Monat: Oktober 2021

Alles, was du gerade über Facebook wissen musst, in rund 18.000 Zeichen erklärt.

Alles, was du gerade über Facebook wissen musst, in rund 18.000 Zeichen erklärt.

Was ist

Hinter uns liegt einer der turbulentesten Monate in Facebooks Unternehmensgeschichte: die Facebook Files, die Entwicklungspause für Instagram Kids, der weltweite Ausfall, der Auftritt der Whistleblowerin Frances Haugen. Auch uns fällt es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten. Wir haben den Eindruck, dass viele Menschen Facebook-müde sind – und damit meinen wir nicht, dass sie sich von den Plattformen des Konzerns abwenden.

Vielmehr winken sie innerlich ab, wenn neue Recherchen erscheinen. Wer sich ansatzweise für das Thema interessiert, hat ohnehin längst genug gelesen und gehört, um sich eine Meinung zu Facebook zu bilden. Alle anderen zucken nur mit den Schultern, ganz gleich, wie schwer die Vorwürfe wiegen.

Es ist ähnlich wie bei den Pandora Papers (SZ): Nach den Offshore und Lux Leaks, den Panama und den Paradise Papers fällt es schwer, sich noch darüber zu empören, dass Reiche und Politikerïnnen ihr Geld bei Briefkastenfirmen in Steueroasen bunkern. Dieses Verhalten ist mindestens moralisch fragwürdig, teils auch kriminell, trotzdem hat Resignation eingesetzt: Was soll's, ändert sich doch eh nichts.

Einerseits können wir die Facebook-Müdigkeit verstehen. Tatsächlich haben auch die vergangenen Wochen wenig substanziell Neues über Facebook enthüllt. Zudem ist die Situation komplizierter als bei den Steuer-Leaks. Niemand kann behaupten, dass durch Steuervermeidung ein gesellschaftlicher Nutzen entsteht. Ob die Welt ohne Facebook eine bessere wäre, lässt sich schwerer beantworten.

Andererseits bedauern wir diese Entwicklung. Schließlich betreibt Facebook drei gewaltige Kommunikationsplattformen, Mark Zuckerberg dürfte mit seinen Entscheidungen mehr Menschen beeinflussen als alle Chefredakteure der Welt zusammen. Diese Machtkonzentration verdient Aufmerksamkeit und Misstrauen – denn Vertrauen muss man sich erarbeiten, und das hat Facebook nun wirklich nicht getan.

Deshalb möchten wir dieses Briefing nutzen, um unsere eigenen Gedanken zu ordnen – und damit auch hoffentlich dir zu helfen, bei all den kleinteiligen Nachrichten das große Ganze und die wirklich wichtigen Fragen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Dafür werfen wir einen kurzen Blick zurück, holen mit einem Newsflash die Ereignisse seit unserer vergangenen Ausgabe nach und schauen dann nach vorn: Wie geht es weiter mit Facebook? Werden die aktuellen Enthüllungen irgendwas verändern? Was könnte Facebook wirklich gefährlich werden? Das letzte Wort überlassen wir dann einem Kollegen, der ein Ereignis vorhersagt, das wohl eine Flut an Eilmeldungen auslösen würde.

Was war

  • Mitte September veröffentlichte das Wall Street Journal den ersten Aufschlag seiner Facebook Files. Es folgten neun weitere Teile und jede Menge Reaktionen, über die wir in sechs Briefings berichteten.
  • Mit der früheren Facebook-Angestellten Frances Haugen bekamen die Facebook Files einen Namen und ein Gesicht (#749). Sie war "Sean", wie die zunächst anonyme Quelle genannt wurde, die dem WSJ die Dokumente zuspielte.
  • Haugen trat zur Primetime im US-Fernsehen auf und sagte vor dem US-Senat als Zeugin aus (#750).
  • Zudem reichte sie bei der US-Börsenaufsicht SEC acht Beschwerden ein, die inhaltlich größtenteils den Artikeln der Facebook Files entsprechen. Die SEC muss nun prüfen, ob Facebook Investorïnnen getäuscht hat.
  • In den kommenden Wochen und Monaten wird Haugen unter anderem in London, Lissabon und Brüssel auftreten. Dort wird sie auf Konferenzen von ihren Erfahrungen berichten und dem EU-Parlament Ratschläge für das Gesetzespaket geben, das digitale Plattformen regulieren soll.

Was dazugekommen ist

  • Der zehnte Teil der Facebook Files (WSJ) enthüllt, dass Facebooks AI wohl noch Jahre oder Jahrzehnte brauchen wird, um gewaltverherrlichende und strafbare Inhalte zuverlässig aufzuspüren und zu löschen – wenn es überhaupt jemals gelingt.
  • Das geht jedenfalls aus internen Dokumenten und Studien hervor. Auch einige Facebook-Angestellte äußern sich skeptisch, ob maschinelles Lernen jemals in der Lage sein wird, Zuckerbergs Heilsversprechen einzulösen. Auch der Mathematik-Professor Noah Giansiracusa wirft Facebook vor, das Problem kleinzureden und zu verschleiern (Wired).
  • Wohl nicht ganz zufällig veröffentlichte Facebook gleichzeitig mit dem WSJ einen Blogeintrag, in dem es sich seiner Fortschritte rühmt. Angeblich sei die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzerïnnen auf Facebook Hassrede begegneten, in den vergangenen drei Quartalen um fast 50 Prozent gesunken.
  • Mit Sophie Zhang erklärte sich kürzlich eine zweite Whistleblowerin bereit (CNN), als Zeugin vor dem Kongress auszusagen. Sie wirft Facebook vor, "Blut an seinen Händen" zu haben. Autokraten und Diktatoren könnten die Plattform missbrauchen, um die Bevölkerung zu unterdrücken, ohne echte Konsequenzen fürchten zu müssen.
  • Über die Hintergründe von Zhangs internem Memo berichteten wir in Briefing #668. Im Frühjahr lieferte sie dem Guardian das Material für die Reihe "The Facebook loophole", nun hat sie mit Issie Lapowsky gesprochen (Protocol).
  • Auch Louis Barclay machte kürzlich seine schlechten Erfahrungen mit Facebook öffentlich. Der Entwickler von "Unfollow Everything" schilderte, wie er auf Lebenszeit verbannt wurde (Slate), weil seine Browser-Erweiterung Menschen hilft, weniger Zeit auf Facebook zu verbringen, indem sie den Newsfeed ausblendet.
  • Allzu bedrohlich erscheint uns die Erweiterung angesichts von 13.000 Downloads nicht gewesen zu sein, aber offenbar wollte Facebook ein Zeichen setzen. Auf Deutsch lässt sich die Geschichte beim Spiegel nachlesen, wo Patrick Beuth mit Barclay gesprochen hat.
  • Weniger Kritik als für die Facebook Files muss sich der Konzern für ein anderes Datenleck gefallen lassen. The Intercept veröffentlichte die Liste von Organisation und Personen, die Facebook als gefährlich einstuft und bislang geheim gehalten hatte.
  • Markus Reuter hat sich die Liste mit Fokus auf Deutschland angeschaut und etliche rechtsradikale Gruppen und Bands gefunden (Netzpolitik).

Was bislang hängenbleibt

  • Ein Großteil der Dokumente untermauert eher bestehende Annahmen, als ein völlig neues Licht auf Facebook zu werfen. Trotzdem ist es ein wichtiger Unterschied, ob Vorwürfe auf einzelnen Leaks und anonymen Quellen beruhen, oder ob eine Ex-Angestellte Zehntausende Seiten Material aus dem Inneren des Konzerns an die Öffentlichkeit bringt.
  • Die Dokumente zeigen auch, dass sich Facebook seiner Risiken und Nebenwirkung immer bewusst war und dass Angestellte intern seit Jahren darauf hinweisen. Facebook weiß mehr, als es öffentlich sagt und nach Recherchen zugibt.
  • Wir wissen jetzt unter anderem, dass es mit "XCheck" ein Programm gab, das Vorzugsbehandlung für rund sechs Millionen prominente Nutzerïnnen beinhaltete, dass Facebook bei seinen Newsfeed-Änderungen Wachstum über Sicherheit und Wohlergehen der Nutzerïnnen gestellte haben soll und dass Instagram der mentalen Gesundheit von Mädchen und Teenagern schaden kann.
  • Die letzte Enthüllung hat die mit Abstand heftigsten Reaktionen hervorgerufen. Eltern sorgen sich um ihre Kinder, Politikerïnnen schlachten die Zahlen aus Facebooks internen Studien aus. Allerdings konstruieren dabei manche Kritikerïnnen aus wenigen Datenpunkten Gewissheiten und schießen übers Ziel hinaus.
  • Facebook mag die Forschung selbst in Auftrag gegeben hat, doch für manche Aussagen ist die Stichprobe zu klein (NPR). Auch der Psychologe Laurence Steinberg und der Kolumnist Farhad Manjoo haben jeweils in der NYT berechtigte Zweifel an der "Moral Panic" bekundet, die Instagram erfasst hat.
  • Kurzum: Es ist kompliziert, und nicht alle Gegenargumente, die Facebook in seiner Verteidigung anbrachte, lassen sich einfach wegwischen.
  • Keine Zweifel können aber daran bestehen, dass Zuckerberg große Angst vor Konkurrenz hat. Aus den Facebook Files ließ sich bereits herauslesen, dass Instagram mit zunehmend fragwürdigen Methoden zu verhindern versucht, dass Kinder und Jugendliche zu TikTok abwandern.
  • Noch deutlicher macht das jetzt eine Recherche der NYT: Demnach wurden konkurrierende Plattform bereits 2018 als "existenzielle Bedrohung" bezeichnet, in einem internen Strategiepapier war etwa zu lesen: "If we lose the teen foothold in the U.S. we lose the pipeline."
  • Die vergangenen Wochen haben auch noch mal untermauert, wie aalglatt Facebook kommuniziert, wie schamlos es Kritikerïnnen wie Haugen angreift, wie nonchalant es Vorwürfe als angebliches "Cherrypicking" abtut, ohne seinerseits aussagekräftige Daten zu liefern. Für Facebook ist Nick Clegg jedenfalls sein Geld wert (Guardian).
  • Was helfen würde, um Facebooks Verteidigung inhaltlich zu bewerten (und möglicherweise zum Ergebnis zu kommen, dass die Kritik tatsächlich übertrieben ist): Transparenz und unabhängige Forschung. Daran hat Facebook aber kein Interesse. Statt selbst Material zu veröffentlichen, geht es scharf gegen weitere Leaks vor (NYT).
  • Ein Teil der Facebook-Angestellten hält die mediale Berichterstattung für unfair und fühlt sich missverstanden – zum Teil womöglich zurecht. Wir fühlen uns an Cambridge Analytica erinnert: Damals waren einige der Vorwürfe unberechtigt, die Empörung richtete sich auf die Falschen, aber es blieben immer noch genug Fehltritte übrig, für die Facebook Kritik verdiente.
  • Vergangenes Jahr schrieb Facebooks AR/VR-Chef Andrew Bosworth in einem zunächst internen Memo (NYT) einen Satz, der auch auf die Facebook Files passen könnte:

Cambridge Analytica is one of the more acute cases I can think of where the details are almost all wrong but I think the scrutiny is broadly right.

Warum Facebook keine kurzfristigen Konsequenzen drohen

  • Wir berichten beide seit mehr als einem Jahrzehnt über Facebook und haben zu oft gehört, dass Facebook einen Skandal unmöglich unbeschadet überstehen könnte. Diesmal drohten wirklich Konsequenzen, diesmal werde es wirklich gefährlich – im Gegensatz zu all den anderen Aufregern, als drei Tage oder spätestens drei Wochen später niemand mehr darüber sprach.
  • Ganz so schnell wird Facebook nicht zur Tagesordnung zurückkehren können, schließlich hat Haugen mit ihren Auftritten etliche Politikerïnnen alarmiert, die nun ordentlich Alarm schlagen und teils sogar in parteiübergreifenden Gastbeiträgen (CNBC) Regulierung fordern.
  • Wir glauben aber erst dann an scharfe Gesetze, wenn sie Senat und Repräsentantenhaus passiert haben – und das erscheint uns unwahrscheinlich oder zumindest sehr langwierig.
  • Republikaner und Demokraten sind beide wütend auf Facebook, aber aus völlig unterschiedlichen Gründen. Die einen schwadronierten von Zensur, die anderen zeichneten das allzu dystopische Bild eines Konzerns, der für Polarisierung, Gewalt und eigentlich alles verantwortlich sei, was in den USA sonst noch schiefläuft. Das ist keine Basis für Regulierung.
  • Joe Biden mag mit Lina Khan, Jonathan Kanter und Tim Wu bekannte und im Silicon Valley gefürchtete Tech-Kritikerïnnen an wichtige Positionen setzen, doch wir bezweifeln, dass es jemals zu einer Zerschlagung kommen wird.
  • Die aktuelle Kartellklage beruht auf dünnen Argumenten. Allzu eng ist die Marktdefinition, mit der FTC und US-Bundesstaaten ein angebliches Monopol nachweisen wollen. Der Erfolg von TikTok und der globale Blackout, als Hunderte Millionen Nutzerïnnen auf alternative Plattformen und Messenger auswichen, dienen Facebook als weitere Argumente, dass es keine marktbeherrschende Stellung innehat.
  • Auch Algorithmen zu regulieren, wie es Haugen und einige Senatorïnnen derzeit fordern (Axios), ist deutlich leichter gesagt als getan (WaPo). Zumindest der bisherige Gesetzentwurf schafft mehr Probleme (Techdirt), als er löst.
  • Immer wieder heißt es, Big Tech stünde sein Big-Tobacco-Moment bevor. Doch dieser Vergleich hinkt auf mehreren Ebenen, die Tabakindustrie war ein viel einfacheres Ziel für Regulierung. Soziale Netzwerke mit Zigaretten zu vergleichen, nur weil beides abhängig macht, ist absurd (WSJ): Jedes Jahr sterben rund acht Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens.
  • Noch weniger als an drohende Regulierung in den USA glauben wir an Investorïnnen, die das Weite suchen. Auch nach Cambridge Analytica wurde prognostiziert, dass der Börsenkurs fallen werde. Die Glaskugeln waren offenbar aus Milchglas, die Aktie steigt und steigt.
  • Das liegt in erster Linie an mehr als drei Milliarden Menschen, die allen Skandalen zum Trotz Zeit auf Facebook und Instagram verbringen und dort Anzeigen betrachten, von denen Werbetreibende gar nicht genug bekommen können. Erinnert sich noch jemand an den symbolträchtigen Facebook-Werbeboykott des vergangenen Jahres (#650)? Eben.
  • Das Vertrauen in die Marke Facebook ist seit Jahren auf Sinkflug (Marketingweek), aber der Gewinn geht durch die Decke. Bei TikTok zeigt sich übrigens Ähnliches: Menschen misstrauen dem Unternehmen, aber nutzen das Produkt – weil beides schlicht nicht miteinander zusammenhängt.
  • Facebook wird einfach seinen bisherigen Kurs fortsetzen und immer mehr Geld verdienen: Lobby-Scharen nach Washington schicken, um Gesetze abzuschwächen, Konkurrenten aufkaufen oder kopieren, Werbetreibende ködern und sich nach Möglichkeit aus allen politischen Diskussionen heraushalten. Passend dazu verkündete Facebook vergangene Woche, in Dutzenden weiteren Ländern probeweise den Anteil politischer Inhalte im Newsfeed zu reduzieren: macht nur Ärger, lohnt sich nicht.

Was Facebook langfristig gefährlich werden könnte

  • Apple: Mit iOS 14.5 hat Apple bekanntlich das "App Tracking Transparency"-Framework (ATT) eingeführt. Seitdem müssen Entwicklerïnnen um Erlaubnis fragen, bevor sie tracken (mehr dazu in Briefing #703). Personalisierte Werbung hat dadurch offenbar deutlich an Effizienz verloren (Heise). Facebook befürchtet, dass Werbetreibende deutlich weniger Geld ausgeben werden (Big Technology). Der größte Profiteur ist übrigens Apple selbst, das seinen Anteil auf dem Markt für mobile Werbung mehr als verdreifacht hat (FT). Etliche Unternehmen verteilen ihre Budgets neu, das Ende des Identifier for Advertisers (IDFA) könnte Facebook mehr schaden als alle Skandale zusammen (Mobile Dev Memo).
  • Die Adtech-Bubble: Anfang des Jahres erklärten wir, warum viele kluge Menschen glauben, dass Online-Werbung eine Blase ist, die irgendwann platzen muss (#693). Das ist bislang nicht geschehen, aber etliche Gespräche mit Insidern haben uns überzeugt, dass der Branche früher oder später große Umwälzungen drohen. Uns ist es seit Jahren ein Rätsel, wie Facebook es schafft, Schrödingers PR aufrechtzuerhalten: Wenn es um politische Inhalte geht, sollen sich Nutzerïnnen angeblich gar nicht manipulieren lassen. Gleichzeitig erzählt man Unternehmen, dass mit Facebook-Anzeigen Kaufentscheidungen beeinflussen könnten. Vielleicht löst sich dieser Widerspruch irgendwann auf, weil sich herausstellt, dass verhaltensbasierte Werbung kein Wundermittel ist – und dann hat Facebook ein echtes Problem.
  • Brain drain: Während ihres Auftritts vor dem Senat sagte Haugen (Politico): "Facebook is stuck in a cycle where it struggles to hire — that causes it to understaff projects, which causes scandals, which then makes it harder to hire." Die Konzerne des Silicon Valley konkurrieren um junge Entwicklerïnnen, und Facebook könnte den Kampf um die klügsten Köpfe verlieren. Aktuell scheint man jedenfalls alle Hände voll damit zu tun haben (NYT), die Fragen aufgebrachter Angestellter zu beantworten, die intern heftig diskutieren. Als Arbeitgeber dürfte Facebook im vergangenen Monat nicht attraktiver geworden sein.
  • TikTok, YouTube, Snapchat: Zuckerbergs Angst vor Konkurrenz, die wir im Abschnitt "Was bislang hängenbleibt" erwähnten, ist berechtigt: Fragt man US-Teenager nach ihren Lieblings-Apps, liegt Instagram nur auf Platz 3 (22 %) – deutlich hinter Snapchat (35 %) und TikTok (30 %). "We’re in a cultural moment where people just seem to be getting tired of the aspirational, performative culture of Instagram", sagt etwa die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Broke Duffy (NYT). Die "teen time spent", wie es Instagram intern nennt, geht nach dem Corona-Peak offenbar zurück. Snapchat ist die bevorzugte App, um Kontakt zu Freunden zu halten, Videos suchen Teenager eher auf TikTok und YouTube. Evelyn Douek schreibt dazu treffend (Atlantic). "If lawmakers want to address the problems that social-media platforms cause for young people, they should care about the platforms young people care about."
  • DMA und DSA: Zugegeben: Jetzt wird es wirklich langfristig. Bis die EU den Digital Markets Act und den Digital Services Act verabschiedet (mehr dazu in Briefing #691), wird es wohl noch ein paar Jahre dauern – und bislang ist völlig unklar, wie viel dann noch vom ambitionierten Regulierungspaket übrig ist, das eine Art Grundgesetz für die digitale Welt werden soll. Dennoch dürfte vom EU-Parlament aktuell wohl größere Gefahr für Facebook ausgehen als vom zerstrittenen US-Kongress. Es ist wohl kein Zufall, dass Facebook nun angekündigt hat, 10.000 Jobs in der EU zu schaffen (SZ), um seine Metaverse-Pläne zu verwirklichen – das sind gute Argumente für Lobbyistïnnen in Brüssel. So oder so wartet auf die Politik eine knifflige Aufgabe: Scharfe Regulierung kann auch nach hinten losgehen und bestehende Machtverhältnisse zementieren. Die DGSVO hat kleine Unternehmen härter getroffen (Bloomberg) als Facebook und Google.

Be smart

Du merkst schon, bei unserem Ausblick halten wir es mit einem bekannten Zitat (das fälschlicherweise (Falschzitate) Karl Valentin zugeschrieben wird): "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Allzu konkret werden wir nicht, lieber als detaillierte Vorhersagen abzugeben, skizzieren wir allgemeine Tendenzen.

Die mutige Prognose überlassen wir dem geschätzten Kollegen Johannes Kuhn, der in seinem Blog nicht nur jede Menge kluge Beobachtungen über Facebooks dysfunktionale Unternehmenskultur teilt, sondern auch einen Führungswechsel vorhersagt (Internet-Observatorium):

In der Praxis führt das zu wachsendem Druck auf die Chefetage. Ich rechne damit, dass Mark Zuckerberg in den nächsten 12 bis 24 Monaten seinen Stuhl räumen und sich auf irgendeine Chair-Funktion zurückziehen wird, um eine Entflechtung seiner Firma zu verhindern. Die Grundproblematik ist damit jedoch noch nicht aufgelöst, auch wenn es bei oberflächlicher Betrachtung so erscheinen wird.


Header-Foto von Ivana Cajina


YouTube vs. #allesaufdentisch | Journalisten bei Telegram | Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einfach erklärt | Facebook launcht Live Audio global

YouTube vs. #allesaufdentisch: Gegen Geschwurbel helfen nur Fakten

Was ist

YouTube hat zwei Videos entfernt, die fragwürdige Aussagen über Corona-Impfungen enthielten. Es waren aber nicht irgendwelche Videos von irgendwelchen Nutzerïnnen, sondern Filme der Initiative #allesaufdentisch: Prominente Kulturschaffende sprechen dabei mit mehr oder weniger prominenten Anwälten, Wissenschaftlerinnen und Professoren, fast alle drehen sich um den Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Künstlerïnnen wehrten sich juristisch und bekamen vorerst Recht: Das Landgericht Köln ordnete per einstweiliger Verfügung an, die Videos wiederherzustellen. YouTube habe die Sperrung nicht ausreichend begründet. Dieser Anordnung kam YouTube nur zur Hälfte nach: Einer der Clips ist wieder online, der andere bleibt gesperrt.

Wir dröseln den Fall auf und erklären, warum wir die Sperrung inhaltlich zumindest teilweise nachvollziehen können – den Prozess aber für problematisch halten.

Welche Videos betroffen waren

  • Das erste Video trägt den Titel "Angst" (allesaufdentisch.tv). Darin spricht der Schauspieler und Kabarettist Gernot Haas mit dem Neurobiologen Gerald Hüther. Der 26-minütige-Film ist mittlerweile auch wieder auf YouTube abrufbar.
  • In dem Video behauptet Hüther unter anderem, dass die Impfung "nichts nütze", da auch Geimpfte das Coronavirus weiterverbreiten könnten. "Sie können sich nur davor schützen, dass Sie auf der Intensivstation landen." Diese Aussage ist falsch, die Impfung reduziert das Ansteckungsrisiko massiv und schützt in den allermeisten Fällen vor schweren Verläufen.
  • Das zweite Video findet sich nur auf der Webseite der Initiatorïnnen, YouTube hat es nicht wiederhergestellt. In "Inzidenz" unterhalten sich der Sänger Jakob Heymann und der Mathematik Stephan Luckhaus von der Uni Leipzig.
  • Unter anderem behauptet der Wissenschaftler, die Impfung schütze nur für einen "extrem begrenzten Zeitraum" vor der Delta-Variante. Der Großteil der Menschen, die üblicherweise den ÖPNV nutzten, sei längst immun gegen den "Wild-Typ" des Virus. Sie hätten sich infiziert, ohne es zu merken.
  • "Dass durch die Impfung die Infektionskette unterbrochen wird, ist hanebüchener Unsinn", sagt Luckhaus. Als Mathematiker sei er vielleicht "etwas weniger wundergläubig" als andere Leute.

Wie YouTube die Sperrung begründete

  • YouTube teilte der Initiative schriftlich mit, man habe die Videos entfernt, da sie gegen die Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen verstießen. Die beiden E-Mails vom 2. und 4. Oktober enthalten keine weiteren Erklärungen.
  • Auch auf Nachfrage erklärte YouTube weder den Betroffenen noch Medien, welche konkreten Aussagen zur Löschung führten.
  • Zusätzlich wurde der Kanal von #allesaufdentisch für eine Woche gesperrt. Das ist eine übliche Sanktion, wenn Inhalte die Gemeinschaftsstandards verletzen.

Wie #allesaufdentisch reagierte

  • Die Initiative ließ YouTube durch ihren Anwalt Joachim Steinhöfel abmahnen und beantragte am Montagmorgen eine einstweilige Verfügung.
  • "Wir halten die Löschungen für rechtswidrig", sagt Jeana Paraschiva von #allesaufdentisch. Sie bezweifelt, "dass Muttersprachler, die dem Inhalt sprachlich und intellektuell gewachsen sind, diese Entscheidungen getroffen haben."

Wie das Gericht seine Entscheidung begründet

  • Die Richterïnnen des LG Köln gaben dem Antrag aus zwei Gründen statt. Erstens argumentieren sie, dass zwischen YouTube und #allesaufdentisch ein Vertrag geschlossen wurde, aus dem der Anspruch entstehe, Videos hochzuladen und die Infrastruktur der Plattform zu nutzen.
  • Wenn YouTube diesen Vertrag aufkündige, müsse es das gut begründen. Das sei, und hier kommt der zweite Grund ins Spiel, nicht geschehen.
  • Schließlich seien die beiden fraglichen Videos jeweils mehr als 20 Minuten lang, YouTube erklärte die Sperrung aber nur mit einem vagen Verweis auf die eigenen Richtlinien.
  • Es sei nur bei einem kurzen Video mit einer "offensichtlichen und auf den ersten Blick erkennbaren medizinischen Fehlinformation" zulässig, den Inhalt ohne Benennung der konkreten Passage zu entfernen.
  • Dabei handelt es sich aber nicht um ein abschließendes Urteil. YouTube kann gegen den Beschluss Widerspruch einlegen. Da es nur eines der beiden Videos von sich aus wieder online gestellt hat, dürfte YouTube das auch tun. Beim anderen Clip habe man nach erneuter Prüfung festgestellt, "dass er nicht gegen unsere Richtlinien verstößt".

Wie wir den Fall einschätzen

  • Wir können die Entscheidung des Gerichts nachvollziehen: Tatsächlich hat YouTube sein Vorgehen nicht ausreichend begründet. Woran sich die Plattform störte, mussten sich Macherïnnen und Richterïnnen selbst zusammenreimen. Zudem hätte YouTube mehr als genug Zeit gehabt, die Sperrung besser zu erklären.
  • Wir können aber auch nachvollziehen, wie YouTube zu seiner Entscheidung kam: Mindestens die Aussagen von Luckhaus stellen klare Falschbehauptungen dar, widersprechen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und verstoßen damit auch gegen YouTubes Richtlinien zu medizinischen Fehlinformationen. In seinen eigenen Worten: Sie sind "hanebüchener Unsinn".
  • Mit einer etwas detaillierteren Begründung hätten wir deshalb kein Problem damit gehabt, wenn YouTube das Video gesperrt hätte. So bleibt das ungute Gefühl, dass YouTube mit seinem eigenen Geschwurbel den Schwurblern in die Hände spielt.
  • Losgelöst vom Einzelfall bleibt die grundlegende Frage: Wie weit sollte das Hausrecht der Plattformen gehen? Dürfen sie eigene Regeln aufstellen, oder müssen sie sich strikt an nationales Recht halten? (Was in einem globalen Netz seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt.)
  • Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie gefährlich Desinformation und Verschwörungserzählungen seien können. Deshalb gibt es gute Argumente dafür, dass Plattformen auch dann eingreifen, wenn die Grenze zur Strafbarkeit noch nicht überschritten ist.
  • Das trifft auch auf #allesaufdentisch zu: Keine der beanstandeten Aussagen ist in Deutschland strafbar, man darf ganz legal Quatsch behaupten, auch über die Corona-Impfung.

Be smart

Mindestens zwei weitere Videos verstoßen ebenfalls gegen YouTubes Richtlinien – die Plattform weiß Bescheid und prüft unseren Informationen nach bereits:

  • Die Covid-19-Impfung sei "keine Impfung, sondern ein experimentelles Gentherapeutikum", sagt der Wiener Anwalt Michael Brunner im Video "Impfpflicht" (YouTube).
  • In der Beschreibung des Videos "Virusgefahr" (YouTube) mit dem österreichischen Arzt und Biologen Martin Haditsch, heißt es: "So werden Bürger direkt oder indirekt zu einem medizinischen Experiment gezwungen, nämlich sich 'spiken' zu lassen". Impfungen seien "zunehmend weniger wirksam und mit einer beispiellosen Zahl von Nebenwirkungen und Todesfällen behaftet".

Wir müssen an dieser Stelle nicht erklären, warum das nicht nur grandioser Unsinn, sondern auch gefährlicher Unsinn ist. YouTube täte gut daran, die Videos zu sperren – nur bitte mit einer etwas besseren Begründung.


Social Media & Politik

  • Weg mit den Facebook-Seiten der Bundesbehörden: Der Datenschutzbeauftragte Ulrich Kelber macht mit Blick auf die aktuellen Enthüllungen rund um Facebooks Geschäftspraktiken noch einmal darauf aufmerksam, dass alle Facebook-Pages der Bundesbehörden in die digitale Tonne gehören (netzpolitik).
  • Beschäftigt sich denn eigentlich mal jemand mit TikTok? Evelyn Douek gehört zu den Personen auf dieser Welt, die wirklich Ahnung haben von sozialen Medien. Wer mag, sollte ihr unbedingt auf Twitter folgen: @evelyndouek. Aber das nur als Tipp am Rande. Eigentlich möchten wir auf ihren Text bei The Atlantic aufmerksam machen: 1 Billion TikTok Users Understand What Congress Doesn’t. Darin macht sie völlig zurecht darauf aufmerksam, dass sich die (US-) Politik, wenn sie sich doch so sehr um das Wohlergehen von Kids sorgt, auch mit der Plattform beschäftigen sollte, die die Kids tatsächlich nutzen: TikTok!

Schlagzeilen


Kampf gegen Desinformation

  • Wie Journalisten bei Telegram gegen Falschinformationen vorgehen können: Telegrams schnelles Wachstum bereitet Journalistïnnen und Wissenschaftlerïnnen zunehmend Kopfschmerzen: viele befürchten, dass Telegram sich immer stärker als Quelle viraler Desinformation etabliert. Da es aber viel schwieriger nachzuvollziehen ist, wie sich Informationen innerhalb von Messaging-Apps verbreiten, kann eine interessierte Öffentlichkeit nur bedingt gegensteuern. Das Reuters Institute hat ein Paper dazu veröffentlicht: How journalists can address misinformation on Telegram (PDF)
  • Keine Kohle für Climate Change Denial Content: Google hat angekündigt, dass es künftig keine Möglichkeiten mehr geben wird, Inhalte zu monetarisieren, die den Klimawandel leugnen, bzw. Zitat: „dem etablierten wissenschaftlichen Konsens über die Existenz und die Ursachen des Klimawandels widersprechen".

Datenschutz-Department

  • Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einfach erklärt: Wer wirklich sicher gehen möchte, dass niemand irgendwelche Nachrichten mitlesen kann, der / die sollte auf Ende-zu-Ende-Verschlüsselung setzen. Bei E-Mails ist das leider nicht Standard. Bei Messengern wie Signal hingegen schon. Warum das wichtig ist und wie diese Verschlüsselung funktioniert, erklären die Kollegïnnen von mobilsicher: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung einfach erklärt.

Follow the money

  • Facebook ändert Zählweise der DAU: Facebook ändert hinsichtlich einer möglichen Regulierung schon einmal die Art und Weise, wie es täglich aktive Personen misst (Bloomberg $). So sollen u.a. keine Konten mehr automatisch über App-Familien hinweg verknüpft werden.
  • Twitter investiert in Avatar-Startup: Wir sind keine all zu großen Freunde von Avataren. Aber hey, manch einem mag das eine Freude bereiten. Für andere sogar recht nützlich sein, who knows. Twitter jedenfalls möchte künftig auch einen Avatar-Service anbieten (Techcrunch), hat aber keinen Bock das alles selbst zu programmieren.

Creator Economy

  • Memberful macht einen auf Substack-Herausforderer: Nachdem die all zu große Substack-Revolution bislang ausgeblieben ist, mehr dazu in einer Minute, schickt sich der Bezahl-Service Memberful an, ebenfalls einen Newsletter-Service aufzusetzen (Techcrunch). Wir hatten noch keine Zeit, uns das Produkt der Patreon-Tochter näher anzuschauen. Aber eigentlich gerade auch sowieso gar keinen Bedarf – Steady, Mailchimp und WordPress funktionieren in dieser Kombi für uns ganz wunderbar.
  • Horizon Creator Fund: Facebook sucht Entwicklerïnnen für VR-Inhalte. Dafür setzt das Unternehmen einen 10-Millionen-Dollar-Fund (Facebook Newsroom) auf. Konkret geht es darum, Welten für Horizon zu erschaffen. Das ist in etwa so, als würde man Kids Geld dafür geben, bei Roblox neue Welte zu kreieren. Das machen sie dort halt eh schon. Bei Facebook dann eben für Kohle.
  • Twitter Spaces Spark: Twitter hat weitere Details zu seinem neuen Creator-Programm bekannt gegeben, dem sogenannten Twitter Spaces Spark Program (Newsroom Twitter). Bis zu 150 Personen erhalten in den USA nach erfolgreicher Bewerbung ein monatliches Stipendium von 2500 Dollar, kostenlose Werbung für die eigene Sache und Zugang zu neuen Funktionen. Im Gegenzug verpflichten sie sich, mindestens zwei Live-Audiogespräche pro Woche zu moderieren.
  • Facebook launcht Live Audio global: Wer keine Lust hat, seine Radio-Träume bei Twitter oder Clubhouse auszuleben, kann jetzt auch bei Facebook sein Audio-Glück versuchen. Wie schreibt Ryan Broderick in seinem Newsletter (Substack) so schön:

„Months after the whole world forgot that live social audio was supposed to be the future of tech, Facebook Audio officially arrives this week."

  • Der Matthäus-Effekt greift auch in der Creator Economy: Die Creator Economy könnte eine echt Chance sein: Menschen werden für ihr Tun im Internet von ihren Leserïnnen / Hörerïnnen / Zuschauerïnnen / Gruppenmitgliedern adäquat bezahlt – einige von ihnen können damit womöglich sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten. Bislang ist diese Idee leider weiterhin nur Wunschdenken – der Großteil des Geldes geht an die immer gleichen Social-Media-Superstars (Axios).

Report, Studie, Statistik

  • Piper Sandler hat sich angeschaut, welche Plattform bei Teens populär ist. Siehe da: Twitter und Facebook stinken ziemlich ab, Instagram verliert einige Prozentpunkte, TikTok belegt einen soliden zweiten Platz und Snapchat – ja, Snapchat – rangiert weiterhin an Platz 1, wenn es um die Frage des Lieblings-Netzwerks geht. Beim Engagement schneidet Instagram allerdings am besten ab. Hier geht es zur Studie (PDF).

Schon einmal im Briefing davon gehört

  • YouTube Rewind is cancelled for good: Ihr erinnert euch bestimmt, dass sich YouTube für seine Rewind-Videos maximal viel Ärger eingehandelt hatte, oder? Eigentlich waren diese Best-of-Videos zum Ende des Jahres ja immer ganz nett anzuschauen – für Außenstehende jedenfalls. Die Community selbst sah sich nicht ausreichend repräsentiert. Deshalb hat YouTube nun einen Schlussstrich gezogen (@YouTubeCreator).

Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

Instagram

YouTube

Twitter

  • Shadow Banning für Beginner: Twitter testet jetzt offiziell eine Funktion, die es ermöglicht, bestimmte Follower auszusperren (The Verge). Wie bereits in Ausgabe #744 berichtet, können Nutzerïnnen Follower entfernen, damit sie die eigenen Tweets nicht mehr sehen können, sie aber weiterhin als Follower gelistet werden.
  • Mit Thread antworten: Bislang war es nicht möglich, auf einen Tweet in Form eines Threads zu antworten. Das könnte sich bald ändern (@wongmjane).
  • Warnung bevor es hitzig wird: Twitter testet einen Hinweis (9to5mac), der Nutzerïnnen vor all zu hitzigen Diskussionen warnen soll. Ähm, vielleicht kleben sie einen solchen Hinweis einfach dauerhaft oben links auf die Homepage? Oder sie werden die Trends los (@martinfehrensen)?! Das könnte auch schon helfen…

Snapchat


Header-Foto von Yingchou Han


Ein Ausfall, eine Anhörung, eine Antwort: Was das über Facebook sagt | TikTok wächst kräftig | Twitch Hack | IGTV heißt künftig Instagram TV

Ein Ausfall, eine Anhörung, eine Antwort: Was das über Facebook sagt

Was ist

Keine neue Facebook-Files-Veröffentlichung, die Facebook-Festspiele gehen trotzdem weiter. In den vergangenen 48 Stunden haben wir …

  • sechs Stunden ohne Facebook überlebt (erholsam).
  • drei Stunden einer Anhörung erlebt (einschläfernd).
  • ein 130-Wörter-Statement von Facebook und ein 1300-Wörter-Posting von Mark Zuckerberg gelesen (empörend).

Weil wir nicht schon wieder 20.000 Zeichen über Facebook schreiben wollen (und vor allem bezweifeln, dass das jemand lesen möchte), beschränken wir uns auf die wichtigsten Beobachtungen und Learnings.

Der Ausfall

  • Nichts ist so alt wie eine technische Panne von gestern. Am Montagabend kannte Twitter kein anderes Thema, heute interessiert es niemanden mehr, dass Facebook, Instagram und WhatsApp für rund sechs Stunden nicht erreichbar war.
  • Alle guten und schlechten Witze wurden gemacht, vermutlich hast du ungefähr elf Stück davon in deiner Timeline gehabt. Also versuchen wir erst gar nicht, lustig zu sein.
  • Mittlerweile hat Facebook zwei Blogeinträge zu den Ursachen veröffentlicht: einen kurzen und vagen, einen langen und detaillierten.
  • Die zentrale Erkenntnis: Es gab keinen Hacker-Angriff, und es sind keine Nutzerdaten abgeflossen. Die Ursache für den Ausfall war ein technischer Fehler, ein Router in Facebooks Backbone-Network wurde falsch konfiguriert.
  • Vereinfacht gesagt hat sich Facebook damit versehentlich selbst aus der Landkarte des World Wide Web getilgt. Normalerweise weist das Border Gateway Protocol (BGP) den Weg, eine Art Schaltzentrale des Internets. Wie in einem Telefonbuch können andere Geräte darüber nachschlagen, wo sie das Facebook-Netzwerk finden, das sie dann zu Facebook, Instagram und Whatsapp weiterleitet.
  • Der Eintrag für Facebook ist aber verschwunden. Wenn jemand etwa Instagram öffnete, wusste das Smartphone nicht mehr, wo es das Facebook-Netzwerk findet. Deshalb wurden drei der größten Kommunikationsplattformen der Welt unsichtbar.
  • Das Problem betraf nicht nur Nutzerïnnen, sondern auch Facebook-Angestellte. Die interne Kommunikations-Plattform Workplace, Kalender und weitere Dienste fielen aus. Mitarbeiterïnnen konnten mit ihren Diensthandys nicht mehr telefonieren und keine E-Mails mehr empfangen. Einige wurden aus Bürogebäuden und Konferenzräumen ausgesperrt, weil die Zugangskarten nicht mehr funktionierten.
  • Viele Nutzerïnnen im Westen freuen sich über ein paar Stunden Digital Detox – für Menschen im Globalen Süden hatte der Ausfall dramatische Folgen. In manchen Ländern sind die Facebook-Dienste gleichbedeutend mit dem Internet, in Brasilien und Indien bezahlen Menschen etwa mit WhatsApp.
  • Für viele Geflüchtete ist der Messenger der einzige Kanal, über den sie Kontakt mit Familie und Freunden halten. Nutzerïnnen in Brasilien bestellen darüber Rezepte, in Libanon werden Corona-Testergebnisse per WhatsApp verschickt. Und in Afghanistan verstecken sich immer noch Hunderttausende vor den Taliban und nutzen Facebooks Plattformen, um sich mit ihren Verwandten auszutauschen.
  • Das zeigt erneut, wie gefährlich es ist, kritische Infrastruktur zu zentralisieren und in die Hand weniger Konzerne zu legen. Vor diesem Hintergrund ist die Vorstellung, dass Facebook gerade eifrig am Metaverse werkelt und Milliarden in AR und VR investiert, eher bedrohlich.
  • Zumindest eine positive Nebenwirkung hatte die Panne: Menschen sind nicht nur auf SMS ausgewichen (manche sollen gar telefoniert haben), sondern haben sich scharenweise bei Signal, Threema und Telegram angemeldet.
  • Allein Telegram-Gründer Pavel Durov berichtet in seinem Channel(https://t.me/durov/170) von 70 Millionen neuen Nutzerïnnen. Wir halten Telegram zwar für keine gute WhatsApp-Alternative, aber mehr Messenger-Diversität kann nicht schaden.

Das Hearing

  • Der US-Senat hatte Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen als Zeugin geladen, die wir im vergangenen Briefing #749 ausführlich vorstellten. Mehr als drei Stunden lang sprach sie im Unterausschuss für Verbraucherschutz, Produktsicherheit und Datensicherheit über das Material, das sie dem Wall Street Journal zugespielt hatte und auf dem die Facebook-Files basieren.
  • Im Wesentlichen wiederholte Haugen die Vorwürfe aus den Dokumenten, die sie auch bei ihrem Auftritt in der CBS-Sendung "60 Minutes" am Sonntag ausbreitete.
  • Inzwischen hat CBS auch die acht Beschwerdebriefe veröffentlicht, die Haugen bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte. Inhaltlich entsprechen sie größtenteils den Artikeln der Facebook-Files. Es geht unter anderem um Instagrams teils negativen Einfluss auf Teenager, Facebook unrühmliche Rolle bei dem Putschversuch am 6. Januar, das Programm XCheck und das angeblich rücksichtslose Streben nach Wachstum, das ethische Erwägungen und die Sicherheit der Nutzerïnnen hintenanstelle.
  • Ein Teil der Anhörung war allzu bekannt: Politikerïnnen versuchten, Haugen für ihre Zwecke einzuspannen. Republikaner schwadronierten von Zensur, Demokraten zeichneten das allzu dystopische Bild eines Konzerns, der für Polarisierung, Gewalt und eigentlich alles verantwortlich sei, was in den USA sonst noch schiefläuft. Einig sind sie sich nur darin, dass sie Facebook doof finden.
  • Beide Narrative kennt man aus früheren Hearings, beide sind unterkomplex. Angenehmerweise ging Haugen selbst kaum darauf ein und ließ etwa den unsäglichen Ted Cruz abblitzen. Sie sprach ruhig und bemühte sich bei vielen Antworten um Differenzierung.
  • Im Gegensatz zu anderen Anhörungen, wenn Vertreterïnnen der Tech-Konzerne geladen waren, artete das Gespräch nicht in eine fruchtlose Show aus, sondern blieb weitgehend sachlich. Haugen kam bei den Senatorïnnen spürbar gut an. Einige versuchten, von ihr konkrete Vorschläge für ihre jeweiligen Gesetzentwürfe zu erhalten.
  • Angenehm war auch, dass die Politikerïnnen besser vorbereitet wirkten als noch vor einigen Jahren (Der legendäre Dialog „How do you sustain a business model in which users don't pay for your service? – Senator, we run ads" soll bei Facebook als Sticker die Runde gemacht haben). Immer wieder ging es um reale und strukturelle Probleme, etwa Facebooks auf Engagement optimierte Algorithmen, die von den Senatorïnnen weitgehend treffend beschrieben wurden.
  • Ob und wie solche Algorithmen sinnvoll reguliert werden können, ist eine andere Frage, auf die das Hearing keine Antworten liefern konnte. Aber zumindest haben es Haugen und die beteiligten Politikerïnnen geschafft, das Niveau der Tech-Debatten im US-Kongress um ungefähr 247 Prozent zu steigern.
  • Chralie Warzel zieht in seinem Substack-Newsletter ein Fazit, dem wir uns anschließen:

Lastly, I think Haugen's testimony is helpful in that it addresses Facebook in a more empirical, technical fashion instead of simply a moral or political one. Haugen said repeatedly in her testimony that she didn't think Facebook set out to build a destabilizing company that contributes to teen self harm. I think that's true. Instead, she shows (with ample evidence) the ways that the company has privileged profits over people and growth over safety again and again.

Die Reaktionen

  • Fast noch aufschlussreicher als die Anhörung selbst war Facebooks Art, damit umzugehen. Während Haugen im Senat sprach, versuchten Facebook-Sprecher, sie auf Twitter unglaubwürdig zu machen. Andy Stone und Joe Osborne wiesen mehrfach darauf hin, dass Haugen gar nicht in den Teams gearbeitet habe, über deren Arbeit sie nun spreche.
  • Das sagte sie auch selbst mehrfach, wenn sie im Detail dazu befragt wurde (was ihre Glaubwürdigkeit eher erhöht). Entscheidend ist aber, dass Haugen ihre Vorwürfe auf interne Studien stützt, die Facebook selbst in Auftrag gegeben hatte.
  • Bislang hat Facebook wenig gute Argumente geliefert, warum diese Forschung angeblich keine Aussagekraft besitzen soll. Das WSJ habe sich bewusst einzelne Aspekte herausgepickt, um einen falschen Eindruck zu erwecken. Statt andere Aspekte zu liefern, die ein vollständiges Bild ergeben könnten, beschränkt man sich aber auf vage, passiv-aggressive Dementis.
  • Eindeutig passiv-aggressiv ist auch das offizielle Statement, das schließlich beide Sprecher veröffentlichten – in Form eines Screenshots einer kurzen Nachricht in einer Notiz-App, angehängt an einen Tweet (Twitter / Andy Stone).
  • Eine Interpretation: Wir müssen der Welt selbst durch die Form unserer Reaktion demonstrieren, wie egal uns das alles ist. Die andere: Das Facebook-PR-Team ist genauso überlastet wie die Abteilung für Civic Integrity, in der Haugen arbeitete. Wir sind nicht sicher, welche Möglichkeit besser für Facebook wäre.
  • Inhaltlich lässt das Statement jedenfalls wenig Fragen offen: Es ist unterirdisch. Facebook beschränkt sich darauf, Haugen zu diskreditieren. Sie habe weniger als zwei Jahre für Facebook gearbeitet, dabei nie an einem Entscheidungs-Meeting mit C-Level-Executives teilgenommen und während der Anhörung mehr als sechsmal gesagt, dass sie nicht an den fraglichen Themengebieten gearbeitet habe.
  • Elizabeth Lopatto übersetzt das treffend (The Verge):

Today, a peon testified in Congress; she is too unimportant to name. Nothing she says is worthwhile because she is not fancy enough. And even though she had access to multiple internal research documents supporting her claims, you can’t trust her testimony on them — despite her subject matter expertise and years of experience in the field — because she didn’t write them herself.

  • Ähnlich ernüchternd ist die Nachricht, die Mark Zuckerberg nach der Anhörung zunächst intern verschickte und kurz darauf als Facebook-Posting absetzte. Er braucht zehnmal so viele Wörter wie seine PR-Abteilung, sagt aber im Grunde das Gleiche: Haugens Vorwürfe seien maßlos übertrieben und unfair, sie ignoriere Facebooks Bemühungen und all die gute Arbeit, die im Konzern gemacht werde. Es sei frustrierend, dass Facebook andauernd falsch dargestellt werde.
  • Tatsächlich spricht Zuckerberg einige zutreffende Punkte an, aber im Kern geht seine Reaktion an der Kritik vorbei. Haugen behauptet gar nicht, dass Facebook sich nicht für die mentale Gesundheit von Teenagern interessiere, bewusst hasserfüllte Inhalte in den Newsfeed pushe, interne Forschung komplett ignoriere oder sich nicht darum schere, was die Plattform mit der Gesellschaft anstelle (all das unterstellt er ihr).
  • Ihr Argument ist vielmehr: Bei Facebook arbeiten Tausende Menschen, die Gutes erreichen wollen, aber wenn es darauf ankommt, entscheide am Ende zu oft, ob die Vorschläge vereinbar mit den Wachstumszielen seien. Deshalb plädiert Haugen vehement für mehr Transparenz, damit sich Außenstehende ein eigenes Bild machen können.
  • Zumindest ein kleines Zugeständnis kündigte Zuckerberg an:

If we're going to have an informed conversation about the effects of social media on young people, it's important to start with a full picture. We're committed to doing more research ourselves and making more research publicly available.

  • Wie immer gilt bei solchen Ankündigungen aber: Das sind erst mal nur Worte, warten wir's ab. Zumal Facebook offenbar parallel versucht, intern das Gegenteil zu erreichen – weniger statt mehr Transparenz (WSJ):

Facebook has been tightening the reins on what information is shared internally over the past few weeks, the people said. A team within the company is examining all in-house research that could potentially damage Facebook’s image if made public, some of the people said.


Social Media & Politik

  • Run for office: Snapchat möchte jungen Menschen in den USA dabei helfen, sich für ein politisches Amt zu bewerben. Das Tool „Run for Office“ bietet dafür zum Beispiel einen Überblick über anstehende Wahlen sowie Organisationen zur Anwerbung von Kandidaten und Schulungsprogramme wie Emerge America, Women's Public Leadership Network, LGBTQ Victory und Vote Run Lead.
  • China hat einen Dreijahresplan aufgelegt, um Algorithmen fairer / transparenter zu machen und mit der Ideologie der Kommunistischen Partei in Einklang zu bringen (Wall Street Journal). Wie das genau funktionieren soll, ist bislang nur schwer abzuschätzen. Die Details sind noch nicht klar.

Kampf gegen Desinformation

  • YouTubes Anti-Vaccine: Die Organisation Media Matters wirft YouTube vor, dass die Bemühungen des Unternehmens, Videos von Impf-Skeptikern von der Seite zu nehmen, bislang noch wenig erfolgreich wären. Und auch die New York Times zeigt sich wenig beeindruckt, was die Umsetzung angeht.

Follow the money

  • Twitch Leak: Ui, ui, ui. Twitch sieht sich mit einem wirklichen krassen Hack (The Verge) konfrontiert: Dabei wurden der Quellcode für den Streaming-Dienst sowie Details zu Auszahlungen (@KnowS0mething) veröffentlicht. Persönliche Informationen – etwa Adressen und Passwörter – befinden sich nicht unter den Daten. Es riecht alles nach einer derben Abrechnung mit dem Unternehmen – wir schauen uns das noch einmal an, wenn Näheres bekannt ist. Heute staunen wir erst einmal darüber, wie viel Monte und Co verdienen (@martinfehrensen). Alter Pfuffu!
  • TikTok wächst kräftig: Der Umsatz von TikTok in Europa ist im vergangenen Jahr um über 500 % auf 170,8 Millionen Dollar gestiegen (CNBC). Die Verluste schnellten allerdings auch arg in die Höhe: von 118,7 Millionen Dollar im Jahr 2019 auf 644,3 Millionen Dollar im Jahr 2020. Der größte Kostenfaktor war die Aufstockung des Personals: die Mitarbeiterzahl in Europa stieg im vergangenen Jahr um über 1.000 Personen. Lag sie 2019 bei 208, waren es 2020 schon 1.294.
  • YouTube Shoppable Ads jetzt auch auf dem Fernseher: Weil immer mehr Menschen YouTube nicht nur auf ihrem Smartphone / Rechner sondern auch auf ihrem Fernseher gucken, lanciert das Unternehmen nun auch für TV-Geräte sogenannte Shoppable Ads: A shoppable TV screen with YouTube.
  • Mehr Shopping bei Pinterest: Pinterest hat ebenfalls neue Shopping-Funktionen im Angebot. Wir hatten leider noch nicht die Zeit, uns das in Ruhe anzuschauen. Aber die Nachricht ist bestimmt für einige von euch interessant.

Creator Economy

  • Facebook Gaming: Co-streaming jetzt für alle verfügbar: Co-Streaming ermöglicht es Nutzerïnnen, wie der Name bereits suggeriert, gemeinsam zu streamen. Zuschauerïnnen können zwischen den Streams hin und her switchen und auswählen, aus welcher Perspektive sie das Geschehen verfolgen möchten.
  • Snapchat: Spotlight Challenges: Snapchat hat eine ganze Reihe neuer Tools und Programme präsentiert, um Creator davon zu überzeugen, Inhalte auf der Plattform zu veröffentlichen. Am interessantesten ist dabei wohl die neue „Spotlight Challenge“, bei der Nutzerïnnen Geld für Inhalte im wahrsten Sinne des Wortes gewinnen (Snap) können.

Audio / Video

  • IGTV wird zu Instagram TV : Instagram hat sich entschieden, die Marke IGTV zu beerdigen. Das Angebot wird in "Instagram TV" umbenannt (Facebook Newsroom) und als neue Standalone-App angeboten. Zudem können Videos, die im Instagram-Hauptfeed gepostet werden, künftig bis zu 60 Minuten lang sein. Die Reels-Funktion bleibt erst einmal so wie sie ist.
  • YouTube auf der Suche nach Podcast-Boss: Ganz spannend: Podcasts sind bei YouTube so populär, dass das Unternehmen sich jetzt auf die Suche nach jemandem macht, der das Geschäftsfeld hauptberuflich verantwortet (Bloomberg).
  • Fireside geht an den Start: Während Clubhouse weiter auf der Suche nach all den Leuten ist, die zu Beginn des Jahres darin das nächste große Dinge sahen, launcht im Windschatten ein neues Social-Audio-Tool für Creator (Techcrunch).

Was wir am Wochenende lesen & gucken


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Likes bei Stories: Instagram testet Likes bei Stories (Social Media Today) – um dann auch bei jenem Produkt Druck aufzubauen, das eigentlich dafür gedacht war, Leuten den Druck beim Posten zu nehmen?!? Wir verstehen es nicht.

Twitter

Twitch

  • Streams boosten: Auch bei Twitch lassen sich nun Inhalte (read: Streams) boosten. Aktuell dürfte das Unternehmen allerdings ganz andere Sorgen haben…

One more thing

750 Ausgaben: Wir feiern heute die 750. Ausgabe! Völlig irre, dass wir wirklich schon so viele Briefings verschickt haben. Danke euch allen für den wilden Ride – egal ob du erst ganz kurz oder schon von Tag 1 an dabei bist: ohne Dich wäre das hier alles nicht möglich!


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Facebook down | Die Facebook Files bekommen einen Namen und ein Gesicht | Zukunft von Facebook

Die "Facebook-Files" bekommen einen Namen und ein Gesicht

Was ist

Während wir diesen Newsletter schreiben, waren Facebook, Instagram und WhatsApp für rund sechs Stunden down (NYT). Facebook zufolge gab es ein Konfigurationsproblem. Die Fehlernachricht, die Facebook zunächst einblendete, passt gut zu Facebooks vergangenen Wochen:

Sorry, something went wrong. We're working on it and we'll get it fixed as soon as we can.

Denn seit dem 13. September veröffentlicht das Wall Street Journal eine bemerkenswerte Recherche nach der anderen. Mittlerweile sind wir beim achten Teil der Facebook-Files angelangt, die unsere vergangenen Briefings dominiert haben. Spannender als der neueste Aufschlag, der sich mit dem sinkenden Einfluss von Sheryl Sandberg und dem Machtgefüge innerhalb von Facebook beschäftigt, ist eine andere aktuelle Entwicklung: In der Nacht von Sonntag auf Montag hat die Frau, die hinter den Enthüllungen steckt, ihr erstes öffentliches Interview gegeben.

Die ehemalige Facebook-Angestellte Frances Haugen gab sich zur besten US-Sendezeit im CBS-Format "60 Minutes" als Whistleblowerin zu erkennen. Am Dienstag wird sie im Unterausschuss für Verbraucherschutz, Produktsicherheit und Datensicherheit des US-Senats als Zeugin auftreten.

Wir fassen zusammen, was nach dem Auftritt über Haugen und ihre Motivation bekannt ist und welche konkreten Vorwürfe sie Facebook macht. Zudem erklären wir, warum Facebook wohl versuchen wird, die Facebook-Files wie jede andere Krise auszusitzen – und welche Gefahren das für den Konzern birgt.

Warum Haugen zur Whistleblowerin wurde

  • Frances Haugen ist 37 Jahre alt und kündigte im vergangenen April ihren Job in Facebooks Team für Civic Integrity. Davor arbeitete sie knapp zwei Jahre für Facebook.
  • Dem WSJ erzählte sie eine berührende Geschichte: Angeblich ging vor einigen Jahren eine enge Freundschaft zu Bruch, weil ihr Freund sich in rechten Verschwörungserzählungen verlor.
  • Das sei ihre Motivation gewesen, sich beruflich mit Desinformation zu beschäftigen: "It’s one thing to study misinformation, it’s another to lose someone to it", sagt Haugen.
  • Bei Facebook stellte sie schnell fest, dass ihr Team krass unterbesetzt war. Ihren Aussagen zufolge konnten sich die Angestellten nur um ein Drittel der Fälle kümmern, weil es an Ressourcen fehlte.
  • Je länger sie bei Facebook war, desto offensichtlicher seien die Probleme geworden. Ihre Hauptvorwürfe finden sich allesamt in den Facebook-Files, über die wir in vier Newslettern ausführlich berichtet haben. Deshalb gehen wir inhaltlich nicht mehr im Detail darauf ein und konzentrieren uns auf die wenigen neuen Aspekte.
  • Zusammengefasst lässt sich sagen: Haugen beschuldigt Facebook, Wachstum höher zu priorisieren als die Sicherheit seiner Nutzerïnnen. Insbesondere außerhalb der USA würden Risiken und Nebenwirkungen oft ignoriert.
  • Als der Newsfeed 2018 umgestellt und "Meaningful Social Interactions" gestärkt werden sollten, habe das tatsächlich dazu geführt, dass der Algorithmus hasserfüllte Inhalte verbreitete – weil die besonders viel Interaktionen hervorrufen.
  • Das sei Facebook bewusst gewesen, man habe aber nichts dagegen unternommen:

„Facebook has realized that if they change the algorithm to be safer, people will spend less time on the site, they’ll click on less ads, they’ll make less money."

  • Angeblich hätten sich mehrere politische Parteien in Europa bei Facebook darüber beschwert. Nach der Algorithmus-Änderung dringe man nur noch mit "angry, hateful, polarizing, divisive content" durch und müsse Anzeigen schalten, die politische Gegner attackierten. Diese Zitate fänden sich auch in Facebooks eigener Forschung.
  • Ein weiterer Vorwurf betrifft Facebooks Rolle für den Putschversuch am 6. Januar. Nachdem ein wütender Mob das Kapitol gestürmt hatte, wies Facebook öffentlich jede Verantwortung zurück. Intern beklagten Angestellte aber offenbar, dass man sehr wohl dazu beigetragen habe, dass sich die Extremistïnnen radikalisieren und organisieren konnten – und fragten auf Facebooks Messaging-Board Workplace unter anderem: "Haven't we had enough time to figure out how to manage discourse without enabling violence?"
  • Das ist auch deshalb pikant, weil Facebook Anfang Dezember, nach der vermeintlich gut überstanden US-Wahl, das Team für Civic Integrity auflöste und über andere Abteilungen verteilte – gut einen Monat später folgte der Sturm aufs Kapitol.
  • Haugen hat vor ihrer Zeit bei Facebook unter anderem für Google und Pinterest gearbeitet. Facebook sei damit nicht zu vergleichen: "I’ve seen a bunch of social networks and it was substantially worse at Facebook than anything I’d seen before."
  • Sie sagt aber auch, dass sie Facebook nicht für ein moralisch verkommenes Unternehmen hält. Die meisten Angestellten seien am Wohlergehen der Nutzerïnnen interessiert. Doch die Anreize, die Facebook setze, seien falsch: "No one at Facebook is malevolent, but the incentives are misaligned."
  • Das gelte auch für Mark Zuckerberg, mit dem sie "eine Menge Mitgefühl" empfinde: "Mark has never set out to make a hateful platform. But he has allowed choices to be made where the side effects of those choices are that hateful, polarizing content gets more distribution and more reach."
  • Haugen verließ Facebook im Frühjahr und sammelte im Laufe der letzten Monate jenes Material, das sie später dem WSJ zuspielte. Die internen Studien und Dokumente waren größtenteils für alle der gut 60.000 Beschäftigten über Workplace zugänglich.
  • An ihrem letzten Arbeitstag schrieb Haugen eine Art Abschiedsnachricht: "I don’t hate Facebook. I love Facebook. I want to save it." Facebook wäre es wohl lieber gewesen, wenn sie dafür einen anderen Weg gewählt hätte.

Wie sich Facebook wehrt

  • Als Reaktion auf die Recherchen des WSJ hat sich Facebook für eine recht aggressive Vorwärtsverteidigung entschieden. In mehreren Blogeinträgen versuchte man, die Berichterstattung in Zweifel zu ziehen und als "cherry picking" zu diskreditieren.
  • Auch auf die Vorwürfe von Haugen folgte ein ausführliches Dementi (Twitter / Mike Isaac). Bereits am Freitag verschickte Facebook ein internes 1500-Wörter-Memo an Angestellte (NYT), in dem Policy-Chef Nick Clegg die Anschuldigungen als irreführend bezeichnete und schrieb:

„But what evidence there is simply does not support the idea that Facebook, or social media more generally, is the primary cause of polarization."

  • Nachdem CBS das Interview ausgestrahlt hatte, trat Clegg seinerseits bei CNN auf und wiederholte: "To suggest we encourage bad content and do nothing is just not true." (Allerdings hat auch niemand behauptet, dass Facebook "nichts" unternehme – nur eben nicht genug.)
  • Als "irrwitzig" bezeichnete er die Behauptung, Facebook sei für die Ereignisse des 6. Januars mitverantwortlich. Dem WSJ warf er vor, die Facebook-Files enthielten "bewusste Falschdarstellungen" – allerdings ohne genauer zu sagen, worin diese bestehen sollen.
  • Ein Facebook-Sprecher teilte außerdem mit, dass man seit 2016 mehr als 13 Milliarden US-Dollar in Sicherheit investiert und Teams und Technologien gestärkt habe.
  • Das klingt nach einer gewaltigen Summe. Wenn man sich aber klarmacht, dass Facebook allein im vergangenen Quartal fast so viel verdient, wie es in den vergangenen fünf Jahren für Sicherheit ausgegeben hat, dann relativiert sich die große Zahl.
  • Zumal es auch weniger darum geht, wie viel Geld Facebook für Sicherheit in die Hand nimmt, sondern eher um die Frage, ob es bereit ist, auf noch deutlich mehr Geld zu verzichten, wenn sich herausstellt, dass bestimmte Maßnahmen helfen könnten – aber auch zulasten von Interaktionen, Engagement und Verweildauer gehen. Die aktuellen Enthüllungen erwecken den Eindruck, dass Facebook andere Prioritäten setzt.

Was die Facebook Files bewirken könnten

  • Von außen betrachtet wirkt Facebook Krisenkommunikation oft merkwürdig: ausweichende Antworten, überspezifische Dementi, unsouveräne Reaktionen.
  • Doch wenn es ein Unternehmen gibt, das wissen sollte, wie es mit PR-Krisen umgehen muss, dann ist das wohl Facebook. Zumindest hatte in den vergangenen Jahren niemand sonst so viel Gelegenheit, Erfahrung mit Missgeschicken und miesen Schlagzeilen zu sammeln.
  • Und so gern Medien auch meckern: Bislang ist Facebooks Strategie fast immer aufgegangen. Der Ruf mag gelitten haben, aber solange Menschen die Plattformen nutzen und Werbekunden Anzeigen schalten, sind die meisten Investorïnnen zufrieden. Am Ende zählen für Facebook keine Beliebtheitswerte, sondern der Aktienkurs, und an dem ändern auch die Facebook-Files nur wenig.
  • Dennoch haben die Vorwürfe eine andere Qualität als die meisten der früheren Anschuldigungen. Mit Frances Hagen steht dahinter keine anonyme Whistleblowerin, sondern eine Frau, die mit Namen und Gesicht in die Öffentlichkeit geht.
  • Hinzu kommen die Zehntausenden Seiten Material, die Hagen nicht nur Medien, sondern auch der US-Börsenaufsicht zugänglich gemacht hat. Sollte die SEC zum Schluss kommen, dass Facebook seine Investorïnnen bewusst getäuscht hat, könnte es teuer werden.
  • Offenbar ist sich Facebook der Gefahr bewusst: in den vergangenen Wochen soll sich eine Krisensitzung an die nächste gereiht haben, berichten Mike Isaac, Sheera Frenkel und Ryan Mac: "The effort has been so time-consuming that several projects due to be completed around this time have been postponed, said people with knowledge of the company’s plans."
  • Demnach geht Facebook unter anderem intern auf Suche nach undichten Stellen und versucht, weitere Leaks mit aller Macht zu verhindern.
  • Yaël Eisenstat, bis Ende 2018 bei Facebook für den Schutz von Wahlen zuständig, glaubt trotzdem, dass die Verantwortlichen die Auswirkungen unterschätzen (Vox):

“ I think Facebook is miscalculating what a watershed moment this is, not just because the public now has eyes on these documents, but because employees are starting to get angry."

  • Tatsächlich sind revoltierende Mitarbeiterïnnen nur eine der Gefahren, die Facebook mittel- bis langfristig drohen. Wenn Hagen am Dienstag im Senat spricht, dürften etliche Politikerïnnen ganz genau hinhören. Bislang haben USA und EU in Sachen Regulierung eher gedroht als gehandelt, aber das kann sich ändern – und eine Whistleblowerin, die massig Material liefert, könnte zu schärferen Gesetzen beitragen.
  • Haugen hat einen Teil der Dokumente jedenfalls schon mit zwei US-Senatorïnnen geteilt und außerdem mit EU-Abgeordneten gesprochen. Im Laufe des Oktobers wird sie unter anderem in London, Lissabon und Brüssel auftreten.
  • Die EU arbeitet bekanntlich am Digital Services Act, der die Macht der Plattformen begrenzen soll. Je mehr Details über die Schattenseiten von Facebook und Instagram öffentlich werden, desto schwerer dürfte es den Tech-Lobbyistïnnen fallen, drohende Regulierung zu verhindern.

Be smart

Jedes Mal, wenn Facebook in die Kritik gerät, gibt es Menschen, die vorhersagen, dass dieser Skandal anders sei. Diesmal drohten wirklich Konsequenzen, diesmal werde es wirklich gefährlich – im Gegensatz zu den 357 anderen Aufregern, als drei Tage oder spätestens drei Wochen später niemand mehr darüber sprach.

Bislang hat sich keine dieser Prophezeiungen bewahrheitet. Deshalb überlassen wir das Glaskugellesen zwei Experten, deren Sachverstand wir schätzen. Kevin Roose glaubt zwar nicht, dass die Facebook-Files selbst Facebook in Gefahr bringen werden – aber er meint, aus den Dokumenten herauslesen zu können, dass Facebook in ernsthaften Schwierigkeiten stecke (NYT):

Not financial trouble, or legal trouble, or even senators-yelling-at-Mark-Zuckerberg trouble. What I’m talking about is a kind of slow, steady decline that anyone who has ever seen a dying company up close can recognize. It’s a cloud of existential dread that hangs over an organization whose best days are behind it, influencing every managerial priority and product decision and leading to increasingly desperate attempts to find a way out. This kind of decline is not necessarily visible from the outside, but insiders see a hundred small, disquieting signs of it every day — user-hostile growth hacks, frenetic pivots, executive paranoia, the gradual attrition of talented colleagues.

Auch Alex Kantrowitz sieht für Facebook langfristig eine größere Gefahr als kritische Recherchen (Big Technology / Substack):

As Facebook continues to become embroiled in scandal, the company gets not only more comfortable handling the crisis but also better at it. Facebook has little financial incentive to change its behavior. Wall Street, advertisers, and Facebook’s users aren’t running away. "Facebook’s value proposition to consumers and to advertisers is so strong and proven that it would take a LOT for consumers and advertisers to leave it," said Mark Mahaney, a senior managing director at Evercore, the investment bank. "I think the bigger long-term risk is the rise of competing platforms like TikTok."


Header-Foto von Jeremy Thomas


Facebook Files #4 | YouTube sperrt RT Deutsch | Wie TikTok so schnell so groß werden konnte | CNN macht Facebook-Pages für Australier dicht

The Facebook Files #4

Was war

In unseren vergangenen Briefings haben wir uns bereits ausführlich mit den Facebook Files beschäftigt. Wer noch einmal nachlesen möchte, worum es geht, bitte hier entlang: 

  • #745: Überblick über die ersten vier Artikel der WSJ-Serie
  • #746: Blick auf den fünften Artikel, erste Kritik von Facebook, Mosseri vergleicht Social Media mit Autos, möglicher neuer Ad-Boycott, Projekt Amplify wird bekannt, Oversight Board plant ein Review von Facebooks XCheck-System
  • #747: Facebook widerspricht der Berichterstattung, Arbeit an Instagram Kids wird auf Eis gelegt

Die aktuellen Entwicklungen

  • Mittlerweile hat das WSJ den sechsten Teil der Facebook Files publiziert: Facebook’s Effort to Attract Preteens Goes Beyond Instagram Kids, Documents Show. Der Artikel beleuchtet, wie rigoros Facebook versucht, junge Nutzerïnnen zu rekrutieren. Der Konzern versucht demnach, Verabredungen zwischen Kindern zu nutzen, um die Nutzung von Messenger Kids zu pushen – quasi Playdates als Wachstumshebel. Was aus Facebooks wachstumsgetriebener Innenperspektive womöglich logisch anmutet, macht nach außen keinen guten Eindruck.
  • Facebook hat rasch eine Art Gegendarstellung publiziert: Explaining the Research We Do to Support Families. Darin heißt es u.a.:

This is nothing more than an attempt to recycle previous reporting.

The article featured an image of an internal slide that is attention grabbing because it’s presented with no context

Also alles halb so wild? Das lässt sich leider erst beantworten, wenn Facebook die entsprechenden Studien und internen Untersuchungen komplett frei gibt. So könnten sich alle selbst ein Bild machen. Aber genau damit tut sich Facebook schwer:

In the meantime

  • Metaverse products "are developed responsibly“: Eigentlich versucht Facebook, sich als Innovationstreiber zu präsentieren – hallo Metaverse! Da passen diese ganzen Diskussionen um die mentale Gesundheit von Kids und mangelnder Content Moderation in Dritt-Staaten überhaupt nicht. Nicht weiter verwunderlich also, dass Facebook verspricht, das Metaverse mit aller Vorsicht zu bauen (Facebook Newsroom). Facebooks Chef-Lobbyist Nick Clegg sülzt (Axios):

"It's definitely a departure for us (…) This is going to be a much more gradual, deliberate and therefore a much more thoughtful process of building technology."

  • YouTube ist der Meinung, dass die Plattform für die mentale Gesundheit positiv sei: Glaubt man Susan Wojcicki, dann tut es Teenagern gut, Video auf YouTube anzuschauen (Bloomberg) ist. Falls jemand fragt.

Up next

  • Whistleblower im Senat: Am Dienstag wird der / die Facebook-Whistleblowerïn im Senat zur Anhörung erwartet. Das könnte spannend werden, denn…
  • Whistleblower am Sonntag bei 60Minutes: … bereits am Sonntag zuvor ist sie/er bei 60Minutes zu Gast (CBSNews). In der Ankündigung ist von 1000 Seiten geleaktem Material die Rede. Da könnte also noch einiges kommen.
  • Kampagne von Accountable Tech: Zum Beispiel eine Kampagne der Organisation Accountable Tech, die jetzt im US-Fernsehen mit ziemlich zugespitzten (und wenig fairen) Clips (YouTube) Stimmung gegen Instagram und Co machen wollen.

Unterm Strich

Es fällt uns selbst nicht leicht, den Überblick zu behalten. Allein am Donnerstag haben das WSJ und Facebook selbst eine Vielzahl an Dokumenten veröffentlicht. Das alles zu lesen, zu durchdringen und hier sinnvoll aufzubereiten, braucht mehrere Tage Zeit. Das konnten wir diese Woche noch nicht leisten. Daher schließen wir den heutigen Block zu den Facebook Files mit den folgenden Gedanken:

“ I don't think the Facebook Files show a company that is evil or incompetent. It seems to show a company that is in way too deep, but still thinks it can totally get things back under control."

Insgesamt muss man also sagen: Beide Seiten, weder Facebook noch das Wall Street Journal, geben in der Angelegenheit eine besonders gute Figur ab. Facebooks Studien sind, auch wenn sie nur für die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gedacht sind, schlecht formuliert, bisweilen irreführend und aufgrund der an einigen Stellen wenigen befragten Personen womöglich ohnehin wenig aussagekräftig. Die Autorinnen und Autoren des Wall Street Journal dagegen konzentrieren sich zu sehr auf die mutmaßlich negativen Effekte der Plattform und erwähnen nicht, dass es am Ende der Studien um die durchaus begrüßenswerte Frage geht, wie Instagram den Nutzenden helfen kann, sich besser zu fühlen.

The mainstream critique of Facebook is surprisingly compatible with Facebook's own narrative about its products. FB critics say that the company's machine learning and data-gathering slides disinformation past users' critical faculties, poisoning their minds.

Meanwhile, Facebook itself tells advertisers that it can use data and machine learning to slide past users' critical faculties, convincing them to buy stuff.

In other words, the mainline of Facebook critics start from the presumption that FB is a really GOOD product and that advertisers are DEFINITELY getting their money's worth when they shower billions on the company.

Which is weird, because these same critics (rightfully) point out that Facebook lies all the time, about everything. It would be bizarre if the only time FB was telling the truth was when it was boasting about how valuable its ad-tech is.


Social Media & Politik

Bundestagswahl

In other news

  • YouTube vs Impf-Desinformation YouTube hat beschlossen, rigoroser gegen Impf-Desinformationen auf der Plattform vorzugehen. Künftig sollen nicht nur Inhalte entfernt werden, die sich gegen die Corona-Impfung richten, sondern auch Videos, die andere, bereits zugelassene Impfstoffe in Misskredit bringen. Diese Änderungen wirken sich auch auf die Accounts bekannter Akteure aus dem Verschwörungslager aus – etwa den Kanal des Children's Health Defense Fund von Robert F. Kennedy Jr. und zwei Kanäle von RT Deutsch …
  • Russland vs YouTube vs Deutschland: YouTube hatte RT Deutsch wegen der Verbreitung von Falschinformationen über die Coronavirus-Pandemie einen Strike erteilt. Eigentlich hätte RT Deutsch daraufhin zunächst keine weiteren Beiträge hochladen dürfen. Da sie dies aber über einen anderen Kanal taten, hat YouTube die Kanäle am Dienstag gesperrt. Sehr zur Verärgerung Russlands, die ihrerseits nun damit drohen, YouTube und die Deutsche Welle in Russland zu sperren. Casey schreibt (Platformer):

And so now you have one country threatening to expel the media of a second country because a tech platform in a third country terminated two accounts.

  • LinkedIn zensiert Accounts in China: LinkedIn ist eine der wenigen großen amerikanischen Social-Media-Plattformen, die den Forderungen der chinesischen Regierung nach Zensur von Inhalten zustimmt – in letzter Zeit besonders oft (Axios).
  • Social Media reparieren: Wie könnten soziale Medien zu einem besseren Ort werden? Der German Marshall Fund macht dazu interessante Vorschläge: Immediate Bipartisan Fixes for Social Media.

Datenschutz-Department


Social Media & Journalismus

  • CNN macht Facebook-Pages für Australier dicht: CNN hat entschieden, dass Australier keinen Zugang mehr zu ihren Facebook-Seiten erhalten (WSJ). Grund dafür ist ein Gerichtsurteil (PDF), demzufolge Publisher in Australien für die Kommentare auf ihren Facebook-Pages haften. Anstatt sorgfältig zu moderieren, macht CNN die Seiten für Australier dann lieber direkt dicht.

Follow the money

  • Wie TikTok so groß wurde: TikTok feiert ja in diesen Tagen den Meilenstein von einer Milliarde monatlicher Nutzerïnnen. Aber wie konnte TikTok so schnell so groß werden? Neben den Gründen, die wir in Ausgabe #747 nannten, kommt noch ein spannender Fakt hinzu: TikTok hat ganz gezielt bei der Konkurrenz Werbung schalten lassen. (Digiday)
    • 🗓 2019 hat TikTok fast 80% seines Werbebudgets bei Snapchat investiert
    • 🗓 2020: 73% bei Facebook
    • 🗓 2021: die Mehrheit im regulären TV
  • TikTok launcht NFT-Programm: Das Phänomen Non-fungible Tokens hatten wir Anfang des Jahres einmal ausführlicher erklärt – wer mag, liest dort noch einmal nach, was es mit NFT auf sich hat. Heute nur der Hinweis, dass TikTok jetzt ein NFT-Programm für Creator aufgesetzt hat. Interessierte Nutzerïnnen können sich auf der Drop-Seite in den kommenden Wochen Zertifikate kaufen, die einem bescheinigen, Besitzerïn eines bestimmten Videos zu sein – etwa dem legendären M to the B von Bellapoarch. Na, wenn das keine vernünftige Geldanlage ist, was dann?!
  • TikTok launcht eine Reihe neuer Ad-Features: Bei seinem TikTok World Event hat TikTok eine ganze Reihe neuer Anzeigen-Optionen präsentiert. Techcrunch hat den Überblick.

Creator Economy

  • TikTok hübscht seinen Creator Marketplace auf, um Influencerïnnen zielgerichteter mit Marken in Kontakt zu bringen (The Information).
  • YouTube Shorts Fund – jetzt auch in Deutschland: Hier gibt es einige Infos zum Shorts Fund – so richtig genau ist bislang nicht geklärt, wer wann wie viel Geld für seine Shorts bekommt. Der Fund ähnelt eher einer Lotterie – Social Media Today schreibt:

So YouTube can’t say what you need to do to get that Shorts cash. But the idea is that by holding out the carrot of immediate cash payouts, that will motivate more YouTubers to at least give Shorts a try, which could keep them posting to YouTube, instead of migrating to TikTok instead.


Was wir am Wochenende lesen


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Metaverse? Machen wir schon lange! Damit die Meetings bei Shopify etwas unterhaltsamer werden, hat sich das Unternehmen ein eigenes kleines Universum gebastelt. Bei @pushmatrix kann man sich anschauen, wie das funktioniert.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

Facebook Messenger

Instagram

  • Polls in Instagram DMs: Wer mag, kann künftig in Instagram Direct Messages abstimmen lassen (Techcrunch) …
  • Watch Together: … vielleicht ja darüber, wie man das Reel fand, das man gerade gemeinsam angeschaut hat. Die entsprechende „Watch Together“-Funktion ist jetzt nämlich auch bei Insta verfügbar (Techcrunch).

Clubhouse

  • Universal Search, Clips, Replays: Clubhouse launcht drei neue Features:
    • Universal Search: eine Suche für Clubhouse (Leute, Clubs, Live-Sessions und künftige Events)
    • Clips: Bis zu 30 Sekunden aufnehmen und auf Social teilen
    • Replays: Talks aufnehmen, im Profil teilen, runterladen und als Podcast irgendwo wieder hochladen

Twitch

Spotify

  • Umfragen und Q&A: Wer seine Podcasts für Spotify mit Anchor produziert, kann künftig ein paar neue interaktive Elemente nutzen – etwa Umfragen und Q&A-Funktionen. (The Verge)

One more thing

Unnützes Partywissen: Etwa 15 % der Google-Anfragen betreffen Dinge, die noch nie zuvor in das Suchfeld eingegeben wurden (Protocol). 🤯


Header-Foto von Juan Carlos Trujillo


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