TikTok: Einigung mit US-Regierung steht kurz bevor | Social-Media-Plattformen tragen zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen bei | Öffentliche Direktnachrichten bei Instagram

Salut und herzlich willkommen zur 828. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute ein kompaktes News-Briefing mit einem kleinen TikTok-Schwerpunkt zu Beginn. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Interesse an unserer Indie-Publikation! Merci, Martin und Simon
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TikTok-Newsflash: Kein Zwangsverkauf, keine Politik, aber ein Dislike-Button

Nachdem wir vergangene Woche 15.000 Zeichen über TikToks China-Problem geschrieben haben, ist erst mal gut mit langatmigen Analysen. Passiert ist trotzdem einiges. Wir geben einen kompakten Überblick der wichtigsten News:

  • Einigung mit US-Regierung steht kurz bevor: Angeblich haben sich TikTok und die Biden-Regierung auf die Eckpunkte eines Deals verständigt (NYT), der die größten Sicherheitsbedenken der USA beseitigen soll. Dabei geht es um die Befürchtung, die chinesische Regierung könnte TikTok zur Spionage oder subtilen Manipulation einsetzen. Details der vorläufigen Einigung sind noch nicht bekannt, offenbar sieht sie aber keine grundlegenden Veränderungen an der Eigentümerstruktur vor. TikTok müsste demnach nicht verkauft werden. Das hatte Donald Trump vor zwei Jahren per Executive Order angeordnet, sein Nachfolger Biden sah bislang davon ab.
  • Wichtige Entscheidungen werden angeblich in China getroffen: In der vergangenen Ausgabe verlinkten wir eine Recherche der NYT, die TikToks Chef Shou Zi Chew als Erfüllungsgehilfen der Führung des chinesischen Mutterkonzerns ByteDance darstellte. Was Emily Baker-White nun berichtet, passt zu diesem Bild. Demnach haben in den vergangenen zwei Jahren mindestens fünf Führungskräfte gekündigt (Forbes), weil sie feststellten, dass sie sich bei allen wichtigen Entscheidungen den Ansagen aus ByteDance Firmenzentrale in Peking unterordnen sollten. TikTok möchte die Abgänge nicht kommentieren.
  • Große Accounts können sich mehr erlauben: Auf TikTok sind alle Nutzerïnnen gleich, aber manche waren gleicher. Für Konten mit mindestens fünf Millionen Followern galten offenbar laxere Regeln, wie erneut Emily Baker-White berichtet (Forbes). Wenn diese Creator posteten, wurden Inhalte angeblich von einem separaten Team moderiert, das die Community Standards etwas nachsichtiger auslegen sollte. TikTok zufolge werden reichweitenstarke Konten aktuell nicht bevorzugt behandelt. Ob das früher der Fall war, lässt ein Sprecher offen. Das System erinnert an Facebooks XCheck, über das wir in Ausgabe #745 berichteten.
  • Millionenstrafe wegen mutmaßlicher Datenschutzverstöße: In Großbritannien soll TikTok die Daten von Kindern unter 13 Jahren ohne angemessene Einwilligung der Erziehungsberechtigten verarbeitet haben. Die Vorwürfe beziehen sich auf die Jahre 2018 bis 2020. Deshalb ermittelt die britische Datenschutzbehörde ICO, die nun eine Strafe in Höhe von 29 Millionen Dollar verhängen könnte (TechCrunch).
  • Neue Regeln für politische Accounts: In sechs Wochen wird in den USA gewählt, und der Wahlkampf findet auch in sozialen Medien statt. TikTok hat offensichtlich wenig Interesse, zu einer Politik-Plattform zu werden: bringt wenig Geld, macht nur Ärger. In einem Blogpost kündigt das Unternehmen schärfere Vorgaben für Konten von Politikerïnnen, Parteien oder Regierungsmitgliedern an. Unter anderem verlieren diese Accounts den Zugang zu sämtlichen Monetarisierungsmöglichkeiten, dürfen ihre Inhalte nicht bewerben und auf TikTok nicht um Spenden werben. Ein Satz macht die Prioritäten klar: "TikTok is first and foremost an entertainment platform, and we're proud to be a place that brings people together over creative and entertaining content." Konflikte, Krisen, Kriege? Dafür ist doch genug Platz auf Twitter und Facebook.
  • Dislike-Button für Kommentare: TikTok bekommt, was Reddit und YouTube schon lange haben und Facebook wohl nie einführen wird. Einzelne Kommentare lassen sich künftig mit einem gesenkten Daumen abstrafen. Nach monatelangen Tests wird der Dislike-Button nun weltweit freigeschaltet (Twitter / TikTOkComms). Damit erhält TikTok weitere Datenpunkte und kann besser entscheiden, welche Kommentare prominent angezeigt und welche ausgeblendet werden sollen. Die Zahl der Downvotes ist allerdings nicht öffentlich zu sehen.

Social Media & Politik

  • Trump könnte 2023 auf Facebook zurückkehren: Nach dem Sturm auf das Kapitol sperrten Facebook und Instagram den damaligen US-Präsidenten Trump für zwei Jahre (Meta-Newsroom). Kommendes Jahr könnte Trump also zurückkehren – und offenbar stehen seine Chancen gut. Nick Clegg, Metas President of Global Affairs, deutete in einem Interview an (Semafor), dass die Sperre im Januar 2023 aufgehoben werden könnte. Bislang ist aber keine abschließende Entscheidung gefallen.
  • Facebook wagt ein spannendes Demokratie-Experiment: Gemeinschaftsstandards sind knifflig. Ganz egal, wo man die Grenze zwischen Redefreiheit und Eingriff zieht, werden immer entweder Zensurvorwürfe laut oder Verantwortungslosigkeit unterstellt. Facebook holt sich deshalb Rat von jenen, die diese Regeln unmittelbar betreffen: seinen Nutzerïnnen. Im Frühjahr erarbeiteten drei Fokusgruppen mit insgesamt rund 250 Personen Vorschläge für den Umgang mit Inhalten (Platformer), die "nicht unbedingt falsch sind, aber möglicherweise irreführende oder unvollständige Informationen enthalten". Angeblich waren die Ergebnisse vielversprechend, und Facebook will weitere Versuche unternehmen, seine Nutzerïnnen mitgestalten zu lassen. Man könnte auch das wieder kritisieren, schließlich wälzt Facebook Verantwortung ab. Man könnte aber auch einfach sagen: gute Idee, bitte mehr davon.

Social Media & Journalismus

  • News bei TikTok: Immer mehr US-TikTok-User kriegen auch ihre News auf der Plattform. Laut PEW geben mittlerweile 33 Prozent der US-TikTok-Nutzerïnnen an, dass sie regelmäßig Nachrichten auf der Plattform konsumieren. 2020 waren es noch 22 Prozent. Während TikTok also eine stärkere Rolle beim News-Konsum spielt, verlieren Twitter und Facebook leicht an Bedeutung, Instagram erfährt nur einen minimalen Zuwachs. Wichtig: Es handelt sich bei der Betrachtung nicht um die Gesamtbevölkerung der USA. Hier liegt Facebook immer noch unangefochten an der Spitze, was den News-Konsum angeht. Wenn aber angeschaut wird, wie groß der News-Konsum auf der jeweiligen Plattform in Relation zu den Usern ist, dann kann TikTok stark zulegen.


Studien / Paper / Reports

  • LinkedIn führte soziale Experimente an 20 Millionen Menschen durch: Diesen Spin gibt die NYT einem Artikel über Versuche, die LinkedIn zwischen 2015 und 2019 unternahm. In diesem Zeitraum schlug die "People You May Know"-Funktion teils Accounts vor, zu denen die jeweiligen Nutzerïnnen in enger Verbindung standen, und anderen Kontrollgruppen Accounts mit eher losen Verbindungen. Forschende von LinkedIn, dem MIT, aus Stanford und aus Harvard nutzten die Daten für eine Studie (Science), welche Art von Bekanntschaft eher zu Jobvermittlungen führt (tendenziell eher lose als enge Verbindungen). Uns interessieren weniger die Ergebnisse als vielmehr die Tatsache, dass LinkedIn diese Experimente durchführte, ohne dass Nutzerïnnen etwas davon wussten. LinkedIns Datenschutzrichtlinie erlaubt diese Nutzung zwar, doch zwischen legal und legitim gibt es einen Unterschied. Als Facebook vor acht Jahren die Newsfeeds von knapp 700.000 Nutzerïnnen für eine Studie manipulierte (PNAS), fiel das Echo jedenfalls ausgesprochen negativ aus (BBC).
  • Plattformen tragen zur Verbreitung von Verschwörungserzählungen bei: Bereits der Titel der Studie macht wenig Hoffnung: "Spreading The Big Lie: How Social Media Sites Have Amplified False Claims of U.S. Election Fraud" heißt eine Untersuchung des Stern Center for Business and Human Rights der New York University. Demnach gelingt es Facebook, Twitter, TikTok und YouTube nicht, ihre eigenen Regeln mit Blick auf Desinformation und Propaganda durchzusetzen. Auf den Plattformen verbreiten sich weiter Lügen und Falschbehauptungen über die vermeintlich manipulierte US-Wahl 2020. Das verheißt nichts Gutes mit Blick auf die Midterms.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

WhatsApp

Facebook

TikTok

Twitter

Substack

  • RSS Feedreader: Wer mag, kann jetzt auch online seine Substack-Abos genießen – und zwar in einem ziemlich aufgeräumten Reader, der auch RSS-Feeds von Dritten akzeptiert (Substack Newsroom). Wirklich hübsch gemacht. Und so sinnvoll. Wir lieben RSS!

Header-Foto von Hiep Duong


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