Facebooks neue Kryptowährung Libra, WhatsApps Zukunft, SEO für Videos

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 556. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir sehr, sehr, sehr ausführlich auf Facebooks neue Kryptowährung „Libra“. Gern darf der Artikel mit KollegInnen geteilt werden. Zudem schauen wir u.a. darauf, was WhatsApp eigentlich noch alles sein könnte, und wie sich Video für Suchmaschinen optimieren lässt. Wir bedanken uns für das Interesse an unserem Newsletter und senden sonnige Grüße, Simon und Martin



Facebooks Kryptowährung Libra, erklärt

Was ist: Facebook will eine eigene, globale Währung etablieren. Libra basiert auf der Blockchain, wird 2020 starten und soll einen relativ fixen Wert haben, der an bestehende Währungen gekoppelt ist.

Warum das wichtig ist: Kryptowährungen wie Bitcoin haben eine Menge Schlagzeilen gemacht – allerdings eher als Spekulationsobjekt denn als Zahlungsmittel. Zu risikoreich ist die Investition, zu aufwändig sind die Transaktionen, um massenhaft normale Nutzerïnnen anzuziehen.

Jetzt kommt Facebook – ein Unternehmen, dessen Produkte mehr als zweieinhalb Milliarden Menschen vernetzen – und verspricht, alles ganz anders zu machen: einfach, sicher und offen für alle soll Libra sein. Mit dieser Ausgangslage könnte Facebook die Art und Weise verändern, wie Menschen online (und mittelfristig auch offline) bezahlen. Investoren bezeichnen Libra bereits als eines der wichtigsten Projekte in Facebooks Geschichte.

Vorab: Weder Martin noch ich sind Experten für Kryptowährungen. Aber ich habe heute den halben Tag damit verbracht, Facebooks Whitepaper und etwa zwei Dutzend Artikel und Analysen zu lesen. Ich versuche, die wichtigsten Erkenntnisse kompakt zusammenzufassen. Wer tiefer einsteigen will, fängt am besten mit dem sehr umfangreichen (aber etwas unkritischen) Überblick von Techcrunch an und macht dann bei der FT weiter, die jeden Aspekt von Libra beleuchtet, eine eigene Serie namens "Breaking the Zuck Buck" gestartet hat und unter anderem einen Explainer in 18 Punkten anbietet.

Wie Libra funktionieren soll: Im Gegensatz zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen soll Libra wertstabil sein, ein sogenannter Stablecoin. Der Wert steht noch nicht genau fest und soll sich etwa im Bereich eines Dollars oder eines Euros bewegen. Nutzerïnnen können beliebige Währungen einzahlen und erhalten den Gegenwert in Libra zurück, die sie jederzeit wieder zurücktauschen können. Sie können sich untereinander Libra schicken (ohne Transaktionskosten) oder damit für Waren und Dienstleistungen kooperierender Unternehmen zahlen. Mit seiner Einfachheit und dem niederschwelligen Zugang dürfte Libra eher Paypal oder Venmo ähneln als Bitcoin (nur dezentraler und mit eigener Währung).

Wer Libra erwerben will, braucht ein Wallet. Facebook bietet dafür die eigene Lösung Calibra an, das im Facebook Messenger, Whatsapp und als eigene App verfügbar sein wird. Nutzerïnnen benötigen kein Facebook-Konto, müssen sich aber mit Ausweisdokumenten identifizieren. Sie können die Transaktionen pseudonym durchführen (also nicht komplett anonym) und mehrere Calibra-Konten besitzen. Andere Unternehmen können eigene Wallets anbieten. So könnte etwa Paypal in seiner App auch Zahlungen per Libra ermöglichen.

Wie es um den Datenschutz steht: Facebook verspricht, dass ohne Zustimmung keine Kontoinformationen oder Finanzdaten mit Facebook oder anderen Drittparteien geteilt würden. Die wenigen Ausnahmen dienten dazu, "Gesetze einzuhalten und Nutzern grundlegende Funktionen zur Verfügung zu stellen". Standardmäßig bleiben Calibra und Facebook getrennt – wenn Nutzerïnnen einwilligen, werden allerdings Kontakte bei Calibra hochgeladen und Informationen geteilt.

Ich bin gespannt, wie Facebook diese Zustimmungsdialoge gestalten wird. Wie mächtig das manipulative Design mit Dark Patterns ist, haben Facebook und andere Unternehmen mehrfach bewiesen. Bei Nutzerïnnen, die Calibra innerhalb von Whatsapp und dem Messenger verwenden, wird Facebook außerdem sehen, mit welchen Unternehmen sie interagieren. Das sind wertvolle Metadaten.

Wer bei Libra mitmacht: Zum Start sind knapp 30 Unternehmen und Organisationen dabei, darunter Zahlungsdienstleister wie Mastercard, Paypal, Stripe und Visa, Tech-Konzerne wie Ebay, Booking, Uber und Spotify, Telcos wie Vodafone, Blockchain-Unternehmen, Risiko-Investoren und NGOs. Sie haben jeweils mindestens 10 Millionen Dollar investiert und sich damit einen Platz in der Libra Association gesichert.

Wer nicht dabei ist: Big-Tech-Konkurrenten wie Apple, Amazon, Google, Twitter und Microsoft, die teils eigene Blockchain-Projekte und Zahlungsplattformen entwickeln oder im Fall von Twitter auf Bitcoin setzen. Ebenfalls aufällig: Auf der Liste findet sich keine einzige Bank – deren Kerngeschäft Facebook mit Libra direkt bedroht.

Was die Libra Association ist: Die Vereinigung besteht aus den Gründungsmitgliedern und soll auf bis zu hundert Unternehmen anwachsen. Die Libra Association sitzt in Genf und kontrolliert die Blockchain, auf deren Grundlage die Libra-Einheiten herausgegeben werden. Damit ist die Blockchain nicht komplett dezentral, und Nutzerïnnen können auch keine Einheiten schürfen.

Wie viel Einfluss Facebook hat: Überraschend wenig. Facebook hält nur eine Stimmrecht in der Libra Association, genau so viel wie alle anderen Gründungsmitglieder. Offenbar weiß Facebook sehr genau, wie kritisch das Projekt beäugt werden wird: "Einige Artikel haben Libra als Zuck-Bucks und Face-Coins beschrieben", sagt der verantwortliche Facebook-Manager David Marcus. Und weiter:

„Wenn das zuträfe, wäre es bereits jetzt mausetot."

Für wen Libra gedacht ist: Menschen auf der ganzen Welt können sich in Sekundenbruchteilen Nachrichten und Fotos senden – Geld zu verschicken, ist dagegen immer noch schwierig und oft teuer. Bei internationalen Überweisungen fallen im Schnitt sieben Prozent Gebühren an. Banken und andere Zahlungsdienstleister verdienen damit etwa 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Libra könnte diese Transaktionen erheblich vereinfachen und helfen, Gebühren zu vermeiden.

Es gibt noch eine zweite große Zielgruppe: 1,7 Milliarden Menschen auf der Welt besitzen kein Konto und sind damit von digitalen Zahlungsdienstleistungen abgeschnitten. Für sie könnte Libra das Leben vereinfachen: Sie sollen bei lokalen Händlern Bargeld in Libra eintauschen können (vergleichbar etwa mit dem Aufladen von iTunes- oder Spotify-Guthaben durch den Kauf von Gutscheinkarten) und dann Geld verschicken und digital bezahlen können.

Wie Facebook profitiert: Das Unternehmen wird unmittelbar keine Unsummen mit Libra verdienen. Zudem verbleibt die Kontrolle bei der Libra Association, die Macht verteilt sich also auf mehrere Unternehmen und Organisationen. Mittelfristig könnte Facebook dennoch massiv profitieren. Zum einen könnte Libra digitale Transaktionen vereinfachen und damit das Volumen vergrößern – auch von Facebooks Anzeigengeschäft.

Zum anderen überlegt Facebook, in Zukunft Finanzprodukte über Calibra anzubieten, die auf der Libra-Währung basieren, etwa kostenpflichtige Kredite. Außerdem könnte Libra Facebook helfen, eine drohende Zerschlagung zu verhindern: ein dezentrales Finanzprodukt macht eine Entflechtung der einzelnen Apps und Messenger noch schwieriger.

Was Kritikerïnnen sagen: Besonders harsch fällt das Urteil der FT aus: "It's a glorified exchange traded fund which uses blockchain buzzwords to neutralise the regulatory impact of coming to market without a licence as well as to veil the disproportionate influence of Facebook in what it hopes will eventually become a global digital reserve system", schreibt Izabella Kaminska. Und Jemima Kelly ergänzt: "It's also unclear why the system technically needs a blockchain at all (though there is clearly PR and regulatory value in presenting the notion that because it's a blockchain system, it's decentralised and thus poses no antitrust issues)."

Neben diesen begründeten Zweifeln, ob hinter Libra tatsächlich eine dezentrale Blockchain steht, kommt bereits Widerstand aus der Politik. Der französische Finanzminister Bruno Le Maire und der deutsche EU-Politiker Markus Ferber sagen unisono, dass Libra keine eigenständige Währung werden dürfe. Damit könnte sich Facebook in eine "Schattenbank" verwandeln, das müsse durch Regulierung verhindert werden.

Be smart: Die große Frage lautet: Werden Menschen, die Facebook ihre Daten (zurecht) nur widerwillig anvertrauen, dem Unternehmen ihr Geld überlassen? In den vergangenen Jahren hat Facebook viel Vertrauen verspielt: Wer mit persönlichen Informationen so nachlässig umgeht wie Facebook, muss Nutzerïnnen erst beweisen, dass Libra kein Cambridge-Analytica-Potenzial hat.

Auch der Datenschutz ist ein Fragezeichen: Whatsapp und Instagram sollten komplett unabhängig bleiben – das Versprechen hielt nur wenige Jahre. Wie lange wird Facebook die Firewall zu Calibra aufrecht erhalten? Werden die Finanzdaten irgendwann so interessant, dass die Zahlungen aus dem digitalen Wallet mit den Nutzerkonten verknüpft werden?

In der Theorie könnte nicht nur Facebook von Libra profitieren. Eine einfache und sichere Kryptowährung könnte das Leben von Milliarden Menschen weltweit vereinfachen. Bis zum Start 2020 muss Facebook aber noch eine Menge Fragen beantworten.

Autor: Simon Hurtz



WhatsApp könnte so viel mehr…

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… wenn sich die Macher dafür interessierten, was die Community wirklich will. Es könne doch nicht wahr sein, dass mensch immer noch nicht seinen „Online-Status“ adäquat verstecken kann, dass mensch immer noch nicht im Nachgang Nachrichten editieren kann, dass mensch immer noch so wenig Privatsphäre-Einstellungen hat, und, und, und. Alles nicht meine Meinung, sondern die vom Kopf hinter WABetainfo – also die Meinung eines der best-informierten Kollegen, wenn es um WhatsApp geht. Hier geht es zum ganzen Rant: It’s 2019 and we’re still in 2014. Vielleicht fühlt ja der eine oder die andere von euch, was er meint.



Auf einmal überall: Deepfakes

Schon seit einiger Zeit berichten wir beim Social Media Watchblog über Deepfakes und die Bedeutung von eben jenen täuschend echten Audio- und Video-„Aufnahmen“ für Politik und Gesellschaft.

In den letzten Wochen häuften sich die Meldungen zum Thema. Kein Wunder, bei der Vielzahl an unterschiedlichen Deepfakes, die es mittlerweile da draußen gibt: Jason Kottke hat einige der neuesten Fakes gesammelt, bei BoingBoing gibt es Jon Snow zu bestaunen, der sich für die lausige letzte Staffel „Game of Thrones“ entschuldigt, und bei The Verge gibt es von Bill Gates einen Haufen jibberish.

Jetzt hat das Science Media Center, von dem ich bis heute gar nicht wusste, dass es existiert, ein Fact Sheet zum Status Quo von Deepfakes herausgebracht, das ich hier gern mit dir teilen möchte. Darin enthalten: Begriffsklärung, aktuelle Beispiele, Meta-Diskussion über Deep Fakes, Beispiele für Deep Fakes und andere neue Technologien, Gegenmaßnahmen (technisch, juristisch). Sehr lohnenswert. Wie überhaupt die ganze Seite.



Neues von den Plattformen

LinkedIn:

  • Tagging, Clapping und Sharing: Bei LinkedIn können NutzerInnen jetzt auch in Fotos getagged werden. Zudem kann fortan auf Posts mit „Clap“, „Love“ und „Glühbirne“ reagiert werden. Hihi, Glühbirne. Ferner kann mensch nun auch auf LinkedIn Videos im Messenger verschicken. Hier ist der Blogpost dazu mit allen weiteren Infos.

Facebook

  • Priorisierung der Kommentare: Facebook doktort weiter daran rum, die App wieder für mehr Menschen interessant zu machen, also „more meaningful“, um im Facebook-Sprech zu bleiben. Das soll u.a. auch dadurch erreicht werden, indem Kommentare neu geranked werden.

YouTube

  • AR Beauty Try-on: Was Menschen von YouTube erwarten: schmeisst die Nazis, Verschwörungstheoretiker und Pedos von der Seite!!! Was Menschen von YouTube kriegen: ein neues AR Beauty Try-On, um Make-up "testen" zu können. Nun ja. Hier der Blogpost, hier der Text von Techcrunch zum Thema. „Helping YouTube beauty fans pick their next lipstick“ lautet die Leitidee des neuen Features – als ob YouTube keine anderen Sorgen hätte.

Twitch

  • Team Bebo wechselt zu Twitch für schlappe 25 Millionen Dollar. Team wer, fragst du dich? Nun, das kann ich gut nachvollziehen. Ich hatte Bebo auch nicht mehr auf dem Zettel. Aber laut TC-Bericht gibt es Bebo schon eine ganze Weile, vor allem in UK war Bebo für einige Jahre durchaus populär. Gekauft wurde Bebo jetzt von Twitch, um die Esports-Ambitionen von Amazon weiter zu forcieren – es geht um Livestreams, Turniere und das ganze Social-Ding rund um Esports. Da scheint viel Musik drin zu sein.


Tipps, Tricks und Apps

Trint ermöglicht es, Video für Suchmaschinen zu optimieren. Ihre Idee dabei:

„Video SEO is almost nonexistent. Only the title and a small amount of metadata can be crawled by search engines, so online video remains lost on the web as dark data. But by attaching a transcript to the video when it’s posted, the content is unleashed online and all of the words can be found – and by the right audience.“

Das klingt für mich ganz vielversprechend. Falls damit jemand bereits Erfahrungen gemacht hat, möge sie sich melden. Hier geht es zur Trint-Website.

Not a Newsletter: Wer sich für Newsletter interessiert, sollte unbedingt dieses Google Doc bookmarken. So viel Inspiration. Ansonsten bin ich ja auch schon die ganze Zeit am überlegen, ob ich mal eine Art Masterclass anbiete. Falls sich dafür jemand interessiert, bitte melden!



One more thing

Falls du dich schon immer gewundert hast, wie dieses Machine Learning eigentlich funktioniert… One Devloper Army got you covered.



Header-Foto von Benjamin Hung bei Unsplash