Facebook will Impf-Unsinn konsequent löschen / Twitter denkt über Paid-Features nach / TikTok goes E-Commerce

Salut und herzlich willkommen zur 701. Ausgabe des Social Media Briefings. Pickepacke voll einmal mehr! Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse an unserer Arbeit, Simon und Martin

Facebook will Impf-Unsinn endlich konsequent löschen

Was ist

Facebook hat angekündigt, Lügen und falsche Behauptungen über das Coronavirus, Corona-Impfungen und Impfungen im Allgemeinen von seinen Plattformen zu tilgen. Facebook und Instagram sollen keine Orte sein, an denen sich die Impfodemie ausbreitet.

Warum das wichtig ist

Wir verweisen auf Ausgabe #692, in der wir kurz vor Weihnachten die Gefahr beleuchteten, die von Impf-Desinformation ausgeht:

Wissenschaftlerïnnen warnen vor einer Flut an bewusst gestreuter Desinformation. Social-Media-Plattformen tun ihr Bestes, sind aber trotzdem überfordert und schaffen es nicht, die Anti-Impf-Propaganda wirksam einzudämmen. (…) Ob man sich impfen lässt oder nicht, mag eine persönliche Entscheidung sein – die Folgen betreffen aber alle Mitmenschen. Die Corona-Impfung wird erst dann wirklich effektiv, wenn sich ein Gutteil der Bevölkerung dazu bereiterklärt.

Anti-Impf-Panikmache verbreitet sich seit Jahren wie eine Seuche im Netz. Krankheiten wie die Masern, für die es eine verlässliche Impfung gibt, können auch deshalb nicht komplett ausgerottet werden, weil sich Menschen weigern ihre Kinder impfen zu lassen. Auch die Corona-Impfung wird von einer massiven Welle der Falschnachrichten (Tagesschau) begleitet. Die Bundesregierung hat ein Portal eingerichtet, auf dem sie sich den gängigsten Lügen und Mythen entgegenstellt.

Wie Facebook vorgehen will

In einem langen Blogeintrag über Facebooks Bemühungen, zuverlässige Informationen über die Corona-Impfung zur Verfügung zu stellen, geht der kurze Absatz über die Bekämpfung falscher Informationen fast unter. Facebooks Head of Health Kang-Xing Jin verweist darin auf ein Update eines anderen Blogeintrags, wo Facebook fortlaufend seine Maßnahmen gegen Corona-Desinformation auflistet. Dort werden weitere Details genannt:

  • Facebook weitet seine Kriterien für gefährliche Desinformation massiv aus und will künftig zahlreiche weitere Falschbehauptungen löschen.
  • Dazu zählt Facebook die Aussagen, dass die Corona-Impfung gefährlich sei, Autismus auslösen könne oder gar nicht vor Covid-19 schütze.
  • Die vollständige und sehr lange Liste der verbannten Behauptungen findet sich im Hilfebereich.
  • Allerdings muss man die Sprache umstellen: In der deutschen Version taucht die Impfung nur ein einziges Mal in einer Klammer auf, auf Englisch gibt es gleich 64 Suchergebnisse für den Begriff "vaccine". Offenbar hat Facebook die Seite noch nicht übersetzt.
  • Die neue Policy soll unverzüglich auf Facebook und Instagram in Kraft treten und ab sofort durchgesetzt werden. Dabei will Facebook besonders gegen Seiten, Gruppen und Accounts vorgehen, die gegen die Richtlinien verstoßen.
  • Ergänzend zu diesen Maßnahmen wird Facebook die Suchergebnisse zu Themen mit Corona-Bezug überarbeiten und relevante, verlässliche Informationen prominenter anzeigen.
  • Auf Instagram soll es zusätzlich schwerer werden, Accounts zu finden, die aktiv von Impfungen abraten.

Warum Facebook ausgerechnet jetzt handelt

Genau wie beim Vorgehen gegen QAnon kann man fragen: Warum um Himmelswillen hat Facebook so lange für die Erkenntnis gebraucht, dass Verschwörungserzählungen oder Impf-Lügen gefährlich sind? Schließlich warnten Expertïnnen in beiden Fällen seit Jahren und flehten Facebook an, endlich aktiv zu werden.

Trotzdem gilt natürlich: besser spät als nie. Und der Zeitpunkt ist tatsächlich interessant. Denn Facebook verweist auf das Facebook Oversight Board, das Ende Januar seine ersten Urteile verkündete (Oversight Board). In einer der fünf Entscheidungen forderte das Gremium unter anderem:

Create a new Community Standard on health misinformation, consolidating and clarifying the existing rules in one place. This should define key terms such as "misinformation".

Es ist unklar, ob die aktuellen Änderungen tatsächlich schon auf die Empfehlung des Oversight Boards zurückgehen. Schließlich dauert es meist länger, eine derart wichtige Policy zu überarbeiten. Facebook sagt selbst, dass dem Update Beratungen mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO vorausgingen. Das geschieht für gewöhnlich nicht binnen zwei Wochen.

Allerdings schreibt Facebook in seiner Reaktion auf das Urteil auch:

Facebook has committed to considering the board’s recommendation through its policy development process. The policy development process is a large part of how we envision that the board’s decisions will have lasting influence over our policies, procedures and practices.

Unabhängig davon, wie viel Einfluss das Oversight Board auf Facebooks neue Anti-Anti-Impf-Strategie hatte, scheint das Gremium kein Feigenblatt zu sein.

Welche Gefahren Facebooks Strategie birgt

Die Kriterien für gefährliche Desinformation sind zwar in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerïnnen und Gesundheitsorganisationen entstanden. Trotzdem gibt es vereinzelt Kritik:

  • Zeynep Tufekci weist in einem Twitter-Thread darauf hin, dass die neuen Definitionen äußerst weit gefasst sind: "They'd then have to take down most of public health advice, including from the CDC and the WHO and major newspapers, from the first six months of the pandemic."
  • Teils müsste Facebook sogar zutreffende Informationen löschen. Es gebe sehr wohl klinische Studien, bei denen der Impfstoff nicht gegen ein Placebo getestet werde. Facebook will solche Behauptungen künftig aber entfernen.
  • Dazu zählt auch die Fehlinformation, dass Masken sinnlos seien, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Allerdings hat die WHO selbst lange keine Empfehlung für Masken ausgesprochen. Noch immer raten nicht alle Länder dazu.
  • Renée DiResta ist ebenfalls nicht komplett überzeugt (Twitter). Sie fürchtet, dass Anti-Impf-Aktivistïnnen die Sperrungen als Beleg für verordnete "Zensur" auffassen könnten. DiResta bezeichnet das als "forbidden knowledge problem".
  • Außerdem hätte sich ein Teil der Impf-Desinformation mittlerweile in den politischen Bereich verlagert. Eine Behauptung wie "Impfungen sind tyrannische Eingriffe der Regierung" falle nicht unter Facebooks neue Kriterien.

Be smart

Wir sind keine Epidemiologen und können Facebooks Maßnahmen schlecht inhaltlich bewerten. Die Kritikpunkte von Tufekci klingen valide, im Großen und Ganzen erscheint uns das Vorgehen aber sinnvoll.

Am Ende entscheiden ohnehin nicht solche Details, sondern eine andere Frage: Wird es Facebook gelingen, die Richtlinien durchzusetzen? Schließlich hat Facebook im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder seine entsprechende Policy verschärft. Trotzdem nannte ein Avaaz-Bericht Facebooks Algorithmus im August eine "Gefahr für die öffentliche Gesundheit" (mehr dazu in Briefing #661).

Im Dezember empfahl der Instagram-Algorithmus munter weiter Impf-Desinformation (Huffington Post), noch immer tauchen Anti-Impf-Accounts prominent in der Suche auf (Twitter / Jessely Cook). Und am Montag, also am selben Tag, an dem sich Facebook seiner Maßnahmen rühmte, schrieb Alex Kaplan (Media Matters):

YouTube and Facebook allowed a video full of false conspiracy theories about the coronavirus, vaccines, and voter fraud — all of which violate the companies’ rules — to rack up at least 20 million combined views or engagements on their platforms. This is essentially a repeat of the viral spread last year of Plandemic, another faux documentary pushing conspiracy theories about COVID-19.

Social Media & Politik:

Facebook war das wichtigste Netzwerk des Kapitol-Mobs

Sheryl Sandberg soll Facebooks Rolle beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar massiv heruntergespielt haben. Kurz nach der Eskalation sagte sie: "I think these events were largely organized on platforms that don't have our abilities to stop hate and don't have our standards and don't have our transparency."

Nun gräbt Thomas Brewster Zahlen aus, die offenbar das Gegenteil belegen. Er beruft sich auf Daten des Program on Extremism der George Washington University. Demnach taucht in den mehr als 200 Anklageschriften, die nach dem Gewaltausbruch eingereicht wurden, Facebook ganze 73 Mal auf.

YouTube folgt mit 24 Erwähnungen, Instagram taucht 20 Mal auf. Parler, also jenes Netzwerk, auf das sich nach dem Putschversuch ein Großteil der öffentlichen Aufm…

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