Jahresbilanz NetzDG, Instagrams Maßnahmen zur Suizid-Prävention, Facebooks 15. Geburtstag

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 521. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Die vergangene Woche endete turbulent: Techcrunch enthüllte, dass Facebook Teenager bezahlte, um deren Smartphones überwachen zu dürfen – wenige Stunden später legte Zuckerberg neue Quartalszahlen vor: 6,9 Milliarden Dollar Gewinn, allen Datenskandalen zum Trotz (mehr dazu in Briefing #520). Diese beiden Themen produzierten auch übers Wochenende neue Schlagzeilen. Außerdem schauen wir uns die Jahresbilanz des NetzDGs an, erklären Instagrams Maßnahmen zur Suizid-Prävention, sammeln Links zum 15. Geburtstag von Facebook und schließen das Briefing mit einem Überblick neuer Plattform-Features ab. Habt eine gute Woche, Simon.



Apple maßregelt Facebook und Google (aber nur ein bisschen)

Was war: Kurzer Recap: Facebook lockte Nutzer mit finanziellen Anreizen in ein "Forschungsprogramm", bei dem sie eine VPN-App installierten und Facebook nahezu unbegrenzten Zugriff auf ihr Smartphone gaben. Die Installation per Sideload umging Apples Datenschutz-Auflagen für den App-Store – und missbrauchte schamlos die Bedingungen für Enterprise-Sicherheitszertifikate, die nur für Mitarbeiter des eigenen Unternehmens und nicht für 13-35-jährige Testkaninchen gedacht sind. Daraufhin entzog Apple Facebook alle Zertifikate, zwischenzeitlich funktionierten keinerlei interne iOS-Apps mehr, Mitarbeiter waren wütend, Chaos brach aus. Allerdings nur zwei Tage lang, denn Apple schaltete Facebook bald wieder für das Enterprise-Developer-Program frei.

Was war noch: In all der (berechtigten) Aufregung ging etwas unter, dass Google, ebenfalls zu Marktforschungszwecken, eine vergleichbare VPN-App anbot – auch das ein dreister Verstoß gegen Apples Richtlinien. Der öffentliche Aufschrei blieb in diesem Fall fast völlig aus. Mit einem Jahr voller Skandale hat sich Facebook den Status als Prügelknabe der Tech-Reporter aber auch redlich verdient.

Was andere schreiben: Ich habe den Fall im vergangenen Briefing bereits ausführlich behandelt. Deshalb beschränke ich mich an dieser Stelle darauf, kluge Einordnungen und Analysen zu empfehlen:

  • Für Scott Rosenberg zeigen die Machtspielchen, dass Tech-Unternehmen die neuen Gatekeeper sind: Apple kontrolliert unsere Smartphones, Facebook kontrolliert unseren Zugang zu anderen Menschen, Google kontrolliert unseren Zugang zu Informationen, Amazon kontrolliert unseren Zugang zu Waren und viele Dienstleistungen. (Axios)
  • Apple hat vergleichsweise milde reagiert und Facebooks offizielle Apps im Apple-Store unangetastet gelassen – weil die beiden Unternehmen aufeinander angewiesen sind. (The Verge)
  • Zu einem ähnliches Schluss kommt Lisa Hegemann, die noch ausführlicher auf die gegenseitigen Abhängigkeiten eingeht und die Posse als "symbolischen Streit" bezeichnet. (Zeit)
  • Wenn Tim Cook seine Privatsphäre-Beteuerungen wirklich ernst meine, müsse es Facebook härter anpacken und alle Apps aus dem Apple-Store werfen, schreibt Kevin Roose. Das sei nötig, um Facebook Grenzen aufzuzeigen. (New York Times)
  • Das Editorial-Board derselben Zeitung sieht den Fall als endgültige Bestätigung, dass informierte Zustimmung eine Illusion ist. Kaum jemand wisse, worauf er sich einlasse, wenn er Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärungen abnicke. Deshalb brauche es neue, schärfere Gesetze. (New York Times)


Ein Jahr NetzDG: Die Zwischenbilanz

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Was ist: Ende Januar mussten alle Unternehmen, die vom Netzwerkdurchsetzungsgesetz betroffen sind, ihre sogenannten Transparenzberichte veröffentlichen. Damit sollen sie Rechenschaft ablegen, ob sie den Anforderungen des Gesetzes nachkommen, und den Umgang mit Beschwerden nachvollziehbar machen.

Netzwerkdurchsetzungsgesetz? Das NetzDG ist Anfang 2018 in Kraft getreten und verpflichtet Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube, strafbare Inhalte innerhalb bestimmter Fristen zu löschen. Bei wiederholten Verstößen drohen hohe Bußgelder. Vor einem Jahr war die Aufregung groß: Rechtspopulisten sprachen vom Zensur-Gesetz und arbeiteten sich am damaligen Justizminister Heiko Maas ab. Grüne, Liberale und Linke warnten davor, privaten Unternehmen staatliche Aufgaben zu übertragen. Außerdem sei das Gesetz schlecht konstruiert und könne durch falsche Anreize sogenanntes Overblocking auslösen: Um Strafen zu vermeiden, löschen die Plattformen im Zweifel zu viel, statt sorgfältig zu prüfen.

Was die Berichte enthalten: Wenig Spektakuläres. Im Wesentlichen bestätigen sie die Tendenzen der Halbjahres-Zwischenberichte. Auffällig ist, wie wenig Löschanfragen Facebook erhält: 500 Mal wurde Beschwerde eingelegt, insgesamt ging es um 1048 Inhalte. Das ist nicht nur ein Rückgang um fast 40 Prozent im Vergleich zu den ersten sechs Monaten, sondern vor allem signifikant weniger als bei Youtube und Twitter (PDF), bei denen jeweils mehr als 250.000 Anfragen eingingen. Die Diskrepanz erklärt sich durch das Verfahren: Der Meldevorgang ist bei Facebook deutlich komplizierter (böse Zungen sagen: Facebook hat die Option so gut versteckt, dass sie eh niemand findet), außerdem muss man seinen Klarnamen angeben. Bei Youtube und Twitter reichen wenige Klicks. Facebook löscht etwa ein Drittel der gemeldeten Inhalte, Youtube ein Viertel, Twitter gerade einmal neun Prozent. Wer mehr wissen will, liest die ausführliche Analyse von Max Hoppenstedt für Spiegel Online.

Be smart: War die ganze Aufregung umsonst? Ist das NetzDG womöglich doch ein sinnvolles Gesetz, das den Hass im Netz wirksam bekämpft? Diese Aussage lassen die Berichte nicht zu. Zwar loben SPD und Union wenig überraschend ihr eigenes Machwerk, doch die Opposition ist nicht überzeugt. "Trügerisch unspektakulär" nennt etwa Grünen-Politikerin Rößner die Berichte und fordert "dringende" Nachbesserungen. Tatsächlich ist es auf Grundlage der Berichte schwierig zu beurteilen, welche Auswirkungen das NetzDG bislang hatte. Dafür sind die Zahlen zu vage, und es fehlen Vergleichswerte. Offenbar hat es bislang nicht jene katastrophalen Folgen, die manche befürchtet hatten. Aber ob es das Diskussionsklima im Netz verbessert oder doch die Gefahr des Overblockings birgt, wird sich frühestens in drei Jahren zeigen, wenn das Gesetz evaluiert werden soll.



Factchecker verzweifelt gesucht

Ausgecheckt: Seit Ende 2016 arbeitet Facebook mit einer Reihe von Medien und Organisationen zusammen, die Falschinformationen identifizieren und Facebook-Posts mit Links auf irreführende oder erfundene Artikel markieren sollen. Dazu gehörte bislang auch Snopes, das 2017 dafür 100.000 Dollar von Facebook kassierte. Doch jetzt ist Schluss: "Es sieht nicht so aus, als gehe es darum, den Verlagen die Arbeit zu erleichtern", sagt Vize-Chef Vinny Green. "Es wirkt so, als machten wir es nur einfacher für Facebook." Darauf hat Snopes keine Lust mehr. Auch die Nachrichtenagentur AP war zwischenzeitlich ausgestiegen und verhandelt derzeit mit Facebook, ob sie die Arbeit 2019 fortsetzt. Bereits im Dezember hatte der Guardian berichtet, dass etliche Journalisten, die für Facebook Fakten prüfen, unzufrieden und frustriert seien.



Suizid-Prävention: Instagram verspricht Maßnahmen, um Jugendliche zu schützen

Besserer Schutz: 2017 nahm sich die damals 14-jährige Molly Russell das Leben. Daran seien auch die Darstellungen von Selbstverletzungen und Suiziden schuld gewesen, die Russell auf Instagram gesehen habe, sagen ihre Eltern. Im Januar schaltete sich der britische Gesundheitsminister ein und forderte Social-Media-Plattformen auf, minderjährige Nutzer vor gefährlichen Inhalten zu schützen. Jetzt meldet sich der neue Instagram-Chef Adam Mosseri zu Wort. In einem Gastbeitrag für den Telegraph gesteht er Versäumnisse ein und kündigt mehrere Maßnahmen an: Instagram habe Entwickler und Content-Moderatoren ausgebildet, um potenziell schädliche Inhalte früher zu erkennen. Diese würden entweder entfernt oder mit Filtern versehen, sodass Nutzer explizit einwilligen müssen, wenn sie die Fotos und Videos sehen wollen. Außerdem werden entsprechende Hashtags geblockt und Autovervollständigungen unterbunden.



Linksammlung zu 15-Jahre-Facebook

Jahrestage sind den meisten Menschen egal. Das wiederum ist Journalisten egal, die Stichtage und Jubiläen zum Anlass nehmen, all die Longreads und Analysen zu veröffentlichen, die sie schon immer schreiben wollten. Ob sie auch jemand lesen will, scheint dabei manchmal nicht so wichtig zu sein. Jedenfalls haben zahlreiche Medien ihre vermeintliche Pflicht erfüllt und würdigen Facebooks halb-runden Geburtstag. Eine Auswahl der interessanteren Texte:

  • Facebook und die Medien: die 10 wichtigsten Momente (Nieman Lab)
  • Facebook und die Welt: die 15 wichtigsten Momente (Wired)
  • Hat Facebook die Welt zu einem besseren Ort gemacht? 15 digitale Vordenker äußern sich, darunter Sherry Turkle, Malcom Gladwell und Steven Pinker (Vox)
  • 15 Jahre Facebook sind 15 Jahre Wachstum, Wachstum, Wachstum – eine grafische Aufbereitung (Recode)
  • Facebook hat das Sozialleben grundlegend verändert, weil es Beziehung am Leben erhält, die sonst längst verödet wären (The Atlantic)
  • Und natürlich lässt es sich auch der Chef höchstpersönlich nicht nehmen, die vergangenen 15 Jahre Revue passieren zu lassen: 6000 Zeichen, viele salbungsvolle Worte, nicht ganz so viel Erkenntnisgewinn (Mark Zuckerberg)


Neues von den Plattformen

Snapchat

  • Snaps, die bleiben: Die Hölle friert zu: Snapchat denkt über Snaps nach, die nicht automatisch verschwinden (Reuters)

WhatsApp

  • Mehr Sicherheit: iOS-Nutzer können ihre Whatsapp-Chats bald mit Face-ID oder Touch-ID sichern (Techcrunch)

Facebook

  • Internet für alle: Facebook will seine Wlan-Access-Points in weiteren Entwicklungsländern anbieten und expandiert nach Ghana – ganz uneigennützig, versteht sich (Golem)

YouTube

  • Kampf gegen Mobs: Youtube testet verschiedene Möglichkeiten, um "Dislike-Mobs" zu verhindern, bei denen Scharen von Nutzern bestimmte Videos gezielt abwerten (9to5Google)
  • Explore-Tab: Youtube kopiert Instagram und weitet den Test des Explore-Tabs aus, der personalisierte Empfehlungen anzeigt (Techcrunch)

Twitter

  • The Edit-Saga continues: Jack Dorsey erklärt, wie ein Edit-Button für Twitter funktionieren könnte: zeitlich begrenzt und mit transparentem Überarbeitungsverlauf, um Missbrauch zu verhindern (The Verge)


One more thing

Danke! Wir durften gestern das erste Mal in den Tagesthemen ein Thema einordnen. Diese Chance wäre uns nicht gegeben, wenn wir nicht mit Euch so viele LeserInnen gefunden hätten, die uns ihr Vertrauen schenken. Herzlichen Dank für das Interesse und die Wertschätzung, Martin



Header-Foto von Florian Wehde bei Unsplash