Demokratie und Desinformation, Zuckerberg-Audio, Instagram-Factories

Salut und herzlich Willkommen zur 583. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Am Montag und Dienstag dieser Woche waren Simon und ich Gast in der Villa Borsig, um im Rahmen einer internen Veranstaltung des Auswärtigen Amts und der Stiftung Neue Verantwortung über das Thema Desinformation und Demokratie zu sprechen. Gern möchte ich heute die Gelegenheit nutzen, um davon zu berichten. Ferner beschäftigen wir uns natürlich mit den geleakten Audio-Aufnahmen von Mark Zuckerberg. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre, bedanken uns für das Interesse an unserer Arbeit und wünschen ein angenehmes, langes Wochenende. Wir lesen uns dann nächste Woche wieder. Merci, Simon und Martin

Demokratie und Desinformation

Was ist: Am Montag und Dienstag dieser Woche lud die Stiftung Neue Verantwortung in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt zu einer internen Tagung mit dem Titel „Disinformation & Demokratie: Rethinking Discourses in a Digital Structural Transformation of the Public Sphere“. An zwei Tagen wurden 9 Panels und Workshops abgehalten, die allesamt zwei Dinge verdeutlichten:

  • Desinformationen sind eine Gefahr für die Demokratie.
  • Desinformationen sind kein rein technologisches Problem.

Gern möchte ich an dieser Stelle einige meiner wichtigsten Learnings mit euch teilen. Da die Veranstaltung allerdings nach den „Chatham House Regeln“ abgehalten wurde, nach denen zwar Inhalte wiedergegeben, aber niemand direkt zitiert werden darf, greife ich lediglich Kernpunkte auf:

Einige meiner Learnings:

  • Es sind mitnichten nur ausländische Akteure, die für Desinformationen sorgen. Zwar lag das Hauptaugenmerk in den letzten Jahren vor allem auf Russland und neuerdings auch China, künftig müsse man aber auch viel stärker inländische Akteure beobachten.
  • Dass die Rechte so erfolgreich auf Social Media ist, hat bei weitem nicht nur mit ihrer vermeintlich besseren Social-Media-Strategie zu tun, sondern vor allem wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gründe.
  • Jeder, der sich als Journalist mit Desinformationen, Misinformationen, ggf. auch einfach nur mit völlig überspitzten Aussagen beschäftigt, sollte sich immer fragen, wem nützt es, wenn darüber berichtet wird?
  • Bei der Regulierung von Plattformen gilt es stets ganz genau abzuwägen zwischen Meinungsfreiheit und dem Schutz der öffentlichen Sphäre. Freedom of speech ist fundamental.
  • Die EU bemüht sich derzeit darum, vier Bereiche auszubauen: besseres Verständnis von Desinformationskampagnen, Vernetzung von EU-Regierungen zum Thema, Fragen der Regulierung, Bewusstsein schärfen
  • Neben dem Blick auf recht eindeutig zu erkennende Desinformationskampagnen gilt es sogenannte „Hyper-Partisan-Websites“ sehr viel stärker zu beobachten – schließlich würden die nicht in die von First Draft formulierten 7 Typen von „Information Disorders“ reinpassen.
  • Häufig ist es nicht die Frage, ob etwas publiziert werden darf. Vielmehr gilt es zu hinterfragen, ob und wie stark etwas verteilt werden sollte: Free speech does not mean free reach.
  • Die Ergebnisse aller Social-Bot-Studien lassen sich erklären mit der Fehlerrate ihrer Methoden. Soll heißen: die Debatte um Social Bots und ihre Gefahr für die Demokratie ist bislang statistisch nicht begründbar.
  • Regulierungen hängen häufig hinterher. Selbstregulierungen hingegen sind häufig nur ein Feigenblatt. Der richtige Weg wird noch gesucht.
  • Der Journalismus tendiert aufgrund seiner Neigung zum Drama und den in aller Regel wenig konstruktiven Beiträgen dazu, Menschen zu ängstigen und der Popularität von Politikern mit simplen Antworten den Rücken zu stärken. Mehr dazu hier: constructiveinstitute.org

Mein Panel: Resilienz der digitalen Öffentlichkeit

Zudem hatte ich selbst die Chance, auf einem Panel mit Anika Geisel (bei Facebook verantwortlich für Wahlen in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten) und Tania Roettger (Leiterin vm CORRECTIV.Faktencheck) zu diskutieren. Gern teile ich an dieser Stelle meine Ideen, wie Facebook zu einer Resilienz der digitalen Öffentlichkeit beitragen könnte. Hier mein Eingangsstatement:

  • Das Internet hat den öffentlichen Raum grundlegend verändert: Wir erfahren von Dingen, von denen wir ohne die Geräte und Apps in unseren Hosentaschen nie gehört hätten (im Guten und im Schlechten).
  • Zwei Probleme werden dabei überdeutlich: Soziale Netzwerke verbinden Menschen und stellen kein explizites Ranking zwischen ihnen hinsichtlich der Qualität, Wichtigkeit oder Genauigkeit der geteilten Inhalte her. Alles wird nur unter der Logik verhandelt, den Nutzer möglichst lange auf der Plattform zu halten. Informationen, die in sozialen Medien geteilt werden, unterliegen keiner Rechenschaftspflicht. Das führt neben vielen anderen moralischen, gesellschaftlichen und politischen Gründen zu einem Zerfall der Wahrheit.
  • Was können Social-Media-Plattformen tun? Was kann Facebook tun?
  • Für mehr Transparenz sorgen: Welche Inhalte werden wie gewichtet? Was sind trustworthy publisher?
  • Mehr für die Forschung tun: versprochene Daten bereitstellen, mehr Projekte zulassen, mehr Gelder bereitstellen, mehr Personal…
  • Mehr für Fact Checker tun: Mehr Ressourcen, besseres Feedback für Fact Checker, klarer kommunizieren, was Fact Checking ist und was Fact Checking leistet…
  • Mehr für Media Literacy tun: Materialien bereitstellen, mit NGOs und Journalisten stärker zusammenarbeiten…
  • Weniger Wettbewerb auf der Plattform: generell weg mit Incentives wie der Anzeige von Likes, Shares…
  • Andere Kommunikation via Design stärken: mehr Diskussion, weniger Debatte muss das Ziel sein
  • Andere Signale nutzen, um Inhalte zu verteilen: nicht nur das anzeigen, was die Nutzer zum Klicken, Teilen, Kommentieren animiert, sondern auch das, was sie schlauer macht
  • Fakten, auf die sich die internationale Gemeinschaft verständigt hat, konsequent anzeigen: etwa Hinweise beim Thema Impfung, etc.
  • Förderung von Journalismus: nicht um Verleger zu trösten, sondern um die Gesellschaft zu stärken
  • Grundsätzlich Hinweise vor dem Teilen von Inhalten anzeigen: Think before you share!

Der Zuckerberg-Mitschnitt, eingeordnet

Was ist: Casey Newton hat einen zweistündigen Mitschnitt von internen Facebook-Treffen in die Hände bekommen. Darin beantwortet Mark Zuckerberg Fragen von Mitarbeiterïnnen und wird deutlicher, als er sich öffentlich äußern würde. The Verge hat eine Auswahl interessantester Zitate veröffentlicht, außerdem einen Großteil des vollständigen Transkripts. In den kommenden Tagen sollen weitere Abschriften folgen.

Warum das wichtig ist:

  • Zuckerberg meidet öffentliche Auftritte. Interviews gibt er fast ausschließlich, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt (etwa nach Bekanntwerden der Cambridge-Analytica-Affäre). Das ist verständlich, schließlich kann Zuckerberg nur verlieren: Wenn er sich auf glattgebügelte PR beschr…

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