Ein Ausfall, eine Anhörung, eine Antwort: Was das über Facebook sagt

Was ist

Keine neue Facebook-Files-Veröffentlichung, die Facebook-Festspiele gehen trotzdem weiter. In den vergangenen 48 Stunden haben wir …

  • sechs Stunden ohne Facebook überlebt (erholsam).
  • drei Stunden einer Anhörung erlebt (einschläfernd).
  • ein 130-Wörter-Statement von Facebook und ein 1300-Wörter-Posting von Mark Zuckerberg gelesen (empörend).

Weil wir nicht schon wieder 20.000 Zeichen über Facebook schreiben wollen (und vor allem bezweifeln, dass das jemand lesen möchte), beschränken wir uns auf die wichtigsten Beobachtungen und Learnings.

Der Ausfall

  • Nichts ist so alt wie eine technische Panne von gestern. Am Montagabend kannte Twitter kein anderes Thema, heute interessiert es niemanden mehr, dass Facebook, Instagram und WhatsApp für rund sechs Stunden nicht erreichbar war.
  • Alle guten und schlechten Witze wurden gemacht, vermutlich hast du ungefähr elf Stück davon in deiner Timeline gehabt. Also versuchen wir erst gar nicht, lustig zu sein.
  • Mittlerweile hat Facebook zwei Blogeinträge zu den Ursachen veröffentlicht: einen kurzen und vagen, einen langen und detaillierten.
  • Die zentrale Erkenntnis: Es gab keinen Hacker-Angriff, und es sind keine Nutzerdaten abgeflossen. Die Ursache für den Ausfall war ein technischer Fehler, ein Router in Facebooks Backbone-Network wurde falsch konfiguriert.
  • Vereinfacht gesagt hat sich Facebook damit versehentlich selbst aus der Landkarte des World Wide Web getilgt. Normalerweise weist das Border Gateway Protocol (BGP) den Weg, eine Art Schaltzentrale des Internets. Wie in einem Telefonbuch können andere Geräte darüber nachschlagen, wo sie das Facebook-Netzwerk finden, das sie dann zu Facebook, Instagram und Whatsapp weiterleitet.
  • Der Eintrag für Facebook ist aber verschwunden. Wenn jemand etwa Instagram öffnete, wusste das Smartphone nicht mehr, wo es das Facebook-Netzwerk findet. Deshalb wurden drei der größten Kommunikationsplattformen der Welt unsichtbar.
  • Das Problem betraf nicht nur Nutzerïnnen, sondern auch Facebook-Angestellte. Die interne Kommunikations-Plattform Workplace, Kalender und weitere Dienste fielen aus. Mitarbeiterïnnen konnten mit ihren Diensthandys nicht mehr telefonieren und keine E-Mails mehr empfangen. Einige wurden aus Bürogebäuden und Konferenzräumen ausgesperrt, weil die Zugangskarten nicht mehr funktionierten.
  • Viele Nutzerïnnen im Westen freuen sich über ein paar Stunden Digital Detox – für Menschen im Globalen Süden hatte der Ausfall dramatische Folgen. In manchen Ländern sind die Facebook-Dienste gleichbedeutend mit dem Internet, in Brasilien und Indien bezahlen Menschen etwa mit WhatsApp.
  • Für viele Geflüchtete ist der Messenger der einzige Kanal, über den sie Kontakt mit Familie und Freunden halten. Nutzerïnnen in Brasilien bestellen darüber Rezepte, in Libanon werden Corona-Testergebnisse per WhatsApp verschickt. Und in Afghanistan verstecken sich immer noch Hunderttausende vor den Taliban und nutzen Facebooks Plattformen, um sich mit ihren Verwandten auszutauschen.
  • Das zeigt erneut, wie gefährlich es ist, kritische Infrastruktur zu zentralisieren und in die Hand weniger Konzerne zu legen. Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung, dass Facebook gerade eifrig am Metaverse werkelt und Milliarden in AR und VR investiert, eher bedrohlich.
  • Zumindest eine positive Nebenwirkung hatte die Panne: Menschen sind nicht nur auf SMS ausgewichen (manche sollen gar telefoniert haben), sondern haben sich scharenweise bei Signal, Threema und Telegram angemeldet.
  • Allein Telegram-Gründer Pavel Durov berichtet in seinem Channel(https://t.me/durov/170) von 70 Millionen neuen Nutzerïnnen. Wir halten Telegram zwar für keine gute WhatsApp-Alternative, aber mehr Messenger-Diversität kann nicht schaden.

Das Hearing

  • Der US-Senat hatte Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen als Zeugin geladen, die wir im vergangenen Briefing #749 ausführlich vorstellten. Mehr als drei Stunden lang sprach sie im Unterausschuss für Verbraucherschutz, Produktsicherheit und Datensicherheit über das Material, das sie dem Wall Street Journal zugespielt hatte und auf dem die Facebook-Files basieren.
  • Im Wesentlichen wiederholte Haugen die Vorwürfe aus den Dokumenten, die sie auch bei ihrem Auftritt in der CBS-Sendung "60 Minutes" am Sonntag ausbreitete.
  • Inzwischen hat CBS auch die acht Beschwerdebriefe veröffentlicht, die Haugen bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte. Inhaltlich entsprechen sie größtenteils den Artikeln der Facebook-Files. Es geht unter anderem um Instagrams teils negativen Einfluss auf Teenager, Facebook unrühmliche Rolle bei dem Putschversuch am 6. Januar, das Programm XCheck und das angeblich rücksichtslose Streben nach Wachstum, das ethische Erwägungen und die Sicherheit der Nutzerïnnen hintenanstelle.
  • Ein Teil der Anhörung war allzu bekannt: Politikerïnnen versuchten, Haugen für ihre Zwecke einzuspannen. Republikaner schwadronierten von Zensur, Demokraten zeichneten das allzu dystopische Bild eines Konzerns, der für Polarisierung, Gewalt und eigentlich alles verantwortlich sei, was in den USA sonst noch schiefläuft. Einig sind sie sich nur darin, dass sie Facebook doof finden.
  • Beide Narrative kennt man aus früheren Hearings, beide sind unterkomplex. Angenehmerweise ging Haugen selbst kaum darauf ein und ließ etwa den unsäglichen Ted Cruz abblitzen. Sie sprach ruhig und bemühte sich bei vielen Antworten um Differenzierung.
  • Im Gegensatz zu anderen Anhörungen, wenn Vertreterïnnen der Tech-Konzerne geladen waren, artete das Gespräch nicht in eine fruchtlose Show aus, sondern blieb weitgehend sachlich. Haugen kam bei den Senatorïnnen spürbar gut an. Einige versuchten, von ihr konkrete Vorschläge für ihre jeweiligen Gesetzentwürfe zu erhalten.
  • Angenehm war auch, dass die Politikerïnnen besser vorbereitet wirkten als noch vor einigen Jahren (Der legendäre Dialog „How do you sustain a business model in which users don't pay for your service? – Senator, we run ads" soll bei Facebook als Sticker die Runde gemacht haben). Immer wieder ging es um reale und strukturelle Probleme, etwa Facebooks auf Engagement optimierte Algorithmen, die von den Senatorïnnen weitgehend treffend beschrieben wurden.
  • Ob und wie solche Algorithmen sinnvoll reguliert werden können, ist eine andere Frage, auf die das Hearing keine Antworten liefern konnte. Aber zumindest haben es Haugen und die beteiligten Politikerïnnen geschafft, das Niveau der Tech-Debatten im US-Kongress um ungefähr 247 Prozent zu steigern.
  • Chralie Warzel zieht in seinem Substack-Newsletter ein Fazit, dem wir uns anschließen:

Lastly, I think Haugen's testimony is helpful in that it addresses Facebook in a more empirical, technical fashion instead of simply a moral or political one. Haugen said repeatedly in her testimony that she didn't think Facebook set out to build a destabilizing company that contributes to teen self harm. I think that's true. Instead, she shows (with ample evidence) the ways that the company has privileged profits over people and growth over safety again and again.

Die Reaktionen

  • Fast noch aufschlussreicher als die Anhörung selbst war Facebooks Art, damit umzugehen. Während Haugen im Senat sprach, versuchten Facebook-Sprecher, sie auf Twitter unglaubwürdig zu machen. Andy Stone und Joe Osborne wiesen mehrfach darauf hin, dass Haugen gar nicht in den Teams gearbeitet habe, über deren Arbeit sie nun spreche.
  • Das sagte sie auch selbst mehrfach, wenn sie im Detail dazu befragt wurde (was ihre Glaubwürdigkeit eher erhöht). Entscheidend ist aber, dass Haugen ihre Vorwürfe auf interne Studien stützt, die Facebook selbst in Auftrag gegeben hatte.
  • Bislang hat Facebook wenig gute Argumente geliefert, warum diese Forschung angeblich keine Aussagekraft besitzen soll. Das WSJ habe sich bewusst einzelne Aspekte herausgepickt, um einen falschen Eindruck zu erwecken. Statt andere Aspekte zu liefern, die ein vollständiges Bild ergeben könnten, beschränkt man sich aber auf vage, passiv-aggressive Dementis.
  • Eindeutig passiv-aggressiv ist auch das offizielle Statement, das schließlich beide Sprecher veröffentlichten – in Form eines Screenshots einer kurzen Nachricht in einer Notiz-App, angehängt an einen Tweet (Twitter / Andy Stone).
  • Eine Interpretation: Wir müssen der Welt selbst durch die Form unserer Reaktion demonstrieren, wie egal uns das alles ist. Die andere: Das Facebook-PR-Team ist genauso überlastet wie die Abteilung für Civic Integrity, in der Haugen arbeitete. Wir sind nicht sicher, welche Möglichkeit besser für Facebook wäre.
  • Inhaltlich lässt das Statement jedenfalls wenig Fragen offen: Es ist unterirdisch. Facebook beschränkt sich darauf, Haugen zu diskreditieren. Sie habe weniger als zwei Jahre für Facebook gearbeitet, dabei nie an einem Entscheidungs-Meeting mit C-Level-Executives teilgenommen und während der Anhörung mehr als sechsmal gesagt, dass sie nicht an den fraglichen Themengebieten gearbeitet habe.
  • Elizabeth Lopatto übersetzt das treffend (The Verge):

Today, a peon testified in Congress; she is too unimportant to name. Nothing she says is worthwhile because she is not fancy enough. And even though she had access to multiple internal research documents supporting her claims, you can’t trust her testimony on them — despite her subject matter expertise and years of experience in the field — because she didn’t write them herself.

  • Ähnlich ernüchternd ist die Nachricht, die Mark Zuckerberg nach der Anhörung zunächst intern verschickte und kurz darauf als Facebook-Posting absetzte. Er braucht zehnmal so viele Wörter wie seine PR-Abteilung, sagt aber im Grunde das Gleiche: Haugens Vorwürfe seien maßlos übertrieben und unfair, sie ignoriere Facebooks Bemühungen und all die gute Arbeit, die im Konzern gemacht werde. Es sei frustrierend, dass Facebook andauernd falsch dargestellt werde.
  • Tatsächlich spricht Zuckerberg einige zutreffende Punkte an, aber im Kern geht seine Reaktion an der Kritik vorbei. Haugen behauptet gar nicht, dass Facebook sich nicht für die mentale Gesundheit von Teenagern interessiere, bewusst hasserfüllte Inhalte in den Newsfeed pushe, interne Forschung komplett ignoriere oder sich nicht darum schere, was die Plattform mit der Gesellschaft anstelle (all das unterstellt er ihr).
  • Ihr Argument ist vielmehr: Bei Facebook arbeiten Tausende Menschen, die Gutes erreichen wollen, aber wenn es darauf ankommt, entscheide am Ende zu oft, ob die Vorschläge vereinbar mit den Wachstumszielen seien. Deshalb plädiert Haugen vehement für mehr Transparenz, damit sich Außenstehende ein eigenes Bild machen können.
  • Zumindest ein kleines Zugeständnis kündigte Zuckerberg an:

If we're going to have an informed conversation about the effects of social media on young people, it's important to start with a full picture. We're committed to doing more research ourselves and making more research publicly available.

  • Wie immer gilt bei solchen Ankündigungen aber: Das sind erst mal nur Worte, warten wir's ab. Zumal Facebook offenbar parallel versucht, intern das Gegenteil zu erreichen – weniger statt mehr Transparenz (WSJ):

Facebook has been tightening the reins on what information is shared internally over the past few weeks, the people said. A team within the company is examining all in-house research that could potentially damage Facebook’s image if made public, some of the people said.


Social Media & Politik

  • Run for office: Snapchat möchte jungen Menschen in den USA dabei helfen, sich für ein politisches Amt zu bewerben. Das Tool „Run for Office“ bietet dafür zum Beispiel einen Überblick über anstehende Wahlen sowie Organisationen zur Anwerbung von Kandidaten und Schulungsprogramme wie Emerge America, Women's Public Leadership Network, LGBTQ Victory und Vote Run Lead.
  • China hat einen Dreijahresplan aufgelegt, um Algorithmen fairer / transparenter zu machen und mit der Ideologie der Kommunistischen Partei in Einklang zu bringen (Wall Street Journal). Wie das genau funktionieren soll, ist bislang nur schwer abzuschätzen. Die Details sind noch nicht klar.

Kampf gegen Desinformation

  • YouTubes Anti-Vaccine: Die Organisation Media Matters wirft YouTube vor, dass die Bemühungen des Unternehmens, Videos von Impf-Skeptikern von der Seite zu nehmen, bislang noch wenig erfolgreich wären. Und auch die New York Times zeigt sich wenig beeindruckt, was die Umsetzung angeht.

Follow the money

  • Twitch Leak: Ui, ui, ui. Twitch sieht sich mit einem wirklichen krassen Hack (The Verge) konfrontiert: Dabei wurden der Quellcode für den Streaming-Dienst sowie Details zu Auszahlungen (@KnowS0mething) veröffentlicht. Persönliche Informationen – etwa Adressen und Passwörter – befinden sich nicht unter den Daten. Es riecht alles nach einer derben Abrechnung mit dem Unternehmen – wir schauen uns das noch einmal an, wenn Näheres bekannt ist. Heute staunen wir erst einmal darüber, wie viel Monte und Co verdienen (@martinfehrensen). Alter Pfuffu!
  • TikTok wächst kräftig: Der Umsatz von TikTok in Europa ist im vergangenen Jahr um über 500 % auf 170,8 Millionen Dollar gestiegen (CNBC). Die Verluste schnellten allerdings auch arg in die Höhe: von 118,7 Millionen Dollar im Jahr 2019 auf 644,3 Millionen Dollar im Jahr 2020. Der größte Kostenfaktor war die Aufstockung des Personals: die Mitarbeiterzahl in Europa stieg im vergangenen Jahr um über 1.000 Personen. Lag sie 2019 bei 208, waren es 2020 schon 1.294.
  • YouTube Shoppable Ads jetzt auch auf dem Fernseher: Weil immer mehr Menschen YouTube nicht nur auf ihrem Smartphone / Rechner sondern auch auf ihrem Fernseher gucken, lanciert das Unternehmen nun auch für TV-Geräte sogenannte Shoppable Ads: A shoppable TV screen with YouTube.
  • Mehr Shopping bei Pinterest: Pinterest hat ebenfalls neue Shopping-Funktionen im Angebot. Wir hatten leider noch nicht die Zeit, uns das in Ruhe anzuschauen. Aber die Nachricht ist bestimmt für einige von euch interessant.

Creator Economy

  • Facebook Gaming: Co-streaming jetzt für alle verfügbar: Co-Streaming ermöglicht es Nutzerïnnen, wie der Name bereits suggeriert, gemeinsam zu streamen. Zuschauerïnnen können zwischen den Streams hin und her switchen und auswählen, aus welcher Perspektive sie das Geschehen verfolgen möchten.
  • Snapchat: Spotlight Challenges: Snapchat hat eine ganze Reihe neuer Tools und Programme präsentiert, um Creator davon zu überzeugen, Inhalte auf der Plattform zu veröffentlichen. Am interessantesten ist dabei wohl die neue „Spotlight Challenge“, bei der Nutzerïnnen Geld für Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes gewinnen (Snap) können.

Audio / Video

  • IGTV wird zu Instagram TV : Instagram hat sich entschieden, die Marke IGTV zu beerdigen. Das Angebot wird in "Instagram TV" umbenannt (Facebook Newsroom) und als neue Standalone-App angeboten. Zudem können Videos, die im Instagram-Hauptfeed gepostet werden, künftig bis zu 60 Minuten lang sein. Die Reels-Funktion bleibt erst einmal so wie sie ist.
  • YouTube auf der Suche nach Podcast-Boss: Ganz spannend: Podcasts sind bei YouTube so populär, dass das Unternehmen sich jetzt auf die Suche nach jemandem macht, der das Geschäftsfeld hauptberuflich verantwortet (Bloomberg).
  • Fireside geht an den Start: Während Clubhouse weiter auf der Suche nach all den Leuten ist, die zu Beginn des Jahres darin das nächste große Dinge sahen, launcht im Windschatten ein neues Social-Audio-Tool für Creator (Techcrunch).

Was wir am Wochenende lesen & gucken


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Likes bei Stories: Instagram testet Likes bei Stories (Social Media Today) – um dann auch bei jenem Produkt Druck aufzubauen, das eigentlich dafür gedacht war, Leuten den Druck beim Posten zu nehmen?!? Wir verstehen es nicht.

Twitter

Twitch

  • Streams boosten: Auch bei Twitch lassen sich nun Inhalte (read: Streams) boosten. Aktuell dürfte das Unternehmen allerdings ganz andere Sorgen haben…

One more thing

750 Ausgaben: Wir feiern heute die 750. Ausgabe! Völlig irre, dass wir wirklich schon so viele Briefings verschickt haben. Danke euch allen für den wilden Ride – egal ob du erst ganz kurz oder schon von Tag 1 an dabei bist: ohne Dich wäre das hier alles nicht möglich!


Header-Foto von KE ATLAS