Google killt die Tracking-Cookies | Facebook Oversight Board will den Algorithmus sehen | Twitter testet neue E-Commerce-Funktionen

Salut und herzlich willkommen zur 707. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute blicken wir ausführlich auf Googles Entscheidung, Tracking-Cookies abzuschaffen. Was sich nach langweiligem Tech-Nerd-Krams anhört, hat in Wahrheit Auswirkungen auf eine Industrie, in der 292 Milliarden Dollar umgesetzt werden: das Geschäft mit digitaler Werbung steht womöglich vor einer Neuordnung. Wir bedanken uns wie üblich für das Interesse an unserem Newsletter und wünschen ein angenehmes Wochenende! Vor allem: bleibt gesund! Merci, Simon und Martin

Google killt die Tracking-Cookies – und könnte noch dominanter werden

Was ist

Chrome, der mit Abstand größte Browser der Welt, wird von 2022 an sämtliche Cookies von Drittanbietern blockieren. Nun steht fest: Google wird auch keine alternativen Tracking-Methoden entwickeln oder zulassen. Statt Menschen individuell durchs Netz zu verfolgen und auf dieser Grundlage Werbung zu personalisieren, sollen Nutzerïnnen nun Kohorten zugeordnet werden, um ihre Privatsphäre zu schützen.

Warum das wichtig ist

Das Geschäft mit digitaler Werbung ist gigantisch. Bei diesen Zahlen (WSJ) schlackern einem die Ohren:

Google’s heft means the change could reshape the digital ad business, where many companies rely on tracking individuals to target their ads, measure the ads’ effectiveness and stop fraud. Google accounted for 52% of last year’s global digital ad spending of $292 billion, according to Jounce Media, a digital ad consultancy.

Es ist noch zu früh, um genau vorherzusagen, wie genau sich Googles Pläne auf die Branche auswirken werden. Klar ist aber, dass das Ende der Third-Party-Cookies die Art und Weise verändern wird, wie Unternehmen online Daten sammeln und Werbung schalten.

Auf dem Spiel stehen nicht nur Dutzende Milliarden Dollar und etliche Geschäftsmodelle, sondern auch die Privatsphäre von Hunderten Millionen Nutzerïnnen. Denn mit digitaler Werbung lässt sich zwar unglaublich viel Geld verdienen – die Interessen der Menschen, die diese Werbung zu sehen bekommen, spielen aber oft eine untergeordnete Rolle.

Was Google vorhat

  • Google kündigte bereits Anfang 2020 an (Chromium-Blog), Drittanbieter-Cookies bis 2022 abschaffen zu wollen und durch die sogenannte Privacy Sandbox (Google-Blog) zu ersetzen.
  • Der neue Blogeintrag bestätigt dieses Vorhaben und macht zugleich klar, dass es keinen vergleichbaren Ersatz geben wird.
  • "Today, we’re making explicit that once third-party cookies are phased out, we will not build alternate identifiers to track individuals as they browse across the web, nor will we use them in our products", schreibt Google-Manager David Temkin.
  • Solche Methoden basieren etwa auf (gehashten) E-Mail-Adressen (Techdirt), Browser-Fingerprinting, Favicons oder anderen Identifikatoren. Diese Lösungen genügten weder den Privatsphäre-Erwartungen der Nutzerïnnen noch den regulatorischen Auflagen, sagt Temkin.
  • Künftig soll Chrome nur noch First-Party-Cookies erlauben, also Cookies, die der Betreiber der besuchten Webseite selbst setzt.
  • Anstelle der Tracking-Cookies, die es Dritten ermöglichen, den Browserverlauf nachzuvollziehen, sollen "Federated Learning of Cohorts" (FLoC) treten. Chrome sammelt lokal Daten und teilt Menschen dann in Kohorten ein.
  • Diese Kohorten sollen so groß sein, dass die Anonymität einzelner Nutzerïnnen gewahrt bleibt. Gleichzeitig soll es trotzdem noch möglich sein, relevante Werbung zu schalten.
  • (Wie "anonym" diese Daten letztlich sein werden, ist fraglich: Tatsächlich lassen sich vermeintlich anonyme oder pseudonyme Daten oft doch noch individuell zuordnen – erst recht mit der Menge an zusätzlichen Daten, die Google besitzt.)
  • Das Vorgehen soll die Privatsphäre schützen, da Adtech-Firmen oder Anbieter von Werbenetzwerken wie etwa Facebook über den Browser abseits ihrer eigenen Seiten kaum noch Daten sammeln können.
  • Wenn im April Chrome-Version 90 erscheint, sollen Nutzerïnnen in den Browser-Einstellungen steuern können, ob und wie Tracking möglich ist.

Was Google nicht macht

  • Google schafft weder die Cookies noch die personalisierte Werbung ab. First-Party-Cookies bleiben weiter erlaubt, auch Anzeigen werden nach wie vor möglichst individuell zugeschnitten.
  • Wer Google-Produkte wie die Suche, Maps oder YouTube nutzt, übermittelt also weiter individuelle Daten an Google. Und wenn man eine Nachrichtenseite wie den Spiegel aufruft, kann der Spiegel-Verlag alle Besuche und Seitenaufrufe nachvollziehen. Nur Dritte bleiben außen vor.
  • Der Schritt ist auch nicht besonders revolutionär: Safari und Firefox haben Drittanbieter-Cookies längst verbannt, Chrome zieht nur nach.
  • Da Chrome mittlerweile sowohl am Desktop als auch auf mobilen Geräten den Browser-Markt dominiert, ist dieser Schritt dennoch von großer Bedeutung.
  • Die Ankündigung hat keinen Einfluss auf Tracking und Werbung innerhalb von Apps. Hierfür ist Apples "App Tracking Transparency"-Framework wichtig, das in den kommenden Wochen mit iOS 14.5 starten wird (mehr …

Scroll to Top