Medienstaatsvertrag und Social Media: Neue Gesetze für TikTok, Instagram und Co

Was ist

Fast unbemerkt ist am 7.11.2020 der Medienstaatsvertrag in Kraft getreten. Nach langen Diskussionen konnten sich die Länder auf die „Modernisierung der Medienordnung“ einigen, nachdem das Bundesverfassungsgericht schon 2018 auf die massiven Verschiebungen durch „die Netz- und Plattformwirtschaft einschließlich der sozialen Medien“ hingewiesen hatte und damit die Debatten um Fake News, Hatespeech, Filterblasen und die Meinungsmacht der großen Plattformen aufgriff. Nun hat der Gesetzgeber nachgezogen. Ziel des Medienstaatsvertrages ist es, die vom Verfassungsgericht skizzierten Probleme anzugehen und die Vielfalt der Medien sowie die „kommunikative Chancengleichheit“ zu wahren. Das war mit dem Rundfunkstaatsvertrag von 1991 nicht mehr zu bewerkstelligen, der die Existenz der großen digitalen Kommunikationsplattformen ausblendete. Die Begründung des Medienstaatsvertrages bezeichnet soziale Netzwerke und Suchmaschinen nun als „digitale Gatekeeper“, die in den medienrechtlichen Rahmen einbezogen werden.

Regelungen im Überblick

  • Social Bots und politische Werbung: Im Bereich der Social Bots sorgt der Medienstaatsvertrag vor allem für Transparenz. Die Länder sehen die Gefahr der Beeinflussung der Meinungsbildung durch von Computerprogrammen automatisiert erstellten Inhalten. Ab sofort müssen diese Inhalte gekennzeichnet werden, wenn das Nutzerkonto dem Anschein nach auf menschliche Kommunikation schließen lässt. Diese Kennzeichnungspflicht auf sozialen Netzwerken wie Facebook, TikTok und Twitter trifft diejenigen, die den automatisierten Account betreiben. Aber auch die sozialen Netzwerke selbst müssen dafür Sorge tragen, dass die Pflicht auch eingehalten wird. Ein weiterer Bereich in dem mit Transparenz der Gefahr von Manipulationen begegnet werden soll, ist der Bereich der Werbung. Ab sofort muss politische, weltanschauliche und religiöse Werbung als solche gekennzeichnet sein. Damit die Nutzerïnnen über den Ursprung und die Finanzierung solcher Werbung informiert sind, muss auch auf die Werbenden bzw. Auftraggeber deutlich hingewiesen werden.
  • Algorithmische Sortierkriterien: Interessant sind vor allem die neuen Transparenzpflichten für algorithmische Sortierkriterien. Den Nutzerïnnen von sozialen Netzwerken und Suchmaschinen aber auch allen Medienhäusern, die ihren Content dort verbreiten, sollen nun erstmals die Kriterien offengelegt werden, nach denen Inhalte angezeigt und sortiert werden. Die sog. Medienintermediäre („jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote Dritter aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen“) müssen nun die Kriterien, die über den „Zugang und Verbleib eines Inhalts“ auf der Plattform entscheiden sowie die „zentralen Kriterien der Aggregation, Selektion und Präsentation sowie ihre Gewichtung und die Funktionsweise der Algorithmen“ leicht auffindbar und in verständlicher Sprache offenlegen. Wesentliche Änderungen der Kriterien müssen zudem rechtzeitig bekannt gemacht werden. An diese zu veröffentlichenden Relevanzkriterien knüpft der Medienstaatsvertrag ein Diskriminierungsverbot. Damit ist es erstmals gesetzlich verboten, dass unzulässiger Einfluss auf die Auffindbarkeit der Medienangebote genommen wird. Angebote dürfen nicht aufgrund ihrer politischen Ausrichtung oder ihrer Organisationsform über- oder unterrepräsentiert sein.
  • Sorgfaltspflichten nun auch für Blogs, Podcasts und YouTube Accounts: Neu ist, dass sämtliche journalistischen Online-Medien die journalistische Sorgfaltspflicht einhalten müssen. Seit jeher müssen Rundfunk und Presse online wie offline diese Sorgfaltsstandards einhalten. Sie müssen Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der „nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit“ überprüfen. Maßstab dafür ist der Pressekodex des deutschen Presserats, der z.B. das Gebot enthält, redaktionelle und werbliche Veröffentlichungen zu trennen. Der Medienstaatsvertrag verpflichtet nun neben Rundfunk und Presse auch Informationsdienste („andere geschäftsmäßig angebotene, journalistisch-redaktionell gestaltete Telemedien, in denen regelmäßig Nachrichten oder politische Informationen enthalten sind“) auf diese Sorgfaltspflichten. Gemeint sind journalistische Onlinemedien wie Blogs, Newsletter, Podcasts, YouTube etc. Neu ist auch, dass die Landesmedienanstalt bei Verstößen „erforderliche Maßnahmen“ ergreifen können. Als allerletztes Mittel wäre auch die Anordnung der Löschung von Inhalten denkbar. Dieser Aufsicht durch die Landesmedienanstalten können sich Informationsdienste aber entziehen, wenn sie Mitglied beim Deutschen Presserat oder einer Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle werden. Der Deutsche Presserat hat bereits reagiert und neue Mitgliedschaftsangebote für Online-Medien veröffentlicht.

Bigger Picture

Ein zentrales Problem in der von großen Plattformen dominierten Medienlandschaft ist es für Medien, überhaupt sichtbar und auffindbar zu sein. Auch dazu finden sich im Medienstaatsvertrag sog. Auffindbarkeitsregeln. Bestimmte Inhalte von Rundfunk, Mediatheken und Online-Medien müssen in Benutzeroberflächen „leicht auffindbar“ sein. Diese Regeln gelten aber nur für sog. Medienplattformen wie Joyn, TVNow und Zattoo. Im Gesetzgebungsverfahren wurde von einigen Wissenschaftlern gefordert, Auffindbarkeitsregeln auch für soziale Netzwerke und Suchmaschinen einzuführen. Die neuen Regeln betreffen nur einen kleinen Ausschnitt der Inhalte auf den sozialen Netzwerken. Dort gilt weiterhin vornehmlich das „Hausrecht“ der Plattformen. Die Gemeinschaftsstandards legen fest, welche Kommunikationsstandards auf den sozialen Netzwerken gelten und wie diese durchgesetzt werden (Automation-Rate bei YouTube über 99%). Einige Klauseln der Gemeinschaftsstandards und darauf basierende Löschentscheidungen der Netzwerke werden seit geraumer Zeit vermehrt durch Gerichte am Maßstab der Meinungsfreiheit aus Art. 5 GG überprüft.

Be smart

Die meisten Regeln des Medienstaatsvertrags gelten mit Inkrafttreten am 7.11.2020. Für einige Regeln gelten Übergangsfristen. Viele Detailfragen sind deshalb noch offen, weil die Landesmedienanstalten noch Satzungen schreiben, aus denen sich dann ergibt, wie z.B. die Kennzeichnungspflicht für Bots und die Transparenz der Sortierkriterien genau überprüft werden sollen. Mit dem Medienstaatsvertrag und dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat der Gesetzgeber erst begonnen, Social Media medienrechtlichen zu regeln. Deutschland ist dabei europa- und weltweit ein Vorreiter und man wird sehen müssen, ob die Regeln die gewünschten Erfolge erzielen können. Weitere Gesetze und Regeln werden aber folgen: So wird auch das Kartellrecht (GWB) ein Update bekommen, um möglichst frühzeitig gegen den Missbrauch von Marktmacht im Bereich digitaler Plattformen vorgehen zu können. Um die europäische Urheberrechtsrichtlinie umzusetzen, wird es voraussichtlich ein eigenes Gesetz für Kommunikationsplattformen/Social Media geben (Urheberrechts-Diensteanbieter-Gesetz). Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wird novelliert. Das wohl bedeutendste Gesetzgebungsverfahren läuft aber in Brüssel. Anfang Dezember soll der Entwurf des Digital Services Act vorgestellt werden. Erwartet wird, dass auch diese Initiative sich dem Problem der Meinungsmacht großer Plattformen und der Bekämpfung von Hassrede und Fake News widmet.
Autor: Jan Kalbhenn, Rechtsanwalt und Geschäftsführer am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Universität Münster
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Jetzt neu: Social Media Watchblog Lectures

Was ist

Liebe Kollegïnnen, seit etwas mehr als zwei Jahren gibt es unseren Newsletter nur noch für zahlende Abonnentïnnen. Über 1100 Kollegïnnen haben unser Briefing direkt über Steady abonniert, noch einmal rund 2500 beziehen unseren Newsletter über ihren Arbeitgeber. Heute freuen wir uns sehr, ein neues Format zu launchen: die Social Media Watchblog Lectures.

Folgende Gedanken stecken hinter der Einführung:

  • Das Social Media Watchblog wird von Tausenden Medienprofis aus den unterschiedlichsten Fachgebieten gelesen.
  • Über unsere Slack-Community haben sich bereits mehr als 650 Kollegïnnen vernetzt.
  • Mit den Lectures wollen wir nun den nächsten Schritt gehen und unsere Community noch näher zusammenbringen.
  • Ab November werden wir daher jeden ersten Donnerstag im Monat um 17:00 Uhr eine digitale Lecture via Zoom organisieren.
  • Wir fungieren dabei vor allem als Gastgeber.
  • Uns geht es in erster Linie darum, einen Wissenstransfer zu organisieren: getreu dem Motto „each one teach one“.
  • Wir freuen uns auf spannende Impulsvorträge und Webinare von und für euch!
  • Falls du auch eine Lecture übernehmen möchtest, kannst du dich gern bei uns melden!
  • Natürlich sind die Lectures für alle Abonnentïnnen im bestehenden Abo inbegriffen.

Die erste Lecture am 5.11.2020 um 17:00 Uhr

Los geht es am 5.11.2020 um 17:00 Uhr mit einer Lecture von Teja Adams zum Netzwerk der Stunde – TikTok. In 45 Minuten erzählt euch Teja, warum ihn TikTok fasziniert, was die hohe Content-Dichte des Netzwerks ausmacht und wie der Algorithmus tickt. Im Anschluss gibt es die Möglichkeit, in größerer Runde zu diskutieren.

Teja konzipiert und realisiert seit zehn Jahren Digital-Projekte für die ARD und ist europaweit als Berater und Coach unterwegs. Wir freuen uns sehr, dass er die erste Lecture übernimmt!

Wer dabei sein möchte, sollte sich den 5.11.2020 / 17:00 Uhr schon einmal reservieren. Um die Anzahl der Teilnehmerïnnen einschätzen zu können, freuen wir uns über ein kurzes Feedback per Reply auf diese Mail: einfach auf diese Mail mit Teja antworten – Danke!

Das weitere Programm wird in einem der kommenden Briefings bekannt gegeben. Apropos Briefing: Das nächste reguläre Briefing erscheint am Freitag. Wir bitten um Verständnis, dass wir die vergangenen Tage genutzt haben, um das neue Format zu konzipieren.

Herzliche Grüße und vielen Dank für die Wertschätzung unserer Arbeit!

Martin & Simon

Google kauft sich gute Presse

Was ist

Google will Verlagen in den kommenden drei Jahren eine Milliarde Euro überweisen. Im Gegenzug erhält das Unternehmen Inhalte, die auf einem neuen Produkt namens Google News Showcase (GNS) präsentiert werden und später auch im Discover-Feed und der Google-Suche auftauchen sollen.

 

Warum das wichtig ist

Für Google mögen eine Milliarde Dollar eine überschaubare Summe sein – der Konzern verdient pro Jahr mehr als das Dreißigfache. Google braucht also weniger als zwei Wochen, um die Investitionen der kommenden drei Jahre einzunehmen.

Auf Seiten der Verlage sieht es anders aus, dort haben die Jahresbilanzen meist einige Nullen weniger. Bei derzeit knapp 200 Medienpartnern wären es rund 1,7 Millionen pro Verlag pro Jahr. Das Geld dürfte ungleich auf die Medien verteilt werden, doch für viele teilnehmende Verlage ist das trotzdem eine signifikante Summe.

Bereits für sich betrachtet ist der Deal also bemerkenswert. Vor allem aber gewinnt er durch seine Vorgeschichte und aktuelle politische Entwicklungen an Bedeutung:

  • Deutschland hat bereits 2013 vergeblich versucht, Google mit dem gescheiterten Leistungsschutzrecht (LSR) zu zwingen, Lizenzgebühren für Inhalte bzw. kurze Auszüge zu bezahlen.
  • Bis 2021 muss Deutschland die EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht umsetzen. Dabei soll der LSR-Zombie wiederbelebt werden. Noch hakt die Umsetzung, unter anderem weil sich Justiz- und Wirtschaftsministerium uneins sind. Doch am Ende könnte ein sogenanntes Verlegerrecht stehen, das erneut Lizenzzahlungen auch für Überschriften und Teaser vorsieht.
  • Google drohte in der Vergangenheit, deshalb Google News in Europa abzuschalten oder stark zu beschränken (Nieman Lab).
  • Länder wie Frankreich und Australien haben bereits oder wollen Gesetze erlassen, die Google und Facebook verpflichten (Axios), Verlage zu bezahlen, wenn sie deren Inhalte nutzen oder weiterverbreiten.

Es ist wohl kein Zufall, dass GNS zunächst in Deutschland und Brasilien startet und bald auf Argentinien, Kanada, Großbritannien und Australien ausgeweitet werden soll. In allen Ländern laufen entweder kartellrechtliche Ermittlungen oder Gesetzesinitiativen, die Google wehtun könnten.

 

The big picture

Ähnlich wie Facebook ist Google ein Frenemy der Verlage. Allerdings hat der Konzern im Laufe der vergangenen Jahre viel dafür getan, das angespannte Verhältnis (Nieman Lab) zu verbessern. Die meisten Medien betrachten Google mittlerweile als zuverlässigeren Partner als Facebook (mehr dazu in Ausgabe #663).

Kein anderes Unternehmen gibt mehr Geld für Lobbyarbeit in Brüssel aus als Google (Lobbycontrol). Die neue Initiative soll und könnte dazu beitragen, weitere Verlage auf die Seite von Google zu ziehen und womöglich auch Kartellbehörden zu besänftigen, die Googles Machtkonzentration untersuchen.

 

Was über den Deal bekannt ist

Die Verträge, die Google mit den Medienpartnern geschlossen hat, sind nicht öffentlich. Dennoch sind einige Details des "Publisher-Curated News Agreement" bekanntgeworden, über die unter anderem die Welt und Digiday berichten. Wir fassen die Eckpunkte zusammen:

  • GNS baut auf einem Lizenzprogramm auf, das Google bereits im Juni vorstellte.
  • In Deutschland nehmen 20 Medienpartner mit insgesamt mehr als 50 Publikationen teil, darunter der Spiegel, die Zeit, die FAZ sowie etliche Regionalmedien wie die Rheinische Post oder der Tagesspiegel. Mit T-Online, Netzwelt und Golem sind auch reine Online-Medien dabei.
  • Die Verlage können ihre Inhalte selbst in Story-Panels kuratieren, die etwa erläuternde Bullet-Points, multimediale Elemente oder weiterführende Artikel enthalten.
  • Diese Themenkarten werden zunächst nur in der Google-News-App für Android auftauchen. Später will Google sie auch in Google Discover, Google News auf iOS sowie in der Google Suche anzeigen.
  • Die Medienpartner verpflichten sich, jeden Tag mindestens ein "Modul" mit jeweils mehreren Artikeln und Updates zu liefern. Je nach Verlag wurden die Details unterschiedlich verhandelt, große Medien stellen mehr Inhalte bereit.
  • Google kauft teils auch Inhalte, die Verlage selbst nur hinter einer Paywall veröffentlichen, und stellt sie kostenlos ins Netz. Für Geschäftsmodelle, die auf digitalen Abonnements basieren, ist diese Entbündelung riskant.
  • Medien verkaufen das Recht, nicht nur Snippets, sondern ganze Artikel weltweit zu nutzen. Das ist aber optional. Es gebe "keine Verpflichtung zur Bereitstellung von 'Paywall-Artikeln'", teilt ein Google-Sprecher mit (Turi2).
  • Unklar bleibt, ob, wann und wo Google die vollständig lizenzierten Inhalte anzeigen will. Die Story-Panels enthalten nur Zusammenfassungen und Textausschnitte, die Google ohnehin kostenlos nutzen kann.
  • Google kann den Vertrag einseitig kündigen, wenn "eine Gesetzesveränderung die Aufrechterhaltung der Verpflichtungen einer Seite, die in diesem Abkommen festgehalten sind, kommerziell unbrauchbar macht", etwa wenn Google verpflichtet würde, "Inhalte von einem Kollektiv zu lizenzieren" – genau das bahnt sich gerade in Australien an (Digiday).

 

Wie Verleger reagieren

Die teilnehmenden Verlage verteilen öffentlich nur Flausch, im Google-Blog finden sich etwa lobende Zitate von Stefan Ottlitz (Spiegel) und Carsten Knop (FAZ).

Im Hintergrund äußern sich manche anders. Die Welt zitiert einen anonymen Verlagsmanager:

"Es gehe darum, Journalismus jetzt finanzieren zu können, da helfe das Google-Geld unmittelbar. "Wir haben ja nicht so viel Zeit", sagt ein Manager. Ob man nicht mittelfristig über den Tisch gezogen werde, wenn man sich auf einen Lizenzdeal einlasse? Antwort: "Mittelfristig können wir alle über den Tisch gezogen werden."

Noch deutlich kritischer fallen die Stimmen von Lobbyverbänden und Medien aus, die nicht am Programm teilnehmen. Angela Mills Wade vom European Publishers Council sagt etwa (Digiday):

"Many are quite cynical about Google’s perceived strategy. By launching a product, it can dictate terms and conditions, undermine legislation designed to create conditions for a fair negotiation, while claiming they are helping to fund news production."

Auch in den USA scheinen die Reaktionen bislang verhalten bis skeptisch auszufallen, wenn man David Chavern von der News Media Alliance glaubt:

"We know that Google has approached a number of U.S. news publishers about this program. The initial indications are that, at least to date, publishers are underwhelmed by the economics and offended by the gag order. Google just doesn’t appear serious."

 

Welche Interessen Google hat

Warum die Verlage mitmachen, ist offensichtlich: Für einen überschaubaren Aufwand erhalten sie eine ordentliche Summe Geld. Die Motive von Google sind weniger eindeutig. Glaubt man Pichai (Google-Blog), hat sein Unternehmen in erster Linie ein ideelles Interesse:

"One of the most enduring memories of my childhood is waiting for my father and grandfather to finish the paper over breakfast every morning so that I could get the latest headlines, especially in the sports section. (…) I have always valued quality journalism and believed that a vibrant news industry is critical to a functioning democratic society."

Google-Manager Matt Brittin fasst es so zusammen (Google-Blog):

"We invest in news not for profit; but because it’s important for society, for publishers and for citizens wanting to read quality journalism."

Es gibt aber auch noch eine andere Interpretation, die etwa Joshua Benton vertritt (Nieman Lab). Bereits im Juni, als Google die Grundzüge der Initiative angekündigt hatte, argumentierte Benton (Nieman Lab), dass es Google in erster Linie um PR und nicht um die Bedürfnisse der Verlage gehe.

Zusammengefasst geht seine These so:

  • Google und Facebook sind derzeit weltweit von Regulierung und neuen Gesetzen bedroht.
  • Programme wie die Google News Initiative, das Facebook Journalism Project und die aktuellen Investitionen in GNS helfen den Tech-Unternehmen noch mehr als den Medienpartnern.
  • Google kann selbst aussuchen, welche Medien Geld erhalten, statt Lizenzgebühren an alle zahlen zu müssen, wie es bei der Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in ein Verlegerrecht der Fall wäre.
  • Die Überschrift "Google schüttet eine Milliarde an Verlage aus", die vielerorts zu lesen war, könnte helfen, allzu scharfe Gesetze zu verhindern, die die Verleger-Lobby durchsetzen will.

 

Was wir davon halten

Tech-Konzerne wollen möglichst viele positive Berichte über sich lesen. Manchmal ist der Versuch der Einflussnahme offensichtlich. Am Wochenende wurde etwa bekannt, dass Huawei eine Redaktion in Deutschland aufbauen will (Welt).

Im Fall von Huawei gibt es gute Gründe, skeptisch zu sein. Das chinesische Unternehmen ist zwar kein Staatskonzern, pflegt aber gute Beziehungen zur Regierung. "Zwischen der chinesischen Staatsführung und der Pressefreiheit besteht ein Grundkonflikt", sagt Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen.

Google und Facebook sind unabhängiger von der Politik und wollen die Schlagzeilen auch nicht selbst schreiben – subtilen Einfluss üben sie über ihre Förderprogramme trotzdem aus. Die Initiativen mögen gut gemeint und für sich genommen sinnvoll sein. Trotzdem nutzen sie natürlich auch den Tech-Konzernen und könnten dazu führen, dass der eine oder andere Kommentar etwas freundlicher ausfällt.

 

Be smart

Der digitale Werbemarkt ist ein Duopol (Axios): Google und Facebook kassieren mehr als die Hälfte der Anzeigenerlöse und fast 90 Prozent aller neu investierten Werbedollar. Der einzige echte Konkurrent ist nicht die Medienbranche, sondern Amazon.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass viele Verlage auf Kooperationen setzen, um indirekt wenigstens ein paar Krümel des Werbekuchens abzubekommen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Medien ihre Inhalte nicht mehr kostenlos ins Netz stellen, birgt die Lizenzierung aber eine Gefahr: Nutzerïnnen könnten sich daran gewöhnen, dass sie hochwertigen Journalismus auch gratis bei Google finden, statt teure Abos abschließen zu müssen.

Die treuesten Abonnentïnnen zahlen nicht nur für die Inhalte, sondern für ein Lebensgefühl und die Bindung an die Redaktion. Ein Teil der Leserïnnen dürfte das Google-Angebot aber reichen. Das könnte die (teils durchaus realistischen) Paid-Content-Träume schneller platzen lassen, als Verleger Leistungsschutzrecht buchstabieren können.


Dieses Briefing ist Teil des Social Media Briefings vom 7.10.2020. Falls du auch zweimal die Woche die wichtigsten News und Debatten eingeordnet per Newsletter erhalten möchtest, kannst du hier ein Abo abschließen.


Hurra, Hurra, der TikTok-Deal ist da

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Dieser Artikel ist Teil unseres Social Media Briefings vom 22.9.2020. Wenn du auch zweimal die Woche die wichtigsten News und Debatten rund um Social Media per Newsletter aufbereitet erhalten möchtest, dann kannst du hier Mitglied werden.


Header-Foto von Kon Karampelas bei Unsplash


Das Silicon Valley zähmt das Wild Wild Web (ein bisschen)

Was ist

In den vergangenen Tagen haben die großen Tech-Plattformen reihenweise rassistische, rechtsradikale und gewaltverherrlichende Kanäle, Gruppen, Seiten und Konten verbannt. Auch der Twitch-Account von Donald Trump wurde vorübergehend gesperrt (wobei man durchaus der Meinung sein kann, dass mindestens zwei der Adjektive auch auf den US-Präsidenten zutreffen, sodass er gar nicht einzeln aufgezählt werden müsste).

Wer wen gekickt hat

Ganz aktuell:

  • Twitter hat Konten der rechtsextremen Identitären Bewegung gesperrt. Facebook und Instagram haben bereits vor zwei Jahren durchgegriffen.
  • Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang hatte kurz zuvor explizit vor der Gefahr der sogenannten Neuen Rechten gewarnt und sie als „Superspreader von Hass und Gewalt“ (SZ) bezeichnet.
  • Die Sperrung der Twitter-Profile sei für die Identitäre Bewegung „ein erheblicher Einschnitt“, sagt Extremismusforscher Jakob Guhl (DLF) vom Londoner Institute for Strategic Dialogue.
  • „Der Versuch der Identitären Bewegung, rechtsextreme Positionen mit einem bürgerlichen Anstrich zu tarnen, ist gescheitert“, sagt Miro Dittrich (ZDF) von der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Von vergangener Woche (auch schon in Briefing #651 zu lesen)

  • Reddit hat r/The_Donald, r/ChapoTrapHouse und rund 2000 weitere rassistische und extremistische Subreddits dicht gemacht (The Verge).

Warum das wichtig ist

In einer Telefonkonferenz mit Journalistïnnen sagte Reddit-Chef Steve Huffman:

„I have to admit that I’ve struggled with balancing my values as an American, and around free speech and free expression, with my values and the company’s values around common human decency.“

Dieses Zitat beschreibt das Dilemma, in dem Facebook, YouTube, Twitter, Reddit und andere Unternehmen stecken. Genauer gesagt: das Dilemma, in dem sie glauben zu stecken. Denn tatsächlich hat vieles von dem, was die Plattformen jahrelang stillschweigend duldeten, nichts mit Meinungs- oder Redefreheit zu tun. Kein Mensch der Welt hat ein Anrecht darauf, dass ihm jedes private Unternehmen ein Mikrofon unter die Nase hält.

Huffman hat entschieden: Reddit soll keine Plattform für Hass und Menschenfeindlichkeit mehr sein. Isoliert betrachtet wäre das nur der überfällige Sinneswandel eines jungen Gründers, der allmählich erwachsen wird. Doch wenn binnen einer Woche fünf Großkonzerne ähnliche Entscheidungen treffen, steht das für mehr.

„Goodbye to the Wild Wild Web“, verabschiedet Kevin Roose (NYT) die Ära der nahezu unbeschränkten Redefreiheit:

„But arriving all at once, they felt like something much bigger: a sign that the Wild Wild Web — the tech industry’s decade-long experiment in unregulated growth and laissez-faire platform governance — is coming to an end. In its place, a new culture is taking shape that is more accountable, more self-aware and less willfully naïve than the one that came before it.“

Warum das gut ist

Das Wild Wild Web hat dem World Wide Web schwer geschadet. Wenige Großkonzerne haben das Sagen – und Extremistïnnen spielen Katz und Maus mit ihnen. Sie kapern die Plattformen, Pöbeln, Provozieren und loten die Grenzen des Sagbaren aus. Sie profitieren von Algorithmen, die das Laute und Schrille weiter verstärken und Nuancen und Differenzierung unsichtbar machen.

Netzwerke wie Facebook sind weder neutral noch ein Spiegel der Gesellschaft. Was auf YouTube trendet, bestimmen nicht nur die Nutzerïnnen, sondern auch YouTubes mächtige Empfehlungsmaschine. John Herrman drückt es so aus (NYT):

„YouTube isn’t so much the marketplace of ideas as a marketplace for some ideas, if those ideas work well in video format, in the context of a subscription-driven social environment consumed mostly on phones, in which compensation is determined by viewership, subject matter and potential for sponsorship.“

Es war immer ein Mythos, dass ein Minimum an Regeln (gepaart mit einem noch viel eklatanteren Defizit an Durchsetzung jener Regeln) allen die gleichen Chancen gibt, ihre Ideen und Überzeugungen zu verbreiten. Im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie gewinnt meist, wer am vehementesten meint, am lautesten schreit oder am skrupellosesten auf Andersdenkende losgeht.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Deplatforming helfen kann, den besonders wüsten Schreihälsen dauerhaft die Bühne zu entziehen. Alex Jones und Milo Yiannopoulos haben massiv an Einfluss verloren (Vice), nachdem YouTube und Twitter ihre Kanäle und Konten dicht gemacht haben. In Briefing #614 haben wir ausführliche über eine Studie geschrieben, die unter anderem die Wirksamkeit von Deplatforming belegt.

Wenn Facebook, Twitter, YouTube, Reddit und Twitch nun durchgreifen, ist das weder Zensur, noch bedroht es die Meinungsfreiheit. Es ist ein erster von vielen nötigen Schritten, um das Wild Wild Web zu zähmen und zu entgiften.

Wie sich das Timing erklärt

Was hat sich geändert? Warum hat Reddit nach vielen Jahren entschieden, dass der Großteil der rund 800.000 Menschen, die r/The_Donald bevölkern, doch nicht harmlos ist? Warum greift Twitter ausgerechnet jetzt durch, obwohl Sellner und seine Gefolgsleute die Plattform immer wieder für ihre menschenfeindlichen Aktionen missbraucht haben?

Wir zitieren erneut John Herrman, der in erster Linie wirtschaftliche Motive sieht:

„These areas of previously unfettered growth – in far-right content, in groups with a tendency to harass and intimidate other users and in certain political circles — are, finally, more trouble than they’re worth. Maybe they alienate a platform’s own employees, making them uncomfortable or ashamed. Maybe they’ve attracted the wrong kind of attention from advertisers or even a critical mass of users.“

Das ist sicher ein Grund – aber nicht der einzige. Reddit-Chef Huffman sagt (NYT):

„We have advertisers who care about these things. But this was a decision — a series of decisions, really — to make Reddit better.“

Das ganze Interview ist absolut lesenswert. Huffman erläutert darin nachvollziehbar, welcher interne Diskussionsprozess zur Entscheidung führte und gesteht offen seine eigene Naivität ein:

„When we started Reddit 15 years ago, we didn’t ban things. And it was easy, as it is for many young people, to make statements like that because, one, I had more rigid political beliefs and, two, I lacked perspective and real-world experience.“

Was er sagt, klingt glaubwürdig. Auch Nilay Patel, der Chefredakteur von The Verge, nimmt Huffman den Idealismus ab (Twitter):

„Sometimes the answer is as simple as people looking at the thing they’ve made and deciding they would like to be more proud of it than they are.“

Es ist zu einfach, Tech-Konzerne und ihre Chefs immer nur auf finanzielle Motive oder Machtstreben zu reduzieren. Mark Zuckerberg, Jack Dorsey, Susan Wojcicki und Steve Huffman haben Werte und Überzeugungen. Natürlich wollen sie, dass ihre Produkte die Welt verbessern.

Man kann darüber streiten, ob das gelingt. Man kann den Moralkompass von Zuckerberg kritisieren, der Redefreiheit fast schon verabsolutiert. Man kann den Konzernen vorwerfen, dass ihre Handlungen oft nicht mal den eigenen Regeln entsprechen. Aber manchmal entscheiden mächtige Managerïnnen auch einfach, weil sie überzeugt sind, dass es wichtig und richtig ist – und nicht, weil das dem Aktienkurs hilft.

Wir wissen natürlich nicht, was genau in den aktuellen Fällen den Ausschlag gegeben hat. Neben Altruismus gibt es eine Reihe weiterer möglicher Gründe:

  • Die Welt verändert sich rasant. Gerade die „Black Lives Matter“-Proteste haben ein neues Bewusstsein geschaffen. In diesem Klima riskieren Konzerne, die Rassistïnnen eine Bühne bieten, Nutzerïnnen und Werbekunden zu verärgern.
  • Der Werbeboykott, der derzeit Facebook trifft, zeigt, dass Unternehmen bereit sind, ihre Budgets umzuverteilen. Ob bei allen moralische Überzeugungen ausschlaggebend sind, ist fraglich. Fakt ist aber, dass Aktionen wie #StopHateforProfit den öffentlichen Druck erhöhen, hasserfüllte Inhalte konsequenter zu löschen. (mehr dazu: #649)
  • Auch die Angestellten der Konzerne können Druck machen: Hunderte Facebook-Mitarbeiterïnnen streikten, weil Zuckerberg ein Posting von Trump unverändert stehen ließ. Gerade im (für US-Verhältnisse) linksliberalen Silicon Valley, in dem viele große Unternehmen um die klügsten Köpfe konkurrieren, kann eine solche Haltung junge, politisch denkende Entwicklerïnnen abschrecken. (mehr dazu: #643)
  • Die Corona-Pandemie hat bei den Plattformen ein Umdenken bewirkt: Es gibt Inhalte, die vielleicht nicht strafbar sind, aber doch so eindeutig gefährlich („Wassertrinken hilft gegen Covid 19“, „5G verbreitet das Virus“), dass sie gelöscht werden müssen (mehr dazu: #633). Und das gilt nicht nur für unwissenschaftlichen Unsinn, sondern auch für politische Inhalte. Forscherin Joan Donovan schreibt (Wired):

„It’s no coincidence that this newfound boldness on the part of social media companies is coming in the middle of a global pandemic. The past few months of work dealing with medical misinformation surrounding Covid-19 has taught these companies an important lesson: They must – and they can – take decisive action to control who and what is on their sites. It’s about time, and it had better be just the beginning.“

Ja, aber

Aus drei Gründen ist es zu früh für große Freude:

  1. Die Ereignisse der vergangenen Woche allein bewirken kaum etwas. Sie bekommen erst dann eine größere Bedeutung, wenn sich der Trend, der sich abzuzeichnen scheint, bewahrheitet. Bis dahin bleiben es fünf Entscheidungen, die nur Symptome bekämpfen – Symptome des Wild Wild Web, das die Plattformen selbst hervorgebracht haben.
  2. Viele der verbannten Extremistïnnen rufen dazu auf, sich woanders neu zu formieren. Sie ziehen sich auf Plattformen zurück, wo noch weniger moderiert wird – und wo die Öffentlichkeit noch weniger davon mitbekommt. Vor allem bei großen Accounts wirkt Deplatforming. Wenn aber die Boogaloo-Bewegung zu Telegram umzieht, ist wenig gewonnen. r/The_Donald hat sich seit Jahren auf die Sperre vorbereitet und wird alles versuchen, den harten Kern zusammenzuhalten.
  3. Bei den aktuellen Fällen waren die Entscheidungen eindeutig und überfällig. Es gibt aber einen großen Graubereich. „Hass“ und „Hatespeech“ sind schwammige Begriffe. Sollen die Plattformen selbst entscheiden, wo die Grenze liegt? Wer schreibt die Regeln für das Netz, das nach dem Wild Wild Web kommt? Es braucht demokratische und juristische Kontrolle – und Institutionen wie das Facebook-Oversight-Board, das zumindest einen kleinen Teil der Entscheidungsgewalt externalisiert.

Be smart

Vergangene Woche gab es noch einen sechsten Massenban: Indien hat 59 chinesische Apps gesperrt, darunter TikTok. Jetzt erwägen auch die USA, TikTok zu verbieten (WSJ).

Vielleicht folgt auf das globale Wild Wild Web kein zivilisiertes World Wide Web – sondern ein „Splinternet“ (Future Today Institute), das Jannis Brühl heraufziehen sieht (SZ):

„Wie unter einem Brennglas zeigt sich in Hongkong, wie die sozialen Medien zu Kampfplätzen der Geopolitik geworden sind. Das soziale Web von Facebook bis Tiktok lebt von den Inhalten seiner Nutzer, seien es Fotos vom Familienausflug oder politische Parolen. Der Versuch der Staaten, diese Datenströme zu kontrollieren, verändert das Netz. Regierungen errichten digitale Mauern und sabotieren die Globalisierungsmaschine Internet.“

Wie Social-Media-Angebote wieder sozialer werden könnten

Was ist

Es vergeht keine Woche, ohne dass in diesem Briefing die Worte Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit auftauchen. Die jüngsten Beispiele: #StopHateforProfit in Briefing #650 und das Deplatforming rechtsradikaler Kanäle, Gruppen und Subreddits durch YouTube, Facebook, Twitch und Reddit in Briefing #651.

Das ist traurig, denn eigentlich schreiben wir über soziale Medien. Doch zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen die negativen Folgeerscheinungen die positiven Effekte – die es zweifellos gibt. Social Media vernetzen Menschen auf der ganzen Welt und geben Leuten eine Stimme, die lange nicht gehört wurden, wie etwa #MeToo und #BlackLivesMatter zeigen.

Was das bedeutet

Das Potenzial, das soziale Netzwerke haben, ist groß. Die Realität zeichnet ein anderes Bild. Doch statt abzubilden und zu beklagen, was ist, wollen wir an dieser Stelle einen konstruktiven Blick auf Social Media werfen: Wir sammeln Vorschläge, was Plattformen, Politik und Nutzerïnnen tun könnten, damit kulturpessimistische Feuilletonistïnnen nicht mehr halbironisch von "sogenannten sozialen Medien" schreiben müssen.

Woher die Idee kommt

Unabhängig voneinander haben mehrere kluge Menschen in den vergangenen Tagen Texte veröffentlicht, die sich damit beschäftigen, wie soziale Netzwerke kleinteilig verbessert, grundlegend reformiert oder komplett neu gedacht werden könnten – auch wenn die Überschriften nicht alle danach aussehen:

  1. Nick Punt: „De-escalating Social Media” (nickpunt.com)
  2. Shira Ovice: „Bogus Ideas Have Superspreaders, Too” (NYT)
  3. Charlie Warzel: „Facebook Can’t Be Reformed” (NYT)
  4. Will Oremus: „What a Better Social Network Would Look Like” (OneZero)

Punt und Ovide machen konkrete und operationalisierbare Vorschläge. Warzel und Oremus aggregieren jeweils Ideen, die teils unrealistisch bis utopisch anmuten. Nummer 1 und 2 behandeln wir separat, die beiden anderen bündeln wir, da sie inhaltlich zusammenhängen. Wir haben alle vier Texte mit Gewinn gelesen und empfehlen sie weiter.

1. Twitter Mea Culpa

Die Ausgangsthese von Nick Punt lautet: "Social media has a conflict problem." Aus unterschiedlichen Gründen, die er nachvollziehbar herleitet, fällt es vielen Menschen in sozialen Netzwerken besonders schwer zuzugeben, dass sie im Unrecht sind und einen Fehler gemacht haben.

Eines der größten Probleme: Wenn einen Hunderte Menschen auf einmal teils aggressiv zurechtweisen, sinkt die Bereitschaft zur Selbstkritik massiv. Auf Twitter gibt es nur drei Optionen:

  1. Die Antworten ignorieren
  2. Den Tweet löschen
  3. Den Tweet online lassen und eine Korrektur posten

Nichts davon ist wirklich zielführend. Deshalb schlägt Punt eine neue Funktion vor – Twitter Mea Culpa:

"Twitter Mea Culpa is a way for a poster to flag their tweet as a mistake and de-escalate a situation, using the same action menu that deleting a post uses, and the same visual design as flagged tweets."

Wer auf diese Art eingesteht, einen Fehler gemacht zu haben, schränkt die Reichweite seines Ursprungstweets ein und verhindert weitere direkte Antworten. Der Tweet bleibt aber online und kann zitiert werden.

In seinem Gedankenspiel wägt Punt weitere Optionen ab (die Möglichkeit, ein Follow-up zu verschicken oder eine Funktion, mit der andere Nutzerïnnen Vergebung signalisieren können), beleuchtet mögliche Schattenseiten (etwa den Missbrauch durch Trolle) und erklärt, warum eine Mea-Culpa-Möglichkeit besser wäre als ein Edit-Button, den Twitter (aus durchaus nachvollziehbaren Gründen) ablehnt.

Unsere Einschätzung: Ein Twitter Mea Culpa verändert garantiert nicht die Welt – und vermutlich auch Twitter nur geringfügig. Dafür ließe sich die Idee wohl relativ einfach umsetzen, könnte Nutzerïnnen in bestimmen Situation unangenehme Erfahrungen ersparen und Twitter zu einem etwas angenehmeren Ort machen. R U Listening, Jack?

2. Aus großer Reichweite folgt große Verantwortung

Shira Ovide beschreibt den Status Quo:

"If the Rock encouraged his 58 million Facebook followers to vandalize a fast-food restaurant, Facebook’s policies would treat it the same as if your neighbor blasted this to his 25 friends."

Und leitet daraus ab:

"But whether they intend it or not, celebrities, politicians and others with large online followings can be superspreaders — not of the coronavirus but of dangerous or false information. And I wonder whether these prominent people need to be held to stricter rules."

Anders ausgedrückt: Ovide wünscht sich, dass Plattformen bei der Content-Moderation nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Absenderïnnen achten. Sie erinnert an Beispiele wie die üble "Momo Challenge", die erst groß wurde, nachdem Kim Kardashian den Unsinn auf Instagram verbreitete.

Auch die Analyse aktueller Corona-Verschwörungsmythen stützt diese Theorie: In Briefing #636 haben wir erklärt, wie wenige Influencerïnnen, Prominente und Politikerïnnen den viralen Unsinn befeuern.

Deshalb schlägt Ovide vor:

  • Für Accounts mit mehr als einer halben Million Follower sollen verschärfte Regeln gelten.
  • Wer Inhalte postet, die gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen oder die von unabhängigen Faktenprüferïnnen widerlegt wurden, erhält einen Strike (ähnlich dem YouTube-System).
  • Ab einer gewissen Anzahl von Strikes wird die Reichweite des Accounts eingeschränkt. Facebook könnte seinen Algorithmus entsprechend anpassen, Twitter könnte etwa Retweets blockieren.
  • Einflussreiche Nutzerïnnen könnten immer noch alles sagen, was sie wollen (Freedom of Speech), aber sie erreichten nicht mehr alle Menschen, die sie adressieren wollen (Freedom of Reach).
  • Eine noch radikalere Idee wäre es, Inhalte von besonders großen Accounts nur noch nach vorheriger Prüfung freizugeben.
  • YouTube macht das bereits, bevor es Videos für bestimmte Werbeschaltungen freigibt. Medien machen es ohnehin jeden Tag. Die Plattformen entwickelten sich dann noch mehr in Richtung „Publishern“.

Unsere Einschätzung: Das Gegenargument liefert George Orwell, ausnahmsweise nicht im zu Tode zitierten 1984, sondern in seiner Fabel Farm der Tiere: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher."

Natürlich ist es riskant, wenn Nutzerïnnen anders behandelt werden, nur weil sie ein größeres Publikum adressieren. Aber schon Spiderman wusste: "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung." Und wenn wir Kraft durch Reichweite ersetzen, lässt sich das auf Social Media übertragen.

Für globale Plattformen ist es unmöglich, alle Beiträge perfekt zu moderieren. Content-Moderation kann immer nur darauf bedacht sein, Fehler zu minimieren und Folgeschäden zu begrenzen. Alles richtig zu entscheiden, ist aufgrund der Menge der Inhalte, die Milliarden Nutzerïnnen täglich produzieren, schlicht ausgeschlossen.

Auch deshalb sind Plattformen wie Twitter bereits dazu übergegangen (Twitter-Blog), auch den möglichen Schaden als ein Entscheidungskriterium zu berücksichtigen ("If it is likely to cause harm, it should be removed"). Ein Nutzer mit elf Followern, der ein manipuliertes Video von Kim Jong-un hochlädt, ist ein bisschen egal – wenn Trump es tut, könnte die Welt ins Chaos stürzen.

Aus diesem Grund halten wir die Anregung von Shira Ovide zumindest für bedenkenswert und verweisen zudem auf Casey Newton, der bereits vor einigen Monaten schrieb (The Interface):

"Looking at the outcome is a useful frame for making individual policy decisions. There are lots of terrible pieces of social content that are essentially harmless, because no one sees them. And then there are the small few that go viral and do lots of damage. It makes sense that Twitter would focus its moderation efforts at that level. Promising to intervene in cases where there is serious harm isn’t just sensible – it’s also scalable."

3./4. Es braucht keine Reform, es braucht eine Revolution

Wer über Facebook berichtet, hat den Satz Dutzende Male gehört: "We know we have more work to do." So reagiert nicht nur Mark Zuckerberg, wenn Facebook sich von russischen Trollen hat manipulieren lassen, versehentlich Nutzerdaten weitergegeben oder Rechtsradikalen eine Plattform gegeben hat. Charly Warzel drückt es so aus:

"We Know We Have More Work to Do (let’s call it W.K.W.H.M.W.T.D. for short) is the definitive utterance of the social media era, trotted out by executives whenever their companies come in for a public shaming."

Diese lapidare Beschwichtigung soll Kritik abblocken und guten Willen signalisieren. Der Satz ist mächtig – und gefährlich:

"In Facebook’s case, what is most dangerous about W.K.W.H.M.W.T.D. is that it glosses over the fundamental structural flaws in the platform. The architecture of the social network – its algorithmic mandate of engagement over all else, the advantage it gives to divisive and emotionally manipulative content – will always produce more objectionable content at a dizzying scale."

In seinen Reaktionen auf Fehler oder Kritik folgt Facebook dem Design-Thinking-Prozess und beschränkt sich auf die Minimum Viable Action, die kleinstmögliche Reaktion. Das Kardinalproblem – die auf maximales Engagement ausgerichteten Algorithmen, kombiniert mit personalisierter Werbung, Microtargeting und massenhafter, plattformübergreifender Datensammlung – bleibt dabei immer außen vor.

Nun könnte man sagen: Eine globale Plattform wie Facebook spiegelt die Gesellschaft wider – und die besteht nun mal nicht nur aus netten Menschen, die Flausch verteilen.

Oder man fragt: Wie kann Facebook weniger toxisch werden? Wie lassen sich Plattformen entwerfen, die positive Emotionen verstärken, statt Hass zu verstärken?

Genau das hat Warzel vergangene Woche getan (Twitter):

"odd question but: what are your most far fetched utopian ideas for fixing social media platforms? the stuff that’s likely never ever gonna happen"

Es folgten mehr als 1100 Antworten, die Warzel im letzten Drittel seiner Kolumne (NYT) selbst kurz zusammenfasst. Den viel besseren und ausführlicheren Überblick liefert aber Will Oremus (OneZero), der unter anderem folgende Ideen-Cluster bildet und jeweils einordnet:

  • Soziale Netzwerke in gemeinnützige NGOs verwandeln
  • Algorithmen durch Redakteure ersetzen
  • Datensammlung und verhaltensbasierte Werbung einschränken
  • Weiße Managerïnnen durch Schwarze, queere Frauen ersetzen
  • Alternative Plattformen fördern

Zu jedem Vorschlag liefert Oremus nachvollziehbare Pro- und Contra-Argumente, weshalb wir seine Analyse dringend empfehlen (das sagten wir schon, oder?).

Auch wenn ein Großteil der Antworten auf Warzels Tweet wohl nie umgesetzt werden wird, hat das öffentliche Brainstorming zumindest eines gezeigt: Eine Plattform, auf der man eine schnoddrige Frage ohne Punkt und Komma stellt und binnen Stunden Hunderte Antworten von klugen Menschen auf der ganzen Welt erhält, ist ein Ort, für den es sich zu kämpfen lohnt – mit kleinen Verbesserungen und mit großen Utopien.

Der Facebook-Werbeboykott, erklärt

Was ist

Vergangene Woche stand an dieser Stelle:

Facebook hat eine turbulente Woche hinter sich.

Damals wussten wir noch nicht, was die kommenden Tage bringen würden. Jetzt braucht es einen Zusatz:

Facebook hat ein sehr turbulentes Wochenende hinter sich.

Der Werbeboykott, den wir in Ausgabe #649 analysiert haben, hat sich ausgeweitet – und wie. Immer mehr Unternehmen schließen sich der Kampagne #StopHateforProfit an und wollen im Juli keine Werbung mehr auf Facebook schalten.

Warum das wichtig ist

Facebook setzt pro Jahr rund 70 Milliarden Dollar um – den Großteil davon mit Werbung. Das Unternehmen ist nicht bekannt dafür, besonders schnell zu reagieren, wenn Datenschützerïnnen rüffeln oder Journalistïnnen kritisch kommentieren. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Werbekunden mehr Einfluss auf Zuckerbergs Entscheidungen haben.

Was hinter #StopHateforProfit steckt

  • Mehrere große US-Bürgerrechtsorganisationen wie die Anti-Defamation League, Color of Change, NAACP und Sleeping Giants rufen Unternehmen dazu auf, keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten.
  • Unter anderem soll Facebook seine Gemeinschaftsstandards verschärfen, Beiträge auch in geschlossenen Gruppen moderieren und bestimmte Gruppen schließen, seine Empfehlungsalgorithmen überarbeiten und keine Ausnahmen für Politikerïnnen machen.
  • Die Forderungen sind größtenteils nicht neu, aber sie sind sinnvoll und könnten dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen der Plattform zu reduzieren.

Wer bei #StopHateforProfit mitmacht

  • Im vergangenen Briefing schrieben wir von „bekannten Namen“, die sich angeschlossen hätten, darunter Ben & Jerry’s, The North Face, Patagonia, Magnolia Pictures, Dashlane und Arc’teryx.
  • Mittlerweile sind richtig bekannte Namen hinzukommen, etwa Unilever, Coca-Cola, Pepsi, Honda, Levi’s, Verizon und Starbucks.
  • Eine Google-Tabelle mit unterstützenden Unternehmen umfasst mittlerweile mehr als 180 Namen. Das Dokument ist allerdings etwas irreführend, da sich nicht alle Unternehmen der Kampagne #StopHateforProfit angeschlossen haben.
  • Starbucks und Coca-Cola nehmen etwa eine Werbe-Auszeit, führen dafür aber nicht die Initiative und deren Forderungen als Grund an, sondern bleiben in ihren Statements eher vage.
  • Ein wichtiger Dominostein fehlt bislang: Procter & Gamble, der über das größte Werbebudget in den USA verfügt. Angeblich wird bereits „im ganzen Unternehmen“ diskutiert (Protocol), wie man sich dazu verhalten will.
  • Bislang war die Kampagne auf die USA beschränkt – das soll sich ändern: Jim Steyer, einer der Initiatoren der Bewegung, begründet das so (Axios):

It will go global because the world will agree with us, we are on the right side of history, period. And Facebook is on the wrong side of history, period, and people know that.

  • Während wir dieses Briefing schreiben, erreicht uns die Meldung (Axios), dass auch Microsoft keine Werbung mehr auf Facebook schaltet – allerdings wohl bereits seit Mai und auch ohne Zusammenhang zu #StopHateforProfit.

Wie Facebook reagiert

  • Am Freitag verkündete Mark Zuckerberg vier neue Maßnahmen, mit denen Facebook seine Nutzerïnnen im Wahlkampf vor Desinformation und schützen will.
  • Unter anderem verschärft Facebook seine Standards für den Umgang mit Werbeanzeigen, die Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Herkunft, Religion, Kaste, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angreifen oder stigmatisieren.*
  • Außerdem legt Zuckerberg eine bemerkenswerte Kehrtwende hin: Künftig wird Facebook bestimmte Beiträge, die zwar gegen Facebooks Richtlinien verstoßen, aber „newsworthy“ sind, mit einem Warnhinweis versehen und online lassen – schließlich liege es im allgemeinen Interesse, etwa bestimmte Aussagen von Politikerïnnen zu sehen.
  • Noch vor wenigen Wochen hatte Zuckerberg solche Warnhinweise abgelehnt und Twitter für ein ähnliches Vorgehen kritisiert.

A handful of times a year we make a decision to leave up content that would otherwise violate our policies because we consider that the public interest value outweighs the risk of that content.

  • Die Änderungen greifen nicht rückwirkend und hätten Facebooks Umgang mit Trumps Postings („When the looting starts, the shooting starts“) ohnehin nicht verändert, sagt ein Sprecher. Dieser falle in eine andere Kategorie („state use of force“).
  • Während viele Medien (Guardian) und #StopHateforProfit die Ankündigungen als direkte Reaktion auf den Boykott werten, stellt Facebook die Situation anders dar. „We do not make policy changes tied to revenue pressure“, schrieb Facebook-Managerin Carolyn Everson (CNN) in einer Mail an Werbekunden. „We set our policies based on principles rather than business interests.“
  • Tatsächlich dauern Policy-Änderungen bei Facebook normalerweise länger und durchlaufen mehrere Abstimmungsebenen. Zudem wurde bereits Anfang Juni bekannt (Recode), dass Zuckerberg darüber nachdenkt, Warnhinweise einzuführen. Damals hatten Tausende Angestellte protestiert.
  • Womöglich hat der Werbeboykott Einfluss auf das Timing gehabt oder dazu geführt, dass Facebook interne Prozesse beschleunigt hat – eine direkte Reaktion auf die Ankündigungen von Verizon und Unilever, die sich kurz zuvor der Kampagne anschlossen, halten wir aber für unwahrscheinlich.
  • Natürlich bietet sich die Erzählung an: Sobald ein paar große Werbekunden anklopfen, kutscht Zuckerberg. Wir glauben: Es ist ein bisschen komplexer.
  • Zuckerberg hat tatsächlich Überzeugungen und Visionen, nach denen er handelt. Man muss seine Einstellungen nicht teilen, aber es erscheint uns unwahrscheinlich, dass er ausschließlich aus unternehmerischen Motiven und wegen des Drucks von #StopHateforProfit handelt.

Wie groß der Druck auf Facebook ist

Derzeit gibt es zwei Sichtweisen. Die einen sagen: #StopHateforProfit hat höchstens symbolischen Wert. Die anderen sagen: Diese Kampagne kann Facebook wirklich gefährlich werden.

Die erste Perspektive findet man etwa in dieser Analyse von Brian Fung (CNN). Das sind seine Argumente:

  • Nur drei der Unternehmen sind unter Facebooks 100 wichtigsten Werbekunden (Unilever: 30, Verizon: 88, REI: 90). Die 97 anderen Unternehmen pumpen also weiter Geld in Facebooks Anzeigenmaschinerie.
  • Selbst die Top-100-Werbekunden machen nur sechs Prozent von Facebooks gesamten Werbeerlösen aus.
  • Der Rest entfällt auf kleine und mittelständische Unternehmen – von denen sich Zehntausende dem Boykott anschließen müssten, damit es Facebook wirklich signifikant trifft.

Hinzu kommt eine Argumentation, die Shoshana Wodinsky aufmacht (Gizmodo):

  • Einige Unternehmen „boykottieren“ Facebook, stecken aber weiter Geld in Instagram, das 2020 allein 20 Milliarden Umsatz mit Werbung generierte.
  • Andere streichen auch ihre Buchungen für Instagram, investieren aber nach wie vor in Facebooks Audience-Network.
  • Außerdem greift der Werbeboykott bislang erst in den USA und ist zeitlich befristet – es bleibt abzuwarten, ob sich international genauso viele Unternehmen anschließen und wie es im August weitergeht.

Dem steht die Perspektive gegenüber, aus der etwa Kurt Wagner auf das Geschehen blickt (Bloomberg):

  • Wie viele andere blickt er auf die Facebook-Aktie, die zwischenzeitlich 8,3 Prozent und damit 56 Milliarden Dollar an Wert verlor.
  • Das Privatvermögen von Mark Zuckerberg reduzierte sich binnen weniger Stunden um mehr als sieben Milliarden Dollar – er wird trotzdem ruhig schlafen, es bleiben noch rund 80 Milliarden übrig (Forbes).
  • Wagner zitiert unter anderem einen Analysten, der Facebook unter großem Druck sieht:

Given the amount of noise this is drawing, this will have significant impact to Facebook’s business. Facebook needs to address this issue quickly and effectively in order to stop advertising exits from potentially spiraling out of control.

  • Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der Anti-Defamation-League und einer der wichtigsten Köpfe hinter #StopHateforProfit, prophezeit dem Konzern jedenfalls unruhige Zeiten:

Advertisers who have seen their own ads published against hateful, horrible content on Facebook (…) they are finally saying ‚enough’‘. Our phones have been ringing off the hook with advertisers. I can tell you more are coming.

Wir stehen irgendwo dazwischen:

  • Kurzfristige Aktienverluste oder -gewinne halten wir fast immer für schlechte Argumente.
  • Die Vergangenheit zeigt, dass sich Kurse meist schneller erholen, als wir Techlash buchstabieren können.
  • Bislang geht es eher um den symbolischen Wert. Der Werbeboykott wird sich in der Bilanz von Facebook kaum niederschlagen.
  • Trotzdem ist die Lage für Facebook knifflig: Angesichts der Corona-Pandemie reduzieren viele Unternehmen ohnehin ihr Werbebudget, darunter leidet auch Facebook. Außerdem sind viele Angestellte unzufrieden mit den Entscheidungen von Zuckerberg (mehr dazu in Briefing #643).
  • Der Facebook-Chef hat dank seiner Aktienanteile zwar die volle Kontrolle, kann quasi ungestört durchregieren und Widerworte aus dem Aufsichtsrat einfach weglächeln – doch wenn niemand mehr bei Facebook werben will und die klügsten Köpfe woanders arbeiten wollen, hat auch Zuckerberg ein Problem.
  • Zu allem Überfluss sitzt auch noch ein Mann im Weißen Haus, dessen Handlungen vermutlich nicht mal er selbst länger als ein paar Stunden voraussehen kann. Trump ist dermaßen unberechenbar und bauchgesteuert, dass Facebook sich auf unruhige Monate bis zur Wahl 2020 einstellen muss.
  • Deutlich wird das in diesem Text des Harvard-Professors Jonathan Zittrain (The Atlantic), der Handlungsoptionen für Twitter im Umgang mit Trump durchspielt. Die Zeile „Twitter’s Least-Bad Option for Dealing With Donald Trump“ spricht für sich – und lässt sich direkt auf Facebook übertragen.
  • Wer dazu noch diese hervorragende Recherche liest (Washington Post), die deutlich macht, wie Facebook seit 2015 verzweifelt versucht, sich nicht von Trump verrückt machen zu lassen, kann fast Mitleid bekommen. Fast.

Be smart

Bei einigen der Unternehmen, die nun öffentlichkeitswirksam den Boykott unterstützen, dürften nicht nur moralische Werte, sondern kühle Kalkulation dahinterstecken. Nilay Patel, Chefredakteur von The Verge, drückt es so aus (Twitter):

CEO: The pandemic has wrecked our forecasts for the year

CMO: Uh oh

CEO: As you know, the first thing to get cut is advertising

CMO: What if I take the social media line to zero and turn that into a gigantic earned media win

Tatsächlich kann es sich für einige Konzerne rechnen, wie diese Zahlen zeigen (FAZ):

In einer Schätzung für die F.A.Z. beziffert das amerikanische Analyseunternehmen Critical Mention den Werbeeffekt der globalen Boykottberichte für Coca Cola auf 194 Millionen, für Starbucks auf 160 Millionen und für die Outdoor-Marke The North Face auf 218 Millionen Dollar.

Wie es mit #StopHateforProfit weitergehen wird? „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Aber vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit.

2017 wurde schon einmal ein großes Tech-Unternehmen boykottiert: YouTube. Damals schlossen sich unter anderem AT&T, Verizon, Walmart, Pepsi an, nachdem die Times enthüllt hatte, dass Anzeigen der Unternehmen vor extremistischen Videos geschaltet wurden. YouTube reagierte mit schärferen Regeln (Google-Blog), die Werbekunden kamen bald wieder zurück – und nach allem, was wir wissen, geht es YouTube heute ganz gut.

Wie schließen uns deshalb der Einschätzung von Will Oremus an, der mit Blick auf Facebook ableitet (OneZero):

What that tells us is that ad boycotts of social media platforms can work – if the goal is to spur incremental changes to their policies, rather than an overhaul of their basic structure. In Facebook’s case, it seems likely that the company will find ways to accept some of the “Stop Hate for Profit” campaign’s recommendations, while skirting those that would cause the company the most friction with Trump and other conservatives who want it to keep its hands off of their content.

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