Monat: Juni 2021

Zehn Erkenntnisse aus dem Reuters Digital News Report

Zehn Erkenntnisse aus dem Reuters Digital News Report

Was ist

Es gibt zwei Studien, über die wir jedes Jahr berichten: die ARD/ZDF-Onlinestudie und den Digital News Report des Reuters-Institutes der Universität Oxford. Es sind die umfassendsten und methodisch besten Untersuchungen zur Nutzung klassischer und sozialer Medien.

Der Oktober ist Onlinestudien-Zeit, im Juni erscheint der DNR. Wir haben den Großteil der 164 PDF-Seiten gelesen, die Deutschland-spezifischen Ergebnisse betrachtet, uns durch Slides geklickt und uns mit anderen Journalistïnnen ausgetauscht.

Jetzt fassen wir zehn Erkenntnisse zusammen und vergleichen dabei globale und deutsche Resultate. Natürlich gibt der DNR noch mehr her, das sprengt aber den Rahmen dieses Briefings und auch unser Zeitbudget. Wir empfehlen, sich unabhängig von unserem Newsletter mit der Studie zu beschäftigen.

Was war

Falls du die Ergebnisse mit denen der vergangenen Jahre vergleichen willst, verlinken wir hier unsere entsprechenden Newsletter:

Wo sich das nachlesen lässt

Der Reuters-Report ist nicht nur informativ, er ist auch hervorragend aufbereitet und setzt jedes Jahr neue Standards für Interaktivität und Zugänglichkeit. Klar, da stecken auch enorme Ressourcen dahinter – aber manche Universität könnte einsehen, dass es wenig bringt, viel Zeit und Geld für Forschung auszugeben, um die Ergebnisse dann in einem unübersichtlichen, schwer auffindbaren PDF-Dokument zu verstecken.

Die wichtigsten Anlaufstellen im Überblick:

Wer gefragt wurde

Den Großteil der Befragungen hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Januar und Februar 2021 durchgeführt. Insgesamt fließen in den Bericht die Antworten von mehr als 92.000 Menschen aus 46 Ländern ein. Neu dazugekommen sind Indien, Indonesien, Thailand, Nigeria, Kolumbien und Peru. Zusätzlich wurden Fokusgruppen-Interviews durchgeführt, unter anderem in Deutschland.

Die Ergebnisse sind für fast jedes Land repräsentativ, auch für Untergruppen (Alter, Geschlecht, Region, Bildung) soll die Stichprobe nach Angaben der Forscherïnnen noch groß genug sein. In vier Ländern (Indien, Kenia, Nigeria, Südafrika) wurden nur jüngere, Englisch sprechende Menschen erreicht, dort spiegeln die Resultate also nicht die Gesamtbevölkerung wider.

Es gibt eine wichtige Einschränkung: Da es sich um eine Online-Befragung handelt, fließen nur Rückmeldungen von Menschen ein, die online sind – ältere und schlechter gebildete Gruppen könnten unterrepräsentiert sein. Auch deshalb ist der direkte Vergleich zwischen Ländern schwierig: In Norwegen und Dänemark sind 98 Prozent der Bevölkerung online, in Südafrika und Indien nur gut die Hälfte.

Für Deutschland ergibt sich aus der Befragungsmethode jedenfalls keine Verzerrungsgefahr. Bei einer Onliner-Quote von 96 Prozent dürften die 2011 Befragten recht repräsentativ sein.

Was dabei herauskam

Wir konzentrieren uns auf zehn Ergebnisse, die wir wichtig finden oder die uns überrascht haben. Das heißt aber nicht, dass es auch die Erkenntnisse sind, die für dich am relevantesten sind. Wir beschränken uns nicht ausschließlich auf Social Media, da dieses Briefing auch viele Journalistïnnen lesen.

1. Das Vertrauen in Medien ist gestiegen

  • Die Pandemie hat vielen Online-Medien starke Reichweiten-Zuwächse beschert – und offenbar sind viele Menschen zufrieden mit dem, was sie dort gesehen haben.
  • Weltweit vertrauen 44 Prozent Menschen den Nachrichten, das sind sechs Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Der Wert liegt damit wieder auf dem Niveau von 2018. Trotz des positiven Trends ist es aber beunruhigend, dass weniger als die Hälfte der Befragten die Frage bejaht.
  • In Deutschland geben 53 Prozent der erwachsenen Onliner an, den Nachrichten im Allgemeinen zu vertrauen (2020: 45 %). Vor allem bei den 18-24-Jährigen ist das Vertrauen stark gestiegen: von 31 auf 48 Prozent.
  • Der vergleichsweise hohe Wert passt zu anderen Befragungen wie etwa der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen aus dem vergangenen Jahr.
  • Auch das Interesse an Nachrichten ist in Deutschland auf einem vergleichsweise hohen Niveau. 92 Prozent der Befragten konsumieren mindestens mehrmals pro Woche Nachrichten. Zwei Drittel geben an, sie seien sehr oder überaus an Nachrichten interessiert. 2016 lag dieser Wert allerdings noch bei 84 Prozent.
  • Interessant: 62 Prozent vertrauen den Nachrichten, die sie selbst lesen, sehen und hören. Das Misstrauen richtet sich also eher gegen Medien, mit denen man nicht in Berührung kommt.
  • Global und in Deutschland haben vor allem Medienmarken an Reichweite gewonnen, die hohes Vertrauen genießen. Die Corona-Krise scheint also das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen erhöht zu haben.

2. Ganze Bevölkerungsgruppen fühlen sich nicht ausreichend repräsentiert

  • Vor allem in den USA wollen Teile der Bevölkerung nichts mehr von Medien wissen. Der Anteil der Rechten und Konservativen, die sich für Nachrichten interessieren, ist um 17 Prozentpunkte gefallen. Das hängt mit der US-Wahl und der Niederlage Donald Trumps zusammen.
  • Das Problem trifft aber nicht nur die USA. Auch in Deutschland fühlen sich bestimmte Gruppen nicht repräsentiert: Ostdeutsche, Rechte und Jüngere.
  • Ein Viertel ist unzufrieden mit dem Umfang der Berichterstattung bezüglich des eigenen Wohnorts. Besonders hoch liegt dieser Anteil in den ostdeutschen Bundesländern.
  • Auch hierzulande haben insbesondere Menschen an den Rändern des politischen Spektrums den Eindruck, dass ihre Ansichten in den Medien nicht angemessen widergespiegelt werden. Nur 19 Prozent der Befragten, die sich in der politischen Mitte verorten, sind dieser Meinung – aber 27 Prozent der Linken und 41 der Rechten.
  • Der dritte wichtige Faktor ist das Alter: Fast drei von zehn Befragten glauben, dass Inhalte für ihre Altersgruppe zu selten in den Medien auftauchen. Am zufriedensten ist die Altersgruppe der 45-54-Jährigen, am meisten auszusetzen haben die Jüngsten: 42 Prozent der 18-24-Jährigen sagen, dass Berichterstattung über Menschen in ihrem Alter zu kurz kommt.

3. Konservative erwarten Meinungspluralismus, ein Teil der Jüngeren Aktivismus

  • Zugegeben: Die Überschrift ist überspitzt. Wir möchten an dieser Stelle keine Grundsatzdebatten über angebliche Objektivität und das Für und Wider von "Haltungsjournalismus" führen. Aber die Tendenz ist eindeutig.
  • Weltweit und in Deutschland wünschen sich rund drei Viertel der Befragten, dass Medien eine Bandbreite unterschiedlicher Meinungen abbilden und es den Menschen selbst überlassen sollten, eine Entscheidung zu treffen.
  • Jeweils rund zwei Drittel sagen, dass Nachrichtenmedien versuchen sollten, bei jedem Thema neutral zu bleiben und jeder Position die gleiche Zeit einzuräumen.
  • Auffällig sind erneut die Unterschiede in Abhängigkeit von Alter und politischer Orientierung: Jüngere und Linke sind eher der Meinung, dass es keinen Sinn ergibt, bei bestimmten Themen neutral zu bleiben.
  • Das sagen in Deutschland 34 Prozent der 18-24-Jährigen und 36 Prozent der Befragten, die sich links der Mitte verorten – aber nur 19 Prozent der Generation Ü55 und 13 Prozent der Konservativen und Rechten.
  • Global fällt die Differenz sogar noch deutlicher aus. In den USA glauben etwa 54 Prozent der Linken, aber nur 11 Prozent der Rechten, dass Medien nicht immer neutral bleiben sollten.
  • Wenn wir diese Zahlen sehen, fragen wir uns aber, was ein Teil der Befragten unter Objektivität und Neutralität versteht. Sender wie Fox News sind schließlich das Gegenteil von überparteilich und ausgewogen. Auch in Deutschland lassen sich auf beiden Seiten des Meinungsspektrums vergleichbare Medien finden.
  • Aus unserer eigenen Erfahrung können wir sagen, dass viele Menschen vielleicht die theoretische Idee von Neutralität und Meinungspluralismus unterstützen. Wenn man es aber an konkreten Beispielen festmacht, wollen sie lieber ihre eigenen Ansichten bestätigt bekommen.

4. Die Rolle von Social Media für den Nachrichtenkonsum verändert sich

  • Bei diesem Punkt fokussieren wir uns vor allem auf Deutschland, weil die Antworten je nach Land teils komplett unterschiedlich ausfallen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Social Medial weltweit eine tendenziell größere Rolle spielen als hierzulande. Vor allem in Asien sind Aggregatoren stark verbreitet, während im Globalen Süden besonders viele Menschen über Messenger mit Nachrichten in Kontakt kommen.
  • In Deutschland bleiben WhatsApp, YouTube und Facebook die Kanäle, die Menschen am häufigsten nutzen, um Nachrichten zu lesen, zu teilen oder darüber zu diskutieren. Analog zur sinkenden Verbreitung hat aber auch Facebooks Bedeutung für den Nachrichtenkonsum über die Jahre stark nachgelassen.
  • Facebook bleibt zwar die Plattform, die am meisten Menschen für Nachrichten nutzen. Mit 18 Prozent liegt es aber ungefähr gleichauf mit WhatsApp (17 %) und YouTube (16 %). Vor fünf Jahren lag Facebooks Anteil noch doppelt so hoch wie der anderer Dienste.
  • Wenn man Menschen nach ihrer Motivation fragt, bestimmte Plattformen für Nachrichten zu nutzen, fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Auf Facebook kommt fast ein Drittel der Befragten eher zufällig mit Nachrichten in Kontakt, weil sie dort eigentlich aus anderen Gründen unterwegs sind. Dagegen schätzt ein Viertel der Menschen, die Twitter nachrichtenbezogen nutzen, die Diskussionen und Kommentar. Und im Fall von Instagram sagen 23 Prozent, dass Nachrichten einen "kurzweiligen und unterhaltsamen Zeitvertreib" darstellten.
  • Vor allem die Altersgruppe 18-24 setzt auf Instagram: Ein Viertel der Befragten nutzt die App als Nachrichtenquelle. In der erwachsenen Gesamtbevölkerung sind es nur sieben Prozent.
  • Bei einer Frage sind sich Junge und Ältere aber einig: Nur 14 Prozent sagen, man könne Nachrichten in sozialen Medien meistens Vertrauen. Ein gutes Drittel ist unentschieden, die Hälfte misstraut Nachrichten, auf die sie über Social Media stoßen.
  • Ähnlich wie beim dritten Punkt glauben wir aber, dass soziale Erwünschtheit bei dieser Frage eine Rolle spielt. Wenn man sich anschaut, wie schnell sich Falschmeldungen in sozialen Medien verbreiten, kommt es uns so vor, als seien viele Menschen leichtgläubig, sobald eine Nachricht in ihr Weltbild passt. Das gilt übrigens ausdrücklich nicht nur für Rechte, wie jüngst etwa die absurde Aufregung über eine angeblich rassistische Geste (NYT) bei der US-Show Jeopardy! zeigte.

5. Auf neuen Plattformen sind die alten Gatekeeper chancenlos

  • Facebook, Twitter und YouTube werden alle bald volljährig – und sind damit in der Netz-Zeitrechnung richtig alt. Entsprechend spielen dort klassische Medienmarken eine vergleichsweise große Rolle für den Nachrichtenkonsum.
  • Weltweit sind etablierte Medien und/oder Journalistïnnen die wichtigste Quelle für Nachrichten, wenn Menschen auf diesen Plattformen nach Informationen suchen. Auf Twitter spielen außerdem Politikerïnnen eine große Rolle.
  • In der Altersgruppe U35 und auf jüngeren Plattform sieht das aber völlig anders aus. Dort dominieren "Internet personalities", also Prominente und Influencerïnnen. Auf Instagram (36 %), Snapchat (37 %) und TikTok (40 %) prägen sie den Nachrichtenkonsum der Jüngeren mit Abstand am stärksten. Klassische Medien spielen eine deutlich geringere Rolle, auf TikTok sind sie nur für zwölf Prozent der Befragten wichtig.
  • Für Deutschland liegen leider keine altersspezifischen Daten vor. Auch über alle Altersgruppen hinweg erscheint uns das Sample zu klein, um annähernd sinnvolle Rückschlüsse daraus zu ziehen. Zu Instagram und Twitter wurden etwa jeweils weniger als 100 Menschen befragt. Deshalb gehen wir auf diese Zahlen nicht näher ein.
  • Unabhängig von der Plattform ist aber zu beobachten, dass insbesondere Jüngere die Bindung zu bestimmten Medienmarken verlieren. Für gerade einmal 19 Prozent der 18-24-Jährigen ist der Direktzugriff über eine Webseite oder App der wichtigste Zugangsweg zu Online-Nachrichten. Mit 24 Prozent spielen soziale Medien in dieser Altersgruppe die größte Rolle.
  • In der Gesamtbevölkerung verteilt es sich anders: 36 Prozent greifen hauptsächlich direkt auf Medien zu, zwölf Prozent stoßen in erster Linie über Social Media darauf.

6. Digitaler Journalismus ist mobil

  • Zur großen Überraschung von exakt niemandem ist der Anteil der mobilen Nachrichtennutzung weiter gestiegen. Deutschland hängt der weltweiten Entwicklung hinterher, aber auch hierzulande nutzen mittlerweile 61 Prozent Smartphones, um Nachrichten zu konsumieren – und weniger als die Hälfte Laptops oder PCs.
  • Lediglich bei den Über-55-Jährigen sind die Werte gleich groß (jeweils 54 %), bei den Jüngeren fällt der Unterschied besonders groß aus (76 zu 42 %).
  • Tablets (21 %) und Smart-TVs (17 %) sind zumindest für eine signifikante Minderheit relevant. Smart Speaker bleiben für den Informationskonsum dagegen ein Nischenprodukt: Nur vier Prozent fordern Alexa, Siri oder Google auf, ihnen Nachrichten vorzutragen.
  • Unsere anekdotische Evidenz zeigt, dass die veränderten Nutzungsgewohnheiten immer noch nicht komplett in vielen Newsrooms angekommen sind. Zwar wissen alle Journalistïnnen, dass Nachrichten mobil konsumiert werden, doch sie produzieren weiter am Desktop – und denken deshalb oft zuerst an die Ansicht auf einem großen Monitor, vor dem sie sitzen, statt die mobile Version zuerst zu optimieren.

7. Fernsehen feiert zweiten Frühling, Print stirbt

  • Lineares Programm ist tot? Von wegen! Sieben von zehn Befragten in Deutschland schauen mindestens einmal pro Woche fern, um Nachrichten zu konsumieren. Für 44 Prozent ist TV sogar die wichtigste Nachrichtenquelle (2020: 42 %). Vor allem bei Jüngeren ist dieser Anteil stark gestiegen.
  • Das dürfte aber in erster Linie der Corona-Pandemie zuzuschreiben sein. Menschen verbringen deutlich mehr Zeit zu Hause, also steigt die Bedeutung des Fernsehers, der dort in den meisten Haushalten steht.
  • Ein anderes etabliertes Medium hat dagegen gar nicht profitiert: die gedruckte Zeitung. Nur noch ein Viertel liest regelmäßig Nachrichten auf Papier, bei den Jüngeren sind es gerade einmal zwölf Prozent. Auch in der Altersgruppe der 35-44-Jährigen beträgt der Anteil nur 15 Prozent. Lediglich in der Generation Ü55 nimmt noch mehr als ein Drittel mindestens einmal pro Woche eine Zeitung in die Hand.

8. Der Audio-Boom hat sich deutlich verlangsamt

  • Podcasts waren das Trend-Thema der vergangenen Jahre – und eine große Hoffnung für viele Verlage, neue Zielgruppen anzusprechen und Reichweite monetarisieren zu können. Die Einnahmen durch klassische Bannerwerbung sinken kontinuierlich, Audio-Inhalte bieten andere Möglichkeiten.
  • Das Wachstum hat sich im Corona-Jahr aber stark abgeschwächt. Ein Viertel der Befragten in Deutschland hört mindestens einen Podcast pro Monat, nur ein Prozentpunkt mehr als im Vorjahr. Menschen pendeln kaum noch, entsprechend bleibt weniger Zeit für Audio.
  • Die Werte hängen stark vom Alter ab: Mehr als die Hälfte der 18-24-Jährigen hört regelmäßig Podcasts, aber nur 14 Prozent der Über-55-Jährigen.
  • Im internationalen Vergleich spielen Podcasts in Deutschland eine geringe Rolle. In vielen Ländern hören mehr als ein Drittel der Befragten aller Altersgruppen regelmäßig Podcasts, in Irland sind es sogar 41 Prozent.
  • Spotify, Amazon und Google haben viel Geld in Podcasts investiert, und das scheint sich auszuzahlen. Einst dominierte Apple den Markt, davon ist nichts mehr übrig. In Deutschland nutzen nur noch acht Prozent Apple Podcasts, es dominieren Spotify (29 %) und YouTube (22 %). Auch die ARD Audiothek (15 %), Audible (10 %) und Google Podcasts (9 %) haben größere Marktanteile.
  • Wir glauben aber, dass man mit diesen Zahlen vorsichtig sein sollte. Der Anteil der Apple-Nutzerïnnen ist in Deutschland recht gering. Wer ein Android-Handy hat, nutzt zwangsläufig eine andere App.
  • Zudem vermuten wir, dass Menschen mit iPhones eher aktive Podcast-Hörerïnnen sind. Diese Gruppe gibt auch deutlich mehr Geld für Apps, digitale Inhalte und Journalismus aus als Android-Nutzerïnnen.
  • Um aussagekräftige Zahlen zu erhalten, müsste man die Nutzungsdauer der jeweiligen Plattformen vergleichen. Unsere These: Apple Podcasts liegt dann bei deutlich mehr als acht Prozent Marktanteil, YouTube, die ARD Audiothek und Google Podcasts verlieren.

9. Die Sorge vor Desinformation ist global sehr unterschiedlich verteilt

  • Wir haben schon knapp 20.000 Zeichen über den DNR geschrieben und bislang kein einziges Wort über Desinformation verloren. Das liegt daran, dass die Zahlen zu diesem Thema zumindest in Deutschland unspektakulär sind.
  • Im vergangenen Jahr wurde viel vor einer Infodemie im Zuge der Corona-Pandemie gewarnt. Das spiegelt sich in den Ergebnissen wider: 46 Prozent geben an, mit falschen oder irreführenden Informationen über das Coronavirus in Kontakt gekommen zu sein.
  • Insgesamt liegen die Zahlen aber ziemlich genau auf dem Niveau des Vorjahrs. Rund ein Drittel hat Bedenken, ob sie in der Lage sind, Falschmeldungen von Fakten zu unterscheiden. Jüngere trauen ihrer Nachrichtenkompetenz dabei eher als Ältere.
  • Global sieht es anders aus. In Brasilien liegt dieser Wert etwa bei 82 Prozent, auch in afrikanischen Ländern, Asien und Osteuropa machen sich viele Menschen Sorgen über Desinformation.
  • Das größte Misstrauen wird dabei meist Facebook entgegengebracht, insbesondere auf den Philippinen, in Großbritannien und den USA. Im Globalen Süden fürchten Menschen dagegen eher Messenger wie WhatsApp. In Brasilien, Indonesien, Indien und Nigeria sagt jeweils rund ein Drittel, dass sie darüber Covid-19-Falschmeldungen erhalten hätten.

10. Finanzierung bleibt ein Fragezeichen

  • Viele Zeitungen kämpfen ums Überleben, die Corona-Krise hat die Situation verschärft. Online wurden im vergangenen Jahr zwar Reichweiten-Rekorde erzielt und neue Digitalabonnentïnnen gewonnen, doch das kann die Verluste bei der gedruckten Auflage nur für wenige Verlage ausgleichen.
  • Für Menschen, die in der Medienbranche arbeiten, ist das keine Neuigkeit – für viele andere aber offenbar schon. Weltweit glaubt ein Fünftel der Befragten, dass Medien heute profitabler arbeiten als vor zehn Jahren. Mehr als ein Drittel gibt an, nichts darüber zu wissen.
  • In Deutschland sind nur 23 Prozent besorgt über die finanzielle Situation von Medien. Der Wert fällt bei Menschen, die sich stark für Nachrichten interessieren, genauso hoch aus wie bei Menschen mit geringem Interesse. Im Rest der Welt sieht das komplett anders aus. In den USA machen sich etwa vier von zehn Nachrichteninteressierten Sorgen, aber nur 14 Prozent der Befragten, die sich kaum um Nachrichten kümmern.
  • Die Differenz ist so krass, dass wir an der Aussagekraft der Zahlen zweifeln. Da bei dieser Frage jeweils nur eine Untergruppe des gesamten Panels relevant ist, fällt das Sample klein aus. In Deutschland zählen jeweils nur rund 600 Befragte zu den beiden Gruppen. Deshalb fällt die statistische Schwankungsbreite größer aus. (Das ist unsere Erklärung, nicht die der Forscherïnnen.)
  • In den USA und vor allem in Skandinavien sind digitale Abos weit verbreitet. In Norwegen zahlen etwa 45 Prozent der Befragten für Online-Medien.
  • In Deutschland bleibt der Anteil aber erschreckend gering. Nur neun Prozent haben im vergangenen Jahr Geld für Journalismus im Netz ausgegeben. Wenn überhaupt, schließen Menschen ein einziges Digitalabo ab, und das meist bei einer der bekannten Medienmarken. Diese Tendenz ist weltweit zu beobachten.
  • Rasmus Kleis Nielsen, der Leiter des Reuters-Institutes, beobachtet eine "Winner takes most"-Dynamik. Nur in wenigen Ländern leisten sich Menschen ein zweites Abo für ihre Heimatzeitung oder Nischeninteressen wie Sport. Stattdessen sacken die etablierten Verlage das Gros des Geldes ein.
  • Das sind schlechte Nachrichten für Lokal- und Regionalzeitungen, deren Print-Leserschaft ausstirbt. Wenn deutsche Verlage ein ähnliches Zeitungssterben wie in den USA verhindern wollen, müssen sie in den kommenden Jahren noch mehr in die digitale Transformation investieren. Vor allem brauchen sie exklusive, zielgruppengerechte Inhalte, für die Menschen Geld ausgeben wollen.
  • Ursprünglich wollte die Bundesregierung im laufenden Jahr 180 Millionen Euro investieren, um deutsche Medien zu unterstützen. Die geplante Presseförderung war aber umstritten, weil reine Digital-Angebote ausgenommen werden sollten. Wohl auch deshalb scheiterte das Vorhaben (Deutschlandfunk).
  • Diese Entscheidung dürften die meisten Befragten goutieren. Nur 21 Prozent sind der Meinung, dass die Regierung kommerzielle Nachrichtenmedien unterstützen sollte, die ohne Hilfe nicht genug Geld verdienen. Die Hälfte lehnt das ab.
  • Wenn wir die Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus anschauen, fühlen wir zwei Dinge: Sorge um die Zukunft der Branche und die Jobs vieler Kollegïnnen – und große Dankbarkeit, dass du und viele andere für das Watchblog bezahlen und es uns beiden ermöglichen, diesen Newsletter zu verschicken und davon zu leben. Danke!


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EU-Verfahren gegen Google | ZDF Sport verabschiedet sich von Facebook | Clubhouse arbeitet an Messaging-Funktion

Warum das EU-Verfahren gegen Google das ganze Netz verändern könnte

Was ist

Die EU-Kommission nimmt Googles Werbegeschäft ins Visier, ein Datenschutz-Aktivist klagt gegen das System, über das Online-Anzeigen in Echtzeit versteigert werden. Wir geben zu: Das klingt eher nach Gute-Nacht-Lektüre als nach Thriller. Aber wir versprechen: Das Thema ist wirklich spannend und könnte Auswirkungen haben, die weit über Google und das Hamburger Landesgericht hinausgehen, wo der Fall verhandelt wird.

Warum das wichtig ist

Online-Medien wird oft Clickbaiting unterstellt – das kann man dem Spiegel nun wirklich nicht vorwerfen: "EU startet noch ein Verfahren gegen Google" ist garantiert keine Überschrift, die allzu viele Menschen zum Klicken bringt. In dem Fall ist das schade, denn die "Untersuchung zu mutmaßlich wettbewerbswidrigen Verhaltensweisen von Google im Bereich der Online-Werbetechnologie", wie es die EU-Kommission ebenfalls eher langatmig ausdrückt, trifft Google dort, wo es am meisten zu verlieren hat.

Nach Google Shopping (2017), Android (2018) und AdSense (2019) befasst sich die EU nun mit Googles Kerngeschäft. Rund 147 Milliarden Dollar pro Jahr setzt der Konzern mit digitaler Werbung um. "Wir vermuten, dass Google es konkurrierenden Online-Werbediensten erschwert haben könnte, am Wettbewerb im Bereich der Werbetechnologie teilzunehmen", sagt Vize-Kommissionspräsidentin Margrethe Vestager. Wenn sich der Verdacht erhärtet, könnte es teuer werden.

Auch die zweite Spiegel-Überschrift ist etwas unterverkauft: "Ein Ire verklagt die Schaltstellen der Werbeindustrie". Zwar klagt nur Johnny Ryan, doch er ist mehr als ein renitenter Einzelkämpfer. Hinter Ryan steht das Irish Council for Civil Liberties (ICCL), das dieses Verfahren seit vielen Jahren vorbereitet hat. Falls die Klage Erfolg hat, könnte sich das System der Online-Werbung verändern. Adtech-Anbieter, Media-Agenturen und Verlage müssten umdenken – und natürlich auch Google, Facebook und Amazon, die größten Werbeverkäufer der Welt.

Was Google droht

Im Wesentlichen geht es um die Frage, ob Google Werbetreibende mit unfairen Methoden dazu nötigt, seine eigenen Adtech-Produkte und Dienste wie Google Ads zu nutzen. Unter anderem werden der Ad Manager, Ad Exchange und Google FLoC (#707, #728) untersucht. Es droht eine Strafe von bis zu zehn Prozent des jährlichen Umsatzes, also fast 20 Milliarden Dollar.

Für den Moment gehen wir nicht weiter ins Detail, das hat zwei Gründe:

  1. Wir möchten Ereignisse einordnen, nicht nur aufzählen und abbilden. Derzeit sprechen wir mit Menschen, die sich besser mit der Branche auskennen als wir und die Erfolgsaussichten und möglichen Konsequenzen der Kartellermittlungen abschätzen können. Sobald wir uns ein eigenes Urteil zutrauen, greifen wir das Thema noch mal auf.
  2. Solche Verfahren dauern meist Jahre. Die Untersuchung soll zwar "vorrangig behandelt" werden, dürfte sich aber trotzdem lange hinziehen. Es bleibt also noch reichlich Zeit für eine detailliertere Analyse.

Brüssel ist ohnehin nicht die einzige Front, an der sich Google verteidigen muss. In Ausgabe #691 fassten wir Kartellklagen zusammen, die US-Regierung und US-Bundesstaaten gegen Google eingereicht haben. Auch dabei geht es im Kern um Googles Anzeigengeschäft, allerdings mit Fokus auf die Suche (WSJ).

Im April wurde dann eine Sammelklage vor dem Bundesbezirksgericht in San José erhoben (Heise), bei der es ebenfalls um Programmatic Advertising und mutmaßlich missbräuchliche Weitergabe von Daten geht. Und es ist noch keinen Monat her, dass das Bundeskartellamt zwei Verfahren gegen Google einleitete. Die Einschläge kommen näher.

Warum Johnny Ryan klagt

Wir halten es ähnlich wie bei der EU-Untersuchung: fürs Erste nur das Grobe. Details und Hintergründe folgen, sobald wir genug Hintergrundgespräche geführt haben. Ryan und die Bürgerrechtler der ICCL stellen das "Real-Time Bidding"-System (RTB) infrage (ICCL), über das ein Großteil der Werbung automatisiert verkauft wird.

Dabei bieten Werbetreibende für Anzeigenflächen, über die sie Gruppen von Nutzerïnnen erreichen, die sich angeblich für die Werbung interessieren. Man ersteigert aber nicht die Schaltung auf einer bestimmten Webseite, sondern kauft den Kontakt zu einer bestimmten Zielgruppe. Im Hintergrund dieser Echtzeit-Marktplätze werkelt ein komplexes System aus etlichen Agenturen, Adtech-Anbietern und anderen Zwischenhändlern. Alle erhalten Provision – und sammeln Daten.

Ryan hält RTB für eine Gefahr für die Privatsphäre:

These secret dossiers about you – based on what you think is private – could prompt an algorithm to remove you from the shortlist for your dream job. A retailer might use the data to single you out for a higher price online. A political group might micro target you with personalised disinformation.

Die Klage richtet sich gegen das IAB Tech Lab, die Online-Werbebörse Xandr und die OnlineMarketing.de GmbH, der Streitwert ist im Gerichtsdokument (PDF) auf 10.000 Euro festgesetzt.

Tatsächlich geht es aber um viel mehr. Das ICCL hat selbst Daten erhoben und bringt interne Dokumente aus der Werbebranche in die Klage mit ein, die zeigen sollen, dass pro Tag Hunderte Milliarden Datenschutzverstöße begangen würden. Die wahren Adressaten sind bekannter als die Verklagten:

ICCL’s lawsuit takes aim at Google, Facebook, Amazon, Twitter, Verizon, AT&T, and the entire online advertising and tracking industry, by challenging industry rules.

Be smart

Die Werbebranche ist schwerfällig. Bevor Unternehmen und Media-Agenturen ihre Budgets umverteilen, muss einiges passieren. Wir haben nichts gegen Werbung – wohl aber gegen ein System, das Nutzerïnnen überwacht und ausspioniert, nur um angeblich passendere Anzeigen auszuspielen. Deshalb hoffen wir, dass die aktuellen Entwicklungen Anlass sind, um die übelsten Auswüchse programmatischer und verhaltensbasierter Werbung zu beenden.

Ob das aber wirklich geschieht, ist fraglich. Als wir uns Anfang des Jahres dem Thema ausführlicher widmeten (#693), zogen wir ein Fazit, das nach wie vor aktuell ist:

Wenn Werbetreibende realisieren, dass ein Teil ihrer Ausgaben auf leeren Versprechen beruht, dann könnte es ein mieses Jahr für Online-Werbung werden. Das galt allerdings auch schon in jedem der vergangenen Jahre.


ZDF Sport macht seine Facebook-Seite dich

  • Seit zwölf Jahren am Ball, mehr als 500.000 Fans: Das klingt nach einer erfolgreichen Facebook-Seite. Doch pünktlich zum Start der Fußball-EM setzte ZDF Sport seinen letzten Post ab: "Wir stellen die Berichterstattung auf unserer Facebook-Seite mit dem heutigen Tage ein."
  • Stattdessen will sich das ZDF mit seinem Sportprogramm auf Instagram, YouTube, Twitter, TikTok und die eigene Homepage konzentrieren.
  • Die Seite war deutlich größer als die anderen Kanäle. Deshalb ärgern sich nicht nur viele Nutzerïnnen, die in den Facebook-Kommentaren unter dem Post die Entscheidung kritisieren. Auch andere Journalistïnnen wie Tobias Kimmel, Teamleiter Social Media bei Das Erste, wundert sich (Twitter): "Entscheidender als die Frage, welche Plattform jünger ist und als angesagter gilt, ist doch, wo ich mit meiner Marke meine Zielgruppe erreiche, und das ist bei älteren Zielgruppen in der breiten Masse durchaus nach wie vor Facebook."
  • Der Fall erinnert zunächst an die Cooking-Community der New York Times, die im März geschlossen wurde, obwohl die Gruppe 77.000 Mitglieder hatte und ständig etwas los war.
  • Bei genauerem Hinsehen stellte sich aber heraus, dass es in der Gruppe kaum noch ums Kochen ging (Nieman Lab), sich die Diskussionskultur zunehmend verschlechterte und die Times schlicht das Interesse daran verloren hatte, weiter Ressourcen in die aufwändige Moderation der Diskussionen zu stecken (Twitter / Ben Smith).
  • Gregor Schmalzried drückte es damals so aus (Cool genug): "Für jeden, der mal Community Management gemacht hat, ist die Geschichte aber sofort einleuchtend: Viel zu viel Arbeit für zu wenig Ertrag."
  • Die Hintergründe sind beim ZDF weniger eindeutig. Natürlich hat auch ein öffentlich-rechtlicher Sender begrenzte Ressourcen – aber eben auch einen Programmauftrag, der lautet, möglichst viele Menschen mit qualitativ hochwertigen Inhalten zu erreichen. Und die sind, allen Abgesängen zum Trotz, nach wie vor auch auf Facebook zu finden.
  • 2014 sammelte die Facebook-Seite von ZDF Sport aufgrund eines Missverständnisses Hunderttausende arabische Fans (Welt). Womöglich sind aus dieser Zeit noch einige Karteileichen übrig, die die wahre Reichweite verzerren.
  • Trotzdem: Die Interaktionsraten waren nicht berauschend, aber auch nicht katastrophal schlecht. Viele Posts wurden tausendfach gelikt und Hunderte Male kommentiert und geteilt.
  • Wir haben deshalb Christian Hoffrichter gefragt, der die Online-Redaktion von ZDF Sport leitet. Hier ist seine leicht gekürzte Antwort:

Wir haben mit Beginn der Fußball-EM das "Sportstudio" zur neuen Dachmarke gemacht. Wir bündeln unsere Inhalte nun auf sportstudio.de. Im gleichen Schritt haben wir die Social-Media-Strategie angepasst und neben TikTok auch die Auftritte auf Twitter, Instagram und YouTube in @sportstudio umbenannt und uns von Facebook verabschiedet. Wir erreichen mit Twitter, Instagram und YouTube weiterhin eine breite Öffentlichkeit. Gleichzeitig ist es unser Anspruch, innovativ zu sein und möglichst neue Zielgruppen zu erreichen. Wir wollen mit unseren Social-Media-Kanälen die Reichweite unserer Marke und unserer Inhalte vergrößern. Wir möchten vor allem mit jenen Menschen in Kontakt kommen, die wir auf anderen Wegen (ZDFmediathek, TV) nicht so leicht erreichen, und diese für unsere Marke und unsere Inhalte begeistern. Um diese Menschen zu erreichen, müssen wir dort präsent sein, wo diese Zielgruppe sich aufhält.


Kampf gegen Desinformation

  • TikTok und Beauty-Tipps: Die New York Times berichtet über Ärzte, die sich Sorgen um TikTok-Beauty-Trends machen. Selektives Einschmieren mit Sonnencreme, das Trinken von Chlorophyll oder die Nutzung von zentimeterdicker Vaseline, um die Haut vor dem Austrocknen zu „schützen“, gehören noch zu den harmloseren Trends, die auf TikTok immer mal wieder die Runde machen.
  • Was darf Satire? Facebook kündigt an, die Gemeinschaftsstandards zu aktualisieren, um zu definieren, welche Inhalte die Grenzen zwischen Satire, Falschinformation und Hassrede überschreiten (Transparency Facebook). Zu bestimmen, was Satire ist und was nicht, ist für die freie Meinungsäußerung unerlässlich. Genau Facebook diese Entscheidung zu überlassen, ist #nichtlustig.

Audio Boom

  • Clubhouse arbeitet an Messaging-Funktion: Yes, it is what it is: Das nächste Feature, das bei Clubhouse eingeführt werden soll, ist eine Messaging-Funktion (The Verge). So kann man sich nach einer Session direkt auf der Plattform noch einmal connecten. Oder während einer Session über einen Redebeitrag echauffieren. As you like.
  • Facebook rollt Clubhouse-Konkurrenten in USA aus: Facebook macht ernst mit seinem Clubhouse-Konkurrenten „Live Audio Rooms“ (Facebook Newsroom). Personen des öffentlichen Lebens und ausgewählte Gruppen können das neue Social-Audio-Feature als erstes nutzen. Notiz an uns selbst: In einer der kommenden Ausgaben einmal die ganzen unterschiedlichen Social-Audio-Angebote miteinander vergleichen. Hier schon einmal ein Überblick:

  • Spotify kauft Podz: Die App Podz kann mittels Machine Learning anscheined so gut automatisiert Schlüsselmomente innerhalb einer Podcast-Episode ermitteln, dass Spotify jetzt zugeschlagen hat und das junge Team übernimmt (Newsroom Spotify). An sich geht es dabei vor allem um die Frage, wie Userïnnen neue Podcasts für sich entdecken können: allein bei Spotify gibt es 2,6 Millionen Podcasts. Ein bissl viel. Podz Highlight-Clips sollen bei der Discovery helfen.

Video Boom

  • TikTok goes TV: Um jenseits von digitalen Werbegeldern weiter zu wachsen, peilt ByteDance eine stärkere Verzahnung von TikTok und TV (Protocol) an. Künftig könnten deine Kids also TikTok auf dem Smart TV laufen haben, während sie auf ihrem Second (First?!) Screen das Reaction-TikTok aufnehmen.

Follow the money

  • ByteDance um die 400 Milliarden Dollar wert: TikToks Mutterkonzern hat seinen Mitarbeiterïnnen (und der Presse) dargelegt, wie stark sie im vergangen Jahr gewachsen sind – um unfassbare 100 Prozent (The Information). Damit kommt das Unternehmen auf eine Bewertung von rund 400 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Facebooks Marktbewertung liegt bei 950 Milliarden Dollar.
  • TikTok kann jetzt auch Mini-Apps: Analog zu Snapchats Mini-Apps holt TikTok das sogenannte "Jump"-Programm aus der Testphase heraus. Das Feature ermöglicht es, innerhalb von Videos auf Rezepte, Lernkarten, Workouts und mehr zu verlinken. Im Moment erhalten nur einige wenige ausgewählte Partner Zugang zum Feature. Künftig soll „Jump“ aber allen zur Verfügung stehen und zahlreiche HTML-5-Anwendungen innerhalb von TikTok ermöglichen – quasi Apps innerhalb der App.
  • Reels jetzt weltweit mit Werbung: Es ist, wie es immer ist: Die Plattformen erfinden ein neues Format, geben ausgewählten Nutzerïnnen frühzeitig einen Zugang, erzeugen ein bissl Fomo, gewähren dann allen Zugang, geben vielen viel Reichweite, geben einigen viel Reichweite, gewöhnen alle an das neue Format, führen Werbung ein (Techcrunch), spielen immer mehr Werbung aus, Nutzerïnnen sind genervt und ziehen weiter. Bei Instagram Reels sind wir gerade beim vorvorletzen Schritt.
  • Livestreaming FTW! Das TikTok-Power-Geschwister-Duo Charli und Dixie D'Amelio zeigt einmal mehr, wie es läuft: Den Start ihrer zweiten Kollektion feierten sie mit einem TikTok-Livestream-Event, bei dem Fans die Klamotten direkt in Echtzeit wegshoppen konnten (Hollister). Zudem gab es Tanzeinlagen und Sketche von anderen TikTok-Creatorn wie Avani Gregg, Madi Monroe und Curtis Newbill. Last but not least frohlockte Dixie mit einem Teaser für ihren kommenden Song "The Real Thing". Wowsi. Was in China schon Gang und Gäbe ist (100 Millionen Shopping-Livestream-Viewer pro Monat, 400 Milliaden Dollar Umsatz in Sachen E-Commerce für 2022 prognostiziert), geht jetzt auch in den USA langsam los: 138.000 Userïnnen schalteten sich bei Charli und Dixie in der Spitze gleichzeitig ein.

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

– Tweets bei Instagram Stories teilen: Bekanntlich ist es ziemlich beliebt, Tweets bei Instagram zu teilen. Da das nativ nicht funktioniert, sind bei Insta hunderttausende Screenshots von Tweets zu finden. Twitter selbst hat daraus eine Tugend gemacht und bespielt die eigene Instagram-Seite sogar ausschließlich mit Tweets. Nun aber gibt es die Option, Tweets direkt in Instagram Stories zu teilen. Immerhin.


Header-Foto von Mercedes Mehling bei Unsplash


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Zukunft der Cookies: Sind Googles FLoC gefloppt?

Was ist

In den vergangenen Wochen haben sich eine Menge Tech-Schwergewichte gegen Googles Federated Learning of Cohorts (FLoC) positioniert. Das gefährdet Googles ambitionierten Versuch, Cookies von Drittanbietern aus dem Browser zu verbannen.

Warum das wichtig ist

Third Party Cookies, Browser Fingerprinting, Privacy Sandbox: Auf den ersten Blick klingt das alles sehr technisch. Doch wir sprechen über eine Branche, die Hunderte Milliarden Dollar pro Jahr umsetzt. Online-Werbung ist nicht nur die Grundlage für den Siegeszug von Facebook und Google, sondern ermöglicht viele kostenlose Angebote und finanziert Journalismus.

Warum FLoC Work in Progress ist

Wir haben FLoC in Briefing #707 ausführlich erklärt. Damals endeten wir mit einem vorsichtig optimistischen Fazit:

Wir glauben, dass die Abkehr von Drittanbieter-Cookies richtig ist und helfen kann, allzu aggressives Tracking deutlich einzuschränken. (…) Vor diesem Hintergrund halten wir Googles Entscheidung für überfällig. Ob FLoC aber die beste Lösung ist, daran gibt es zumindest Zweifel. Um uns ein abschließendes Urteil zu bilden, müssen wir noch weitere Gespräche mit Expertïnnen führen, die sich besser auskennen als wir.

Diese Gespräche haben wir mittlerweile geführt, ein Teil davon sind in diesen Bericht und diesen Kommentar (jeweils SZ) eingeflossen. Die Kurzfassung: Der Ansatz ist richtig, die Umsetzung hat Schwächen. Im aktuellen Entwurfsstadium könnte FLoC sogar die Privatsphäre von vielen Menschen weiter erodieren lassen (Restore Privacy), statt sie zu schützen – von dem Risiko, dass Google seine Dominanz weiter ausbaut, erst gar nicht zu reden.

Entscheidend ist das Wort Entwurfsstadium: Google will FLoC gemeinsam mit dem World Wide Web Consortium (WC3) entwickeln. Es ist ausgeschlossen, dass das Konzept in der aktuellen Form Realität wird. Das gibt auch Google selbst zu und sagt offen, dass man Feedback einholt, um FLoC zu verbessern.

Deshalb werden wir vorerst nicht weiter in die technischen Details einsteigen, weil sich das Rad in ein paar Monaten vermutlich eh zweimal weitergedreht hat. Vielmehr fassen wir zusammen, wer FLoC aus welchen Gründen und Motiven ablehnt.

Warum FLoC einen schweren Stand haben

Bereits im Frühjahr meldeten sich die "üblichen Verdächtigen" zu Wort. NGOs und Bürgerrechtsaktivistïnnen protestierten, Bennett Cyphers von der EFF nannte FLoC "a terrible idea", Cory Doctorow legte später nach (EFF):

The only sense in which "pro-privacy" and "competition" are in tension is the twisted sense implied by FLoC, where "pro-privacy" means "only one company gets to track you and present who you are to others."

So weit, so erwartbar. Seitdem ist der Widerstand gewaltig gewachsen. Außer Google selbst hat sich bislang kaum jemand hinter das Projekt gestellt, fast alle Browser-Hersteller und Konkurrenten sind skeptisch:

  • Amazon blockiert FLoC auf fast allen seinen Webseiten (Digiday). Dabei geht es weniger um Privatsphäre, sondern um Konkurrenz. Amazon fürchtet, dass FLoC dem eigenen Werbegeschäft schaden könnte. Der Konzern ist nach Google und Facebook der drittgrößte Anzeigenverkäufer und hat einiges zu verlieren.
  • Mozilla hat ausführliche "Technical Comments on FLoC Privacy" (PDF) veröffentlicht und in einem etwas leichter verständlichen Blogeintrag zusammengefasst. FLoC könnte etwa Browser Fingerprinting vereinfachen, Werbetreibenden sogar mehr Daten geben und Nutzerïnnen leichter identifizierbar machen. Mozilla hält das Konzept aber nicht per se für schlecht, sondern hat konkrete Verbesserungsvorschläge, mit denen sich FLoC "retten" ließe.
  • Die meisten großen Browser, die nicht Chrome heißen, blockieren bereits Third-Party-Cookies, darunter Mozillas Firefox und Apples Safari. Microsoft Edge, Brave und Vivaldi werden jedenfalls nicht auf FLoC setzen. Die Browser-Hersteller wollen die Technik nicht implementieren (Bleeping Computer).
  • Microsofts Widerstand geht noch weiter: GitHub, das Microsoft 2018 für 7,5 Milliarden Dollar übernahm, blockiert FLoC auf seiner Webseite.
  • Mit WordPress hat Google auch noch das größte Content-Management-System gegen sich. Man will FLoC wie ein Sicherheitsrisiko behandeln (WordPress-log) und die dafür benötigten HTTP-Header wegfiltern – was gut 40 Prozent aller Webseiten betrifft.

Be smart

Der Widerstand gegen Google zeigt, dass selbst die digitalen Gorillas verwundbar sind. Es ist nicht das erste Mal, dass sich ein ambitioniertes Projekt, das Potenzial hätte, das Netz grundlegend zu verändern, ganz anders entwickelt als gedacht: Auch Googles Accelerated Mobile Pages (AMP), die zum schnellen und schlanken Standard für mobile Webseiten werden sollten, sind auf dem Rückzug (t3n).

Ganz wehrlos ist der Nicht-GAFA-Teil des Webs zum Glück noch nicht – wobei man sagen muss, dass Google mit Amazon und Microsoft mächtige Gegenspieler hat. Wenn das Silicon Valley an einem Strang zieht, ist der Rest der Welt wohl doch hilflos. Und auch ein Konzern allein kann viele Entscheidungen durchdrücken, wenn er die Kontrolle über das Ökosystem hat. Schließlich schrieben wir in der vergangenen Ausgabe (#727) noch über Apples Privacy-Pläne:

Es wird immer schwerer, auf einer von Apples Plattformen Geld zu verdienen, wenn man keine Abos verkauft. Apple drängt App-Entwicklerïnnen und Kreative, sich von Werbung zu verabschieden, die Menschen gezielt anspricht. Ein mächtiges Unternehmen entscheidet, was gut für seine Nutzerïnnen ist – das mag im Ergebnis richtig sein, aber der Prozess wirft Fragen auf.


Deutschland vs. Telegram: Jetzt greift das NetzDG

Was ist

Das Bundesjustizministerium (BMJV) will Telegram schärfer regulieren. Das Bundesamt für Justiz (BfJ), das dem Justizministerium untersteht, hat zwei Bußgeldverfahren gegen Telegram eingeleitet (Spiegel) und Anhörungsschreiben nach Dubai geschickt, wo der Messenger angeblich seinen Firmensitz hat.

Warum das wichtig ist

Im Laufe des vergangenen Jahres hat sich Telegram zur wichtigsten Plattform für Querdenker, Verschwörungsideologïnnen und QAnon-Gläubige entwickelt, hinzu kommen offen rechtsradikale Akteure. Sie erreichen über ihre Kanäle Hunderttausende Menschen (SZ). Der Hass bleibt nicht im Netz, sondern schwappt auf die Straße über und dient als Brandbeschleuniger für Radikalisierung (SZ). Das geschieht nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt (Rest of World).

Telegram hat bislang meist tatenlos zugeschaut. Der Messenger ist für Medien, Behörden und Ermittlerïnnen kaum bis gar nicht zu erreichen. Man kann darüber streiten, ob Telegram Lügen löschen sollte – die sind schließlich nicht verboten. Doch es geht nicht nur um Inhalte im Graubereich, sondern um eindeutige strafbare Posts, die stehen bleiben. Es ist überfällig, dass das BMJV tätig wird.

Warum die Behörden jetzt handeln

Lange Zeit war unklar, ob Telegram unter das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) fällt. BMJV und BfJ äußerten sich auf mehrfache Anfragen ausweichend. Das NetzDG schließt "Plattformen zur Individualkommunikation", sprich Messenger, eigentlich aus. Doch Telegram gleicht mit seinen Gruppen und öffentlichen Kanälen längst einem sozialen Netzwerk.

Das hat offenbar auch das zuständige Ministerium erkannt. Jetzt geht man davon aus, dass mehr als zwei Millionen Menschen Telegrams Kanäle nutzen. Ab diesem Schwellenwert greift das NetzDG. "Keine Plattform, die millionenfach in der EU genutzt wird, darf sich unserer Rechtsordnung entziehen", sagte SPD-Justizministerin Christine Lambrecht.

Was Telegram droht … "droht"

In der Theorie könnte ein Bußgeld von bis zu 55 Millionen Euro verhängt werden. Das ist für ein Unternehmen wie Telegram nicht nur relativ wenig; es ist auch zweifelhaft, dass Telegram zahlt. Die zentralen Vorwürfe lauten, dass Telegram keine Beschwerdemöglichkeit für strafbare Inhalte biete und ein Ansprechpartner mit deutscher Adresse fehle.

Der zweite Punkt macht uns skeptisch: Wird Telegram wirklich auf ein Anhörungsschreiben reagieren, das als sogenannte diplomatische Verbalnote durch die deutsche Botschaft an das Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate übermittelt wurde? Der Spiegel versuchte kürzlich, Telegram in den Kazim Towers in Dubai ausfindig zu machen:

Sechs Türen gehen von einem Flur mit Marmorboden ab. Die braune Tür mit der Nummer 2301 gehört zum Telegram-Büro. Weder Schild noch Klingel weisen auf den Mieter hin, mehrmaliges Klopfen bleibt ohne Reaktion, die Tür ist abgeschlossen. Unten an der Rezeption sagt die Empfangsdame, sie habe in den drei Jahren, in denen sie hier arbeite, noch nie jemanden gesehen, der in das Büro gegangen sei. "Es ist sehr seltsam, wir haben nicht einmal einen Kontakt von denen. Nichts." Immerhin, im System sei Telegram registriert.

Ermittlerïnnen haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder an Telegram gewandt, um Daten zu Accounts anzufordern, über die Straftaten begangen werden. Sie bekommen keine Antworten auf ihre Anfragen. Telegram schreibt dazu:

To this day, we have disclosed 0 bytes of user data to third parties, including governments.

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, man wolle erst mal abwarten, ob und was Telegram antworte. Wir glauben, dass Deutschland da lange warten kann, und wünschen viel Geduld.

Wer hinter Telegram steckt

Die drei Spiegel-Kollegïnnen, auf deren Recherche die aktuellen News beruhen, haben Pawel Durow zwar nicht getroffen oder gesprochen. Sie haben aber eine der besten Annäherungen an den Telegram-Gründer veröffentlicht, die wir bislang gelesen haben.

Durow vertritt extremen Libertarismus und will, dass sich Staaten aus allem heraushalten. Für uns ist das befremdlich, wir halten Telegrams Umgang mit illegalen Inhalten für ignorant. Man muss Durow aber zugutehalten, dass er seine Überzeugungen immerhin konsequent vertritt und auch nicht davor zurückschreckt, sich mit autoritären Regimen anzulegen. Deshalb hat sich Telegram etwa in Belarus und Hongkong zu einem wichtigen Kommunikationswerkzeug demokratischer Bewegungen entwickelt.

Der Text steht hinter einer Paywall, deshalb möchten wir ihn an dieser Stelle nicht komplett zusammenfassen. Unserer Meinung lohnt es sich, dafür ein (Probe-)Abo abzuschließen oder den Artikel per Einmalkauf über Blendle zu lesen.

Alternativ empfehlen wir ein Porträt, das Niklas Wirminghaus vor drei Jahren schrieb, das aber nach wie vor lesenswert ist. Capital hat den Text am 11. Juni erneut veröffentlicht, tatsächlich stammt er aber aus dem Jahr 2018.

Be smart

Seit vergangener Woche ist der Telegram-Kanal von Attila Hildmann auf Android- und iOS-Geräten blockiert. Was dahintersteckt, ist unklar. Anfangs wurde spekuliert, dass Apple und Google dahinterstecken könnten. Das hat Google aber dementiert, Apple verweist nur auf seine Richtlinie für den App Store.

Miro Dittrich vom Thinktank "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" geht davon aus, dass tatsächlich Telegram selbst gehandelt hat (Deutschlandfunk). Das liegt aber ziemlich sicher nicht an den aktuellen Verfahren des BMJV. Vielmehr dürften Apple und Google direkt Druck auf Telegram ausgeübt haben.


Kampf gegen Desinformation

  • Deepfakes besser erkennen: Facebook hat in Kooperation mit der Michigan State University eine Methode entwickelt, um Deepfakes besser erkennen zu können (Facebook Newsroom) – und zwar via Reverse Engineering.

Follow the money

  • Werbung im VR-Headset: Ehrlich gesagt hatten wir darüber noch gar nicht nachgedacht, aber es war ja eigentlich klar, dass es so kommen würde: Facebook testet die ersten Anzeigen in den hauseigenen Oculus VR-Brillen (CNBC). Immersive Werbung – OMG!
  • Shopify öffnet sich: Die E-Commerce-Plattform Shopify hat angekündigt, dass der hauseigene One-Click-Checkout-Service mit dem Namen Shop Pay bald für alle US-Händler verfügbar sein wird, die auf Facebook oder Google verkaufen – und zwar auch dann, wenn sie nicht die Software von Shopify für ihre Online-Shops verwenden.
  • TikTok Hauptsponsor der VidCon: TikTok macht nicht nur bei der EM 2020 (sic!) auf sich aufmerksam, sondern auch beim wichtigsten Events der Webvideo-Szene: das chinesische Unternehmen ist Hauptsponsor der diesjährigen VidCon (Variety) in Anaheim. Bislang war das eigentlich immer YouTube…
  • Einschränkungen für Anzeigen im YouTube-Masthead: In Briefing #621 berichteten wir von Trumps Werbe-Coup bei der US-Wahl 2020: Trump hatte sich den wohl begehrtesten Werbeplatz der Welt für die Tage vor der US-Wahl gesichert hat: den Masthead bei YouTube. Der Clou daran: Während sämtliche Werbeplätze auf YouTube personalisiert ausgespielt werden, ist der Masthead-Anzeigenplatz fix. Jeder sieht die gleiche Anzeige auf YouTubes-Startseite ganz oben. Immer. Genau auf diesem Werbeplatz gibt es künftig Einschränkungen hinsichtlich der Frage, welche Anzeigen dort geschaltet werden können: Verboten sind künftig Anzeigen für Politik, Alkohol, Online-Kasinos und Medikamente (Support Google).

Audio Boom


Creator Economy

  • Streamer Fan-Gruppen bei Facebook: Gaming Creator, die bei Facebook im offiziellen Partner-Programm sind, können nun spezielle Streamer Fan-Gruppen aufsetzen (Facebook Newsroom). Das Besondere: Fans können über die Gruppen mit anderen Fans zocken, sie können sich in speziellen Chats zu bestimmten Themen austauschen und Streamer können die Gruppen nutzen, um ihren Fans mitzuteilen, dass sie live gehen. Der Launch ist quasi Facebooks Antwort auf den anhaltenden Erfolg von Discord bei Gamern.
  • Twitch für Musikerïnnen: Die New York Times hat einen spannenden Artikel zur Bedeutung von Twich für Musikerïnnen veröffentlicht. Hatte Twitch vor der Pandemie vor allem für Gamer Relevanz, ist die Plattform heute auch für Musikerïnnen ein wichtiges Instrument – no pun intended.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

Twitter


Header-Foto von Stavrialena Gontzou bei Unsplash


Wie die USA Big Tech zähmen wollen | Wie Apples Privacy-Pläne Newsletter und das Netz verändern | Gaming bei TikTok und Facebook

Wie die USA Big Tech zähmen wollen

Was ist

Am vergangenen Freitag haben 13 Mitglieder des Repräsentantenhauses fünf Gesetzentwürfe eingebracht, mit denen sie die Macht der vier großen Tech-Konzerne Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA) brechen wollen.

Warum das wichtig ist

Demokraten und Republikaner haben in den USA wenig gemeinsam. Doch in einer Sache sind sie sich einig: Big Tech muss gezähmt werden. Die große Frage ist das Wie, und das scheint sich nun allmählich abzuzeichnen.

In den aktuellen Gesetzesinitiativen kulminieren etliche Antitrust-Anhörungen (Protocol) und eine 16-monatige Ermittlung des Kongresses, deren Ergebnis im vergangenen Oktober vorgelegt wurde (NYT).

Die fünf Entwürfe haben es in sich. Sollten sie Gesetz werden, hätte das Konsequenzen für das Silicon Valley, den Plattformkapitalismus und das ganze World Wide Web.

Casey Newton drückt es so aus (Platformer):

They would trigger the most significant changes to the internet since at least the passage of Section 230 of the Communications Decency Act.

Alex Kantrowitz schreibt in seinem Newsletter (Big Technology):

The draft bills, which Big Technology obtained in full, contain just about everything Big Tech’s detractors have hoped for on the antitrust front. (…) But even if only a portion of what’s written gets passed, the tech giants will lose several advantages they’ve exploited in recent years.

Yes, but

Der Konjunktiv ist entscheidend: Es ist nahezu ausgeschlossen, dass alle fünf Gesetzentwürfe umgesetzt werden. Wenn überhaupt, dann dürfte ein Teil davon Realität werden – und auch das nur mit Änderungen, wie es im Laufe des Gesetzgebungsprozesses üblich ist. Zu uneins sind die beiden politischen Parteien über die Details der Regulierung, zu mächtig sind die GAFA-Lobbyisten, die in den kommenden Monaten alle ihr Geld und ihren Einfluss in den Ring werfen dürften, um die Umsetzung zu verhindern oder zumindest zu verwässern.

Deshalb verzichten wir vorerst darauf, die fünf Entwürfe im Einzelnen vorzustellen und zu analysieren. Vielmehr skizzieren wir kurz die möglichen Auswirkungen und verweisen für die Details auf die oben verlinkten Einschätzungen der Beat-Reporter Newton und Kantrowitz, den Bericht von Neah Nylen (Politico) und die Analyse von Shirin Ghaffary and Sara Morrison (Vox).

Was die Gesetzentwürfe bewirken könnten

Vier der fünf Anträge fokussieren sich auf GAFA. Die Namen der Unternehmen werden zwar nicht genannt, aber die Definition (mindestens 600 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung, 50 Millionen MAUs, "kritischer Handelspartner") schließt andere Konzerne aus. Wenn alle Anträge umgesetzt werden, bliebe im Big-Tech-Netz kaum ein Bit auf dem anderen – so sähe das regulierte Web aus:

  • Dominante Konzerne dürfen eigene Dienste nicht mehr über denen von Konkurrenten anzeigen. Das betrifft insbesondere Google (Maps oder Shopping in der Suche), Amazon (eigene Marken in der Produktsuche) und Apple (eigene Apps im App Store).
  • Verboten wird auch, anderen Unternehmen nur dann Zugang zur eigenen Plattform zu bieten, wenn sie bestimmte Infrastruktur nutzen. Zwei Beispiele: Amazon zeigt Marketplace-Händler bevorzugt an, wenn sie Amazons eigene Zahlungsabwicklung und Logistik nutzen. Apple sperrt Apps aus dem App Store aus, wenn sie versuchen, ein eigenes System für In-App-Käufe anzubieten, das Apple 30-Prozent-Provision umgeht.
  • Wenn große Unternehmen Rivalen aufkaufen wollen, sind sie in der Nachweispflicht, dass sie damit den Wettbewerb nicht behindern.
  • Nutzerïnnen erhalten das Recht, mit allen ihren Daten die Plattform wechseln zu können. Unternehmen müssen also die vollständige Portabilität aller Daten gewährleisten. Das geht noch weiter als die Regulierung im Mobilfunksektor, wo man auch mit seiner Handynummer zu einem anderen Anbieter wechseln kann.
  • Das US-Justizministerium (DOJ) und die US-Handelskommission (FTC) können Konzerne mit dem Ziel verklagen, sie zu zerschlagen. Das greift etwa, wenn Plattformen weitere Geschäfte anbieten, aus denen Interessenkonflikte erstehen. Google müsste um YouTube bangen, und Amazon liefe Gefahr, seine eigenen Produkte nicht mehr anbieten zu dürfen oder sie auf einem separaten Marktplatz verkaufen zu müssen.
  • DOJ und FTC erhalten deutlich mehr Geld. Das Budget der beiden zentralen Antitrust-Institutionen ist knapp bemessen und gerade im Vergleich zum Umsatz der Konzerne, gegen die sie ermitteln, geradezu lächerlich (Big Technology). Von allen Vorschlägen dürfte dieser die besten Chancen haben, ohne Änderungen umgesetzt zu werden.

Be smart

Die fünf Gesetzentwürfe setzen eine Entwicklung fort, die schon länger anhält: Regierungen auf der ganzen Welt wollen das schier unaufhaltsame Wachstum von Big Tech zügeln. In der EU gibt es das Paket aus Digital Services Act und Digital Markets Act, eine Art Grundgesetz für das Plattform-Zeitalter. In den USA laufen mehrere Kartellklagen gegen Facebook (#689) und Google (#691).

Donald Trump spielte zwar vier Jahre lang das Rumpelstilzchen und kündigte schonungslose Regulierung an, es blieben aber leere Worte. Sein Nachfolger tritt weniger forsch auf, dürfte aber die größere Bedrohung für die Allmacht des Silicon Valley darstellen (#682). Joe Biden hat mit Tim Wu, Amy Klobuchar und Lina Khan den Antitrust-Alptraum der Tech-Konzerne um sich geschart (#709).

Khan, die künftig für die FTC arbeiten soll, könnte die oft zahnlose Behörde in eine echte Bedrohung verwandeln (Protocol):

Giving Khan a vote on the five-member commission, particularly when it's looking into the very company whose practices she has most criticized, has struck opponents of tech power as the beginning of the end in what they see as the commission's long deference to industry.


Wie Apples Privacy-Pläne Newsletter und das Netz verändern

Was ist

Auf der Entwicklerkonferenz WWDC hat Apple mehrere neue Initiativen vorgestellt (Apple-Newsroom), die sich allesamt um Transparenz und Privatsphäre drehen: Mail Privacy Protection (MPP), App Privacy Reports, Hide My Email und Private Relay. Auf einer Folie der Präsentation stand: "Hides your IP address, Hides your location, Hides if you open emails". Anupam Chugh beschreibt die Reaktion so (The Big Tech):

With just twelve words, Apple managed to freak the hell out of every email marketer and newsletter publisher.

Anders ausgedrückt: Nach den Privacy Nutrition Labels (Apple), dem "App Tracking Transparency"-Framework (#691) und dem Konflikt mit Facebook (#703) legt Apple die nächsten Funktionen nach, die Daten besser schützen, aber gleichzeitig viele werbebasierte Geschäftsmodelle bedrohen.

Wir konzentrieren uns auf MPP, das Auswirkungen auf den Newsletter-Boom haben könnte, über den wir in unserem Briefing oft geschrieben haben – und von dem wir auch selbst profitieren.

Was MPP für Empfängerïnnen ändert

Die Kurzfassung: Apple killt die Tracking-Pixel. Die meisten E-Mails enthalten ein transparentes Pixel, der misst, ob die Nachricht geöffnet wurde. Von iOS 15 an, das im Herbst erwartet wird, zeigt Apple Mail auf iPhones, iPads und macOS-Geräten ein Pop-up an. Nutzerïnnen werden vor die Wahl gestellt: "Protect Mail activity" oder "Don't protect Mail activity".

Mit einem ähnlichen Pop-up müssen Apps neuerdings fragen, ob sie Nutzerïnnen tracken dürfen. 96 Prozent lehnen das ab. Die Entscheidung dürfte bei MPP ähnlich ausfallen. Nur ein Bruchteil der Menschen wird die Tracking-Pixel freiwillig laden lassen.

Was MPP für Absenderïnnen ändert

Die Ermittlung der Öffnungsrate ist alles andere als exakt, weil insbesondere datenschutzbewusste Nutzerïnnen Tracking mit anderen Methoden verhindern, manche Mail-Clients die Pixel standardmäßig blockieren und andere fälschlicherweise signalisieren, dass die Nachricht geöffnet wurde, weil sie im Hintergrund alle Bilder herunterladen. Trotzdem ist die Öffnungsrate eine wichtige Metrik für viele Newsletter.

Apple Mail hat insbesondere in den USA einen riesigen Marktanteil (Litmus). In Europa sind Android und Windows weiter verbreitet, doch wenn fast alle Apple-Geräte das Tracking verhindern, macht das die Erhebung zuverlässiger Statistiken fast unmöglich.

Für Creator, die einen kostenpflichtigen Newsletter anbieten, ist das zu verschmerzen. Wir erklären das am Beispiel des Watchblogs: Wir ermitteln zwar die Öffnungsrate, um gegenzusteuern, wenn sie sinkt. Dann haben wir ja offenbar irgendwas falsch gemacht. Oder unsere E-Mails kommen womöglich nicht an. Für uns ist die Öffnungsrate aber keine entscheidende Zahl. Wir schalten nur ganz selten kleine Textanzeigen, und für Klicks erheben wir bewusst keine Statistiken.

Bei werbefinanzierten Newslettern sieht das anders aus. Deren Absenderïnnen müssen Anzeigen verkaufen, und dafür ist die Öffnungsrate eines der wichtigsten Argumente. Werbetreibende wollen schließlich wissen, wie viele Menschen sie erreichen. Auch Verlage, die Newsletter etwa als Instrument einsetzen, um Abos zu generieren, arbeiten oft stark zahlenbasiert. Sie wollen den Erfolg ihrer Maßnahmen messen und bessere Kampagnen entwickeln.

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, Werbung zu verkaufen. Casey Newton hat etwa mit Alex Kantrowitz gesprochen (Platformer), der einen Newsletter schreibt, in dem er Werbung schaltet:

Kantrowitz told me that his ad inventory was sold out for the first half of the year, thanks to a premium audience he identified not by pixel-based tracking but by a good old-fashioned reader survey: "Pixel blocking makes placements like this more valuable and gives quality email newsletters a leg up on the junk clogging most people’s inboxes."

Vor diesem Hintergrund können wir die Warnung von Joshua Benton, dessen Analysen wir sonst sehr schätzen, nicht ganz nachvollziehen. Seinen größtenteils informativen und lesenswerten Überblick aller neuen Privacy-Features, die Apple angekündigt hat, beendet er so (Nieman Lab):

But this is another sign that Apple’s war against targeted advertising isn’t just about screwing Facebook — they’re also coming for your Substack.

Be smart

Wir sind hin- und hergerissen. Einerseits muss man Apple loben: Was der Konzern in Sachen Datenschutz und Privatsphäre macht, kommt Hunderten Millionen Menschen zugute. Das sind keine Lippenbekenntnisse, sondern Maßnahmen, die wirklich etwas verändern. Tracking wird nicht mal per se verboten, vielmehr bekommen Nutzerïnnen eine Wahl. Das ist gut so.

Andererseits verstehen wir die Bedenken von Creators und Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle bedroht sehen. Es wird immer schwerer, auf einer von Apples Plattformen Geld zu verdienen, wenn man keine Abos verkauft. Apple drängt App-Entwicklerïnnen und Kreative, sich von Werbung zu verabschieden, die Menschen gezielt anspricht. Ein mächtiges Unternehmen entscheidet, was gut für seine Nutzerïnnen ist – das mag im Ergebnis richtig sein, aber der Prozess wirft Fragen auf (OneZero):

With Apple controlling so much of the modern internet’s destiny, why should we let the company single-handedly decide what’s allowed, and what isn’t? Unfortunately, the reality today is that with hundreds of millions of people using iOS, and default apps, Apple can change the course of an industry with a single toggle in an update.

Der größte Profiteur ist Apple selbst. Der Konzern vermarktet seine Privacy-Kampagnen geschickt und kann sich den Datenschutz leisten. Im Vergleich zu Google und Facebook ist Apples Anzeigengeschäft zu vernachlässigen, personalisierte Werbung spielt bislang kaum eine Rolle. Und je stärker Apple das Sammeln von Daten einschränkt, desto mehr Unternehmen müssen auf Abo-Modelle wechseln – an denen Apple in vielen Fällen mitverdient, weil im App Store Provision anfällt.

Nicht alle Menschen können oder wollen es sich leisten, für Apps, Inhalte und Produkte in Geld zu bezahlen. Nach wie vor ist der Großteil des Webs werbefinanziert. Natürlich kann man auch Anzeigen schalten, ohne Daten zu sammeln, aber die Werbebranche ist schwerfällig. Die meisten Agenturen und Adtech-Anbieter setzen auf verhaltensbasierte, personalisierte Werbung. Wenn diese Werbeformen schneller aussterben, als die Bereitschaft entsteht, kontextbasierte Anzeigen zu schalten, wird parallel ein Teil der Vielfalt im Netz sterben.


Politik und Social Media

  • Wahlkampf auf TikTok: Der digitale Wahlkampf steht vor der Tür. Klar, dass TikTok mit zunehmender Popularität auch für die Politik immer stärker an Bedeutung gewinnt. Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik der Technischen Universität München, erklärt im Gespräch mit Breitband, was die politische Auseinandersetzung auf TikTok auszeichnet und weswegen sich die Plattform prima für politische Botschaften kapern lässt: extreme Verkürzung und Challenges sind wesentliche Elemente der App.
  • Influencerïnnen und ihr Einfluss auf die politische Meinung von Jugendlichen: Drüben beim geschätzten Kollegen Martin Fuchs erfahren wir, dass Influencerïnnen durchaus einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung und Wahlentscheidung von Jugendlichen nehmen, diese jedoch eher „als eine Vertiefung der eigenen Meinung zu sehen und je nach persönlichen Prädispositionen verschieden ausgeprägt ist“. So jedenfalls lautet das Fazit von Luisa Muth, die sich im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit mit dem Einfluss von Influencerïnnen auf die politische Meinung von Jugendlichen beschäftigt hat.

Kampf gegen Desinformationen

  • Facebook AI kann Schrift in Bildern erkennen und imitieren: Ein AI-Forschungsprojekt mit dem Namen TextStyleBrush kann jetzt das Aussehen von Schrift in Bildern imitieren (Facebook Newsroom). Was sich nach einem wunderbaren Werkzeug zur Erstellung von Desinformationen anhört, soll das Gegenteil bewirken:

We hope this work will continue to lower barriers to photorealistic translation, creative self-expression, and the study of deepfake text attacks.


Follow the money

  • Sauteure Werbung: Wer die Startseite von TikTok übernehmen möchte, muss mittlerweile tief in die Tasche greifen. Bloomberg schreibt, dass die Übernahme der Homepage im dritten Quartal 1,4 Millionen und im vierten Quartal 1,8 Millionen Dollar kosten wird – pro Tag versteht sich!
  • Gärtnern mit TikTok: Menschen dazu zu verleiten, am Handy zu daddeln, ist ja bekanntlich ein bewährtes Instrument, um mehr von ihrem „Aufmerksamkeitsbudget“ abzubekommen. Kein Wunder, dass Games auch bei TikTok künftig eine stärkere Rolle (FT) spielen sollen. Den Auftakt macht das Unternehmen mit einer eine Art Farmville
  • Facebook will mit Ego-Shootern verdienen : Nach dem Kauf von Downpour Interactive, bekannt für das Spiel Onward, schlägt Facebook erneut zu und kauft den VR-Shooter-Spieleentwickler BigBox VR (Techcrunch), bekannt für POPULATION: ONE. Der Grund: POPULATION: ONE und Onward gehören zu den umsatzstärksten Anbietern von Facebooks Standalone-VR-Headset Oculus Quest. Da möchte Facebook das Geld doch künftig lieber direkt selbst einstreichen.
  • Pinterest will mehr Nutzer dazu bringen, auf "Kaufen" zu klicken: Das Unternehmen hat dafür eine neue Einkaufslisten-Funktion (Digiday) lanciert, die automatisch gespeicherte Produkt-Pins für einen einfacheren Zugriff organisiert.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Visual Search: Instagram arbeitet daran, eine Bildersuche anzubieten (@alex193a). So ließen sich beispielsweise Produkte finden, die denen ähneln, die auf einem bestimmten Post zu sehen sind.

Facebook

  • Reels jetzt auch im Facebook Feed: Um die Erstellung von Reels attraktiver zu machen, verschafft Facebook Reels jetzt mit einem einfachen Kniff mehr Reichweite – künftig können einem Reels auch im News Feed begegnen. (@griggdigital)

Giphy


One more thing

Ja, wir wissen, dass das nicht repräsentativ ist, aaaaaaaaaaber:


Header-Foto von canweallgo bei Unsplash


Autokraten auf Facebook: Trump ist noch das kleinste Problem | TikTok-Verbot in USA vom Tisch | Facebook bastelt an Smartwatch

Autokraten auf Facebook: Trump ist noch das kleinste Problem

Was ist

Nach einigem Hin und Her mit dem Oversight Board hat Facebook das Konto von Donald Trump für zwei Jahre gesperrt (Facebook-Newsroom). Gleichzeitig treten neue Regeln für den Umgang mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Kraft (Facebook Transparency Center), was unter anderem Regierungschefïnnen und andere hochrangige Politikerïnnen betrifft. Wir ordnen beide Entscheidungen ein und erklären, warum die Causa Trump nicht von grundsätzlichen Problemen ablenken sollte.

Warum das wichtig ist

Jair Bolsonaro, Rodrigo Duterte, Narendro Modi, Baschar al-Assad: Autokraten, Populisten und Diktatoren auf der ganzen Welt nutzen die Reichweite, die ihnen Facebook bietet. Zum Teil verbreiten sie Lügen und Gerüchte, schüren Hass auf ihre politischen Kontrahenten und spalten die Gesellschaft. Facebook hat diesen Politikern lange Zeit fast alles durchgehen lassen, weil Mark Zuckerberg die Rolle des "arbiter of truth" ablehnt – mit teils fatalen Konsequenzen.

Bei der Entscheidung, welche Inhalte eine Plattform wie Facebook duldet, geht es nicht um Freedom of Speech, sondern um Freedom of Reach. Sagen können diese Personen weiter alles, was sie wollen, und ihnen stehen Dutzende Medien und Kanäle zur Verfügung, um damit viele Menschen zu erreichen. Die Frage ist, ob Facebook ein digitales Mikrofon hinhalten muss, um die Botschaft weiterzuverbreiten, nur weil ein Staatschef gern noch mehr Aufmerksamkeit möchte.

Was der Entscheidung vorausging

In Briefing #721 haben wir die gesamte Vorgeschichte aufgedröselt und die Entscheidung des Oversight Boards analysiert. Das hatte Anfang Mai die Sperre von Trumps Account grundsätzlich gebilligt. Die Mitglieder des Gremiums ließen es Facebook aber nicht durchgehen, Trump für unbestimmte Zeit zu blockieren. Er müsse entweder dauerhaft verbannt oder für einen klar definierten Zeitraum gesperrt werden.

Zudem gab das Board Facebook knapp ein Dutzend Policy-Empfehlungen mit auf den Weg. Im Gegensatz zur Trump-Entscheidung sind diese aber nicht bindend. Facebook solle seine "newsworthiness"-Ausnahme genauer erklären, wonach Posts bestimmter Accounts online bleiben dürfen, wenn sie von öffentlichem Interesse sind, obwohl sie gegen die Community-Standards verstoßen. Das Gleiche gilt für Fälle, in denen Facebook einflussreiche Konten vorübergehend sperrt. Es müsse öffentlich dargelegt werden, auf welcher Grundlage und welchen Verstößen die Sperre beruhe.

Was Facebook entschieden hat

Das Board räumte Facebook eine Frist von sechs Monaten ein, die Facebook aber nicht ausgereizt hat. Nach einem Monat ist die Reaktion erfolgt, die wir in zwei Teilen betrachten: der Einzelfall Trump und der generelle Umgang mit Menschen wie Trump.

1. Trump bleibt für mindestens zwei Jahre gesperrt

  • Der ehemalige US-Präsident erhält seinen Account frühestens am 7. Januar 2023 zurück, also genau zwei Jahre nach dem Rauswurf.
  • Das geschieht aber nicht automatisch. Vielmehr wird Facebook prüfen, ob Trump dann ein geringeres Risiko für die öffentliche Sicherheit darstellt.
  • Dafür will Facebook Expertïnnen konsultieren und externe Faktoren mit einbeziehen, etwa Gewaltausbrüche, Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und andere Indikatoren, die auf mögliche zivile Unruhen hindeuten.
  • Falls sich die Situation bis dahin nicht beruhigt hat, wird die Sperre ausgeweitet und zu einem späteren Zeitpunkt erneut überprüft.
  • Wenn Trump irgendwann wieder posten darf, soll ein striktes Sanktionssystem gelten. Falls er erneut gegen Facebooks Richtlinien verstößt, droht ihm ein dauerhafter Bann.

2. Facebook schafft den Freifahrtschein für Politikerïnnen ab

  • Die Trump-Entscheidung hat die Schlagzeilen geschrieben, doch Facebooks Reaktion auf die Policy-Empfehlungen des Oversight Boards dürfte langfristig wichtiger sein.
  • Zusätzlich zum neuen Eintrag "Public figures and civil unrest" im Transparency-Center hat Facebook seine Maßnahmen in einem 20-seitigen PDF-Dokument ausgeführt.
  • Die zentrale Botschaft: Wenn Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gegen Facebooks Regeln verstoßen, sodass zivile Unruhe oder Gewalt droht, wird Facebook das Konto für einen Zeitraum zwischen einem Monat und zwei Jahren sperren.
  • Dazu zählen Regierungsmitglieder, Kandidatïnnen für Regierungsämter, Menschen mit mehr als einer Million Follower oder Personen, die "substanzielle mediale Berichterstattung" erhalten.
  • Nach dem Ablauf der Sperre folgt das gleiche Prozedere wie bei Trump. Facebook prüft, ob das Risiko geringer geworden ist, und entscheidet dann, ob die Blockade verlängert oder aufgehoben wird. Wer einmal gesperrt wurde, läuft bei einem erneuten Verstoß Gefahr, seinen Account für immer zu verlieren.
  • Die Gefahr, die durch einen Post entstehen könnte, soll nun in jedem Einzelfall gegen das öffentliche Interesse abgewogen werden. Es gibt aber keine generelle "newsworthiness"-Ausnahme für bestimmte Accounts mehr.

Was die Entscheidungen bedeuten

  • Die Sperre von Trump hat die erwartbaren Reaktionen ausgelöst (Axios): Linke und Liberale werfen Facebook Feigheit vor, Rechte und Konservative jammern über vermeintliche Zensur.
  • Facebook kann es niemandem recht machen. Tatsächlich gibt es jenseits des Lamentos der Republikaner auch ernst zu nehmende Argumente, warum private Unternehmen nicht allein über das Schicksal gewählter Präsidenten entscheiden sollten.
  • Allerdings ist es nicht Facebooks Schuld, dass es bislang keine demokratisch legitimierten Prozesse gibt, um solche Fälle vor ein unabhängiges Gremium oder Gericht zu bringen. Vor diesem Hintergrund erscheinen uns die zwei Jahre als annehmbarer Kompromiss.
  • Angesichts der Reaktion von Trump auf die erneute Sperre, der die Wahl darin mal wieder als "manipuliert" bezeichnete, dürfte Facebook ihn wohl ohnehin noch länger blockieren. Wir können uns kaum vorstellen, dass Trump in den kommenden anderthalb Jahren aufhört, Lügen und Verschwörungserzählungen zu verbreiten.
  • Spannender ist die Umsetzung der Policy-Empfehlungen. Einerseits stellt der neue Umgang mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einen signifikanten Wandel dar (Platformer). Es war überfällig, dass hochrangige Politikerïnnen nicht mehr automatisch qua ihres Amtes eine Vorzugsbehandlung erhalten.
  • Facebook erkennt endlich an, dass Menschen mit großer Reichweite auch ein ungleich größeres Risiko darstellen als normale Nutzerïnnen: "Public figures often have broader influence across our platforms; therefore, they may pose a greater risk of harm when they violate our policies."
  • Trotzdem gibt es gute Gründe, Facebooks Maßnahmen kritisch zu sehen. Die besten und ausführlichsten liefert wie gewohnt die Harvard-Forscherin Evelyn Douek (Lawfare).
  • Ihre gesamte Analyse zusammenzufassen, würde den Rahmen dieses Briefings sprengen. Deshalb sprechen wir eine warme Leseempfehlung aus und greifen nur einige Argumente heraus.
  • Facebook selbst sagt, dass es 15 der 19 Empfehlungen voll umgesetzt habe. Das ist sehr großzügig. Dazu zählt Facebook teils Selbstverständlichkeiten, etwa dass es seine AI-Tools verbessern will, um potenziell gefährliche Inhalte zu erkennen. Es gibt aber keine Frist oder Metriken, um die Effektivität zu beurteilen.
  • Das ist nur eines von vielen Beispielen. Das Board hat oft konkrete Empfehlungen ausgesprochen. Facebook reagiert mit vagen und unverbindlichen Selbstverpflichtungen.
  • Auch die zentrale Änderung, die Abkehr von der generellen "newsworthiness"-Ausnahme, ist nur die Minimallösung. Alles andere hätte in krassem Widerspruch zur Entscheidung des Oversight Boards gestanden und das Gremium de facto entwertet.
  • Eine andere, mindestens genauso wichtige Ausnahme bleibt bestehen: Behauptungen von Politikerïnnen sind nach wie vor von Faktenchecks ausgenommen (Facebook Help Center). Sie dürfen Unsinn verbreiten, ohne dass ihre Lügen als solche gekennzeichnet werden.
  • Als Facebook den Fall ans Oversight Board verwies, sagte das Unternehmen, dass es keinen einzigen von Trumps Posts aufgrund von "newsworthiness" bevorzugt behandelt und deshalb nicht gelöscht habe. Nun heißt es, man habe doch zwei solcher Fälle entdeckt.
  • Facebook scheint also selbst nicht genau zu wissen, wie relevant die Ausnahme bei der Entscheidung wirklich ist. Folglich ist auch nicht sicher, ob es einen großen Unterschied macht, die Ausnahme abzuschaffen. Viele Prozesse bleiben intransparent, und man weiß nie genau, warum Facebook wie entscheidet.
  • Eine Blackbox bleiben auch die "cross checks" von "high profile accounts". Grundsätzlich ist es sinnvoll, dass Inhalte reichweitenstarker Accounts von mehr als einem Paar Augen geprüft werden, bevor Facebook sie sperrt.
  • Doch die Erklärung im Transparency-Center ist alles andere als transparent. Es ist unklar, wer genau einen zweiten Blick darauf wirft und nach welchen Kriterien entschieden wird.
  • Wenn wir uns dann noch daran erinnern, dass in der Vergangenheit mehrfach Lobbyisten wie Joel Kaplan, die eine klare politische Agenda besitzen, Facebooks Policy-Entscheidung beeinflusst oder revidiert haben, dann wünschen wir uns mehr Klarheit über Facebooks interne Prozesse.
  • Das Board hatte Facebook aufgefordert, seine Rolle beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar aufzuarbeiten (#701). Darauf ist Facebook nicht eingegangen.
  • Es verweist lediglich auf die Zusammenarbeit mit unabhängigen Forscherïnnen und sagt, dass "die Verantwortung für die Ereignisse bei den Auführerïnnen und ihren Unterstützerïnnen" liege. Angesichts der Bedeutung, die Facebook für die Organisation des Putschversuchs spielte, ist das arg dünn.

Be smart

Die gute Nachricht: Deplatforming wirkt. Trump hat sein Blog nach weniger als einem Monat eingestellt (Washington Post), weil sich kaum jemand dafür interessiert hat. Selbst Prominente brauchen große Plattformen, sonst verlieren sie Reichweite.

Die schlechte Nachricht: Content-Moderation bleibt, vorsichtig ausgedrückt, verdammt kompliziert. Und je öfter Plattformen eingreifen, desto argwöhnischer werden viele Regierungen. Weltweit bereiten Staaten Gesetze vor (Politico), die Politikerïnnen nahezu bedingungslose Redefreiheit garantieren sollen.

Nigeria hat einfach mal alle Internetanbieter verpflichtet, den Zugang zu Twitter zu sperren (Guardian), nachdem ein Tweet des Präsidenten gelöscht wurde. Kaum weniger absurd mutet ein Gesetzentwurf in Florida an (Ars Technica). Der republikanische Gouverneur Ron DeSantis will "Zensur" verhindern, indem er Einwohnerïnnen die Möglichkeit gibt, Tech-Konzerne zu verklagen, die Politikerïnnen verbannen.

Es gibt eine Ausnahme: Das Gesetz gilt nicht für Unternehmen, die in Florida "einen Freizeitpark oder Entertainment-Komplex besitzen und unterhalten". Diese lachhafte Disney-Regel ist nicht der einzige Grund, warum Facebook, Twitter, Amazon, Google und andere Konzerne Klage eingereicht haben (Ars Technica).

Social Media und Politik

  • Bundestag genehmigt Staatstrojaner für alle: Wir werden uns dieses Thema in den kommenden Tagen ausführlicher anschauen. Für heute verweisen wir auf die Berichterstattung der Kollegïnnen Beuth (SPIEGEL) und Meister (netzpolitik).
  • TikTok-Verbot: Die Biden-Administration hat das von Präsident Trump verhängte Verbot der chinesischen Apps TikTok und WeChat wieder rückgängig gemacht (Tagesschau). Das bedeutet jedoch nicht, dass eine Untersuchung darüber, wie die Apps mit Nutzerdaten umgehen, komplett abgehakt ist. Biden hat beantragt, dass alle Apps von ausländischen Unternehmen untersucht und ihre Sicherheitsrisiken bewertet werden sollen – also TikTok und WeChat inklusive.
  • Telegram geht gegen Hildmann vor: Das Profil des selbsternannten „Verschwörungspredigers“ ist auf der Plattform kaum noch zu finden (Deutschlandfunk). Genaueres weiß man aber noch nicht. Etwas nebulös das Ganze. Aber das passt ja. Zu Hildmann und zum Messenger.

Creator Ecocomy

  • Mo money Pt.1: Facebook und Instagram führen eine Reihe neuer Features (Instagram Newsroom) ein, damit Creator auf den Plattformen Geld verdienen können – darunter ein „native affiliate tool“, die Option, einen Extra-Shop für Merchandise anzubieten und sogenannte Stars Challenges.
  • Mo money Pt.2: Apple hat angekündigt, dass die neuen In-App-Podcast-Abos zum 15. Juni global ausgerollt werden (The Verge). Hui, das wird spannend!

Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Facebook bastelt an Smartwatch: Nächsten Sommer möchte Facebook eine Smartwatch auf den Markt bringen (The Verge). Das Besondere an dem Gerät: Die Uhr soll mit zwei Kameras ausgestattet sein – eine auf der Vorderseite für Video-Calls, eine auf der Rückseite zum Fotografieren. Well, eine Uhr von Facebook mit zwei Kameras – what in the world could possibly go wrong?!
  • TikTok und Schönheitsfilter: Das MIT Technology Review berichtet, dass TikTok bei einigen Nutzerïnnen in den USA das Aussehen in den Videos verändert hätte, obwohl die Userïnnen gar keinen Filter für ihre Videos verwenden wollten. Wie es zu dieser „erzwungenen Verschönerung“ gekommen ist, konnte oder wollte TikTok bislang nicht erklären.
  • Apple auf ungewöhntem Terrain: Apple hat eine ganze Menge neuer Features für iMessage und FaceTime (CNBC) angekündigt – etwa die Option, gemeinsam mit Freunden einen Film zu schauen. Das Unternehmen wildert damit stark in den Bereichen, in denen ansonsten eher Facebook und Co unterwegs waren. Das dürfte den Groll von Zuckerberg auf Cook nicht gerade minimieren.

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Subscribe-Button: Alle, die via Revue einen Newsletter verschicken, können demnächst in ihrem Twitter-Profil darauf hinweisen – Subscribe-Button inklusive (Mashable).

Reddit

One more thing

Wie Instagram funktioniert: In einer neuen Artikel-Serie möchte Instagram-Boss Mosseri erklären, wie die Video/Foto/Shopping/Meme/Livestream-Plattform funktioniert. Es geht in den Artikeln u.a. darum, was eigentlich dieser Algorithmus ist, wie Feed-Posts und Stories geranked werden und wie Inhalte bei Explore landen. Vieles davon ist Power-Userïnnen sicherlich bereits bekannt. Einen so umfassenden Überblick darüber, wie Insta funktioniert, gab es bislang von Instagram selbst aber nicht.


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Warum wir (noch) nicht an Twitter Blue glauben | Politische Werbung bei TikTok | Facebooks neues Newsletter-Tool

Warum wir (noch) nicht an Twitter Blue glauben

Was ist

Nach vielen Gerüchten und Leaks hat Twitter sein erstes kostenpflichtiges Produkt lanciert. Twitter Blue startet zunächst nur in Australien und Kanada, kostet drei Dollar pro Monat und bringt eine Reihe mehr oder weniger nützlicher Zusatzfunktionen mit (Twitter-Blog). Wir erklären, warum uns das Angebot noch nicht überzeugt – und wie Twitter das ändern könnte.

Warum das wichtig ist

Twitter Blue ist ein spannendes Experiment. Als erste größere Social-Media-Plattform versucht Twitter, Nutzerïnnen zu überzeugen, regelmäßig zu bezahlen. WhatsApp hat einst einen symbolischen Dollar pro Jahr verlangt, Google bietet YouTube Premium an – aber die WhatsApp-Jahresgebühr wurde nie ernsthaft eingezogen, und ein Abo für Inhalte und Werbefreiheit, wie es auch Spotify und Netflix anbieten, lässt sich nicht mit Twitter vergleichen.

Auch Facebook dachte schon 2012 über ein kostenpflichtiges Abo-Modell nach (The Information) und ließ immer wieder Umfragen durchführen (Bloomberg), ob Menschen bereit wären, für Werbefreiheit Geld zu zahlen. Twitter Blue dürfte ein Testlauf sein, den das halbe Silicon Valley ganz genau beobachtet.

Was Twitter Blue beinhaltet

Zum aktuellen Zeitpunkt lockt Twitter mit vier Vorteilen, die wir hier vorstellen und kurz einordnen.

1. Undo Tweet

  • Der Elefant im Raum: Nein, es ist kein Edit-Button. Twitter hält daran fest, dass sich Tweets nicht nachträglich bearbeiten lassen sollen.
  • Vielmehr baut Twitter eine kurze Bedenkzeit ein. Wer einen Tweet abschickt, startet einen 30-sekündigen Countdown, bevor der Post veröffentlicht wird. In dieser Zeit kann man noch eingreifen.
  • Eine ähnliche Verzögerung bieten viele Mailprogramme. Das hat aber nichts damit zu tun, Nachrichten oder Tweets zurückzuholen – sie werden einfach nur später abgeschickt.
  • Mag sein, dass die Bedenkzeit hilft, den einen oder anderen Typo zu finden. Oft fallen einem die Fehler aber eben nicht beim Lesen kurz nach dem Schreiben auf, sondern ein paar Minuten oder Stunden später.
  • Undo Tweet ist definitiv keine Funktion, für die wir Geld zahlen würden. Letztendlich ist es nicht mal eine echte Funktion, sondern nur eine künstliche Verzögerung. Mit ein bisschen Selbstdisziplin könnte man sich auch selbst dazu bringen, eine halbe Minute aufmerksam zu lesen, bevor man den Tweet abschickt.

2. Reader Mode

  • Threads sind super. Kluge Menschen schreiben kluge Dinge, die nicht in 280 Zeichen passen.
  • Threads sind lästig. Wer will schon lange Texte in 27 Portiönchen lesen? (Und warum schreiben diese klugen Menschen nicht einfach Blogeinträge? Oder Newsletter? Es gibt dafür doch so viel schönere Plattformen als Twitter.)
  • Dieses Problem hat auch Twitter erkannt. Der Lesemodus verwandelt Threads in etwas weniger zerstückelte Texteinheiten.
  • Es gibt aber zwei Nachteile. Erstens verschwinden damit auch die Retweet- und Like-Buttons, sodass man mit einzelnen Tweets nicht mehr interagieren kann.
  • Zweitens gibt es bereits die Thread Reader App (Twitter), die genau das macht, wofür Twitter jetzt Geld sehen will. Klar, das ist ein Schritt mehr – aber man muss schon sehr viele Threads lesen, um dafür zu bezahlen.

3. Bookmark Folders

  • Man muss Tweets nicht liken, um sie für später zu speichern. Man kann sie bookmarken. Wusstest du schon? Stimmt, die Funktion gibt es seit 2018.
  • Uns war das zwar in der Theorie bekannt, genutzt haben wir Bookmarks aber nie. Bei uns landen Tweets in Pinboard und werden von dort aus in unseren Slack-Channel und zu anderen Plattformen weiter verteilt.
  • Offenbar gibt es aber Menschen, denen die Funktion das Leben oder zumindest die Recherche erleichtert. Denen bietet Twitter jetzt die Möglichkeit, gespeicherte Tweets in Unterordnern zu sortieren.
  • Joshua Benton schreibt beim Nieman Lab: "This is the feature that’ll earn my $3 a month."
  • Vielleicht müssen wir uns also näher damit beschäftigen. Bislang wären die Bookmark Folder für uns aber kein triftiger Abo-Grund.

4. Optische Goodies und Premium-Support

  • Wer für Twitter Blue bezahlt, erhält ein paar zusätzliche Icons für den Homescreen des iPhones, neue Farboptionen für die App und Zugang zum "dedicated subscription customer support".
  • Wir sind mit dem normalen Icon und dem dunklen Theme recht zufrieden und haben da wenig Bedarf. Als Einmalzahlung wären optische Spielereien noch vermittelbar, aber nicht als Abo.
  • Interessanter ist da schon die Vorzugsbehandlung, die darin besteht, dass Probleme mit dem Account schneller gelöst werden sollen (The Verge). Ausdrücklich davon ausgenommen sind aber alle Fälle von Abuse oder Harassment Reports.
  • Trotzdem könnte es für Menschen, die Twitter beruflich nutzen, praktisch sein, weniger lang warten zu müssen, falls das Konto versehentlich gesperrt wird. Das ist uns in den vergangenen zehn Jahren aber nie passiert, deshalb fehlt uns die Motivation, eine Art prophylaktische Risikoversicherung abzuschließen.

Was Twitter Blue besser machen könnte

Es war schwer zu überlesen: Wir sind eher skeptisch. Das ist aber nicht nur unsere Privatmeinung, sondern deckt sich mit der Einschätzung der meisten Journalistïnnen, die über Twitter Blue geschrieben haben. Auch die Analystïnnen an der Wall Street reagierten unbeeindruckt: Auf den Kurs der Twitter-Aktie hatte die Ankündigung kaum einen Einfluss (The Information).

Wir wollen aber nicht nur meckern, sondern ein paar Ideen anreißen, wie ein Abo-Modell aussehen könnte, für das wir bezahlen würden. Das ist natürlich subjektiv, aber da sich Twitter Blue an Poweruser wie uns richtet, gehen wir davon aus, dass andere potenzielle Abonnentïnnen ähnliche Bedürfnisse haben. Unsere Vorschläge:

  • Ein echter Edit-Button: Ja, wir wissen, dass Jack Dorsey das mehrfach ausgeschlossen hat. Und er hat natürlich recht: Eingebettete oder zitierte Tweets, die sich nachträglich ändern, könnten üble Folgen haben. Aber man könnte Veränderungen ja transparent machen oder eine Archiv- und eine Live-Ansicht einführen, um richtig referenzieren zu können. Und es wäre sooo praktisch.
  • Early Access: Twitter testet gern neue Funktionen. Wir probieren gern Dinge aus, die uns Aufschlüsse darüber geben, wie sich Plattformen verändern. Gebt uns eine Option, an allen Alpha- und Beta-Test teilzunehmen, ohne zufällig im richtigen Land zu leben oder das richtige Gerät zu besitzen.
  • Werbefreiheit: Mit drei Dollar wäre es sicher nicht getan, aber sieben Dollar für ein Twitter, das nicht nur keine Anzeigen schaltet, sondern auch weniger Daten sammelt? Klingt für uns nach einem fairen Deal. Wir zahlen auch gern für YouTube Premium.
  • Mobiles TweetDeck: Am Desktop ist TweetDeck unser Go-to-Client. Keine Werbung, mehr Spalten, what's not to love? Fürs Smartphone fehlt aber eine echte Alternative, da Twitter den Entwicklerïnnen den Zugriff auf bestimmte APIs abgedreht hat. Eine App für Poweruser mit besseren Filtern, brauchbarer Suche und Timeline-Sync mit dem Desktop würde eine Marktlücke füllen.
  • Bessere Listen: Twitter hat der Listenfunktion seit Jahren kaum Beachtung geschenkt. Dabei hätte sie großes Potenzial, wenn sie einfacher zugänglich wäre und besser in das Produkt integriert würde. Für Poweruser, die Twitter gezielt zu Recherche nutzen, wäre das nützlich.
  • Gezieltes Muten: Wenn jemand nervt, hat man drei Möglichkeiten: Blocken, Muten oder Entfolgen. Es fehlt die Option, eine Person für einen bestimmten Zeitraum stummzuschalten. Wer schon mal mit Live-Tweets von einer Konferenz oder einer anderen Veranstaltung überflutet wurde, weiß, was wir meinen.
  • Aussagekräftige Analytics: Im Vergleich zu Business-Accounts bei Facebook oder Instagram sind die Insights bei Twitter ausbaufähig. Das ist zugegebenermaßen kein Feature, das uns persönlich fehlt, aber wer seine Reichweite gezielt vergrößern will, dürfte an besseren Auswertungen über neue Follower, Unfollows und die erfolgreichsten Tweets interessiert sein.
  • NUZZEL!!!: Der Mai begann mit einer traurigen Nachricht: Twitter kauft Scroll und Nuzzel auf (Twitter / Tony Haile) – und stellt den Dienst ein. Einen Monat später sind wir immer noch nicht über den Verlust hinweg. Erst im Januar stellten wir Nuzzel als unseren Tipp der Woche vor. Jetzt wünschen wir uns sehnlichst, dass Twitter die Funktionen integriert und meinetwegen auch Geld dafür verlangt. Wir würden sofort zahlen.

Warum Twitter mit Abos experimentiert

Kostenloskultur? Pah! Das halbe Netz will einem Musik, Filme, Journalismus, Apps, Videokonferenzen, Office-Software oder digitale Dienste andrehen. Mal als Einmalkauf, immer öfter aber gegen regelmäßige Zahlungen. Im vergangenen November erklärten wir, wie auch Google, der größte Anzeigenverkäufer der Welt, zu einem Aboverkäufer wird (#684). Seit Anfang Juni verlangt Google nun Geld für Speicherplatz bei Google Fotos (SZ) und versucht, möglichst vielen Menschen ein Google-One-Abo schmackhaft zu machen.

Gleichzeitig geraten rein werbefinanzierte Geschäftsmodelle unter Druck. Apple schränkt mit iOS 14.5 das Tracking ein, auch Google geht mit Android und Chrome zumindest Trippelschritte in diese Richtung. Noch immer lassen sich Dutzende Milliarden damit verdienen, Daten zu sammeln und das Versprechen zu verkaufen, angeblich hochgradig personalisierte Anzeigen zu schalten. Die Werbegiganten sitzen auf gewaltigen First-Party-Datenschätzen, doch Twitter kann in dieser Hinsicht nicht mit Google oder Facebook mithalten.

Da ist es nachvollziehbar, dass auch Twitter ein paar Krümel des Subscription-Streuselkuchens abhaben will. Vor knapp einem Jahr sagte Dorsey beim Earnings Call (CNN), dass Twitter nach Möglichkeiten suche, sich unabhängiger von den Werbeerlösen zu machen – die bei Twitter im Vergleich zu den anderen Plattformen ohnehin deutlich kleiner ausfallen:

I have a really high bar for when we would ask consumers to pay for aspects of Twitter.(…) We want to make sure any new line of revenue is complementary to our advertising business. We do think there is a world where subscription is complementary, where commerce is complementary, where helping people manage paywalls … we think is complementary.

Damals kündigte Dorsey auch ein ambitioniertes Ziel an: Der Umsatz soll sich von 3,7 Milliarden Dollar im Jahr 2020 binnen drei Jahren verdoppeln. Um 2023 7,5 Milliarden Dollar umzusetzen, braucht Twitter also neue Einnahmequellen. Bislang nimmt Twitter rund 4,30 Dollar pro User pro Quartal ein (CNBC). Ein Abo für drei Dollar pro Monat könnte den Umsatz ankurbeln, selbst wenn es nur ein Bruchteil der Nutzerïnnen abschließt.

Warum Twitter Blue wohl nur der Anfang ist

Nur in Australien und Kanada, ausschließlich für iOS-Nutzerïnnen: Twitter Blue ist eindeutig in einer Testphase. Das stellt Twitter auch selbst klar:

Starting today, we will be rolling out our first iteration of Twitter Blue in Australia and Canada. Our hope with this initial phase is to gain a deeper understanding of what will make your Twitter experience more customized, more expressive, and generally speaking more 🔥.

Das Produkt richtet sich eindeutig an Poweruser, also jene rund zehn Prozent, die zumindest in den USA mehr als 90 Prozent aller Tweets absetzen (Pew Research Center). Twitter möchte herausfinden, was diese besonders aktiven Nutzerïnnen brauchen und wofür sie bereit wären zu bezahlen.

Auch wenn uns die bisherigen Funktionen nicht vom Hocker reißen, freuen wir uns, dass Twitter experimentiert. Und falls jemand von Twitter mitliest: Da oben stehen ein paar Ideen, könnt ihr gratis haben, nichts zu danken.

Be smart

Neben Twitter Blue schraubt Twitter an weiteren Monetarisierungs-Möglichkeiten. In Briefing #704 stellten wir Super Follows vor, mit denen einzelne Nutzerïnnen ihre Tweets zu Paid Content erklären können: Man muss zahlen, um zu lesen.

Dieses Programm könnte bald starten. Jane Manchun Wong, deren Leaks meist sehr akkurat sind, hat jedenfalls ein paar Details und Anforderungen veröffentlicht (The Verge): mindestens 10.000 Follower, mindestens 25 Tweets in den vergangenen 30 Tagen, nur für Volljährige. Während Twitter bei seiner Tipping-Funktion (bislang) nichts einstreicht, dürfte bei den Super Follows eine Provision fällig werden.


Social Media & Politik

  • Facebook und Donald Trump: Donald Trumps Facebook-Konto bleibt bis 2023 gesperrt. Hier (Facebook Newsroom) erklärt Facebooks Nick Clegg die Entscheidung, hier gibt es eine lesenswerte Einschätzung (Substack) von Charlie Warzel zum Thema. Unser Take folgt am Freitag.
  • Facebook und „harmful speech“: Bislang waren Politikerïnnen von einer besonderen Richtlinie bei Facebook ausgenommen: Sie konnten im Vergleich zu regulären Nutzerïnnen sehr wohl Dinge von sich geben, die bei anderen als „harmful speech“ ausgelegt worden wäre. Dieser Sonderstatus wird nun gekippt (CNBC).
  • Facebook und Gruppen: Gruppen sind für Facebook von enormer Bedeutung. Damit Gruppen ordentlich wachsen, hatte sich das Unternehmen bei Gruppen mit Blick auf Content-Moderation und Co weitesgehend rausgehalten. Das ist so nicht länger darstellbar. Daher drückt Facebook jetzt ein wenig auf die Bremse und erlässt neue Regeln (Facebook Newsroom). Zum einen werden keine Gruppen mehr empfohlen, die wiederholt gegen Community-Standards verstoßen. Zum anderen können Gruppen bestimmte Rechten entzogen werden.
  • TikTok und politische Werbung: Eigentlich ist politische Werbung auf TikTok verboten. Eine Studie von Mozilla zeigt aber, dass TikTok dieses Verbot nicht wirklich durchsetzt.

Datenschutz-Department

  • Tiktok will biometrische Daten: TikTok hat sich in den USA die Erlaubnis erteilt, biometrische Daten zu sammeln (Techcrunch) – sogenannte "Faceprints" und "Voiceprints". Wofür die Daten gesammelt werden, erklärt das Unternehmen nicht. Das Problem: TikTok darf das. Nur wenige Staaten schreiben vor, vorher die Erlaubnis einzuholen.

Creator Economy

  • Facebooks Newsletter-Tool: Bereits Ende Juni wird Facebook sein neues Newsletter-Tool „Bulletin“ launchen (Vox). Allerdings kann dann nicht direkt jeder das Angebot nutzen. Facebook hat zum Start eine Handvoll Personen rekrutiert. Zwei Jahre lang finanziert das Unternehmen ihnen ihren Gig. Worüber sie schreiben werden, ist auch klar – jedenfalls keine kontroversen Themen. Ob Facebook dann nicht eigentlich ein Medienunternehmen ist, wenn es Journalistïnnen einstellt? Muahahaha. Ja, aber die Diskussion führen wir schon lange nicht mehr (Vox). Sobald die neue Plattform am Start ist, schauen wir sie uns genauer an.
  • Instagram startet Training Week für Creator: Vom 8. bis 10. Juni findet die allererste Creator Week (Digiday) von Instagram statt. Das virtuelle Event, zu dem nur geladene Gäste kommen dürfen, umfasst etwa 5.000 US-Influencerïnnen.
  • Zuckerberg will erst später Geld sehen: Mark Zuckerberg ist ja neuerdings großer Creator-Fan. In einem Facebook-Post erklärt er nun, dass Creator sämtliche Tools auf der Plattform bis 2023 kostenfrei nutzen können. Anders als etwa bei Substack oder Twitter nimmt Facebook also vorerst keinen Cut für die Nutzung von Abo-Funktionen oder der Ende Juni startenden Newsletter-Plattform. Eine edle Entscheidung? Mitnichten. Zuckerberg möchte – wie immer – erst die Leute gewöhnen und dann verdienen.
  • YouTube Shorts jetzt auch in UK, Kanada und Lateinamerika: YouTubes TikTok-Herausforderer gibt es nun in drei weiteren Regionen. Außerdem schaltet das Unternehmen eine neue, spannende Funktion (Techcrunch) scharf: Nutzerïnnen können nun bei der Erstellung ihrer Videos auf den gesamten YouTube-Katalog zurückgreifen.

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Spaces jetzt zentral: Twitter gönnt seinem Clubhouse-Konkurrenten Spaces jetzt einen ganz zentralen Platz in der App (Techcrunch).

WhatsApp

  • Disappearing Mode & View once: WhatsApp bekommt zwei neue Features, um mehr Privatsphäre (Wabetainfo) auf der Plattform zu ermöglichen. Einerseits wird es die Option geben, dass sich Nachrichten von selbst löschen. Andererseits wird es möglich sein, Nachrichten zu verschicken, die direkt nach einmaligem Öffnen wieder verschwinden. Snapchat-Userïnnen kennen das.
  • Voice Messages schneller abspielen: Jeder kennt diesen einen Kumpel, der immer viel zu lange Voice-Messages schickt. Arrgggh! WhatsApp schafft jetzt Abhilfe und lässt einen entsprechende Nachrichten künftig schneller abspielen (@WhatsApp).

Facebook

  • Anonym in Gruppen posten: Bislang gab es nur die Möglichkeit, bei Gesundheits- und Elterngruppen etwas anonym zu posten. Diese Möglichkeit wird es nun auch in anderen Gruppen (Digital Information World) bei Facebook geben.

One more thing


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Facebook und Instagram: Der Anfang vom Ende der Likes | Doch keine Konsequenzen bei WhatsApp | Mehr Geld verdienen bei YouTube

Facebook und Instagram: Der Anfang vom Ende der Likes?

Was ist

Seit vergangener Woche kann man auf Facebook und Instagram die Likes ausblenden (Instagram-Blog). Die Funktion wurde mehr als zwei Jahre lang in mehreren Ländern und mit unterschiedlichen Nutzerïnnengruppen getestet. Jetzt gibt es die Option für alle – allerdings mit Einschränkungen.

Warum das wichtig ist

Likes sind eine der einflussreichsten Währungen des World Wide Web. Sie verleihen Beiträgen und Fotos einen Wert, quantifizieren ihre Bedeutung, dienen als Gradmesser für Erfolg – zumindest in den Augen vieler Menschen.

Doch es gibt auch eine Schattenseite: Likes messen nicht nur scheinbare Relevanz, sondern auch das Gegenteil. Eine 14-Jährige schießt 47 Selfies, bis sie endlich zufrieden ist, bearbeitet das Bild, postet es in freudiger Erwartung auf Insta … und erhält vier traurige Likes. Die Quantifizierbarkeit sozialer Resonanz kann auch fürchterlichen Druck auslösen und nicht nur Teenager verzweifeln lassen.

Wie Instagram mit Likes umgeht

Im April 2019 kündigte Instagram an (The Verge), dass es für Nutzerïnnen in Kanada die öffentliche Anzahl der Likes ausblenden werde. Statt einer Zahl sieht man nur noch: „Gefällt Simon und weiteren Personen“. Der Test wurde sukzessive auf andere Länder ausgeweitet und durch Forschung begleitet. Instagram wollte herausfinden, wie Nutzerïnnen darauf reagieren und ob es den sozialen Druck mindert, keine Likes mehr zu sehen (dazu später mehr).

In seiner Ankündigung schreibt Instagram: „(…) that everyone on Instagram and Facebook will now have the option to hide their public like counts“. Im Facebook-Newsroom heißt es dann aber: „In the next few weeks you will see both of these controls come to Facebook.“ Dort dauert es also noch ein wenig.

Am 26. Mai schaltete Instagram die Option global und für alle Menschen frei. Es gibt aber vier Gründe, warum der Schritt weniger drastisch ist, als es zunächst klingen mag.

1. Standardmäßig bleibt alles beim Alten

  • Likes werden weiter standardmäßig eingeblendet. Wer das ändern will, muss einen recht langen Weg nehmen: Einstellungen > Privatsphäre > Beiträge > „Hide Like and View Count“ (die Option wurde offenbar noch nicht übersetzt). Auf dem Desktop fehlt die Möglichkeit bislang komplett, die Einstellung aus der App hat dort auch keine Auswirkung.
  • Standardeinstellungen haben große Macht: Nur wenige Menschen klicken sich durch die Menüs und ändern die Vorgaben.
  • Facebook und Instagram wissen das genau, schließlich werden per default so viele Daten wie möglich gesammelt, Werbe-IDs erstellt und Anzeigen personalisiert. Das lässt sich zwar abstellen, aber dafür muss man selbst aktiv werden. Wäre es andersherum, fehlten in der Quartalsbilanz wohl ein paar Nullen.
  • Deshalb dürfte der Großteil der Nutzerïnnen wohl nach wie vor die Anzahl der Likes zu Gesicht bekommen, ob sie es nun wollen oder nicht. Sie werden schlicht nicht wissen, dass es auch anders geht.
  • Instagrams Blogpost enthält einen Screenshot, der einen Hinweis auf die neue Option zeigt, der offenbar über dem Feed erscheinen soll. Wir haben in unseren Instagram-Apps aber noch nichts dergleichen gesehen, auch nicht mit englischer Sprachversion.

2. Eigene Posts werden anders behandelt

  • Selbst wenn man die Like-Zahl ausblendet, wirkt sich das nur auf die Posts von anderen aus. Bei eigenen Beiträgen ist die Anzahl für einen selbst weiter sichtbar.
  • Wer das ändern will, muss jedes bislang gepostete Fotos separat auswählen und dort in den Optionen die „Anzahl der ‚Gefällt mir‘-Angaben verbergen“. Dann sieht man nur noch einen Namen und den nicht quantifizierten Zusatz „und weiteren Personen“.
  • Ein Klick darauf offenbart dann alle Namen – und auch die Anzahl der gesamten Likes. Da man die Option aber ohnehin für jeden zurückliegenden Beitrag einzeln aktivieren muss, hat man zu dem Zeitpunkt den Like-Count wohl ohnehin schon wahrgenommen.
  • Zumindest bei neuen Posts gibt es in den erweiterten Einstellungen die Möglichkeit, Likes dort von Anfang an zu verbergen. Das lässt sich später auch wieder rückgängig machen.
  • Für andere Nutzerïnnen verschwindet die Anzahl dann dauerhaft und unabhängig davon, ob diese Likes anzeigen lassen oder ausgeblendet haben.

3. Der Algorithmus reagiert weiter auf Likes

  • Ob eingeblendet oder verborgen bleiben Likes eines der wichtigsten Relevanzsignale.
  • Facebooks und Instagrams Algorithmen werden von einer Vielzahl von Faktoren bestimmt, die Anzahl der Likes ist einer der wichtigsten. Ob ein Beitrag Reichweite erhält, hängt nach wie vor davon ab, wie viele Menschen damit interagieren.
  • Auch ohne Like-Count merkt man, ob ein Foto „erfolgreich“ ist. Die Zahl der Kommentare und Shares bleibt öffentlich, die Resonanz lässt sich sehen und messen.
  • Zugegeben: Eine tiefgreifende Änderung der Algorithmen stand nie zur Debatte und ist auch kaum vorstellbar. Facebook müsste sich dafür grundlegend neu erfinden.

4. Metriken bleiben omnipräsent

  • Die Anzahl der Likes ist nur eine von Dutzenden Zahlen, mit denen Facebook und Instagram Reichweite und digitalen sozialen Status quantifizieren.
  • Followerïnnen, Story-Views, Kommentare, Shares und alle Metriken in den Insights bleiben sichtbar.
  • Das ist wenig überraschend: Man kann sich den Aufschrei von Influencerïnnen und Unternehmen vorstellen, deren Einkommen auf diesen Zahlen beruht.
  • Sie brauchen Metriken wie „Reach“, „Interactions“, „Watch Time“ und „Conversion Rates“ um KPIs zu definieren und „Erfolg“ zu messen. Social Media ist keine Wohlfühloase, sondern ein Milliarden-Business.

Warum Instagram an Likes festhält

  • Der Blogpost enthält genau zwei Sätze zur Motivation. Der erste beschreibt den Grund für den Test: „We tested hiding like counts to see if it might depressurize people’s experience on Instagram.“
  • Der zweite erklärt die unentschlossene Umsetzung: „What we heard from people and experts was that not seeing like counts was beneficial for some, and annoying to others, particularly because people use like counts to get a sense for what’s trending or popular, so we’re giving you the choice.“
  • Kurzum: Manche mögen Likes, andere nicht. Leider geht der Blogeintrag nicht weiter ins Detail.
  • In einem Briefing mit Reporterïnnen sagte Instagram-Chef Adam Mosseri, dass die Auswirkungen insgesamt weniger eindeutig ausgefallen seien, als sich Instagram erwartet hattet. Die Tests hätten vielmehr stark polarisiert.
  • Statt Likes pauschal für alle auszublenden, werde man sich darauf fokussieren, Nutzerïnnen „mehr Kontrolle“ zu geben, damit sie Facebook und Instagram für ihre eigenen Bedürfnisse anpassen könnten.

Wie Instagram früher klang

  • Mosseris heutige Aussagen stehen in starkem Kontrast zu 2019. Damals sagte er (Wired): „The idea is to try and depressurize Instagram, make it less of a competition, give people more space to focus on connecting with the people that they love, things that inspire them.“
  • Die Aussage bezog sich zwar nicht ausschließlich auf Likes, sondern generell auf die Auswirkung von sozialen Medien auf junge Menschen. Doch Mosseri erwähnte die Likes mehrfach und sagte, dass sie negative Effekte haben und eine Kultur erzeugen könnten, die „dem Wohlergehen und der kreativen Kultur nicht zuträglich“ sei.
  • In fast allen Interview zu diesem Thema betonte er, wie sehr ihm dieses Thema am Herzen liege. Er habe eine Menge seiner eigenen Zeit darin investiert.
  • Um seine jüngeren Nutzerïnnen zu schützen, werde Instagram Entscheidungen treffen, die sich wirtschaftlich kurzfristig negativ auswirkten. Denn was gut für die psychische Gesundheit der Menschen sei, sei langfristig auch gut fürs Geschäft.

Was Studien über Likes sagen

Warum wir uns kein Urteil zutrauen

  • Wenn sich schon Wissenschaftlerïnnen derart uneins sind, wollen wir uns nicht anmaßen zu sagen, wie es wirklich ist.
  • Unsere anekdotischen Evidenz aus Besuchen bei Schulklassen oder Gesprächen mit Jugendlichen zeigt, dass Instagram (und mittlerweile TikTok) eine enorme Rolle spielen und sich Teenager viele Gedanken darüber machen, wie sie sich dort präsentieren.
  • Welche Rolle dabei die Anzahl der Likes spielt und ob es ohne Smartphones und Social Media nicht sofort ganz andere Statussymbole gäbe, wissen wir nicht.
  • Deshalb müssen wir vorerst Instagram und Mosseri vertrauen, der versichert hat (WSJ), dass Instagram bereit gewesen wäre, Likes standardmäßig auszublenden, wenn es Nutzerïnnen einen Teil des Drucks genommen hätte – unabhängig von den finanziellen Auswirkungen für Instagram. Nur sei keine eindeutig positive Auswirkung messbar gewesen.
  • Wir könnten uns vorstellen, dass es sehr wohl etwas änderte, sämtliche öffentlichen Metriken auszublenden. Dieser Schritt geht Instagram aber wohl zu weit. (Und dürfte zugegebenermaßen auch vielen Nutzerïnnen gar nicht gefallen.)
  • „Giving people more control“ klingt zwar verdächtig nach der Leier, die Facebook auch immer anstimmt, wenn es um Datenschutzeinstellungen geht – wohl wissen, dass kaum jemand die Standardeinstellungen antastet. Aber vielleicht ist es tatsächlich ein sinnvoller erster Schritt, zumindest die Option anzubieten, Likes auszublenden.

Be smart

Zwei Menschen, die den Like-Button mit erfunden haben, halten sich heute so weit wie möglich davon fern. Der ehemalige Facebook-Entwickler Justin Rosenstein nennt das sehnsüchtige Warten auf Facebook-Likes ein „Pseudo-Vergnügen“, ebenso oberflächlich wie verführerisch. „Es kommt oft vor, dass Menschen mit den besten Absichten Dinge erfinden, die später negative Auswirkungen haben“, sagte er dem Guardian 2017.

Seine frühere Kollegin Leah Perlman, ebenfalls an der Entwicklung des Like-Buttons beteiligt, nutzte später eine Browser-Erweiterung, die den Facebook-Newsfeed blockiert. Die Illustratorin beschäftigte eine Social-Media-Managerin, um ihre Comics auf Facebook zu bewerben. Sie selbst will ihren Feed nicht mehr anschauen (The Ringer).

Wir haben in unseren Briefings mehrfach die Projekte von Ben Grosser erwähnt. Der Künstler und Entwickler hat unter anderem „Demetricator“ für Facebook, Twitter und Instagram programmiert. Die Browser-Erweiterungen blenden Zahlen aus, Retweets, Benachrichtigungen, Followerïnnen, einfach alles.

Aus eigener Erfahrung können wir sagen: Der Effekt ist enorm. Anfangs sucht man unwillkürlich nach der Anzahl der Retweets oder Likes, um die scheinbare Relevanz eines Beitrags auf einen Blick zu erfassen. Allmählich beginnt man, sich weniger auf Zahlen und mehr auf Inhalte zu konzentrieren. Leider funktionieren die Erweiterungen nur im Browser, auf die Apps haben sie keine Auswirkungen. Aber es reicht, um sich vorzustellen, wie soziale Medien ohne Zahlendruck aussehen könnten.


Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

  • Kommando zurück! WhatsApp-Nutzerïnnen, die sich mit den neuen Bestimmungen nicht einverstanden zeigen, müssen nun doch keine Konsequenzen (The Next Web) fürchten, erklärt das Unternehmen. Hui – das ist nun mittlerweile die drölfzigste Wendung in dieser Sache. In Briefing #722 erklären wir die Hintergründe. WhatsApp lässt verlauten:

Given recent discussions with various authorities and privacy experts, we want to make clear that we currently have no plans to limit the functionality of how WhatsApp works for those who have not yet accepted the update. Instead, we will continue to remind users from time to time about the update as well as when people choose to use relevant optional features, like communicating with a business that is receiving support from Facebook

Twitter

  • Und jetzt zum Wetter Twitter startet in den USA einen lokalen Wetterdienst (Axios) und bietet eine Mischung aus kostenlosen und kostenpflichtigen Inhalten. Der Service ist zugleich auch Showcase für Twitters neue Suite an Creator Tools: u.a. kommen Newsletter und kostenpflichtige Spaces zum Einsatz.

Facebook

  • Mehr Monetarisierungsoptionen bei Facebook Gaming: Stars, Facebooks eigene Pseudo-Währung (nicht zu verwechseln mit Facebooks Crypto-Währungs-Überlegungen), können jetzt testweise auch bei Videos on-demand verteilt werden. Bislang ging das nur bei Live-Content. Speaking of Live: Gamer können jetzt während des Live-Zockens Werbung einblenden, etwa um einmal kurz Pause zu machen. Hier geht es zu Facebooks Ankündigungen.

YouTube

  • Mehr Monetarisierungsoptionen bei YouTube: Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Google, Area 120, testet den Verkauf digitaler Waren (Protocol). Der Test ist nicht in die YouTube-Website oder die YouTube-App integriert, sondern wird über eine separate Plattform namens Qaya abgewickelt. Über Qaya lassen sich PDFs, mp3s und Videos verkaufen – so könnten YouTuber beispielsweise weiteres „Material“ zu einem bestimmten Thema verkaufen.

TikTok

  • Livestreams planen: Auch bei TikTok lassen sich Livestreams künftig wohl besser planen und bewerben (Digital Information World).

Header-Foto von Phát Trương bei Unsplash


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