TikTok: Der Siegeszug geht weiter, die Skandale ebenfalls | Meta hat 99 Probleme, und das Metaverse ist eines davon | Musk kauft Twitter

Salut und herzlich willkommen zur 835. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute blicken wir einmal zurück und zweimal nach vorn. Zuerst sortieren wir alles, was in Sachen TikTok in den vergangenen Tagen los war. Dann beschäftigen wir uns mit Meta und Twitter, für die jeweils ein wichtiges Ereignis ansteht: wegweisende Quartalszahlen und ein neuer Eigentümer. Zudem haben wir auch in den Herbstferien jede Menge News für dich gesammelt. Danke für das Interesse an unserer Arbeit, Martin und Simon
Danke fürs Teilen

TikTok: Der Siegeszug geht weiter, die Skandale ebenfalls

Was ist

Kaum verschicken wir mal eine (fast) TikTok-freie Ausgabe, sammeln sich haufenweise Nachrichten an. Wir haben keine Chronistenpflicht und verstehen es nicht als unsere Aufgabe, ausnahmslos alles abzubilden, was in der Social-Media-Welt geschieht. Doch in diesem Fall bietet es sich an, einige der Ereignisse der vergangenen Woche zu bündeln und einzuordnen.

Denn sie sind TikTok in a nutshell: einerseits eine beeindruckende Gelddruckmaschine mit großem popkulturellen, medialen und gesellschaftlichem Einfluss – andererseits eine extrem polarisierende App mit fragwürdigen Praktiken und einem Eigentümer, der zurecht großes Misstrauen auslöst.

Was gut läuft

  • TikTok kennt seit Jahren nur eine Richtung: steil nach oben. Mehr Nutzerïnnen, mehr Creator, mehr Werbetreibende, mehr Umsatz. Das spiegelt sich auch beim Einfluss auf die Nachrichtennutzung wider.
  • In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Anteil der Menschen in den USA mehr als verdreifacht (Pew Research), die sagen, sie konsumierten auf TikTok regelmäßig Nachrichten.
  • Besonders groß ist der Einfluss in der Altersgruppe der 18-29-Jährigen. Für mehr als ein Viertel der jungen Erwachsenen spielt TikTok eine wichtige Rolle für den Nachrichtenkonsum.
  • Wo Menschen sind, da sind auch Anzeigen: In dem Maße, in dem sich die Aufmerksamkeit von Facebook über Instagram zu TikTok verlagert, schichten Unternehmen ihr Budget um. Wer die Gen Z erreichen will, setzt offenbar zunehmend auf TikTok (The Information).
  • Nach wie vor liegt TikTok beim Werbeumsatz weit hinter Meta (The Information). 2021 setzten Facebook und Instagram fast 30-mal mehr um als TikTok (115 zu 4 Milliarden Dollar). Doch spätestens 2023 dürfte das Verhältnis anders aussehen.
  • Menschen, Werbung – was bleibt da noch? Richtig, Inhalte. Auch Creator und Agenturen laufen reihenweise zu TikTok über (Digiday).
  • Doch TikTok will noch mehr: In China werden mit Livestream-Shopping Hunderte Milliarden Dollar pro Jahr umgesetzt (McKinsey), und mit der chinesischen TikTok-Version Douyin spielt ByteDance dabei eine große Rolle. Jetzt sollen die USA erobert werden.
  • Semafor-Reporterin Louise Matsakis hat interne Dokumente ausgegraben. Demnach möchte TikTok das chinesische Erfolgsmodell unter dem Codenamen „Project Aquaman“ zuerst in den USA und dann weltweit replizieren. Das passt zu einem Bericht der Financial Times, den wir in Briefing #831 aufgriffen.
  • Man könnte also sagen: Läuft bei TikTok. Zumindest, solange man nur aufs Geld schaut. Denn parallel mit dem Einfluss nehmen auch Misstrauen und Probleme zu.

Was schlecht läuft

  • Emily Baker-White entwickelt sich zum TikTok-Schreck. Nachdem die Reporterin im Laufe des Sommers mehrfach für BuzzFeed News über TikTok und China berichtet hatte, veröffentlicht sie ihre Scoops nun bei Forbes.
  • Zuerst enthüllte sie, dass ByteDance angeblich vorhatte, über Geodaten von TikTok gezielt den Standortverlauf bestimmter Nutzerïnnen in den USA zu verfolgen – ohne deren Wissen oder Zustimmung. Demnach wurden die Pläne aber nie in die Tat umgesetzt.
  • Nachdem TikTok lautstark und etwas überspezifisch dementiert hatte (The Verge), legte Baker-White nach. Angeblich behinderten ByteDance-Verantwortliche in Peking den Aufbau einer Sicherheitsabteilung in den USA, die diesen Namen verdient.
  • Diese Berichte reihen sich ein in eine lange Liste an handfesten Skandalen und aufgeblasenen Skandälchen, die wir in Ausgabe #826 zusammenfassten: „Konkurrenz? Krise? TikToks größtes Problem ist China
  • Fairerweise muss man sagen: Ein Teil der Vorwürfe ist überzogen. Dahinter steckt eher Xenophobie, und nur, weil China draufsteht, ist nicht automatisch Spionage drin (Techdirt). Für die öffentliche Meinung und politische Diskussion in den USA ist das aber nahezu irrelevant.
  • Auch in anderen Teilen der Welt droht TikTok Ärger: In Deutschland gibt es nach viel Streit jetzt einen Betriebsrat, und eine BBC-Recherche offenbarte, dass TikTok den Großteil der Einnahmen behalte, wenn Geflüchtete in syrischen Flüchtlingslagern im Livestream um Spenden bitten.
  • Auch an die Recherche der Tagesschau von Anfang Oktober sei an dieser Stelle erinnert. Über die Wortfilter, mit denen TikTok die Redefreiheit auch in Deutschland einschränkt, berichteten wir in Briefing #830.
  • Meta: „Forscherinnen und Medien nerven, das kennen wir, macht euch nichts draus.“ – TikTok: „Hold my beer!“
  • Die NGOs Global Witness und Cybersecurity for Democracy haben untersucht, wie Social-Media-Plattformen mit politischer Werbung umgehen, die Fehlinformationen enthält. Für ihre Studie schalteten sie jeweils 20 Anzeigen bei bei TikTok, YouTube und Facebook, die Misinformation zur US-Kongresswahl am 8. November enthalten.
  • Die gute Nachricht: YouTube lehnte sämtliche Anzeigen ab und sperrte den Testaccount. Die erwartbare Nachricht: Facebook ließ rund ein Viertel der Werbung passieren. Die richtig schlechte Nachricht: TikTok sperrte lediglich eine Anzeige auf Englisch und eine auf Spanisch, die restlichen 90 Prozent wurden veröffentlicht – obwohl TikTok gar keine politische Werbung erlaubt.
  • Eine Sprecherin sagt dazu:

TikTok is a place for authentic and entertaining content which is why we prohibit and remove election misinformation and paid political advertising from our platform. We value feedback from NGOs, academics, and other experts which helps us continually strengthen our processes and policies.

  • Die Sample Size mag klein sein, aber die Studie passt ins Bild, das TikTok seit Jahren abgibt. Wir wünschen uns, dass TikTok nicht nur „das Feedback wertschätzt“, sondern es verdammt nochmal ernst nimmt und seinen Umgang mit Inhalten und Anzeigen gründlich überarbeitet.
  • TikTok kann sich noch so oft als harmlose Unterhaltungsplattform bezeichnen und betonen, dass Leute doch nur Spaß haben sollen. Die Realität ist längst eine andere. Olivia Little, Desinformations-Forscherin bei Media Matters, ordnet es treffend ein (Guardian):

This year is going to be much worse as we near the midterms. There has been an exponential increase in users, which only means there will be more misinformation TikTok needs to proactively work to stop or we risk facing another crisis.

Be smart

Derzeit sieht es nicht so aus, als könnten Metas Reels oder YouTube Shorts TikTok gefährlich werden. Konkurrenz ist TikToks kleinstes Problem, auch Konjunktur und Apples Anti-Tracking-Maßnahmen bremsen den Aufstieg bislang kaum.

Wenn überhaupt, dann steht sich TikTok selbst im Weg: Den Nutzerïnnen mögen all die Affären egal sein, doch Politik und Behörden schauen gerade ganz genau hin. In den USA mehren sich die Anzeichen, dass TikTok hart reguliert werden könnte. An der Stelle von ByteDance würden wir ein paar der Marketing-Millionen in richtig gute Lobbyarbeit stecken.


Meta und Musk: Diese Woche wird wichtig

Was ist

In den kommenden Tagen stehen zwei Ereignisse an, die entscheidenden Einfluss auf die Zukunft von Meta und Twitter haben könnten. Am Mittwochabend legt Meta die Zahlen für das dritte Quartal vor. Aller Voraussicht nach geht der Verkauf an Elon Musk bis Freitag über die Bühne. Wir blicken jeweils kurz voraus.

Die Ausgangslage: Harte Zeiten für Big Tech

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