Zuckerbergs Vision vom Metaverse: Die riskanteste Wette der Wirtschaftsgeschichte | 1LIVE startet BeReal-Experiment | TikTok arbeitet an E-Commerce-Ökosystem

Salut und herzlich willkommen zur 833. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute mal wieder mit einer pickepackevollen Ausgabe. Einerseits haben wir uns von Meta sehr genau zeigen lassen, wie sie sich das mit diesem Metaverse vorstellen. Sagen wir mal so: We are not convinced. Darüber hinaus haben wir mit 1Live über ihre ersten Erfahrungen mit BeReal gesprochen - seit gut einer Woche sind die WDR-Kollegïnnen auf der App (wohl als erstes deutsches Medienunternehmen?). Zudem liefern wir wie gewohnt die wichtigsten News und besten Lecture-Angebote. Wir hoffen, dass wir dir eine Hilfe sind bei deiner täglichen Arbeit! Cheers, Martin und Simon
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Zuckerbergs Vision vom Metaverse: Die riskanteste Wette der Wirtschaftsgeschichte

Was ist

Am Dienstagabend hat Mark Zuckerberg versucht, die Welt zu überzeugen, dass die Zukunft im Metaverse liegt. Wir haben uns seine Keynote auf der hauseigenen Konferenz Meta Connect angesehen und einen Tag später Meta besucht, um mit Tino Krause und Robert Günther über Zuckerbergs Vision für das Metaverse zu sprechen. Krause leitet Metas Geschäfte in Zentraleuropa, Günther kümmert sich um Partnerschaften mit Entwicklern, die helfen sollen, das Metaverse mit Leben zu füllen.

Wir fassen die wichtigsten Neuigkeiten der Keynote zusammen und erklären, warum selbst bei Meta nicht alle davon überzeugt sind, dass Zuckerbergs riskante Wette aufgeht.

 

Warum das wichtig ist

Bis 2026 könnte Mark Zuckerberg rund 70 Milliarden Dollar investieren (The Information), um seinen Traum vom Metaverse wahr werden zu lassen. Zum Vergleich: Apple steckte rund 3,5 Milliarden Dollar in die Entwicklung des iPhones, als noch niemand ahnte, wie revolutionär Smartphones werden sollten. Doch zumindest gab es damals schon Palm und Blackberry, Steve Jobs musste keine neuen Geräte erfinden, geschweige denn eine neue Welt.

Noch funktioniert das aktuelle Geschäftsmodell, Facebook und Instagram werfen weiter Milliarden ab. Doch die beiden Plattformen sind nicht die Zukunft; sie sollen nur helfen, die Zukunft zu finanzieren. Meta schichtet intern Ressourcen um und zieht Entwicklerïnnen von anderen Projekten ab. Die Strategie lautet: Metaverse or bust.

Dabei spielt Zuckerberg nicht nur mit der Existenz von Meta, sondern auch mit seinem eigenen Vermächtnis. Geht er als genialer Gründer und brillanter Stratege in die Geschichte ein?  (Unabhängig davon, was man menschlich und moralisch von Zuckerberg hält: Zumindest wirtschaftlich hat er vieles richtig gemacht.) Oder wird man sich in 20 Jahren an einen Zocker erinnern, der einen der wertvollsten Konzerne der Welt gegen die Wand fuhr, weil er Visionen hatte, mit denen er besser zum Arzt gegangen wäre?

 

Was Meta vorgestellt hat

    • Zuckerbergs Avatar hat jetzt Beine. Das ist nicht die wichtigste, aber die offensichtlichste Nachricht der Keynote.

 

    • Was lächerlich klingt, ist technisch tatsächlich ein großer Fortschritt. Man braucht Tausende Datenpunkte, aufwendige Berechnungen und komplexe Machine-Learning-Modelle, um Beinbewegungen halbwegs natürlich in die virtuelle Welt zu transferieren.

 

 

    • Die Grafik soll detailreicher und schärfer sein, zum ersten Mal werden Augenbewegungen erkannt und Mimik realitätsgetreu ins Metaverse transportiert. Angeblich verändert das die Erfahrung drastisch, erstmals sollen sich virtuelle Begegnungen wie echte Interaktionen anfühlen.

 

    • Selbst ausprobieren konnten wir es leider nicht. In Deutschland wird die Quest Pro vorerst nicht verkauft, weil Meta immer noch mit dem Bundeskartellamt streitet, das vor zwei Jahren ein Missbrauchsverfahren eingeleitet hatte.

 

    • Man arbeite an einer Lösung, sagt Krause, nennt aber kein Datum. Vorerst gibt es auch keine Testgeräte für deutsche Medien.

 

    • Neben der Hardware machte Zuckerberg zwei weitere wichtige Ankündigungen. Zum einen möchte man Horizon Worlds, eine Art soziales Netzwerk innerhalb des Metaverse, perspektivisch auch für Laptops und Smartphones öffnen.

 

    • Das könnte entscheidend sein, um die virtuellen Welten für eine breitere Masse zugänglich zu machen. Im Februar tummelten sich rund 300.000 Menschen in Horizon Worlds, aktuelle Zahlen sind nicht bekannt.

 

    • Allein Facebook hat fast drei Milliarden Nutzerinnen und Nutzer, das sind 10.000 Mal mehr. Damit bis 2030 mehr als eine Milliarde Menschen den Weg ins Metaverse finden, wie es Zuckerberg vorschwebt, braucht es keine teure Technik, sondern günstige Geräte.

 

    • Die Quest Pro zählt definitiv nicht dazu: Mit einem Verkaufspreis von 1500 Dollar spricht sie hauptsächlich enthusiastische Gamerinnen, Entwickler und Menschen an, für die Geld keine Rolle spielt.

 

    • Zum anderen verkündete Zuckerberg Partnerschaften mit Microsoft und anderen großen Unternehmen. Künftig soll man Teams-Konferenzen auch als Avatar besuchen (The Verge), gemeinsam in VR an Office-Dokumenten arbeiten und Xbox-Spiele streamen können.

 

    • Das ist ein wichtiges Signal: Meta entwickelt das Metaverse nicht allein, sondern holt sich Partner ins Boot, die ebenfalls daran glauben.

 

    • Der Einstieg von Microsoft ist aber auch ein Wagnis. Am Ende könnte man selbst viele Milliarden in die technische Grundlage stecken, während andere die wichtigsten Apps und Plattformen entwickeln, in denen sich Menschen treffen.

 

  • Zuckerberg weiß um diese Gefahr. Dennoch: „I think the pros of the partnership way outweigh the risks“, sagt er (Stratechery).

 

Warum selbst bei Meta manche skeptisch sind

    • Zuckerbergs Keynote wirkte wie eine Überzeugungspredigt – nicht nur für Medien, Entwickler und interessierte Nutzerinnen, sondern auch für seine eigenen Teams.

 

    • Das ist auch nötig: In den vergangenen Tagen berichteten The Verge und die New York Times über große Zweifel und zunehmenden Unmut.

 

    • Angesichts der Summen, die man in unbewiesene Projekte stecke, werde ihm schlecht, soll ein leitender Manager gesagt haben.

 

    • Vishal Shah, der die Metaverse-Entwicklung verantwortet, forderte seine Angestellten auf, selbst mehr Zeit in Horizon Worlds zu verbringen. Bislang haben sie darauf keine Lust, die virtuelle Welt ist voller Fehler und macht keinen Spaß.

 

    • Bei einer anonymen Umfrage unter 1000 Meta-Angestellten sagten gerade mal 58 Prozent, sie verstünden die Strategie des Konzerns. Manche bezeichnen Metaverse-Projekte intern angeblich scherzhaft als M.M.H.: „Make Mark Happy“.

 

    • Europachef Krause nennt diese Berichte „nicht repräsentativ“, er spüre große Zuversicht. Zuckerbergs Keynote sei „ein Moment des Stolzes“ gewesen. Am darauffolgenden Morgen hätten alle geschwärmt: nicht nur von den Beinen, sondern auch von der neuen Hardware und den Partnerschaften.

 

    • Wir glauben, dass beides gleichzeitig zutreffen kann. Natürlich löst ein derart fundamentaler Strategiewechsel Skepsis aus, auch innerhalb des Konzerns. Zuckerberg gibt das offen zu und spricht von einem „Tal der Enttäuschungen“ (The Verge), durch das man gehen werde.

 

  • Trotzdem ist es möglich, dass die meisten Entwicklerïnnen hinter Zuckerbergs Plänen stehen. Wer zufrieden ist, spricht eher nicht mit Medien oder gibt interne Memos weiter. Von außen ist es schwer, die Stimmung innerhalb des Konzerns richtig einzuschätzen.

 

Was die Metamorphose erschwert

    • Meta hat sich einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um sich neu zu erfinden. Der Aktienkurs ist um mehr als 60 Prozent eingebrochen, weil TikTok, Apples Anti-Tracking-Maßnahmen und die kriselnde Weltwirtschaft dem Konzern zu schaffen machen.

 

    • Im Juli sprach Zuckerberg von einem „der schlimmsten Abschwünge, den wir in der jüngsten Geschichte gesehen haben“ und droht den Angestellten, falls sie dem steigenden Druck und Tempo nicht standhalten (mehr dazu in Briefing #807).

 

    • Das betrifft auch die Investitionen ins Metaverse. Ursprünglich wollte man dafür 10.000 neue Stellen schaffen, diese Zahl dürfte nun deutlich kleiner ausfallen. Neuanstellungen wurden fast komplett auf null gesetzt, Meta muss …

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