27.10.2020 | Social Media und die US-Wahl, Shopping-Livestreams, Wie Google den Journalismus umgarnt

Salut und herzlich willkommen zur 678. Ausgabe des Social-Media-Briefings. Heute schauen wir auf zahlreiche News im Zusammenhang mit der anstehenden US-Wahl. Zudem erfahren wir, dass uns künftig wohl eine Menge Influencerïnnen mit Shopping-Livestreams beglücken werden und wir lernen, wie Google den Journalismus umgarnt. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse!

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Zehn Dinge, die du über Social Media und die US-Wahl wissen solltest

Was ist

Heute in einer Woche ist Wahltag. Wie lange es dauern wird, bis der neue Präsident feststeht, und ob der Verlierer seine Niederlage anerkennen wird, weiß niemand. Klar ist nur: Der Ausgang der Wahl wird nicht nur die USA, sondern die ganze Welt prägen.

Wir haben das Thema in den vergangenen Wochen rauf und runter analysiert und versucht, die Schnittmengen zwischen Politik, Silicon Valley und Social Media zu beleuchten. Bevor wir im kommenden Briefing wieder einen "Deep Dive“ zu den Vorbereitungen der Plattformen auf die Wahl liefern, geben wir diesmal einen Überblick der Entwicklungen der vergangenen Tage.

Dabei probieren wir ein neues Format aus: Jeden Link fassen wir in einem Satz zusammen und liefern dann noch etwas Kontext. Wir hoffen, dass du mit diesen zehn Takeaways gut für die kommende Woche gerüstet bist.

1. Donald Trump dominiert fast alle großen Plattformen, nur auf Twitter kann Biden mithalten.

  • Daten von CrowdTangle und SocialBlade zeigen, dass Trump seinen Herausforderer auf Facebook, Instagram und YouTube weit hinter sich lässt (NYT).
  • Das gilt nicht nur für die Zahl der Fans und Follower, sondern auch für die Interaktionen. Auf sämtlichen Kanälen lösen Trumps Inhalte um ein Vielfaches mehr Reaktionen aus.
  • Auch auf Twitter hat Trump (87,5 Mio.) fast achtmal mehr Follower als Biden (11,5), doch Tweets von Biden generieren mittlerweile mehr Retweets und Likes (Axios).
  • Das gilt aber nur, wenn man jeden Tweet einzeln betrachtet. In absoluten Zahlen liegt Trump, der teils Dutzende Tweet pro Tag verschickt, immer noch vorn.

2. Obwohl die Republikaner den Ton im Netz angeben, jammern sie über das angeblich voreingenommene Silicon Valley

  • Der Justizausschuss des Senats hat Mark Zuckerberg und Jack Dorsey vorgeladen (Politico), die sich am 17. November für ihren angeblich "anti-konservativen Bias" rechtfertigen müssen.
  • Auslöser ist der Umgang mit der hanebüchenen Geschichte der New York Post über Biden und seinen Sohn Hunter, den wir in Briefing #676 zusammenfassten.
  • Facebook drosselte die Reichweite des Links (der dennoch Hunderttausende Mal geteilt wurde (Gizmodo)), Twitter verbannte ihn gar komplett. Das steht im Einklang mit den Richtlinien der Plattformen.
  • Nach massiver Kritik hat Twitter seine Vorgaben für den Umgang mit Artikeln verändert, die auf mutmaßlich gehackten Dokumenten beruhen. Dorsey gab zu, die Sperre des Links nicht ausreichend erklärt zu haben.
  • Bereits vor der US-Wahl müssen Zuckerberg und Dorsey ein weiteres Mal aussagen: Gemeinsam mit Google-Chef Sundar Pichai stellen sie sich am Mittwoch Fragen zur Section 230 (Senate.gov).

3. Die Spenden des Silicon Valley landen fast ausschließlich bei Biden.

  • Zumindest in einer Hinsicht haben die Republikaner Recht: Wenn die Managerïnnen von Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft Geld für politische Zwecke spenden, dann profitieren davon in erster Linie die Demokraten (Protocol).
  • Unter den 20 größten Einzelspendern dieser Unternehmen gab nur Apples Chefjurist Douglas Vetter Geld für Trump.
  • Diese Überzeugungen einzelner Führungspersönlichkeiten beeinflussen jedoch nicht zwangsläufig auch den Kurs der Konzerne – im Gegenteil: Gerade Facebook scheint den Verdacht (vermeintlicher) Voreingenommenheit so dringend loswerden zu wollen, dass es geplante Algorithmus-Änderungen lieber nochmal überarbeitet, damit rechte Medien nicht darunter leiden (mehr dazu in Ausgabe #677).

4. Die Biden-Kampagne hat mehr Geld zu Verfügung und pumpt es ins Fernsehen.

  • Ende September hatte das Trump-Lager nur noch gut 60 Millionen Dollar übrig, während die Konten der Biden-Kampagne fast die dreifache Summe aufwiesen (NYT).
  • In den vergangenen Monaten hat Biden deutlich mehr Geld in TV-Werbung (NYT) investiert als Trump. Vor allem in den Swing States dominieren die Demokraten die Fernsehbildschirme.

5. Beide Kandidaten geben mehr Geld für TV-Werbung als für Facebook aus.

  • Seit Juli hat Joe Biden rund 67 Millionen Dollar in Facebook-Anzeigen investiert. Seit Mai hat er rund 74 Millionen für Fernsehwerbung ausgegeben – allein in Florida.
  • Insgesamt übersteigt das TV-Budget beider Kandidaten die Ausgaben für Social-Media-Werbung.
  • Das zeigt erneut: Wir reden zwar ständig über Microtargeting, Psychometrie und digitale Wahlkämpfe – das gute alte Fernsehen ist aber mindestens genauso wichtig.

6. Trump nutzt ein Netzwerk aus rechten Influencerïnnen und Medien, um Zweifel am Wahlergebnis zu säen.

  • Seit Monaten verbreitet Donald Trump Lügen über Legitimität und Sicherheit der Wahl, die in sozialen Medien wie wild um sich greifen (NBC).
  • Dabei stützt er sich auf eine "Army for Trump", die aus seinen Anhängerïnnen, rechten Aktivistïnnen und Medien besteht.
  • Forscherïnnen der Universität Washington warnen (Election Integrity Partnership), dass große linksliberale Medien die Botschaften der "Army for Trump" verstärkten und sie als bereits im Vorfeld als potenzielle Ursache für Gewaltausbrüche bezeichneten – das könne Menschen weiter verunsichern und vom Wählen abhalten.

7. Es gibt gute Gründe, dass Facebook droht, ein Forschungsprojekt zur Anzeigentransparenz zu schließen.

  • Das NYU Ad Observatory (auf dessen Daten wir in Punkt 5 verlinkt hatten) sammelt mit Hilfe einer Chrome-Erweiterung Daten über Facebook-Anzeigen.
  • Nun droht Facebook den Forscherïnnen (WSJ), das Projekt zu schließen, weil die Erweiterung gegen Facebooks Nutzungsdaten verstößt.
  • Die Empörung ist groß, und auf den ersten Blick ist das verständlich. Ausgerechnet Facebook, das selbst massenhaft Daten sammelt, will eine Initiative für mehr Transparenz dicht machen, weil sie angeblich zu viele Daten sammeln kann.
  • Doch so wünschenswert es wäre, die Blackbox Facebook gründlicher zu durchleuchten: Die Berechtigungen der Chrome-Erweiterung lassen üblen Missbrauch zu. Auch wenn die Forscherïnnen nur das Beste im Sinn haben mögen, ist es nachvollziehbar, dass Facebook keine doppelten Standards anlegen will (Protocol).

8. YouTube quillt über vor politischer Werbung – wortwörtlich.

  • Im Netz gibt es unendlich viel Platz? Zumindest nicht für YouTube-Anzeigen: Vor allem in Swing States wollen die Parteien mehr Werbung schalten, als YouTube vor Videos schalten kann (Bloomberg).
  • Dieses Problem tritt sonst nur vereinzelt auf, etwa am Black Friday und Cyber Monday.
  • Bereits im Februar hatte sich Trump den wohl wichtigsten digitalen Werbeplatz der Welt für die Tage vor der US-Wahl gesichert (SZ): den sogenannten Masthead-Werbeplatz mitten auf der YouTube-Startseite.

9. Facebook bereitet Maßnahmen für die Tage nach der US-Wahl vor, die für 'Risikoländer' wie Sri Lanka und Myanmar entwickelt wurden.

  • Auch Facebook fürchtet offenbar Unruhen und Gewalt. Mehrere Teams haben angeblich Notfallmaßnahmen entwickelt (WSJ), um schnell reagieren zu können.
  • Die möglichen Schritte umfassen demnach etwa Änderungen am Newsfeed und eine Drosselung für virale Inhalte. Außerdem könne die Schwelle gesenkt werden, bei der Inhalte automatisiert gelöscht werden, um die Ausbreitung von Lügen und Desinformation zu verhindern.
  • Das passt zu einem langen Facebook-Post von Zuckerberg aus dem September, in dem er Facebooks Vorbereitungen detailliert beschrieb.
  • Bereits im August berichtete die New York Times über interne Planspiele bei Facebook, in denen etwa simuliert wurde, was geschehen könne, sollte Trump die Plattform nutzen, um das Wahlergebnis anzuzweifeln.

10. Manche Medien haben aus 2016 gelernt: Das Wall Street Journal zeigt, dass es noch journalistische Verantwortung und echte Gatekeeper gibt.

  • Wir wollen mit einer guten Nachricht aufhören: Ben Smith beschreibt, wie das Wall Street Journal seinen Job erledigte und eine dubiose Geschichte erst gründlich prüfte und dann ablehnte (NYT).
  • Es ist nicht irgendeine Geschichte, sondern die Schmieren-Story über Hunter Biden, die wir auch im zweiten Takeaway erwähnen.
  • Trump und mehrere seiner engsten Vertrauten wollten die Geschichte dem WSJ unterjubeln – doch die Journalistïnnen ließen sich nicht für politische Zwecke einspannen, und der vermeintliche Skandal entfachte längst nicht die Wirkung, die sich Trump erhofft hatte.
  • Wie schließen uns Smith an, der am Ende bilanziert:
  •  

I’d prefer to put my faith in (…) careful, professional journalists like him than in the social platforms’ product managers and executives. And I hope Americans relieved that the gatekeepers are reasserting themselves will also pay attention to who gets that power, and how centralized it is, and root for new voices to correct and challenge them.


Social Media & Politik

  • Influencer und Verschwörungsmythen: Eine Recherche von Netzpolitik zeigt, wie Influencerïnnen auf Instagram Verschwörungsmythen verbreiten. Pikanterweise schmälert die Verbreitung dieses Blödsinns aber nicht ihren Erfolg. Sogar die Non-Profit-Organisation „Viva con Agua“ macht mit einem der Influencer gemeinsame Sache. Jedenfalls bis zum Artikel von Netzpolitik: Mit Influencer-Marketing gegen die „Coronadiktatur“.
  • Zensur statt Redefreiheit: Mark Zuckerberg betont immer wieder den Wert der Meinungsfreiheit. Mit seiner Rede an der Georgetown University im Oktober 2019 unterstrich der Facebook-Chef seinen Anspruch, nahezu bedingungslos für „freedom of expression“ einzutreten. Soweit so gut. Doch das Beispiel eines vietnamesischen Bloggers zeigt, das Unternehmen kann auch anders: Auf Druck von Vietnam: Facebook sperrt Kritik an Regierung (BR)
  • Epoch Times dürfte vielen ein Begriff sein: seit Monaten gehört die „Zeitung“ zu den Top-Publishern auf Facebook, immer schriller ist ihre Unterstützung für Trump, immer rechter ihre grundsätzliche Haltung. Die New York Times hat den Digital-Publisher unter die Lupe genommen: How The Epoch Times Created a Giant Influence Machine.

Das neue Teleshopping

Was ist

Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber schon jetzt lässt sich festhalten, dass Live-Shopping eines der großen Themen für US-Technologieunternehmen war.

  • Amazon startete im Juli Amazon Live für Influencer.
  • Instagram und Facebook führten im August Live-Shopping-Funktionen ein (The Verge).
  • Google testet ein Features namens Shoploop, das es ermöglicht im Stories-Format zu shoppen. Das ist zwar nicht live im eigentlichen Sinne. Durch die Vergänglichkeit der Stories-Funktion weißt es aber durchaus Ähnlichkeiten zum Live-Shopping auf.

Warum ist das interessant?

Be smart

Mit Blick auf die Pandemie und die zunehmende Verschränkung von Social Media und E-Commerce könnte Livestream-Shopping auch in der westlichen Welt arg zulegen. Be prepared.


Studien, Paper, Wissenschaft

  • Medienmäzen Google: Die beiden Netzpolitik-Kollegen Ingo Dachwitz und Alexander Fanta haben für die Otto-Brenner-Stiftung einen Report geschrieben, der beleuchtet, wie Google den Journalismus umgarnt. Aus Zeitgründen haben wir die 107 Seiten noch nicht en dé­tail selbst gelesen. Da wir aber die Arbeit von Dachwitz und Fanta sehr schätzen, können wir das Paper hier „blind“ empfehlen. Ihre sechs Thesen zum Verhältnis von Google und der Medienbranche, die auch als Fazit der Untersuchung dienen, lauten:
  1. Googles Medienförderungen ist ein strategisches Instrument für die Zwecke des Konzerns.
  2. Das Google-Geld weckt bei Journalistïnnen Sorgen vor korrumpierender Nähe.
  3. Die Google-Förderungen stärken das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Medienhäusern.
  4. Die Medienbranche büßt durch Googles Fördergelder für Forschung und Kongresse die Fähigkeit zur eigenständigen Selbstreflexion ein.
  5. Google versucht, zur dominanten technologischen Plattform für das Nachrichtenökosystem zu werden.
  6. Förderungen müssen offengelegt werden und es braucht Alternativen zum Google-Geld.

Fanta und Dachwitz stellen ihre Studie am Dienstag, den 27.10.2020, um 09:30 online im Presseclub Concordia vor. Hier kann man sich für das Event anmelden. Kollege Daniel Bouhs ordnet die Studie bei ZAPP ein: Verlage haben immer weniger Berührungsängste mit Google.


Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • Vieles neu: Bei YouTube gibt es zahlreiche Updates (Techcrunch): u.a. eine Vorschau für einzelne Kapitel, eine prominentere Platzierung der Untertitel-Funktion und neue Möglichkeiten, die App über Gesten zu steuern.

Pinterest

Facebook

  • Gaming: Wir sind nicht so die Spiele-Experten. Wir verstehen aber sehr wohl, warum Gaming extrem wichtig ist, um Nutzerïnnen zu binden und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Nach der US-Wahl werden wir uns auch einmal ausführlicher mit dem Thema beschäftigen. Heute nur so viel: Facebook möchte beim Gaming-Markt auch ein Wörtchen mitreden. Oder zwei. Oder drei.

Snapchat


Tipps, Tricks und Apps

  • Photoshop Neural Filter: Adobe hat das neue Photoshop vorgestellt. Das müsste uns hier nicht weiter interessieren, wenn darin nicht spannende Filter-Funktionen zu finden wären. Sogenannte Neural Filter lassen bei Photoshop 2021 nämlich Gesichter nicht nur altern, sondern auch lächeln, Schwarz-Weiß-Fotos in Farbe erstrahlen und Landschaften in die verrücktesten Kunstwerke transformieren. In diesem YouTube-Video bekommt man einen Eindruck davon.
  • Clipdrop: Wie wäre es, wenn Copy und Paste auch mit Dingen aus dem realen Leben funktionieren würde? Jedenfalls in der Form, dass sie sich aus dem realen Leben ausschneiden und im digitalen Leben einfügen lassen? Coole Idee? Jupp. Say hello to Clipdrop! Ein wirklich spannendes Tool, um mal eben Dinge in die Präsentation einzufügen, das Mood-Board anzufetten, etc…
  • Pitch: Ja, Google Präsentationen, Keynote und Powerpoint erfüllen ihren Zweck. Aber wer tagtäglich Präsentationen baut, weiß auch um die Limitationen. Vor allem hinsichtlich der Kooperation mit Team-Mitgliedern. Genau hier kommt die neue Präsentations-Software Pitch ins Spiel. Nach langer Beta-Phase ist Pitch nun live und bietet wirklich allerhand Werkzeuge für schönere Folien und produktivere Zusammenarbeit.

One more thing

This is America: Einfach unfassbar, wie lang die Schlange vor diesem Wahlbüro ist (Twitter / justinhendrix). Was ist denn da bloß los in den USA?


Header-Foto von Jake Schumacher bei Unsplash


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