Verschwörungstheorien über Notre-Dame, Rechte dominieren im Netz, Diversität im Feed

martin Briefing

Salut und herzlich Willkommen zur 541. Ausgabe des Social-Media-Watchblog-Briefings. Heute blicken wir nach Paris, wo das Feuer in Notre-Dame abermals gezeigt hat, wie toxisch soziale Medien in Breaking-News-Situationen seien können. Außerdem beschäftigen wir uns mit einer Recherche über rechtsradikale Desinformation, geben Tipps fürs googlefreie Smartphone und verlinken jede Menge Lesestoff für die Feiertage. Apropos: Frohe Ostern! Martin & Simon



Notre-Dame und die sozialen Medien

Was ist: Nach dem Brand in Notre-Dame versagen die großen Plattformen in mehrfacher Hinsicht: Youtube verwechselt Aufnahmen der brennenden Kathedrale mit den Anschlägen vom 11. September. Auf Facebook und Twitter breiten sich binnen Stunden die üblichen, gezielt gestreuten Falschmeldungen und Gerüchte aus.

Warum das wichtig ist: Die halbe Welt ist online, Milliarden Menschen nutzen Youtube und Facebook. Längst haben klassische Medien ihre Gatekeeper-Rolle an soziale Medien verloren. Für viele Menschen gilt: Was sie im Internet sehen und lesen, ist die Realität. Die Algorithmen der Plattformen, optimiert auf Emotionalität und Engagement, tragen zusätzlich zur Verbreitung der – rassistischen, islamaphoben, maximal emotionalen und damit klickträchtigen – Hoaxe bei. What a world to be alive.

Was bei Youtube schiefgeht: Als am Montagabend die Flammen durchs Dach der Kathedrale schlagen, übertragen Dutzende Medien live in alle Welt. Unter mehreren Livestreams, die zu diesem Zeitpunkt Hunderttausende Menschen verfolgen, blendet Youtube einen irritierenden Hinweis ein: "Die Anschläge des 11. September waren (…) der tödlichste Terroranschlag auf amerikanischem Boden in der Geschichte der USA." Darunter folgt ein Link auf den Eintrag über 9/11 in der Encyclopedia Britannica.

Was dahintersteckt: Seit dem vergangenen Jahr zeigt Youtube Nutzern in den USA und Südkorea bei bestimmten Themen solche Infotafeln an und verlinkt auf die Wikipedia oder die Encyclopedia Britannica. Das gilt etwa für die Mondlandung, das Sandy-Hook-Massaker und 9/11. Das soll verhindern, dass sich Verschwörungstheorien ausbreiten. Vermutlich haben Youtubes Algorithmen optische Gemeinsamkeiten zwischen Notre-Dame und dem World-Trade-Center entdeckt. Vielleicht waren es auch bestimmte Kommentare, die die Funktion ausgelöst haben. Youtube äußert sich dazu nicht, hat die Hinweise aber immerhin relativ schnell wieder entfernt.

Wie die Funktion sonst funktioniert: Kurz gesagt: ziemlich mies. Joshua Benton vom NiemanLab der Universität Harvard hat zahlreiche weitere Fälle gesammelt, in denen Youtubes Algorithmen Hinweise einblenden, die eher verwirren als aufklären: Was hat der Encyclopedia-Britannica-Artikel über 9/11 unter einem Video über New York aus dem Jahr 1976, dem Start der Rakete Falcon Heavy oder einem Feuer in San Francisco zu suchen? In einem Follow up fragt Benton, ob die Infotafeln, selbst wenn sie unter dem richtigen Video auftauchen, nicht generell kontraproduktiv sind. Einige Forscher sind der Meinung, dass die Funktion die Glaubwürdigkeit von Bullshit-Clips steigern könnte. Ganz eindeutig scheint sich das bislang aber nicht sagen zu lassen. Bleibt festzuhalten: Gut gemeint, von unklarem Nutzen, garantiert schädlich, wenn etwas schiefgeht – und das scheint häufiger zu passieren.

Was sonst so im Netz los ist: Na was wohl? Eines der berühmtesten Gebäude der Welt brennt nieder. Ein europäischer Kulturschatz wird zerstört, und die genaue Ursache bleibt zunächst unklar – It's hoax time! Ich will gar nicht im Detail auf all die bösartigen Falschmeldungen eingehen, sondern verweise auf die Arbeit von Jane Lytvynenko und Craig Silverman. Sie kümmern sich bei Buzzfeed um Desinformation und Propaganda in sozialen Medien. Gemeinsam haben sie die rechtsradikalen Verschwörungstheorien dokumentiert, die Muslime für den Brand verantwortlich machen. Einen Tag später haben sie den Weg der Falschmeldungen nachgezeichnet, die sich von Imageboards wie 4chan über Social-Media-Plattformen bis in die Massenmedien verbreiten. Am Ende steht wie üblich Fox News – und damit Abermillionen US-Amerikaner, die üble und haltlose Unterstellungen präsentiert bekommen.

Den ersten Text empfehle ich aber nur mit einer entscheidenden Einschränkung. Er mache "ungefähr alles falsch, was man aus medialer Sicht falsch machen kann", schreibt Sascha Lobo. Das ist mir zu harsch, aber Lobo spricht einen wichtigen Punkt an: Buzzfeed und andere Medien ignorieren die durchaus vorhandene Schadenfreude, mit der manche Muslime auf die Katastrophe reagiert haben. Nach jeder Tragödie gibt es widerliche Kommentare – von Menschen jedweder Religion und Nationalität. Warum sollte das bei Muslimen anders sein? Das kleinzureden, spielt nur den Rassisten in die Hände.

Be smart: In jeder Breaking-News-Situation zeigen sich Segen und Fluch der sozialen Medien: Auf jeden Mensch, der betroffen die Live-Aufnahmen der brennenden Kathedrale ansieht und sich in Echtzeit informiert, kommt ein anderer, der Gerüchte sieht, hört und liest oder sogar selbst verbreitet. Erst vor wenigen Wochen haben Facebook und Youtube den Terror von Christchurch auf der ganzen Welt verbreitet (mehr dazu in Briefing #533), jetzt nutzen Rechtsextreme die Plattformen als Propagandaschleuder.

Die Zahnpasta ist aus der Tube, wir können die Zeit nicht einfach zehn Jahre zurückdrehen. Es wäre auch zu einfach, nur mit dem Finger auf die Unternehmen zu zeigen. Ja, Facebook und Google haben lange viel zu wenig getan, um problematische Inhalte aus dem Netz zu fischen. Sie tun immer noch zu wenig: Statt sich darauf zu verlassen, dass irgendwelche Maschinen den Job übernehmen, müssen sie mehr Menschen anstellen, diese besser schulen und anständig bezahlen. Bei Jahresgewinnen im zweistelligen Milliardenbereich sollte das möglich sein.

Die Plattformen werden aber niemals alle Inhalte prüfen können. Mike Masnick rechnet das hier am Beispiel von Youtube vor. Es wird immer Menschen geben, die das ausnutzen. Deshalb verweise ich zum wiederholten Mal auf die "Sieben Regeln für mehr Social-Media-Gelassenheit", die Dirk von Gehlen formuliert hat: "Wenn in Eilmeldungs-Lagen Menschen unverantwortlich Gerüchte und Falschmeldungen streuen, kann das zu Panik führen. Das ist Mist. Deshalb haben wir sieben einfache Regeln gegen die Panik aufgeschrieben."



Das Netz in rechter Hand

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Was ist: In sechs Wochen wird in Europa gewählt. Wie bei jeder Wahl in den vergangenen Jahren wird das Netz davor mit politischen Manipulationsversuchen und Falschmeldungen geflutet werden. Diesmal könnte es besonders schlimm werden: Das Recherche-Team "Investigate Europe" hat mit mehr als 100 Experten, Wissenschaftlern, Politikern und Mitarbeitern der Social-Media-Plattformen gesprochen. Sie wollten herausfinden, wie die Desinformationskampagnen ablaufen, wem sie nutzen und wie Behörden und Unternehmen reagieren. Ihr Fazit: Europa ist nicht ausreichend vorbereitet (Tagesspiegel), um die Desinformationsmaschine zu stoppen.

Warum das wichtig ist: Ich bin bei solchen Texten und Studien normalerweise vorsichtig: Zu oft habe ich Warnungen vor angeblich gefährlichen Social Bots gelesen, die massenhaft Wähler beeinflussen könnten. Fast immer fehlten Belege, meist wurden nur irgendwelche Fake-Accounts und belanglose Tweets aufgelistet. Diese Recherche macht auf mich einen ganz anderen Eindruck. Am Beispiel des Migrationspakt zeigen die Autoren, wie Rechte es schaffen, die Debatte zu kapern und Stimmung zu machen.

Dabei spielen klassische Medien eine wichtige Rolle: "Ihr seid nicht nur die Lösung, ihr seid auch Teil des Problems", sagt US-Soziologin Whitney Phillips. Das Problem: Selbst wenn die Medien Fakten checken und einordnen, verhelfen sie den Manipulatoren zu größerer Aufmerksamkeit. Das Whitepaper "The Oxygen of Amplification" von Data Society bringt dieses Dilemma der Berichterstattung über Extremisten auf den Punkt.

Der Text macht klar, dass es keine Universallösung geben kann und wird. Die EU, die Mitgliedsstaaten, die Plattformen, die Medien und nicht zuletzt die Nutzer selbst sind gefordert. Wie drängend das Problem ist, macht der letzte Absatz deutlich: "Und es geht keineswegs nur um bloße Worte, denn diese können schnell zu Waffen werden. Als Mitte März ein Mann im neuseeländischen Christchurch 50 Muslime erschießt, steht auf seiner Maschinenpistole: 'Hier ist euer Migrationspakt.'"



Die Urheberrechtsreform, zum allerletzten Mal

Follow-up: Das letzte Briefing enthält 6330 Zeichen über die Urheberrechtsreform (Nachlesen? Sicher? Na gut). Alles gesagt? Fast. Seitdem sind zwei Texte erschienen, die ich nochmal ausdrücklich empfehlen möchte:

  • Analyse: Für Golem hat Friedhelm Greis eine nüchterne, umfassende und scharfsinnige Analyse geschrieben, die nicht nur alles zusammenfasst, was in den vergangenen Monaten geschehen ist, sondern auch einen Blick in die Zukunft wagt. Besonders wichtig finde ich diesen Appell: "Würde jeder der fünf Millionen Unterstützer der Online-Petition nur einen Euro an Organisationen wie Edri, Epicenter.org oder die Digitale Gesellschaft spenden, könnte damit wirksame Informations- und Lobbyarbeit betrieben werden." Ich glaube, das wäre ein wichtiges Gegengewicht zur Musik-, Film- und Verlags-Lobby auf der einen und der Tech-Lobby auf der anderen Seite.
  • Fazit: Julia Reda hat jahrelang gegen die Reform gekämpft und sich dabei viel Respekt in Brüssel und im Netz erarbeitet. Jetzt zieht sie ein Fazit, das zeigt, welche Verbesserungen die Gegner der Reform erwirken konnten. Sie kommt zum gleichen Schluss wie Greis: "Bleibt also dran – oder unterstützt zumindest NGOs wie EDRi, die DigiGes und Epicenter.works."


Tipps, Tools und Tricks

  • Tracking-freies Smartphone: Im Desktop-Browser helfen Script- und Tracking-Blocker gegen Überwachung. Auf dem Smartphone ist das schwerer, zumindest auf Android-Geräten. Der Journalist Matthias Eberl hat eine leicht verständliche Anleitung geschrieben, wie es funktionieren kann: Die Grundlage bildet ein Samsung Galaxy S9, auf dem das quelloffene LineageOS ohne Google-Apps und Play-Store läuft. Das Setup klingt klasse, aber diese Anmerkung des Privacy-Aktivisten Wolfie Christl finde ich auch wichtig: "Super, aber nicht massentauglich. Die EU sollte richtig Geld in die Hand nehmen und Entwicklung, Wartung, Zurverfügungstellung und Bewerbung eines derartigen Setups finanzieren, samt Auflage an Gerätehersteller, das einfach nutzbar zu machen. Smartphone ist Basis-Infrastruktur."
  • Diverify your feed: Wie vielen Menschen folgt ihr auf Twitter? Wie viele davon sind weiblich? diversifyyourfeed.org sagt es euch. Ich traue mich nicht, mein eigenes Ergebnis zu verraten. Nur so viel: Die Oster-Feiertage sollte ich nutzen, um ein paar Frauen zu folgen.


Lesetipps fürs Wochenende

Ihr macht Ostern frei, verzichtet auf Technik und steigt ein paar Tage aus dem News-Kreislauf aus? Das unterstützen wir sehr. Falls doch Lesestoff für die Feiertage erwünscht wird, kommen hier einige Empfehlungen:

  • 15 Monate Hölle: Pocket sagt: Lesezeit 55 Minuten. Nicholas Thompson und Fred Vogelstein haben mit 65 aktuellen und ehemaligen Facebook-Angestellten gesprochen und eine Wired-Titelgeschichte geschrieben, die ein verkappter Roman ist (mal wieder). Weder Martin noch ich hatten bislang Zeit, uns in Ruhe damit zu beschäftigen. Absolute Breaking-News scheinen nicht enthalten zu sein, unter anderem geht es um die Gründe des Abgangs der Instagram-Gründer. Trotzdem holen wir das natürlich im nächsten Briefing nach und fassen die zentralen Erkenntnisse zusammen. Für Ungeduldige empfehle ich die Kurz-Analyse von Casey Newton und den Twitter-Thread von Jay Rosen, der kein gutes Licht auf Facebooks Umgang mit Nachrichten und Medien wirft.
  • Ein Leben ohne Google ist möglich – aber sinnlos? Tim Dowling hat es für den Guardian eine Woche lang ausprobiert. Der Text ist stellenweise lustig und macht dennoch nachdenklich: "But for all that Google has given us, we have paid a price: we’re well on our way to eliminating the element of surprise from our lives and, with it, joy."
  • Stichwort „auf Google verzichten“: Mark Surman, Geschäftsführer der Mozilla-Stiftung, hat mir erzählt, warum Googles Dominanz gefährlich ist, was Firefox von Chrome unterscheidet und wie Nutzer die Macht der großen Plattformen brechen können: "Google bedroht das freie Netz, Facebook bedroht die Demokratie"


One more thing

Wir haben ein kleines Handbuch für das Social Media Watchblog geschrieben – hier das PDF. Darin enthalten ein paar Fakten über unser Angebot und ein Überblick über die aktuellen Abo- und Werbeoptionen bei uns im Newsletter. Falls jemand unser Briefing empfohlen möchte… Herzlichen Dank!



Header-Foto von Hanny Naibaho bei Unsplash