Panikmache bei YouTube um Artikel 13, Facebooks Rolle in Myanmar, TikTok Downloads

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Salut und herzlich Willkommen zur 501. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute blicken wir auf die Panik bei YouTube rund um Artikel 13, Facebooks Mitverantwortung bei der Gewalt gegen die Rohingya in Myanmar und TikToks Zuwachs an Popularität. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse, Simon und Martin



Facebook trägt Mitverantwortung an Gewalt gegen Rohingya

Was ist: „Facebook ist zu einer nützlichen Plattform für diejenigen geworden, die Gewalt anstacheln und offline Schaden anrichten wollen“ – dieses Zitat stammt aus dem Untersuchungsbericht „Human Rights Impact Assessment: Facebook in Myanmar“, der von der unabhängigen Non-Profit-Organisation BSR (Business for Social Responsibility) im Auftrag von Facebook erstellt wurde.

Warum ist das interessant? In einem Bericht der UN wurde bereits deutlich, dass soziale Medien die brutale Vertreibung der Rohingya in Myanmar katalysiert hatten – allen voran durch Facebook, da die App mit rund 20 Millionen Nutzern das wichtigste Kommunikationsmittel in Myanmar ist. Jetzt wurde dieser Verdacht erhärtet.

Was folgt daraus? Die BSR nennt eine ganze Reihe von Handlungsempfehlungen, die Facebook anstrengen sollte – darunter z.B.

  • Aufbau einer Präsenz von Facebook in Myanmar (bislang hat Facebook weder Büro noch Mitarbeiter im Land)
  • Verstärkung der Content Moderatoren (insbesondere hinsichtlich der sprachlichen Fähigkeiten)
  • Entwicklung von speziellen Community Standards, die der kulturellen und politischen Situation in Myanmar gerecht werden

Be smart: Facebook hat die Untersuchungsergebnisse am Vorabend der Midterm-Wahlen publiziert (Facebook Newsroom). Der Termin lässt erahnen, wie wenig Facebook daran interessiert ist, dass über den Report all zu viel berichtet wird. Genau das sollte aber geschehen: es ist elementar für Gesellschaften weltweit, darüber nachzudenken, wie groß der Einfluss von privaten Kommunikationsunternehmen auf Demokratien sein kann. Es darf meinem Verständnis nach nicht sein, dass Unternehmen wie Facebook Wachstum und Werbeumsätze einsacken, die Kosten dafür aber in Form von gesellschaftlichen Kollateralschaden verallgemeinern.

Realitätscheck: Wie wenig Facebook daran interessiert ist, sich dieser Diskussion vollumfänglich zu stellen, zeigt die kaltschnäuzige Absage Zuckerbergs an die britische Regierung, nicht mit Vertretern der Länder Großbritannien, Kanada, Argentinien, Australien und Irland über „Fake News“ und Privatsphäre-Skandale sprechen zu wollen (AP News).



Social Media und die Midterms

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Was ist: Die sogenannten Midterms scheinen nicht im selben Ausmaß von Desinformationskampagnen betroffen gewesen zu sein wie die US-Wahlen 2016 – so lautet jedenfalls das erste (mit Vorsicht zu genießende) Zwischenergebnis, das sowohl die führenden US-Social-Media-Unternehmen als auch Journalisten ziehen.

Warum ist das interessant? Seit bekannt wurde, dass russische Akteure (allen voran die sogenannte Internet Research Agency) und kommerzielle Unternehmen, die zu Unrecht Millionen Nutzerdaten verwendeten (Cambridge Analytica), die US-Wahlen 2016 zu beeinflussen versuchten, standen Facebook, Twitter, Reddit und Google massiv unter Beobachtung. So etwas, dürfe nie wieder passieren, waren sich Politiker, Beobachter und Tech-Unternehmer einig.

Gab es denn gar keine Vorfälle? Doch, doch, jede Menge. Es gab Desinformationen bezüglich der Wahlmodalitäten oder der Wahllokale. Es gab die Versuche aus beiden Lagern, Desinformationen über die jeweils anderen Lager zu streuen. Es gab wohl sogar erneut Versuche seitens der bereits bekannten Internet Research Agency, die US-Gesellschaft gegeneinander aufzubringen (New York Times) – Facebook hatte noch am Vorabend der Wahl mehrere Dutzend Accounts von der Plattform genommen (The Verge).

Vor allem aber… haben US-Bürger selbst dafür gesorgt, Zwietracht und Hass zu sehen – ganz nach dem Vorbild der Desinformationskampagnen, die von der US-Präsidentschaftswahl 2016 bekannt sind (Washington Post).

Go deep: Wer sich richtig intensiv mit der Schnittstelle Social Media / US-Wahlen beschäftigen möchte, dem seien diese drei Medium-Posts von Jonathan Albright empfohlen:

Übrigens: Eigentlich hätte Facebook gestern schärfere Regeln für politische Werbung in Großbritannien einführen sollen. Wir erinnern uns: auch bei der Brexit-Abstimmung hatten Desinformationen in sozialen Netzwerken eine große Rolle gespielt. Facebook hat die Verschärfung der Regeln aber nun erst einmal vertagt (Guardian).



Artikel 13 ist Mist, aber Youtube wird nicht sterben

Was ist: Ende Oktober warnte Youtube-Chefin Susan Wojcicki, dass die geplante EU-Urheberrechtsreform womöglich dazu führe, dass künftig nur noch "eine kleine Zahl großer Firmen" Inhalte auf der Plattform veröffentlichen könnte (YouTube Creators). Damit hat sie Youtuber in helle Aufregung versetzt. Seit Tagen machen sie mobil und schüren Panik. Videos wie "Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt" wurden millionenfach angesehen. Allein unter diesem Video haben mehr als 50.000 Nutzer kommentiert, schimpfen auf die EU und fordern dazu auf, eine Petition gegen Artikel 13 zu unterzeichnen.

Worum es geht: Artikel 13 ist Teil einer umstrittenen Reform, mit der die EU das Urheberrecht in allen Mitgliedsstaaten ans digitale Zeitalter anpassen will. Aktuell befindet sich der Text in den sogenannten Trilogverhandlungen. Das heißt, dass sich Rat, Kommission und Parlament auf den genauen Wortlaut einigen. Die Reform enthält viele sinnvolle Vorschläge, aber auch einige wenig ausgereifte Passagen. Besonders umstritten sind Artikel 11 (Leistungsschutzrecht) und 13. Letzterer macht bestimmte Online-Plattformen direkt haftbar, wenn Nutzer Inhalte hochladen, die Rechte Dritter verletzen. Bislang gilt für diese Plattformen das Providerprivileg, sie müssen also erst tätig werden, wenn sie Kenntnis über den Rechtsverstoß erlangen, weil die Rechteinhaber sie darauf hinweisen.

Droht Youtube das Aus? Kurz gesagt: nein. Bereits Wojcicki hat in ihrem offenen Brief zugespitzt, die Youtuber übertreiben maßlos und verbreiten teilweise falsche Tatsachen. Für Motherboard hat Sebastian Meineck zusammengefasst, wie die Youtuber mit den Ängsten ihrer Fans spielen (Vice Deutschland). Aber auch die Entgegnung der EU-Kommission ist einseitig (Facebook / EU Kommission). Sie weist alle Kritik an der Reform von sich und betont, dass die EU lediglich wolle, dass Urheber stärker an der Wertschöpfungskette teilhaben und nicht alles bei den Plattformen hängenbleibt. Eine ausgewogene Analyse liefert Friedhelm Greis, der die Lobbyschlacht ums Urheberrecht nachzeichnet (Golem).

Be smart: Den aktuellen Verhandlungsstand gibt es im Blog von Julia Reda. Die Piratenpolitikerin lehnt die Reform strikt ab und hat mir im Sommer erklärt, warum sie Upload-Filter für "Zensurmaschinen" hält (SZ). Möglicherweise kommt es nicht ganz so schlimm, wie Reda befürchtet – als Politikerin weiß sie, wie PR funktioniert, und nutzt gern drastische Worte und Worst-Case-Szenarien. Artikel 13 ist aber tatsächlich problematisch und könnte das Gegenteil von dem bewirken, was die Reform-Befürworter beabsichtigen: weniger Vielfalt, weniger Kreativität, weniger Netzkultur. "Upload-Filter sind eine Schnapsidee", habe ich kommentiert, als das Parlament über den damaligen Entwurf abstimmte (SZ). Der Text wurde an einigen Stellen überarbeitet und teils entschärft, aber Artikel 13 tut weder Urhebern noch Nutzern einen Gefallen.

Autor: Simon Hurtz



Als einmal TikTok Facebook, Instagram und YouTube überholte

Was ist: Die chinesische Social Media App TikTok hat an einigen Tagen im Oktober sowohl Facebook, als auch Instagram, YouTube und Snapchat in den USA in Sachen Downloads überholt (Techcrunch).

Warum ist das interessant? Es unterstreicht einerseits eine gewisse Sättigung, die im US-Markt hinsichtlich der klassischen Social-Media-Apps zu beobachten ist. Andererseits zeigt es, dass spannende, neue Apps eben doch eine Chance haben, die Großen herauszufordern.

Was ist TikTok? Die App stammt aus dem Hause ByteDance und ist ein Hybrid aus der in Deutschland vor allem durch die Zwillinge Lisa & Lena bekannten App Musically und der chinesischen App TikTok. Musically wurde nach der Übernahme durch ByteDance in TikTok integriert (Variety). Die App ist vor allem in der jungen Zielgruppe populär und für ihre kurzen Videos bekannt.

funk mit eigener Show: Das Gemeinschaftsprojekt von ARD und ZDF, Funk, hat bereits die Zeichen der Zeit erkannt und bietet auf TikTok die erste deutsche Show an – genauer gesagt: Tanz-Tutorials zu populären Songs (Presse / Funk).

Be smart: Das kann alles auch nur eine Momentaufnahme sein. Wenn ich jedoch gefragt werde, welcher App ich persönlich in Deutschland neben den üblichen Verdächtigen eine Chance einräume in den kommenden Jahren, dann ist es sicherlich eher TikTok als WeChat.



Innovatives Erzählformat bei Instagram

Die Kollegen von ZDF Digital haben mich auf ein Projekt aufmerksam gemacht, das ich an dieser Stelle gern mit Euch teilen möchte. Jonas Schlatterbeck, Social-Media-Verantwortlicher bei ZDF Digital, schreibt:

Ab dem 11.11. (100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs) spielen wir auf dem Instagram-Account von ZDFinfo zwei Wochen lang die erste dokufiktionale Graphic Novel für Instagram: Ludwig & Luise. Ludwig lebt in Berlin, Luise in München – durch die Briefwechsel der Protagonisten werden die Verwerfungen der jungen Weimarer Republik wieder lebendig. Zeitgeschichte trifft Liebesgeschichte. Der Clou an der Herangehensweise: Der Briefwechsel wurde speziell für den Smartphone-Bildschirm konzipiert, lässt den User selbst die Erzählgeschwindigkeit per "Tap" steuern und verbindet Wissenskommunikation mit modernen Social-Media-Elementen und seriellem Erzählen.

Einen kleinen Einblick in die Themen- und Bilderwelt bekommt man hier (Instagram TV). Für mich ist das ein tolles Beispiel dafür, was auf den Plattformen alles angestellt werden kann. Dazu zählt etwa auch die jüngst veröffentliche Erzählung von James Patterson, die speziell für Facebooks Messenger konzipiert wurde (Popular Science). Social Media kann halt auch sehr, sehr cool sein!



Empfehlung fürs Wochenende

Mission Wahrheit: Auf Arte ist eine fantastische Dokumentation über die New York Times zu sehen. Ein Jahr lang begleitete die "Emmy"-Gewinnerin und "Oscar"-nominierte Regisseurin Liz Garbus Redakteure der Times bei ihrer Berichterstattung über Trump und seine Regierung. (Arte). Darüber hinaus lernt der Zuschauer auch eine Menge über den Umbau der New York Times und die Herausforderungen im digitalen Zeitalter. Zitat von Mark Thompson, CEO der @nytimes, über den Umbau der Zeitung:

Ich bin wie ein Chirurg, der bis zu seinem Ellenbogen im Blut steckt. Man muss drastische Maßnahmen ergreifen, sonst stirbt der Patient. Aber wenn man das schafft, hat der Patient eine Überlebenschance.



Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • IGTV in Stories: Fortan können Inhalte von Instagram TV in Instagram Stories beworben werden. (Twitter / Instagram)

Facebook

  • Messenger: Nutzer können jetzt in einem Zeitfenster von zehn Minuten ihre Nachricht beim Messenger zurückziehen. (The Verge)


VOCER Innovation Day

Kurzer Reminder: Am Samstag darf ich beim VOCER Innovation Day über die Arbeit beim Social Media Watchblog sprechen. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich dort viele von Euch einmal persönlich treffen könnte. Solltest Du also vor Ort sein, freue ich mich über ein Hallo! Manchmal sehe ich etwas grummelig aus, bin aber eigentlich immer ansprechbar 😊