Briefing für den 20.9.2018 | Ausgabe #488

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 488. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings. Heute widmen wir uns dem War Room auf Facebook, Instagrams neuer I-Voted-Kampagne und großartigen Ideen für ein besseres Twitter. Zudem gibt es belastbare Hinweise, dass die Homepage noch lange nicht tot ist. Ich wünsche eine angenehme Lektüre, bedanke mich für die Aufmerksamkeit und sage Tschüss bis übernächste Woche – nächste Woche übernimmt mein Kollege Simon Hurtz das Briefing. Merci, Martin



Kampf gegen Desinformationen

Was ist: Wenn es nach Facebook geht, befinden wir uns aktuell im Krieg – in einem Informationskrieg, um genau zu sein. Der Kampf gegen die Streuung von Desinformationen würde einem Wettrüsten ähneln, heißt es. Tweet für Tweet. Post für Post. Video für Video. Um den Kampf für sich zu entscheiden, baut Facebook derzeit einen sogenannten War Room. (New York Times) Viel martialischer geht es eigentlich kaum. Aber die Lage ist auch tatsächlich sehr ernst.

___STEADY_PAYWALL___

Warum ist das interessant? Nun ja, in einer Welt, in der theoretisch jeder via Social-Media-Plattform gehört werden kann, scheint es extrem schwierig, einen gemeinsamen Wissenskanon aufrecht zu erhalten. Ja mehr noch: um gegen die Flut an Desinformation anzukommen, die minütlich gepostet, geteilt und retweeted wird, scheinen bislang noch keine demokratischen Mittel gefunden. Gesellschaft, Politik, Journalisten und Technologie-Konzerne stehen somit gemeinsam vor einer gigantischen Aufgabe, wollen sie nicht die Weltgemeinschaft immer weiter auseinander driften sehen. Übrigens werden die Tech-Konzerne derzeit nicht müde, genau diese gemeinsame Verantwortung immer und immer wieder zu betonen.

Der größere Zusammenhang: Den Technologie-Plattformen, die via Hardware und Software die Werkzeuge dafür bereitstellen, sich Gehör zu verschaffen, dämmert immer mehr, dass sie sich nicht länger hinter der Argumentation verstecken können, sie seien neutrale Instanzen. Diese Mär hat zwar anfänglich dabei geholfen, sämtliche Regulierungsideen seitens der Politik abzuschütteln, ist nun aber wirklich nicht länger haltbar – zu groß ist die Bedeutung von Apple, Facebook und Google für den Fluss von Informationen in der westlichen Welt, zu sehr steuern sie durch ihre Geräte und Plattformen, welche Ideen und Meinungen zirkulieren. Zwei aktuelle Beispiele:

  • Dieser Report von Data & Society zeigt einmal mehr auf, wie etwa YouTube als Radikalisierungsmaschine (insbesondere für Rechts) dient.
  • Diese Analyse vom wunderbaren Karsten Schmehl zeigt, dass die erfolgreichsten YouTube-Views zu den Kundgebungen in Köthen von RT Deutsch, AfD-Aktivisten und Neuen Rechten stammen.

Die Rolle der Journalisten: Bei der ONA18-Tagung in den USA hat danah boyd (sie schreibt sich so) einen viel beachteten Vortrag zur Rolle von Journalisten bei der Verbreitung von rechtem Gedankengut und Verschwörungstheorien gehalten. Die Rede gibt es hier als Text und hier im Video. Ihre These: Wir Medienmacher haben uns austricksen lassen von den rechten Trollen dieser Welt. So würde ihre Taktik vor allem darin bestehen, die Medien dafür zu nutzen, ständig Grenzen zu überschreiten, Dinge in Frage zu stellen und neue Begriffe in den gesellschaftlichen Diskurs einzuführen. (Erinnert natürlich maximal an das Vorgehen der AfD.) Durch die journalistische Auseinandersetzung damit und die Widerlegung bestimmter Behauptungen aber würden entsprechende Themen überhaupt erst in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs eingeführt. Ihr Vorschlag daher: Verantwortungsvollerer Journalismus – oder wie es ein Kollege von BuzzFeed formuliert: defensiver Journalismus. Die Idee: Journalisten sollten noch viel stärker überprüfen, welche Auswirkungen ihre Arbeit haben kann. Das heißt nicht, dass bestimmte Themen nicht angefasst werden sollten. Es heißt aber sehr wohl, dass es vermutlich selten zuvor so wichtig war, maximal korrekt und umsichtig zu agieren.

Be smart: Zwar ist es durchaus angebracht, auf die Technologie-Plattformen zu zeigen, wenn es um die Frage geht, wer eine Verantwortung für die Verbreitung von Desinformationen trägt. Das kontinuierliche Hinterfragen des eigenen Handelns stand aber bislang auch noch jedem gut zu Gesicht.

Mehr zum Thema

  • Wie die rechte Szene mittels WhatsApp, YouTube und anderen Plattformen mobilisiert. Deutschlandfunk
  • Meine Fragen aus dem März an Facebook bezüglich der rechten Gruppen auf Facebook und Co. (Twitter)
  • Jack Dorsey im Interview mit Jay Rosen zu Twitters Zukunft und Twitters take on free speech (Recode)
  • Warum Facebook zurecht nicht an Grundrechte gebunden ist (netzpolitik)


Instagram will Nutzer zum Wählen motivieren

Was ist: Instagram führt in Kooperation mit TurboVote eine neue Kampagne ein, um mehr Menschen zum Wählen zu animieren. (The Verge)

Wie genau funktioniert das? Instagram wird Anzeigen im Feed und in Stories schalten, um Nutzer auf die Möglichkeiten aufmerksam zu machen, sich fürs Wählen zu registrieren. Zweitens wird Instagram am Election Day (wir reden hier zunächst von den Midterm-Elections in den USA) I-Voted-Story-Sticker bereitstellen.

Warum ist das interessant: Instagrams Mutterkonzern Facebook Inc hat bereits auf der hauseigenen Plattform erfahren können, wie effektiv es sein kann, wenn Nutzern angezeigt wird, dass Freunde bereits gewählt haben, respektive sich fürs Wählen registriert haben. Die wunderbare Kollegin Adrienne Fichter hat dies in einem ausführlichen Beitrag für die Republik beleuchtet. In a nutshell: Die Registrierungen erleben dann einen wahren Peak.

Das große Ganze: Da sich in den USA bei den letzten Wahlen die Kandidaten immer nur extrem knapp durchsetzen konnten, ist es für die politischen Akteure enorm wichtig, einerseits die eigenen Leute zu mobilisieren und andererseits, die Gegenseite davon abzuhalten, zur Wahl zu gehen.

Be smart: Facebook hat bislang mindestens in 66 Staaten die I-Voted-Funktion eingesetzt. Da Instagram derzeit einen unglaublichen Boom erlebt, dürfen wir gespannt sein, wie sich die Kampagne dort auf das Wahl-Verhalten auswirkt: Wissenschaftler, Journalisten – Blöcke raus, ran an die Arbeit.



Smarte Accounts für Twitter

Was ist: Twitter hat in dieser Woche die chronologische Timeline wiederbelebt. Wer möchte, kann fortan wieder rückwärts-chronologisch Tweets lesen – ganz ohne Empfehlungen und Hinweise, welche Tweets man verpasst haben könnte. (Twitter)

Warum ist das interessant? Zunächst einmal wurden immer wieder Rufe laut, Twitter doch auch bitte ohne algorithmische Sortierung nutzen zu können. Twitter hat diese Rufe nun erhört und gehandelt. Gleichermaßen ist dies aber wohl erst der Anfang für Twitter, den Feed an sich aufzuräumen. Was genau kommt, wollten/konnten sie noch nicht sagen.

Ideen für ein besseres Twitter: Sehr wohl aber hat der großartige Jason Kottke, dessen Blog kottke.org für mich seit Jahren zur größten Inspirationsquelle in Sachen Webkultur gehört, ein paar witzige Ideen skizziert, um Twitter zu verbessern: dabei dreht sich alles um sogenannte smarte Accounts.

Kottkes smarte Accounts: Die Idee besteht darin, den Nutzern smarte Accounts an die Hand zu geben, denen sie nach Belieben folgen oder entfolgen können. So ist z.B. denkbar, dass es smarte Accounts gibt,…

  • die mir nur die Tweets in die Timeline spülen, die auf Twitter-Deutschland gerade am meisten geliked wurden
  • die nur die spannendsten Threads anzeigen
  • die nur spannende Moments präsentieren
  • die nur am meisten diskutierte Tweets anzeigen
  • die nur Vorschläge machen, wem ich folgen könnte
  • die nur Tweets anzeigen, die ich vielleicht verpasst habe

Be smart: Vorstellbar ist hier so ziemlich alles, was Twitter an Features aufweist. Der Clou daran: Es bedarf keiner zusätzlichen Tabs oder Einstellungen, die bekanntermaßen sowieso kein Mensch nutzt. Die Leute können einfach das machen, was sie eh schon immer auf Twitter machen: Accounts folgen und entfolgen. Simple as that.



Die Homepage ist tot. Lang lebe die Homepage!

Was ist: Die Homepage wurde in den letzten zehn Jahren schon 3467 Mal totgesagt. Also mindestens. Es stellt sich heraus. Ist gar nicht.

Geht es etwas genauer? Ja, gern. Laut einem Report von parse.ly kommt mehr Traffic durch interne Verlinkungen zustande als via Social oder Email. Zwar ist Search immer noch am wichtigsten für Klicks auf das eigene Angebot, aber sowohl der Traffic, der über die Homepage erzielt werden kann, als auch der Traffic, der über interne Verlinkungen erzielt werden kann, ist deutlich größer als das, was via Social zustande kommt.

Noch genauer: Am meisten Erfolge würden übrigens dann erzielt, wenn es sich um ein personalisiertes Angebot handeln würde – also wenn die Homepage in der Lage ist, den Besucher zuzuordnen, um ihm so ein individuelles Angebot zu unterbreiten.

Be smart: Social Media ist nach wie vor großartig, wenn es darum geht, neue Zielgruppen anzusprechen. Auch ist Social toll, um Nutzer davon zu überzeugen, wirklich Fan zu werden. Um aber Nutzer mehrfach mit Inhalten aus dem eigenen Haus abzuholen, braucht es vielleicht eher ein smartes CMS als noch mehr smarte Facebook-Posts.



Kurz notiert

Diskriminierende Werbung: Eigentlich hatte Facebook versprochen, sich um das Problem zu kümmern. Jetzt stellt sich heraus: diskriminierende Werbung zu schalten, ist weiterhin möglich. (ProPublica)

Spenden via Facebook: Es stellt sich heraus, Facebook taugt doch zu etwas: So verzeichnen insbesondere kleinere Organisationen durchaus beträchtliche Spendeneinnahmen, insbesondere dann, wenn die Aufrufe von Privatpersonen initiiert wurden. (Fast Company)



Fürs Wochenende

Warum Instagram vielen Leuten so schlechte Laune macht: "If Facebook demonstrates that everyone is boring and Twitter proves that everyone is awful, Instagram makes you worry that everyone is perfect – except you“. (The Guardian)

Good Country: Der Politikberater Simon Anholt möchte ein Land gründen, das rein digital existiert und zum Ziel hat, dem Wohl der internationalen Gemeinschaft zu dienen. Was sich abstrus anhört, hat durchaus Hand und Fuß: bis Ende des Jahres können sich Interessierte registrieren. (SZ)



Neues von den Plattformen

Facebook

  • AR-Chips: Tatsächlich eine etwas nerdige Nachricht, aber es unterstreicht einfach, dass es Facebook in Sachen AR wirklich ernst meint: wer mag kann sich fortan als Ingenieur bei Facebook bewerben, um an Facebook-eigenen AR-Chips zu forschen. (The Information)
  • Facebook baut einen Index für News-Pages: Facebook hat bislang keinen so rechten Überblick darüber, welche Pages auf der eigenen Plattform eigentlich als News-Page durchgehen. Das will Facebook nun ändern und baut deshalb einen Index auf. (Axios)

YouTube

  • Geringere Hürde: YouTube hatte vor einigen Monaten neue Möglichkeiten eingeführt, damit Video-Produzenten auf der Plattform Geld verdienen können. Diese Membership-Funktionen waren zunächst nur für Video-Produzenten mit über 100.000 Subscribern verfügbar. Jetzt hat YouTube die Hürde auf mindestens 50.000 Subscriber gesenkt. (Engadget)
  • Gaming App dicht: Keine Ahnung, ob jemand von meinen Lesern jemals diese App genutzt hat, aber die stand-alone Gaming App von YouTube ist bald Geschichte. Der Grund: Gamer nutzen YouTube (und Twitch 🙂 ), die besagte App aber nicht. Also weg damit. (Techcrunch)


One more thing

Ihr seid wirklich süß: Dass sich vielleicht so zehn, zwölf KollegInnen zu meinem Tweet rüberklicken würden, damit hatte ich schon gerechnet. Dass es dann aber weit über 80 würden, die als Testimonial einmal kurz aufs Herzchen klicken, das hätte ich nicht erwartet! Merci beaucoup!!!