Sündenbock Google, Deepfake von Zuckerberg, Aus für Newsletter bei WhatsApp

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 554. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir auf den Lieblingsfeind der Verleger, Google. Zudem lernen wir, dass es spätestens ab Dezember keine Newsletter mehr bei WhatsApp geben wird und die Politik an neuen Regeln für Influencern arbeitet. Wir wünschen eine gute Lektüre und sagen Danke fürs Interesse, Simon und Martin



Google, Sündenbock und Lieblingsfeind der Verleger

Was ist: Im ersten Moment klingt es ganz harmlos: Die New York Times berichtet über eine Studie, der zufolge Google im vergangenen Jahr 4,7 Milliarden Dollar mit Inhalten der Verlage eingenommen habe.

Warum das problematisch ist: Hinter der "Studie" steckt die News Media Alliance, also ein Verlegerband, der die Interessen von etwa 2000 US-Medien vertritt. Sie hat mit seriöser Wissenschaft nichts zu tun, die Methodik ist hanebüchen, das Ergebnis der Hochrechnung ein reines Zufallsprodukt – das zufälligerweise genau zur Anti-Tech-Kampagne der US-Verleger passt, die sich derzeit in Washington für stärkere Regulierung des Silicon Valleys einsetzen.

Darüber verliert die New York Times kein Wort. Sie zitiert ausschließlich Verlegervertreter und hat es nicht einmal für nötig gehalten, ein Statement von Google einzuholen. Anders ausgedrückt: Die renommierteste Zeitung der Welt, die für Millionen Menschen den Inbegriff des vielbeschworenen Qualitätsjournalismus darstellt, wirft ausgerechnet dann alle journalistischen Standards über Bord, wenn es um die Interessen der eigenen Branche geht.

Worauf die Zahl beruht: Im Jahr 2008 sagte Googles damalige Vize-Chefin Marissa Mayer bei einem Fortune-Lunch, dass Google News etwa 100 Millionen Dollar zum Jahresumsatz des Unternehmens beitrage. Bereits diese Angabe ist hoch spekulativ: Google News ist werbefrei, wirft also keine direkten Einnahmen ab. Mayer ging davon aus, dass Menschen, die Google News nutzen, öfter mit Google nach anderen Inhalten suchen – und dabei Anzeigen sehen. Die News Media Alliance nahm diese hingeworfene, elf Jahre alte Behauptung, und rechnete sie auf das Jahr 2018 hoch. Da Googles Umsatz um einen bestimmten Multiplikator gestiegen sei, müsse auch der mit Google News erwirtschaftete Umsatz entsprechend zugenommen haben.

Ein kompaktes Debunking dieses groben Unfugs liefert Joshua Benton beim Nieman Lab, deutlich ausführlicher nimmt Thomas Baekdal die "Studie" auseinander.

Be smart: Man könnte es als schlampiges Handwerk abtun. Doch damit ist es nicht getan: "Der NYT-Text ist nichts weniger als ein Skandal", schreibt Frederik Fischer auf Facebook. "Man kann nicht Trump für seine Lügen schelten und selbst – ausgerechnet bei einem Text der das eigene Geschäft betrifft – so massiv schlampen bzw. im schlimmsten Fall bewusst Meinungen manipulieren."

Das Vorgehen der New York Times erinnert an die Lobbykampagne der deutschen Verleger, die bei ihrem Kampf für das Leistungsschutzrecht auch nicht vor schamlosen Lügen zurückschrecken. Das ist fatal, weil sich Medien damit unglaubwürdig machen und ihre eigene Position schwächen. Denn es gibt ja durchaus gute Gründe, die Tech-Branche stärker zu regulieren, einzelne Unternehmen zu entflechten und Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft umzuverteilen. Wer das will, braucht aber gute Argumente und sollte auf durchsichtige Propaganda verzichten.

Autor: Simon Hurtz



Social Media & Politik

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Offener Brief: Mehr als hundert Forscher, Informatiker, Bürgerrechtler und Verbände wenden sich mit einem offenen Brief an das Innenministerium, um vor den Konsequenzen zu warnen, die der geplante Eingriff in die Verschlüsselung von Messengerdiensten hätte. So würden sich womöglich autoritäre Staaten Deutschland zum Vorbild nehmen, würde die Bundesregierung eine echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verbannen. SPON hat mehr zum Thema.

Bundestag goes Instagram: Der Ältestenrat des Deutschen Bundestags hat sich dafür ausgesprochen, auch Social Media zu wagen. Mehr Personal wolle man dafür aber nicht einstellen. Das wird bestimmt total super.



Facebook dreht die Graph-Search ab

Was ist: Seit vergangener Woche ist es deutlich schwerer, Facebook gezielt zu durchsuchen. Ohne Vorwarnung und ohne öffentliche Kommunikation hat das Unternehmen die Graph-Search stark beschnitten. Zahlreiche sogenannten OSINT-Werkzeuge (Open Source Intelligence) sind damit unbenutzbar.

Warum das wichtig ist: Die Graph-Search ist eines der am meisten unterschätzten Facebook-Tools. Die Schnittstelle ist viel mächtiger als die normale Keyword-Suche direkt auf Facebook. Damit lässt sich zum Beispiel gezielt nach Nutzerïnnen suchen, die in Berlin wohnen, sich für den FC Bayern interessieren, die AfD gelikt und am CSD teilgenommen haben (okay, die Schnittmenge dürfte klein sein, aber das Prinzip wird deutlich).

Wie sich das auswirkt: Die bekanntesten OSINT-Seiten sind komplett abgeschaltet oder unbrauchbar. Dazu zählen IntelTechniques (der Bereich mit den Facebook-Werkzeugen wurde entfernt), StalkScan und die Seiten des Investigativ-Journalisten Henk van Ess.

Was die OSINT-Community sagt: Die Kritik ist laut und harsch. Joseph Cox (Motherboard) und Craig Silverman (Buzzfeed) fassen die wichtigsten Reaktionen zusammen. Alexa Koenig vom Human Rights Center der Universität Berkeley nennt Facebooks Entscheidung ein "Desaster" für Ermittlerïnnen und Journalistïnnen, die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aufdecken. Ähnlich äußern sich Sam Dubberley von Amnesty International, Eliot Higgins, Gründer der Investigativ-Organisation Bellingcat, und weitere Investigativ-Reporter wie Paul Myers von der BBC.

Was Facebook sagt: Die "große Mehrheit" der Nutzerïnnen durchsuche Facebook mit der normalen Keyword-Suche, weshalb man einige Aspekte der Graph-Search "pausiert" habe, um die Standard-Suche auf Facebook selbst zu verbessern. Angeblich arbeite Facebook eng mit den Forschern und Journalisten zusammen, um ihnen die nötigen Werkzeuge zur Verfügung zu stellen. Warum sich die Keyword-Suche nur verbessern lässt, wenn man gleichzeitig die Funktionalität der Graph-Search beschneidet, sagt Facebook nicht.

Be smart: Bis zu einem gewissen Grad ist Facebooks Entscheidung verständlich. Tatsächlich wurde die mächtige Suchfunktion für zwielichtige Zwecke missbraucht. Sie findet zwar nur Inhalte, die ohnehin öffentlich waren – aber viele Nutzerïnnen sind sich nicht bewusst, was sie in sozialen Medien preisgeben, und die Kombination verschiedener Merkmale kann die Privatsphäre gefährden.

Die Art und Weise, wie Facebook vorgeht, ist aber allemal kritikwürdig. Warum wurden seriöse Forscherïnnen nicht vorher benachrichtigt? Was ist das für ein seltsames, nichtssagendes Statement des Facebook-Sprechers? Weiß Facebook nicht, dass Ermittlerïnnen darauf angewiesen sind, soziale Medien durchsuchen zu können, um Verbrechen aufzudecken und aufzuklären?

Es gibt aber Anlass zur Hoffnung, wie Eoghan Sweeney feststellt: "I don’t want to conclude on a note of doom and pessimism. Investigators and journalists are used to facing setbacks — finding solutions comes with the territory. OSINT Essentials is, at its heart, a toolbox. I always tell trainees knowledge, creativity and determination will take them farther than any automated solution." Seine Seite ist eine gute Anlaufstation, um sich mit den OSINT-Werkzeugen vertraut zu machen und (nicht nur) Facebook zu durchsuchen.

Autor: Simon Hurtz



Kampf gegen Desinformation

“Deepfake“ von Mark Zuckerberg: Du erinnerst dich bestimmt noch an das Pelosi-Video, das Facebook nicht entfernen wollte, oder? (Briefing #551) Nun, vor einigen Tagen wurde ein „Deepfake“ von Mark Zuckerberg bei Instagram gepostet, das Zuckerberg über Milliarden von geklauten Datensätzen und (seine) Optionen, die Zukunft zu kontrollieren, sprechen lässt. Vice berichtet, dass dahinter zwei Künstler und eine Werbeagentur stecken. Mal schauen, ob Facebook Inc das Video online lässt. Fact-Checker sind bereits informiert.

Next Level „Deepfaking“: Ein interdisziplinäres Team von Forschern der Stanford University, des Max Planck Instituts für Informatik, der Princeton University und Adobe Research zeigen, wie der nächste Schritt des „Deepfaking“ aussehen kann. Sie haben ein Tool entwickelt, mit dem sich „Deepfakes“ per Text-Edit kreieren lassen: einfach bei Video-Aufnahmen gesagte Wörter löschen, hinzufügen oder auch die Reihenfolge der gesprochenden Wörter ändern. Natürlich noch nicht für jedermann zu haben, aber trotzdem ziemlich heftig. Über potentiellen Missbrauch sind sich die Forscher durchaus im Klaren. Aber, was raus muss, muss raus. Yikes. Das Witness Media Lab hat bereits vor ein paar Monaten elf Regeln zum Umgang mit „Deep Fakes“ formuliert – wie es scheint, werden die Hinweise von Woche zu Woche relevanter.



Keine WA-Newsletter mehr ab Dezember

Was ist: Facebook hat bei der Newsgeist-Konferenz erklärt, dass alle Unternehmen, die WhatsApp-Newsletter anbieten, gegen die AGBs verstoßen. Ab dem 7.12.2019 gibt es laut WhatsApp dafür sogar richtig auf die Mütze.

Warum ist das interessant? Newsletter per WhatsApp zu verschicken, gehört mittlerweile in vielen Medienhäusern zum Standard. Aber nicht nur dort. Auch Unternehmen – etwa aus der Retail-Branche – nutzen gern die Option, per WA-Newsletter auf neue Produkte aufmerksam zu machen.

Warum unterbindet Facebook den WA-Newsletter-Versand? Nun, es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Facebook dem Versand von Newslettern via WhatsApp final einen Riegel vorschieben würde. Mit Blick auf die Verbreitung von Desinformationen via WA und mit Blick auf das erklärte Ziel, WhatsApp zum direkten Konsumenten-Business-Kanal auszubauen (also One-to-One, nicht One-to-Many), scheint der Versand von Newsletter kontraproduktiv fürs Geschäft.

Was ist mit professionellen Dienstleistern wie Messenger People? Die Kollegen aus München haben dazu ausführlich Stellung bezogen – hier nachzulesen. Im Kern lautet die Botschaft: bis zum 7.12.2019 ist der Versand von WA-Newslettern für Messenger-People-Kunden ok. Danach ist damit Feierabend. Überhaupt wolle man sich primär auf die Themen Kundenservice und Engagement konzentrieren.

Be smart: Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass es nicht besonders schlau ist, Ressourcen nur auf fremdem Terrain zu investieren.



Social Media & Wirtschaft

Hashtag Anzeige: Die Politk möchte laut ZDF Rechtssicherheit für Influencer schaffen. Schließlich, so die Erkenntnis, würden da ja zahlreiche junge Menschen versuchen, sich eine Existenz aufzubauen. Und da könne es nicht sein, dass aus lauter Angst vor Abmahnungen, jeder Post mit den Hashtags Anzeige / Werbung versehen würde. So könne ja nie jemand nachvollziehen, wann es sich um ein bezahltes Posting handelt und wann nicht. Ein entsprechendes Gesetz müsse zwar erst noch mit anderen Ministerien abgestimmt werden, eine Regelung "noch in dieser Legislaturperiode" sei aber möglich.



Zahlen, bitte

Internet Report: Der alljährliche Internet Trends Report ist da. Was die Multi-Millionärin Mary Meeker in ihrer 333-Slide-Präsentation dieses Jahr zum besten gibt, muss ich mir noch einmal genauer anschauen. Klar ist jedoch, dass sie mit ihrem nagelneuen Milliarden-Investment-Fond davon auch profitieren möchte. Speaking of which: Wie glaubhaft ist eigentlich so ein Trend-Report, wenn das Unternehmen, das den Report liefert, selbst in Twitter, Snap, Uber, Square, Spotify, Stripe, Slack, Pinterest, Door Dash, Facebook – um nur einige zu nennen – investiert? Ich stelle bloß Fragen.

Animation: Anscheinend hat diese Art der Animation gerade Konjunktur – aber ist ja auch ganz hübsch anzuschauen: der Auf- und Abstieg von Social-Media-Pattformen von 2002 bis 2018.



Neues von den Plattformen

Facebook

  • Überwachung gegen Geld, die Zweite: Im Januar gab es großen Wirbel, als klar wurde, dass Facebook Teenager bezahlte, um deren Smartphones überwachen zu dürfen (Briefing #520). Nachdem Facebook die besagte App, Onavo, mittlerweile dicht gemacht hat, legt Facebook nun eine neue App (Study) vor, die ebenfalls Nutzer für Geld überwachen soll – allerdings erst ab 18 Jahren und zumindest vom ersten Eindruck her sehr viel transparenter.


Tipps, Tricks, Apps

Dropbox stellt sich breiter auf: Bislang war Dropbox vor allem für seine Cloud-Speicherdienste bekannt. Jetzt möchte sich Dropbox für die Zukunft neu aufstellen und für kollaboratives Arbeiten empfehlen. TechCrunch hat den Überblick, was man mit Dropbox künftig alles machen kann – sieht ganz spannend aus.



One more thing

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, erklärt in einem Bild.



Header-Foto von Benjamin Hung bei Unsplash