2.9.2020 | TikTok: Ohne Algorithmus ist alles nichts, Studie zum Einfluss von Facebook und Instagram auf US-Wahl, Instagram ermöglicht mit Guides bald Blogposts

Salut und herzlich willkommen zur 664. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute schauen wir auf den Status Quo, was den Verkauf von TikTok an ein nicht-chinesisches Unternehmen angeht. Zudem beschäftigen wir uns mit einer neuen Studie zum Einfluss von Facebook und Instagram auf die US-Wahl 2020. Last but not least erfahren wir, dass es auf Instagram bald Blogposts geben könnte - sort of. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse, Simon und Martin

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TikTok: Ohne Algorithmus ist alles nichts

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Was ist

In unserem Briefing vom 25.8.2020 haben wir ausführlich den Konflikt zwischen Donald Trump und TikTok erklärt: Warum das alles überhaupt wichtig ist, wie Trump den Verkauf erzwingen will, wie TikTok auf Trumps Drohungen reagiert, usw. Alles deutete daraufhin, dass ein möglicher Verkauf von TikTok noch lange Zeit auf sich warten lassen könnte.

Am Montag dieser Woche berichtete CNBC dann überraschend, TikTok habe sich bereits für einen Käufer entschieden und könnte den Deal bereits am Dienstag verkünden.

Wenige Stunden später erklärte die Financial Times, warum ein Deal noch lange nicht in trockenen Tüchern sei, vielleicht sogar überhaupt nicht zustande kommt.

Wir versuchen, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.

Wer sind die potentiellen Käufer und was sind ihre Motive?

  • Bieter 1: Microsoft und Wallmart. Während sich Microsoft von der TikTok-Übernahme vor allem einen dicken Fisch für das eigene Cloud-Geschäft (New York Times) verspricht, hat Wallmart ein großes Interesse daran, im Bereich E-Commerce zu wachsen (New York Times). TikToks chinesische Schwester-App Douyin gilt vielen als Vorzeige-App, was den Trend Social Commerce angeht.
  • Bieter 2: Oracle. Oracle unterhält beste Verbindungen ins Weiße Haus und gilt vielen als Favorit auf die Übernahme von TikTok. Oracles Interesse besteht einerseits darin, im Bereich werberelevanter Nutzerdaten zu wachsen. Andererseits hat Oracle bislang noch kein Social-Media-Angebot im Portfolio und ein Interesse darin, in diesem Markt ebenfalls mitzumischen (CNBC).

Warum gestaltet sich der Verkauf so schwierig?

  • Unsicheres Terrain: Keiner der Käufer kann sich mit Blick auf den Zampano im Weißen Haus wirklich sicher sein, dass TikTok nach der Übernahme ohne Einschränkungen in den USA weiter genutzt werden darf.
  • Neue Exportregeln in China: Das Regime in China hat den Ball von Donald Trump aufgenommen und neue Regeln für den Export von bestimmten Technologien (FT) erlassen. Darunter fallen eben auch solche, deren Hauptzweck es ist, Inhalte personalisiert zu empfehlen: also TikToks Kerngeschäft.
  • Unklar, was der Deal beinhaltet: Bislang ist völlig offen, was ein Kauf von TikTok konkret beinhalten würde (Wall Street Journal). Es ist nicht klar, um welche Geschäftsbereiche es geht (Nur das US-Geschäft? USA, Australien und Neuseeland? Das gesamte Geschäft von TikTok?). Es ist zudem nicht klar, ob die Marke und/oder das Personal und/oder die Community uund/oder der Algorithmus Gegenstand der Übernahme ist.
  • Ohne die Übernahme des Algorithmus wäre eine Übernahme von TikTok ziemlicher Quatsch. Die Kollegen von Protocol vergleichen das Szenario mit einem Kauf von Google ohne Page Rank, bzw. Coca Cola ohne Rezeptur. Nicht wirklich den Preis wert.

Be smart: Die beteiligten Unternehmen haben theoretisch bis zum 12.11. Zeit, einen Deal auszuhandeln. Der Termin liegt gut eine Woche nach der US-Wahl. Vielleicht ist die Welt danach sowieso eine andere. Zudem hat die chinesische Regierung aufgrund der neuen Exportregeln nach Vorlage des Deals noch weitere 30 Tage Zeit, um zu prüfen, ob sie den Deal durchgehen lassen. Das alles könnte sich also noch eine ganze Weile hinziehen. Eine Situation, die ByteDances Gründer Zhang Yiming in die Karten spielt: laut The Information möchte er eigentlich sowieso nicht verkaufen.


Studie zum Einfluss von Facebook und Instagram auf US-Wahl

Was ist

Facebook setzt ein neues Forschungsprojekt auf, um zu prüfen, wie groß der Einfluss des Unternehmen auf die US-Präsidententwahl 2020 ist (Ankündigung von Facebook / Proposal der Wissenschaftler).

Warum ist das interessant?

Spätestens seit der Diskussion um die US-Wahl 2016 (Stichwörter: Cambridge Analytica, Einflussnahme durch Russland, Desinformationen) steht Facebook in der Pflicht, der Frage nachzugehen, wie groß der Einfluss des Unternehmens auf den Ausgang von Wahlen ist. Ein erstes Projekt, das sich ebenfalls der Frage widmen sollte, hatte nicht die Ergebnisse geliefert, die sich Wissenschaftler erhofft hatten (politicaldatascience).

Eckpunkte des Projekts

  • Das neue Forschungsprojekt wird untersuchen, wie sich die Präsidentschaftswahlen Wahlen 2020 auf Facebook und Instagram darstellen und welchen Einfluss die Apps auf Themen wie politische Polarisierung, Wählerbeteiligung, Vertrauen in die Demokratie und die Verbreitung von Fehlinformationen hat.
  • Das Forschungsteam besteht aus 17 Wissenschaftlern und rund zwei Dutzend Facebook-Mitarbeitern.
  • Die Ergebnisse werden ab Sommer 2021 veröffentlicht.
  • Facebook wird bei der Veröffentlichung kein Veto-Recht eingeräumt.
  • Soweit möglich soll ein Peer Review stattfinden.

Der Ablauf des Projekts

  • Sobald sich Nutzerïnnen für die Teilnahme an der Studie entscheiden, wird das Forschungsteam ihre Daten deidentifizieren, sie in Gruppen aufteilen und damit beginnen, an ihren News Feeds zu schrauben, ihre Werbeerfahrungen zu verändern, sie in einigen Fällen sogar auffordern, die Nutzung von Facebook vorübergehend einzustellen.
  • Dabei werden die Studienteilnehmerïnnen fortwährend befragt, um zu erfassen, wie sich ihre Erfahrungen und Standpunkte entwickeln und sich mit Kontrollgruppen vergleichen.

Warum die Studie Zweifel aufwirft

  • Es sind noch genau 9 Wochen bis zur Wahl am 3.11.2020. Ob sich in so kurzer Zeit überhaupt eine signifikante Veränderung der politischen Meinung beobachten lässt, bleibt für uns persönlich fraglich.
  • Wissenschaftler zeigen sich zudem skeptisch, ob die Zusammensetzung des Projekts glücklich gewählt ist. So hat zum Beispiel einer der führenden Wissenschaftler, Joshua A. Tucker, bereits früher im Auftrag von Facebook geforscht, bei Facebook Vorträge gehalten und auch Geld von Facebook erhalten. Facebook hat Tuckers Forschung u.a. „zu verdanken“, dass sie vermelden konnten, auf Facebook würden eher wenig Fake News die Runde machen (New York Times, Sciences Advances). Nun ja.
  • Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Facebook bei der vorangegangenen Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern Daten zur US-Wahl 2016 bewusst nicht geteilt hat (nature), nun aber die Chefs von Social Science One ein neues Projekt starten – gänzlich ohne öffentliche Ausschreibung.

Be smart

Facebook tut gut daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Ob die Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern mehr ist als PR in eigener Sache, wird sich zeigen. Wir zeigen uns optimistisch und halten es mit Charlie Beckett:

„We desperately need to have better access to Facebook's data to understand its impact on democracy. So this is a step forward. Some great researchers involved, too. Let's hope they get the material they need to help inform real policy changes.“


Kampf gegen Desinformation

  • Facebook nimmt Compact vom Netz: Das Magazin Compact gehört in rechten Kreisen zur Pflichtlektüre – von AfD über Identitäre Bewegung bis zu Verschwörungstheoretikern genießt das vom rechten Publizisten Jürgen Elsässer herausgegebene Kampfblatt großen Zuspruch. Für die Verbreitung der Inhalte spielten Facebook & Instagram jeher eine wichtige Rolle. Im Vorfeld der Anti-Coronapolitik-Demo in Berlin hat Facebook nun überraschend die Accounts vom Netz genommen (Tagesschau).

    Gegenüber WDR und NDR erklärt eine Facebook-Sprecherin die Gründe: „Wir verbieten Organisationen und Personen unsere Dienste zu nutzen, wenn sie Menschen aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht und Nationalität systematisch angreifen. Daher haben wir das Compact-Magazin von Facebook und Instagram entfernt.“ Ein guter und in unseren Augen längst überfälliger Schritt, schließlich war das Magazin sogar bereits seit März vom Verfassungsschutz als sogenannter Verdachtsfall eingestuft worden.


Follow the money

  • Instagram Guides: Wie in Briefing #639 vorgestellt, hat Instagram ein wirklich spannendes neues Features am Start: Mit Instagram Guides können Kreative direkt innerhalb von Instagram Inhalte teilen, die weit über Foto- und Video-Posts hinausgehen. Die Funktion erinnert eher an eine eigene Interpretation von Instant Articles – eben jenem Feature von Facebook, dass es ermöglicht, Artikel / Blogposts direkt bei Facebook zu veröffentlichen. Instagram Guides bekommen ein eigenes Tab auf der Profilseite, können Posts, Videos und Notizen beinhalten und via Stories und Direct geteilt werden. Zunächst waren die Guides auf das Thema Wellness beschränkt. Jetzt könnten einem bald auch Guides zu den Themen Orte und Produkte (Techcrunch) begegnen – spannend!

Inspiration


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Amazon Fitness-Armband: Amazon hat ein neues Fitness-Lifestyle-Armband (The Verge) gelauncht, das u.a. auf deine Stimme achtet, um zu dokumentieren, wie es dir geht. Creep!

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

YouTube

  • Besseres Blurring: Bei YouTube können Nutzerïnnen bereits seit 2016 beim Upload eines Videos Gesichter blurren. Jetzt hat YouTube nachgelegt und dem Feature ein sattes Update gegönnnt. Gut!

Apps, Tricks und Tipps

  • Zoom-Tipps: Vermutlich haben viele unter uns schon lange keinen Bock mehr auf Zoom-Calls. Um das Zoom-Leben etwas aufzupeppen, hat Product Hunt 8 Tools zusammengetragen, die allesamt dafür gedacht sind, dass der Zoom-Call zum echten Hingucker wird.

One more thing

  • The Social Dilemma: Nächste Woche erscheint "The Social Dilemma" auf Netflix – eine Doku über die Rolle von Social Media für Politik & Gesellschaft. Der Trailer sieht zwar etwas krawallig aus, gespannt sind wir aber trotzdem. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Doku wirklich hochkarätig besetzt ist: Tristan Harris (Center for Humane Technology), Justin Rosenstein (Mit-Erfinder von Facebooks “Like”-Button), Tim Kendall (Ex-Chef von Pinterest und ehemaliger Director of Monetization bei Facebook), Cathy O’Neil (Autorin von „Weapons of Math Destruction“) und viele mehr.


Header-Foto von James Edwards bei Unsplash


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