Facebooks News Tab, Studie zu Instagram, Snapchats Politik-Ambitionen

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 578. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute schauen wir erneut auf Facebooks neues News Tab. Zudem blicken wir auf Snapchats Ambitionen, mehr Politik auf der Plattform zu wagen. Ferner haben wir eine Instagram-Studie im Angebot, die aufzeigt, dass weniger Hashtags mehr sind. Wir bedanken uns für das Interesse und wünschen eine gewinnbringende Lektüre! Martin & Team



News Tab wird konkret

Was ist: Facebook plant im Herbst die Einführung eines News Tab. Dieser Bereich soll einerseits die wichtigsten News des Tages bereithalten und zudem auf den Nutzer zugeschnittene Stories anbieten. In Briefing #572 haben wir ausführlich über die Hintergründe berichtet.

Jetzt sind neue Details bekannt geworden:

  • Facebook ist Berichten zufolge (NBC News) bereit, den beteiligten Medienunternehmen zwischen 2 und 2,5 Millionen Dollar pro Jahr dafür zu bezahlen, dass sie ihre Artikel im News Tab empfehlen dürfen. Die Verträge belaufen sich allem Anschein nach zunächst auf drei Jahre.
  • Da die Verlage dafür nichts weiter leisten müssen (also keinen Extra-Content erstellen, etc.), zeigen sich die meisten dem Deal gegenüber recht aufgeschlossen. Dylan Byers spricht (NBC News) in diesem Zusammenhang von „free money“ für die Inhalteanbieter.
  • Auch erwarten einige, dass Google und Apple womöglich nachziehen müssen, sollte Facebook tatsächlich für die Verlinkung von Inhalten freiwillig zahlen.
  • Ferner sind an der Auswahl der Nachrichten für das News Tab Facebooks Redakteure viel stärker beteiligt als bislang berichtet: so würden die FB-Redakteure Stories zum Beispiel danach auswählen, wie vertrauenswürdig die Quelle ist, bzw. ob eine Story darauf ausgelegt ist, „zu provozieren, zu teilen und zu polarisieren“ (The Information $).

Be smart: Bislang hat sich Facebook stets darum bemüht, nicht zum „arbiter of truth“ zu werden – also zum Schiedsrichter der Wahrheit. Wenn sie nun allerdings per Hand und nicht per Algorithmus Stories kuratieren, dann sehe ich wirklich nicht mehr, was sie von einem Medienunternehmen unterscheidet. Mit allen Haftungsfragen, die sich daraus ergeben. 👀



Meinungsfreiheit und ihre Grenzen

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Bislang haben wir im Social Media Watchblog alle Nachrichten, die mit Meinungsfreiheit, Desinformationen, „hatemongering“, etc. zu tun haben, stets unter der Rubrik Kampf gegen Desinformation zusammengefasst. Da wir auch der Meinung sind, dass wir dadurch die Bedeutung von Desinformationen in der täglichen Online-Debatte unnötig überhöhen (Tagesspiegel Background), ändern wir die Rubrik in „Meinungsfreiheit und ihre Grenzen“.

Deplatforming von CasaPound: Facebook und Instagram haben die offiziellen Accounts der italienischen Rechtsextremen CasaPound gelöscht. Auch wurden zahlreiche prominente Führer der Partei von der Plattform geschmissen. CasaPound sieht sich diskriminiert und will klagen. Facebook hingegen sieht sich im Recht und verweist auf die hauseigene Policy:

„Persons or organisations that spread hatred or attack others on the basis of who they are will not have a place on Facebook and Instagram. The accounts we removed today violate this policy and will no longer be present on Facebook or Instagram.”

Suicide & Self-harm: Facebook hat neue Regeln formuliert, welche Posts im Zusammenhang mit den Themen Selbstmord und Selbstverletzung akzeptiert werden. Zudem hat Facebook nun einen hauptberuflichen Experten für Gesundheit und Wohlbefinden in seinem Sicherheitsteam. Ferner will Facebook sogenannte #chatsafe Richtlinien fördern, die dazu beitragen sollen, einen Dialog mit Menschen zu fördern, die mit Selbstmordgefühlen zu tun haben. Auch will man enger mit der Wissenschaft in diesem Bereich zusammenarbeiten. Tightening Our Policies and Expanding Resources to Prevent Suicide and Self-Harm (Facebook / Blog)



Social Media & Politik

NYT-Tracker: Hilfreich: Die New York Times hat einen Tracker gebaut, der zeigt, welche Untersuchungen in den USA gegen Google, Facebook, Apple und Amazon laufen, bzw. bereits abgeschlossen wurden: Facebook führt mit 11 Untersuchungen die Liste an.

Snapchat und 2020: Snapchat hat den US-Präsidentschaftsbewerbern 2020 Extra-Profil-Seiten eingerichtet. Zudem wird Snapchats Polit-Show mit Peter Hamby nun täglich statt wöchentlich ausgestrahlt. Snapchat unterstreicht damit seine Ambitionen, mehr Politik auf der Plattform zu wagen. Hintergrund: 80 % der Snapchat-Nutzer in den USA sind Ü18 – und somit wahlberechtigt. Im übrigen lassen sich die Bewerber nicht direkt über die Profilseiten kaufen, wie der Button suggeriert. Vielmehr kann man darüber Merchandise der Bewerber kaufen – der Shop ist in Snapchat integriert, Abwicklung erfolgt dann über die Homepage des Kandidaten.



Abteilung Datenschutz

Apple & Facebook: Haha! Apple führt mit iOS 13 ein Feature ein, das den Nutzern aufzeigt, wie häufig Apps den Standort abfragen. Weil Facebok da so ein Bauchgefühl hat, dass sich einige User ziemlich wundern werden, wie oft FB den Standort abfragt, schreibt Facebook vorsorglich einen Blogpost darüber, wie NutzerInnen die Standort-Abfrage ausschalten können. Der Witz: Der Blogpost dürfte Facebook recht locker von der Hand gehen, denn sie haben, wie sie selbst zugeben, viele, viele weitere Optionen, um den Standort von Usern zu tracken: „check-ins, events and information about your internet connection.“

Period Tracking: Ok, das war mir wirklich nicht klar. Es gibt Marketing-Strategien, die darauf abzielen, Frauen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Zyklus zielgenau anzusprechen (Guardian / YouTube). So würden Frauen in der ersten Hälfte ihres Zyklus vor allem auf Produkte anspringen, die dem Mating (Paarungsvorgang) Rechnung tragen. Und in der zweiten Hälfte ginge es dann schließlich mehr um Parenting (Elternschaft). Wie die Marketingverantwortlichen das mit dem Targeting hinbekommen? Nun, etwa über Menstruationsapps, die die maximal intimen Daten munter mit Dritten teilen – etwa auch mit Facebook. Yikes.



Inspiration

Innovation by Design : Fast Company hat die 22 Sieger des Innovation by Design Awards gekührt. Darunter vieles, von dem ich bislang noch nicht gehört hatte – etwa eine Kreditkarte, die ein CO2-Limit eingebaut hat. Aber vor allem wurde auch die fantastische Arbeit der New York Public Library ausgezeichnet, die Literaturklassiker vollumfänglich für Instagram Stories aufbereiten – wie konnte das an mir vorbeigehen?



Schon einmal im Briefing davon gehört

Nicht alle Nutzer sind gleich: Der ehemalige CEO von Twitter, Dick Costolo, hat bei CNBC darüber fabuliert, was Social-Media-Plattformen tun müssten, um die Diskussionskultur zu stärken. Costolo schlägt u.a. vor, dass für Nutzer unterschiedliche Regeln gelten sollten – etwa sollten Twitter-Nutzer, die keine Telefonnummer oder kein Profilfoto hinterlegt haben weniger Rechte erhalten als andere: zum Beispiel sollte ihnen nicht erlaubt sein, auf Tweets zu antworten. Costolo glaubt fest daran, dass sich diese Ungleichbehandlung irgendwann durchsetzen wird. Äh ja. Hoffentlich nicht. Es gibt nämlich gute Gründe, warum mensch keine Telefonnummer oder kein Avatar hinterlegen möchte. Aber hey. Aus Kalifornien sieht das Leben vielleicht manchmal ganz easy aus.



Zahlen, Daten, Studien

Our world in data: Social Media macht einsam. Social Media macht abhängig. Social Media macht depressiv. Ähm ja. Vielleicht. Oder aber auch nicht. Wir alle kennen jedenfalls diese Schlagzeilen. Das Problem daran: je tiefer man gräbt, desto stärker widersprechen sich einzelne Studien. Oder wie der Havard-Wissenschaftler Esteban Ortiz-Ospina in seinem lesenswerten Artikel „Are Facebook and other social media platforms bad for our well-being?“ schreibt:

"Overall, the evidence does not support the sweeping newspaper headlines. There is much to be learned about how to make better use of these complex digital platforms, but for this we need more granular data to unpack the different effects that certain types of content have on specific population groups."

Instagram-Studie: Die Social-Media-Analyse-Firma Quintly hat sich 5,9 Millionen Instagram-Posts mal etwas genauer angeschaut. Herausgekommen sind ganz spannende Ergebnisse:

  • 68,2% aller veröffentlichten Posts sind Bild-Posts
  • Die Interaktionen sind bei Video-Posts allerdings um 49% höher
  • 52% aller Posts enthalten keine Emojis
  • 1-3 Hashtags werden am häufigsten genutzt
  • Posts, die am Wochenende veröffentlicht werden, erhalten 27,3% mehr Interaktionen

Hier ist der Link zum Blogpost. Und hier ist der Link zur Studie.



Empfehlungen fürs Wochenende

iPhone as a service: Apple arbeitet derzeit daran, sich weniger von iPhone-Verkaufszahlen abhängig zu machen. Daher setzt Apple darauf, Services stärker in den Fokus zu rücken. Bald, so die These von Ben Thompson, könnte dann vielleicht sogar das iPhone einfach nur noch Teil eines Service-Angebots sein. Frei nach dem Motto: Apple TV+ und iPhone 11 für 25 Dollar im Monat. Monatlich kündbar, versteht sich. Spannend!

Social Media at war: Seit dem ersten Irakkrieg wissen wir um die Macht der Live-Bilder bei Konflikten. Dass das Fernsehen nun zum Teil durch soziale Medien abgelöst wurde, dürfte sich mittlerweile rumgesprochen haben. Da verwundert es also nicht, dass es professionelle Agenturen gibt, die sich um Social Media Warfare kümmern. Wie eine Firma aus Ägypten im Sudan mitmischte, erklärt dieser lesenswerte Artikel in der New York Times: ‘We’re at War’: A Covert Social Media Campaign Boosts Military Rulers



Apps, Tricks und Tipps

Redacted: Wer häufig Screenshots teilt, der kennt das Problem, das meistens irgendetwas verpixelt / geblurrt werden muss. Statt Photoshop lässt sich dafür künftig redacted nutzen. Das Tool funktioniert sogar offline – sollte Datenschutztechnisch keine Kopfschmerzen verursachen sein, da laut eigenen Angaben keine Daten auf irgendwelche Server geschickt werden, sondern alles direkt im Browser passiert.

Einfach online Texte publizieren: Manchmal sind 280 Zeichen ja bekanntlich nicht genug. Und weil sich Medium immer mehr zu einer geschlossenen Plattform entwickelt, sind Alternativen gern gesehen, um einfach und simpel Texte im Netz zu publizieren – write.as liefert genau das. Ohne Tracking. Ohne alles. Einfach nur ein schöner Editor und am Ende eine URL. Easy. Für Fotos bieten sie etwas ähnliches an: snap.as.



One more thing

Partnerschaftrettungsapp: Es gibt ja bekanntlich für alles eine App. Natürlich gibt es daher auch eine App, die einen daran erinnert, seinem Partner morgens etwas Nettes zu sagen, sie / ihn Mittags zum Lachen zu bringen und Abends danach zu fragen, wie der Tag war. In diesem Sinne: seid lieb miteinander!



Header-Foto von Deva Darshan bei Unsplash