Monat: Dezember 2021

Wie der TikTok-Algorithmus tickt | Blick auf 2021 | Anmeldung für die Lectures

Wie der TikTok-Algorithmus tickt

Was ist

In den vergangenen Tagen gab es einige Neuigkeiten rund um TikTok, die wir zusammentragen möchten. Zunächst leakte ein Dokument, das die Algorithmen der Plattform beschreibt, dann packten einige Insider über Chinas angeblichen Einfluss aus, schließlich kündigte TikTok Änderungen an der Empfehlungslogik an.

Wie TikToks Algorithmen funktionieren

  • Anfang Dezember berichteten New York Times und Spiegel über ein Dokument namens "TikTok Algo 101". Es enthält einige der mathematischen Formeln, auf deren Grundlage TikTok Inhalte vorschlägt und seine Empfehlungslogik optimiert.
  • Unter dem (übersetzten) Titel "Guide to a Certain Video APP’s Recommendation (Algorithm)" kursierte bereits Anfang des Jahres ein Dokument auf Mandarin mit ähnlichem Inhalt in mehreren chinesischen Netzwerken. Es bezog sich auf Douyin, das chinesische TikTok-Pendant.
  • Die Überschriften "How TikTok Reads Your Mind" (NYT) und "Die Abhängigkeitsmaschine" (Spiegel) suggerieren dunkle Magie oder moralisch fragwürdiges Verhalten. Wir hatten ebenfalls Einblick in das Dokument und können keinen großen Skandal erkennen.
  • Die Kurzfassung: Die wichtigsten KPIs lauten Wachstum und Verweildauer. TikTok versucht, Inhalte zu empfehlen, die Menschen nicht langweilen und dazu bringen, möglichst viel Zeit auf TikTok zu verbringen. No shit, Sherlock.
  • Öffentlich brüstet sich TikTok damit, seine Empfehlungen zu diversifizieren, damit Nutzerïnnen nicht in ein rabbit hole rutschen. Tatsächlich stecken dahinter wohl in erster Linie Eigeninteresse: Wenn Nutzerïnnen zu oft gleichartige Videos vorgesetzt bekommen, werden sie der App überdrüssig.
  • Im Dokument wird das "boredom issue" genannt. Die Lösung: immer wieder andere Inhalte zwischenstreuen, um Menschen bei der Stange zu halten.
  • NYT-Autor Ben Smith hat den Informatiker Julian McAuley gefragt, was er von dem geleakten Dokument hält: "totally reasonable, but traditional stuff". Das fasst es gut zusammen.
  • TikTok hat eine clever designte App und den mächtigsten Video-Editor, viele Nutzerïnnen, die kreative Inhalte erstellen, massenhaft Daten und Tausende talentierte Entwicklerïnnen.
  • Einen weitere Erfolgsfaktor beschrieb uns TikToks Deutschlandchef Tobias Henning kürzlich in einem Gespräch so: "TikTok ist keine Social-Media-Plattform, sondern eine Content-Plattform." Es gibt keinen Social-Graph wie bei Instagram oder Facebook, Empfehlungen funktionieren von der ersten Sekunde an und berufen nicht auf Followern.
  • All das ist seit Jahren bekannt (siehe Briefing #524). Wer sich für TikTok interessiert, sollte den NYT-Text trotzdem lesen. Er liefert keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse, ordnet das Dokument aber gut ein.

Wie China eben doch mitredet

  • Als wir mit Tobias Henning sprachen, fragten wir ihn auch, ob es seine Arbeit beeinflusse, dass TikTok eine Tochtergesellschaft von ByteDance sei. Seine Antwort: "Nicht im Geringsten. Tiktok selbst ist in China nicht verfügbar, sondern agiert unabhängig."
  • Für TikTok Deutschland mag das zutreffen. Der Business Insider hat mit sechs aktuellen und ehemaligen Angestellten gesprochen, deren Schilderungen ein anderes Bild zeichnen.
  • Demnach mischt sich ByteDance sehr wohl ein, für wichtige Entscheidungen sei oft ein Anruf in Peking nötig. Angeblich hat man dort auch das letzte Wort und überstimmt die Managerïnnen außerhalb Chinas.
  • "It's that feeling a little bit in the US where you're sort of helpless to a lot of the decisions that are made out of China", sagt ein anonymer Ex-Mitarbeiter. ByteDance werde intern als HQ bezeichnet und sei ständig präsent.
  • Das widerspricht TikToks eigener Darstellung, das immer wieder versucht, sich als komplett unabhängiges Unternehmen darzustellen, das mit China nichts zu tun habe.
  • Der Bericht des Business Insider passt zu einer CNBC-Recherche aus dem Juni. Moneyquote:

The former employees who spoke to CNBC said the boundaries between TikTok and ByteDance were so blurry as to be almost non-existent. Most notably, one employee said that ByteDance employees are able to access U.S. user data.

Wie TikTok seine Algorithmen ändern will

(…) we're testing ways to avoid recommending a series of similar content – such as around extreme dieting or fitness, sadness, or breakups – to protect against viewing too much of a content category that may be fine as a single video but problematic if viewed in clusters.

  • Zudem sollen Nutzerïnnen mehr Möglichkeiten bekommen, die Vorschläge an ihre eigenen Bedürfnisse anzupassen. TikTok plant etwa eine Funktion, mit der sich bestimmte Wörter oder Hashtags ausblenden lassen.
  • Wir halten das für sinnvolle Maßnahmen, haben aber Zweifel an TikToks Motiven. Das "Langeweile-Problem" aus dem geleakten Dokument dürfte mindestens genauso wichtig sein wie TikToks Sorge um das Wohlergehen seiner Nutzerïnnen.
  • Wir halten das aber nicht für verwerflich. Natürlich handelt ein Unternehmen in erster Linie nach wirtschaftlichen Erwägungen. Wenn etwas dabei herauskommt, das auch noch im Sinne seiner Nutzerïnnen ist, sehen wir darin keinen Grund zur Kritik.
  • Langfristig wünschen wir uns aber deutlich mehr Transparenz in Bezug auf die Algorithmen der Plattformen, damit es keine Leaks braucht, um die Empfehlungslogik besser zu verstehen.
  • Vielleicht helfen der europäische Digital Services Act sowie der Platform Accountability and Transparency Act in den USA, zu dem wir diesen Podcast (Lawfare) empfehlen, den Evelyn Douek so zusammenfasst (Twitter):

We can't fix problems we don't understand. So I'm particularly excited about a bill just introduced into Congress that might help us get the data out of platforms to help us do just that.


Blick auf 2021

Was ist

Wir haben 2021 insgesamt 71 Briefings verschickt. Das sind knapp zehn weniger als im Jahr davor. Allerdings haben wir trotzdem nicht gerade das Gefühl, dass die Informationsdichte abgenommen hätte. Im Gegenteil: Wir haben im Vergleich zu den Vorjahren in fast jedem einzelnen Briefing einen echten Deep Dive gehabt – etwa warum sich Online-Werbung 2021 grundlegend ändern wird, zum Clubhouse-Hype, wie sich Twitter neu erfinden will, wie sich die Creator Economy anfühlt, was auf LinkedIn und Xing geht, wie Expertïnnen die Gefahr digitaler Desinformation in Deutschland einschätzen, zum Digital News Report, wie TikToks Algorithmus funktioniert, und, und, und…

Wie es weitergeht

Wir stemmen das hier alles zu zweit. Das ist, gelinde gesagt, Woche um Woche extrem viel Arbeit. Wir überlegen daher, ob wir das Briefing 2022 etwas umstrukturieren – beispielsweise einmal die Woche einen Deep Dive, einmal die Woche alle relevanten News. Das ist allerdings erst einmal nur eine Überlegung. Da ist noch nichts entschieden. Aus guter Tradition machen wir das auch nicht allein. Vielmehr entscheiden wir so etwas in aller Regel mit unseren Leserïnnen zusammen. Daher möchten wir dich heute fragen:

Was wäre die eine Sache, die dein Abo-Erlebnis bei uns definitiv verbessern würde?

Es wäre famos, wenn du uns auf die Frage kurz Feedback geben könntest – hier geht es zur Texteingabe dafür.

In bester Gesellschaft

Was klar ist: Du befindest dich mit deinem Abo bei uns in bester Gesellschaft. Insgesamt konnten wir in diesem Jahr 86 institutionelle Kunden für unsere Arbeit begeistern, uns von 1060 auf 1465 Abonnentïnnen bei Steady steigern. Insgesamt verzeichen wir nun rund 4500 zahlende Leserïnnen, mehrheitlich Professionals aus den Bereichen Journalismus, PR, Politik und Wissenschaft. Das ermöglicht es, dass wir auch 2022 weiterhin hauptberuflich das Social Media Watchblog herausgeben können – ein Privileg, das es in ähnlicher Form in DACH nicht all zu oft gibt. Vielen Dank an alle, die das ermöglichen! Das ist einfach großartig!

Alle Briefings auf einen Blick

Übrigens: Falls du erst später im Jahr dazugestoßen bist, oder falls du einfach gern noch einmal das eine oder andere (während der Feiertage) nachlesen möchtest, dann findest du hier alle Briefings 2021 auf einen Blick. Falls du ein Steady-Login benötigst, schreib uns gern kurz eine E-Mail. Cheers!

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember


Header-Foto von Damian Markutt


Deutschland vs. Telegram: Der Streit spitzt sich zu | Weihnachts-Special: Doppel-Abo für 2022

Deutschland vs. Telegram: Der Streit spitzt sich zu

Was ist

Die neue Bundesregierung will Telegram zur Kooperation zwingen. Der Messenger soll Desinformation, Verschwörungserzählungen und strafbare Hassnachrichten endlich löschen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Telegram hat bislang sämtliche Kontaktversuche und Bußgeldverfahren aus Deutschland ignoriert.

Warum das wichtig ist

Telegram ist die wohl wichtigste Kommunikationsplattform für viele Querdenker, Verschwörungsideologïnnen und QAnon-Gläubige. Auch Rechtsradikale vernetzen und organisieren sich dort, prominente Hassprediger wie Attila Hildmann nutzen den Messenger als Sprachrohr.

Telegram hat bislang meist tatenlos zugeschaut. Der Messenger ist für Medien, Behörden und Ermittlerïnnen kaum bis gar nicht zu erreichen. Man kann darüber streiten, ob Telegram Lügen löschen sollte – die sind schließlich nicht verboten. Doch es geht nicht nur um Inhalte im Graubereich, sondern um eindeutige strafbare Posts, die stehen bleiben.

Was auf Telegram abgeht

Einige aktuelle Beispiele zeigen das enorme Mobilisierungspotenzial und verdeutlichen, warum Wegschauen gefährlich wäre:

  • "Mich impft keiner, ich habe hier zwei Armbrüste, ich habe eine scharfe Waffe, da sollen sie mal kommen." Dieser Satz beschreibt gut, was in einer Telegram-Gruppe abgeht, in der sich die ZDF-Journalisten Arndt Ginzel und Henrik Merker für Frontal 21 einschleusten. Die Radikalisierung der Mitglieder gipfelt in Mordfantasien, man müsste bei Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer "einmarschieren, den Typen dort rausziehen, irgendwo aufhängen". Mittlerweile ermittelt das LKA.
  • Der Handel mit gefälschten Impfpässen boomt (SZ). Die zentrale Plattform: natürlich Telegram (CeMAS).
  • Josef Holnburger und Pia Lamberty von CeMAS, dem gemeinnützige Center für Monitoring, Analyse und Strategie, haben auch zahlreiche Berichte und Informationen zusammengetragen, wie impfende Ärztïnnen attackiert werden – auch hier spielt Telegram eine entscheidende Rolle.
  • Der dritte CeMAS-Link gleich hinterher: Virale Telegram-Sprachnachrichten sind zu einem wichtigen Treiber von Desinformation geworden.
  • Der Telegram-Kanal "Freie Sachsen" ist eine Sammelstelle für Corona-Leugner und Impfverweigerer. Mehr als 100.000 Menschen folgen dem Kanal, hinter dem eine rechtsextreme Partei steht. "Es können Leute in diese rechtsextreme Mobilisierung mit reinkommen, die das vielleicht gar nicht geplant haben, aber auch nichts dagegen tun, dass das passiert", sagt Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung (DLF).
  • Derzeit vielleicht nicht ganz so alarmierend wie Impfgegner, aber trotzdem gefährlich: Dealer verticken über Telegram massenhaft harte Drogen (SZ), auch der Handel mit Waffen floriert. Bezahlt wird teils mit Kryptowährungen, Fahnderïnnen sind in den meisten Fällen hilflos.

Der Hass bleibt nicht im Netz, sondern schwappt auf die Straße über und dient als Brandbeschleuniger für Radikalisierung (SZ). Das geschieht übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt (Rest of World).

Wie gefährlich die zunehmend gewaltbereite Querdenker-Szene ist, sieht man an den Morden in Königs Wusterhausen und Idar-Oberstein. Sascha Lobo sieht dabei eine Verbindung:

Auf die Frage, wie diese Taten zusammenhängen mit der Radikalisierung von "Querdenkern" und Konsorten, lautet eine wahrscheinliche Antwort: Telegram. Sowohl der Tankstellenmörder wie auch der Mann, der seine Familie tötete, hatten Telegram-Accounts.

Wir möchten aus dieser Korrelation keine Kausalität konstruieren. Menschen morden nicht, weil sie auf Telegram ein paar hasserfüllte Nachrichten lesen. Aber der Messenger verschafft Verschwörungserzählungen und Mordaufrufen Reichweite, was Vernetzung und Radikalisierung erleichtert. Wir haben selbst etliche Stunden im "Darknet des kleinen Mannes" verbracht und stimmen Lobos Fazit zu:

Verschwörungstheorien aller Art sind in sozialen Medien ohnehin allgegenwärtig, aber auf Telegram entwickeln sie eine besondere Energie. Weil das Teilen so einfach ist, ergibt sich in vielen Kanälen und Gruppen ein regelrechter Hagelsturm an Verschwörungsinhalten (…). Bereits ein halbes Dutzend Abonnements und Gruppenmitgliedschaften in einschlägigen Zirkeln reichen bei Telegram völlig aus, um sich in einen dauerhaften Alarm- und Angstzustand hineinzusteigern. (…) Das Ergebnis ist erschütternd: So lässt sich leicht eine selbstverstärkende Radikalisierung gegen die eingebildete Generalbedrohung durch ungefähr alle anderen erzeugen – ich nenne dieses Phänomen Widerstandsrausch, der Telegram-Amokwahn des Social-Media-Zeitalters.

Was Telegram dagegen unternimmt

Nichts.

Okay, fast nichts. Gelegentlich entfernt Telegram terroristische Inhalte (Spiegel) oder besonders krasse Straftaten, etwa Darstellungen von Kindesmissbrauch.

Im Sommer wurden auch die Telegram-Kanäle von Attila Hildmann auf Android- und iOS-Geräten blockiert. Zunächst wurde spekuliert, ob Apple und Google selbst durchgegriffen hätten, die beiden App-Store-Betreiber dementierten aber. Miro Dittrich geht davon aus, dass tatsächlich Telegram gehandelt hat – vermutlich auf Druck von Apple und Google.

Wie Telegram die Zusammenarbeit mit Behörden verweigert

In Briefing #728 beschrieben wir, wie Bundesjustizministerium (BMJV) und Bundesamt für Justiz (BfJ) im Juni vergeblich versuchten, Telegram zur Kooperation zur Bewegung. Die wichtigsten Fakten in Kürze:

  • Lange Zeit war unklar, ob Telegram unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) fällt, das "Plattformen zur Individualkommunikation", sprich Messenger, eigentlich ausschließt.
  • Mit seinen Gruppen und öffentlichen Kanälen gleicht Telegram jedoch längst einem sozialen Netzwerk. Da mehr als zwei Millionen Menschen Telegram-Kanäle nutzen, stuft das BMJV Telegram mittlerweile als Plattform ein, die unter das NetzDG fällt.
  • Deshalb leitete das BfJ zwei Bußgeldverfahren gegen Telegram ein und schickte bereits im April Anhörungsschreiben nach Dubai, wo der Messenger angeblich seinen Firmensitz hat.
  • Doch Ermittlerïnnen haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder an Telegram gewandt, um Daten zu Accounts anzufordern, über die Straftaten begangen werden. Ihre Anfragen verhallten meist ohne Ergebnis.
  • Telegram brüstet sich auch noch mit dieser Verweigerungshaltung und schreibt in seinen FAQ: "To this day, we have disclosed 0 bytes of user data to third parties, including governments."
  • Im Sommer sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, man wolle erst mal abwarten, ob und was Telegram antworte, bevor man weitere Maßnahmen einleitete. Unsere damalige Einschätzung:

Wir glauben, dass Deutschland da lange warten kann, und wünschen viel Geduld.

Eine aktuelle Recherche von WDR, NDR und SZ (Tagesschau) bestätigt diese Vermutung. Der Text endet so:

Die Beamten in Bonn hatten Telegram in ihrem Schreiben aus dem April eine zweiwöchige Frist für eine Rückmeldung gesetzt. Anderenfalls werde man "nach Aktenlage" entscheiden und müsse ein Bußgeld verhängen. Bis heute gibt es keine Antwort.

Wie die deutsche Politik den Druck erhöhen will

Die Geduld, die wir wünschten, scheint aufgebraucht zu sein. Jedenfalls haben sich in den vergangenen Tagen mehrere Mitglieder der neuen Bundesregierung und andere hochrangige Politikerïnnen zu Telegram geäußert:

  • "Gegen Hetze, Gewalt und Hass im Netz müssen wir entschlossener vorgehen", sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser der Funke Mediengruppe. Die Bundesregierung werde es "so nicht hinnehmen", dass Telegram die Schreiben im Bußgeldverfahren ignoriere.
  • Die SPD-Politikerin teilt auch die Einschätzung des BfJ, dass Telegram aufgrund der Kanäle und Gruppen unter das NetzDG falle. "Das bedeutet, dass offensichtlich strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden gelöscht werden müssen, rechtswidrige Inhalte innerhalb von sieben Tagen", sagte Faeser.
  • Bundesjustizminister Marco Buschmann will "einen gemeinsamen europäischen Rechtsrahmen schaffen, der es uns ermöglicht, gegen Hass und Hetze im Netz vorzugehen", wie er auf Twitter schreibt. Was auf Telegram in Umlauf gebracht werde, sei teils unanständig und oft kriminell.
  • SPD-Chefin Saskia Esken fordert, dass Polizei und Staatsanwaltschaften härter gegen digitalen Hass vorgehen sollten. "Aufruf zum Mord ist strafbar und muss von den Behörden auch verfolgt werden", sagte sie dem RND. "Diese Gruppen bei Telegram sind nicht geheim und nicht geschlossen."
  • Am Dienstag wiederholte sie ihre Forderungen im DLF. Sicherheitsbehörden müssten öffentliche Telegram-Gruppen nach strafbaren Inhalten durchsuchen und anschließend ermitteln. "Das wäre dringend notwendig, dort werden Straftaten angekündigt, die dann anschließend auch entsprechend umgesetzt werden."
  • "Bei Telegram muss der Staat schnell reagieren", verlangt Thüringens Innenminister Georg Maier (SZ). "Am Ende der Spirale staatlichen Agierens kann auch das Geoblocking stehen." Das aber sei das Ende der Eskalationsstufe, davon sei man noch weit entfernt.
  • Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, dem die Morddrohungen auf Telegram galten, nimmt Telegram-Chef Pavel Durow in die Verantwortung: "Es kann nicht länger angehen, dass die Betreiber von Telegram von Dubai aus tatenlos zuschauen, wie in ihrem Netzwerk Morddrohungen verbreitet werden", sagte er der BamS. Wenn Telegram nicht tätig werde, "muss die EU, muss die Bundesregierung, müssen Apple und Android die Nutzung einschränken."
  • Vergangene Woche drängte die Innenministerkonferenz die Bundesregierung, mit Blick auf Telegram rasch zu handeln (SZ). Dem Spiegel sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius: "Eine pluralistische Gesellschaft muss nicht aushalten, wenn Mordpläne und schlimmste Hetze via Telegram verabredet und dort Fackelzüge organisiert werden. Dagegen muss der Staat entschieden und spürbar vorgehen."
  • Telegram ignoriere nicht nur deutsches Recht, sondern auch die Nutzungsbedingungen von Apple und Google. Dort sieht Pistorius einen möglichen Hebel: "Wir müssen dringend mit ihnen sprechen und sie davon überzeugen, Telegram nicht mehr zu vertreiben. (…) Ich habe der Bundesinnenministerin Nancy Faeser vorgeschlagen, dass wir gemeinsam mit meinen Ministerkollegen die Unternehmen möglichst schnell zu so einem Gespräch einladen. Es sollte ja im eigenen Interesse dieser renommierten Unternehmen sein, saubere Ware anzubieten."

Was das alles bringt

Wir stimmen den meisten der zitierten Forderungen und Aussagen zu. Das Problem: Uns fehlt der Glaube, dass sich ein Unternehmen, das seit Jahren konsequent fast alle Anfragen von Sicherheitsbehörden ignoriert, von ein paar Drohungen aus Deutschland ernsthaft wird beeindrucken lassen.

Ohnehin bezweifeln wir, dass die Bundesregierung in naher Zukunft neue Gesetze erlassen wird, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Zum einen wird in Brüssel gerade der Digital Services Act verhandelt, der unter anderem Plattformen verpflichten soll, strafbare Inhalte zu löschen und den Behörden zu melden. Zum anderen scheitert die Rechtsdurchsetzung bislang nicht an fehlenden Gesetzen, sondern an fehlender Durchsetzung geltender Gesetze.

Von einem pauschalen Verbot oder flächendeckenden Netzsperren halten wir wenig. Schließlich ist Telegram für Millionen Menschen ein ganz normaler Messenger und wird in vielen Ländern auch von Oppositionellen in autoritären Regimen genutzt. Dort ist Telegrams Weigerung, Daten herauszurücken, ein großer Vorteil. Matthias Kettemann, Experte für Internetrecht und Professor an der Universität Innsbruck, hält ein Verbot auch für verfassungswidrig (DLF):

Unsere Lösung darf nicht sein, Telegram zu sperren. Wir müssen Telegram zwingen, besser zu moderieren und klar rechtswidrige Inhalte schneller zu löschen.

Statt sich (mutmaßlich erfolglos) an Telegram abzuarbeiten, hält es Kettemann für vielversprechender, Druck auf "die großen Gatekeeper" auszuüben – also in erster Linie Apple und Google. Das halten wir ebenfalls für einen sinnvollen Weg, die Hildmann-Sperre hat gezeigt, dass Telegram reagiert, wenn der Rauswurf aus dem App-Store droht.


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Header-Foto von Andrew Amistad


Chronologischer Feed bei Instagram | Twitters Project Guardian | YouTubes 24-Stunden-Event | Live-Shopping bei TikTok | Facebooks neue Stars | Twitter bessert bei DM nach | Snapchat startet Content-Accelerator-Programm | LinkedIn lockt Creator mit neuen Features

Social Media & Politik

  • Mosseri bringt Geschenke mit: Wie in Ausgabe #764 dargestellt, gestaltet sich das Verhältnis von Instagram, Teenagern und mentaler Gesundheit äußert komplex. Das hat die US-Senatorïnnen aber nicht davon abgehalten, Instagram-Chef Adam Mosseri einige maximal binäre Fragen zu stellen. Mosseri übte sich in Schadensbegrenzung und hatte einen Rucksack voller Ideen dabei, was Instagram künftig alles besser machen möchte:
    • Eine neue "Pause"-Funktion, die die Nutzer ermutigt, Instagram zu schließen, wenn sie einmal wieder zu lange „auf Insta“ unterwegs waren.
    • Neue Optionen für Eltern, um mehr im Blick zu behalten, was ihre Kids auf Instagram so treiben. (Soll im März kommen.)
    • Eine Verpflichtung, Daten mit unabhängigen Forscherïnnen zu teilen, die die Auswirkungen von Instagram auf die psychische Gesundheit und das Verhalten untersuchen.
    • Ein neuer Hub, an dem Nutzerïnnen alte Beiträge, einschließlich Likes und Kommentare, auf einen Schlag löschen können.
    • Eine Rückkehr des chronologischen Feeds (dessen Umsetzung dann aber wahrscheinlich stark an Facebooks Option erinnert, den News Feed chronologisch zu nutzen).

    Ob Instagram mit diesen Vorschlägen den Kongress besänftigen kann, darf bezweifelt werden. Der Chef des Komitees, Richard Blumenthal, fasst die Gemütslage der Abgeordneten so zusammen:

“Self policing depends on trust. The trust is gone.”

  • Facebook restrukturiert Forschungsabteilungen: Im Zuge der Facebook Files wurde deutlich, dass Facebook zwar eine ganze Reihe an Forscherïnnen beschäftigt, die sich mit Fragen rund um das Thema gesellschaftliche Verantwortung auseinandersetzen. Bislang aber schienen diese Abteilungen jeweils ihr eigenes Süppchen zu kochen, hatten oftmals nicht so recht den Einblick, was andere bereits herausgefunden hatten. Das soll sich mit einer Restrukturierung (Bloomberg) nun ändern. Praktischerweise hat man so auch alle ein bisschen besser im Blick.

Kampf gegen Hass & Desinformation

  • „Project Guardian“ – Twitters geheime Liste: Bloomberg berichtet über eine geheime Liste bei Twitter, auf der Nutzerïnnen geführt werden, die mehr Schutz vor Trollen erhalten als reguläre User. Content-Moderatoren kümmern sich bevorzugt um sie, etwa wenn sie belästigt werden. Das Programm „Project Guardian“ (Bloomberg) umfasst Sportlerïnnen, Musikerïnnen, Politikerïnnen sowie Journalistïnnen. Es erinnert an das X-Check-System von Facebook (WSJ), über das im Zusammenhang mit den Facebook Files berichtet wurde. Sicherlich sinnvoll an der einen oder anderen Stelle. Anderseits zeigt es einmal mehr: Nicht alle Social-Nutzer sind gleich.
  • Twitter überarbeitet Melde-Funktion: Twitter-Nutzerïnnen können bekanntlich Tweets melden, die sie für problematisch erachten. Allerdings gestaltete sich der Melde-Prozess bislang etwas schwierig. Oft war nicht wirklich klar, in welche Kategorie die Meldung passen könnte. Genau da möchte Twitter nun mit einem neuen Melde-System nachbessern (The Verge).
  • Meta plant neues AI-Tool für Content Moderation: Oft ist bei den sozialen Medien die Rede davon, dass künstliche Intelligenz (AI) dabei helfen soll, problematische Inhalte zu identifizieren, um sie automatisiert von der Plattform zu nehmen. Noch bräuchte man zwar Content Moderatoren aus Fleisch und Blut – schon bald übernimmt aber dann komplett die Maschine. Alles safe und nur eine Frage der Zeit, so die Unternehmen. Ganz so einfach ist das aber nicht, wie sich immer wieder zeigt. Ein zentrales Problem: Die AI ist nur so gut, wie sie mit Daten gefüttert wird. Nur wenn eine Maschine Hunderttausendfach gezeigt bekommt, was ein unerwünschter Inhalt ist, kann sie „selbständig“ handeln. Dieser Prozess kann Monate dauern. Viel zu oft ist es dann schon zu spät. Metas neues AI-Tool „Few-Shot Learner“ (Cnet) soll sehr viel schneller lernen, verstehen und umsetzen können.
  • Nature-Artikel über Reddit: Nature hat eine Studie zum Thema „Radikalisierung auf Reddit“ veröffentlicht. Auch hier zeigt sich einmal mehr, dass es nicht so einfach ist mit den Schuldzuweisungen: Zwar kamen radikalere Nutzerïnnen über die Jahre kontinuierlich hinzu. Es lässt sich aber nicht belegen, dass bestehende User radikalisiert wurden.
  • Conspiracy Chart: Abbie Richards arbeitet als Forscherin zu den Themen Desinformation und Verschwörungstheorien. Ihre interaktive Conspiracy Chart ist legendär:


Social Media & Journalismus

  • Nieman Lab: Predictions for Journalism 2022: Das Nieman Lab hat traditionsbewusst einmal mehr Medienmacherïnnen und Expertïnnen gefragt, wie sich der Journalismus im kommenden Jahr entwickeln wird. Wir hatten noch keine Zeit, sämtliche Vorhersagen selbst zu lesen. Da wir aber die Lektüre in aller Regel inspirierend finden, trauen wir uns, die Serie an dieser Stelle auch blind zu empfehlen. Bis zum 17.12. werden täglich neue Beiträge zur Zukunft des Journalismus veröffentlicht. Dort lässt sich garantiert auch einiges zur Schnittstelle „Social Media & Journalismus“ finden.

Follow the money

  • Live-Shopping-Event bei TikTok: Während Live-Shopping bei TikToks chinesischer Schwester-App Douyin schon sehr erprobt ist (allein 800 Milliarden Yuan Umsatz im vergangenen Jahr) und ordentlich zum Wachstum beiträgt, ist Live-Shopping für TikTok in Europa noch Neuland. Um auch hier die ersten Erfahrungen zu sammeln, hat TikTok am 8. und 9.12. das sogenannte „On Trend“-Event (Protocol) abgehalten. Ganz interessant in diesem Zusammenhang: Da bei Kurz-Videos Werbeplätze per se arg limitiert sind (niemand will während eines TikToks Werbung sehen!), ist TikTok stark auf andere Einnahmen angewiesen – allen voran E-Commerce. (Oder aber TikTok führt immer längere Videos ein und erklärt dann seinen Nutzerïnnen, dass Creator es einfach lieben, längere Videos zu machen. Was? Das machen sie bereits? Ah, jaaaaa, richtig!)
  • Facebook verliert weitere hochrangige Mitarbeiter: Wir berichten ja in aller Regel nicht über Personalentscheidungen bei den Tech-Plattformen – mal abgesehen von den ganz prominenten Figuren wie @jack. Wenn nun aber innerhalb weniger Monate die nächsten hochrangigen Mitarbeiter bei Facebook die Segel streichen (Julien Codorniou, Facebook Workplace / Stan Chudnovsky, Head of Messenger Division), dann ist uns das schon eine Meldung wert – weil das fühlt sich jetzt mittlerweile einfach schon wie ein Trend an.
  • Pinterest kauft Video-Startup Vochi: Pinterest möchte gern mehr Video-Inhalte auf der Plattform. Und weil das hauseigene Video-Tool bislang noch etwas karg ausfällt, hat sich das Unternehmen ein kleines, aber feines Video-Startup namens Vochi einverleibt (Pinterest Newsroom), dessen Features nun Pinterests Video-Angebot zum Fliegen bringen soll.
  • Twitter kauft Quill: Um die eigenen Nachrichten-Funktionalitäten zu verbessern, hat sich Twitter den Slack-Herausforderer Quill geschnappt (Quill Chat). Die App soll eingestellt, das Team in die Messaging-Abteilung bei Twitter integriert werden.
  • Mit WhatsApp Geld empfangen: WhatsApp startet einen (vorerst auf die USA begrenzten) Test der digitalen Geldbörse Novi (Protocol). Nutzerïnnen können damit innerhalb eines Chats Geld senden und empfangen.
  • Signal sammelt Spenden von Nutzerïnnen: Die Messaging-App Signal hat einen Weg gefunden, um die eigene User-Base um Unterstützung zu bitten. Wer mag kann Signal jetzt direkt innerhalb der App entweder monatlich unterstützen oder einen einmaligen Boost geben (Heise). Als Gegenleistung erhalten Nutzerïnnen Badges, die den Support für Dritte sichtbar machen. Warum das alles? Nun, Signal ist eine Non-Profit und frei von Werbe- bzw. Investorengeldern. Auf Dauer reicht das bei der Signal Foundation hinterlegte Geld des WhatsApp-Gründers Brian Acton nicht. Um unabhängig zu bleiben, ist Signal auf den Support der Nutzerïnnen angewiesen.

Creator Economy

In den letzten Tagen ist in Sachen „Creator Economy“ schon wieder so viel passiert – das Thema verdient eigentlich einen fetten Deep Dive. Um heute den Rahmen nicht zu sprengen, belassen wir es aber einfach mal bei den News. Erklärt und analysiert wird später.

  • Meta spendiert Live-Creatorn zahlreiche neue Features: In einem Facebook-Post kündigte Zuckerberg folgende Funktionen an: Umfrage-Features, Optionen für Co-Broadcasting mit bis zu vier Personen über eine „Live With"-Funktion, neue Kommentarfunktionen sowie spezielle Links, mit denen sich in Stories auf anstehende Live-Übertragungen hinweisen lässt.
  • Meta launcht Stars: Eine neue Plattform (Facebook Newsroom) soll dabei helfen, User auf den Geschmack zu bringen, ihren Stars & Lieblings-Creatorn mehr digitale Liebe (ergo Geld) zukommen zu lassen.
  • Facebook startet „Professional Mode“: Creator bekommen zahlreiche Features (The Verge) an die Hand, die sonst nur Pages vorbehalten waren.
  • TikTok startet Creator Next: TikTok kündigte eine neue Website mit dem Namen "Creator Next" an. Das Ziel: Kreativen einen zentralen Ort anbieten, an dem sie Geld verdienen können – durch Trinkgelder und eine Art Marktplatz, auf dem sie mit Werbekunden in Kontakt kommen können.
  • Snapchat startet erstes Content-Accelerator-Programm: Das Programm mit dem Namen 523 (Snap Newsroom) soll laut Firmenangaben „kleine, von Minderheiten geführte Content-Unternehmen und Kreative unterstützen und ins Rampenlicht rücken“.
  • Discord denkt über Premium-Mitgliedschaften nach: Exklusive Communities sind ein probates Mittel, um Fans zu halten. Bislang haben Creator den Zugang zu solchen Communities häufig via Patreon und Co verkauft. Jetzt möchte Discord – eine der Plattformen, die sehr häufig für diese Form von geschlossenen Gruppen genutzt wird – exklusive Memberships selbst anbieten (Techcrunch).
  • LinkedIn bessert bei "Creator Mode"-Funktionen nach: User, die den Creator Mode aktiviert haben, erhalten nun unabhängig von der Anzahl der Followerïnnen Zugang zu Live-Features. Zudem gibt es neue Newsletter-Optionen für Creator. Hier die Tools im Überblick.

Wrapping up 2021

  • YouTube plant 24-stündiges Live-Event: Erst kürzlich wurde bekannt, dass YouTube auf Jahresrückblicke in Form der berüchtigten Rewind-Videos fortan komplett verzichten würde (The Verge). Um all die Video-Uploads trotzdem angemessen zu feiern, wird es dieses Jahr ein 24-stündiges, interaktives Live-Event mit Musikern und Kreativen geben, um auf die größten Trends und Videos des Jahres 2021 zurückzublicken. Escape2021 heißt das Ding. Mit Blick auf die Escape-Mutationen bei Corona vielleicht nicht der beste Name, aber das Event könnte ja ganz interessant werden. Bis dahin läuft auf dem Channel erstmal das Lofi-Girl.
  • Instagram Playback: Instagram schließt sich dem Trend zum Jahresrückblick mit einem neuen Feature namens Playback (Engadget) an. Die Funktion ermöglicht es, Stories aus dem Jahr 2021 noch einmal zu erleben. Dafür wählt die App vorab 10 Stories für jeden Nutzer aus. Wer mag, kann die Top-2021-Stories über die im Archiv gespeicherten Stories modifizieren.
  • TikTok feiert die Top-Creator 2021: TikTok hat wirklich ein absurd erfolgreiches Jahr hinter sich! Ein Grund: Sie rücken – anders als das etwa Facebook, Insta, Twitter oder Snapchat getan haben – ihre Creator immer wieder in den Mittelpunkt. So auch mit ihrem ziemlich umfangreichen Jahresrückblick (TikTok Newsroom). Wer noch einmal sehen möchte, welche Videos am meisten Buzz bekommen haben, erhält hier einen interessanten Überblick.

Was wir am Wochenende lesen / anschauen


Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

  • Geplante Vergänglichkeit: Wer mag, kann WhatsApp-Chats jetzt automatisiert wieder verschwinden lassen (Whatsapp) – nach 24 Stunden, 7 oder 90 Tagen. Bevor ihr maximal vertrauliches Zeug postet, lest aber bitte noch einmal das FAQ. Unter anderem heißt es dort: „Wenn eine selbstlöschende Nachricht an einen Chat weitergeleitet wird, in dem selbstlöschende Nachrichten ausgeschaltet sind, verschwindet die Nachricht dort nicht.“ Ist technisch nachvollziehbar, sollte nur eben auch jedem klar sein.

Twitter

  • Mehr TikTok wagen: Ja, nee, war ja klar, dass das bei Twitter auch eine Rollen spielen wird: Die Explore-Section wird manchen Nutzerïnnen aktuell testweise als Fullscreen (@TwitterSupport) angezeigt – ganz TikTokesque. Mal sehen, ob sie das wirklich für alle ausrollen…
  • Schneller folgen: Twitter arbeitet an einem Feature, das mehr Verbindungen schaffen soll. Konkret geht es um ein kleines Plus-Zeichen (@alex193a), das im Feed auf / neben den Profilfotos platziert werden soll – ähnlich wie das Plus, das Nutzerïnnen bei Instagram ermutigt, etwas in die Story zu posten. Bei Twitter hingegen geht es nicht darum, Inhalte zu kreieren, sondern anderen zu folgen.

Facebook

  • Stories & Posts via Portal anschauen: Facebooks Smart-Video-Speaker Portal bekommt ein paar neue Features (The Verge): Neben der Option, andere per Video-Call anzurufen, können sich Portal-User künftig auch Facebook-Stories und -Posts anzeigen lassen. Auch können Nutzerïnnen via Portal fortan Screenshots tätigen, Spiele spielen, Microsoft Teams nutzen und ESPN gucken.

Messenger

  • Rechnung teilen via Messenger: Facebook testet in den USA die Option, mittels „Split Payments“ (Messengernews) schnell und einfach Rechnungen aufzuteilen – etwa bei einem Restaurant- oder Kneipenbesuch ganz praktisch, so die Idee.

Telegram

  • Geschützte Inhalte, gezieltes Löschen, als Kanal posten: Telegram führt eine Reihe neuer Tools (Telegram) ein, die die Nutzung sicherer machen soll. So können Gruppen-Admins künftig Nachrichtenweiterleitungen einschränken. Das hat zur Folge, dass keine Screenshots mehr angefertigt, respektive Medieninhalte aus den Kanälen gespeichert werden können. Zudem können Nutzerïnnen jetzt gezielt Chatverläufe eines bestimmten Zeitraumes löschen. Ferner kann nun in Gruppen mit einem Kanal anstelle eines persönlichen Accounts gepostet werden. (Mit Blick auf die Nutzung von Telegram durch zahlreiche Demokratie-Feinde wird einmal mehr deutlich, was Datenschutz für ein zweischneidigen Schwert sein kann.)

Reddit

  • Engagement Galore! Reddit möchte gern mehr Engagement sehen. Dafür werden fünf neue Tools (9to5Mac) eingeführt: u.a. ein Voting-Feature, mit dem Nutzerïnnen sehen können, wenn die Anzahl der Stimmen steigt oder sinkt sowie Tipp- bzw. Lese-Hinweise, um zu sehen, wie viele Nutzerïnnen gleichzeitig aktiv einen Beitrag verfassen bzw. lesen.
  • Ciao Dubsmash: Reddit macht die Kurz-Video-App Dubsmash im Februar 2022 dicht (Dubsmash). Anfang des Jahres aufgekauft, um das eigene Video-Geschäft anzukurbeln (mittlerweile plus 70 Prozent Watch-Time!), geht Dubsmash nun also doch als eigenständiges Angebot vom Netz.

Gmail

  • Voice und Video Calls: One-on-one Sprach- und Videoanrufe können jetzt mittels Google Chat auch innerhalb der Gmail-App (workspaceupdates / googleblog) getätigt werden. Wer Gmail mag, nutzt dann künftig womöglich eben auch dort direkt die Videoanruf-Funktion anstelle eines Messengers wie WhatsApp.

Tinder

  • Gleicher Musikgeschmack? Tinder startet eine Kooperation mit Spotify (The Verge), um Nutzerïnnen die Möglichkeit zu geben, den Musikgeschmack mit potentiellen Partnerïnnen abzuchecken.

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Instagram, Teenager und mentale Gesundheit: Es bleibt kompliziert

Instagram, Teenager und mentale Gesundheit: Es bleibt kompliziert

Was ist

Es ist mal wieder jede Menge los:

  • Forscherïnnen haben einen offenen Brief an Mark Zuckerberg geschrieben, weil sie unabhängig untersuchen wollen, wie sich Instagram auf die Psyche von Jugendlichen auswirkt.
  • Eine Organisation hat eine Studie veröffentlicht, in der sie Instagram vorwirft, manchen Mädchen den Weg in die Essstörung zu weisen.
  • Instagram selbst hat neue Funktionen angekündigt, um Teenager zu schützen.
  • Und dann muss sich am Mittwochabend auch noch Instagram-Chef Adam Mosseri den Fragen der US-Senatorïnnen stellen.

Warum das wichtig ist

Fast alle Jugendlichen nutzen Apps wie Instagram, Snapchat oder Tiktok. Die Forschung ist sich einig, dass dieses Verhalten Folgen hat – aber sie ist sich uneins, welche. Seit in den Facebook-Files interne Untersuchungen auftauchten, aus denen manche Medien schlussfolgerten, dass Instagram der psychischen Gesundheit von Teenagern schadet, ist die Diskussion neu entbrannt – hitziger und kontroverser denn je.

Was Oxford-Forscherïnnen fordern

  • Wissenschaftlerïnnen des Oxford Internet Institute haben einen offenen Brief an Zuckerberg initiiert (Universität Oxford), den Hunderte Forscherïnnen unterzeichnet haben.
  • Ihre zentrale Forderung: Instagram soll sich für die Wissenschaft öffnen, damit untersucht werden kann, wie das Netzwerk die mentale Gesundheit von Teenagern beeinflusst.
  • Auf den ersten Blick scheint die Lage eindeutig zu sein: 13 Prozent der britischen Teenager, die Selbstmordgedanken haben, geben dafür Instagram als Auslöser an. Bei einem Drittel der Mädchen, die sich unwohl in ihrem Körper fühlen, verschärft die Plattform die negative Selbstwahrnehmung.
  • Diese Zahlen stammen aus den geleakten Facebook-Files. Instagram führte die Befragungen im Jahr 2019 selbst durch, hielt sie aber unter Verschluss.
  • Für viele Medien, Politiker und Eltern lassen die Ergebnisse nur einen Schluss zu: Instagram ist Teufelszeug, Kinder und Jugendliche sollten bloß die Finger von der App lassen.
  • Doch schaut man sich die "Studie" genauer an, wird schnell klar, warum es nicht ganz so einfach ist: Tatsächlich führten insgesamt nur 16 Teenager ihre suizidalen Gedanken auf Instagram zurück. Aufgrund der kleinen Stichprobe wurden daraus 13 Prozent in Großbritannien und sechs Prozent in den USA.
  • Unter zwölf Faktoren ist die Körperwahrnehmung der einzige, bei denen mehr Mädchen Instagram einen negativen als einen positiven Einfluss zuschreiben.
  • Fragt man nach Problemen wie Einsamkeit, Essstörungen, Angstzuständen oder Traurigkeit, wird Instagram häufiger als Teil der Lösung denn als Teil des Problems genannt. In fast allen Fällen sagt eine Mehrheit der Befragten, die Nutzung der Plattform wirke sich weder in die eine noch in die andere Richtung aus.
  • "Die Studien, die in den Facebook Files auftauchen, eignen sich nicht, um seriöse Rückschlüsse zu ziehen", sagt deshalb Niklas Johannes, der in Oxford zu dem Thema forscht. Es brauche etwa repräsentative Stichproben, und man müsse Korrelation und Kausalität trennen.
  • Sein Institutsleiter Andrew Przybylski sieht das ähnlich: "Diese Arbeit ist nicht nur methodisch fragwürdig, sie wird auch im Verborgenen durchgeführt. Deshalb sind solche Studien fehlgeleitet und, nach heutigem Stand, zum Scheitern verurteilt."
  • Instagram begründet die Geheimniskrämerei auch mit der Privatsphäre der Nutzerïnnen. In den vergangenen Monaten wurden zwei Forschungsprojekte gestoppt (SZ), die Instagrams Algorithmen und politische Werbung auf Facebook durchleuchten sollten – angeblich aus Datenschutzgründen (Facebook Newsroom).
  • Meta betreibt zwar mehrere Projekte (Facebook Research), die unabhängige Studien ermöglichen sollen, doch die beteiligten Wissenschaftlerïnnen klingen zunehmend frustriert (FT). Teils werde mit nicht nachvollziehbaren Argumenten blockiert, teils stellt Meta auch schlicht falsche Daten zur Verfügung (Washington Post).
  • Bis zu einem gewissen Grad ist die Zurückhaltung nachvollziehbar. Die Aufregung um Cambridge Analytica hätte es ohne offene Schnittstellen nicht gegeben. Insofern verstehen wir, warum Facebook Daten nur sehr vorsichtig rausrückt.
  • Tatsächlich ist es technisch eine große Herausforderung, Daten zuverlässig zu anonymisieren – gerade bei den gewaltigen Mengen an Daten, die Meta besitzt.
  • Dennoch macht es uns stutzig, dass ausgerechnet ein Konzern, der Tausende talentierte Entwicklerïnnen beschäftigt, nicht in der Lage sein soll, über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg sichere Schnittstellen für seriöse Forschungsinstitutionen aufzusetzen.
  • Eigentlich müsste es sogar im Interesse von Meta sein, transparenter zu werden: Wenn die Plattform Jugendlichen tatsächlich eher nutzt als schadet, wäre es doch die bestmögliche Öffentlichkeitsarbeit, das durch unabhängige Forschung belegen zu lassen.
  • Dann müsste sich das PR-Team auch nicht alle paar Monate über "cherry picking" beschweren, weil Medien angeblich bewusst Informationen aus dem Kontext rissen, um Meta schlecht dastehen zu lassen. Win-win, oder?

Was Reset Instagram vorwirft

  • Fünf Forscherïnnen der Organisation Reset haben für eine Studie "Thinstagram" untersucht: den vergleichsweise kleinen, aber gefährlichen Teil von Instagram, in dem Magersucht keine Krankheit, sondern eine Auszeichnung ist.
  • Die Initiative Reset will ein Gegengewicht zu den großen Tech-Konzernen bilden und wird von mehreren großen Stiftungen und Organisationen finanziert (reset.tech). Sie erhält auch Geld von Luminate, einem Projekt, hinter dem Ebay-Gründer Pierre Omidyar steckt.
  • Diese Finanzierung macht Reset in den Augen mancher Kritikerïnnen angreifbar. Wir kennen und schätzen mehrere Menschen, die für Reset arbeiten, und halten die Untersuchung für seriös. Einige Sätze und Schlussfolgerungen empfinden wir als zugespitzt bis tendenziös, das ändert aber nichts an unserer grundlegenden Einschätzung.
  • Für den experimentellen Teil der Studie haben die Forscherïnnen mehrere anonyme Profile erstellt, auf denen zwar keine Gesichter zu sehen sind, dafür aber dürre Beine, knochige Hüften und Fotos, auf denen man jede Rippe einzeln zählen kann. In der ersten Woche teilten sie eine Handvoll Bilder und folgten einigen Dutzend Accounts, die extrem dünne oder eindeutig anorektische Schönheitsideale propagieren.
  • Obwohl der Account nach sechs Tagen jegliche Aktivität einstellte, gewann er konstant an Reichweite, derzeit hat er rund 900 Follower. Reset schlussfolgert daraus, dass Instagram das Konto und dessen trotz der problematischen Inhalte wohl aktiv empfohlen hat, anders sei das Wachstum nicht zu erklären.
  • Mindestens genauso erschreckend: Bereits am vierten Tag meldete sich der erste selbsternannte "Ana-Coach" per Direktnachricht. Hinter diesen Accounts verbergen sich meist Männer, die vorgeben, den Mädchen beim Abnehmen helfen zu wollen. Sie verlangen dafür Fotos, angeblich um die Fortschritte beim Gewichtsverlust zu kontrollieren.
  • Oft belästigen sie die Teenager auch oder drohen mit sexualisierter Gewalt. Manche nutzen Instagram, um mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen, und versuchen dann, die Kommunikation über Messenger wie Telegram fortzusetzen – dort ist das Risiko noch geringer, entdeckt zu werden.
  • "Wir entfernen Inhalte, die Essstörungen verherrlichen oder Anregungen dazu geben", schreibt Instagram in seinem Hilfebereich. Genau das geschehe aber nicht zuverlässig, sagt Reset.
  • Zwar werden bestimmte Hashtags und Suchbegriffe geblockt, dennoch gibt es Dutzende Stichwörter, über die sich problematische Inhalte finden lassen. Teils blendet Instagram vorher einen Hinweis ein und listet Hilfsangebote für Menschen auf, die sich in psychischen Notlagen befinden. Teils fehlen Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen.
  • Der Umgang mit solchen Themen ist herausfordernd, schließlich tauschen sich über Instagram auch Teenager aus, die sich aus einer Magersucht herauskämpfen. Sie spenden sich gegenseitig Kraft und zeigen, dass Anorexie keine Einbahnstraße ist. Einfach alle Fotos abgemagerter Körper zu löschen, ist also keine Lösung.
  • Ein Teil der Beiträge bewegt sich aber nicht in einer Grauzone, sondern ruft offen zum Hungern auf und nutzt dabei einschlägige Hashtags und Codewörter. 14-jährige Mädchen dokumentieren ihren Gewichtsverlust. Mit jedem Kilo weniger und jeder Rippe mehr wird der Beifall lauter und die Bewunderung in den Kommentaren größer. Zumindest in diesen eindeutigen Fällen müsste Instagram seine eigenen Richtlinien konsequenter durchsetzen.
  • Reset wirft Instagram nicht nur vor, kein Stoppschild aufzustellen – manchmal agiere die Plattform sogar als Wegweiser, der Nutzerïnnen noch tiefer in die Szene lotse. Die Algorithmen der Plattform schlagen selbstständig Fotos und Videos junger Frauen vor, die bis auf die Knochen abgemagert sind. Selbst bei einem Kontrollprofil, dessen Alter aus Testzwecken mit 14 Jahren angegeben wurde, wimmelt der Explore-Bereich von Beiträgen, die den Weg in die Magersucht weisen könnten.
  • Instagram selbst erklärt, man nehme die Themen mentale Gesundheit und Essstörungen sehr ernst. Man versuche, einerseits schädliche Inhalte zu entfernen und es andererseits Menschen zu ermöglichen, über ihre persönlichen Erfahrungen mit Essstörungen zu sprechen.
  • Wir nehmen Instagram den guten Willen ab. Tatsächlich hat sich in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht viel verbessert, die schlimmsten Hashtags werden blockiert, und ein Teil der Inhalte wird entfernt.
  • Doch guter Wille allein reicht nicht. Anorexie gilt als eine der gefährlichsten psychiatrischen Erkrankungen. Zwischen zehn und 15 Prozent der Erkrankten sterben. Die Corona-Pandemie hat das Problem verschärft: Die Zahl der Jugendlichen mit starkem Untergewicht ist im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel gestiegen (DAK).
  • Angesichts solcher Zahlen ist jede Verharmlosung oder Verherrlichung von Essstörungen, die online bleibt, eine zu viel. Ein Konzern wie Meta sollte genug Ressourcen haben, um problematische Fotos und Accounts zuverlässiger zu sperren.

Wie Instagram Jugendliche schützen will

  • Wohl nicht ganz zufällig hat Instagram am Dienstagmorgen eine Reihe von Maßnahmen für das kommende Jahr angekündigt.
  • Einen Tag vor seinem Auftritt im US-Kongress beschreibt Adam Mosseri, wie und warum Instagram Eltern mehr Kontrolle über den Social-Media-Konsum ihrer Kinder geben und junge Nutzerïnnen besser schützen will.
  • Unter anderem führt Instagram eine "Take a break"-Funktion ein, die Nutzerïnnen nach einer selbst definierten Zeit daran erinnert, eine Pause einzulegen. Andere Plattformen haben bereits vergleichbare Funktionen. Von März an sollen auch Eltern Zeitlimits für ihre Kinder festlegen können.
  • Zudem will Instagram bestimmte Standardeinstellung für Accounts von Minderjährigen ändern und Nutzerïnnen die Möglichkeit geben, mehrere Fotos, Likes und Kommentare auf einmal zu löschen.
  • Einen ausführlichen Überblick gibt Lisa Hegemann (Zeit Online), die alle Funktionen vorstellt und einordnen.
  • Wir halten die Maßnahmen für sinnvoll und glauben, dass sie tatsächlich ein Schritt in die richtige Richtung sein können – allerdings nur einer von sehr vielen, die nötig sind. Deshalb schließen wir uns Lisas Fazit an:

Was die Ankündigungen zeigen: Bei Instagram scheint angekommen zu sein, dass es seine tiefgreifenden Probleme angehen muss. (…) Umgekehrt bedeutet das aber auch: Instagram lädt die Verantwortung bei seinen Kunden ab. Dabei stellt sich die Frage, ob etwas mehr elterliche Fürsorge die Probleme löst, mit denen Kinder und Jugendliche auf Instagram konfrontiert werden – oder ob Instagram nicht selbst stärker kontrollieren sollte, was auf seiner Plattform geschieht.

Be smart

Am Mittwochabend deutscher Zeit wird Instagram-Chef Mosseri vor dem US-Kongress befragt werden. Zumindest in der Vergangenheit muteten solche Anhörungen oft wie Politiktheater an. Unsere Hoffnungen, dass diese Anhörung anders verläuft, sind überschaubar.

Dafür gibt das Thema eine zu gute Punchline her: "Instagram macht unsere Kids kaputt", diese "Chance" werden sich einige der Senatorïnnen nicht entgehen lassen. Das ist bedauerlich, denn die Frage, wie Social Media und psychische Gesundheit zusammenhängen, ist ja tatsächlich hochrelevant.

Der Psychologe Jonathan Haidt hat Dutzende Studien und Metastudien gesammelt und ist sich sicher: Instagram schade Jugendlichen (The Atlantic), insbesondere Mädchen. Andere Forscher halten das für voreilig (NYT) und führen dafür ebenfalls etliche Studien ins Feld.

Wir halten es mit Sokrates: Wir wissen, dass wir nichts wissen – wüssten aber gern mehr. Und damit wären wir dann wieder beim Thema Transparenz und Niklas Johannes von der Uni Oxford. Wenn er Mosseri eine Frage stellen könnte, dann wäre es diese: "Warum weigern Sie sich, bei einem so wichtigen Thema wie der psychischen Gesundheit von Teenagern, absolut transparent zu sein?"


In eigener Sache: News per Slack, RSS und Twitter

Wusstest du eigentlich, dass wir sämtliche Artikel, Videos, Dokumente, Studien und Paper, die uns bei unserer Recherche begegnen, öffentlich teilen? Nein? Nun, wir hatten das bislang auch noch nie so richtig als eigenständiges „Produkt“ verstanden – eher als eine Art Transparenzversprechen.

Jetzt haben uns aber Studierende bei einem Workshop darauf gestoßen, dass das ja ein ziemlich cooler Service sei – und irgendwie auch wie ein eigenes kleines Produkt im Rahmen des Watchblog-Abos. 🤔

Also: Wer ebenfalls gern von unseren Vorrecherchen zu den Briefings profitieren möchte, abonniert am besten entweder unseren Slack-Channel Newsfeed oder folgt uns bei Twitter – dort läuft alles ein, was wir sichten. Wer am RSS-Feed interessiert ist, meldet sich bitte bei uns direkt.

Das soll natürlich nicht die News-Section hier bei uns Briefing ersetzen (die im heutigen Briefing leider fehlt, im zweiten Briefing dieser Woche dafür aber mit Sternchen kommt 🙈). In den Newsletter fließt ja sozusagen die Essenz all dessen ein, was wir lesen. Vielleicht aber hilft es trotzdem im redaktionellen Alltag, um das eine oder andere direkt mitzubekommen.

You are welcome 💛


Header-Foto von Andrew Amistad


Wie die EU mit ihrer Regulierung das Netz prägt | Social Media Watchblog Lectures 2022: Die ersten Termine stehen fest

Wie die EU mit ihrer Regulierung das Netz prägt

Was ist

In den vergangenen Tagen sind Personalien verkündet, Kartellentscheidungen getroffen, Richtlinien verändert und Gesetzesvorschläge veröffentlicht worden, die eine Sache zeigen: Politik und Wettbewerbsbehörden nehmen zunehmend Einfluss auf den digitalen Raum – und dabei spielen insbesondere die EU und Großbritannien eine wichtige Rolle.

Warum das wichtig ist

Jahrzehntelang haben Regierungen hilflos zugesehen, wie eine Handvoll Tech-Konzerne immer mächtiger wurde. Statt das Netz mitzugestalten, schimpften und drohten sie, handelten aber selten. Den Großteil der Regeln schrieben die Plattformen selbst, und wenn sich die Politik doch mal einmischte, dann kamen eher selten sinnvolle Dinge dabei raus (wir sind schon gespannt, ob und wie es der neuen Regierung gelingen wird, jene Uploadfilter doch noch zu verhindern (Twitter / Julia Reda), die durch die EU-Urheberrechtsreform fast unumgänglich geworden sind).

DSGVO und NetzDG zeigten, dass die Politik mehr Einfluss nehmen will. Mit DSA und DMA stehen weitreichende Regulierungsvorhaben an. Und die aktuellen Ereignisse verdeutlichen, dass die EU zum entscheidenden Akteur werden könnte.

Was alles passiert ist

Wir möchten an dieser Stelle nicht jedes einzelne Ereignis analysieren, sondern lieber einen Überblick geben und Zusammenhänge aufzeigen. Deshalb verweisen wir jeweils auf detailliertere Berichterstattung, damit du bei einzelnen Themen tiefer einsteigen kannst.

1. EU will politische Werbung regulieren

  • Ende November veröffentlichte die EU-Kommission einen Verordnungsvorschlag (PDF), der europaweit einheitliche Regelungen für politische Werbung vorsieht. Solche Anzeigen sollen online wie offline klar gekennzeichnet werden müssen.
  • Die Initiative sieht vor, dass die Identität des Werbenden klar erkennbar sein muss. Zudem soll das Targeting eingeschränkt und besser erkennbar werden. Nutzerïnnen sollen erfahren, wenn sie personalisierte Werbung sehen, und sich über Anzeigen beschweren können, die gegen die Richtlinien verstoßen.
  • Bei Netzpolitik gibt Alexander Fanta einen kompakten Überblick und erklärt, warum die bisherigen Transparenzmaßnahmen der Plattformen nicht ausreichen.
  • Politico hat fünf Takeaways zusammengestellt, aus denen wir den letzten Punkt hervorheben, weil er zu unserem Oberthema passt:

EU officials hope the new political ad proposals will jumpstart other jurisdictions' efforts to similarly stop opaque paid-for messaging from spreading like wildfire ahead of national elections. (…) If Brussels can make these rules stick (…) other countries may try to piggyback on these efforts, as they too try to combat online sectarianism often fueled by digital political ads.

  • Die letzte Leseempfehlung sprechen wir für den Newsletter von Katie Harbath aus, die früher Public Policy Director bei Facebook war. In der Ausgabe "United States vs Europe on Tech" (Anchor Change) analysiert sie die Vorschläge der EU-Kommission und endet mit diesem Absatz:

If I were a political advertiser in the United States I’d be watching these recommendations from Europe very closely. Should this law pass before anything in the U.S. and the platforms choose to comply rather than just shutting down political and issue ads, then I could see them extending whatever they need to do in Europe to the rest of the world.

2. Twitter setzt das Recht auf Vergessenwerden weltweit um

  • Twitter weitet seine "private information policy" aus, sodass sie nun auch "private media" umfasst. Im zugehörigen Blogeintrag erklärt das Safety-Team, was sich ändert.
  • Vereinfacht gesagt darf man auf Twitter künftig keine Fotos und Videos von Privatpersonen gegen deren Willen mehr teilen. Lag vor Veröffentlichung keine Zustimmung der Abgebildeten vor, wird Twitter die Inhalte wieder entfernen. Personen des öffentlichen Lebens sind davon ausgenommen, solange sie nicht beleidigt, bedroht oder anderweitig in ihren Rechten verletzt werden.
  • Ein Beispiel: Bislang gab es keine Handhabe, um das Foto einer Frau in Afghanistan zu löschen, die unverschleiert in der Öffentlichkeit zu sehen – und nach der Veröffentlichung die Taliban fürchten müsste. Ab sofort kann Twitter das Bild mit Verweis auf seine Richtlinien entfernen.
  • Als wir den Blogeintrag zum ersten Mal lasen, dachten wir zunächst gar nicht an die EU. Doch Casey Newton zitiert eine Twitter-Sprecherin (Platformer), der zufolge die Regelung in der EU bereits seit 2014 in Kraft gewesen sei.
  • Der Grund ist das "Recht auf Vergessenwerden", mit dem die EU Privatpersonen die Möglichkeit gab, personenbezogene Daten aus dem Netz entfernen zu lassen. In diesem Zusammenhang entschied der EuGH 2014, dass Google unter bestimmten Bedingungen Presseartikel über eine Person aus seinem Index entfernen muss, wenn sie veraltete oder nicht öffentlichkeitsrelevante Informationen enthalten.
  • Twitter war nicht verpflichtet, dieses Recht auch in den USA umzusetzen, wollte seine Richtlinien aber offenbar vereinheitlichen. Die Sprecherin sagt dazu mit Blick auf die Gesetzgeber in den USA: "It’s actually an interesting focus on privacy rights when Congress is unwilling or unable to do so."
  • Ende Oktober beschrieb Newton bereits, wie der britische Age-Appropriate Design Code Plattformen und Produkte auf der ganzen Welt beeinflusst. Die aktuelle Entscheidung zeige erneut, dass immer mehr wichtige Digitalgesetze in Europa geschrieben würden:

Twitter is still an American company, but its policies – like the policies at more and more of its Silicon Valley peers – are beginning to immigrate from much further east.

3. Meta muss Giphy wieder verkaufen

Facebook kauft sich mit Giphy einen Seismograph für Netzkultur, dessen Sensoren Schwingungen und Erschütterungen in fast allen relevanten Plattformen, Messengern und Hunderten Apps aufzeichnen.

  • Die CMA kam nun zum Schluss, dass Facebook mit dem Zukauf "seine bereits beträchtliche Marktmacht" steigere und den Wettbewerb im Bereich animierter Bilder ersticke. Facebook könne anderen Plattformen den Zugang zur Gif-Datenbank von Giphy verweigern.
  • "Indem wir von Facebook verlangen, Giphy zu verkaufen, schützen wir Millionen von Nutzern sozialer Medien und fördern den Wettbewerb und die Innovation in der digitalen Werbung", sagt der Leiter der zuständigen Abteilung.
  • Die Entscheidung ist bindend und betrifft das weltweite Geschäft, nicht nur Großbritannien. Facebook kann noch Einspruch einlegen und hat dafür vier Wochen Zeit.
  • Mit der CMA ordnet zum ersten Mal eine Kartellbehörde außerhalb der USA an, eine Big-Tech-Übernahme rückgängig zu machen. Spannend ist aber nicht nur die Entscheidung an sich, sondern auch das Signal, das davon ausgeht.
  • Die britischen Wettbewerbshüterïnnen sagen ihren US-Kollegen damit eindeutig: Es war ein Fehler, dass ihr Facebook 2012 und 2014 erlaubt habt, Instagram und WhatsApp zu kaufen – und schafft damit auch einen Präzedenzfall für ähnliche Übernahmen.
  • Am Ende eines längeren Textes, der einen guten Überblick über die möglichen Auswirkungen der Entscheidung gibt, zitiert Protocol den Anwalt des Thinktanks Public Knowledge:

For the longest time, vertical deals were just kind of waved through. That’s very much changing, and I think that’s a really good thing and something that I hope U.S. enforcers take note of.

4. Metas Krypto-Chef geht

Libra war und ist eines der (über)ambitioniertesten Projekte in Facebooks Firmengeschichte. Das Potenzial ist gewaltig, aber das gilt auch für die Hürden und Probleme, die Facebook überwinden muss. Offenbar hat es Facebooks Blockchain-Chef David Marcus bislang nicht geschafft, Regulatorïnnen, Kartellwächterïnnen, Notenbanken und Regierungen von Libra zu überzeugen.

  • Mit Libra wollte Facebook einen eigenen Stablecoin (eine wertstabile Kryptowährung) und mit Calibra einen Wallet schaffen. Zum Start holte man rund 30 Unternehmen und Organisationen an Bord, unter anderem Mastercard, Paypal, Stripe und Visa.
  • Doch Facebook hatte offenbar nicht mit dem massiven Widerstand gerechnet, der dem Projekt aus Finanzbranche, Notenbanken, Kartellbehörden und Regierungen entgegenschlug. Sukzessive wurden die Ambitionen zurückgefahren, die Währung an den Wert des Dollar gekoppelt, der Start immer wieder verschoben und der Name in Diem (Währung) bzw. Novi (Wallet) geändert.
  • In seiner Unternehmensgeschichte hat Facebook zwar immer wieder große Projekte in den Sand gesetzt (erinnert sich noch jemand an das HTC First, besser bekannt als Facebook Phone?), doch das lag meist an eigenen Fehlern.
  • Auch bei Libra machte Facebook einiges falsch, doch entscheidend dürfte der erbitterte Widerstand sein, der sich regte. Besonders entschieden stellten sich mehrere EU-Finanzminister dem Projekt entgegen, auch die EZB warnte vor Libra und brachte stattdessen einen digitalen Euro ins Spiel.

Be smart

Wir halten Big Tech nicht für böse. Wir glauben nicht mal, dass die Konzerne ihre Macht ständig aktiv und bewusst missbrauchen. Doch angesichts der Machtkonzentration im Silicon Valley ist es schon problematisch genug, dass sie ihre Macht gebrauchen und damit viele Entscheidungen allein treffen, bei denen Politik, Justiz und Nutzerïnnen ein Mitspracherecht haben sollten.

Regulierung made in Europe ist ein guter Anfang, um ein offeneres und vielfältigeres Netz zu schaffen. Doch allzu scharfe (Datenschutz-)Regulierung birgt immer auch die Gefahr, die bestehenden Machtverhältnisse zu zementieren. Das hat sich etwa bei der DSGVO gezeigt, die viele Start-ups härter traf als Facebook und Google. Wir hoffen, dass DSA und DMA mehr Wettbewerb schaffen – vielleicht schreiben wir dann 2025 nicht immer nur über US-Konzerne, sondern auch über eine europäische Plattform.


Lectures 2022 – die ersten Termine

Liebe Kollegïnnen, wir sind jetzt mit Blick auf die Lecturs im neuen Jahr bereits einen Schritt weiter und können voller Stolz die ersten Termine bekannt geben:

  • 13.1.2021 | Dirk von Gehlen: Memes und ihre Bedeutung für die Kommunikation | Anmeldungslink
  • 3.2.2021 | Daniel Fiene: Gründen im Journalismus | Anmeldungslink
  • 3.3.2021 | Lisa Zauner & Vanessa Beule: Wie tickt die Generation Alpha? | Anmeldungslink
  • 7.4.2021 | Ann-Katrin Schmitz: Erfolgreich auf Instagram | Anmeldungslink

Um an den Terminen dabei zu sein, trägst du dich bitte jeweils in die entsprechende Liste (siehe Anmeldungslink hinter dem Termin) mit genau jener E-Mail-Adresse ein, mit der auch das Briefing empfangen wird. Andere Adressen können leider nicht berücksichtigt werden. Für die Lecture mit Dirk im Januar haben sich übrigens bereits 131 Kollegïnnen angemeldet – das wird ein Fest!

Die Lectures finden stets via Zoom von 17:00 – 18:00 Uhr. Der Link zum Call wird am Tag der Veranstaltung verschickt – Anmeldefrist ist jeweils 12:00 Uhr am Tag der Lecture.

Zunächst geben die Referentïnnen einen Überblick zum Thema, dann wird es stets noch Zeit für ein Q&A geben. Alle Abonenntïnen (egal ob via Steady oder Firmen-Abo) sind eingeladen, an den Lectures kostenfrei teilzunehmen.

Wir freuen uns wirklich schon sehr auf die Veranstaltungen! Each one teach one!


Header-Foto von Patrick Tomasso


@Jack ist weg: Wie es mit Twitter weitergeht | Social Media Watchblog Lectures 2022 – u.a. mit Dirk von Gehlen, Ann-Kathrin Schmitz und Daniel Fiene

@Jack ist weg: Wie es mit Twitter weitergeht

Was ist

Twitter-Chef Jack Dorsey ist zum zweiten Mal von seinem Posten zurückgetreten. Nachdem er 2008 hingeworfen und 2015 erneut übernommen hatte, dürfte sein Abgang diesmal endgültig sein. Auf Dorsey folgt Parag Agrawal, der bislang eher unbekannte Technikchef.

Ausgerechnet am Montag, einem Tag, den Twitter seinen Angestellten freigegeben hatte, verkündete Dorsey seinen Abschied – standesgemäß auf Twitter. Seitdem haben wir viel gelesen, telefoniert und uns umgehört. Jetzt versuchen wir, die Fragen zu beantworten, die Dorseys Entscheidung aufwirft.

Warum hat Dorsey Twitter verlassen?

  • Die Entscheidung kam selbst für hochrangige Angestellte aus dem Nichts. Offenbar waren nur wenige eingeweiht. Mehrere Twitter-Managerïnnen äußerten sich auf Twitter verwundert und überrascht. Auch Twitters internen Chats zufolge schien niemand darauf vorbereitet zu sein.
  • Glaubt man Dorsey, dann gibt es für seinen Abschied vor allem einen Grund: das absolute Vertrauen, das er in seinen Nachfolger als CEO, den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden und das Team habe.
  • Das jedenfalls schreibt er in seiner Abschiedsmail, die er selbst öffentlich machte.
  • Es mag sein, dass er Twitter in guten Händen wähnt. Ausschlaggebend dürften aber zwei andere Dinge gewesen sein.
  • Erstens stand Dorsey seit Anfang 2020 unter enormen Druck des Investors Elliott Management. Hinter dem Hedgefonds steckt der Milliardär Paul Singer, einer der gefürchtetsten Investoren der Welt (New Yorker).
  • Nach dem Einstieg kündigte Elliott Management an, Dorsey als CEO ersetzen zu wollen. Der Investor installierte drei neue Aufsichtsräte und nahm direkten Einfluss auf Twitters Entscheidungen.
  • Zunächst sah es so aus, als habe Dorsey den Machtkampf gewonnen. Doch auf Druck von Elliott Management verordnete sich Twitter ambitionierte Wachstumsziele, die es voraussichtlich nicht erreichen wird. Allein 2022 sollen 100 Millionen Nutzerïnnen hinzukommen. Das ist unrealistisch.
  • Es ist möglich, dass Dorsey keine Lust hatte, weiter mit Elliott Management zu streiten. Vielleicht hat ihm der Aufsichtsrat auch den Abgang nahegelegt. Dorsey selbst sagt, es sei seine eigene Entscheidung gewesen.
  • Zweitens hatte Dorsey schon immer etliche Interessen, die weit über Twitter hinausgehen. Dazu zählt etwa sein zweites Unternehmen Square und seine Leidenschaft für Bitcoin und die Blockchain (The Information).
  • Wir zählen uns zu den Krypto-Skeptikern, weil uns bislang nicht klar ist, welche realen Probleme die Blockchain lösen soll, die es rechtfertigen, massenhaft Ressourcen fürs Mining zu verbrennen. Aber vielleicht kann uns Dorsey ja überzeugen, in Bitcoin zu investieren (eher nicht).
  • Klar ist jedenfalls, dass Dorsey nach seinem Rücktritt nicht in ein Loch fallen wird. Er hat genug andere Themen, um die er sich kümmern wird – möglicherweise mit mehr Enthusiasmus als um Twitter.

Wofür stand Dorsey?

  • In seinem Newsletter erzählt Casey Newton eine Anekdote (Platformer), die Dorsey gut beschreibt. Vor zehn Jahren rief Dorsey alle Angestellten zu einem Meeting. Das Licht ging aus, Gitarrenakkorde erklangen, und Dorsey forderte alle auf, den Lyrics zu lauschen:

Blackbird singing in the dead of night / Take these broken wings and learn to fly / All your life / You were only waiting for this moment to arise

  • Bis heute rätseln Kollegïnnen, warum Dorsey damals in Twitters Konzernzentrale einen Beatles-Song abspielte. Und genau das ist Dorsey für viele: ein Rätsel.
  • Optisch unterscheidet er sich von den meisten Silicon-Valley-Chefs: Rauschebart, Nasenring, eigenwilliger Kleidungsstil. Auch seine Ernährungsweise und sein Lebensstil sind mindestens ungewöhnlich: Dorsey isst nur einmal pro Tag, trinkt morgens ein Glas Salzwasser, meditiert mindestens zwei Stunden, schwört auf Kryokammern und macht gern ausgiebig Hot Yoga.
  • Genau wie Mark Zuckerberg brach Dorsey sein Studium ab und verstand sich schon immer eher als Künstler und Freigeist denn als Programmierer.
  • Als er 2008 geschasst wurde, soll Ev Williams, neben Dorsey einer der vier Gründer von Twitter, gesagt haben: "Man kann entweder Modeschöpfer oder CEO von Twitter sein. Man kann nicht beides sein."
  • Dorsey mag es manchmal an Fokus mangeln, an Erfolg mangelt es ihm nicht: Der Zahlungsdienstleister Square, den er in seiner Twitter-Pause gründete, ist mittlerweile mit 100 Milliarden Dollar bewertet – und damit fast dreimal mehr wert als Twitter.
  • Wir haben Dorsey nie persönlich erlebt, seine Auftritte vor dem US-Kongress aber immer als unterhaltsam wahrgenommen. Zumindest unterscheidet er sich deutlich von Zuckerberg und wirkt weniger roboterhaft.
  • Manchmal kommt er uns aber auch ein wenig pseudointellektuell vor: Dorsey kultiviert seine Andersartigkeit und gefällt sich offenbar in seiner Rolle als skeptischer Denker – obwohl er inhaltlich manchmal Banalitäten von sich gibt.
  • Treffend beschrieb das etwa Ashley Feinberg in einem Vorspann zu einem Interview, das sie 2019 mit Dorsey führte (Huffington Post):

A conversation with Twitter CEO Jack Dorsey can be incredibly disorienting. Not because he’s particularly clever or thought-provoking, but because he sounds like he should be. He takes long pauses before he speaks. He furrows his brow, setting you up for a considered response from the man many have called a genius. The words themselves sound like they should probably mean something, too. Dorsey is just hard enough to follow that it’s easy to assume that any confusion is your own fault, and that if you just listen a little more or think a little harder, whatever he’s saying will finally start to make sense. Whether Dorsey does this all deliberately or not, the reason his impassioned defenses of Twitter sound like gibberish is because they are.

Was lief schlecht unter Dorsey?

  • Als Dorsey seinen Abschied verkündete, stieg der Aktienkurs zwischenzeitlich um elf Prozent. Das beschreibt die Skepsis, die viele Investoren und Aktionärinnen dem Twitter-Chef entgegenbringen.
  • Tatsächlich hat Dorsey es jahrelang nicht geschafft, das Potenzial von Twitter richtig auszuschöpfen. Die Plattform wächst seit Jahren nur langsam, während die Dienste der Konkurrenten wie Meta, Snap oder TikTok neue Nutzerïnnen gewinnen.
  • Dabei geht es nicht nur um die Größe, sondern auch um die Monetarisierung der bestehenden Reichweite. Twitter ist zwar nicht besonders groß, aber sehr präsent in Politik und Medien. Doch nach wie vor läuft das Anzeigengeschäft eher schleppend (Stratechery).
  • Neben dem mäßigen wirtschaftlichen Erfolg galt Twitter lange Zeit auch als vollkommen überfordert (Mother Jones), was den Umgang mit Hass und Hetze angeht. Die Plattform war ein toxischer Ort für Frauen, queere Menschen oder andere Minderheiten.
  • Auch mit seinem teils impulsiven Führungsstil eckte Dorsey immer wieder an. Mal verkündete er überraschend, ab sofort die Hälfte des Jahres in Afrika verbringen zu wollen (dann kam Corona). Mal schrieb er spät in der Nacht eine E-Mail an die ganze Belegschaft, dass künftig alle von zu Hause aus arbeiten könnten – ohne vorher der Personalabteilung Bescheid zu geben.
  • Vor anderen Entscheidungen drückte sich Dorsey dagegen, oder er überließ sie anderen. Bei manchen Produkt-Teams war er sehr präsent, bei anderen ließ er sich gar nicht blicken – weil er sich nur selektiv für bestimmte Themen interessierte.
  • Es gibt offenbar Menschen, die mehrere Unternehmen gleichzeitig führen können: Steve Jobs (Apple und Pixar) oder Elon Musik (Tesla, SpaceX und The Boring Company). Doch vermutlich weiß nur Dorsey selbst, ob er eher Twitter-Chef oder Square-Chef war (Platformer):

There’s a joke about Dorsey that says everyone at Twitter thought he was working more on Square, and everyone at Square thought he was working more on Twitter. This served to elide the question of how much he was working at all.

Was lief gut unter Dorsey?

  • In den vergangenen beiden Jahren sah es so aus, als habe Twitter an den richtigen Stellschrauben gedreht. Im Monatsrhythmus wurden neue Funktionen und Produkte veröffentlicht, darunter auch zahlreiche sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen, um Nutzerïnnen zu schützen.
  • Die wirtschaftlichen Kennzahlen erholten sich 2021 ebenfalls. Das lag allerdings auch an den geänderten Nutzungsgewohnheiten im Zuge der Pandemie, von denen fast alle großen Plattformen profitierten.
  • Im Gegensatz zu anderen Unternehmen war Twitter ungewöhnlich selbstkritisch und transparent. Die Plattform ist relativ offen, unabhängige Forscherïnnen haben Zugriff auf viele Daten und Schnittstellen (hallo, Meta).
  • Nachdem die Schotten für Entwickler von Dritt-Apps vor Jahren dicht gemacht wurden, veröffentliche Twitter kürzlich eine neue API, die alternative Clients ermöglichen könnte.
  • Der Umgang mit Donald Trump steht sinnbildlich für Twitters Entwicklung: Nach jahrelanger Untätigkeit sperrte Twitter das Konto schließlich doch noch – früher und konsequenter als Facebook und YouTube.
  • Die Entscheidung kam zu spät, Anlass und Prozess waren fragwürdig, in der Sache war sie aber richtig. So kann man Twitter generell beschreiben: Oft dauert es zu lang, nicht immer ist der Weg nachvollziehbar, am Ende kommt aber trotzdem ein Ergebnis heraus, das weniger schlecht ist, als man befürchten musste.

Wer ist sein Nachfolger Parag Agrawal?

  • Bis gestern wusste fast niemand, wer Parag Agrawal ist. Das verdeutlichen die Überschriften der Artikel, die seitdem erschienen sind.
  • "Who Is Parag Agrawal, Twitter’s New C.E.O.?", titeln New York Times, Protocol und Bloomberg fast wortgleich. The Verge gibt "An introduction to Parag Agrawal, Twitter’s new CEO", Fast Company verspricht "5 things to know about Parag Agrawal, Twitter’s new CEO", während Gizmodo noch zwei drauflegt: "7 Things to Know About Twitter's New CEO".
  • Wir haben alle Texte gelesen und können sagen: Sie ähneln sich. Das Kurzportrait der New York Times und den Text von Protocol haben wir als am ergiebigsten empfunden, also spar dir ruhig den Rest.
  • Nach Sundar Pichai (Google), Satya Nadella (Microsoft) und Arvind Krishna (IBM) übernimmt der nächste CEO mit Wurzeln in Indien einen großen Tech-Konzern.
  • Agrawal gilt als begabter Entwickler und Mathematik-Genie, der aber auch langfristige Visionen für Twitter entwickeln könnte. Er arbeitet dort seit zehn Jahren und soll mit seiner ruhigen Art sehr beliebt bei seinen Kollegïnnen sein.
  • Die Dezentralisierungs-Initiative Bluesky und Twitters Versuch, Kryptowährungen zu integrieren, gehen maßgeblich auf Agrawal zurück. Insofern könnte er also den Kurs weiterführen, der Dorsey vorschwebte.
  • Auf den neuen Twitter-Chef warten große Herausforderungen: Er muss möglichst alle Probleme fixen, die wir unter der Frage "Was lief schlecht unter Dorsey?" skizzierten. Dabei wird er sich mit dem Druck von Investoren wie Elliott Management herumschlagen, Politikerïnnen beschwichtigen und drohende Regulierung im Auge behalten müssen.
  • Produkte wie Spaces, der Newsletter-Zukauf Revue und das Twitter-Abonnement Blue haben Potenzial, brauchen aber noch jede Menge Feinschliff. Zumindest kümmert sich mit Agrawal jetzt jemand darum, der nicht noch ein anderes Unternehmen parallel führen muss.

Könnte Dorseys Abgang ein Vorbild für andere Gründerïnnen sein?

  • Dorseys Abschiedsmail enthält einen Absatz, den man als Wink mit dem Zaunpfahl lesen könnte:

There’s a lot of talk about the importance of a company being "founder-led." Ultimately I believe that’s severely limiting and a single point of failure. There aren’t many companies that get to this level. And there aren’t many founders that choose their company over their own ego.

  • Larry Page, Sergey Brin, Steve Wozniak und Bill Gates haben kaum noch etwas mit Google, Apple und Microsoft zu tun, jenen Unternehmen, die sie einst (mit)gründeten.
  • Bleibt Mark Zuckerberg, der seinen Einfluss auf Meta in den vergangenen Jahren eher noch erhöht hat und auch das Tagesgeschäft mit beeinflusst.
  • Zwischenzeitlich dachten wir, Zuckerberg könnte sich womöglich ähnlich wie Page und Brin zurückziehen, um langfristige Projekte voranzutreiben und seine Vision fürs Metaverse zu verwirklichen. Offensichtlich will Zuckerberg das aber nicht im Hintergrund tun, sondern an vorderster Front.
  • Deshalb glauben wir, dass Meta vorerst der Zuckerberg-Konzern bleiben wird. Trotzdem schließen wir uns der Bitte des früheren PR-Chefs von Twitter an, der seinen Ex-Chef aufforderte (Twitter / Brandon Borrman):

What an unbelievable run for @jack. From a company near death to one more relevant than ever. Just hope your trolling of Zuck never stops!


Lectures 2022

Werte Abonnentïnnen, wir haben Neuigkeiten! Im Januar starten endlich wieder unsere Lectures! Wir freuen uns riesig, dass schon jetzt so viele spannende Kollegïnnen ihre Bereitschaft erklärt haben, einen Impulsvortrag bei uns zu halten. Die Reihenfolge steht zwar noch nicht ganz fest, aber folgende Watchblog-Leserïnnen sind dabei:

Auch werden Simon und ich zu aktuellen Entwicklungen und Trends an der Schnittstelle von Social Media, Politik und Gesellschaft sprechen. Weitere Speakerïnnen geben wir jeweils mit Vorlauf im Briefing bekannt.

Los geht es am 13.1.2022, 17:00 – 18:00 Uhr, mit Dirk von Gehlen. Wer an diesem Termin dabei sein möchte, trägt sich bitte hier in diese Liste mit genau jener E-Mail-Adresse ein, mit der auch das Briefing empfangen wird. Andere Adressen können leider nicht berücksichtigt werden. Anmeldeschluss ist der 13.1. um 12:00 Uhr.

Die Lectures finden (mit der Ausnahme im Januar – Ferien lassen grüßen) immer am ersten Donnerstag des Monats statt – und zwar stets via Zoom von 17:00 – 18:00 Uhr. Der Link zum Call wird euch am Tag der Veranstaltung nach Anmeldeschluss per E-Mail geschickt. Bitte habt Verständnis dafür, dass die einzelnen Lectures danach nicht grundsätzlich als Videos zur Verfügung stehen werden. Bei einigen Vorträgen mag das der Fall sein. Garantieren können wir das aber nicht.

Wenn du auch gern eine Lecture bei uns halten möchtest, freuen wir uns über einen Hinweis per E-Mail! Ansonsten bist du herzlich eingeladen, als Gast bei jeder Lecture dabei zu sein – dank deines Abos (egal ob über Steady oder deinen Arbeitgeber) natürlich kostenfrei.

Wir freuen uns schon sehr auf die Veranstaltungen!

Cheers ✌🏻


Header-Foto von Filip Mroz


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