Monat: Mai 2021

Facebook News in Deutschland, Kampagne gegen Biontech, Wie Influencer Geld verdienen, Aufmerksamkeitsmaschine TikTok

Facebook News: Warum der Springer-Deal anderen Verlagen zu denken geben sollte

Was ist

Vergangene Woche ist Facebook News in Deutschland gestartet (Facebook Newsroom). Wenige Stunden zuvor hatte Axel Springer bekannt gegeben, dass der Verlag eine "globale Kooperation" mit Facebook vereinbart hat. Wir erklären, was beide Ereignisse für die deutsche Medienlandschaft bedeuten.

Warum das wichtig ist

Facebook und Google versuchen seit Jahren, Verlage für sich einzunehmen und gesetzlicher Regulierung oder Zwangszahlungen wie dem Leistungsschutzrecht zuvorzukommen. Beide Konzerne haben Hunderte Millionen Euro in journalistische Projekte investiert und wollen in den kommenden Jahren jeweils mehr als eine Milliarde ausschütten. Für die darbende Medienbranche ist das verdammt viel Geld, doch Verlage sollten ganz genau überlegen, wer von den "Kooperationen" am Ende wirklich profitiert. (Spoiler: Facebook und Google zählen zu den mächtigsten Unternehmen der Welt, weil sie gute Produkte anbieten – und weil sie selten schlechte Deals machen.)

Wie Facebook News in Deutschland funktioniert

  • Im Herbst 2019 startete Facebook News in den USA (#572), vergangenes Jahr kündigte Facebook den Deutschland-Start an (#663), im März legte man sich auf den Mai als Termin fest (#706).
  • Nach diesem langen Anlauf war es dann am 18. Mai so weit: "Heute startet Facebook News, ein gesonderter Bereich für journalistische Inhalte", schrieb Jesper Doub, der in Europa für Facebooks Medienkooperationen zuständig ist.
  • Zumindest in unseren Apps versteckt sich das Icon bislang recht erfolgreich in einem Menü der Seitenleiste, wo es die meisten Menschen vermutlich nicht finden werden. In den USA dauerte es aber auch ein Dreivierteljahr, bis Facebook das News-Symbol prominent am oberen Bildschirmrand der App anzeigte.
  • Genau wie in den USA und Großbritannien präsentiert Facebook in dem News-Reiter ausschließlich Inhalte von Medien. Ein Teil davon wird algorithmisch selektiert und personalisiert. Es gibt allgemeine Themenbereiche wie Wirtschaft oder Sport und sogenannte Kollektionen etwa zu Covid-19. Nutzerïnnen können die Auswahl nach eigenen Vorlieben anpassen und auch bestimmte Verlage ausblenden.
  • Das klingt nach Google News mit etwas mehr Personalisierung, doch es gibt zwei entscheidende Unterschiede: Erstens wählen menschliche Redakteurïnnen die "Top-Meldungen" aus. Dafür arbeitet Facebook mit der Springer-Tochter Upday zusammen.
  • Zweitens erhalten alle Verlage Geld, die Inhalte für Facebook zur Verfügung stellen. Google bezahlt nur die Medien, die Artikel für News Showcase (#673) auswählen und aufbereiten.

Warum fast alle großen Verlage mitmachen

  • Bei der Ankündigung im März fehlten noch einige große Namen, unter anderem die SWMH mit der Süddeutschen Zeitung und Axel Springer mit Bild und Welt.
  • Offenbar wurde in den vergangenen Monaten eifrig im Hintergrund verhandelt. Mittlerweile sind rund drei Dutzend Verlage an Bord, die mehr als 100 Medienmarken repräsentieren. Damit wird man die meisten bekannten Namen auf Facebook News finden.
  • Der wichtigste Grund dürfte eine Zahl mit einigen Nullen sein. Die genauen Summen der einzelnen Verträge sind nicht bekannt, doch Doub spricht von einem "deutlich zweistelligen Millionen-Investment" (ZDF) im deutschen Markt.
  • Zum Vergleich: In den USA (WSJ) zahlt Facebook kleineren Medien angeblich sechsstellige Summen pro Jahr, schüttet mehrere Millionen für größere Verlage aus und lässt sich die Inhalte von Medienhäusern wie der New York Times "substanziell mehr" kosten.
  • Ob nun fünf- oder achtstellig, für den einzelnen Verlag scheint die Rechnung simpel zu sein: kaum Aufwand und zusätzliche Einnahmen. Bislang postete man Inhalte und erhielt Reichweite – jetzt gibt es Reichweite und Geld. Nice!

Was Facebook mit News bezweckt

  • Facebook ist der Lieblingsfeind vieler Verlegerïnnen. Facebook ist außerdem der Lieblingsfeind vieler Politikerïnnen. Das ist langfristig ungünstig.
  • News ist Teil einer "Umarmungsstrategie", die Daniel Bouhs im März beschrieb (NDR). Vordergründig richtet sich das Angebot an Nutzerïnnen, doch die wahre Zielgruppe sind Verlage.
  • Facebook News und Google News Showcase sind nur zwei von Dutzenden Projekte, mit denen die beiden Konzerne Medien unterstützen.
  • Viele der Programme sind sinnvoll und wirklich hilfreich. Im Rahmen der Google News Initiative sind schon etliche tolle Projekte entstanden und Workshops ermöglicht worden, die ohne die Förderung wohl nicht zustande gekommen wären.
  • Auch Facebooks Unterstützung für Lokaljournalismus könnte viele kleinere Medien retten und auch individuellen Journalistïnnen helfen.
  • Klar ist aber auch, dass Medien subtil beeinflusst werden könnten. Facebook und Google müssen das gar nicht unmittelbar bezwecken, und es wird wohl auch kein Geschäftsführer eines Verlags einen kritischen Kommentar verhindern, nur weil man mit Facebook kooperiert. Trotzdem ist es leichter, unbefangen über ein Unternehmen zu berichten, mit dem man keine Geschäftsbeziehungen führt.
  • Facebook und Google zielen aber nicht nur auf die Verlage ab, sondern auch auf die Politik. Vergangenes Jahr zeigten Ingo Dachwitz und Alexander Fanta mit ihrer Studie "Medienmäzen Google – Wie der Datenkonzern den Journalismus umgarnt", dass Investitionen wohl nicht ganz zufällig meist dort getätigt werden, wo gerade Regulierung droht.
  • Im Februar schlossen Facebook und Google in Australien Verträge mit Verlagen ab, nachdem die Regierung mit dem Media Bargaining Code Druck ausgeübt hatte (#704). Zusammen zahlen sie 130 bis 160 Millionen Dollar pro Jahr – was ihnen offenbar immer noch lieber war, als sich dem Gesetz und seinem fragwürdigen Schiedsverfahren zu unterwerfen (#705).
  • Das europäische Pendant zum Media Bargaining Code heißt Leistungsschutzrecht (LSR). Dass wir keine Fans von der Idee sind, Plattformen für Links zahlen zu lassen, haben wir in unseren Newslettern immer wieder deutlich gemacht. Immerhin ist das LSR nicht ganz so absurd wie das Vorhaben Down Under.
  • Unabhängig davon, was man von den konkreten Versuchen hält, Medien an den Einnahmen der Plattformen zu beteiligen, erscheint uns der Ansatz richtig. Natürlich müssen Facebook und Google den Verlagen kein Geschäftsmodell liefern, aber die finanzielle Entwicklung der vergangenen Jahre ging definitiv in die falsche Richtung. Hier wäre kluge Regulierung angebracht.

Warum Verlage vorsichtig sein sollten

  • Öffentlich beteuert man das Gegenteil, aber für Facebook spielt Journalismus keine Rolle. Im Streit um das australische Mediengesetz argumentierte man unter anderem mit solchen Sätzen:

„If there were no news content available on Facebook in Australia, we are confident the impact on Facebook’s community metrics and revenues in Australia would not be significant, because news content is highly substitutable and most users do not come to Facebook with the intention of viewing news."

  • Auf Deutsch: Die Nutzerïnnen interessieren sich nicht für Nachrichten, Facebook verdient mit Journalismus kein Geld, ihr könnt uns mal mit euren Drohungen.
  • Als der Konflikt eskalierte, wurde dann klar, wie ernst Facebook es meint: Für einige Tage blockierte die Plattform einfach sämtliche Nachrichteninhalte.
  • Hinzu kommt eine jahrelange Geschichte falscher Versprechungen, geänderter Algorithmen und gescheiterter Projekte (#663), die Facebook teils schnell wieder beerdigte – und die beteiligten Medien gleich mit.
  • Wir wollen das aktuelle Engagement von Facebook und Google nicht diskreditieren. Die Angestellten, die an den Initiativen beteiligt sind, haben sicher gute Absichten. Nur hat die Vergangenheit auch gezeigt, dass insbesondere Facebook nicht der zuverlässigste Partner für Verlage ist – und wenn Mark Zuckerberg das Interesse an einer Kooperation verliert, dann helfen auch die tollsten Projektleiterïnnen nicht.

Warum Verlage sogar verlieren könnten

  • Weiter oben schrieben wir: "Für den einzelnen Verlag scheint die Rechnung simpel zu sein: kaum Aufwand und zusätzliche Einnahmen." Das stimmt – aber nur in einem Vakuum.
  • Tatsächlich steht sehr wohl etwas auf dem Spiel. Genau wie bei Google News Showcase treten die teilnehmenden Medien wohl die Forderungen ab, die sich aus einem Leistungsschutzrecht ergeben könnten.
  • Da die Verträge nicht öffentlich sind, ist unklar, welche Konditionen die einzelnen Verlage für sich herausgeschlagen haben. Wir wiederholen unsere Feststellung: "Facebook und Google zählen zu den mächtigsten Unternehmen der Welt, weil sie gute Produkte anbieten – und weil sie selten schlechte Deals machen."
  • Man könnte also vermuten, dass sich zumindest einige Medien über den Tisch haben ziehen lassen. Und selbst wenn jeder einzelne Verlag für sich das Maximum herausgeholt hat, könnten alle Verlage zusammen verloren haben.
  • Mit ziemlich großer Sicherheit hätten sie mehr herausschlagen können, wenn sie gemeinsam verhandelt hätten. Facebook säße dann zwar immer noch am längeren Hebel, aber die Macht wäre nicht mehr ganz so ungleich verteilt gewesen.

Welche Rolle Axel Springer spielt

  • Am Vorabend des Deutschland-Starts von Facebook News verkündete der Springer-Verlag eine "globale Kooperation" mit Facebook – und die hat es in sich.
  • Bereits Ende März berichtete Ulrike Simon (Horizont), dass sich deutsche Verlage von Springer-Chef Mathias Döpfner hintergangen fühlten – der gleichzeitig dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger vorsitzt.
  • Damals stand der Verdacht im Raum, dass die Springer-Tochter Upday zum Dienstleister für Facebook News auch in Deutschland werden könnte. Und genau so ist es gekommen.
  • Das ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens entscheiden Springer-Angestellte, welche Inhalte anderer Verlage in Facebook News zu sehen sind. Die Kuratorïnnen werden zwar noch mal durch Facebook kontrolliert, aber ein Geschmäckle bleibt trotzdem.
  • Zweitens lobbyiert Döpfner seit Jahren fleißig für das LSR und warnt vor der Allmacht der Tech-Konzerne (Welt).
  • Nun zeigt der Deal, dass es Springer ausschließlich um die eigenen Interessen geht. Offenbar hat man es selbst geschafft, Teil von Facebook News zu werden, ohne Ansprüche aus dem LSR abzutreten. Das gilt aber nicht für alle Verlage.
  • Wie viel Facebook Springer zahlt, ist nicht bekannt. Es wird aber eine Summe sein, die andere Verlage neidisch machen dürfte.
  • Der Deal geht weit über die Upday-Kuration hinaus, und bereits die klingt ziemlich lukrativ (Horizont): "Was Springer für seine Dienstleistung des Kuratierens bekommt? Sicherlich mehr als die Partnerverlage von Facebook News, aber man ist ja noch in Verhandlungen und spricht nicht darüber. Die Gespräche aber scheinen immerhin so weit fortgeschritten zu sein, dass für das Projekt 13 Redakteure eingestellt werden."

Be smart

Wir stimmen eher selten mit Michael Hanfeld überein, wenn es um Tech-Konzerne oder das Leistungsschutzrecht geht. Die seltene Ausnahme würdigen wir, indem wir dem Leiter des Medienressorts der FAZ das letzte Wort überlassen (FAZ):

Wenn stimmt, was Mathias Döpfner sagt, nämlich, dass diese "globale" Kooperation mit Facebook "ein strategischer Meilenstein für unser Haus und die ganze Branche" ist, sollten alle anderen Verlage, die für Facebook News Verträge geschlossen haben, ins Kleingedruckte schauen und prüfen, ob ihre Konditionen dem entsprechen, was Springer herausgeholt hat. Als marktbeherrschender Konzern wäre Facebook verpflichtet, seine einzelnen Geschäftspartner bei gleichartigen Vereinbarungen nicht nach Lust und Laune besser- oder schlechterzustellen.


Kampf gegen Desinformationen

  • Influencerkampagne gegen Biontech: Laut Recherchen von kontraste und netzpolitik bietet eine Londoner Agentur Influencerïnnen auf der ganzen Welt Geld an, um Stimmung gegen das Vakzin von Biontech / Pfizer zu machen. Den Berichten zufolge steckt hinter der Kampagne eine Werbeagentur, die vor allem in Russland tätig ist. Das widerum passt ganz gut zu dem Report, den Facebook am Mittwoch veröffentlichte und den die Washington Post hier einordnet.
  • YouTube löscht Kanal von Querdenken 711: Der Kanal der Stuttgarter Querdenker-Bewegung um Initiator Michael Ballweg wurde von YouTube suspendiert (netzpolitik). Der Kanal hatte laut YouTube wiederholt gegen Youtubes Richtlinien für Fehlinformationen verstoßen. Zwar können die Videos weiter auf einer anderer Plattform geschaut werden – dort hat die Bewegung aber lediglich 255 Abonnentïnnen – also nur einen Bruchteil der 75000 Abos bei YouTube. Deplatforming wirkt (Amadeu Antonio Stiftung).
  • Facebook bestraft das Teilen von Falschinformationen: Sowohl Facebook-Pages als auch Einzelaccounts werden künftig härter für das Teilen von Falschinformationen bestraft (Facebook Newsroom). So werden bei Pages, die wiederholt von Fact-Checking-Teams als falsch klassifizierte Artikel teilen, Warnhinweise eingeblendet, wenn man die Seite liken möchte. Privatpersonen müssen damit rechnen, dass bei wiederholtem Fehlverhalten (also dem Posten von Falschinformationen) auch ihre regulären Posts weniger Sichtbarkeit erhalten.

Creator Economy

  • Instagram verteilt Boni: Es sieht ganz danach aus, als würden Creator bald dafür bezahlt, bei Reels originäre Inhalte zu posten. Zumindest suggeriert das ein Screenshot, der auf Twitter zirkuliert. Instagram würde sich damit einreihen in die Reihe von Unternehmen, die Creator dafür belohnen, auf ihrer Plattform Inhalte hochzuladen.
  • Clubhouse sucht Head of Creators: Clubhouse meint es ernst damit, Kreativen neue Wege und Möglichkeiten zu bieten, mittels Social (Live) Audio eine Karriere zu starten. In der Stellenanzeige heißt es gar, der / die neue Head of Creators hilft dabei, eine neue Generation von Superstars aufzubauen. Wow, das klingt durchaus ambitioniert für eine – sagen wir wie es ist – Nischenapp.
  • Wie Influencerïnnen Geld verdienen: Einer Umfrage von NeoReach und Influencer Marketing Hub zufolge verdienen 77,3 Prozent der rund 2000 befragten Influencerïnnen am meisten Geld mit Brand Deals. Danach folgt ganz lange – nichts. Extrem abgeschlagen auf Platz 2 folgt „Ad Share Revenue“, also jene Einnahmen, die Influencerïnnen erzielen, wenn Werbung im Umfeld ihres Videos geschaltet wird. Auf dem letzten Platz landen Einnahmen aus Abo-Verkäufen. Nun, da ist definitiv noch Luft nach oben. Wäre ja schön, wenn sich das in den kommenden Jahren ändert.

  • Zahlen zur Creator Economy: In der gleichen Umfrage gibt es auch spannende Zahlen zum Markt der Creator Economy. Hier einige Highlights:

$800 million in venture capital has been invested into Creator Economy startups since October 2020.

46% of Creators who have been building an audience for 4+ years earn over $20k annually across their monetized channels.

We estimate the total Creator Economy market size to be around $104.2 Billion and on par with a substantial growth trajectory similar to the Gig Economy. That’s a future valuation of Trillions of dollars.

72% of Creators prefer Instagram and identify it as their primary content platform.

Of the surveyed Creators that considered themselves full time Creators, ie. content creation is their main source of income – 78% make more than $23,500 annually.

The power of sponsorships should not be underestimated. 77% of Creators depend on brand deals, that’s 3x as many as every other revenue source combined.

There is not a definite correlation between follower count and income. Between the $50-100k and $500k-1M reported income levels from creating content, there is half a million dollars in income difference, but a difference of only 1.8K more followers.


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Pinterest verbucht fünf Milliarden Suchanfragen jeden Monat. 2018 waren es noch zwei Milliarden. Bemerkenswert. Vor allem auch deshalb weil wir Pinterest bislang gar nicht so auf dem Radar haben. Vielleicht sollten wir uns (auch) damit einmal mehr beschäftigen. (Notiz an uns selbst: Redakteurïn für LinkedIn, für Pinterest …)
  • CapCut big im US-AppStore: Der nächste Hit aus dem Hause ByteDance heißt CapCut. Die App ist dafür gedacht, Videos zu editieren und mit allerlei Gedöns zu versehen. Die App scheint einen Nerv zu treffen. Das Ding hält sich schon seit Wochen stark im AppStore (Techcrunch).
  • Vice produziert mehr Stories als Text und Video: Vielleicht für den nächsten Plausch am Kaffeeautomaten ganz interessant: Mittlerweile produziert Vice tatsächlich mehr Stories als alles andere. Hossa. Wir finden das (Digiday) jedenfalls mega spannend.
  • Hey guys! Hallo Leute! Hallo, ihr Lieben! Wer sich häufiger auf YouTube Vlogs anschaut, kennt das: Die immer gleichen Begrüßungen hängen einem schon zu den Ohren raus. Aber so ist das nun einmal. Die Varianz hält sich wirklich in Grenzen. Das zeigt auch diese YouTube-Untersuchung.
  • TikTok ist eine unfassbare Aufmerksamkeitsmaschine: Mehr als 20 Stunden pro Monat verbringen US-TikTok-Nutzerïnnen durchschnittlich in der App. Ja, klar. Facebook und Instagram wird von mehr Menschen genutzt, das zieht den Schnitt dort runter. Aber trotzdem: Die, die TikTok nutzen, nutzen es extrem viel. WTH.


Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Spaces gibt es jetzt auch am Desktop: Wer mag, kann künftig auch vom Desktop aus (@TwitterSupport) an Diskussionsrunden von Twitters Clubhouse-Herausforderer Spaces teilnehmen. Allerdings liegt die Betonung auf „teilnehmen“. Spaces organisieren und starten können Hosts weiterhin nur von der App aus.

LinkedIn

  • Boosting: LinkedIn bietet jetzt ebenfalls die Möglichkeit, einzelne Posts gegen Geld einem größeren Publikum auszuspielen – boosting, ya’ll know!
  • Event Ads: Auch gibt es bei LinkedIn ein neues Werbeformat, um Events stärker zu promoten. Storytelling für Vertrieb und Verkauf diesen Freitag um 11:00 Uhr? Damn! Here I am!
  • Custom Streaming: Last but not least hat LinkedIn erkannt, wie angenehm es ist, wenn man mit dem Mittel der Wahl live gehen kann, anstatt sich mühsam in noch ein weiteres Livestreaming-Programm einarbeiten zu müssen. Daher kann man jetzt bei LinkedIn auch via Zoom, OBS und WebEx live gehen. Die Integration mit Microsoft Teams dauert noch ein paar Monate. Zu wem gehört LinkedIn gerade noch einmal? Microsoft? Ach ja. Ok.

Facebook

  • Neighborhoods: Facebook versucht sich an einem Nextdoor-Klon (Techcrunch). Anstelle einer eigenständigen App wird es Neighborhoods nur als eine Art Extra-Ecke innerhalb von Facebook geben. Die Idee: Mehr Vernetzung und News innerhalb der Nachbarschaft. Gossip (und Moderationskopfschmerzen) inklusive.
  • Vielleicht erst einmal lesen? Die Idealvorstellung lautet: Erst lesen, dann teilen! Da das aber nun einmal nicht immer so läuft, probiert es Facebook jetzt analog zu Twitter mit entsprechenden Hinweisen (Techcrunch).

Substack

  • Sections: Bei Substack gibt es jetzt Rubriken (Financial Times). Quasi wie in einer Zeitung. Nur halt zweitausendeinundzwanzig-mäßig als Newsletter.

Discord

  • Mehr Auffindbarkeit wagen: Discord ist eigentlich dafür gedacht, direkt bei bestimmten Servern (read: Interessensgruppen) einzusteigen. Da Clubhouse aber gerade so populär ist und Discord eigentlich alles, für das Clubhouse gerade gefeiert wird, schon viel länger kann und hat und macht und tut, bricht Discord jetzt mit alten Traditionen und bietet ein sogenanntes Stage Discovery Portal an, auf dem Interessensgruppen und Talks gefunden werden können.

GitHub

  • Video Uploads: Bei Github können jetzt vor dem nächsten Pull Request Videos hochgeladen werden, um zu zeigen, was es mit dem Commit auf sich hat. Um es mal auf githubbisch zu sagen.

One more thing

Die App Poparazzi hat einen ganz besonderen Kniff: Sie erlaubt keine Selfies. Nutzerïnnen können nur Fotos von Freundïnnen knipsen. Das soll den Druck nehmen, immer perfekt aussehen zu müssen. Das Seed-Funding der App: 2 Millionen Dollar. Heißt: Jemand hat in diese Idee 2.000.000 Dollar investiert. Als gäbe es keine sinnvolleren Zwecke für solche Summen. What a time to be alive.


Header-Foto von Mailchimp bei Unsplash


Wie sich die Creator Economy anfühlt, Apple vs Epic, YouTube Creator Fund, Twitter Verification

Wie sich die Creator Economy als Creator anfühlt

Was ist: Medien und Silicon Valley lieben die Creator Economy. Auch wir haben vielfach über dieses neue Berufsfeld geschrieben, etwa hier und hier. Mehr noch: Wir sind Teil dieser Entwicklung. Ohne Plattformen wie Mailchimp, Twitter, Slack und Steady gäbe es das Social Media Watchblog nicht. Vor 13 Jahren formulierte Kevin Kelly eine scheinbar utopische Idee: "1000 true fans" dazu bringen, monatlich für die eigene Arbeit zu bezahlen – und davon leben, selbstbestimmt und unabhängig. Dieser Traum ist für uns Realität geworden. Allerdings haben wir dabei eine Sache vergessen: Was ist, wenn wir einmal nicht liefern können?

Warum ist das interessant? Die Creator Economy fußt auf der Vorstellung, dass Leserïnnen, Hörerïnnen, Zuschauerïnnen, Supporter, Fans, Freunde, (…) ein Projekt so gut finden, dass sie nicht nur einmalig, sondern monatlich oder jährlich dafür zahlen. Bei einigen Projekten ist die finanzielle Zuwendung der Supporter wirklich eher als eine Art dauerhaftes Crowdfunding gedacht, ohne klar definierte Gegenleistung.

Bei uns verhält sich das anders. Zum einen verkaufen wir ein klar definiertes Produkt: Zweimal pro Woche verschicken wir einen Newsletter und ordnen die wichtigsten News und Debatten ein. Zum anderen haben wir nicht nur Supporter, die uns über Steady unterstützen, sondern auch institutionelle Kunden wie etwa das Auswärtige Amt oder die Deutsche Welle. Wir verkaufen nicht nur ein Gefühl, sondern Abos.

Wir fühlen daher eine große Verpflichtung, liefern zu müssen. Das ist aber nicht immer möglich. Etwa weil einer von uns krank ist, sich um Partnerin oder Familie kümmern muss oder es unvorhersehbare Betreuungsengpässe gibt – Corona lässt grüßen. Oder weil man schlichtweg mal ein paar Tage Auszeit braucht (andere nennen es Urlaub).

Da wir das Ding hier aber nun einmal zu zweit rocken, kann in solchen Fällen keine Kollegïn übernehmen. Die Folge: Hier und da ein bisschen Selbstausbeutung, permanente Übermüdung und immer mal wieder das Gefühl, diesen Newsletter irgendwann einfach nur noch gegen die Wand schmeißen zu wollen.

Schließlich passiert im Hintergrund jede Menge, von dem die meisten gar nichts mitbekommen: Abonnentïnnen wollen betreut werden, Mailchimp und WordPress machen mal wieder Probleme, institutionelle Kunden haben wichtige Anliegen. Das Watchblog ist viel mehr als das Briefing, und das kann manchmal grenzwertig anstrengend sein.

Was also tun? Das Social Media Watchblog wäre nichts ohne die großartige Community, die sich um das Projekt versammelt hat. Seit der Gründung vor acht Jahren haben wir stets den Austausch mit unseren Leserïnnen gesucht. Auch diesmal sind wir – als klar war, dass der Newsletter zwei Wochen pausieren wird – mit vielen von euch via Slack ins Gespräch gekommen. Die Diskussion lässt sich hier nachlesen.

Wir haben gefragt, wie wir mit kurzfristigen Ausfällen und dem generellen Bedürfnis nach Pause umgehen sollten. Eure Rückmeldungen waren eindeutig: Es geht beim Social Media Watchblog weniger um eine feste Anzahl an Ausgaben die Woche / im Jahr. Es geht vielmehr um Einordnung, Klarheit, Ansinnen, Haltung und Qualität.

Auch gab es den Hinweis, dass es ja mit der monatlichen Unterstützung gerade darum ginge, gegen die zum Teil selbstausbeuterischen Strukturen in der Medienwelt ein Zeichen zu setzen. Zudem wurden wir ermutigt, noch klarer zu kommunizieren: konkret an den Tagen, an denen wir ausfallen – und generell mit Blick auf den Deal, den man mit uns beim Abschluss eines Abos eingeht.

Was wir draus machen:

  • Zunächst möchten wir uns für das phänomenale Feedback und das Verständnis bedanken! Unsere Community ist wirklich die Beste!
  • Wir haben die Anregung aufgenommen, unsere Auszeiten klarer zu kommunizieren – sowohl auf unserer Steady-Seite als auch im FAQ auf unserer Homepage finden sich nun Hinweise.
  • Wir werden auch künftig keine E-Mails verschicken, in denen wir schreiben, dass wir heute kein Briefing verschicken. Die meisten von euch bekommen schon genug inhaltsleere E-Mails, zudem handelt es sich ja hoffentlich um seltene Ausnahmen. In unserer Slack-Gruppe sagen wir aber auf jeden Fall Bescheid, wenn wir ausfallen sollten. Zudem gibt es eine neue Seite, auf der du schauen kannst, ob das Briefing ausfällt: socialmediawatchblog.de/kommt-heute-ein-briefing.
  • Last but not least werden wir auch im Rahmen des Social Media Watchblogs ganz regulär Urlaub nehmen und uns vom Dienst abmelden, wenn wir krank sind.

Be smart: Wenn ich als freier Journalist das Gefühl habe, dass ich einmal eine Auszeit brauche, dann pitche ich keine neuen Geschichten. Das Tolle daran: Ich bin dann raus, kann machen, was ich will, bin niemandem etwas schuldig. Das Blöde daran: Ich werde in dieser Zeit auch nicht bezahlt.

Bei der Creator Economy – und damit auch bei uns beim Social Media Watchblog – verhält es sich anders: Wenn wir ausfallen, dann werden wir trotzdem bezahlt. Quasi Arbeitnehmer-gleich. Dieses Privileg schätzen wir sehr. Gleichzeitig brauchen auch wir einmal einen Tag frei oder noch besser: Urlaub. Beides war seit Einführung der Paywall vor 2,5 Jahren nie richtig eingepreist. Jetzt ist uns aufgefallen, dass das kein langfristig tragbares Modell ist. Danke für euer Verständnis!


Social Media & Politik

Apple und Epic streiten um die Zukunft der App-Stores

  • Showdown in Oakland: Den ganzen Mai über lieferten sich Apple und Epic Games eine heftige Auseinandersetzung vor Gericht. Vordergründig handelt es sich nur um den Streit zweier privater Konzerne, doch tatsächlich werden dabei grundsätzliche Fragen verhandelt.
  • Wir haben den Prozess recht intensiv verfolgt, beschränken uns für den Moment aber auf eine grobe Zusammenfassung samt kurzer Einordnung. Schließlich liegen nur Verhandlung und Schlussplädoyers hinter uns, das Urteil steht noch aus. Sobald das kommt, widmen wir dem Thema mehr Platz.
  • Die Anfänge der Auseinandersetzung beschrieben wir im vergangenen August in Briefing #660 und griffen das Thema in Ausgabe #719 erneut auf.
  • In den vergangenen drei Wochen erschienen nicht nur etliche Anwältïnnen im Gerichtssaal, sondern auch Tim Cook und sein Epic-Pendant Tim Sweeney. Das zeigt, welche Bedeutung das Verfahren hat.
  • Im Kern geht es um die Frage, wer die Regeln im App Store schreiben darf. Apple argumentiert, es sei im Sinne der Nutzerïnnen, auf iPhones und iPads nur Apples eigenen Store anzubieten. Nur dann könnten alle Apps geprüft und Betrugsversuche zuverlässig aussortiert werden.
  • Epic wirft Apple vor, seine Macht unfair auszunutzen. Die Provision von 30 Prozent sei zu hoch, Apple bereichere sich am Erfolg von Spielen wie Fortnite.
  • Sehr unterschiedlich sind auch die Auffassungen, ob Apple ein Monopol besitzt. Apple selbst betrachtet den ganzen Gaming-Markt, auf dem es etliche Alternativen und konkurrierende App Stores gibt. Epic legt iOS-Geräte zugrunde, die einen in sich abgeschlossenen Markt darstellten.
  • Zu Beginn der öffentlichen Verhandlung sahen die meisten Beobachterïnnen Apple im Vorteil. Epics Chef-Anwalt Gary Bornstein scheint aber einen guten Job gemacht zu haben. Er setzte insbesondere Cook mit seinen Fragen stark unter Druck.
  • Mittlerweile gilt der Ausgang als offener, wobei die meisten Expertïnnen die Argumente von Apple für schlagkräftiger halten. Richterin Yvonne Gonzalez Rogers wird allein entscheiden, es gibt keine Jury. Im Laufe des Prozesses ließ sie bislang keine eindeutige Tendenz erkennen, welcher Sichtweise sie zuneigt.
  • Bis zum Urteil wird es wohl noch Monate dauern. Gonzalez Rogers wird rund 4500 Seiten lesen müssen, die Apple und Epic eingebracht haben. Egal, wie die Entscheidung ausfällt, dürfte es auf jeden Fall eine Berufung geben.
  • Apple könnte den Prozess gewinnen und trotzdem verlieren: Kartellbehörden und Politikerïnnen beobachten das Verfahren genau. Womöglich wäre ein Erfolg vor Gericht ein Pyrrhussieg (Spiegel), weil dann Kartellermittlungen oder restriktivere Gesetze folgen (Protocol).
  • In der EU läuft bereits ein Kartellverfahren gegen Apple, das Spotify vor zwei Jahren angestoßen hatte. Im Februar beschwerte sich dann Epic bei der EU-Kommission. Klar ist: Nachdem sich Aufsichtsbehörden und Regierungen lange Zeit auf Facebook und Google konzentriert hatten, droht nun auch Apple Regulierung (Axios).

Hurra, hurra, die Urheberrechtsreform ist da

  • Oder sollten wir eher sagen: oje? Seit mehr als zwei Jahren begleiten wir in diesem Newsletter die EU-Urheberrechtsrichtlinie und ihre Umsetzung in nationales Recht. Long story short: Glücklich ist damit niemand.
  • Am vergangenen Donnerstag hat nun der Bundestag endgültig zugestimmt, damit steht fest: Die Große Koalition und insbesondere die CDU hat ihr Versprechen gebrochen, die Reform ohne Upload-Filter umzusetzen.
  • Das war seit dem Moment abzusehen, als das EU-Parlament 2019 die Richtlinie verabschiedete. Die Formulierungen ließen den nationalen Parlamenten an dieser Stelle wenig Spielraum. Umso unglücklicher erscheint rückblickend die Protokollregierung (Netzpolitik), die die Bundesregierung damals abgab.
  • Inhaltlich hat sich seit unserer letzten umfangreichen Analyse in Briefing #700 wenig getan.
  • Die Änderungen betreffen im wesentlichen Upload-Filter für Livestreams von Sportveranstaltungen und Ausnahmen für Memes, Remixe und Fan-Fiction. Julia Reda gibt einen Überblick (GFF).
  • Wenn du dich noch mal grundlegend informieren willst, empfehlen wir die Erklärung samt Folgenabschätzung von Meike Laaff.
  • Wir trauen uns noch keine Prognose zu, wie sich die Reform auswirken wird. Zu viel ist unklar, einige Fragen werden wohl Gerichte klären müssen. Ziemlich sicher sind wir uns, dass sich in entscheidenden Fragen eher die Interessen der Verwerter und Verlage durchgesetzt haben als die der Nutzerïnnen.
  • Grundsätzlich teilen wir die Bedenken von Verbraucherschützern, Bürgerrechtsorganisationen, Netzpolitikerinnen und zahlreichen Urheberrechtsexpertïnnen. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass die Realität weniger schlimm ausfällt als die dramatischen Warnungen vieler Aktivistïnnen. Upload-Filter sind eine Schnapsidee, aber das freie Netz wird deshalb nicht so bald sterben.

Warum die neuen WhatsApp-Nutzungsbedingungen wichtig sind

  • Alles neu macht der Mai? Passend zur Jahreszeit hat WhatsApp seine Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung überarbeitet. Nach mehreren Verschiebungen endete am 15. Mai die Frist, bis zu der Nutzerïnnen den Änderungen zustimmen sollten.
  • Tatsächlich ändert sich für Menschen in der EU jedoch fast gar nichts. Unternehmen erhalten mehr Möglichkeiten, direkt mit Nutzerïnnen zu kommunizieren. Zudem ändert WhatsApp einige Passagen der Datenschutzerklärung, um klarer zu machen, wie es Informationen verwaltet.
  • Die beiden größten Befürchtungen treffen nicht zu: Erstens bleiben Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsselt, WhatsApp kann die Inhalte niemals sehen.
  • Zweitens werden zwar Metadaten mit dem Mutterkonzern geteilt, sodass Facebook erfährt, wer die App wann öffnet und mit wem chattet. In der EU verhindert aber die Datenschutzgrundverordnung, dass diese Informationen für Werbezwecke verwendet werden.
  • Auch die Frist, die vor knapp zwei Wochen auslief, ist wachsweich. "Es werden (…) weder Accounts gelöscht noch die Funktionalität eingeschränkt", versichert WhatsApp selbst. WhatsApp will den Hinweis noch "einige Wochen" lang anzeigen, bis sich das Pop-up permanent über die Chat-Ansicht legt.
  • Dann kann man weiter Sprach- und Videoanrufe annehmen oder Botschaften beantworten. Einen Chat selbst zu starten, ist aber nicht mehr möglich. Nach "ein paar Wochen" soll WhatsApp dann endgültig verstummen. Die vagen Zeitangaben der vergangenen Monate lassen aber Spielraum für weitere Verschiebungen.
  • Die konkreten Auswirkungen sind zu vernachlässigen. Trotzdem finden wir die Aufregung über die Nutzungsbedingungen interessant. Zum einen ist sie ein Lehrstück in Sachen PR: Der größte Kommunikationsdienstleister der Welt hat mies kommuniziert.
  • Der ursprüngliche Hinweis in der App war dürftig, nirgendwo wurden die Änderungen verständlich erklärt. Nach wie vor sind die Informationen über mehrere Dokumente verteilt, die in unterschiedlichen Versionen für die EU und den Rest der Welt vorliegen und sich teils auch noch selbst widersprechen.
  • Zum anderen hat sie viele Menschen dazu gebracht, WhatsApp zu hinterfragen. Wir setzen das in diesem Briefing immer als bekannt voraus, aber wenn man auf der Straße fragt, was Facebook und WhatsApp verbindet, hört man wohl viele ahnungslose Antworten. Das dürfte sich durch die umfangreiche mediale Berichterstattung in den vergangenen Monaten zumindest teilweise geändert haben.
  • WhatsApp ist sicherer als Telegram, aber mit Signal und Threema gibt es bessere Alternativen. Und genau die haben kräftig profitiert. Wir haben unter anderem mit Signal-Gründer Moxie Marlinspike und Threema-Mitgründer Martin Blatter gesprochen.
  • Für beide waren die Kommunikationsfehler von WhatsApp die beste Werbung, die sie sich wünschen konnten. Die Downloadzahlen von Signal und Threema stiegen zu Jahresbeginn und im Mai, als die Aufregung ihren Höhepunkt erreichte, stark an (SensorTower).
  • Beide Apps sind auf dem besten Weg, eine kritische Masse zu erreichen und Netzwerkeffekte für sich nutzen zu können. Sobald man bei einem Messenger einen Großteil seiner Kontakte findet, steigt die Chance signifikant, dass man dort bleibt. Und damit hätte WhatsApp dem Datenschutz und der Vielfalt im Netz unfreiwillig einen großen Gefallen getan.

Audio Boom

  • Facebook testet Clubhouse-Rivalen in Taiwan: Wie bereits seit einigen Wochen bekannt ist, bastelt Facebook an einer eigenen Social-Audio-Variante. Das Unternehmen setzt dabei stark auf die Integration in bereits bestehende Dienste wie Facebook Gruppen und Facebook Messenger. Für den ersten vorsichtigen Rollout hat sich Facebook Taiwan ausgesucht (Bloomberg). Wann und wie ein weiteres Rollout geplant ist, ist noch nicht bekannt.
  • First on Clubhouse: SoundCloud stellt fortan aufstrebende Künstlerïnnen mit einer neuen wöchentlichen Serie auf Clubhouse vor. Präsentiert wird der „First on Soundcloud“-Spinoff von der ehemaligen MTV-Moderatorin Jasmine Solano.
  • Eine Million Clubhouse-Nutzerïnnen sind jetzt auch via Android dabei. Und eine weitere Million befindet sich auf der Warteliste (CNBC).
  • Das Lineup des Clubhouse Creator First Program ist jetzt bekannt. Hier gibt es den Überblick (Join Clubhouse). Sport, Comedy, Sex, Crime, Unterhaltung, LGBTQIA, HipHop, Psychologie, Außerdirdische – die Bandbreite ist groß. Deutsche Shows befinden sich allerdings nicht unter den von Clubhouse gesponserten Inhalten. Well, kann ja noch kommen.
  • Kooperation von SiriusXM und TikTok: Die Musikindustrie hat längst erkannt, wie wirkmächtig TikTok in Sachen Musik- und Jugendkultur ist. Der Deal (Techcrunch) zwischen dem Streaming-Dienstleister SiriusXM und TikTok erscheint nur konsequent: So gibt es fortan offizielle TikTok-Playlists bei Pandora und Pandora-Live-Events auf TikTok. Zudem treten TikTok-Stars als Tastemaker auf – etwa Bella – M to the B – Poarch, die jüngst ihre erste eigene Single veröffentlich hat. TikTok und Musik ist einfach ein Match. Go deep: Big on TikTok, Bella Poarch and Addison Rae push into music (NBC News).

Creator Economy

  • YouTube setzt Creator Fund für Shorts auf: Ja, ja! Jetzt buhlen alle darum, dass Creator doch bitte, bitte auf ihrer Plattform coole Inhalte hochladen mögen! 100 Millionen Dollar nimmt YouTube in die Hand, um Creator davon zu überzeugen, Inhalte bei YouTubes neuem TikTok-Konkurrenten Shorts zu posten. Originaler Content wird bevorzugt, Teil des YouTube Partner Programs muss man allerdings nicht sein. Auch kann man sich nicht für den Fund bewerben. YouTube wählt vielmehr einzelne Videos aus, die bestimmte Meilensteine erreicht haben. Tausende Creator sollen jeden Monat laut YouTube vom Fund profitieren. Zum Vergleich: TikTok schmeißt in den kommenden drei Jahren 266 Millionen Euro (TikTok Newsroom) auf den Markt. Snapchat schüttet jeden Monat einen Millionenbetrag für die besten Inhalte aus (CNBC).
  • Instagram denkt über NFT Marketplace nach: Weil digitale Kunst so ein Thema auf Instagram ist, denkt Insta-Boss Mosseri darüber nach, einen eigenen NFT-Marktplatz bei Instagram zu integrieren (The Information $).
  • Speaking of which: Das „Charlie bit my finger“-Video wurde für 622.000 Euro (Spiegel) via NFT-Auktion verkauft. Da sage noch einer, es ziemt sich nicht, dumme Videos von seinen Kindern ins Internet zu stellen.
  • Mehr Statistiken bei Reels: Künftig erhält man bei Instagram Reels mehr Insights (Techcrunch): nämlich die Anzahl der Accounts, die ein Video erreicht hat, wie viele Leute ein Video gespeichert oder geteilt haben, Peak Concurrent Viewers und welche Formate das größte Engagement erzielen.
  • Der Tipping- und Subscription-Trend ist ungebrochen: Jetzt kündigt auch Snapchat an, dass bis zum Ende des Jahres ein Tipping-Feature integriert werden soll (CNBC). Wir werden dem „Internet goes Abo“-Trend in einer der kommenden Ausgaben einen Schwerpunkt widmen. Heute verweisen wir vorerst nur auf die beiden Überblicksartikel von The Information und Axios.
  • The Ultimate Guide to the Creator Economy: Last but not least haben wir einen spannenden Guide (Antler) gefunden. Wer sich ausführlicher mit all den Facetten der neuen Creator Economy beschäftigen möchte, dürfte damit seine Freude haben.

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Verification is back: Wer das eigene Twitter-Konto verifizieren lassen möchte, bekommt nun wieder die Möglichkeit dazu (Twitter).
    • Zunächst können sich folgende Personengruppen und Accounts um eine Verifizierung bemühen: Mitarbeiter von Regierungen, Unternehmen, Marken, Organisationen, Nachrichten-Organisationem, Journalisten, Menschen aus der Unterhaltungsbranche, Sportler, Gamer, Aktivisten und andere einflussreiche Indiviuen.
    • Später soll der Kreis um folgende Gruppen erweitert werden: Wissenschaftlerïnnen, Akademikerïnnen und religiöse Führerïnnen
    • Wichtig: Es bedarf mehrerer Nachweise: Etwa entsprechender E-Mail-Adressen, Artikel in Zeitungen, Websites mit Link zum Twitter-Account, etc. Zudem muss es sich um vollständige Profile handeln: Foto, Header, ausgefüllte Bio, etc.
    • Wer mit einem verifizierten Account gegen Twitter-Regeln verstößt, kann seinen Status wieder verlieren
    • Hier die Regeln in voller Länge.
  • About-Tab: Twitter führt ein neues About-Tab (Techcrunch) ein. Dort lassen sich dann Angaben zu Pronomen, Location, Verifikation und Interessen machen.
  • Spaces planen: Hosts können jetzt Twitter Spaces planen. Wer ein Event plant, erhält zwei Reminder: Einmal 30 Minuten vor dem Event, ein zweiter Reminder zum Start. Zuhörerïnnen können ein Event abonnieren und erhalten ebenfalls Hinweise zum Start. So wie es aussieht, bastelt Instagram übrigens ebenfalls an einer solchen Option (@alex193a).
  • Ticketed Spaces: Ebenfalls bereits bekannt, aber eben erst jetzt in die Tat umgesetzt, können Nutzerïnnen jetzt Tickets zu ihren Spaces-Events verkaufen (The Verge). Die Voraussetzung dafür: mindestens 1000 Follower, drei Spaces in den letzten 30 Tagen, mindestens 18 Jahre alt. Nach den Gebühren, die Apple und Google einsacken, gehen 80 Prozent an die Creator, Twitter nimmt 20 Prozent der Einnahmen.

TikTok

  • Bulk-Delete Comments: Um die Moderation von Kommentaren zu erleichtern, bietet TikTok jetzt auch eine Bulk-Delete-Funktion (TikTok Newsroom) an. So können bis zu 100 Kommentare auf einmal gelöscht werden.
  • Login Kit: Das Login via Facebook, Google oder Apple ist ja bereits geübte Praxis. Jetzt zieht TikTok nach und bietet ein Login-via-TikTok (Techcrunch) an. Ob mensch sich auf eine dieser Arten identifizeren möchte, ist eine andere Frage. Klar ist: Bei der Anmeldung über eine gute alte E-Mail-Adresse werden die wenigsten Daten gesammelt.
  • Sound Kit: TikTok lebt davon, dass Nutzerïnnen cooles Zeug zu coolen Sounds machen. Um auch all jene Musik auf der Plattform verfügbar zu machen, die nicht durch einen der Major-Deals gecovert ist, kann jetzt das sogenannte Sound Kit (Techcrunch) genutzt werden.
  • TikTok als Recruitement Tool: Teens hängen bis zu 20 Stunden im Monat auf TikTok rum. Da liegt es doch auf der Hand, TikTok auch als Recruitment Tool zu nutzen (Axios). Wer so viel Zeit hat…
  • Green Screen Duet Feature: Das Remixen von TikTok-Videos ist völlig zurecht super populär. Auch wenn der Peak hier wohl schon erreicht sein könnte (siehe One more thing), sorgt TikTok für kreativen Nachschub und ermöglicht nun auch, Videos von Dritten als Hintergrund zu nutzen (Newsroom TikTok).
  • Feeds für bestimmte Kategorien: TikTok arbeitet daran, Feeds für einzelne Kategorien wie etwa Sport, Gaming oder Comedy anzubieten. Damit hätten Nutzerïnnen dann nicht mehr nur den einen Hauptfeed zur Verfügung sondern einzelne Kanäle (Techcrunch). Zeitgemäßes Fernsehen halt. Sagen wir doch.
  • Mehr Reichweite! Bei TikTok können Videos demnächst wohl auch gegen Geld geboostet werden für mehr Reichweite. War ja eigentlich klar, dass das Feature kommt. Ist ja immer das gleiche Game. Erst gaaanz viel Reichweite für umme. Alle dran gewöhnen. Dann drosseln. Dann die Hand aufhalten. Klingt nach einem stabilen Geschäftsmodell, oder?

Clubhouse

YouTube

Instagram

Pinterest

  • Idea Pins: Pinterest geht all in was Stories angeht. Oder ist das mehr als TikTok-Rivale gedacht? Anyway, die sogenannten Idea Pins (Techcrunch) können jedenfalls bis zu 20 Seiten haben mit jeweils maximal 60-sekündigen Videos. Dazu gibt es einen Editor und jede Menge Gimmicks. Sieht spannend aus!

One more thing

Leute sind einfach so großartig! Was für ein tolles Beispiel für gelebte Remix-Kultur!


Header-Foto von Kate Oseen bei Unsplash


Warum die Entscheidung des Facebook Oversight Board größer ist als Donald Trump

Was ist

Fast auf den Tag genau fünf Monate, nachdem Facebook den damaligen US-Präsidenten von seiner Plattform warf, hat das Oversight Board über die Sperre entschieden: Der Bann war grundsätzlich gerechtfertigt, allerdings hat das Board Facebook auch einige knifflige Hausaufgaben mitgegeben.

Warum das wichtig ist

Die Entscheidung hat drei Ebenen, die weitreichende Fragen aufwerfen:

  1. Wie geht es weiter mit Trump, der auch ohne politisches Amt noch eine mächtige Figur mit Millionen Unterstützerïnnen darstellt?
  2. Wie soll Facebook grundsätzlich mit Regierungschefïnnen umgehen?
  3. Wer sollte Facebooks Regeln schreiben und sie auslegen?

In seinen ersten Entscheidungen hatte das Board Facebook mehrfach widersprochen. Der aktuelle Fall war komplex, und die Mitglieder des Boards waren sich nicht komplett einig. Das zeigen auch mehrere abweichende Empfehlungen einer Minderheit des Boards, die in der finalen Entscheidung enthalten sind.

Es war also schwer vorauszusagen, was das Board diesmal sagen würde. Dutzende Journalistïnnen hatten Analysen und Kommentare vorgeschrieben, die sie am Mittwoch um 15 Uhr abfeuern wollten. Dummerweise fiel die Entscheidung anders aus, als sich das die meisten erwartet hatten: Es ist eben kein klares Urteil, sondern ein komplexes, fast 12.000 Zeichen umfassendes Statement – das genauere Betrachtung verdient, als es viele der ersten Reaktionen leisten.

Warum die Entscheidung nötig wurde

Am 6. Januar stürmte ein wütender Mob das US-Kapitol. Trump veröffentlichte mehrere Posts und ein Video, in denen er die Angreiferïnnen verteidigte und Verständnis für sie äußerte. Wir zitieren den Wortlaut, denn er ist wichtig, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

In einem Video, das Trump auf Facebook, Instagram, Twitter und YouTube teilte, sagte er:

We had an election that was stolen from us. It was a landslide election, and everyone knows it, especially the other side, but you have to go home now. We have to have peace. We have to have law and order. (…) This was a fraudulent election, but we can't play into the hands of these people. We have to have peace. So go home. We love you. You're very special. You've seen what happens. You see the way others are treated that are so bad and so evil. I know how you feel. But go home and go home in peace.

In einem Posting schrieb Trump:

These are the things and events that happen when a sacred landslide election victory is so unceremoniously viciously stripped away from great patriots who have been badly unfairly treated for so long. Go home with love in peace. Remember this day forever!

Facebook wertete beides als Verstoß gegen seine "Community-Standards on Dangerous Individuals and Organizations" und sperrte Trump zunächst für 24 Stunden. Einen Tag später weitete Facebook die Verbannung "auf unbestimmte Zeit" aus, mindestens aber für zwei Wochen.

14 Tage später, nachdem Joe Biden das Präsidentenamt übernommen hatte, verkündete Facebook, dass es den Fall an das Oversight Board übergeben habe. Das Gremium sollte entscheiden, ob es richtig war, Trumps Accounts auf Facebook und Instagram unbefristet zu sperren. Außerdem erbat sich Facebook Empfehlungen, wie es mit anderen Politikerïnnen umgehen solle, die ebenfalls gegen Community-Standards verstoßen.

Was das Board entschieden hat

Die Entscheidung umfasst mehrere Teilaspekte:

1. War die Sperre gerechtfertigt?

  • Die Sperre ist dem Board zufolge begründet. Trumps Posts verstießen demnach tatsächlich gegen die Regeln, die auf Facebook und Instagram für alle Nutzerïnnen gelten.
  • Zuschreibungen wie "We love you. You’re very special" oder "great patriots" verharmlosten und unterstützten Menschen, die Gewalt begangen haben. Das ist auf Facebook verboten.
  • Trump habe mehrfach die Lüge verbreitet, die Wahl sei gefälscht gewesen, und seine Anhängerïnnen zum Handeln aufgerufen. Zum Zeitpunkt seiner Posts habe ein unmittelbares Risiko für Gewalt bestanden, Trump habe die Stimmung bewusst angeheizt.

2. War die Dauer der Sperre gerechtfertigt?

  • Facebooks Community-Standards sehen keine unbefristete Sperrung vor, die gleichzeitig die Möglichkeit offenlässt, das Konto zu einem späteren Zeitpunkt wieder freizuschalten.
  • Accounts können entweder temporär für einen klar begrenzten Zeitraum gesperrt oder für immer verbannt werden.
  • Bei Trump hat Facebook also eine Zwischenlösung gewählt, die gar nicht vorgesehen ist. Das lässt das Board Facebook nicht durchgehen.
  • Mit der vagen und willkürlichen Strafe versuche Facebook, sich vor seine Verantwortung zu drücken, schreibt das Board. Diese Entscheidung stehe nicht im Einklang mit den eigenen Community-Standards.

3. Was muss Facebook tun?

  • Das Board will Facebook die Entscheidung nicht abnehmen und verweist sie deshalb an Facebook zurück. Facebook muss die Sperre jetzt neu beurteilen und überlegen, ob es Trump wieder posten lässt oder für immer von der Plattform wirft.
  • Dabei soll Facebook die Schwere vergangener Verstöße und vor allem die Gefahr mit einbeziehen, die künftig von Trumps Account ausgehen könne.
  • Im Gegensatz zu YouTube, das genau dieselbe Herangehensweise wählte, wird sich Facebook also auf die eine oder andere Art und Weise festlegen müssen.

Was das Board Facebook empfiehlt

Neben der Beurteilung der Sperre fragte Facebook das Board nach Policy-Empfehlungen. Dieser Bitte ist das Gremium nachgekommen. Das Statement enthält ein knappes Dutzend teils konkreter, teils allgemeiner Ratschläge. Im Gegensatz zur Trump-Entscheidung sind diese Empfehlungen nicht bindend.

Facebook bezog sich konkret auf politische Machthaberïnnen, das Board erweiterte die Empfehlungen aber auf einflussreiche Nutzerïnnen, unabhängig von ihrem politischen Amt. Schließlich hätten alle Accounts mit großer Reichweite auch eine besondere Verantwortung und stellten ein mögliches Risiko dar, wenn sie ihre Reichweite missbrauchen.

Derzeit gibt es bei Facebook eine sogenannte "newsworthiness"-Ausnahme: Bestimmte Inhalte dürfen online bleiben, wenn sie von öffentlichem Interesse sind, obwohl sie gegen die Community-Standards verstoßen. Dem Board zufolge führt diese Regel zu großer Verwirrung, weshalb Facebook sie genauer erklären müsse.

Das Gleiche, also bessere Erklärungen, wünscht sich das Board auch für Fälle, in denen Facebook einflussreiche Konten vorübergehend sperrt. Es müsse öffentlich erklärt werden, auf welcher Grundlage und welchen Verstößen die Sperre beruhe. Bevor die Sperre aufgehoben werde, solle Facebook prüfen, ob wirklich keine Gefahr mehr bestehe – und den Account gegebenenfalls noch länger sperren.

Weitere interessante Empfehlungen, teils mit zusätzlichen Anmerkungen:

  • "Rapidly escalate content containing political speech from highly influential users to specialized staff who are familiar with the linguistic and political context. These staff should be insulated from political and economic interference, as well as undue influence." (Der letzte Satz bezieht sich womöglich auf Joel Kaplan und anderen Lobbyisten mit klarer politischer Agenda, die in der Vergangenheit mehrfach Facebooks Policy-Entscheidungen revidierten oder beeinflussten.)
  • "Dedicate adequate resourcing and expertise to assess risks of harm from influential accounts globally." (Insbesondere das Wort "globally" ist entscheidend. Schließlich hat sich Facebook meist auf die USA fokussiert, seine Verantwortung in Ländern wie Myanmar oder auf den Philippinen aber oft vernachlässigt.)
  • "Produce more information to help users understand and evaluate the process and criteria for applying the newsworthiness allowance, including how it applies to influential accounts."
  • "Undertake a comprehensive review of Facebook’s potential contribution to the narrative of electoral fraud and the exacerbated tensions that culminated in the violence in the United States on January 6." (Facebook selbst hat seine Rolle zuletzt intern untersucht und ist dabei offenbar zu ganz anderen Ergebnissen gekommen, als Sheryl Sandberg öffentlich beteuert hatte. Mehr dazu in Briefing #718)
  • "Provide users with accessible information on how many violations, strikes and penalties have been assessed against them, and the consequences that will follow future violations." (Das dürfte für viele Menschen eine wichtige Information sein. Tatsächlich wissen Nutzerïnnen oft nicht, warum sie gesperrt werden oder wie nahe sie einer Sperre stehen. Mehr dazu in Briefing #711)

Wie es jetzt weitergeht

  • Die Medienaufmerksamkeit unmittelbar nach der Entscheidung war riesig. Dabei stehen die beiden wirklich wichtigen Daten noch bevor: Facebook hat nun 30 Tage Zeit, um auf die Entscheidung und insbesondere die Policy-Empfehlungen zu reagieren.
  • Bis zum 4. Juni muss sich Facebook also äußern, dabei aber natürlich noch keine fertigen Regeln präsentieren, sondern nur sagen, ob und wie es die Ratschläge umzusetzen gedenkt. Bis die neuen Community-Standards erarbeitet sind, wird es länger dauern.
  • Das gilt auch für die Entscheidung, wie es mit Trump weitergeht. Dafür hat das Board eine Frist von sechs Monaten gesetzt. Bis dahin bleibt, das hat Facebook bereits gesagt, Trump gesperrt.
  • Unabhängig vom Ausgang ist es gut möglich, dass die endgültige Entscheidung dann erneut dem Board vorgelegt wird. Trump erhält also noch bis mindestens 2022 jede Menge Aufmerksamkeit.

Was die Entscheidung bedeutet

  • Für Trump ist die Entscheidung vor allem finanziell ein großes Problem. Wenn er seinen Einfluss in der republikanischen Partei wahren oder ins Rennen für die Präsidentschaftskandidatur 2024 einsteigen will, braucht er Geld (Spiegel).
  • Mit Twitter hat Trump sein wichtigste Mikrofon für immer verloren. Jetzt wäre er auf Facebook angewiesen, um Millionen seiner Anhängerïnnen zu erreichen, zu mobilisieren und vor allem davon zu überzeugen, ihm Geld zu spenden. Er wirbt bereits jetzt wieder in seinen Newslettern um Unterstützung und versucht, Facebook mit einem neu gestarteten Blog zu ersetzen.
  • Dort teilte er dann auch wenig überraschend gegen Facebook, Twitter und Google aus ("total disgrace", "corrupt social media companies ") und wiederholte die alte Leier angeblicher Zensur.
  • Die Entscheidung dürfte aber auch Zuckerberg nicht besonders gut gefallen. Schließlich hat sich das Board geweigert, Facebook die Verantwortung abzunehmen. Jetzt muss Facebook also doch selbst entscheiden – und egal, welchen Weg es geht, dürften Dutzende Millionen Menschen sehr wütend sein.

Was man aus der Entscheidung sonst noch lernen kann

Evelyn Douek hat nicht nur die wohl fundierteste Einschätzung zur Entscheidung geschrieben (Lawfare Blog), sondern weist auch auf drei Details hin, die sonst vielleicht im sehr langen Statement des Boards untergegangen wären:

  • Facebook applies a cross check system to some high profile accounts to "minimize the risk of errors in enforcement." This means that the "decision-making processes are different for some high profile users." All the relevant terms here are left undefined, but these appear to be euphemisms that suggest that Facebook has an escalation process for decisions that might prove controversial.
  • Facebook "never applied the newsworthiness allowance to content posted by the Trump Facebook page or Instagram account." This is quite extraordinary.
  • Despite this newsworthiness policy, Facebook had found Trump had violated its rules five times before Jan. 6, and three times within the last year. There were also 20 pieces of content posted by Trump that were flagged by content reviewers or automation as violating Facebook’s Community Standards but were "ultimately determined" presumably as part of the cross-check process, to not be violations.

Wie wir die Entscheidung einschätzen

  • Selten hat eine Entscheidung ein so großes Spektrum an Reaktionen hervorgerufen – und zwar über alle politischen Lager hinweg. Die Republikaner, allen voran Trump, regen sich natürlich auf, dass die Sperre aufrechterhalten wird. Ihr Lamento ist so erwartbar wie übertrieben (NYT), dass wir nicht im Detail darauf eingehen.
  • Doch auch etliche liberale Kommentatorïnnen kritisieren die Entscheidung scharf. Margaret Sullivan (Washington Post), Ali Breland (Motherjones), das Real Facebook Oversight Board (mehr zum Gegengremium des offiziellen Boards in Briefing #675) und Dutzende einflussreiche Stimmen aus der Zivilgesellschaft (TechPolicyPress) sind sich einig: Das Board habe bewiesen, dass es nicht mehr als ein Feigenblatt sei, um zu verhindern, dass Facebook echte Verantwortung übernehmen müsse.
  • Wir teilen die Einschätzung nicht. Nach vielen Gespräche und mehreren Pressekonferenzen mit Mitgliedern des Boards erscheint uns die Entscheidung sinnvoll und nachvollziehbar.
  • Was Alan Rusbridger (Guardian) und Thomas Hughes über den Prozess erzählen, der zur Entscheidung führte, deutet auf ein wohlüberlegtes, gut abgewogenes Vorgehen hin.
  • Das Statement ist ein klares Signal an Facebook, dass das Board nicht gewillt ist, Entscheidungen zu treffen, um die sich Facebook drücken will.
  • "We felt it was a bit lazy of Facebook to be sending over to us a penalty suggestion that didn't exist in their own rulebook, so to speak, in their own community standards", sagte etwa die frühere Dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt in einem Press-Call. "We are not here to lift responsibility off Facebook. We're here to be independent."
  • Natürlich ist es unbefriedigend, noch länger warten zu müssen und gleichzeitig mit anzusehen, wie Trump wieder und wieder die Schlagzeilen dominiert. Aber in Anbetracht der Umstände gab es keine besseren Alternativen.
  • Ein Teil der Kritik fokussiert sich auf den Aspekt, dass das Board nicht demokratisch legitimiert sei. Das stimmt, ist aber nicht die Schuld von Facebook.
  • Demokratische Kontrolle muss von Außen kommen. Doch nachdem es Regierungen jahrelang versäumt haben, Facebook zu regulieren, ist das Board ein vorsichtiger, erster Versuch der Selbstregulierung.
  • Dahinter mag der Wunsch stehen, Facebook aus der Schusslinie zu nehmen und das eigene Image aufzupolieren. Diese Motivation allein ist aber kein Grund, das Board als Ganzes abzulehnen.

Warum mehr auf dem Spiel steht als Trump

  • Trump ist nicht irgendein Nutzer. Trotzdem ist die Entscheidung über seinen Account letztlich ein Einzelfall. Sie berührt aber Fragen, die größer sind als Trump.
  • Denn, auch das untermauert der Fall Trump, Deplatforming wirkt. Seit er seine Konten verloren hat, ist sein Name fast vollständig aus den Schlagzeilen und den sozialen Medien verschwunden, wie Daten von NewsWhip (Axios) und Crowdtangle (Recode) zeigen. Es geht nicht um Freedom of Speech (Trump kann auf seinem neuem Blog fast alles sagen, was er will), wohl aber um Freedom of Reach.
  • Bislang entscheiden die Tech-Konzerne allein, nach welchen Kriterien moderiert, gesperrt und verbannt wird. Je zentraler ihre Rolle als öffentliche Kommunikationsplattformen wird, desto wichtiger ist es, diesen Prozess zu demokratisieren.
  • Das scheint auch das Oversight Board so zu sehen. "Am Ende ist die Öffentlichkeit der Richter. So sollte es in einer demokratischen Gesellschaft sein", sagte Board-Mitglied Michael McConnell kurz nach der Entscheidung. Lisa Hegemann ordnet das so ein (Zeit Online):

Man könnte das glatt verstehen als Aufruf, eine gesellschaftliche Initiative zu starten, die diese Entscheidungen diskutiert – und das Oversight Board damit überflüssig macht.


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Was geht auf LinkedIn und Xing | Datenschutzfreundliche WhatsApp-Alternativen | Twitter Spaces für alle

Gastbeitrag von Stefanie Gentner, BR Next

Was geht auf LinkedIn und Xing

Instagram, TikTok, Twitch — aber hey, was ist eigentlich mit LinkedIn und Xing. Die beiden Social Media-Kanäle haben durchaus Potenzial, entwickeln sich immer mehr von Business-Netzwerken hin zu Content-Plattformen. Der BR nutzt sie — nicht nur für Unternehmensdinge, sondern auch redaktionell. Das sind unsere Erfahrungen.

Früher haben sich die Leute bei Xing und LinkedIn angemeldet, weil sie einen neuen Job gesucht haben. Da hat sich einiges geändert: Klar, beide Plattformen verstehen sich als Berufsnetzwerk. Inzwischen sind sie aber mehr als bloße Lebenslauf-Datenbanken, manche sprechen schon vom “neuen Facebook” oder “Business-Instagram”.

Den Hype um die Plattformen hat vor allem auch Corona ausgelöst. Netzwerken im Berufsalltag hat sich verändert, heißt: Der virtuelle Austausch hat gegenüber dem physischen an Bedeutung gewonnen.

Entsprechend steigt auch die Promi-Dichte: So ist Ex-Kanzler Gerhard Schröder seit Kurzem auf LinkedIn, und auch Fußball-Profi Thomas Müller postet fleißig. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat im Juli 2020 in einem LinkedIn Live gar Fragen zu den aktuellen Corona-Entwicklungen beantwortet.

Redaktionelle Chancen

Auch der Bayerische Rundfunk ist mit Ideen dabei und entdeckt die neuen alten Plattformen für sich. Zunächst haben wir natürlich sowohl auf LinkedIn als auch auf Xing ganz klassisch einen BR-Unternehmenskanal. Ein wichtiger Fokus sind an dieser Stelle die Themen Recruiting und Arbeitgeberwahrnehmung. Neben der Unternehmenssicht ergeben sich aber auch Chancen für redaktionelle Inhalte — hier sind wir mit drei Use-Cases am Start:

Jobstories

Seit März 2021 gibt es die Seite Jobstories auf LinkedIn. Sie flankiert den gleichnamigen Podcast, in dem die Jobcoach Gianna Possehl Klient:innen in allen Fragen rund um den Beruf unterstützt.

Für die User:innen gibt es Tipps zu Job-Themen — und zwar im Podcast genauso wie — redaktionell durchdacht und plattformgerecht aufbereitet — auf LinkedIn. Heißt: Das Format kann auf LinkedIn genau seine Zielgruppe erreichen. Und: Das Netzwerk ist dabei mehr als bloßer Vertriebskanal.

BR Next

Wir wollen zeigen, wie der BR in den verschiedensten Bereichen an seiner Zukunft arbeitet. Deshalb haben wir Anfang 2020 BR Next ins Leben gerufen. Dabei stellen wir seit dem Start fest: Mehr noch als auf Twitter erreichen wir auf LinkedIn die Menschen, die wir mit unseren Blog-Inhalten ansprechen wollen — Medienschaffende im und außerhalb des BR, Digitalpioniere und junge Kreative auch aus der Tech-Branche.

BR24

Mit der Nachrichtenmarke BR24 sind wir auf allen gängigen Social Media-Kanälen vertreten — was lange gefehlt hat: Xing und LinkedIn. Das hat sich im Frühjahr 2020 geändert — denn seitdem haben wir eine BR24-Seite auf Xing und liefern den User:innen dort täglich die wichtigsten Wirtschaftsnews. Fest steht: Organisches Wachstum ist auf Xing und LinkedIn im Moment noch gut möglich — allerdings auch eine Frage der Ressourcen.

So zeigt sich: Unsere Erfahrungen auf LinkedIn und Xing sind recht vielfältig. Gleichzeitig stehen wir teilweise noch ganz am Anfang und sind gerade dabei, die Plattformen für uns zu entdecken. Dabei packt uns LinkedIn übrigens mehr — weil es spannender, interaktiver, vielfältiger ist. Die Plattform hat einen Moment, heißt es.

Xing ist dagegen irgendwie weniger lebendig, komplizierter und fühlt sich nicht so nach Social Media an. Es gibt beispielsweise keinen klassischen Feed, keine Hashtags oder Vertaggungs-Möglichkeiten. Ein Relaunch soll noch in diesem Jahr geplant sein. Warten wir’s ab — hier kommen derweil ein paar Erfahrungen — mit Fokus auf LinkedIn:

1/ Persönliche Profile sind King!

Wer auf LinkedIn erfolgreich sein will, darf die persönlichen Profile nicht außen vor lassen. “Wir wollen Austausch und eine Debatte”, sagt Sara Weber, die bei LinkedIn ein kleines Redaktionsteam für den DACH-Raum und Benelux leitet. Und das gehe vorrangig über die Menschen. Heißt: LinkedIn bevorzugt persönliche Profile — und zwar in gleich mehrerer Hinsicht:

  • Der LinkedIn-Algorithmus spielt persönliche Profile präferiert aus.
  • Die LinkedIn-Redaktion, die täglich Themen auf eigenen Nachrichtenseiten setzt, kuratiert — und pusht damit — lediglich Content von persönlichen Profilen.
  • Es gibt Funktionen, die ausschließlich persönlichen Profilen zur Verfügung stehen, native Artikel oder Newsletter zum Beispiel.

Was heißt das konkret? Bei der Entwicklung des Jobstories-Podcasts war der Redaktion schnell klar, dass die Kombination mit LinkedIn gut funktionieren kann. Der Ansatz: Einen professionellen Auftritt starten, auf dem die Nutzer:innen mit Hintergrundinfos und weiterführendem Content zu den Podcast-Folgen versorgt werden können. Ein weiterer wichtiger Faktor: Mit den User:innen in Kontakt treten können.

Über den Jobstories-Kanal hinaus posten die Redakteurinnen und Jobcoach Gianna Possehl auch in ihren Kanälen und schreiben im Wechsel LinkedIn-Artikel zu den Themen, die im Podcast stattfinden. Die Kombination bringt Reichweite und Follower:innen-Wachstum. Wichtig dabei: Den Jobstories-Kanal vertaggen.

Handelsblatt, mit mehr als 370.000 Follower:innen einer der erfolgreichsten Kanäle auf LinkedIn, macht das übrigens nicht anders. “Ich verbringe in meinem Job ziemlich viel Zeit damit, die Redakteur:innen immer wieder daran zu erinnern, dass sie ihre Artikel auch selbst posten sollen”, sagt Andreas Dörnfelder, Head of Social Media beim Handelsblatt.

2/ Weniger Blabla — mehr Diskussion!

Sowohl Xing als auch LinkedIn setzen auf seriösen Austausch mit Mehrwert. Die Menschen treffen sich hier im beruflichen Kontext. Der Ton auf den Plattformen ist eher freundlich, die Diskussionen deutlich sachlicher und auch fundierter als beispielsweise bei Facebook — Stichwort Hatespeech und Fake-Accounts. Dabei geht es vorrangig um die Themen Wirtschaft und Karriere, aber — vor allem bei LinkedIn auch um Innovation, Digitalisierung, Trends im Allgemeinen.

LinkedIn schraubt immer wieder am Algorithmus — und hat in letzter Zeit gerne Neues eingeführt, auch um den Austausch anzuregen. So gibt es inzwischen Daumen hoch-, Herzchen- und Applaus-Reactions, ebenso Hashtags und verschiedene Features, wie LinkedInLive, Newsletter, Umfragen oder — zuletzt ausgerollt — LinkedIn Stories.

Für eine gute Posting-Strategie gilt: Die Möglichkeiten nutzen und verschiedene Content-Formate spielen. Ein guter Post sorgt für Engagement und Interaktion. Heißt: Spitz formulieren und zur Diskussion anregen, CTA setzen, und ja: Emojis machen Spaß und erzeugen Aufmerksamkeit — auch auf einem vermeintlich seriösen Business-Netzwerk wie LinkedIn.

Außerdem: Maximal drei — am besten konkrete — Hashtags setzen. Und: Andere Profile vertaggen. Wichtig: Posts, die schnell viele Interaktionen auslösen, fallen auf und werden vom LinkedIn-Algorithmus gepusht. Geteilte Posts bekommen übrigens kaum Reichweite. Deshalb: Lieber selbst posten oder woanders kommentieren und liken.

Zur Posting-Frequenz lässt sich übrigens feststellen, dass weniger zumindest nicht von Nachteil sein muss. Die Halbwertszeit der Beiträge ist auf LinkedIn durchaus länger als beispielsweise bei Facebook oder Twitter. Heißt: Mit zwei bis drei Posts pro Woche ist man gut dabei.

Ein Beispiel aus unserer Praxis: Bei BR Next funktioniert (zumindest bisher) auch nur ein Post pro Woche, um die Sichtbarkeit der Marke zu stärken und einen regelmäßigen Follower:innen-Zuwachs zu erreichen.

Eine Woche South by Southwest-Berichterstattung (17. bis 23. März), in der wir teilweise sogar mehrmals täglich gepostet haben, hat gezeigt: Das hat in dieser Woche kontinuierlich Views, Reads und Besuche auf BR Next gebracht, im Verhältnis zum Einsatz aber letztendlich keinen merklichen Effekt gehabt.

3/ Es gibt eine LinkedIn-Redaktion!

LinkedIn (Xing übrigens auch) hat eine eigene Redaktion. Was das für das Netzwerk und unseren Umgang damit bedeutet, haben wir im Februar 2021 erfahren. “Sollen Algorithmen beim Bewerbungsprozess mitentscheiden?” So lautete ein AI-Projekt, das der Bayerische Rundfunk zusammen mit dem Spiegel recherchiert hat. Das Thema wurde schnell bei LinkedIn aufgegriffen — allerdings nicht von uns, sondern in einem kurzen Post einer Userin.

Ihre Frage: “Soll das wirklich die Zukunft beim Bewerben sein?” hat zu zahlreichen Likes und mehr als 90 Kommentaren geführt. Schließlich ist die LinkedIn-Redaktion auf den Post aufmerksam geworden und hat ihn in ihren LinkedIn News kuratiert — was dem Thema nochmal einen Push und Extra-Reichweite verschafft hat.

Das Beispiel zeigt gut, wie das Netzwerk funktioniert: Ein für LinkedIn passendes Thema, eine Userin mit mehr als 15.000 Follower:innen, die eine Debatte anstößt — was dann wiederum dazu führt, dass die LinkedIn-Redaktion aufmerksam wird und das Thema nochmal pusht. So weit, so gut. Einziger Knackpunkt: Bei dieser Geschichte hatten wir rein gar nichts davon — weil die Userin in ihrem Post mit keinem Wort den BR oder BR Next erwähnt hat.

Was nehmen wir für die Zukunft mit: Im besten Fall identifizieren wir frühzeitig für LinkedIn passende Themen, lancieren diese selbst (auch auf persönlichen Profilen!) und halten Kontakt zur LinkedIn-Redaktion.

4/ Achtung Ressourcen!

Wer auf LinkedIn oder Xing stattfinden will, muss das plattformgerecht tun — und das braucht Ressourcen. Da unterscheiden sich die beiden Netzwerke nicht von anderen Social Media-Kanälen.

Die Jobstories-Redaktion hat LinkedIn von Anfang an mitgedacht, sie sieht dort die Community für den Podcast. Heißt: LinkedIn ist mehr als bloßer Vertriebskanal. Es gibt einen Redaktionsplan für beide Ausspielwege, entsprechende Zuständigkeiten im Team. Neben dem Podcast bekommen die User:innen auf LinkedIn Zitattafeln, Bilder und auch längere Service-Artikel mit Tipps zu Themen wie Perfektionismus, Redeangst oder Wiedereinstieg nach der Elternzeit. Klar, das bedeutet Arbeit!

Gleiches gilt übrigens auch, wenn es darum geht, LinkedIn und Xing für die Distribution zu nutzen. Keine Frage: Beide Plattformen sind auch als Reichweitenbringer für Medieninhalte wie die von BR24 interessant. Ihre Nutzerzahlen liegen im zweistelligen Millionenbereich — das haben Newsmarken, wie Handelsblatt, Wirtschaftswoche oder Spiegel und die Süddeutsche Zeitung längst erkannt.

Ein wichtiger Punkt jedoch: Auch das braucht Ressourcen, wenn es gut sein soll! So sind wir mit BR24 bei Xing zwar mit einer Newsseite vertreten — schnell und unkompliziert via rss-Feed (was bei LinkedIn übrigens nicht so einfach umsetzbar ist). Heißt: Die Inhalte werden automatisiert über die BR24-Wirtschafts-Verteilseite ausgespielt — meist nur mit einem kurzen generierten Teaser. Damit sind die Basics erfüllt — allerdings nicht mehr.

5/ Chancen aus Unternehmenssicht — Recruiting neu denken!

LinkedIn und Xing sind Business-Netzwerke — das ist besonders gegenüber den anderen Social Media-Plattformen. Denn: Nur hier richtet sich der Fokus auch auf Themen wie Recruiting und Image bzw. Arbeitgeberwahrnehmung.

Mit Maßnahmen des Employer Brandings kann sich der BR als interessanter und spannender Arbeitgeber darstellen und neue Talente finden. Das gelingt uns mit erfolgreichen Unternehmensseiten auf LinkedIn und Xing und der Innovations-Marke BR Next. Doch es geht noch besser, sagt Ute Maier, Senior Recruiterin im BR. Für sie gilt: Recruiting muss neu gedacht werden.

Recruiting 4.0, digital gestütztes Recruiting, heißt das Stichwort. “Wir wollen und müssen langfristig diverse Zielgruppen erreichen”, so Maier, und als Recruiterin spricht sie nicht für den Content-Bereich, der an dieser Stelle so oft im Fokus steht. Ihr geht es um neue gute Mitarbeitende für den BR.

Dafür braucht es eine Strategie! Maier und ihr Team arbeiten mit Hochdruck an einem Employer Branding Projekt, das voraussichtlich im Sommer/Herbst 2021 gestartet wird. Ein zentraler Punkt dabei: “Gerade in der IT, aber auch in vielen anderen Bereichen, erreichen wir nicht die richtigen Leute.” Dafür müsse man auf den entscheidenden — auch Social Media — Kanälen präsent sein. Ein wichtiges Netzwerk sei LinkedIn, mehr noch als Xing, betont Maier.

Das Thema Corporate Influencer:innen könnte ein nächster Schritt sein. Denn das ist auch ein Punkt: Jeder Mitarbeiter, jede Mitarbeiterin auf LinkedIn und Xing ist Teil der BR-Community, kann sich informieren und vernetzen — und im besten Fall auch das Image des BR stärken. “Man muss sie nur empowern”, sagt Maier. Womit wir wieder am Anfang sind: Persönliche Profile sind King!

Plus: Tool-Tipp (nicht von LinkedIn selbst):

  • Mit diesem Chrome Plug-In findet ihr schnell heraus, welche Hashtags bei LinkedIn sinnvoll sind: https://chrome.google.com/webstore/detail/linkedin-hashtags/kkhmijpchbobncfmiihepfhpbkjnogbl/
  • Eigentlich können auf LinkedIn ja nur persönliche Profile interagieren. Wer aber dieses add-on hinzufügt, kann auch als Unternehmenskanal liken, kommentieren etc.. Trotzdem: Wohl dosiert einsetzen! https://chrome.google.com/webstore/detail/link-company-page-interac/ohbdmbaplkmebiebhbfdpghedojpmlkl?hl=de

Hinweis: Der Erfahrungsbericht ist hier im Original erschienen. Wir bedanken uns bei Stefanie Gentner und dem BR-Next-Team für die Möglichkeit, ihre Xing- und LinkedIn-Erfahrungen hier bei uns im Watchblog ebenfalls veröffentlichen zu dürfen. Wer mag, kann BR Next auf Twitter und auf LinkedIn folgen.


Social Media & Politik

Apple vs Epic

Seit Montag dieser Woche stehen sich Apple und Epic Games vor einem Bundesgericht in Oakland gegenüber. Im Kern geht es um die Frage, ob Apple die Regeln für seinen App-Store allein schreiben und beliebig viel Provision abzwacken darf. In Briefing #660 haben wir ausführlich die Hintergründe beleuchtet. Frühestens in drei Wochen wissen wir mehr.

Entscheidung zu Trump

Am Mittwoch, den 5.5., also heute, wird das Facebook Oversight Board gegen 15:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit verkünden, ob Donald Trump auf Facebook weiter Lügen verbreiten, Hass schüren und Minderheiten diskriminieren darf. Wir hätten da eine Präferenz, sind aber zunächst einmal gespannt auf das Ergebnis der Facebook-Judikative. Am Freitag werden wir die Entscheidung ausführlich einordnen.


Datenschutz-Department

WhatsApp-Alternativen

Bis zum 15.5. müssen WhatsApp-Nutzerïnnen den neuen Nutzungsbedingungen zugestimmt haben. Andernfalls wird das Nutzungserlebnis stark eingeschränkt: das Empfangen und Versenden von Nachrichten ist dann ohne Zustimmung nicht mehr möglich. In Briefing #705 haben wir ausführlich erklärt, warum alle, die bislang keine Bedenken damit hatten, WhatsApp zu nutzen, den Messenger auch künftig weiter verwenden können. Die Nachrichteninhalte bleiben sicher verschlüsselt, die Metadaten landen bei Facebook – alles wie gehabt. Gleichzeitig bleibt unsere Empfehlung richtig, sich lieber einen anderen Messenger als Standard-Messenger zuzulegen – z.B. Threema oder Signal. Bei Kuketz gibt es den perfekten Überblick über sämtliche Alternativen – von der Anwendung für den Durchschnittsnutzer über Messenger für Fortgeschrittene bis hin zu Spezial-Apps für Journalistïnnen und Aktivistïnnen.


Audio Boom

Spaces für alle

Das ging flott: Twitters Clubhouse-Klon Spaces steht jetzt allen Nutzerïnnen zur Verfügung. Wer mehr als 600 Followerïnnen vorweisen kann, darf einen Live-Audio-Chat selbst eröffnen. Wer weniger hat, darf trotzdem an entsprechenden Konversationen teilnehmen, nach Aufforderung des Hosts zudem auch gern mitdiskutieren. Twitter zeigt damit der Konkurrenz, was eine Harke ist: Clubhouse gibt es bislang weiterhin nur auf iOS, Facebook und alle anderen Herausfoderer basteln noch an eigenen Lösungen, Twitter hat für seine 200 Millionen Nutzerïnnen geliefert.

Neue Features bei Twitter Spaces

Mit der Einführung von Twitter Spaces für alle Nutzerïnnen gehen auch diverse Ankündigungen einher, wie sich Twitters Live-Audio-Angebot in den kommenden Wochen weiter entwickeln soll (Techcrunch). Drei Features gehen ins Ohr:

  • Ticketed Spaces: Twitter arbeitet an einem Ticket-Feature, über das Hosts „Karten“ zu Spaces-Events verkaufen können.
  • Co-Hosts: Zudem wird es bald die Option geben, Co-Hosts zu benennen, um bei einem Event nicht alles alleine managen zu müssen.
  • Scheduling: Last but not least soll es künftig möglich sein, Events zu planen. Ein Feature, das bei Clubhouse schon jetzt (über Umwege) möglich ist, bald auch dort direkt in die App direkt integriert werden soll.

Clubhouse boomt (im Nahen Osten)

Twitter hat 200 Millionen aktive Nutzerïnnen, Clubhouse kommt lediglich auf einen Bruchteil davon. Interessanterweise erfreut sich Clubhouse derzeit vor allem im Nahen Osten großer Popularität (New York Times). Der Grund: Die App ermöglicht es derzeit jenseits von Zensur und anderen staatlichen Eingriffen, über Themen zu sprechen, die ansonsten Tabu sind, bzw. unter Strafe stehen. Wir erinnern uns: Auch Twitter und Facebook wurden am Anfang dafür gefeiert, mehr Demokratie in autokratische Staaten zu bringen. Der Arabische Frühling hat dann gezeigt, wie schnell die selben Plattformen dazu beitragen können, Regimegegner ausfindig zu machen und kalt zu stellen. Aktuell ist leider nicht zu erwarten, dass es sich bei Clubhouse anders verhalten sollte.


Follow the money

Twitter kauft Scroll

Twitter hat sich einiges vorgenommen für das neue Jahr: Nach der Übernahme von Revue und dem Launch eines Clubhouse-Klons verkündet das Unternehmen den nächsten, spannenden (und durchaus unerwarteten) Schritt: die Übernahme des Abo-Service-Anbieters Scroll. Wir werden Twitters Rolle im Journalismus in einer der kommenden Ausgaben ausführlicher analysieren. Heute verweisen wir vorerst auf dei Einschätzungen von Om Malik und Sarah Perez sowie Digidays Cheat Sheet.

Weitere Schlagzeilen


Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

Instagram

TikTok


One more thing

Auf Wiedersehen, Nuzzel: Durch die Übernahme von Scroll durch Twitter wird unser geliebtes Nuzzel vorerst dicht gemacht. Wie (und ob) es mit Nuzzel weiter geht, ist bislang nicht klar. Es heißt, Twitter würde sich bemühen, Nuzzels Funktionen bei Twitter zu integrieren. Well, hoffen wir das Beste! Unseren Tipp, wie Twitter zur Nachrichtenzentrale wird, können wir jetzt defintiv von der Seite nehmen. 😭


Header-Foto von KAL VISUALS bei Unsplash


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