).
  • Facebook erfährt, welche Arten von Gifs populär sind und könnte mit diesem Wissen eine eigene App oder Meme-Feed für Facebook und Instagram bauen.
  • Facebook kann nicht nur einen Social-Graph, sondern auch einen Culture-Graph aufbauen. Diese Daten könnten helfen, um etwa Livestreaming-Deals abzuschließen oder Künstlerïnnen und Influencer auszuwählen, die prominent in Facebooks und Instagrams Produkten auftauchen sollen.

In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Vergleich mit Onavo, das Facebook 2013 übernahm:

  • Facebook bewarb die Onavo-App als VPN, die helfen solle, „dich und deine Daten zu schützen“. Tatsächlich sammelte sie massenhaft Daten von Nutzerïnnen.
  • Für Facebook waren die Information vermutlich Milliarden wert. Es nutzte die Daten um herauszufinden, wofür sich Menschen interessieren und wie sie kommunizieren.
  • Onavo zeichnete nicht nur die besuchten Webseiten auf, sondern die installierten Apps. Diese Erkenntnisse halfen Zuckerberg, langfristige strategische Entscheidungen zu treffen.
  • Unter anderem sollen die Daten von Onavo maßgeblich zum Kauf von Whatsapp beigetragen haben. Facebook konnte sehen, wie beliebt der Messenger damals bereits war – und wie gefährlich er Facebook werden könnte.
  • Nachdem bekannt wurde, dass Facebook auch Teenager dafür bezahlte, Onavo zu installieren, musste es den Dienst nach heftiger Kritik schließen (mehr dazu in Briefing #520).

Giphy dürfte kein ähnlich mächtiges Spionagewerkzeug werden. Über die API kann Facebook viel weniger Daten abgreifen als über einen VPN-Dienst. Außerdem werden auf Privatsphäre bedachte Unternehmen wie Apple (das bei iMessage auch mit Giphy arbeitet), Telegram und Signal und direkte Konkurrenten wie Twitter, Snapchat und TikTok Facebook diese Daten mit Sicherheit nicht freiwillig überlassen.

Be smart

Was die Übernahme von Giphy aus regulatorischer Perspektive bedeutet, werden wir voraussichtlich in einer der kommenden Ausgaben beleuchten. Wir planen gerade ohnehin einen Deep-Dive zu Big-Tech-Regulierung im Schatten der Corona-Pandemie.

Deshalb wollen wir diese Analyse mit einer Klarstellung beenden, die bei diesem Thema zwingend ist. Giphy selbst schreibt in seiner Danksagung: „The hard G defenders, the soft G defenders (we all know who’s right)“

Den Inhalt der Klammer beantwortet Giphy-Investor John Borthwick (Protocol):

What’s your reaction when you hear people pronounce it Jiffy?

I come down firmly on the side of Giphy. I once had David Cameron, when he was prime minister of England, come by Betaworks, and he looked at me with a straight face and said, „I’m so fascinated to see BEEtaworks.“ So yeah. I come down hard on the side of Giphy.

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