Was US-Nutzerïnnen sehen, wenn sie Facebook öffnen | Jetzt kommt die Regulierung: Wird Facebook bald zerschlagen?

Salut und herzlich willkommen zur 687. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns damit, was US-Nutzerïnnen sehen, wenn sie Facebook öffnen. Zudem schauen wir auf die kartellrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen Facebook - klingt dröge, ist aber entscheidend dafür, wie sich Facebook, Instagram und WhatsApp weiter entwickeln. Wir bedanken uns für das Interesse und wünschen ein wunderbares Wochenende! Bleibt gesund, Martin & Simon

Was US-Nutzerïnnen sehen, wenn sie Facebook öffnen

Was ist

Laura Hazard Owen und Charlie Warzel hatten unabhängig voneinander eine ziemlich gute Idee: Statt immer nur abstrakt über Facebook zu schreiben und aggregierte Daten und Statistiken heranzuziehen, haben die beiden Reporterïnnen im Laufe des Oktobers echte Menschen gefragt: Welche Inhalte seht ihr eigentlich in eurem Newsfeed?

Warum das wichtig ist

Ist Facebook eine Echokammer? Trägt es dazu bei, dass sich Menschen radikalisieren? Bevorzugt Facebook extreme Meinungen und insbesondere rechtskonservative Seiten? Über diese Fragen wird seit Monaten heftig diskutiert.

Die beiden Recherchen geben darauf keine abschließenden Antworten, dazu sind die Stichproben viel zu klein. Aber sie erweitern die Debatte um neue Perspektiven und ermöglicht gerade deutschen Beobachterïnnen Einblicke in die US-Version des Netzwerks.

Was Warzel herausgefunden hat

  • Der Artikel: "What Facebook Fed the Baby Boomers" (NYT)
  • Die Herangehensweise: Warzel erhielt von Mitte Oktober bis nach der US-Wahl für drei Wochen die Facebook-Passwörter von zwei US-Amerikanerïnnen und tauchte in ihre Facebook-Welt ein.
  • Die Protagonistïnnen: Jim Young, ein 62-jähriger Frührentner, und Karen Pierce, eine 55-jährige Lehrerin – typische Babyboomer. Beide beschreiben sich selbst als tendenziell konservativ, haben 2020 aber für Joe Biden gestimmt.
  • Die zentrale Erkenntnis: Young und Pierce sehen eine grauenhafte Mischung aus Aggressivität, Hass, Desinformation und Verschwörungserzählungen. Die beiden Protagonistïnnen leiden unter den Inhalten, die sie sehen.
  • Die wichtigsten Zitate:

Warzel:

The feed goes on like this — an infinite scroll of content without context. Touching family moments are interspersed with Bible quotes that look like Hallmark cards, hyperpartisan fearmongering and conspiratorial misinformation. Mr. Young’s news feed is, in a word, a nightmare.

Young:

It’s like going by a car wreck. You don’t want to look, but you have to. (…) Most times there’s no real debate. Just anger. They’re so closed-minded. Sometimes, it scares me.

Pierce:

It’s so extreme. I’ve watched people go from debating the issue to coming up with the craziest thing they can say to get attention. Take the whole anti-abortion debate. People started talking, then started saying ‘if you vote for Biden you’re a murderer.’ Now there’s people posting graphic pictures of fetuses.

  • Das Fazit: Facebook spiegelt die traurige Realität der US-Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten sind ein zutiefst gespaltenes Land. Biden will die beiden Lager versöhnen – er wird Wunderdinge vollbringen müssen.

Der Text beantwortet nicht die Frage, ob Facebook dafür verantwortlich ist. Am Ende bleibt das Henne-Ei-Problem: Bildet Facebook nur den gesellschaftlichen Graben ab und macht sichtbar, was ist – oder trägt es aktiv zur Polarisierung bei?

Despite spending years studying these toxic dynamics and the better part of a month watching them up close in strangers’ feeds, I was still, like so many, surprised to see it all reflected at the ballot box. We shouldn’t have been surprised; our divisions have been in front of our faces and inside our feeds this whole time.

Was Hazard Owen herausgefunden hat

  • Der Artikel: "How much political news do people see on Facebook? I went inside 173 people’s feeds to find out" (Nieman Lab)
  • Die Herangehensweise: Hazard Owen fragte zwischen dem 1. und 31. Oktober über Mechanical Turk Screenshots von Facebook-Newsfeeds an. 306 Menschen schickten ihr jeweils die ersten zehn Inhalte ihrer Timelines.
  • Die Protagonistïnnen: Bereinigt blieben Daten von 173 Nutzerïnnen übrig. Die Befragten nutzen Facebook regelmäßig, sind relativ jung (81 Prozent unter 45) und politisch liberaler als die US-Bevölkerung.
  • Die zentrale Erkenntnis: Facebook ist kein Ort für politische Nachrichten. Obwohl der Oktober einer der politisch relevantesten Monaten der jüngeren US-Geschichte war, sah mehr als die Hälfte der Nutzerïnnen gar keine News mit Politik-Bezug. S…

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