Briefing für den 17.10.2017 | Ausgabe #398

martin


Salut! Ich habe so gute Laune: Und du bist mit dafür verantwortlich! Danke, dass ich das hier alles machen kann. Merci, Martin


Der Erfolg der Fake News Fact Checker

Die Story

Facebook hat in einer internen Email seinen Fact-Checking-Partnern mitgeteilt, dass ihre Arbeit durchaus Früchte tragen würde. So würden Inhalte, die von ihnen als falsch deklariert werden, danach um 80 Prozent weniger Impressions erreichen. Das sei ein ermutigendes Signal, so Facebook. Allerdings sei es problematisch, dass so viel Zeit verstreicht, bis eine entsprechende Geschichte als falsch markiert wird – nämlich in der Regel drei Tage.

Sorry, aber worum geht es?

Nachdem für viele Stakeholder zu ihrer großen Überraschung bekannt geworden ist, dass auf Facebook fast genau so viel Mist und Unfug verbreitet wird wie Hochzeitsfotos, hatte Facebook Kooperationen mit unabhängigen Dritten angekündigt, um nicht selbst zur obersten Löschbehörde dieser nachrichtlich-anmutenden Artikel zu mutieren. In Deutschland arbeitet etwa Correctiv als Fact Checker für Facebook. Fakt-Checker sollen die von Nutzern als fraglich identifizierten Artikel überprüfen und bei Bedarf mit einem Label versehen. In Deutschland funktioniert das Markieren allerdings ganz anders als in den USA – Kollege Hoppenstedt kennt den Unterschied.

Ok, und funktioniert das jetzt mit den Fact Checkern oder nicht?

Nun, wer selbst auf Facebook Artikel teilt, weiß wie es um die Halbwertszeit von Posts bestellt ist. In aller Regel erreichen Postings in den ersten Stunden die größten Reichweiten. Wenn etwa ein Post nach drei Stunden noch keine nennenswerten Interaktionen vorweisen kann, ist nicht wirklich davon auszugehen, dass damit noch irgendetwas passiert. Dass Posts nach mehreren Tagen noch einmal wirklich funktionieren, dürfte somit eher eine absolute Ausnahmen darstellen. Ob somit das Markieren durch die Fact Checker nach drei Tagen wirklich für die geringen Impressions verantwortlich ist, bleibt fraglich. Facebook jedenfalls erklärt nicht genauer, wie sie zu der Zahl kommen. Hier wäre mehr Transparenz wünschenswert.

Gibt es denn keine externen Studien zu dem Thema?

Doch, doch. Aber nicht mit einem Ergebnis, das Facebook gefallen könnte. Zuletzt war eine Studie publiziert worden, wonach die Arbeit der Fact Checker gleich doppelt kritisch gesehen werden müsste: Erstens würde die Arbeit der Faktenchecker nicht dazu führen, dass die Stories weniger geklickt würden. Im Gegenteilt: Das Markieren als „Falsch“ würde potentielle Leser eher noch ermutigen, die Geschichte zu klicken. Die Markierung würde als Gütesiegel interpretiert, geben die Forscher zu bedenken. Zweitens würden die Faktenchecker, wenn überhaupt, nur die Spitze des Eisberges sehen – viel zu wenig Faktenchecker kämen auf viel zu viele „fake news“.


Plattformen weiter unter Druck

Die Story

Seit Wochen wird der Druck auf die Technologie-Plattformen, allen voran Facebook, spürbar größer – siehe hier und hier. Waren sie einst die Lieblinge der US-Wirtschaft, bläst ihnen nun von allen Seiten kräftig der Wind ins Gesicht:

  • Die Demokraten glauben fest daran, dass Facebook für den Wahlsieg Donald Trumps verantwortlich ist.
  • Die Republikaner sind überzeugt, dass die Plattformen mehrheitlich die Demokraten favorisieren.
  • Die Medien haben das Gefühl, endlich wieder ein bisschen Oberwasser zu gewinnen und es den Plattformen ein Stück weit heimzahlen zu können, haben sie doch in den letzten paar Jahren ihr gesamtes Business-Modell auf den Kopf gestellt.

Von allen Seiten werden die Rufe nach Regulierung lauter. Doch hat eigentlich jemand mal die Frage der Regulierung wirklich zu Ende gedacht? Ben Thompson und James Allworth diskutieren in ihrer aktuellen Exponent-Ausgabe, was es bedeuten würde, wenn die Exekutive in den USA ihren Regulierungsträumen nachkommen dürfte. Spoiler: Don`t mess with the Orange Man.

Wie reagieren denn die Plattformen auf den Druck?

So richtig offen und gesprächsbereit scheint keiner. Facebook zeigt sich derzeit eher sehr bemüht, den Schaden, den die russischen Werbeanzeigen im US-Wahlkampf angerichtet haben, so klein wie möglich zu reden. Aber immerhin reden sie überhaupt, das ist durchaus neu. In einer neuen Ausgabe der hauseigenen PR-Serie "Hard Questions" stellt sich Facebooks Sheryl Sandberg den Fragen eines ausgewählten Journalisten. Wirklich Neues kommt dabei nicht rum. Kein Wunder, dass sich Facebook fortan häufiger journalistischen Fragen stellen möchte. In einer Stellungnahme heißt es: "We’ll also be working with other news outlets and independent groups wanting access to our executives." Das ist doch toll.

Und Twitter? Die sind doch bekanntermaßen für Free Speech!

Äh, ja. Free Speech ist so eine Sache. Twitter hat aktuell mal wieder damit zu kämpfen, dass sich Nutzer über Twitters Löschverhalten massiv ärgern. Allein dieser Thread spricht Bände. Aber auch Twitter-Freunde der ersten Stunde ärgern sich massiv über das Verhalten von Jack Dorsey und Co, würden sie doch mit zweierlei Maß messen: Während etwa Trump politische Gegner mit Hasstiraden überziehen dürfe und kriegerische Auseinandersetzungen androhen könne, würde regulären Nutzern sehr, sehr schnell der Account gesperrt. Charlie Warzel zeigt in einer lesenswerten Zusammenfassung, wie lange genau dieser Spagat Twitter schon begleitet.

Unnützes Wissen:

Facebooks Team zum Moderieren von Inhalten ist übrigens größer als die gesamte Belegschaft von Twitter und Snapchat zusammen. Ist ja jetzt auch nicht so, dass sie gar nix machen würden.


Auch interessant

Die New York Times hat neue Social-Media-Guidelines für ihre Mitarbeiter formuliert. Quintessenz: Jeder Mitarbeiter müsse sich auf Social Media immer so verhalten, wie es sich für einen Angestellten der Times gebührt, könne doch ansonsten alles auf die Times zurückfallen. Die Regeln gelten übrigens nicht nur für öffentliche Postings, sondern auch in privaten Chat-Gruppen und in Messengern. Das ist schon ziemlich krass. Bedeutet letztlich, dass jeder Times-Mitarbeiter eigentlich einen Fake-Zweit-Account braucht, möchte er nicht vollends ständig im Dienst sein. Der Hinweis in der Twitter Bio "Privat hier" reicht jetzt jedenfalls nicht mehr aus…

WeChat ist ja bekanntlich in vielerlei Hinsicht das große Vorbild für die westliche Konkurrenz. So verwundert es nicht, dass Facebook innerhalb weniger Tage direkt drei Features präsentiert, respektive heraushebt, die allesamt auch auf WeChat zu finden sind:

  • Bei Forbes feiert die Verantwortliche für den Facebook Messenger die Möglichkeiten, die sich dort für den Einsatz von Bots ergeben würden.
  • Im Facebook News Room ist nachzulesen, dass Facebook jetzt auch endlich bei so krassen first "world problems" wie den folgenden eine Lösung hat: "Ordering food for takeout or delivery is supposed to be simple. That’s the point. But somehow it’s gotten complicated. First you need to decide what to eat, then you have to sift through a bunch of options and services."
  • Und Business Insider weiß zu berichten, dass es künftig bei Facebook möglich sein soll, seinen Lebenslauf ans persönliche Profil zu hängen. Da kann sich Xing noch so sehr über 13 Millionen Nutzer freuen.

One Last Thing


About the Author

martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter

Die Newsletter des Social Media Watchblogs werden von Panorama 3000 gesponsert

Social Media Profile für Marken und Firmen aufzubauen und komplett zu pflegen, haben wir früher gemacht. Heute fragen uns die Unternehmen, ob wir ihren Teams zeigen können, wie das geht. Sehr gerne, machen wir! Mit Workshops, Trainings und laufender Beratung. Umso mehr Zeit bleibt für besondere Inhalte und Kampagnen. Unsere Leistungen im Überblick!

Plattformen weiter unter Druck

martin

Die Story

Seit Wochen wird der Druck auf die Technologie-Plattformen, allen voran Facebook, spürbar größer – siehe hier und hier. Waren sie einst die Lieblinge der US-Wirtschaft, bläst ihnen nun von allen Seiten kräftig der Wind ins Gesicht:

  • Die Demokraten glauben fest daran, dass Facebook für den Wahlsieg Donald Trumps verantwortlich ist.
  • Die Republikaner sind überzeugt, dass die Plattformen mehrheitlich die Demokraten favorisieren.
  • Die Medien haben das Gefühl, endlich wieder ein bisschen Oberwasser zu gewinnen und es den Plattformen ein Stück weit heimzahlen zu können, haben sie doch in den letzten paar Jahren ihr gesamtes Business-Modell auf den Kopf gestellt.

Von allen Seiten werden die Rufe nach Regulierung lauter. Doch hat eigentlich jemand mal die Frage der Regulierung wirklich zu Ende gedacht? Ben Thompson und James Allworth diskutieren in ihrer aktuellen Exponent-Ausgabe, was es bedeuten würde, wenn die Exekutive in den USA ihren Regulierungsträumen nachkommen dürfte. Spoiler: Don`t mess with the Orange Man.

Wie reagieren denn die Plattformen auf den Druck?

So richtig offen und gesprächsbereit scheint keiner. Facebook zeigt sich derzeit eher sehr bemüht, den Schaden, den die russischen Werbeanzeigen im US-Wahlkampf angerichtet haben, so klein wie möglich zu reden. Aber immerhin reden sie überhaupt, das ist durchaus neu. In einer neuen Ausgabe der hauseigenen PR-Serie "Hard Questions" stellt sich Facebooks Sheryl Sandberg den Fragen eines ausgewählten Journalisten. Wirklich Neues kommt dabei nicht rum. Kein Wunder, dass sich Facebook fortan häufiger journalistischen Fragen stellen möchte. In einer Stellungnahme heißt es: "We’ll also be working with other news outlets and independent groups wanting access to our executives." Das ist doch toll.

Und Twitter? Die sind doch bekanntermaßen für Free Speech!

Äh, ja. Free Speech ist so eine Sache. Twitter hat aktuell mal wieder damit zu kämpfen, dass sich Nutzer über Twitters Löschverhalten massiv ärgern. Allein dieser Thread spricht Bände. Aber auch Twitter-Freunde der ersten Stunde ärgern sich massiv über das Verhalten von Jack Dorsey und Co, würden sie doch mit zweierlei Maß messen: Während etwa Trump politische Gegner mit Hasstiraden überziehen dürfe und kriegerische Auseinandersetzungen androhen könne, würde regulären Nutzern sehr, sehr schnell der Account gesperrt. Charlie Warzel zeigt in einer lesenswerten Zusammenfassung, wie lange genau dieser Spagat Twitter schon begleitet.

Unnützes Wissen:

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Der Erfolg der Fake News Fact Checker

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Die Story

Facebook hat in einer internen Email seinen Fact-Checking-Partnern mitgeteilt, dass ihre Arbeit durchaus Früchte tragen würde. So würden Inhalte, die von ihnen als falsch deklariert werden, danach um 80 Prozent weniger Impressions erreichen. Das sei ein ermutigendes Signal, so Facebook. Allerdings sei es problematisch, dass so viel Zeit verstreicht, bis eine entsprechende Geschichte als falsch markiert wird – nämlich in der Regel drei Tage.

Sorry, aber worum geht es?

Nachdem für viele Stakeholder zu ihrer großen Überraschung bekannt geworden ist, dass auf Facebook fast genau so viel Mist und Unfug verbreitet wird wie Hochzeitsfotos, hatte Facebook Kooperationen mit unabhängigen Dritten angekündigt, um nicht selbst zur obersten Löschbehörde dieser nachrichtlich-anmutenden Artikel zu mutieren. In Deutschland arbeitet etwa Correctiv als Fact Checker für Facebook. Fakt-Checker sollen die von Nutzern als fraglich identifizierten Artikel überprüfen und bei Bedarf mit einem Label versehen. In Deutschland funktioniert das Markieren allerdings ganz anders als in den USA – Kollege Hoppenstedt kennt den Unterschied.

Ok, und funktioniert das jetzt mit den Fact Checkern oder nicht?

Nun, wer selbst auf Facebook Artikel teilt, weiß wie es um die Halbwertszeit von Posts bestellt ist. In aller Regel erreichen Postings in den ersten Stunden die größten Reichweiten. Wenn etwa ein Post nach drei Stunden noch keine nennenswerten Interaktionen vorweisen kann, ist nicht wirklich davon auszugehen, dass damit noch irgendetwas passiert. Dass Posts nach mehreren Tagen noch einmal wirklich funktionieren, dürfte somit eher eine absolute Ausnahmen darstellen. Ob somit das Markieren durch die Fact Checker nach drei Tagen wirklich für die geringen Impressions verantwortlich ist, bleibt fraglich. Facebook jedenfalls erklärt nicht genauer, wie sie zu der Zahl kommen. Hier wäre mehr Transparenz wünschenswert.

Gibt es denn keine externen Studien zu dem Thema?

Doch, doch. Aber nicht mit einem Ergebnis, das Facebook gefallen könnte. Zuletzt war eine Studie publiziert worden, wonach die Arbeit der Fact Checker gleich doppelt kritisch gesehen werden müsste: Erstens würde die Arbeit der Faktenchecker nicht dazu führen, dass die Stories weniger geklickt würden. Im Gegenteilt: Das Markieren als „Falsch“ würde potentielle Leser eher noch ermutigen, die Geschichte zu klicken. Die Markierung würde als Gütesiegel interpretiert, geben die Forscher zu bedenken. Zweitens würden die Faktenchecker, wenn überhaupt, nur die Spitze des Eisberges sehen – viel zu wenig Faktenchecker kämen auf viel zu viele „fake news“.


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Weekly Roundup #2

martin


Liebe Kollegen,

ich habe mich entschieden, im Anschluss an meine Elternzeit nicht direkt wieder in den Journalismus zurückzukehren. Vielmehr werde ich ab November an der Universität Göttingen an einem Social-Media-Forschungsprojekt mitwirken und das Social Media Watchblog hauptberuflich betreiben. Falls dich die Hintergründe interessieren: Auf Facebook habe ich mich dazu ausführlich geäußert! Ich freue mich auf die Arbeit am Watchblog und bin jederzeit offen für Kritik und Anregungen.

Vielen Dank für den Support,
Martin


DEBATTE


Am 1.11. findet nun die Anhörung des Senate Intelligence Committee zur Rolle der Social-Media-Plattformen bei den US-Präsidentschaftswahlen statt. Insbesondere gilt es herauszufinden, wie groß die Einflussnahme durch Russland wirklich gewesen ist. Axios hat einige der Fragen, die gestellt werden sollen, zusammengetragen.

Facebook hat bereits vorsorglich ihre beste Frau nach Washington geschickt: Wie Sheryl Sandberg versucht durch Lobby-Arbeit das Schlimmste abzuwenden – eine echte Regulierung der Plattformen. [Recode]

Die Stimmung scheint jedenfalls mittlerweile ziemlich aufgeheizt – auf allen Ebenen werden die Vorwürfe lauter:

Wer sich mit dem Thema am Wochenende noch intensiver beschäftigen möchte, der sollte diese beiden Long-Reads lesen:


TRENDS


Das berühmte Future Today Institut hat im Rahmen der ONA 2017 einen neuen Bericht zu den Tech Trends for News herausgeben. Wer wissen will, was 2018 auf die Branche zukommt, sollte dieses PDF herunterladen und lesen.

Die ARD / ZDF Online-Studie wurde in dieser Woche publiziert. Kollege Dennis Horn hat sich die Studie durchgelesen, damit du das nicht machen musst. [WDR] Die Kernergebnisse für unser Spezialinteresse lauten: Social-Media-Plattformen wachsen in Deutschland nicht. Twitter verliert sogar. Einzig WhatsApp gewinnt weiter an Bedeutung. [ARD / ZDF]

Es scheint tatsächlich im Trend zu liegen, sich als Publisher und Medienanbieter wieder stärker von Social-Media-Plattformen emanzipieren zu wollen. Der ehemalige Chefredakteur von The New Republic, Franklin Foer, zeigt dafür gute Gründe auf. [Nieman Lab]

Die Sorgen von Foer kommen nicht von ungeföhr*: Die New York Times zeigt auf, wie sehr „The Five“ den Bereich Information, Musik und Video dominieren: The Frightful Five Want to Rule Entertainment. They Are Hitting Limits. [New York Times]

Die Ergebnisse, die in diesem Beitrag vom New York Times Magazine präsentiert werden, machen mir Angst: Immer mehr Teenager in den USA klagen über enorme Ängste, die ihnen das Leben erschwerten. Social Media sei ein Grund dafür. [New York Times Magazine]


FEATURES


Medium bietet nun all seinen Nutzern an, Inhalte hinter der Medium-eigenen Paywall zu verstecken – das Nieman Lab hat alles, was man dazu wissen mussEv Williams, Gründer von Blogger, Twitter und Medium, hat bei einem Kamingespräch dazu ausführlich Stellung bezogen. Bei BuzzFeed melden sich viele kritische Stimmen: Ev Williams Wants To Save Media — Again. But Some Writers And Publishers Are Skeptical.

Twitter werkelt an einem Bookmarking-Service. Endlich. [Techcrunch]

Facebook lässt nun auch Pages Stories postenVielleicht wird das Feature ja dann auch endlich mal von jemandem genutzt… [Techcrunch]

Facebook hat im Bereich Virtual Reality Großes vor. Die Strategie bringt Kollege Ben Thompson auf den Punkt: It is easier to move bits than atoms [Stratechery]


TIPPS


Wer häufig Grafiken für Social-Media-Plattformen posten muss, kann dafür auf eine Vielzahl an Websites zurückgreifen: The 6 Best Free Design Tools to Create Social Media Graphics [Zapier]

Falls du für deine Firma, deine Organisation oder deine Tante künftig auch vermehrt Videos produzieren sollstA Small Business Guide to Facebook Video Marketing [Social Media Today]


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So fing das an mit uns: Anfang der 2000er entwickelten wir für Bands und Musiker digitale Kampagnen und tummelten uns auf MySpace, Friendster und StudiVZ. Wir waren quasi eine Social Media Agentur, bevor es den Begriff überhaupt gab 😉 Heute arbeiten wir für alle möglichen Branchen und gestalten den digitalen Wandel. Mit welchen Unternehmen wir zusammenarbeiten? Das seht ihr hier!

Fünf Ideen zum Umgang mit Social Bots

Martin Fuchs

Social Bots spielen beim Social Media Watchblog immer wieder eine Rolle – deshalb freuen wir uns sehr, dass wir zu diesem Thema Auszüge aus einem Beitrag von Martin Fuchs aus dem Buch „Smartphone-Demokratie“ veröffentlichen dürfen.

Können kleine und autonom agierende Computerprogramme unsere Meinung manipulieren, Börsenkurse beeinflussen und vielleicht sogar Wahlen gewinnen? Spätestens seit dem letzten US-Präsidentschaftswahlkampf sind Social Bots in aller Munde. Ihr Einfluss ist jedoch schwer zu bewerten, und es ist zu mehr Gelassenheit in der Diskussion um die Macht von Bots geraten, denn einige von ihnen können sogar unser Leben verbessern.

Bots (von englisch „robots“, Roboter) sind kleine Computerprogramme, die eigenständig automatisierte und standardisierte Aufgaben übernehmen können. Sie werden im Internet schon lange eingesetzt, z.B., um Suchmaschinen zu optimieren und neue Suchergebnisse zu referenzieren. Ohne Bots wären die heutigen leistungsstarken Suchmaschinen, die wir täglich nutzen, nicht denkbar. Eine Studie des IT-Unternehmens Incapsula geht davon aus, dass aktuell 61 Prozent des Datenverkehrs bei Suchmaschinen auf Bots zurückgehen. Und Untersuchungen der IT-Sicherheitsfirma Imperva belegen, dass 52 Prozent des gesamten weltweiten Web-Traffics von Bots erzeugt werden.

Sie sind also mittlerweile für mehr Verkehr im Internet verantwortlich als die rund 3,5 Milliarden realen Internetnutzer. Sie gehören zu unserem Alltag wie E-Mails und Zähneputzen. Bisher haben wir davon aber noch nicht viel mitbekommen.


Auch Unternehmen und Medien setzen immer stärker auf Chat-Bots, um so beispielsweise Kundendialoge effizienter zu betreuen. So kann man z.B. bei der Fluggesellschaft KLM seine komplette Flugbuchung via Bot im Facebook-Messenger vornehmen. Im chinesischen Netzwerk WeChat hat sich in den vergangenen Jahren ein ganzes Ökosystem von Tausenden Bots entwickelt, über die man Bankgeschäfte abwickeln, Pizza bestellen oder Immobilien kaufen kann. Facebook arbeitet an ähnlichen Ideen und Einsatzmöglichkeiten. Verlage und Journalisten wollen ebenfalls mithilfe von „Conversational Journalism“-Ansätzen neue Zielgruppen erreichen. So startete im letzten Jahr in Deutschland die App Resi: Sie verbindet Chatten und Informieren, indem sie Nutzern passgenau Nachrichten zu einem nachgefragten Thema in den Chatverlauf liefert. Auch die Zeitung Die Welt und funk, das öffentlich-rechtliche Jugendangebot von ARD und ZDF (Novi-Bot), experimentieren mittlerweile mit ähnlichen Angeboten.

All diese Bots versuchen Dienstleistungen zu erbringen, die automatisiert erfolgen können. Sie sollen Nutzenden einen konkreten Mehrwert liefern. Sie werden auch „good bots“ genannt. Daneben treiben aber auch immer mehr „bad bots“ ihr Unwesen, sogenannte Social Bots, auf Deutsch Soziale Roboter. Diese kleinen, aber zunehmend intelligenteren Software-Programme verhalten sich so, als seien sie reale menschliche Nutzer. Sie mischen sich in politische Diskurse ein und versuchen diese zu manipulieren. Meist treten sie massenhaft auf und werden dann auch Bot-Armee genannt.


Spätestens mit dem US-Wahlkampf und dem Brexit sind Social Bots auf der öffentlichen Agenda angekommen. Jahrelang wurden sie zuvor fast unbemerkt in Wahlkämpfen und in politischen Debatten z.B. in Lateinamerika eingesetzt. Doch mit den für viele Europäer unerklärlichen Wahlausgängen in den USA und in Grossbritannien erlebte die Debatte um den Einfluss von Bots auf die Meinungsbildung einen wahren Hype.

Bislang gibt es keine belastbaren Zahlen und Studien für Deutschland und Europa, die die aktuelle Verbreitung und den Einsatz von Social Bots aufzeigen und deren mögliche Gefahr messbar machen. Vieles in diesem Bereich ist bisher noch unerforscht, und die Wechselwirkung von Manipulation und Wahlergebnis kann nicht seriös vorhergesagt werden. Dieses Dilemma fasst Prof. Dirk Helbing (Koautor dieses Buchs) passend mit diesem Bild zusammen: „Social Bots sind wie Doping. Wir alle wissen, dass es gefährlich ist, aber es lässt sich nur schwer nachweisen.

Bots werden zu einer wirklichen Gefahr für die Demokratie, wenn Medien, Politik und Wähler nicht genügend sensibilisiert sind und über die Gefahren dieser Formen von Manipulation nicht aufgeklärt werden. Die Bevölkerung fürchtet sich vor den Roboterprogrammen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Online-Meinungsforschungsinstituts Civey sagen 62,7 Prozent der Deutschen, dass Bots, die automatisiert Informationen verbreiten, eine Gefahr für die Demokratie darstellen.

Deshalb ist es wichtig, dass die Gesellschaft das Phänomen versteht und sich mit ihm aktiv auseinandersetzt – möglichst breit und in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Hierfür habe ich fünf Handlungsempfehlungen formuliert:

1. Sensibilisierung

Wie bei allen neuen Phänomenen ist es wichtig, dass sowohl politische Entscheider als auch Beobachter um die Möglichkeiten und Wirkungsmacht von Bots Bescheid wissen. Hier muss relativ schnell eine Sensibilisierung der Akteure auf allen Ebenen erfolgen: bei Journalisten, Mandatsträgern, Mitarbeitern und natürlich Wählern. Be- sonders Medienschaffende sind angehalten, Twitter-Trends auf „Echtheit“ hin zu überprüfen, statt sie blind zu übernehmen. Die Diskussionen der letzten Monate waren ein guter Auftakt. Ich wünschte mir, dass die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema etwas weniger von Hysterie geprägt sein wird und auch die positiven Aspekte von Bots stärker bearbeitet werden. Ebenso wie die Heranbildung von Persönlichkeit gehört die Erlangung digitaler Medienkompetenz in jeden Kindergarten, jede Schule und auch viel stärker in die Erwachsenenbildung.

2. Tools

Schon länger haben sich spezialisierte Dienste wie „Bot or Not“ zur sicheren Erkennung von Bots etabliert. Auf Basis von Spracherkennung und semantischer Kategorisierung erkennen diese Muster und können so Bots identifizieren. Da das Gros der Tools bisher nur für englische Bots funktioniert, sollten Dienstleister die Services für den deutschsprachigen Raum weiter ausbauen. Jeder Nutzer muss über eine schnelle und einfache Möglichkeit zur Identifizierung von Bots verfügen, um Klarheit über sein Gegenüber zu erhalten und damit die Botschaften für sich einordnen und bewerten zu können.

3. Austausch

Parteien und politische Akteure sollten sich trotz aller Konkurrenz stärker zum Thema Bots austauschen. Aktuelle Angriffe, ent- deckte Bot-Armeen und auffälliges Fan- und Followerwachstum sollten zeitnah öffentlich gemacht werden, und zwischen den demokratischen Akteuren sollte ein System des Austauschs etabliert werden. Das Phänomen wird man nur einhegen können, wenn die gesamte Gesellschaft sich diesem widmet; Parteigrenzen sind auf diesem Weg eher hinderlich.

4. Netzwerke

Aus ureigenem Interesse sollten auch die Plattformen selbst alles tun, um Bot-Netzwerke zu enttarnen und zu entfernen. Kein Werbekunde hat Interesse, seine Werbung Robotern auszusetzen. Das Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn die Netzwerke sicherstellen können, dass die Werbung auch von realen Personen gesehen und geklickt wird. Zudem müssen die Netzwerke mehr Aufklärungsarbeit für die Nutzer leisten und das Thema aktiver kommunizieren, denn nur mithilfe der Nutzer lässt sich das Problem umfassend bekämpfen.

5. Regulierung

Wie bei fast jedem neuen digitalen Phänomen waren die Forderungen nach neuen und schärferen Gesetzen, die Social Bots verbieten, schnell formuliert. Die Kategorisierung der Entwicklung von Bots als Straftatbestand forderten unter anderem die Länder-Justizminister von Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern. Nur wird diese leider nichts bringen, da die Hintermänner der Bots nicht identifiziert werden können und die Gesetze nur innerhalb der nationalen Grenzen durchgesetzt werden können. Statt neuer Gesetze sollte die Politik eher klare Forderungen an die Netzwerke formulieren. Hierher gehören etwa Ziele, wie die Transparenz bei Social Bots zu erhöhen oder Accounts, die eindeutig als Bots identifiziert wurden, klar als solche zu deklarieren. Technisch ist dies heute bereits problemlos möglich.


Über den Autor

Martin Fuchs

Martin Fuchs berät Regierungen, Parlamente, Parteien, Politiker und Verwaltungen in digitaler Kommunikation. Seit 2008 ist Fuchs Lehrbeauftragter für Public Affairs an der Universität Passau und Dozent für Social Media und Politik an weiteren Hochschulen. Zudem ist Fuchs Gründer der Social-Media-Analyse- und Benchmarking-Plattform pluragraph.de und bloggt über Social Media in der Politik unter hamburger-wahlbeobachter.de. Auf Twitter ist er als @wahl_beobachter zu finden.

Über das Buch


Smartphone-Demokratie geht uns alle etwas an. Die Politikwissenschaftlerin und Social Media-Expertin Adrienne Fichter und ihre Mitautorinnen und Mitautoren zeigen, wie Social Media und neue Technologien die Politik verändern.

Facebook, Twitter und Google bieten die zentrale Architektur für politische Debatten. Doch Microtargeting, die zunehmende «Messengerisierung» unserer digitalen Kommunikation und polarisierende Algorithmen führen dazu, dass wir immer mehr in unseren eigenen politischen Realitäten leben. Verschiedene Autoren analysieren die wachsende Bedeutung von Social Media für den politischen Diskurs. Sie präsentieren Strategien und Lösungsansätze und stellen zukunftsträchtige Technologien der digitalen Demokratie vor.

Never get high on your own supply

martin

Justin Rosenstein ist einer der Köpfe hinter Facebooks Like-Button. Als Ingenieur hat er maßgeblich daran mitgewirkt, dass der Like-Button zu einer der prominentesten Features des Web 2.0 geworden ist. Heute zeigt sich Rosenstein geläutert: 

In einem Artikel beim Guardian kritisiert er, was er selbst erschaffen hat. Doch nicht nur das. Er bekennt, dass er sich selbst zunehmend vom Internet abkoppeln würde – aus Selbstschutz.

Rosenstein ist damit nicht allein. Im Gegenteil. Der Ingenieur, der auch bei Googles Gchat mitwirkte, ist mit seiner öffentlichen Kritik in guter Gesellschaft. Auch seine Kollegin aus dem Like-Button-Erfinder-Team äußerte sich sehr kritisch mit Blick auf die Effekte, die vom Like-Button ausgingen. Ebenso der Erfinder des „Pull to refresh“ – also des „nach unten Ziehens, um eine App zu aktualisieren“: Loren Brichter klagt, er hätte niemals gedacht, dass dieses Feature so abhängig machen würde.

Und die Reihe lässt sich weiter fortsetzen: Nir Eyal, der Autor, der durch das Buch „How to Build Habit-Forming Products“ berühmt geworden ist, wirbt auf seinen Veranstaltung mittlerweile ganz selbstverständlich auch für eine App, die die Nutzer mit Gutscheinen und Rabatten belohnt, wenn das Smartphone nur lange genug nicht genutzt wurde.

Der prominenteste Kritiker der „attention economy“ aber ist Tristan Harris. Der Ex-Google-Mitarbeiter will mit seiner Organisation „time well spent“ dafür Sorge tragen, dass Nutzer zu aufgeklärteren Konsumenten werden.

Doch der Schritt hin zu Nutzern, die vollumfänglich um die psychologischen Tricks und Kniffe all der Apps bescheid wissen, die sie hundertfach am Tag öffnen, scheint noch weit entfernt. Im Silicon Valley jedenfalls beginnt die Tech-Elite damit, sich vor den Konsequenzen ihrer Erfindungen zu schützen. Übrigens ganz im Geiste von Steve Jobs:

So, your kids must love the iPad?” I asked Mr. Jobs, trying to change the subject. The company’s first tablet was just hitting the shelves. “They haven’t used it,” he told me. “We limit how much technology our kids use at home.

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martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter

Das Weekly Roundup

martin

Ab sofort gibt es beim Social Media Watchblog einen neuen Service: Jeden Freitag verschicken wir nun unser Weekly Roundup – die wichtigsten News der Woche rund um Social Media.



Was das Weekly Roundup bietet:

Während wir in unserem regulären Briefing sehr in die Tiefe gehen und die wichtigsten News und Debatten rund um Social Media durchaus analytisch und detailliert angehen, bietet das Weekly Roundup:

  • Die wichtigsten News und Debatten der Woche
  • Als kompakte Zusammenfassung am Freitag
  • Zum Scannen und Wegsnacken

Viele Leser haben sich eine solche Zusammenfassung der Woche gewünscht. Leser, die bereits unser Briefing abonniert haben, erhalten ab Freitag das Weekly Roundup automatisch. Wer die Zusammenfassung der Woche nicht möchte, kann im ersten Roundup seine Präferenzen entsprechend einstellen.

Ich freue mich über Feedback und vor allem: viele neue Leser unseres neuen Angebots!
Am besten du teilst direkt deinem Kollegen mit, dass wir jetzt das Weekly Roundup im Angebot haben: Hier geht es zum Signup!

Vielen Dank, Martin

Inhalts- und Resonanzanalyse der Facebook-Seiten bundesdeutscher Parteien

martin

Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög) hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Inhalts- und Resonanzanalyse der Facebook-Seiten bundesdeutscher Parteien durchgeführt. Die ganze Studie wird zum Ende des Jahres publiziert. Die Folien zur Präsentation der ersten Ergebnisse gibt es hier als Download. Wir stellen ausgewählte Studienergebnisse hier auf unserem Social Media Watchblog vor:

Die Hauptbefunde auf einen Blick


1. Die Facebook-Aufritte der Parteien werden immer stärker genutzt und spielen in der öffentlichen Kommunikation der Parteien eine immer größere Rolle

2. Deutlich überdurchschnittlich genutzt wird der Facebook- Aufritt der AfD, die schon seit ihrer Gründung stark auf diesen Kanal gesetzt hat.

3. Jede Partei setzt mit ihren Beiträgen auf Facebook andere Themenschwerpunkte. Die Parteien geben sich damit ein überwiegend erwartbares Profil. SPD und die Linke beispielsweise legen das Schwergewicht auf die Sozialpolitik, während etwa CSU und vor allem die AfD auf identitätspolitische Themen wie Migration, innere Sicherheit und kulturellen Liberalismus (z.B. Datenschutz und Überwachung, Ehe für alle) fokussieren.

4. Identitätspolitische Themen lösen bei den Nutzer_innen besonders viele Reaktionen aus. Sie nehmen mit 59% Anteil am gesamten gemessenen Engagement eine beherrschende Stellung im Wahlkampf 2017 ein.

5. Verlinkungen auf redaktionelle Medien sind mit einer Ausnahme selten. Bei den meisten Parteien dienen die seltenen Medienbezüge (5% aller Beiträge) primär als Hinweise auf die Resonanz der eigenen Kandidat_innen. Die AfD hingegen verlinkt in 51% aller Beiträge andere Medieninhalte oder bezieht sich auf andere Medien. Diese Medienbezüge werden als Bestätigung für eigene Positionen herangezogen (v.a. Welt und Focus) oder dienen zur Abgrenzung gegenüber traditionellen Medien.

Einzelne Ergebnisse im Überblick


Facebook und die AfD

Nicht wenige fragen sich auch mit Blick auf den US-Wahlkampf, ob Facebook „schuld“ am Erfolg der AfD ist. Damit diese Diskussion vernünftig geführt werden kann, haben wir eine ausführliche Analyse angefertigt zur Frage „Ist Facebook schuld am Erfolg der AfD?“

Briefing für den 26.9.2017 | Ausgabe #393

martin


Liebe Watchblog-Abonnenten, unsere Briefings sind aktuell sehr politisch. Fast jede Ausgabe gehen wir mit Facebook hart ins Gericht. Wir tun das, weil wir davon überzeugt sind, dass Facebook und all die anderen Technologie-Unternehmen, über die wir hier berichten, unser Leben massiv verändern – und nicht nur zum Guten. Herzlichst, Martin

# Facebooks Verantwortung für den Wahlerfolg der AfD

Die AfD gewinnt über 12 Prozent der Stimmen und geht damit als drittstärkste Kraft aus dem Bundestagswahlkampf 2017 hervor. Das, was nicht sein durfte, ist nun Realität: eine Partei, die Rechtsextreme in ihren eigenen Reihen nicht nur duldet, sondern sogar hofiert, zieht in den Bundestag ein.

In den kommenden Tagen und Wochen wird nun darüber diskutiert werden, wie das passieren konnte. Nicht wenige werden sich auch mit Blick auf den US-Wahlkampf fragen, ob Facebook schuld am Erfolg der AfD ist. Damit diese Diskussion vernünftig geführt werden kann, kommt hier unsere Analyse zur Frage: „Ist Facebook schuld am Erfolg der AfD?“ [Social Media Watchblog]

Job-Anzeige

Wir schaffen einen ganz neuen Aufgabenbereich: Wir suchen einen Social-Media-Manager für die außerredaktionellen Aktivitäten der Rheinischen Post Mediengruppe. Der Schwerpunkt liegt im Bereich Human Ressources. Hast du Lust auf Content Marketing für unser Medienhaus? Du wirst Teil des Audience-Engagement-Teams und sitzt in der Kommunikationszentrale direkt am Newsdesk der Zentralredaktion in Düsseldorf. Hier geht es zur Ausschreibung und zur Bewerbungsmöglichkeit – Fragen beantwortet dir gerne Teamleiter Daniel Fiene via Mail (daniel.fiene@rheinische-post.de), Facebook und Twitter.

# Welche Rolle spielten Fake News im Bundestagswahlkampf?

Alexander Sängerlaub hat für die Stiftung Neue Verantwortung untersucht, welche Rolle „Fake News“ im Bundestagswahlkampf gespielt haben. Zunächst einmal sei es dabei wichtig gewesen zu definieren, was mit „Fake News“ eigentlich gemeint ist – schließlich hätte sich die Zuschreibung zu einem Kampfbegriff entwickelt und sei wenig trennscharf.

Für Sängerlaub müsse also hinter „Fake News“ immer eine Manipulationsabsicht stecken, also das gezielte Verbreiten irreführender oder falscher Inhalte. Zumeist ginge es bei „Fake News“ darum, dem politischen Gegner zu schaden.

Mit Blick auf die Bundestagswahl warnt Sängerlaub vor Alarmismus. „Die Masse der Fake News hält sich in Grenzen“, fasst er seine Studie zusammen. Zudem würde auch der Einfluss von „Fake News“ überschätzt – nicht jeder, der eine solche Schlagzeile zu Gesicht bekommt, ändert daraufhin seine Meinung. Watchblog-Kollege Simon Hurtz hat die Studie für die Süddeutsche zusammengefasst: Welche Rolle Falschmeldungen im Wahlkampf spielten [SZ]

# Zuckerberg nicht mehr Herr über seine Algorithmen

Mark Zuckerberg scheint nicht mehr Herr der Lage zu sein: Die von ihm geschaffene Plattform lässt sich ihm zufolge jedenfalls nicht mehr komplett kontrollieren. „I wish I could tell you we’re going to be able to stop all interference, but that wouldn’t be realistic“, so der Facebook-Chef in einem Live-Video auf Facebook. Doch was bedeutet es, wenn die Erfinder nicht mehr Herr über ihre eigenen Algorithmen sind? Zwei lesenswerte Texte zu diesem Thema:

# Wenn Instagram mit der Androhung von Vergewaltigung Werbung macht

Die folgende Geschichte hat sich genau so zugetragen: Einer Reporterin des Guardian, Olivia Solon, wurde eine Email geschickt, in der sie mit folgenden Worten bedroht wurde: „I will rape you before I kill you, you filthy whore!“ Diese fürchterliche Nachricht hatte sie auf ihrem Instagram-Account gepostet. Knapp ein Jahr später verwandelte Instagram exakt diesen „engaging“ Post in eine Anzeige, die der Schwester von Solon auf Facebook angezeigt wurde, um sie davon zu überzeugen, auch Instagram beizutreten. Automatisierung gone wild. Instagram uses ‚I will rape you‘ post as Facebook ad in latest algorithm mishap [Guardian]

# Ein Angestellter auf 100.000 Nutzer

Die sehr geschätzte Autorin und Wissenschaftlerin Zeynep Tufekci erinnert in einem lesenswerten Gastbeitrag bei der New York Times daran, dass wir Nutzer Facebooks Produkt sind. Das primäre Ziel Facebooks wäre es eben nicht, uns mit Freunden, Bekannten und Kollegen zu vernetzen, sondern unsere Aufmerksamkeit automatisiert an den Meistbietenden zu verkaufen – mit was auch immer sie handeln mögen. Facebook’s Ad Scandal Isn’t a ‘Fail,’ It’s a Feature [New York Times]

# Am Ende nur Positives

Die App tbh (To be honest) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die mentale Gesundheit von Millionen Teenager zu fördern. Wie sie das machen wollen? Nun: Die App ermöglicht es dir, anonym Fremden, Freunden und Bekannten Komplimente zu schicken. Ist das nicht schön? Hach! How tbh hit #1 by turning anonymity positive [Techcrunch]


Falls du eine Frage zum heutigen Briefing hast oder diese Unterhaltung einfach gern fortsetzen möchtest, schreib mir zurück – ich beantworte jede Mail.


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Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Kulturanthropologe, Journalist und Blogger. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich. Follow: Twitter | Facebook | Linkedin | Newsletter

Diese Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings wurde gesponsert vom "Listening Center" der Rheinischen Post

Zur Frage, ob Facebook schuld am Wahlerfolg der AfD ist

martin




Die AfD gewinnt über 12 Prozent der Stimmen und geht damit als drittstärkste Kraft aus dem Bundestagswahlkampf 2017 hervor. Das, was nicht sein durfte, ist nun Realität: eine Partei, die Rechtsextreme in ihren eigenen Reihen nicht nur duldet, sondern sogar hofiert, zieht in den Bundestag ein.

In den kommenden Tagen und Wochen wird nun darüber diskutiert werden, wie das passieren konnte. Nicht wenige werden sich auch mit Blick auf den US-Wahlkampf fragen, ob Facebook „schuld“ am Erfolg der AfD ist. Damit diese Diskussion vernünftig geführt werden kann, kommt hier unsere Analyse zur Frage: „Ist Facebook schuld am Erfolg der AfD?“

Um Feedback wird gebeten: Entweder per Email an socialmediawatchblog@posteo.de oder direkt per WhatsApp oder Facebook Messenger – Merci, Martin


Warum ist Facebook überhaupt wichtig in dieser Diskussion?
  • Das Internet ist längst nicht mehr nur auf dem heimischen Rechner. Das Internet ist überall. Dies hat Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir das Internet nutzen.
  • Vor nicht einmal zehn Jahren war es üblich, das Internet überwiegend derart zu nutzen, dass am PC oder Laptop in einen Browser eine bestimmte Adresse eingegeben wurde, respektive bei Google eine Suche getätigt wurden.
  • Heute hingegen ist das Internet überall. Ständig dabei in Form von mobilen Endgeräten. Die Art und Weise, wie das Internet genutzt wird, hat sich dabei grundlegend verändert. Menschen geben nun nicht mehr in Browser bestimmte URLs ein. Sie nutzen auch nicht mehr primär Google, um ins Internet zu gelangen. Sie nutzen Apps. Und die Bereitschaft neue Apps auszuprobieren, ist nicht sehr groß. Die alles dominierende App ist Facebook – für Milliarden Menschen das Tor zur (Internet-) Welt.
  • Der News Feed von Facebook ist zu einer Art Internet im Internet geworden. In diesen News Feed gelangen Inhalte nur, wenn sie den Algorithmus von Facebook bedienen. Facebook ist somit zum ultimativen Verteiler von Inhalten, respektive Aufmerksamkeit geworden.
Welche Inhalte funktionieren auf Facebook besonders gut?
  • Facebook bestimmt via Algorithmus, was im News Feed der Nutzer auftaucht und was nicht.
  • Für Facebook selbst sind zunächst einmal alle Inhalte gleich. Egal ob Selfie von Lukas Podolski, die Hochzeitsfotos der Cousine, ein virales Video, Nachrichten der Tagesschau oder jedwede Spielart von als Nachrichten anmutenden Postings aka „fake news“ (Propaganda, Hoaxes, Lügen, Verunglimpfungen, etc…)
  • Alle Inhalte stehen miteinander in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Nutzer
  • Facebook selbst ist vor allem daran interessiert, dass Nutzer möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringen.
  • Deshalb ist der News Feed vor allem dafür da, dass sich Nutzer wohl fühlen. Der News Feed ist nicht dafür da, dass Facebook-Nutzer alles wissen.
  • Besonders gut funktionieren auf Facebook lustige und emotionale Inhalte, sowie Dinge, die dich nicht herausfordern, sondern Nutzer eher in ihrer Weltsicht bestätigen.
Was zeichnet die Kommunikation der AfD generell aus?
  • Die AfD spielt mit den Ressentiments der Bürger (Lügenpresse, die da oben, etc…)
  • Die AfD schafft es, die Gefühle Wut und Angst perfekt zu bedienen (Angst vor Überfremdung, vor dem Islam, vor dem sozialen Abstieg, vor dem Verlust der kulturellen Identität)
  • Die AfD gibt das Gefühl von Gruppenzugehörigkeit („Das darf man ja wohl noch sagen dürfen“, „Die Medien sind alle gegen uns“, etc…)
  • Die AfD produziert klare Feindbilder: die Ausländer, die Medien und vor allem: Angela Merkel.
Warum ist die AfD mit ihren Inhalten nun auf Facebook so erfolgreich?
  • Die AfD bedient mit ihren Inhalten perfekt den Facebook-Algorithmus
  • Sie lancieren auf Facebook Inhalte, die bei ihren Anhängern extreme Emotionen produzieren
  • Untersuchungen zeigen, das AfD-Anhänger weitestgehend abgeschnitten sind von anderen politischen Ideen und primär in ihrer eigenen Ideenwelt (Echokammer) verbleiben – der Facebook-Algorithmus befeuert dies.
  • Die AfD gibt ihren Fans und Sympathisanten kontinuierlich Futter in Form von Videos oder Postings, damit diese ihren Ärger, bzw. ihre Ängste zum Ausdruck bringen können
Was unterscheidet die Arbeit der AfD von den anderen Parteien auf Facebook?
  • Die AfD hat seit ihrer Gründung Facebook als Instrument verstanden, um zu mobilisieren: Sie konnte dadurch die zu Beginn nicht vorhandenen Parteistrukturen in den Ländern und Kommunen wettmachen
  • Dadurch verzeichnet die AfD-Fanpage bis heute deutlich mehr Anhänger als die anderer Parteien
  • Durch ihren Fokus auf die Themen Migration und Sicherheit und die damit verbundene hohe Emotionalität verzeichnen sie ein viel größeres Engagement pro Post als andere Parteien
  • Die AfD nimmt zudem extrem viel mehr Bezug auf Medien, was ihr ebenfalls mehr Engagement und dadurch mehr Sichtbarkeit verschafft
  • Die AfD setzt massiv auf die Typen von Inhalten, die vom Facebook-Algorithmus jeweils priorisiert ausgespielt werden: erst waren es Fotos, jetzt Videos
  • So bietet die AfD tatsächlich als einzige Partei sämtliche ihrer Standpunkte als Videos im Überblick von Facebook zur Bundestagswahl an
  • Die AfD profitiert stark von der Funktion Gruppen: So gibt es zahlreiche rechte Gruppen auf Facebook, die mit der Politik der AfD sympathisieren und weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit agieren können
  • Eine Vielzahl dieser Gruppen entstand im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise und dient nun als Sammelbecken für AfD-Anhänger
  • Andere Parteien profitieren nicht so stark von der Gruppen-Funktion bei Facebook
Ist Facebook also schuld am Erfolg der AfD?

Die Frage wird in den kommenden Wochen ausführlich diskutiert werden. Facebook selbst wird darauf beharren, dass sie eine neutrale Plattform sind – sie bieten ihrem Verständnis nach lediglich die technische Infrastruktur, die von allen gleichermaßen genutzt werden könne. Ich persönliche denke allerdings, dass es die AfD ohne Facebook in dieser Stärke nicht geben würde.

Facebook ist zwar nicht unmittelbar schuld daran, dass künftig auch Rassisten im deutschen Bundestag sitzen, sehr wohl sind sie aber aufgrund ihrer hauseigenen Aufmerksamkeits-Logik dafür verantwortlich, dass sie von Menschenfeinden wie der AfD gekapert und ausgenutzt werden.

Vor allem muss sich Facebook drei Vorwürfe gefallen lassen:

  • Facebook verdient königlich am Kampf um Aufmerksamkeit, auch wenn dieser mit massiv Schaum vorm Mund und zu Lasten von Minderheiten geführt wird
  • Facebook hat trotz aller Bemühungen und der Einführung von Fact Checkern bis heute keine Lösungen zur Hand, um der Verbreitung von Unwahrheiten Herr zu werden – ein Katalysator für Demokratie-Feinde wie die AfD
  • Facebook ist eine Blackbox: Wenn es um die gesamtgesellschaftliche Bedeutung Facebooks mit Blick auf die Meinungsbildung oder politische Werbung auf der Plattform geht (Stichwort Dark Ads), dann braucht es mehr Transparenz!


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