Monat: März 2021

Google ist zur Sackgasse geworden | YouTube Shorts: Jetzt hat auch YouTube seinen TikTok-Klon | Twitter forscht an Emoji-Reaktionen

Google ist zur Sackgasse geworden

Was ist

Ein Großteil der Google-Suchen führt zu keinem weiteren Klick. Menschen googeln – und bekommen die gewünschte Antwort schon auf der Ergebnisseite. Aus dem digitalen Wegweiser ist eine gigantische Wissensdatenbank geworden.

Warum das wichtig ist

Das freie Netz ist vom Aussterben bedroht. Big Tech dominiert das World Wide Web, und jeder dieser Konzerne versucht, Menschen möglichst lang im eigenen Ökosystem festzuhalten. Diese Entwicklung ist nicht neu, doch die aktuellen Zahlen verdeutlichen, wie stark sich auch Google gewandelt hat.

Für Seiten, die auf SEO-Traffic angewiesen sind, ist das eine beängstigende Perspektive. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, über Google gefunden zu werden. Deshalb dürfte das Thema auch Kartellbehörden interessieren, die prüfen, ob Google seine Marktmacht rechtswidrig ausnutzt.

Was die Zahlen sagen

  • Rand Fishkin ist SEO-Experte und Gründer der Analyse-Firma SparkToro. Auf Grundlage von SimilarWeb-Daten schreibt er, dass im vergangenen Jahr 64,82 Prozent aller Google-Suchen zu keinem weiteren Klick geführt hätten.
  • Die Zahlen beruhen auf einem globalen Panel mit mehr als 100 Millionen Nutzerïnnen. Trotzdem dürfte das Ergebnis nicht komplett repräsentativ sein.
  • Am besten rundet man also nicht nur die beiden Nachkommastellen weg, sondern macht daraus: mehr als die Hälfte, vielleicht sogar zwei Drittel.
  • Fishkin hatte eine ähnliche Auswertung bereits vor anderthalb Jahren vorgenommen und kam damals auf gut 50 Prozent. Die Zahlen lassen sich aber nicht direkt miteinander vergleichen, weil sie aus unterschiedlichen Quellen stammen und sich die Analyse 2019 nur auf die USA bezog.
  • Grundsätzlich kann man sagen, dass der Klickanteil am Desktop deutlich höher liegt. Dort führen rund die Hälfte der Suchen zu einem weiteren Klick.
  • Wer auf dem Handy oder Tablet googelt, endet aber in mehr als drei Viertel der Fälle in einer Sackgasse.

Was Google sagt

  • Google-Manager Danny Sullivan versucht in einem Blogeintrag, die Behauptungen von Fishkin zu entkräften: „To set the record straight, we wanted to provide important context about this misleading claim.“
  • Danach folgt allerdings kein echtes Dementi, sondern nur zusätzliche Informationen. Die helfen zwar, die aktuellen Daten einzuordnen – wen die grundsätzliche Entwicklung beunruhigt, findet aber wenig Gründe, sich keine Sorgen mehr zu machen.
  • Sullivan beschreibt, dass viele Menschen ihre Suchanfragen umformulierten, ohnehin nur auf der Suche nach schnellen Fakten seien oder Google nutzten, um Unternehmen direkt zu kontaktieren.
  • Jedes Jahr schicke Google Milliarden Menschen zu anderen Webseiten, und der Traffic steige kontinuierlich. Das könnte aber auch an einem insgesamt gestiegenen Suchvolumen liegen. Relevant ist der Anteil der Weiterleitungen – und den verschweigt Sullivan.
  • Google liege das offene Netz am Herzen, die Suche helfe Unternehmen, Verlagen und Creators.
  • All das mag zutreffen. Doch wahr ist auch: Wenn Google weniger Informationen direkt in der Suche präsentiert, besuchen mehr Menschen andere Seiten.
  • Aus Sicht der Nutzerïnnen mag das teils umständlicher sein, aus Sicht der Seitenbetreiberïnnen ist es aber definitiv gewünscht.

Wie und warum Google sich gewandelt hat

  • Als Google vor 17 Jahren an die Börse ging, sagte Gründer Larry Page in einem Interview mit dem Playboy (Kottke): „Wir wollen, dass Sie zu Google kommen und schnell finden, was Sie wollen. Dann schicken wir Sie gern weiter zu anderen Seiten.“
  • Der Reporter fragte Page, was er von Plattformen halte, die Nutzer so lang wie möglich bei sich halten wollten. Antwort: „Wir wollen, dass Sie Google so schnell wie möglich verlassen.“
  • Heute hat Google nichts mehr mit dem Unternehmen zu tun, das Page beschrieb. Früher war Google ein Bibliothekar, der wissbegierigen Menschen sagte, in welchen Büchern sie die hilfreichsten Informationen finden.
  • Heute kennt der Bibliothekar Standort und Klappentext aller Bücher sowie deren Inhalt. Und beantwortet viele Fragen einfach selbst.
  • Für die Besucherïnnen ist das bequem: Sie müssen keine Bücher mehr aufschlagen, sondern erfahren sofort, was sie wissen wollten.
  • Die Autorïnnen sind weniger begeistert: Lesen immer weniger Menschen, verliert ihre Arbeit an Wert.
  • Kurzfristig trifft das nur Schriftstellerïnnen, langfristig die ganze Bibliothek: Hören Menschen auf, Bücher zu schreiben, weil sie nicht davon leben können, dass der Bibliothekar ihre Werke zusammenfasst?
  • Die Antwort auf diese Frage betrifft ein paar Milliarden Menschen und die Zukunft des offenen Netzes.
  • Hinter der Entwicklung steckt der sogenannte Knowledge Graph, den Google seit 2012 pflegt. In diese Sammlung fließen Informationen von Milliarden Seiten ein, die Google systematisch durchsucht, indexiert und aufbereitet.
  • Der Knowledge Graph ist größer als alle Bibliotheken, Datenbanken und Informationssammlungen, die Menschen je erstellt haben. Bereits 2016 soll er 70 Milliarden Fakten enthalten haben.
  • Früher glichen sich fast alle Ergebnisseiten: zehn Links, manchmal eine Anzeige. Wer heute googelt, sieht bei manchen Suchanfragen auf den ersten Blick nur noch Informationen aus dem Knowledge Graph und Ergebnisse, für die Google Geld erhält.
  • Viele Ergebnisse bestehen aus mehreren Werbeanzeigen, Youtube-Videos, einem Kasten mit häufigen Nutzerfragen und einem Auszug aus dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag. Um das erste klassische Suchergebnis zu sehen, muss man mehrfach nach unten scrollen.
  • Manche Unternehmen sehen sich gezwungen, Anzeigen auf ihren eigenen Namen als Suchbegriff zu schalten, damit ihre Webseite überhaupt gefunden wird.
  • Google selbst sagt, man wolle Menschen nicht nur Antworten geben, sondern ihnen helfen, Dinge zu erledigen.
  • Tatsächlich ist der Knowledge Graph praktisch: Wenn die Suche auch Fragen beantwortet, das Wetter anzeigt, Rechenaufgaben löst, Flugpreise vergleicht oder Podcasts abspielt, spart das Zeit.
  • Es stecken aber auch finanzielle Motive dahinter, denn Behalten ist lukrativer als Weiterleiten: Wenn Nutzerïnnen mehr Zeit mit Google, YouTube, Maps oder Gmail verbringen, kann das Unternehmen ihnen entweder mehr Werbung zeigen oder mehr Daten sammeln, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren.

Be smart

In seinem Blogeintrag schreibt Fishkin:

Scholars, economists, technologists, and hopefully a few folks in the antitrust world will likely draw their own conclusions about this data, and while I have strong opinions on the matter, I’ll let the numbers speak for themselves in this post.

Diese Kalkulation dürfte aufgehen. Es ist wohl kein Zufall, dass Google nur zwei Tage, nachdem Fishkin seine Zahlen veröffentlicht hatte, mit einem Eintrag im offiziellen Firmenblog reagierte.

Tatsächlich schauen Kartellwächter gerade in vielen Ländern aus unterschiedlichen Gründen ganz genau hin, was Google macht. 2017 verhängte die EU bereits eine Milliardenstrafe, weil der Konzern seinen Shopping-Dienst in der Suche bevorzugt haben soll. Reiseportale wie Yelp und Tripadvisor hatten geklagt, Google missbrauche seine Marktmacht.


Jetzt hat auch YouTube seinen TikTok-Klon

Was ist

Keine Social-Media-App der Welt wächst schneller als TikTok. YouTube Shorts soll junge Nutzerïnnen im Google-Universum halten. Nach einem Beta-Test in Indien wird der TikTok-Klon jetzt in den USA ausgerollt.

Wie YouTube Shorts funktioniert

  • Das Prinzip ist das Gleiche wie bei TikTok: Videos dürfen höchstens 60 Sekunden lang sein, mit der Multi-Segment-Kamera können Nutzerïnnen viele kurze Clips zusammenschneiden.
  • YouTube hat Verträge mit mehr als 250 großen Labels abgeschlossen (Techcrunch), damit eine große Auswahl an Musik zur Verfügung steht, mit der man die Videos unterlegen kann.
  • Die Filter sind längst noch nicht so zahlreich und ausgereift wie bei TikTok, aber grundsätzlich erinnert das Backend stark ans große Vorbild.
  • Auch das Frontend hat YouTube kopiert und die „For You“-Seite nachgebaut. Navigation und Funktionen ähneln denen von TikTok.
  • Einen großen Vorteil hat YouTube: Man kann die Tonspur jedes Videos der Plattform als Grundlage für einen eigenen Clip nutzen. „We’re planning to create a playground of creativity“, sagt Todd Sherman, der Produktchef von Shorts.

Woran es YouTube Shorts fehlt

  • Da Shorts bislang nicht in Deutschland getestet wird, können wir keine eigenen Eindrücke teilen. Dementsprechend heben wir uns eine ausführlichere Betrachtung für einen späteren Zeitpunkt auf.
  • Für den Moment verweisen wir auf die Kritik von Chaim Gartenberg (The Verge) und Casey Newton (Platformer).
  • Shorts kratze bislang höchstens an der Oberfläche seines Potenzials, schreibt Gartenberg. Es fehlten wichtige Funktionen und eine Möglichkeit für Creator, Geld zu verdienen.
  • Newton bezweifelt, dass es eine gute Idee ist, eine Abspielfläche für kurze Clips in eine Plattform zu integrieren, auf der viele Menschen minuten- oder gar stundenlange Videos anschauen. Er glaubt nicht, dass eine App gleichzeitig beide Zielgruppen und Bedürfnisse bedienen könne.
  • Tatsächlich könnte YouTube schnell überladen wirken, wenn es seine App mit Shorts zusammenführt. Ähnliches ist auch schon bei Instagram zu beobachten, wo Reels manchmal wie ein Fremdkörper wirkt.

Be smart

Bevor wir Shorts nicht selbst ausprobiert haben, wollen wir keine Prognose abgeben, wohin sich die Plattform entwickelt. Grundsätzlich sind die Möglichkeiten aber riesig: Tatsächlich könnte YouTube davon profitieren, dass es bereits einen gewaltigen Videoschatz besitzt, wie Newton schreibt:

Given YouTube’s vast corpus of content, it’s easy to imagine how this might jump-start the ecosystem. I’m sure Shorts creators will have a lot of fun lip-synching to their favorite YouTubers.

Doch Google hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass es kein allzu glückliches Händchen mit Social Media hat. Erinnert sich noch jemand an Google+ oder kann die ungefähr 27 unterschiedlichen Messenger-Plattformen auseinanderhalten, die Google im Monatsrhythmus startet, zusammenlegt und wieder einstampft?

Klar ist auch, dass YouTube mit seinem TikTok-Klon spät dran ist. Facebook hat es mit Lasso schon vor Jahren versucht und ist gescheitert. Dann startete der Konzern mit Reels einen zweiten Versuch und hat offenbar aus seinen Fehlern gelernt. Zumindest die Zahlen deuten daraufhin, dass es jetzt besser läuft.

Shorts hat also große Konkurrenz – und mit TikTok einen Rivalen, der sich nicht so einfach kopieren lässt. In einem Essay beschrieb Eugene Wei vergangenen Monat, wie einzigartig TikTok ist:

Of course, people grab TikToks and share them on YouTube or Twitter or as Reels on Instagram, but those apps receive flattened video files and can’t break them into component parts to be remixed the way you can on TikTok. Those other services are fine endpoints for distribution, but the creativity happens on TikTok. (…)

This is why TikTok’s network effects of creativity matter. To clone TikTok, you can’t just copy any single feature. It’s all of that, and not just the features, but how users deploy them and how the resultant videos interact with each other on the FYP feed. It’s replicating all the feedback loops that are built into TikTok’s ecosystem, all of which are interconnected. Maybe you can copy some of the atoms, but the magic lives at the molecular level.


Social Media & Politik

Studie stellt NetzDG mieses Zeugnis aus

  • Ein Team unter der Leitung des Juristen und Medienwissenschaftlers Marc Liesching hat eine Teilevaluation des deutschen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes vorgelegt.
  • Die Studie „Das NetzDG in der praktischen Anwendung (Carl Grossman Verlag)“ kritisiert das Gesetz gegen Hassrede. Es „bringt wenig und führt zu Overblocking“, fasst Heise die Ergebnisse zusammen.
  • „Die Studienbefunde lassen aus unserer Sicht wenig Raum, Overblocking weiterhin als ‚bloße Spekulation‘ zu bagatellisieren“, sagt Lieschnig (Netzpolitik).
  • Die sozialen Netzwerke hätten in der Befragung teils selbst eingeräumt, dass sie aufgrund des NetzDG im Zweifel mehr löschten, um Bußgelder zu vermeiden.
  • Dem stehe geringer Nutzen gegenüber. Das NetzDG habe entgegen den Aussagen der Bundesregierung „eine nur marginale Bedeutung in der Anwendungspraxis“.
  • Auch deshalb sei es notwendig, genau zu prüfen, ob das NetzDG geeignet, erforderlich und angemessen und damit verfassungskonform sei.

Die Urheberrechtsreform kommt in den Bundestag

  • Apropos kritikwürdige deutsche Netzgesetze: Am Freitag steht die Bundestagsdebatte über die Reform des Urheberrechts an.
  • Den „Entwurf eines Gesetzes zur Anpassung des Urheberrechts an die Erfordernisse des digitalen Binnenmarktes“ haben wir in Briefing #700 ausführlich beleuchtet.
  • Damals beschloss das Bundeskabinett den Gesetzentwurf, inhaltlich hat sich seitdem nichts daran geändert.
  • Wenn du dich über den aktuellen Stand informieren willst, kannst du also einfach unsere Analyse aus dem Februar lesen – oder die Vorschau, die Golem auf die Debatte veröffentlicht hat: „Wie sich die Koalition die Uploadfilter schönredet

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Twitter forscht an Emoji-Reaktionen: Twitter prüft, mehr Reaktions-Optionen (The Verge) einzuführen. Im Moment lassen sich Tweets nur mit einem Herz liken, das könnte sich bald ändern. Ähnlich wie bei Facebook und LinkedIn dürften bald zusätzliche Emojis zur Verfügung stehen.

YouTube

  • YouTube erkennt Produkte in Videos: Ausgewählten US-Nutzerïnnen wird derzeit unterm Videoplayer eine Liste mit Produkten (9to5google) angezeigt, die in dem gerade betrachteten Video zu sehen sind. Ob die Funktion grundsätzlich ausgerollt wird, ist noch nicht klar.

Slack

  • Slack baut Messenger-Funktion massiv aus: Connect DMs heißt das neue Feature mit dem Slack-Userïnnen in Kontakt mit anderen Slack-Userïnnen treten sollen (Protocol) – und zwar Channel- und Workspaces-übergreifend. Via geschäftlicher E-Mailadresse können Einladungslinks versendet werden. Die Konversationen sind an die Organisation der Benutzerïnnen gebunden, existieren aber in einem separaten Abschnitt der Slack-App. Slack erhofft sich dadurch, der zentrale Ort für jegliche Arbeits-Kommunikation zu werden. Der Witz an der Sache: Bereits nach zehn Minuten musste Slack das Feature (vorerst) wieder zurücknehmen, weil die Plattform extremes Spamming verursachte.

Header-Foto von Jonathan Farber bei Unsplash


Wie Creator Geld verdienen können (Part 2) | TikTok: Was über Sicherheit, Datenschutz und Zensur bekannt ist | Quelle Internet: Studie zu Nachrichtenkompetenz

Wie Creator Geld verdienen können (Part 2)

Was ist

In Ausgabe 703 haben wir uns damit beschäftigt, wie Creator auf Plattformen Geld verdienen können – jenseits von Markenkooperationen. Im ersten Teil analysierten wir, wie Kreative auf Facebook, YouTube, Instagram, Snapchat und TikTok Geld verdienen können. Heute geht es um einige neue Apps, die Menschen dabei unterstützen wollen, von ihren Inhalten zu leben.

Warum ist das interessant?

In Ausgabe 703 schrieben wir:

Wir erleben aktuell einen spannenden Wettbewerb um Talente. Der Grund: Facebook, Instagram, YouTube, Twitter, Snapchat und TikTok haben zunehmend die gleichen Features. Den wirklichen Unterschied machen die Inhalte. Die Inhalte aber kommen eben nicht von den Plattformen, sondern von einer kleinen, aber enorm wertvollen Nutzergruppe: den Creator.

Um keine Nutzerïnnen zu verlieren, müssen die Plattformen also sicherstellen, dass Creator mit ihren Inhalten Geld verdienen können. Die etablierten Plattformen hielten es lange Zeit nicht für nötig, Kreativen entsprechende Optionen zu geben.

Seit gut einem Jahr versuchen immer mehr Start-ups, dieses Versäumnis für sich zu nutzen. Damit meinen wir Plattformen wie Substack, Clubhouse, Patreon, Steady, OnlyFans und Gumroad. Der Erfolg dieser Unternehmen ist der Grund, warum gerade ständig von der "Passion Economy" die Rede ist.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Die Plattformen helfen Creators, aus ihrer Popularität Kapital zu schöpfen – und verdienen daran mit. Ein Beispiel: Die Soziologie-Professorin Zeynep Tufekci hat auf Twitter fast eine halbe Million Follower. Jetzt setzt sie mit ihrem Newsletter bei Substack Zehntausende Dollar im Monat um (siehe Post von der Professorin, brand eins).

So wird aus Aufmerksamkeit Einkommen. Derzeit ist es nicht möglich, Reichweite auf den Plattformen selbst zu monetarisieren, wenn man nicht gerade zum Influencer werden und bezahlte Kooperationen eingehen wollte. Twitter arbeitet zwar an solchen Produkten, bislang existieren sie aber nur als Versprechen.

Substack

  • Substack ermöglicht es, sowohl kostenlose als auch bezahlte Newsletter zu verschicken.
  • An sich ist Substack für Creators gratis. Wenn sie für ihre Newsletter aber Geld verlangen, behält Substack einen Anteil von zehn Prozent.
  • Die Autorïnnen bleiben unabhängig und sind Eigentümer ihrer Mailinglisten und Inhalte. Damit können sie auch zu anderen Plattformen weiterziehen.
  • Auf der Startseite bekommt man einen Eindruck davon, wie viel besonders erfolgreiche Publikationen umsetzen: Die Autorin von "Letters from an America", Heather Cox Richardson, und das Team von The Dispatch erwirtschaften mehrere Hunderttausend Dollar im Jahr mit Substack.
  • Ende vergangenen Jahres schrieb die New York Times gar, dass Richardson bald mehr als eine Million Dollar pro Jahr auf Substack umsetzen werde.
  • Um der Plattform mehr Aufmerksamkeit und Schub zu verschaffen, hat Substack mit ausgewählten Autorïnnen sogenannte Pro-Deals abgeschlossen:

Bei Substack Pro zahlen wir einem Autor einen Vorschuss, der sein erstes Jahr auf der Plattform abdeckt. Die Idee ist, dass die Zahlung für einen Autor attraktiver sein könnte als ein reguläres Gehalt. Im Gegenzug für diese finanzielle Sicherheit erklärt sich ein Pro-Autor damit einverstanden, dass Substack im ersten Jahr 85 % der Abonnementeinnahmen behält. Nach diesem Jahr dreht sich der Deal um, so dass der Autor keine Mindestgarantie mehr erhält, sondern von da an 90% der Abonnementeinnahmen behält.

  • Wer diese Vorschüsse erhält, behält Substack für sich.
  • Medien-Twitter wirft Substack deshalb vor (Vox), undurchsichtige redaktionelle Entscheidungen zu treffen.
  • Substack selbst sagt, dass es die Entscheidung den jeweiligen Autorïnnen überlassen wolle, ob sie den Pro-Deal offenlegen wollten.
  • Insgesamt hätten mehr als 30 Autorïnnen solche Verträge abgeschlossen. Mehr als die Hälfte seien Frauen, mehr als ein Drittel People of Color.
  • Das entkräftet zumindest den oft geäußerten Vorwurf, Substack bezahle in erster Linie weiße, konservative Männer.

Clubhouse

  • Clubhouse ermöglicht es, mit bis zu 5000 Menschen in einem digitalen Raum zu quatschen.
  • Anfang des Jahres löste der Dienst einen Hype bei Medien- und Kommunikationsprofis aus. Wer ein iPhone und eine Einladung hatte, lud zum Clubhouse-Talk.
  • Mittlerweile hat sich das Interesse an Clubhouse deutlich abgekühlt (@ ShaanVP). Die meisten Menschen ohne Job in der Kommunikationsbranche haben ohnehin noch nie davon gehört, allen aufgeregten Schlagzeilen zum Trotz.
  • Das Unternehmen selbst blickt aber voller Zuversicht in die Zukunft und präsentiert ein Accelerator Programm.
  • Das “Creator First Accelerator Program“ richtet sich an Clubhouse-Hosts. Unterstützen möchte das Unternehmen mit Equipment, Kontakten, Sichtbarkeit und einer Art Stipendium.
  • Wie viel Geld es gibt und wie viele Menschen in das Programm aufgenommen werden, ist bislang nicht bekannt.
  • Wer sich bewerben möchte, kann dies über dieses Formular bis zum 31.3. tun.
  • Bereits Mitte Januar kündigte Clubhouse neue Funktionen an, die es ermöglichen sollen, Clubhouse-Creator direkt zu bezahlen.
  • Bislang ist es bei dieser Ankündigung geblieben.
  • Allzu lang sollte sich Clubhouse nicht mehr Zeit lassen, denn die Konkurrenz ist groß: Von Facebook über Twitter bis Telegram basteln gerade alle an der Social-Audio-Plattform der Zukunft.

Patreon / Steady

  • Plattformen wie Patreon und Steady ermöglichen es, Mitgliedschaften zu verkaufen.
  • Bei Patreon kann man Inhalte direkt auf der Plattform hinter einer Paywall veröffentlichen.
  • Das Plug-in des Berliner Unternehmens Steady lässt sich auf externen Webseiten einbinden. Außerdem bietet Steady seit einigen Tagen die Möglichkeit, Newsletter zu verschicken.
  • Beide Plattformen positionieren sich als Rückgrat der Passion Economy.
  • Auch wir nutzen beim Social Media Watchblog Steady, um Abos zu verkaufen. Steady behält eine Provision von 10 Prozent, zudem fallen Kosten für die Zahlungsabwicklung an.
  • Solange über Steady keine Mitgliedschaften verkauft werden, kostet der Dienst nichts.
  • Genau wie Substack verdient Steady nur, wenn du auch verdienst. Folglich hat das Unternehmen ein Interesse daran, mit seinen Nutzerïnnen gemeinsam zu wachsen.
  • Bei Patreon verhält es sich ähnlich. Allerdings variiert der Anteil, den das Unternehmen einbehält, von 5 bis 12 Prozent.

OnlyFans

  • Das Unternehmen OnlyFans ermöglicht es, Inhalte nur für zahlende Mitglieder anzubieten.
  • Die Plattform unterscheidet sich von Seiten wie Patreon oder Steady inhaltlich (Refinery29) und bietet zusätzliche Möglichkeiten: Creator können über OnlyFans Abos verkaufen oder sich für einzelne Inhalte bezahlen lassen. Zudem ist es möglich, Trinkgeld zu geben.
  • Mitgliedschaften können von 4,99 bis 49,99 Dollar angeboten werden.
  • OnlyFans nimmt Berichten zufolge einen Anteil von 20 Prozent am Umsatz.

Gumroad

  • Eine weitere Option, als Creator Geld zu verdienen, besteht darin, digitale Produkte zu verkaufen.
  • Plattformen wie Gumroad machen dies möglich, ohne dass ein Shop über eine eigene Website aufgesetzt werden muss.
  • Egal ob Kurs, Code oder Kunstwerk: Mit Gumroad lassen sich schnell und simpel digitale Dienste und Produkte zu Geld machen.
  • Gumroad nimmt pro Verkauf 8,5 Prozent des Umsatzes und eine Pauschalgebühr von 30 US-Cent.
  • Wer regelmäßig auf Gumroad verkauft, kann Premium-Nutzerïn werden, zahlt zehn Dollar im Monat und bei Verkäufen nur noch 3,5 Prozent Provision.

Be smart

  • Etablierte Plattformen wie Twitter und Facebook haben die Zeichen der Zeit erkannt und nachgebessert.
  • Twitter hat den Newsletter-Anbieter Revue übernommen, um Substack Paroli bieten zu können. Das Unternehmen bastelt an weiteren Funktionen, damit Kreative auf der Plattform Geld verdienen können. Bekannt sind bereits Super Follows, eine Art Abo-Modell (siehe Briefing #706), und Tipping-Funktionen bei Spaces, eine Form von Trinkgeld für Hosts von Twitters Clubhouse-Konkurrenten (9to5Mac).
  • Auch Facebook will Kreativen solche Werkzeuge an die Hand geben – darunter Abo-Funktionen, Newsletter-Optionen und das Betreiben von Website-ähnlichen Publikationen.
  • Normalerweise kündigen weder Twitter noch Facebook frühzeitig an, woran sie arbeiten. Nun halten sie es offenbar für nötig, der Welt mitzuteilen, dass sie das Potenzial der Creator Economy erkannt haben. Das zeigt, wie viel Momentum die kleineren Angebote haben.
  • Die etablierten Plattformen wollen damit verhindern, dass alle zur Konkurrenz rennen und dort ihr Subscription-Business aufziehen.
  • Denn so viel steht fest: Mal eben mit den Abonnentïnnen umziehen, ist extrem schwierig. Je mehr Geld und Abos im Spiel sind, desto schwerer wiegt der Lock-in-Effekt.

TikTok: Was über Sicherheit, Datenschutz und Zensur bekannt ist

Was ist

Forscherïnnen des kanadischen Citizen Lab haben sich sehr ausführlich mit TikTok und dem chinesischen Pendant Douyin beschäftigt. Sie durchleuchteten die Apps, um herauszufinden, ob das Misstrauen berechtigt ist, das TikTok und seinem Mutterkonzern ByteDance entgegenschlägt. Bislang gab es wenig umfassende Analysen, entsprechend oberflächlich blieben die meisten Diskussionen.

Warum das wichtig ist

TikTok ist eine der erfolgreichsten und die am schnellsten wachsende digitale Kommunikationsplattform. Vor allem bei Teenagern hat sie Instagram längst überholt. Monatelang dominierte die absurde Posse um das geplante TikTok-Verbot in den USA die Schlagzeilen. Donald Trump bezeichnete die App immer wieder als "nationales Sicherheitsrisiko" – ohne Belege für seine Anschuldigungen zu haben. Andere Länder wie Indien haben TikTok bereits verbannt.

Doch die Vorwürfe sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es gibt Expertïnnen, die zumindest Vorsicht anmahnen, wenn es um TikTok geht. Zwar landen derzeit wohl keine Daten in China, aber falls die dortige Regierung ByteDance zur Herausgabe zwingen sollte, hat das Unternehmen mit seinem Hauptsitz in Peking wenig Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren.

Dazu kommen Recherchen von Medien wie Netzpolitik, Guardian und The Intercept. Sie deckten auf, dass TikTok zumindest in der Vergangenheit sehr wohl bestimmte Inhalte zensierte und etwa Postings von LGBTQ oder Menschen unterdrückte, die der Algorithmus als dick oder "hässlich" einstufte. TikTok hat diese Fehler zugegeben und Besserung gelobt.

Was das Citizen Lab herausgefunden hat

Die vollständige Untersuchung ist sehr, sehr lang. Zusätzlich veröffentlichten die Forscherïnnen Code auf Github. Wir haben nicht jedes technische Detail gelesen (geschweige denn verstanden), sondern beschränken uns darauf, die zentralen Erkenntnisse zusammenzufassen:

  • Weder TikTok noch Douyin tun Dinge, die sie nicht dürfen. Keine der beiden Apps greift auf Adressbuch, Fotos oder Standortdaten zu, ohne dass Nutzerïnnen dies ausdrücklich erlauben.
  • Allerdings lädt Douyin Code dynamisch nach und kann serverseitig die Konfiguration verändern. Das könnte genutzt werden, um potenzielle Datenschutzverstöße zu verschleiern. TikTok enthält keine vergleichbaren Funktionen.
  • Grundsätzlich sind sich die beiden Apps aber sehr ähnlich. Sie basieren offenbar auf demselben Quellcode. Je nach Markt werden die Apps dann angepasst.
  • Inhalte auf Douyin werden zensiert. Daraus macht ByteDance kein Geheimnis, deshalb hat das Citizen Lab die chinesische App in dieser Hinsicht auch gar nicht weiter untersucht.
  • Um die Zensurwürfe gegen TikTok zu entkräften oder zu belegen, fehlt es den Forscherïnnen an aussagekräftigen Daten. Es gab einige Unregelmäßigkeiten, etwa Postings, die schlagartig verschwanden. Es könnte aber auch sein, dass die Absenderïnnen die Inhalte selbst gelöscht haben.
  • Das Fazit bleibt deshalb vage: "In summary, the evidence we collected is inconclusive about whether TikTok employs political censorship of user posts."
  • Zumindest in den vergangenen Monaten sind uns keine Berichte mehr aufgefallen, die TikTok politisch motivierte oder anderweitig fragwürdige Löschpraktiken nachweisen. Vielleicht hat das Unternehmen tatsächlich dazugelernt.
  • Im Vergleich zu anderen Social-Media-Apps wie Facebook sammelt TikTok eine ähnliche Menge an Daten (also sehr viele). Ein Teil davon fließt auch an Facebook und Google, deren SDKs in der App enthalten sind. Das ist eine weitverbreitete Praxis.
  • Es fließen keine TikTok-Daten direkt nach China. Natürlich wäre es aber möglich, dass die Informationen erst auf anderen Servern gespeichert und anschließen nach China geschickt werden.
  • Die bisherigen Transparenzberichte enthalten keinen Hinweis auf Datenanforderungen aus China. Ob es keine Anfragen gab oder der Bericht unvollständig ist, weiß nur TikTok.

Be smart

Die Untersuchung zeigt eindeutig, dass Douyin eine Plattform ist, auf der die chinesische Regierung das letzte Wort behält. Bei ihrer Analyse haben die Forscherïnnen aber keine Anhaltspunkte gefunden, dass TikTok ein Propaganda- oder Spionagewerkzeug ist.

Allerdings könnte die Einflussnahme subtiler ablaufen. Bereits minimale Änderungen des Algorithmus könnten die öffentliche Meinung beeinflussen, ohne dass sich das nachweisen ließe. Diesen Verdacht wird TikTok wohl niemals ganz ausräumen können.

Unabhängig davon gibt es gute Gründe, TikTok zu meiden (genau wie fast alle anderen Social-Media-Apps):

Data collection on TikTok behaves much like Facebook and other popular social platforms and shares the same privacy issues these apps have. TikTok tracks user behaviour for targeted advertising and platform customization and this data is shared with third parties. If you are not comfortable with that level of data collection and sharing, you should avoid using the app.


Teste deine Nachrichtenkompetenz!

Was ist

Zugegeben: Unsere Überschrift ist etwas verkürzt. Denn in dieser Empfehlung geht es nicht nur darum, dass du den News-Test der Stiftung Neue Verantwortung (SNV) machst. Aber wir dachten, dass wir dich damit vielleicht eher für die begleitende Studie "Quelle: Internet" interessieren.

Die ist nämlich ausgesprochen interessant: Die geschätzten Kollegïnnen Anna-Katharina Meßmer, Alexander Sängerlaub und Leonie Schulz haben untersucht, wie es um digitale Nachrichten- und Informationskompetenzen bestellt ist. Das Ergebnis zeigt: Auch 2021 ist das Netz für viele immer noch relatives Neuland.

Warum das wichtig ist

Wir geben den Studienautorïnnen das Wort, die das gut zusammengefasst haben:

Wie gut Menschen in der Lage sind, Nachrichten zu verstehen, einzuordnen und zu hinterfragen, kann Einfluss darauf haben, ob Menschen anfällig für Populistïnnen werden, Vertrauen in Institutionen verlieren oder Falschnachrichten millionenfach an Freundïnnen und Familie verbreiten.

Die Nachrichten- und Informationskompetenz der Bevölkerung hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen und ist zu einem kritischen Faktor für Demokratien geworden. (…) Bürgerïnnen müssen für jede einzelne Nachricht jedes Mal aufs Neue selbst darüber entscheiden, ob eine Quelle oder Information für sie vertrauenswürdig ist. Und ob sie sie lesen, liken, oder sogar teilen beziehungsweise weiterleiten.

Was die Studie untersucht hat

Die Grundlage bildet der News-Test, den du auch selbst machen kannst. Er deckt das gesamte Spektrum der digitalen Nachrichtenkompetenz ab:

  • die Fähigkeit zur Navigation in digitalen Medienumgebungen
  • die Beurteilung der Qualität von Nachrichten und Inhalten
  • das Prüfen von Informationen
  • die Diskursfähigkeit
  • Kenntnisse über die Funktionsweise von digitalen Öffentlichkeiten

Dafür wurden im vergangenen Herbst knapp 5000 Menschen via Online-Interviews befragt und getestet. Die Stichprobe ist repräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung mit Internetzugang in Deutschland ab 18 Jahren.

Was dabei herausgekommen ist

Kathy, Alex und Leonie brechen die Ergebnisse auf acht zentrale Erkenntnisse herunter:

  1. Menschen fällt es schwer, zwischen Desinformation, Information, Werbung und Meinung zu unterscheiden. Mehr als die Hälfte hält ein Advertorial fälschlicherweise für Information. Ein Drittel kann Falschnachrichten nicht identifizieren.
  2. Ein Großteil der Befragten kann gut einschätzen, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist. Das gelingt immerhin 59 Prozent. Allerdings fällt es ihnen schwerer, den konkreten Interessenkonflikt zu benennen.
  3. Die Labels, mit denen etwa Facebook Desinformation kennzeichnet oder YouTube auf die Wikipedia verweist, sind kaum wirksam: Nutzerïnnen nehmen sie gar nicht wahr oder können sie nicht deuten. Noch krasser ist das Ergebnis bei gekennzeichneten Advertorials: Nur sieben Prozent der Befragten erkennen das als Werbung.
  4. Menschen zweifeln an Unabhängigkeit des Journalismus von der Politik. Ein Viertel stimmt der Aussage zu, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren. Nur die Hälfte der Befragten weiß, dass Nachrichten über einen Bundesminister ohne die Genehmigung des Ministeriums veröffentlicht werden dürfen.
  5. Knapp die Hälfte besteht den Test, nur 22 Prozent der Befragten erreichen insgesamt hohe Kompetenzwerte. Im Durchschnitt werden nur 13,3 von 30 Punkten erzielt.
  6. Jüngere Generationen sind kompetenter als Ältere – allerdings abhängig vom Bildungsabschluss. Besonders nachrichtenkompetent sind die hochgebildeten Befragten zwischen 18 und 39 Jahren. Die schlechtesten Ergebnisse erreichen Menschen unter 40 mit niedriger Schulbildung. Generell gilt: Je höher die formale Schulbildung, desto höher die Kompetenzwerte und desto höher auch das Vertrauen in Journalismus und Politik.
  7. Digitale Nachrichtenkompetenz hängt auch mit demokratischer Grundhaltung zusammen. Dazu zählen die Forscherïnnen etwa die Bereitschaft, sich über Politik zu informieren, die Wertschätzung für unabhängigen Journalismus, ein gewisses Grundvertrauen in Demokratie und Medien sowie die Fähigkeit, auch andere Meinungen zu tolerieren. Wer diesen Einstellungen eher ablehnend gegenüber steht, zeigt eine geringere Nachrichten- und Informationskompetenz.
  8. Die politische Einstellung beeinflusst die digitale Nachrichtenkompetenz. Anhängerïnnen der FDP und der Grünen schneiden am besten ab, es folgen Linke und SPD. Die CDU entspricht dem Gesamtdurchschnitt. Abgeschlagen auf dem letzten Platz liegen Sympathisantïnnen der AfD. Das kann aber auch daran liegen, dass die Parteipräferenz mit anderen wichtigen Faktoren wie Bildung, Alter und demokratischer Grundhaltung korreliert.

Was die Autorïnnen schlussfolgern

Die Befragten schneiden insgesamt in fast allen Kompetenz-Bereichen überwiegend mittelmäßig bis schlecht ab. Oft fehle es an ganz konkreten Kenntnissen und Fähigkeiten. Deshalb stellt die Studie drei Forderungen auf:

  1. Es braucht bessere digitale Schul- und Erwachsenenbildung
  2. Es braucht transparente journalistische Angebote
  3. Es braucht bessere Plattform-Architekturen

Der erste Punkt ist seit Jahren der wohl meistzitierte Satz auf allen Podiumsdiskussionen, die sich mit Falschnachrichten, Medienkompetenz und digitaler Bildung beschäftigen. Deutlich spannender finden wir die anderen beiden Forderungen.

Medien seien dafür verantwortlich, Grundsätze des journalistischen Handwerks verständlich und transparent zu vermitteln. Plattformen müssten ihre Funktionslogik ändern, die Desinformation eher begünstigt als eingrenzt. Auch das sind keine Breaking News – aber selten waren diese Forderung so gut durchargumentiert und von so vielen Zahlen gestützt, die deutlich machen, wie groß der Handlungsbedarf ist.

Be smart

Endlich passt diese Zwischenüberschrift mal richtig perfekt. Einer von uns hat 26,5 Punkte erzielt. Und du?


Audio Boom

Telegram goes Clubhouse

  • Telegram erlaubt Live-Gespräche ohne Teilnehmerbegrenzung.
  • Inhaber und Gruppenadmins können die Sprachchats aufzeichnen und später veröffentlichen.
  • Analog zu Clubhouse können stummgeschaltete Userïnnen die Hand heben, um zu sprechen.
  • Admins können direkt Einladungslinks versenden, dabei ist zwischen Links für Sprecherïnnen und Zuhörerïnnen zu unterscheiden. So muss Sprecherïnnen nicht erst die Erlaubnis erteilt werden, sprechen zu dürfen.
  • Telegram bietet die Möglichkeit, einem Gespräch mit dem persönlichen Konto oder als eigenständiger Kanal beizutreten.

Twitter: Eigenes Tab für Spaces

  • Laut Reverse-Engineering-Profi Jane Manchun Wong tüffelt Twitter an einem eigenen Tab für TwitterSpaces.
  • Sieht ganz danach aus, dass Twitter es wirklich ernst meint mit seinen Ambitionen, Clubhouse ordentlich Konkurrenz zu machen.

Social Media und Journalismus

TikTok-Fund für Publisher

  • Der Creative Learning Fund kommt mit neuem Namen zurück – dem Instructive Accelerator Program (Digiday). Das Programm ist an Publisher gerichtet, die von TikTok dafür bezahlt werden, lehrreiche und informative Videos zu produzieren. Dabei stehen vor allem die Themen psychische Gesundheit, Sport, Mode, Videobearbeitung und Musik im Fokus.
  • Die Anzahl der Teilnehmerïnnen wird zunächst auf 25 beschränkt. In der Planung steht aber, das Angebot um Themen wie Wissenschaft, Bildung und DIY auszubauen.
  • Welchen Betrag TikTok den Creatorïnnen zahlt, ist bislang nicht bekannt. Im letzten Jahr wurde einzelnen Creatorïnnen 50.000 $ ausbezahlt, um 35 Beiträge über einen Zeitraum von sieben Wochen zu veröffentlichen.
  • Das diesjährige Programm umfasst vier achtwöchige Zyklen, in denen die Publisher viermal pro Woche Videos bringen müssen.
  • Partner, die den Anforderungen von TikTok nicht genügen, können durch einen anderen Partner ersetzt werden. TikTok berücksichtigt bei der Auswahl der Bewerber nicht nur den Auftritt auf der eigenen Plattform, sondern zieht auch die Präsenz auf Instragram, YouTube und Facebook in Betracht.

Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • Echtzeit Counter für YouTube-Abos: YouTube fügt einen Live-Counter für Abos in die Channel Analytics ein. Bisher waren die annäherungsbasierten Informationen nur über Drittanbieter möglich. Der Abozuwachs wird nun grafisch in einem Diagramm dargestellt. Dabei lässt sich der Verlauf in unterschiedlichen Zyklen rastern (Woche, Monat, seit Start des Kanals). Bisher gab YouTube noch kein Statement ab, ob die Funktion für alle oder nur für bestimme Kanäle zugänglich ist.

Twitter

  • YouTube Videos direkt in der Twitter App: Seit kurzem ist es möglich, YouTube-Videos direkt in der Twitter App zu schauen (The Next Web). Bislang wurde man umständlich zur YouTube-App weitergeleitet. Vorerst steht die Funktion nur einigen iOS-Benutzerïnnen zur Verfügung. Ob Android-Userïnnen nachrücken werden, ließ Twitter bis jetzt nicht verlauten.

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Facebook zähmt die Gruppen | Wenn Facebook und Google den Account sperren | TikTok plant Gruppenchats

Facebook zähmt die Gruppen

Was ist

Facebook hat "Änderungen, um Gruppen sicher zu halten" (Facebook-Newsroom) angekündigt. Der Entscheidung war heftige interne und externe Kritik vorausgegangen: Gruppen könnten zur Radikalisierung beitragen.

Warum das wichtig ist

Vor genau zwei Jahren entwarf Mark Zuckerberg "A Privacy-Focused Vision for Social Networking" (Facebook). Er nannte damals unter anderem drei große Trends:

Today we already see that private messaging, ephemeral stories, and small groups are by far the fastest growing areas of online communication.

Die Voraussagen sind gut gealtert. Von LinkedIn bis Twitter gibt es kaum noch eine große Plattform, die keinen Story-Klon gebaut hat, immer mehr Menschen kommunizieren über Messenger – und Gruppen haben den Newsfeed abgehängt.

Diese Entwicklung bietet die Chance, Menschen mit ähnlichen Interessen zu vernetzen und fokussierte, engagierte Diskussionen mit guter Debattenkultur zu befördern. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass sich Nutzerïnnen in geschlossene Räume zurückzuziehen, um dort ungestört zu hetzen, Verschwörungserzählungen zu verbreiten, sich gegenseitig in ihrem Rassismus zu bestätigen oder den Sturm auf das Kapitol zu planen.

Genau das ist passiert – und dagegen will Facebook nun (endlich) entschlossener vorgehen.

Was Facebook unternimmt

  • Die jüngsten Schritte setzen eine Entwicklung fort, die vor Jahren begann. "How Do We Help Keep Private Groups Safe?" (08/2019) und "Our Latest Steps to Keep Facebook Groups Safe" (09/2020) beinhalten bereits erste Maßnahmen.
  • Im vergangenen Oktober hörte Facebook in den USA bis auf Weiteres auf, politische Gruppen zu empfehlen (BuzzFeed), im November wurden Gruppen, die Desinformation teilten, auf Bewährung gesetzt (Washington Post), im Januar verkündete Facebook, aus der vorübergehenden Empfehlungspause einen dauerhaften Stopp zu machen (CNBC).
  • Nun sollen die oben genannten Maßnahmen im Laufe der kommenden Monate global eingeführt werden. Bislang galten sie nur in den USA.
  • Zudem gibt es feinere Abstufungen: Wenn Gruppen gegen Facebooks Richtlinien verstoßen, werden sie künftig sukzessive abgestraft und seltener empfohlen.
  • Je mehr Verstöße Facebook erkennt, desto drastischer wird die Drosselung. Schließlich wird die Gruppe komplett entfernt.
  • Falls bestimmte Gruppen Facebooks Ansicht nach eine unmittelbare Bedrohung darstellen, sollen diese Schritte übersprungen werden. Dann löscht Facebook sofort und ohne Vorwarnung.
  • Menschen, die einer Gruppe beitreten, die in der Vergangenheit gegen die Community-Standards verstoßen hat, werden benachrichtigt und somit vorgewarnt. Wer bereits Mitglied einer solchen Gruppe ist, sieht deren Inhalte seltener in seinem Newsfeed.
  • Administratorïnnen und Moderatorïnnen müssen jeden einzelnen Beitrag freischalten, sofern eine signifikante Anzahl der Gruppenmitglieder gegen Richtlinien verstoßen hat oder Teil einer anderen Gruppe ist, die Facebooks Standards verletzt.
  • Falls trotzdem wiederholt Postings zugelassen werden, die Facebook als illegal erachtet, entfernt Facebook die Gruppe.
  • Wer mehrfach in einer Gruppe gegen Richtlinien verstößt, kann eine Zeit lang in gar keiner Gruppe mehr posten und auch keine neuen Gruppen erstellen.

Warum Facebook jetzt handelt

  • In den vergangenen Monaten haben sowohl Facebook-Angestellte als auch Forscherïnnen und Medien immer wieder vor den Risiken gewarnt, die von Gruppen ausgehen.
  • Unter anderem sagte ein Entwickler im September (The Verge): "A user enters one group, and Facebook essentially pigeonholes them into a lifestyle that they can never really get out of."
  • Die QAnon-Sekte, die gewalttätige Boogaloo-Bewegung (TechCrunch) und "Stop the Steal"-Aktivistïnnen koordinierten sich maßgeblich in Facebook-Gruppen (WSJ).
  • Ende Januar enthüllte das Wall Street Journal, dass 70 der 100 aktivsten Civic-Groups in den USA Hass, Desinformation, Mobbing oder Belästigungen beinhalteten und deshalb nicht in Facebooks Empfehlung auftauchten.
  • Die Zahl stammt aus einer internen Facebook-Präsentation. Die Facebook-Wissenschaftlerïnnen bilanzierten deshalb: "We need to do something to stop these conversations from happening and growing as quickly as they do. (…) Our existing integrity systems aren’t addressing these issues."
  • Erst am vergangenen Wochenende berichtete die Washington Post über eine weitere interne Studie. Demnach ist eine kleine Anzahl der Nutzerïnnen für einen Großteil der Anti-Impf-Desinformation verantwortlich – und diese seien besonders in Gruppen mit QAnon-Bezug aktiv.

Be smart

Die Änderungen sind überfällig und klingen grundsätzlich sinnvoll. Allerdings enthält der Blogeintrag viele vage Wörter und Angaben. Facebook argumentierte in der Vergangenheit meist, dass es allzu präzise Festlegungen vermeide, um Extremistïnnen nicht die Möglichkeit zu geben, haargenau bis an die Grenze des Erlaubten zu gehen.

Evelyn Douek hält das für wenig überzeugend. Sie sieht eine verpasste Chance (Twitter):

Some good ideas here but vague language ("restrictions getting more severe as they accrue more violations"; penalties when a "substantial number" what is that? of members violate rules) is too opaque & misses an opportunity to shape user behavior. Groups are a known problem and a strikes system is a good idea, but without details it becomes a "just trust us (…)" and diminishes the deterrence and educational effects for users.


Wenn Facebook und Google den Account sperren

Was ist

In den vergangenen Wochen sind einige Fälle von Kontosperrungen bekannt geworden (SZ), für die es keinen öffentlich nachvollziehbaren Grund gibt. Für die Betroffenen ist das eine Katastrophe: Von einem auf den anderen Tag stehen sie ohne ihre E-Mails, Fotos, Dokumente oder privaten und beruflichen Kontakte dar. Es ist schwierig, bis unmöglich, mit den Konzernen in Kontakt zu kommen, um die angeblichen Ursachen zu erfahren und sich gegen die Sperre zu wehren.

Warum das wichtig ist

Es mögen nur Einzelfälle sein, doch sie zeigen, wie gefährlich es ist, sein digitales Leben in die Hand weniger Tech-Konzerne zu legen. Die meisten Menschen realisieren erst, wie abhängig sie sind, wenn es zu spät ist.

Was Samira Djidjeh erlebte

  • Samira Djidjeh ist Digitalunternehmerin und erste Vorsitzende der Digital Media Women.
  • Vor drei Wochen wurde sie plötzlich aus ihrem Facebook-Konto ausgeloggt und konnte sich nicht mehr anmelden. Facebook forderte sie auf, ihren Ausweis oder ein anderes offizielles Dokument hochzuladen, um ihr Alter zu bestätigen.
  • Logisch erklären kann man sich das nicht: Djidjeh ist seit zwölf Jahren bei Facebook angemeldet. Das Mindestalter ist 13. Djidjeh ist fast dreimal so alt.
  • Djidjeh ist für ihre Arbeit auf Facebook angewiesen. Die Digital Media Women vernetzen dort knapp 18.000 Frauen, es ist die wichtigste Plattform.
  • Djidjeh sieht nicht ein, warum sie nach zwölf Jahren plötzlich Personalausweis oder Führerschein herzeigen soll. "Mich ärgert vor allem die Art und Weise, wie dieser Nachweis eingefordert wird. Kein Grund, keine Erklärung, nichts", sagt sie.
  • Zudem füttert sie Facebook ohnehin schon mit ihren Daten und will dem Datenschatz nicht auch noch offizielle Dokumente hinzufügen.
  • Sie steht in Kontakt mit Facebook, erhält aber nach wie vor nur die Auskunft, dass sie ihr Alter verifizieren solle.

Was Facebook sagt

  • Facebook kommentiert Einzelfälle nicht öffentlich, legt aber nahe, dass Djidjeh doch einfach ein Dokument hochladen solle, statt sich und dem Unternehmen wochenlang so viel Mühe zu machen.
  • Tatsächlich hat Facebook gute Gründe, Menschen nach ihrem Alter zu fragen. Ende Januar starb in Italien eine Zehnjährige, die sich selbst strangulierte, um andere Nutzerïnnen auf Tiktok zu beeindrucken.
  • Seitdem erhöhen Verbraucherschützerïnnen den Druck auf die Plattformen. Sie müssten sicherstellen, dass sich keine Kinder anmelden können.

Was anderen Menschen widerfährt

  • Die Erfahrungen von Djidjeh sind kein Einzelfall: Immer wieder sperren große Plattformen Nutzerïnnen ohne offensichtlichen Grund – und nur selten reicht es, einen Ausweis hochzuladen, um wieder auf das Konto zugreifen zu können.
  • Googles Support-Foren sind voll mit verzweifelten Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Sie können Beschwerde einlegen, wissen aber gar nicht (Twitter / Miguelyto), was ihnen vorgeworfen wird.
  • Teils trifft es Nutzerïnnen, die sich seit 15 Jahren auf Gmail verlassen (Business Insider) und von einem auf den anderen Tag den Zugriff auf alle Nachrichten verlieren.
  • Vergangenes Jahr trug Golem knapp 40 Fälle von Microsoft-Nutzerïnnen zusammen, deren Konten ohne Vorwarnung gesperrt wurden.
  • Noch härter hat es den US-Amerikaner Chris getroffen, der gegen Googles Richtlinien verstoßen haben soll, aber keine Ahnung hat, was er falsch gemacht haben könnte.
  • Auf Twitter beklagt er sich, dass er neben E-Mails und Dokumenten auch den Zugriff auf Google Fi, Google Fiber und Google Pay verloren habe – und damit seinen Telefonvertrag, Internetzugang und die App, mit der er Schulden bezahle.
  • Über Nacht habe ihn Google benachrichtigt, erzählt er. "Und als ich morgens aufgewacht bin, war alles weg." Er sei arbeitslos und sehe nun nicht mehr, wenn ein Unternehmen auf seine Bewerbung antworte.

Warum nicht alle Vorwürfe berechtigt sind

  • Viele Schilderungen lassen sich schlecht überprüfen, da die angeblichen Opfer womöglich Aspekte verschweigen oder versehentlich gegen Richtlinien verstoßen haben.
  • 2019 wurden etwa Hunderte Google-Konten vorübergehend gesperrt (Android Police), nachdem die Nutzerïnnen während eines YouTube-Livestreams allzu eifrig mit Emojis kommentiert hatten.
  • YouTubes Algorithmus hatte den echten Enthusiasmus für Spam gehalten und die vermeintlichen Bots verbannt.
  • Zudem kommentieren die Plattformen die Fälle fast nie öffentlich. Das hat auch juristische Gründe, lässt aber Raum für Spekulationen – die nicht immer gerechtfertigt sind.
  • Oft machen solche Einzelfälle dann eine große Welle und lösen Empörung aus. Wenn das Problem einige Tage später gelöst wird, bekommt das kaum noch jemand mit. Hängen bleibt die angeblich willkürliche Sperre.

Wo die Plattformen versagen

  • Wenn man mit Betroffenen spricht oder ihre Schilderungen auf Twitter, Reddit und anderen Foren liest, zeigt sich eine Gemeinsamkeit: Die mächtigsten Kommunikationsplattformen der Welt bieten kaum Kommunikationskanäle für Menschen, denen der Zugang zu dieser Infrastruktur verwehrt wird.
  • Manchmal hilft Öffentlichkeit: Ein Autor und Fotograf erhielt sein Apple-Konto zurück, nachdem er seine Funktion als IT-Chef von Quartz nutzte, um seinen Fall dort zu schildern.
  • Der Entwickler des Videospiels Terraria stritt sich mehr als einen Monat mit Google um seinen Account, den das Unternehmen blockiert hatte. Er drohte, das Spiel nicht wie geplant bei Googles Streaming-Dienst Stadia zu veröffentlichen.
  • Ende Februar hatte er Erfolg (Terraria-Forums): Sein Konto wurde entsperrt, Terraria erscheint nun doch.
  • Doch die meisten normalen Menschen können von solchen Hebeln nur träumen. Sie können sich nicht wehren und haben oft das Gefühl, der Willkür der Algorithmen hilflos ausgeliefert zu sein.
  • Einerseits drängen die Konzerne Menschen dazu, sich mit Haut, Haar und allen Daten in die geschlossenen Ökosysteme zu begeben. Andererseits bieten sie kaum Unterstützung, Jahre oder Jahrzehnte des digitalen Lebens wiederzuerlangen, wenn man aus der Online-Welt ausgesperrt wird.
  • Ob es sich um einen Irrtum der Plattformen oder einen Fehler der Betroffenen handelt, bleibt oft unklar: Der Grund für die Sperre wird erst gar nicht genannt.

Be smart

Unserer Meinung nach wären drei Dinge sinnvoll:

  1. Die Plattformen müssten gesetzlich verpflichtet werden, effektive Beschwerdewege zu Verfügung zu stellen, wenn Konten gesperrt werden. Das bedeutet: keine nutzlosen, automatisch erstellten Antworten mit Verweisen auf den Hilfebereich, sondern Menschen, die sich zeitnah um Einsprüche kümmern und sich jeden Fall individuell und vor allem zeitnah anschauen.
  2. Außerdem sollten Transparenzberichte verpflichtend auch aussagekräftige Zahlen über Kontensperrungen enthalten. Blockierte Bots und Spam-Accounts zählen nicht dazu. Es geht darum, wie viele echte Konten gesperrt werden, wie viele Betroffene sich beschweren – und wie oft sie Recht bekommen.
  3. Auf Grundlage dieser Zahlen ist eine Bewertung möglich: Wie verbreitet ist das Problem? Und braucht es zusätzliche Sanktionen, um Konzerne wie Facebook und Google zu zwingen, sich endlich besser um Menschen zu kümmern, die ihre Dienste gern nutzen würden, es aber nicht mehr dürfen.

Audio Boom

Swell – eine App für asynchrone Unterhaltungen:

Der Audio-Boom ist weiter ungebrochen. Swell stellt eine spannende Alternative zum aktuellen Platzhirschen Clubhouse (Techcrunch) dar.

  • Im Gegensatz zum boomenden Konkurrenten läuft die Kommunikation bei Swell nicht in Echtzeit. Man muss nicht live dabei sein, um in dem neuen audiozentrierten Netzwerk nichts zu verpassen. Ganz im Gegenteil: Swell konzentriert sich auf asynchrone Kommunikation.
  • User der App nehmen einen auf eine Maximallänge von fünf Minuten begrenzten Audioclip auf und versehen die Nachricht mit einem Bild oder Link. Anderen Userïnnen steht nun frei, ob und wann sie antworten möchten.
  • Swell bietet neben privaten, asynchronen Audiochats und Gesprächen in der Gruppe die „Swellcasts“, öffentlich zu findende Mini-Podcasts, an.
  • Das Versprechen der App: Weniger FOMO und eine deutliche Qualitätssteigerung der Gespräche. Geschäftsführerin Sudha Varadarajan drückt es so aus: “People really think about what they’re going to say.” Na, das wäre ja mal was…

Ah, übrigens


Schon einmal im Briefing davon gehört

Instagram für Kids

Facebook arbeitet laut BuzzFeed an einer Instagram-Version für Kids. Das Unternehmen schreibt in einem internen Instagram Post: „We have identified youth work as a priority for Instagram and have added it to our H1 priority list“. Konkret soll es um eine Version gehen, die sich explizit an Kinder unter 13 Jahre richtet. Uns gefällt das gar nicht.

Smartes Armband

Facebook arbeitet an einem neuronalen Armband (BuzzFeed), das die elektrischen Signale von Händen lesen und an eine Augmented-Reality-Schnittstelle senden kann. Im Kern geht es um ein Armband, mit dem man ohne Tastatur tippen kann. Die Übertragung könnte sogar funktionieren, ohne die Finger zu bewegen, hört man. Zudem ließe sich mit dem Armband auch eine von Facebook angekündigte AR-Brille steuern. Nächste Woche mehr dazu.


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Publishing Plattform: Jetzt geht Facebook in Sachen Creator Economy in die Vollen: Das Unternehmen plant ein Programm, mit dem "Writer" für ihr Tun bezahlt werden können – und zwar auf einer speziellen "Publishing Platform“ (Axios). Konkretes ist noch nicht bekannt. Wir ahnen aber schon jetzt, dass uns dieses Thema künftig arg beschäftigen könnte. Denn was sollte schon schiefgehen, wenn Facebook eine weitere Plattform plant, auf der Menschen Dinge veröffentlichen können…

YouTube

  • YouTube Shorts startet diese Woche in den USA: Bislang hatten wir noch keine Möglichkeit, YouTubes TikTok-Konkurrenten zu testen. Sobald das passiert ist, blicken wir ausführlicher auf das Thema.
  • YouTube warnt Creator beim Upload vor Copyright-Verletzungen: Creator bekommen nun im Voraus mitgeteilt, ob das hochzuladende Video urheberrechtlich geschütztes Material enthält (The Verge). Schlägt das Tool an, erhält der Uploader die Möglichkeit den betreffenden Teil zu entfernen. Das neue Vorgehen könnte theoretisch dazu beitragen, dass YouTuber ihre Inhalte schneller monetarisiert bekommen.

Instagram

  • Mehr Schutz für junge Nutzerïnnen: Instagram hat eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, um junge Nutzerïnnen besser zu schützen:
    • In Zusammenarbeit mit dem Child Mind Institute und ConnectSafely wurde für US-Nutzerïnnen ein Leitfaden erstellt. Der Leitfaden beinhaltet Sicherheitstools, Datenschutzeinstellungen sowie Tipps für den Einstieg ins Gespräch mit den Kindern rund um das Thema Online-Präsenz auf Instagram.
    • Zudem möchte Instagram mittels Machine Learning das tatsächliche Alter der Nutzerïnnen erfassen.
    • Auch sollen junge Nutzerïnnen vor unerwünschtem Kontakt geschützt werden: Erwachsene Personen werden nun daran gehindert, Nachrichten an Kinder und Jugendliche zu versenden, die ihnen nicht folgen.
    • Instagram warnt Personen unter 18 via DMs vor verdächtigen Accounts, die beispielsweise viele Freundschaftsanfragen an Kinder und Jugendliche schicken.
    • Erwachsenen, die ein verdächtiges Verhalten gezeigt haben, wird es von Instagram schwieriger gemacht, mit Teenagern in Kontakt zu treten.
    • Die Plattform führt für junge Menschen zudem eine neue Funktion ein, die dazu führen soll, dass Nutzerïnnen unter 18 bei der Registrierung ein privates Profil wählen.

TikTok

  • Gruppen-Funktion in Planung: Der chinesische Mutterkonzern ByteDance plant für TikTok die Implementierung einer Funktion für Gruppennachrichten (Reuters). Im chinesischen Ableger der App – Douyin – ist die Funktion bereits seit 2019 verfügbar. Laut einer Quelle, die Reuters vorliegt, soll TikTok zu einer App für soziale Interaktion heranwachsen. Eine Weitere Quelle vermutet, dass der Gruppenchat wahrscheinlich ohne Verschlüsselung daher kommen wird. US-Beiratsmitglied von TikTok und Experte für digitale Forensik, Hany Farid, berichtet, er sei nicht über die Einführung einer Gruppenchatfunktion informiert worden, lässt aber verlauten, dass die Plattform auf Gefahren vorbereitet sein müsse, die eine solche Funktion mit sich bringe. Ja, bitte!

One more thing

Zoom Escaper: Falls du einen Grund brauchst, um ein Meeting schnell zu verlassen: von Echo über weinende Babys (und weinende Männer) bis zu Toilettengeräuschen ist alles dabei. Hier geht es zum Tool: zoomescaper.com. Hier geht es zur Anleitung bei YouTube.


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App: So speicherst du deine Notizen sicher und privat

  • Was: Standard Notes
  • Wie viel: Die Grundversion ist gratis. Das "Extended"-Abo kostet zwischen 2,50 und 10 Euro pro Monat. Die Summe hängt vom Abrechnungszeitraum ab (monatlich, jährlich oder eine Zahlung für fünf Jahre im Voraus).
  • Wofür: Fast alle Menschen machen sich Notizen. Ob auf Post-its, College-Blöcken, in einem leeren Dokument oder per Smartphone-App, fast niemand kommt ohne Einkaufslisten, To-dos und Gedächtnisstützen aus. Standard Notes kann all das – und noch eine Menge mehr.
  • Warum: Wir haben mindestens zwei Dutzend Apps für Notizen durchprobiert – und das ist sehr vorsichtig geschätzt. Die Bandbreite reichte von simplen txt-Dokumenten, die mit Notepad bearbeitet und über das eigene NAS verschlüsselt synchronisiert werden, über Gratis-Dienste wie Google Keep bis zu teurer Software mit unzähligen Funktionen. Hängengeblieben sind wir bei Standard Notes. Das hat folgende Gründe:
    • Das Privacy Manifesto ist eines der überzeugendsten, das wir kennen.
      • Alle Notizen sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt, man könnte den Dienst auch für Passwörter nutzen. Nutzerïnnen zahlen für das Produkt, aber nicht mit ihren Daten oder ihrer Aufmerksamkeit.
      • Alle Apps und Clients sind Open Source und haben einen Security-Audit hinter sich.
      • Es gibt angenehm schlichte und funktionale Apps für alle relevanten Betriebssysteme (iOS und Android sowie MacOS, Windows und Linux). Zusätzlich funktioniert Standard Notes im Browser.
      • Standard Notes überwältigt nicht mit Features, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche: Notizen, sicher und zuverlässig.
      • Das Geschäftsmodell ist überzeugend und wirkt langlebig: Standard Notes verzichtet bewusst auf Lifetime-Abos oder Einmal-Käufe, da diese keine langfristige Entwicklung ermöglichen. Ja, zu viele Abos nerven – aber erstens verkaufen wir selbst eins, zweitens liest sich dieses "Word on Longevity" wirklich überzeugend.
      • Die Entwicklerïnnen (anfangs nur einer, mittlerweile ist das Team gewachsen) sind sehr responsiv und freundlich. Die Apps wird ständig verbessert, Fehler werden schnell und auch am Wochenende behoben.
      • Wer ein Abo abschließt, bekommt etliche zusätzliche Editoren (Markdown, Tasks, Tabellen, Code, Vim etc.), Themes, unbegrenzte Backups für jede Änderung und kann sogar direkt von Standard Notes auf Listed.to publizieren und bloggen.
  • Pro-Tipp: Genau wie das Watchblog hat Standard Notes ein Slack-Team, in dem eine aktive Community Fragen beantwortet, Open-Source-Erweiterungen entwickelt und das Team schnell auf Probleme reagiert.

Wie sich Facebook gegen kritische Recherchen wehrt | Twitter Spaces für alle ab April | Die beste Notiz-App

Wie sich Facebook gegen kritische Recherchen wehrt

Was war

Im vergangenen Briefing empfahlen wir einen Text, für den Karen Hao monatelang recherchiert hatte. Sie porträtierte Facebooks Team für Responsible AI und dessen Chef Joaquin Quiñonero Candela. Wir schrieben:

Die Autorin hat fast 50 Interviews geführt und legt schonungslos offen, wie widersprüchlich und teils komplett gegensätzlich Facebooks Interessen sind. Die ethisch-moralisch geprägte AI-Folgenabschätzung, die gesellschaftliche Risiken minimieren will, verträgt sich nicht mit dem Grundsatz, der Facebook seit seiner Gründung prägt: dem nahezu grenzenlosen Willen zu wachsen – koste es, was es wolle.

Was ist

Facebook ist über diesen Artikel nicht glücklich. Das war absehbar: Hao hatte exklusiven und privilegierten Zugang zu einem Team, über das bislang kaum etwas bekannt war. Wenige Reporterïnnen bekommen so eine Gelegenheit.

Doch statt den glorifizierenden Text über den unermüdlichen Einsatz für verantwortungsvolle Algorithmen zu schreiben, den sich Facebook offenbar wünschte, konzentrierte sich Hao nicht nur auf Quiñonero. Vielmehr beschrieb sie, wie hilflos er und seine Mitarbeiterïnnen oft sind – weil sich im Konzern am Ende oft andere Interessen durchsetzen:

The Responsible AI team’s work is essentially irrelevant to fixing the bigger problems of misinformation, extremism, and political polarization. And it’s all of us who pay the price.

Jetzt fühlt sich Facebook ungerecht behandelt und wehrt sich. Das PR-Team schickte MIT Technology Review eine lange Liste mit angeblichen Fehlern, hochrangige Manager suggerieren auf Twitter, dass Hao bewusst einen falschen Eindruck erwecke und gegen journalistische Standards verstoßen habe.

Warum das wichtig ist

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Facebook über angebliche Falschdarstellungen beklagt. Das ist das gute Recht jedes Unternehmens: Wer öffentlich angeklagt wird, darf und sollte sich öffentlich verteidigen. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit immer wieder Recherchen und angebliche Enthüllungen, die bestenfalls einen Teil der Realität abbildeten und schlimmstenfalls grob in die Irre führten.

Doch nicht jeder Backlash ist berechtigt. Manchmal verrät die Reaktion mehr über Facebooks selbst als über die Arbeit der Journalistïnnen. Im aktuellen Fall können wir das von außen schlecht beurteilen. Aber zumindest die öffentlichen Äußerungen der Beteiligten geben uns wenig Anlass, unsere Empfehlung von vergangener Woche zu revidieren. Im Gegenteil: Die Recherche wird dadurch noch interessanter und relevanter.

So oder so unterstreicht die Kontroverse, wie wichtig es ist, bei solchen "Bombshell"-Stories ganz genau hinzusehen. Manchmal relativieren sich die Vorwürfe, wenn man die Entgegnung der Beschuldigten betrachtet – manchmal bestätigen sie sich. Das mag selbstverständlich klingen, aber die Reaktion auf frühere Skandale und "Skandale" zeigt, dass die Empörung nicht immer die Richtigen trifft.

Wie Facebook Zweifel sät

Die Reaktion verläuft zweigleisig: Einerseits interagiert das PR-Team direkt mit Hao und ihrer Redaktion. Andererseits äußern sich mehrere Facebook-Manager auf Twitter oder in anderen Medien, um ihre Sicht der Dinge darzulegen.

Facebooks Pressestelle habe ihr eine lange Liste mit angeblichen Faktenfehlern zukommen lassen, schreibt Hao auf Twitter. Gemeinsam mit TR-Chefredakteur Gideon Lichfield legte sie detailliert dar, warum der Text keine Falschdarstellungen enthalte. Daraufhin habe Facebook klein beigegeben.

Lichfield wird noch etwas konkreter. In einem Abschiedspost auf LinkedIn (er wechselt zu Wired, was aber nichts mit den aktuellen Ereignissen zu tun hat) schreibt er unter anderem:

Facebook sent us a long, bullet-pointed list of objections to the story, and Karen and I reviewed and annotated them point by point. I sent back the document with a note: "Virtually all of your objections are either incredibly hair-splitting or direct mischaracterizations of what the story says. This confirms our confidence in our reporting, so thank you." Now that felt like the most editor-in-chief-y thing ever.

In einem langen Twitter-Thread erklärt er, warum seiner Meinung nach eine ganz bewusste Strategie dahintersteckt, von der man sich nicht verunsichern lassen dürfe. Zuerst würden angebliche Korrekturen verschickt, die Reporterïnnen und Redakteurïnnen verunsichern solle:

Companies know that editors hate wading through a long list of corrections, and that reporters are often terrified of what the editor may say. (…) Take the time to go through those corrections and, if the reporter and editor did their job well in the first place, most will turn out to be hot air. In that case, push back hard.

Darauf folge der zweite Schritt. Facebook versuche, die Aussage der Recherche zu verzerren, um dann dieser Darstellung zu widersprechen. Im konkreten Fall bedeutet das: Facebook unterstellt Hao (Twitter / Karen Hao), dass sie Quiñonero und sein Team für Responsible AI angreife und ihre Bemühungen diskreditiere.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Ihr Text legt ausführlich dar, wie hart das Team arbeitet und wie gut seine Absichten sind – nur erhalte es nicht die nötige Rückendeckung. Sie schreibt selbst:

As I said earlier, this team is a good team. The people are good people. But they're stuck in a rotten system. Facebook has failed to enable them to do good work.

Lichfield rät, sich nicht einschüchtern zu lassen:

Probably the best things you can do to counter a company's attempts to twist the narrative are, again, to push back against it, enlist other people who have credibility to push back as well, or expose the workings of the strategy (as I'm doing in this thread).

Schließlich versuche Facebook mit dem dritten Teil der Ablenkungsstrategie, auf all die Bemühungen hinzuweisen, die Desinformation eindämmen sollen. Deshalb stimme die Aussage nicht, dass Facebook zu wenig unternehme. Das ist aber irreführend: Nur, weil es auch gute Initiativen gibt, bedeutet das nicht, dass sie ausreichen – und es kann trotzdem zutreffen, dass Facebook bestimmte Projekte stoppt, weil sie wirtschaftlich schaden könnten.

Konkret bezieht sich Lichfeld auf die Tweets von Facebooks AI-Chef Yann LeCun und CTO Mike Schroepfer. Letzterer sagt im Gespräch mit Casey Newton (Platformer) unter anderem:

I reacted pretty emotionally to the article this morning. (…) But if you're going to pick on a team at the company, please don't pick on this one. They're the ones who really are trying to do the good work here. (…) But it just hurts me to hear a bunch of hard-working colleagues who are the best in their field, that people think of them that way. And so that's why I react that way.

Das ist das oben beschriebene Muster: Schroepfer behauptet fälschlicherweise, Hao attackiere das Team, das sie porträtiere. Wer den Artikel in Ruhe liest, kommt zu einem ganz anderen Eindruck.

Worauf Öffentlichkeitsarbeit abzielt

Jede PR-Abteilung versucht, die Berichterstattung über das eigene Unternehmen zu beeinflussen und öffentlich ein möglichst positives Bild entstehen zu lassen. Das ist kein Skandal, sondern ihr Job. Der Job von Medien ist es, trotzdem möglichst unabhängig zu berichten und nicht die Geschichte zu erzählen, die sich das Unternehmen wünscht – sondern jene, die der Realität entspricht (was nicht immer ein Widerspruch sein muss).

Immer wieder erhalten ausgewählte Journalistïnnen besonders privilegierten Zugang und außergewöhnliche Einblicke. So wie Hao oder CNBC-Reporter Sam Shead, der auf Twitter von seiner Recherche im Jahr 2018 erzählt. Binnen weniger Tage führt man Dutzende Gespräche und bekommt eine große Menge an Informationen. Das birgt Gefahren (Twitter / Gideon Lichfield):

A company may promise you unparalleled access and flood you with information, but in doing so it also gets a lot of influence over how you interpret that information and makes it harder for you to step back and see the big picture.

Be smart

Facebook bearbeitet nicht nur Medien, sondern auch die eigenen Angestellten. Ryan Mac und Craig Silverman berichten über ein "Playbook" (BuzzFeed), das Mitarbeiterïnnen Ratschläge gibt, wie sie auf Kritik reagieren können. Insbesondere geht es um Vorwürfe, Facebook trage zur politischen Polarisierung und spalte die Gesellschaft.

In einem internen Webinar sagte Produktchef Chris Cox, mit dem Dokument seien alle dafür gerüstet, mit Freunden und Familie zu Abend zu essen und ihnen zu erklären, warum die öffentliche Wahrnehmung von Facebook falsch sei. Das Narrativ, das Medien erzählten, entspreche meist nicht dem Stand der Forschung.

Diese Sichtweise teilen nicht alle. "This memo is corporate gaslighting disguised as a research brief", sagt eine Person, die früher bei Facebook arbeitete. Ein Forscher der Universität North Carolina ist weniger kritisch. Das Playbook entspreche weitgehend dem Stand der Forschung – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung:

With Facebook, it's never just research. It's research that's running alongside the interests of a multiple-billion-dollar entity.


Kampf gegen Desinformationen

  • Meet Wombo: Auch wenn wir der Meinung sind, dass Memes derzeit noch die größere Gefahr für die Demokratie darstellen, sollten wir die Entwicklung von Deep Fakes nicht aus den Augen verlieren. Erst recht nicht, wenn wir feststellen, dass sich mit manchen Apps kinderleicht Deep Fake Memes erstellen lassen (The Verge).

Audio Boom


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

Twitter

  • Better Image Cropping: Bei Twitter werden die Bilder endlich nicht mehr so bescheuert beschnitten, sondern in voller Größe ausgespielt (Techcrunch).

TikTok

  • Neue Features für mehr Freundlichkeit: TikTok möchte, dass Menschen freundlicher miteinander umgehen auf der Plattform. Dafür launcht das Unternehmen zwei Features: zum einen können Kommentare gefiltert und nur bestimmte sichtbar geschaltet werden. Zum anderen arbeitet TikTok jetzt auch mit einem Prompt, der fragt, ob man/frau das wirklich so posten möchte…

App der Woche: So speicherst du deine Notizen sicher und privat

  • Was: Standard Notes
  • Wie viel: Die Grundversion ist gratis. Das "Extended"-Abo kostet zwischen 2,50 und 10 Euro pro Monat. Die Summe hängt vom Abrechnungszeitraum ab (monatlich, jährlich oder eine Zahlung für fünf Jahre im Voraus).
  • Wofür: Fast alle Menschen machen sich Notizen. Ob auf Post-its, College-Blöcken, in einem leeren Dokument oder per Smartphone-App, fast niemand kommt ohne Einkaufslisten, To-dos und Gedächtnisstützen aus. Standard Notes kann all das – und noch eine Menge mehr.
  • Warum: Wir haben mindestens zwei Dutzend Apps für Notizen durchprobiert – und das ist sehr vorsichtig geschätzt. Die Bandbreite reichte von simplen txt-Dokumenten, die mit Notepad bearbeitet und über das eigene NAS verschlüsselt synchronisiert werden, über Gratis-Dienste wie Google Keep bis zu teurer Software mit unzähligen Funktionen. Hängengeblieben sind wir bei Standard Notes. Das hat folgende Gründe:
    • Das Privacy Manifesto ist eines der überzeugendsten, das wir kennen.
      • Alle Notizen sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt, man könnte den Dienst auch für Passwörter nutzen. Nutzerïnnen zahlen für das Produkt, aber nicht mit ihren Daten oder ihrer Aufmerksamkeit.
      • Alle Apps und Clients sind Open Source und haben einen Security-Audit hinter sich.
      • Es gibt angenehm schlichte und funktionale Apps für alle relevanten Betriebssysteme (iOS und Android sowie MacOS, Windows und Linux). Zusätzlich funktioniert Standard Notes im Browser.
      • Standard Notes überwältigt nicht mit Features, sondern konzentriert sich auf das Wesentliche: Notizen, sicher und zuverlässig.
      • Das Geschäftsmodell ist überzeugend und wirkt langlebig: Standard Notes verzichtet bewusst auf Lifetime-Abos oder Einmal-Käufe, da diese keine langfristige Entwicklung ermöglichen. Ja, zu viele Abos nerven – aber erstens verkaufen wir selbst eins, zweitens liest sich dieses "Word on Longevity" wirklich überzeugend.
      • Die Entwicklerïnnen (anfangs nur einer, mittlerweile ist das Team gewachsen) sind sehr responsiv und freundlich. Die Apps wird ständig verbessert, Fehler werden schnell und auch am Wochenende behoben.
      • Wer ein Abo abschließt, bekommt etliche zusätzliche Editoren (Markdown, Tasks, Tabellen, Code, Vim etc.), Themes, unbegrenzte Backups für jede Änderung und kann sogar direkt von Standard Notes auf Listed.to publizieren und bloggen.
  • Pro-Tipp: Genau wie das Watchblog hat Standard Notes ein Slack-Team, in dem eine aktive Community Fragen beantwortet, Open-Source-Erweiterungen entwickelt und das Team schnell auf Probleme reagiert.

Header-Foto von Brandy Kennedy bei Unsplash


Blackbox Facebook-Feed | Antitrust-Alptraum | Anti-Impf-Desinformation bei Instagram | Best-Practice für TikTok

Social Media & Politik

The Markup durchleuchtet die Blackbox Facebook-Feed

  • Nur Facebook weiß, wie sich der Newsfeed zusammensetzt – wenn überhaupt. Selbst hauseigene Entwicklerïnnen kennen immer nur Teile der Algorithmen. Außenstehende können nur raten, nach welchen Kriterien die Inhalte zusammengesetzt werden.
  • Die Recherche-Organisation The Markup will das ändern. Im Rahmen des Projekts "Citizen Browser", über das wir mehrfach im Briefing berichteten, startet jetzt "Split Screen".
  • Das Tool zeigt, wie sich die Feeds von Menschen unterscheiden, die für Biden oder für Trump gestimmt haben: Welche Inhalte sie sehen, welche Quellen Facebook ihnen präsentiert.
  • Die Ergebnisse sind nicht besonders überraschend oder skandalös, bestätigen aber erneut, dass sich Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten im Netz oft in Parallelwelten bewegen.
  • Man kann sich die Feeds auch nach anderen Kriterien sortieren lassen: Wie unterscheiden sich die Inhalte für Männer und Frauen, was bekommen Millennials und Boomer zu Gesicht?
  • Das Projekt erinnert an "Blue Feed, Red Feed" (WSJ) und den "Facebook-Faktor" (SZ), die für die US-Wahl 2016 und die Bundestagswahl 2017 entwickelt wurden.

Biden versammelt den Antitrust-Alptraum der Tech-Konzerne

  • Es war abzusehen, dass sich für das Silicon Valley mit Joe Biden und Kamala Harris einiges ändern würde. Ausführliche beleuchteten wir die möglichen Folgen für Netzpolitik und Big Tech in Briefing #682.
  • Jetzt häufen sich Personalentscheidungen, die GAFAM Sorge bereiten dürften. Mit Tim Wu zieht ein scharfsinniger und renommierter Tech-Kritiker ins Weiße Haus ein (NYT). Dort soll er als Berater für Technologie- und Wettbewerbspolitik arbeiten.
  • Wu hat die Macht der Big Five immer wieder angeprangert und sich für eine Zerschlagung oder zumindest scharfe Regulierung ausgesprochen: "Extreme economic concentration yields gross inequality and material suffering, feeding the appetite for nationalistic and extremist leadership", schrieb er 2018 in seinem Buch "The Curse of Bigness: Antitrust in the New Gilded Age".
  • Eine ähnliche Bedrohung geht von der Juristin Lina Khan aus (Protocol), die künftig für die US-Handelskommission FTC arbeiten wird. Khan hat Kartellverfahren gegen Facebook, Amazon Google und Apple vorangetrieben und die monopolartige Machtkonzentration im Silicon Valley scharf verurteilt.
  • Die Dritte im Bunde ist die Demokratin Amy Klobuchar (Big Technology), die künftig dem Kartellkomitee des Justizausschusses des Senats vorsitzt. Sie will den Gesetzentwurf "Competition and Antitrust Law Enforcement Reform Act of 2021" einbringen und das Budget der Kartellbehörden drastisch aufstocken.
  • Wired spricht bereits von einem "Big Tech Antitrust All-Star Team", The Register sieht die "internet mega-corps' worst nightmares" gekommen.
  • Diese Einschätzung könnte etwas voreilig sein. Schließlich bestimmen zwei Personalien nicht den Kurs der Regierung – und auf jede Khan, jeden Wu und jede Klobuchar kommen 20 gut bezahlte und noch besser vernetzte Tech-Lobbyisten, die in Washington alles dafür tun werden, allzu scharfe Antitrust-Avancen abzuschwächen.
  • Trotzdem zeigen Bidens Äußerungen der vergangenen Jahre und seine jüngsten Entscheidungen: Der neue US-Präsident ist kein Freund von Mark Zuckerberg – und er wird es wohl auch nicht mehr werden.

Facebook vs. FTC

  • Apropos Antitrust: Facebook will die Kartellklagen der FTC und der US-Generalstaatsanwältïnnen zurückweisen, deren Hintergründe wir in Briefing #689 erklärten.
  • In einem Blogeintrag erklärt Facebook seine Gründe – und die Argumentation ist nachvollziehbar. Als die Klagen eingereicht wurden, kamen wir zum Schluss, dass die Klageschriften mehrere Widersprüche und Schwachstellen enthalten.
  • Casey Newton fasst es treffend zusammen (Platformer):

I don’t think Facebook’s motion to dismiss is likely to end the government’s ambitions to rein in the company. But it does highlight the steep challenge facing the FTC in the short term. A badly written lawsuit could still succeed at trial — but first it has to make it there.

Russland vs. Twitter, Indien vs. Social Media

  • Während sich Facebook in den USA der FTC widersetzt, geht es weiter östlich wilder zu: Russland legt sich mit Twitter an, Indien geht noch einen Schritt weiter und zielt auf alle Social-Media-Plattformen ab.
  • Russland drosselte die Geschwindigkeit, mit der Nutzerïnnen Inhalte auf Twitter hochladen können (TechCrunch) – angeblich, weil Twitter zuvor illegale Tweets nicht entfernt hatte.
  • Das löste scharfe Kritik aus und hatte unerwünschte Nebenwirkungen: Der Traffic des staatlichen ISPs Rostelecom brach ein. Offenbar hatte die Telekommunikationsbehörde Roskomnadzor ein paar Anfängerfehler mit Blocklisten gemacht (Arstechnica).
  • In Indien wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Der neue Digital Media Ethics Code (Pib.gov) richtet sich auch gegen Facebook und andere Plattformen. Unter anderem könnten Angestellte der Tech-Konzerne verhaftet werden, wenn sie nicht nach der Pfeife der Regierung tanzen.
  • Shubham Agarwal schreibt dazu:

India’s new law edges closer to the digital censorship of autocratic nations such as Russia and China, and could endanger the very foundation of free expression online.


Kampf gegen Desinformationen

  • YouTube hat im vergangenen halben Jahr mehr als 30.000 Videos entfernt, weil sie Desinformation über das Coronavirus enthielten: Axios
  • Desinformation ist mehr als ein Problem für Social-Media-Plattformen – auch Suchmaschinen wie Google tragen dazu bei, dass sich Lügen und Gerüchte verbreiten: What's New in Publishing
  • Ein dubioses Netzwerk aus Briefkastenfirmen macht Werbung für deutsche Unternehmen und Medien, pusht deren Reichweite mithilfe dubioser Facebook-Seiten mit Hunderttausenden Fans und bietet ein Einfallstor für gefährliche Desinformation: Correctiv
  • Facebook demonstriert (mal wieder) unfreiwillig die Schwächen seines Content-Moderation-Systems, indem es versehentlich seine eigenen Anzeigen zum Black History Month und Women’s History Month löscht: The Daily Beast
  • Das ist immer noch besser als Instagrams Algorithmen, die einer Studie des Center for Countering Digital Hate zufolge Anti-Impf-Desinformation und anderen gefährliche Lügen empfehlen: The Next Web
  • Parallel startet Facebook eine neue Kooperation mit der WHO, die "Gemeinsam gegen Falschinformationen zu Covid-19" heißt – manchmal könnte es auch helfen, bei den eigenen Algorithmen anzufangen: Facebook-Newsroom

Social Media & Journalismus

Best-Practice für TikTok

  • Die Rheinische Post ist seit Februar bei TikTok. Der Account ist mit rund 1500 Followern noch nicht durch die Decke gegangen, aber das kann ja noch werden. Immerhin gibt es einen, und damit hat die RP vielen andere Medien einiges voraus. Hannah Monderkamp erzählt, was es mit #LernenmitTikTok auf sich hat und welche Erfahrungen die RP bislang gesammelt hat.
  • Drei bis sieben Schritte weiter ist Yahoo News. Nach einem Jahr folgen dem Account 1,1 Millionen Menschen. Zwei Drittel unter 30, ein Drittel im Teenageralter. Eines der Erfolgsgeheimnisse: ein 24-jähriger TikTok-Redakteur, der die Plattform mit Inhalten "von Gen Z, für Gen Z" bespielt (Nieman Lab).
  • Passend dazu gibt TikTok in seinem Newsroom selbst "Fünf Tipps, wie deine TikTok-Videos viral gehen". Der Erkenntnisgewinn hält sich bei Ratschlägen wie "Erstelle Videos, die herausstechen" oder "Verbinde dich mit den richtigen Zielgruppen" aber in Grenzen. No shit, Sherlock.

Schon einmal im Briefing davon gehört

AI? Haha!

Hinter angeblich ach so intelligenten Maschinen stecken oft schlecht bezahlte Hilfskräfte, die die Systeme trainieren. Phoenix Nomi hat ein Jahr lang für Google Audiomitschnitte transkribiert und berichtet von ihren ernüchternden Erfahrungen. Ihr Fazit ist bitter (Berliner Gazette):

Abschließend lässt sich sagen, dass wir den Systemen der künstlichen Intelligenz bei Google vielleicht doch erfolgreich beigebracht haben, wie sie uns menschliche Transkribentinnen ersetzen können. Jedes Mal, wenn Sie in der Lage sind, automatische Closed Captions für ein YouTube-Video einzuschalten, oder während einer Google Meet-Telefonkonferenz, den Ton des Gesprochenen in Echtzeit nahtlos in Text umwandeln können, wobei die sogenannte künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, hoffe ich, dass Sie an die Menschen denken, die für weit unter einem existenzsichernden Lohn gearbeitet haben, um diese Technologie möglich zu machen.

Facebook trainiert AI mit Instagram-Fotos

Dass sich Maschinen teils auch selbst anlernen können, demonstriert Facebook. Es hat sein neuronales Netzwerk SEER, das Inhalte in Bildern erkennt, mit einer Milliarde Foto gefüttert – für die es praktischerweise bei einem anderen Netzwerk namens Instagram bedienen konnte, das ebenfalls zum Facebook-Konzern gehört. Ein bisschen technisch, aber auch ziemlich faszinierend (The Register).

Kommen die Netzsperren zurück?

Verbände der Urheberrechte-Industrie haben die "Clearingstelle Urheberrecht im Internet" gegründet. Sie soll Provider verpflichten können (Heise), Angebote auf DNS-Ebene zu sperren, wenn diese systematisch Urheberrechte verletzen. Mit dabei sind 1&1, Mobilcom-Debitel, Telefonica, die Telekom und Vodafone Deutschland. Das könnte illegale Streamingseiten aus dem Netz tilgen – schafft aber gleichzeitig ganz neue Probleme, wie Markus Beckedahl beschreibt:

Netzsperren werden in zahlreichen, in der Regel autoritären, Staaten eingesetzt, um die Meinungs- und Informationsfreiheit einzuschränken. (…) Der Einsatz von Netzsperren in demokratischen Staaten normalisiert dieses gefährliche Instrument. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis Despoten und Autokraten auf Deutschland als Vorbild verweisen, wie es Erdogan und Putin bereits beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz getan haben, das sie als Steilvorlage für echte Zensurgesetze nutzen.


Empfehlung fürs Wochenende

  • Wir hätten diesen Link auch in unsere Kategorie "Kampf gegen Desinformation" packen können. Aber das wäre dem Text nicht gerecht geworden.
  • The Verge nennt den Artikel "brilliant" und packt die Aufforderung gleich in die Überschrift: "Go read this story on how Facebook’s focus on growth stopped its AI team from fighting misinformation".
  • Dieser warmen Empfehlung schließen wir uns an: Das Portrait, das Karen Hao über Facebooks Team für Responsible AI und dessen Chef Joaquin Quiñonero Candela geschrieben hat, ist lang und jede Leseminute wert.
  • Die Autorin hat fast 50 Interviews geführt und legt schonungslos offen, wie widersprüchlich und teils komplett gegensätzlich Facebooks Interessen sind. Die ethisch-moralisch geprägte AI-Folgenabschätzung, die gesellschaftliche Risiken minimieren will, verträgt sich nicht mit dem Grundsatz, der Facebook seit seiner Gründung prägt: dem nahezu grenzenlosen Willen zu wachsen – koste es, was es wolle.
  • Auch deshalb sind Quiñonero oft die Hände gebunden: "The Responsible AI team’s work is essentially irrelevant to fixing the bigger problems of misinformation, extremism, and political polarization. And it’s all of us who pay the price."
  • Auf Twitter merkt Hao an, dass der Schreibprozess vor allem deshalb schmerzhaft gewesen sei, weil es eben nicht um verdorbene Menschen gehe, die verwerfliche Dinge tun: "It's about good people genuinely trying to do the right thing. But they're trapped in a rotten system, trying their best to push the status quo that won't budge."

Header-Foto von Brandy Kennedy bei Unsplash


Non-fungible Tokens, erklärt | Partnerschaft von TikTok & Shopify | Wie Marken versuchen vom Clubhouse-Hype zu profitieren | Tweetdeck Overhaul

Non-fungible Tokens, erklärt

Was ist

Es tut uns wirklich leid: Wir müssen über die Blockchain reden. Wir haben in diesem Newsletter jahrelang erfolgreich einen großen Bogen darum gemacht und das Buzzword nur im Zuge der Berichterstattung über Facebooks (gescheiterte) Pseudo-Kryptowährung Libra erwähnt.

Hinter dem teils absurden Hype verbergen sich aber tatsächlich sinnvolle Anwendungsfälle. Dazu zählen Non-fungible tokens, kurz NFTs. Das Thema mischt seit Monaten die Kunstwelt auf, wir haben es bislang ignoriert. Doch wenn Jack Dorsey seinen ersten Tweet "just setting up my twttr" versteigert und das aktuelle Gebot bei 2,5 Millionen Dollar (V.Cent) liegt – Dorsey will die Summe übrigens spenden (The Verge) –, dann sind die thematischen Schnittmengen zu diesem Newsletter endgültig so groß, dass wir nicht mehr darum herumkommen.

Keine Sorge: Hier kommt kein 10.000-Zeichen-Explainer. Wer sich für das Thema interessiert, weiß eh längst Bescheid – und wer bislang nichts von NFTs gehört hat, braucht zum Einstieg wohl keinen Deep Dive. Wir erklären also die Grundzüge und verweisen auf weitergehende Texte. Dann beleuchten wir, wie NFTs nicht nur digitale Kunst, sondern auch Social Media und die Creator Economy beeinflussen könnten – und warum der Hype eine Schattenseite hat, die uns hoffen lässt, dass die Blase platzt.

Warum das wichtig ist

NFTs rütteln an einem der Kernbestandteile der Digitalisierung. Einst waren Kunst, Musik und andere Formen des geistigen Eigentums an physikalische Trägermedien gebunden. Leinwände, Schallplatten, VHS-Kassetten oder Sammelkarten ließen sich gar nicht oder nur mit beträchtlichem Aufwand und signifikanten Kosten duplizieren.

Die digitale Kopie hat das fundamental verändert: Mit einem Mausklick kann man Dateien und Dokumente nach Belieben vervielfältigen. Kopierschutz und andere Formen des digitalen Rechtemanagements sind der Versuch, dieses Dilemma zu umgehen und Güter wieder zu verknappen, deren Wert eigentlich nicht auf begrenzten Stückzahlen beruht.

An dieser Stelle kommen NFTs ins Spiel: Sie erschaffen Einzigartigkeit im digitalen Raum, indem sie die beliebige Verfügbarkeit ins Gegenteil umkehren. Es gibt zwar immer noch beliebig viele Kopien, aber nur ein Mensch besitzt das Original.

Künstlerïnnen, Kulturschaffende, Creators und sogar Sportverbände können digitale Güter für teils absurde Preise verkaufen, die sonst gratis oder sehr günstig wären – weil ihnen die Blockchain einen neuen Wert verpasst.

Wie NFTs funktionieren

Vereinfacht ausgedrückt: Ein NFT ist ein Eintrag auf der Ethereum-Blockchain. Die Blockchain steckt hinter der Kryptowährung Ether und stellt eine Art digitales Kassenbuch dar, das auf viele Computer verteilt ist. Dadurch lässt es sich nicht fälschen.

Im Gegensatz zur Bitcoin-Blockchain kann Ethereum sogenannte Smart Contracts festschreiben. Das ermöglicht es, nicht nur Kryptowährungen zu erzeugen, sondern auch NFTs. Theoretisch könnten auch andere Blockchains eigene NFTs schaffen, teils geschieht das schon (DappRadar).

Der Blockchain-Eintrag verwandelt alle Formen von Gütern in einzigartige Kunstwerke. Bislang geschieht das in erster Linie für digitale Dateien, Nike hat sich aber bereits 2019 "CryptoKickies" patentieren lassen (The Next Web) – das sind Sneaker, die durch einen Krypto-Token zusätzlichen Wert erhalten.

Das klingt seltsam, ergibt aber Sinn. Schließlich haben Menschen auch früher Sammelkarten oder Turnschuhe nicht gekauft, weil das Material so viel Wert war. In einem Text der New York Times erklären die VC-Investoren Mark Andreessen und Ben Horowitz, warum NFTs auf einem alten Prinzip beruhen:

"Ein Paar 200-Dollar-Sneaker entspricht ungefähr fünf Dollar in Plastik", sagt Andreessen. "Du kaufst ein Gefühl", ergänzt Horowitz.

Eine schöne Beschreibung des gleichzeitig verwirrenden und faszinierenden NFT-Systems gibt Luke Heemsbergen (The Conversation):

Nearly 40 years ago, Canadian science-fiction writer William Gibson famously described cyberspace as a "consensual hallucination" in which billions of users agreed that the online world was real. NFTs take this to the next level: they’re a consensual hallucination that this string of ones and zeroes is different and more authentic than that (identical) string of ones and zeroes.

Wie NFTs eingesetzt werden

Vergangenes Jahr eroberten NFTs den digitalen Kunstmarkt, mittlerweile ist die Bandbreite riesig. Insgesamt wurden knapp 400 Millionen Dollar investiert (NonFungible). Ein paar Beispiele:

  • Die Musikerin und Künstlerin Grimes verkaufte digitale Kunstwerke auf der Plattform Nifty Gateway. Binnen 20 Minuten verdiente sie rund sechs Millionen Dollar. Einige Kreationen wurden tausendfach angeboten und für jeweils 7500 Dollar verkauft. Einzigartigkeit ist also relativ.
  • Am meisten hat bislang die NBA eingenommen (CNBC). Die Basketball-Association versteigert Blockchain-signierte Highlight-Clips. Kurze Videos von LeBron James oder Zion Williamson waren Menschen je 200.000 Dollar wert – obwohl sie auch gratis auf YouTube stehen. Insgesamt haben die sogenannten Top Shots mehr als 230 Millionen Dollar eingebracht.
  • Die Band Kings of Leon veröffentlichte vergangene Woche ihr neues Album "When You See Yourself" – und anderem in verschiedenen NFT-Versionen (Guardian). Die Auktion brachte 1,4 Millionen Dollar ein (Cryptobriefing).
  • Ein kurzes Video des Künstlers Beeple wurde für 6,6 Millionen Dollar verkauft (Nifty Gateway). Damit ist es bislang eines der teuersten NFT-Kunstwerke. Allerdings nicht mehr lange: Für ein andere Beeple-Artwork wurden beim Auktionshaus Christie's bereits 9,75 Millionen Dollar geboten. Die Versteigerung endet am Donnerstag.
  • Verkauft werden auch NFTs legendärer Memes, etwa die "Nyan Cat" – für schlappe 600.000 Dollar (Insider).
  • Die Rapperin Azelia Banks kam auf die Idee, ein Sex-Tape anzubieten (Vice). Das 24-minütige Album "I FUCKED RYDER RIPPS" enthält Audio-Aufnahmen von ihr und ihrem Freund.
  • Es geht noch schräger: "Peenler #042" (Rarible) ist ein gezeichneter Penis-Hitler mit der treffenden Auktions-Beschreibung: "The worst Peen to ever live. Very small Peen." Das Gebot steht bei knapp 190.000 Dollar.

Warum man NFT ernst nehmen sollte

Diese Liste mutet teils an wie ein Kuriositätenkabinett. Es wäre aber zu einfach, sich darüber lustig zu machen. Der Wert von Kunst lag schon immer in den Augen der Betrachterïnnen. Viele Menschen zucken angesichts moderner Kunstwerke nur die Achseln: "Und diese farbigen Rechtecke sollen etwas wert sein? Das kann meine Tochter auch malen." Andere zahlen dafür Millionen Dollar.

Eike Kühl bringt noch einen anderen Aspekt ins Spiel (Zeit Online): Wer ein NFT kauft, erwirbt ein Spekulationsobjekt und hofft oft auf steigende Preise:

Denn NFTs lassen sich natürlich weiterverkaufen und man darf darauf hoffen, dass die Nachfrage steigt und man sie zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringend verkaufen kann. Hier spielt natürlich auch der Hype um Kryptowährungen insgesamt eine Rolle: Denn wer ohnehin in Ether oder Bitcoin in der Hoffnung auf steigende Kurse investieren möchte, erhält mit NFTs zusätzliche Möglichkeiten, das Geld anzulegen. Das bedeutet gleichzeitig aber auch Risiko: Die 300 Ether, die etwa für die Nyan Cat ausgegeben wurden, sind inzwischen fast 150.000 Dollar weniger wert als noch zum Zeitpunkt der Auktion.

Im Gegensatz zu analoger Kunst können die Urheberïnnen bei jedem Verkauf mitverdienen. NFTs lassen sich so konfigurieren, dass immer ein bestimmter Prozentsatz an die Künstlerïnnen geht:

Das wäre quasi eine neue Form von Tantiemen, die bei jedem Wiederverkauf anfallen. Man kann verstehen, weshalb das Konzept gerade in diesen schweren Zeiten für die Kulturindustrie so attraktiv ist und weshalb aktuell viele Künstler auf den NFT-Zug aufspringen.

Eine Reihe von Selbstversuchen (Spiegel, IE9, OneZero) zeigt außerdem, dass es eben nicht so leicht ist, mit jedem Quatsch reich zu werden. Patrick Beuth bilanziert etwa:

Mein NFT müsste jetzt nur noch gefunden und gemocht werden. So sehr, dass jemand es kauft. Bisher sieht es nicht danach aus. Das Werk geht in der Masse schlicht unter. Abgesehen davon, dass es selbst in einem Universum voller Cyberbabys und Penis-Hitlers künstlerisch so gut wie wertlos ist. Da ich nicht berühmt bin, müsste ich erst einmal intensiv Eigenwerbung betreiben, zum Beispiel in der Rarible-Community und in sozialen Netzwerken.

Warum NFTs eine dunkle Seite haben

Genau wie Bitcoin (Alex Hern) sind NFTs eine Umweltsünde. Transaktionen in der Blockchain festzuschreiben, frisst jede Menge Energie. Mit jedem zusätzlichen Eintrag wird der Vorgang rechenintensiver und damit umweltschädlicher. "Der Bitcoin braucht so viel Strom wie Norwegen", sagt der Informatiker Ulrich Gallersdörfer (Spiegel).

Wir haben viel zu dem Thema gelesen, sind aber keine Experten. Deshalb überlassen wir die ausführlicheren Erklärungen Menschen, die sich besser damit auskennen:

  • Die Seite CrpyArt.wtf berechnet den Energieverbraucht von Blockchain-Transaktionen, die für NFTs nötig sind.
  • Dahinter steckt monatelange Arbeit und viel Recherche, die der Initiator Memo Akten in einem aufschluss- und faktenreichen (aktuell 67 Quellenangaben) Medium-Eintrag erklärt.
  • Etwas (aber nicht viel) kürzer fasst sich Everest Pipkin, die/der die Motivation für ihren/seinen Rant so beschreibt:

I am so mad I had to write this, the world’s most self-evident take: but here is the article you can send to people when they say "but the environmental issues with cryptoart will be solved soon, right?"

Die Antwort lautet leider: nein. Der lange und lesenswerte Artikel versammelt noch etliche andere Kritikpunkte am aktuellen NFT-System und endet mit einem eindeutigen Fazit:

The only viable option is total moral rejection. Anything less (selling, collecting, posting links to artists selling NFTs, yes even trying to find a less ecologically devastating model) holds up the power of the worst parts of this platform.

Be smart

Am Ende wird – leider – nicht die Klimabilanz entscheidend sein, ob sich NFTs durchsetzen. Auch anderen Technologien hinterlassen katastrophale ökologische Fußabdrücke und sind trotzdem verbreitet. Es wird vielmehr darauf ankommen, ob der Zugang zu NFTs so niederschwellig wird, dass Menschen damit hantieren, die sich bislang nicht für Bitcoins und Blockchain interessieren.

Es könnte sein, dass die NFT-Blase platzt wie die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert. Doch ebensogut könnten NFTs das Verhältnis von Creators und Fans langfristig verändern und zentralisierte Social-Media-Plattformen als Intermediäre entbehrlich machen.

Aufbauend auf Kevin Kellys Idee von "1000 True Fans" schreibt Chris Dixon, Partner bei Andreessen Horowitz:

The thousand true fans thesis builds on the original ideals of the internet: users and creators globally connected, unconstrained by intermediaries, sharing ideas and economic upside. Incumbent social media platforms sidetracked this vision by locking creators into a bundle of distribution and monetization. There are, correspondingly, two ways to challenge them: take the users, or take the money. Crypto and NFTs give us a new way to take the money. Let’s make it happen.


Follow the money

Partnerschaft von TikTok & Shopify

Shopify ist vor allem als Shop-Software bekannt. Wer einen eigenen Web-Shop aufsetzen möchte, für den ist Shopify häufig das Mittel der Wahl. Jetzt geht das Unternehmen einen Schritt weiter und testet ein eigenes „Content and commerce" Affiliate Network (@2pminc). OMR berichtet, dass TikTok zu den ersten Partnern gehört, um Händlern, die mit Shopify arbeiten, Traffic zu bescheren. Die Idee: Influencerïnnen empfehlen Produkte aus dem Partner-Netzwerk auf TikTok mittels eines Tracking-Links. Für ihre Dienste erhalten sie dann eine Provision. Nun ja, wir halten es da mit Fatoni:

Ich hasse mich für diese Aussage, doch der momentane Zeitgeist

Versace, Versace, Versace, Versace, ist gar nicht mal so geistreich.

Instagram Checkout: Not amazed.

Als Instagram im März 2019 seine Checkout-Option mit Marken wie Warby Parker startete, schien es, als würde Instagram seine App zur perfekten digitalen Mall umbauen: Wer etwas auf Insta findet, kann direkt zuschlagen. Nun, zwei Jahre später, zeigen sich Marken aber weniger begeistert als erwartet: viele leiten Kunden weiter lieber direkt auf ihre eigenen Websites (Digiday).

Wie Marken versuchen vom Clubhouse-Hype zu profitieren

Viele Unternehmen loten derzeit aus, wie sie vom Clubhouse-Hype profitieren können. Reuters schreibt: Einige Unternehmen bieten bekannten Clubhouse-Nutzerïnnen Geld an, um ihre Audio-Räume zu sponsern. Andere sehen die Chance, kostenlosen Buzz zu generieren oder Live-Feedback zu ihren Produkten zu bekommen. Künftig könnten Firmen womöglich auch die Option erhalten, selbst Räume zu eröffnen, lässt Clubhouse durchblicken.


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Like-Anzeige optional: Instagram hatte für einige Nutzerïnnen aus Versehen die öffentliche Anzeige der Likes abgeschaltet. Insta-Boss Mosseri bittet um Entschuldigung und erklärt zudem, dass die Option, Likes nicht öffentlich abzubilden, womöglich doch nicht für alle sondern nur optional eingeführt wird (@mosseri).

Facebook

Twitter

  • Undo Send Feature: Jaaaa, alle warten auf einen Edit-Button. Soweit ist Twitter zwar noch nicht. Sehr wohl arbeiten sie aber an einer Möglichkeit, um Tweets noch einmal zu überarbeiten: Mit einer Undo-Send-Funktion sollen Nutzerïnnen innerhalb eines definitierten Zeitraums bereits veröffentlichte Tweets noch einmal ändern können (The Next Web).
  • Recording Spaces: Twitter Spaces können künftig wohl optional aufgezeichnet werden (The Verge). So ließen sich Podcasts live vor Publikum aufnehmen – stets mit der Option, weitere Gäste in der Runde begrüßen zu können. Spannend!
  • Tweetdeck Overhaul: Twitter arbeitet The Verge zufolge an einer Generalüberholung von Tweetdeck. Noch sind keine Details bekannt – aber es wäre wirklich mal an der Zeit, dieses wunderbare Tool aufzufrischen.

Netflix

Hey

  • Mit Hey bloggen: Hey ist angetreten, um Email zu revolutionieren. Mit Blick darauf, an wie viele Hey-Adressen wir im Alltag so schreiben, dürfte der Erfolg des Unternehmens überschaubar sein. Nun bietet Hey aber eine spannende Zusatzfunktion: Nutzerïnnen können super simpel mittels Hey World eigene Blogposts verfassen (Lifewire).

Header-Foto von Michael Descharles bei Unsplash


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