Monat: Februar 2021

Wie WhatsApp seine neuen Bedingungen durchdrücken will | Facebook und Australien einigen sich doch | Zensur bei ByteDance

Wie WhatsApp seine neuen Bedingungen durchdrücken will

Was ist

WhatsApp startet einen zweiten Anlauf und versucht, die Aktualisierung seiner Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinie besser zu erklären. Das Ultimatum läuft nun bis 15. Mai. Um renitente Nutzerïnnen unter Druck zu setzen, hat sich das Unternehmen einen fiesen Psychotrick einfallen lassen.

Was war

Mitte Januar schrieben wir in Briefing #695:

Seit einer Woche dreht das halbe Netz durch – und zwar nicht (nur) wegen Donald Trump, sondern auch wegen den neuen Nutzungsbedingungen von WhatsApp. Wer nicht bis zum 8. Februar zustimmt, kann nicht mehr chatten.

Gerüchte und Panikmache machen die Runde: WhatsApp wolle die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aufweichen. Facebook könne bald nicht nur auf Metadaten, sondern auch auf die Inhalte der Nachrichten zugreifen. Nutzerïnnen teilen wilde Memes und verkünden stolz, dass sie ihren WhatsApp-Account gelöscht haben.

Damals löste ein kleines Pop-up große Panik aus. Millionen Menschen meldeten sich bei den Konkurrenten Signal, Threema und Telegram an. Vor allem in WhatsApps größten Markt Indien drohte ein Massenexodus.

Wie WhatsApp vorgehen will

  • Mit einem Blogeintrag, einer neuen Hilfeseite und Antworten auf häufig gestellte Fragen versucht WhatsApp, besorgte Nutzerïnnen zu beruhigen.
  • Außerdem stellt das Unternehmen klar, was passiert, wenn man trotzdem nicht mit den neuen Bedingungen einverstanden ist – und diese Pläne haben es in sich.
  • WhatsApp wird Konten nicht sofort löschen, aber seine Funktionen massiv einschränken: "Du wirst zwar für kurze Zeit Anrufe und Benachrichtigungen erhalten, aber in der App weder Nachrichten lesen noch welche senden können."
  • WhatsApp schürt also bewusst FOMO: Sieh mal, wer dir alles schreibt. Wäre doch schade, wenn du nicht mehr erfährst, was dir deine Freundin erzählen will. Willst du es dir nicht doch noch anders überlegen?
  • Die "kurze Zeit" des psychologischen Drucks soll wohl einige Wochen dauern (TechCrunch).
  • Dann verstummen die Benachrichtigungen, das Konto wird stillgelegt. Zustimmen kann man den neuen Nutzungsbedingungen in dieser Zeit aber immer noch, die Bedenkzeit gilt 120 Tage lang.
  • Danach wird das Konto gelöscht, wie es WhatsApps Richtlinie für inaktive Accounts vorsieht. Allerdings lässt das Wort "normalerweise" die Tür für eine weitere Verlängerung der Frist offen.

Warum die Sorgen unbegründet sind

  • Damals wie heute gilt: Die neuen Nutzungsbedingungen ändern nichts Wesentliches. WhatsApp teilt künftig nicht mehr Daten mit Facebook als bislang – nur wurde das so schlecht kommuniziert, dass Raum für Fehlinformationen blieb.
  • Insbesondere für Menschen in der EU ändert sich kaum etwas. Unternehmen sollen künftig einfacher mit Nutzerïnnen kommunizieren können, deshalb werden die Nutzungsbedingungen angepasst.
  • Zudem verpasst WhatsApp der Datenschutzerklärung ein neues Layout und überarbeitet einige Passagen, um klarer zu machen, wie es Informationen verwaltet.
  • Die beiden größten Ängste sind aber unbegründet. Zum einen bleiben Nachrichten Ende-zu-Ende-verschlüsselt, WhatsApp kann die Inhalte niemals sehen.
  • Zum anderen werden zwar Metadaten mit Facebook geteilt, sodass der Mutterkonzern erfährt, wer die App wann öffnet und mit wem chattet. Das geschieht allerdings schon seit Jahren.
  • Innerhalb der EU gilt nach wie vor, dass WhatsApp diese Informationen nicht nutzt, um damit Werbung auf Facebook oder Instagram zu personalisieren.
  • Im Hilfebereich heißt es dazu: "Derzeit nutzt Facebook deine WhatsApp Account-Informationen nicht dazu, deine Produkterlebnisse auf Facebook zu verbessern oder dir interessantere Facebook-Anzeigen zu zeigen."
  • Sollte sich etwas daran ändern, will WhatsApp "dich über neue Funktionen, die wir anbieten, sowie unsere Informationspraxis auf dem Laufenden halten."

Warum WhatsApps Kommunikation immer noch mies ist

  • Die zitierte Formulierung wurde von WhatsApp-Sprecherïnnen und Managerïnnen mehrfach öffentlich bestätigt.
  • "It remains the case that WhatsApp does not share European Region WhatsApp user data with Facebook for the purpose of Facebook using this data to improve its products or ads", schreibt etwa Niamh Sweeny (Twitter), die WhatsApps Policy-Team für den europäischen Raum leitet.
  • Dennoch schreibt WhatsApp in seiner aktuellen Datenschutzerklärung unter dem Punkt Marketingkommunikationen: "Wir haben berechtigte Interessen, personenbezogene Daten zu folgenden Zwecken zu verarbeiten: Zur Förderung der Produkte von Facebook-Unternehmen und zum Versenden von Direktwerbung."
  • Ähnlich schräg ist der Blogeintrag, mit dem WhatsApp Klarheit schaffen will: Der Text ist konfus und strotzt vor PR-Floskeln.
  • Da wird "weiterhin hart gearbeitet, sämtliche Missverständnisse auszuräumen" und sich "noch mehr darum bemüht, für Klarheit zu sorgen", damit sich Menschen "in ihrem eigenen Tempo informieren können" – was auch immer das bedeuten soll.
  • Noch seltsamer wird es im vorletzten Absatz. Man sollte meinen, dass der größte Messenger der Welt es nicht nötig, sich über deutlich kleine Konkurrenten lustig zu machen. Doch offenbar hat sich WhatsApp durch sein PR-Desaster unter so großen Druck gesetzt, dass es meint, sich auf Kosten anderer profilieren zu müssen.
  • Man habe mitbekommen, "wie einige unserer Mitbewerber fälschlicherweise behauptet haben, sie könnten die Nachrichten von Benutzern nicht sehen". Damit ist wohl Telegram gemeint, das keine standardmäßige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbietet.
  • Der nächste Seitenhieb gilt Signal, dessen Server dem Ansturm im Januar kurzzeitig nicht standhielten: "Andere Apps behaupten, besser zu sein, da sie sogar noch weniger Informationen hätten als WhatsApp. Wir glauben, dass die Menschen Apps möchten, die sowohl zuverlässig als auch sicher sind."

Be smart

Wer bislang keine Bedenken damit hatte, WhatsApp zu nutzen, kann den Messenger auch künftig weiter verwenden. Die Nachrichteninhalte bleiben sicher verschlüsselt, die Metadaten landen bei Facebook – alles wie gehabt.

Facebook nutzt die Informationen nur, um Spam und Missbrauch zu verhindern. Das könnte sich allerdings ändern: Das Wort "derzeit" verwendet WhatsApp sicher nicht zufällig. Damit bleibt die Möglichkeit offen, dass Facebook die Daten doch irgendwann einsetzt, um Werbung zu personalisieren. In der EU verhindert das die DSGVO, aber wer weiß, wie lang sich Facebook noch daran gebunden fühlt.

Schließlich versprach Mark Zuckerberg auch, dass WhatsApp und Instagram eigenständige Unternehmen bleiben und keine Daten weitergegeben werden sollen. Als Facebook dieses Versprechen brach, verhängte die EU-Kommission 2017 eine Strafe von 110 Millionen Euro. Anfang 2019 verkündete Zuckerberg schließlich, dass WhatsApp, Instagram und der Facebook-Messenger auf Infrastrukturebene verschmolzen werden sollen (SZ), sodass Menschen App-übergreifend chatten können.

Deshalb wiederholen wir unseren Ratschlag aus Briefing #693, der unverändert gilt: "Wir empfehlen seit Jahren Signal und Threema als sichere und datensparsame Lösungen."


Facebook und Australien einigen sich doch noch

Was ist

Der News-Blackout in Australien hat nur knapp eine Woche gedauert. Facebooks Australien-Chef William Easton schreibt (Facebook-Newsroom), dass man sich mit der australischen Regierung geeinigt habe. In den kommenden Tagen sollen Nachrichteninhalte wieder angezeigt werden.

Was war und wird

Vergangene Woche erklärten wir den Streit in Briefing #704 ausführlich. Alle Hintergründe und Einschätzungen finden sich dort und gelten nach wie vor. Damals skizzierten wir drei Szenarien, wie es weitergehen könnte. Die realistischste Option:

Facebook verhandelt derzeit weiter mit der australischen Regierung. Das Gesetz ist zwar durchs Repräsentantenhaus, muss aber noch durch den Senat. Beide Seiten einigen sich auf einen gesichtswahrenden Kompromiss, der Media Bargaining Code wird leicht abgeändert, Facebook beendet seine Blockade.

Ziemlich genau so ist es gekommen. Ähnlich wie Google mit News Showcase wird Facebook über seinen neuen News-Tab Medien direkt bezahlen. Dieses Produkt sollte in Australien starten, wurde dann zwischenzeitlich eingefroren und dürfte nun bald kommen.

Der Media Bargaining Code wird entsprechend geändert. Facebook erhält mehr Zeit für die Verhandlungen mit den Verlagen, das Schlichtungsverfahren wird erst im Härtefall aktiviert. Außerdem wird ein Passus ergänzt, wonach Google und Facebook den Auflagen des Gesetzes komplett entgehen, wenn sie "signifikant zur Nachhaltigkeit der australischen Medienbranche beitragen" – also mehrere hundert Millionen Dollar zahlen. Dafür verzichtet Facebook auf die Möglichkeit, Verträge kurzfristig aufzukündigen.

Was das bedeutet

  • Keine der drei Parteien sieht gut aus: Australien hat versucht, Plattformen mit einem absurden Gesetz zu erpressen, das de facto Links bepreisen will und damit an den Grundprinzipien des freien Netzes rüttelt.
  • Google hat als Erstes gezuckt, weil es abhängiger von Nachrichteninhalten ist als Facebook. Statt auf Prinzipien zu beharren, die es sonst immer hochhält, ist es den leichten Weg gegangen: Ein Problem ist kein echtes Problem, wenn man es mit Geld bewerfen kann und es dann verschwindet.
  • Facebook hatte weniger zu verlieren und den Aufstand gewagt – dabei allerdings jede Menge Fehler gemacht. Die Kommunikation war ähnlich mies wie bei WhatsApps neuen Nutzungsbedingungen. Zudem wurden jede Menge Inhalte zu Unrecht geblockt, weil Facebooks Algorithmen doch nicht zuverlässig erkennen, was eine Nachricht ist und was nicht.
  • Im Ergebnis können vermutlich trotzdem alle gut damit leben. Australien kann sich feiern lassen, den Tech-Giganten Zugeständnisse abgerungen zu haben, die der darbenden Medienbranche helfen.
  • Google und Facebook sind aus der Erpressung halbwegs glimpflich davongekommen. Die komplette Eskalation wurde verhindert, und das Gesetz tritt nicht in Kraft. Statt für Links zu zahlen, schreiben sie die Regeln, nach denen sie Geld ausschütten, nun doch selbst.
  • Schließlich erhalten Verlage wohl insgesamt 130 bis 160 Millionen Euro pro Jahr (Financial Review) – in der Jahresbilanz von Google und Facebook taucht das kaum auf, für die Medienbranche ist es eine gewaltige Summe.

Warum das Gesetz falsch bleibt

Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Die Art und Weise, wie Australien die Tech-Plattformen unter Druck gesetzt hat, ist der falsche Weg (Baekdal), um das richtige Ziel zu erreichen: Macht und Geld im Netz umzuverteilen, um Medienvielfalt zu gewährleisten und faire Verhandlungen zwischen Verlagen und Digitalkonzernen zu ermöglichen

Doch da der Erpressungsversuch scheinbar Erfolg hatte (wenn man Erfolg mit Geld gleichsetzt), könnten andere Länder nachziehen (SZ). Kanada plant bereits ein ähnliches Gesetz (Reuters). Microsoft und europäische Verlage fordern vergleichbare Verhandlungsmechanismen für Europa (Microsoft-Blog)-

Wie Umverteilung funktionieren könnte

Es gibt bessere Möglichkeiten, als Plattformen zu verpflichten, für Links zu zahlen. Will Oremus schlägt etwa (OneZero) eine Steuer auf personalisierte Werbung vor oder regt eine Art öffentlichen Fonds an:

One idea that has been gaining traction involves requiring the largest internet platforms to pay into a fund that would then subsidize journalism in some form.

Daran schließen sich natürlich Fragen an: Wer verteilt das Geld an wen nach welchen Kriterien? Dennoch erscheint uns diese Option besser als der australische Weg. Zumal es schon Anhaltspunkte dafür gibt: Ein Bericht des Reuters Institute führte 2019 aus, wie Europa digitale Medien langfristig mit politischen Maßnahmen fördern könnte.

Be smart

Produkte wie "Google News Showcase" und Facebooks News-Tab sind keine langfristige Lösung. Denn die Plattformen entscheiden, mit wem sie verhandeln und wem sie Geld überweisen. Vor allem für kleine Verlage und lokale Medien ist das gefährlich.

Zwar machen in Deutschland auch Regionalzeitungen mit (Googleblog), doch die Verhandlungen finden wohl kaum auf Augenhöhe statt. Bei Facebook News dürfte das ähnlich aussehen – zumal die vergangenen Jahre immer wieder gezeigt haben, wie wenig Interesse Mark Zuckerberg an Journalismus hat und wie schnell Facebook Zusagen bricht und Verträge beendet.


Social Media und Politik

Zensur bei ByteDance

TikTok wird ja bekanntlich nicht müde zu betonen, dass auf der Plattform keinerlei Zensur stattfindet. Dass bei der chinesischen Schwester-App Douyin hingegen massiv zensiert wird, ist unbestritten. Wie die Maschine dahinter funktioniert, hat nun ein Insider berichtet (Protocol).

  • So werden zum Beispiel am Tag bis zu 100 Direktiven des politischen Apparats an die Content Moderatoren bei Douyin weitergereicht. Alles, was nicht den politischen Leitlinien der kommunistischen Partei entspricht, hat auf der Plattform nichts zu suchen. ByteDance beugt sich diesem Druck mit Erfolg: Die Kontrolle der Inhalte funktioniere so gut, dass es noch nie Ärger mit der Partei gab.
  • Zum Beispiel erhalten Streamer, die ethnische Sprachen und Dialekte sprechen (wie etwa Uiguren), die Mandarin-Sprecher nicht verstehen, eine Warnung, auf Mandarin umzuschalten. Wenn sie sich nicht daran halten, werden die Livestreams gekappt, unabhängig vom tatsächlichen Inhalt.

Wer gerade über die neue TikTok-Strategie nachdenkt: Vielleicht kurz noch einmal innehalten und prüfen, ob man wirklich zum Erfolg eines Unternehmens wie ByteDance beitragen möchte.


Kampf gegen Desinformation

Stichwort Klimawandel

Facebook intensiviert seine Anstrengungen hinsichtlich des Kampfes gegen Falschinformationen beim Thema Klimawandel. Bereits im September 2020 hatte das Unternehmen eine Plattform ins Leben gerufen, die Nutzerïnnen ganz ähnlich wie beim Thema Corona mit Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen versorgt. Auch Deutschland war beim Start im September bereits dabei. Nun werden die Infos auch für Menschen in Belgien, Brasilien, Kanada, Indien, Indonesien, Irland, Mexiko, die Niederlande, Nigeria, Spanien, Südafrika und Taiwan bereitgestellt.

Stichwort Essstörungen

TikTok und Instagram (beide The Verge) haben jeweils Schritte angekündigt, um Desinformationen rund um das Thema Essstörungen vorzubeugen. Nutzerïnnen, die nach bestimmten Begriffen suchen, werden jetzt Quellen von geprüften Gesundheitsorganisationen präsentiert. Zudem erhalten sie Vorschläge, an wen sie sich wenden könnten.


Neue Features bei den Plattformen

Spotify

Twitter

Linkedin

Android

  • Nachrichten timen: Bald wird es bei Android-Handys möglich sein, Nachrichten zu timen (Techcrunch).

Header-Foto von neringa bei Unsplash


App: So bringst du Ordnung ins Passwort-Chaos

  • Was: 1Password, Bitwarden oder KeePass
  • Wie viel: 1Password kostet drei Dollar pro Monat für Einzelpersonen oder fünf Dollar für eine Familiengruppe mit bis zu fünf Nutzerïnnen. Journalistïnnen können den Dienst kostenlos nutzen. Bitwarden bietet eine gute Gratis-Version an, ein Premium-Account mit Zusatzfunktionen kostet 10 Dollar jährlich. KeePass ist kostenlos und quelloffen.
  • Warum: Unsere dieswöchige Empfehlung hat einen aktuellen Anlass. Der weit verbreitete Passwort-Manager LastPass hat sein Preismodell geändert. Damit wird die kostenlose Version nahezu nutzlos. Viele Menschen suchen also nach einer Alternative. Falls du bislang noch gar keinen Passwort-Manager nutzt, wird es ohnehin höchste Zeit.
  • Wofür: Wenn du dir deine Logins merken kannst, sind sie fast immer unsicher. Passwort-Manager helfen dir, deine Kennwörter zu verwalten – für jeden Dienst eine einzigartige Chiffre. Sonderzeichen sind relativ egal, die Länge ist wichtiger. Solche Passwörter generiert etwa 1Password, speichert sie in deinem Konto und synchronisiert sie geräteübergreifend. Auch andere sensible Daten wie Kreditkarten oder wichtige Dokumente sind in dem verschlüsselten Tresor gut aufgehoben.
  • Alternativen: Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend Passwort-Manager ausprobiert und halten 1Password und Bitwarden für sichere und gute Optionen. Das quelloffene KeePass verlangt etwas mehr Einarbeitungszeit. Das deckt sich mit den Erfahrungen von The Wirecutter, dem Testportal der New York Times. Zur Not tun es auch die integrierten Passwort-Manager der Browser. Alles ist besser, als sich Kennwörter zu merken oder auf einem Zettel zu notieren.
  • Pro-Tipp: Wenn wir Seminare geben, bauen wir oft einen kurzen Block zur IT-Sicherheit ein. Immer wieder sind wir erstaunt, wie wenige Menschen ihre Konten mit einem zweiten Faktor schützen. Dabei erhöhen 2FA-Apps wie Authy (The Wirecutter) die Sicherheit signifikant – gerade für Journalistïnnen, die mit sensiblen Informationen in Kontakt kommen, sollte das selbstverständlich sein.

Facebook vs Australien, erklärt | Übertriebene Nutzerzahlen bei Triller | Zahlreiche neue Features bei YouTube

Facebook vs Australien, erklärt

Was ist

Australien hat turbulente 24 Stunden hinter sich: Erst schließt Google einen Multimillionen-Dollar-Deal mit den größten Verlagen. Dann blockiert Facebook sämtliche Nachrichteninhalte. Und all das, weil Australien die Plattformen mit einem fragwürdigen Mediengesetz zwingen will, für Links zu zahlen.

Warum das wichtig ist

Was am anderen Ende der Welt geschieht, wirkt sich selten auf Menschen in Deutschland aus. Diesmal ist das anders. Zum einen hat der Politik-Bann von Facebook globale Folgen: Niemand kann mehr Inhalte australischer Medien teilen.

Zum anderen dürften viele Verlage und Regierungen ganz genau hinsehen, was in Down Under geschieht. Der australische Media Bargaining Code könnte zum Exportschlager werden und weltweit Nachahmerïnnen finden. Über allem schwebt die Frage: Wie können die Macht und vor allem das Geld im Netz neu verteilt werden, sodass ein paar Krümel des gewaltigen Kuchens der Tech-Plattformen im Journalismus landen?

Facebooks drastische Reaktion fügt noch eine weitere Ebene hinzu: Zum ersten Mal können wir beobachten, was passiert, wenn Verlage in einem ganzen Land keinen Traffic mehr von Facebook erhalten. Das wird zeigen, welche der beiden Seiten mehr von der Symbiose profitiert – und wie sich die Mediennutzung der gesamten Bevölkerung ändert, wenn eine wichtige Nachrichtenquelle wegfällt.

Was im Gesetz steht

Hinter dem Media Bargaining Code steht die Australian Competition & Consumer Commission (ACCC), die das Gesetz im Auftrag der Regierung ausgearbeitet hat. Es hat drei wesentliche Bestandteile:

  1. Facebook und Google müssen Verlage dafür bezahlen, dass sie auf deren Inhalte verlinken. Später könnte das Gesetz auch für andere digitale Plattformen gelten, zunächst ist es auf diese beiden Konzerne beschränkt.
  2. Facebook und Google müssen mit den Verlagen über die Höhe der Vergütung verhandeln. Einigen sie sich nicht, startet ein Schiedsverfahren. Dabei legen beide Seiten einen Vorschlag vor, und ein Ombudsmann wählt eine der beiden Summen. Diese Entscheidung ist bindend.
  3. Facebook und Google müssen Verlage mindestens 28 Tage im Voraus informieren, wenn sie Änderungen an ihren Algorithmen vornehmen. Nur wenn ein "dringendes öffentliches Interesse" besteht, dürfen sie diese Frist unterschreiten.

Wie und warum Google reagiert

  • Google hat mehr zu verlieren als Facebook. Es verdient mit journalistischen Inhalten zwar unmittelbar kein Geld, weil Google News keine Werbung einblendet.
  • Doch viele Menschen googeln nach Nachrichten und würden sich sonst wohl nach anderen Suchmaschinen umsehen. Microsoft hatte bereits eine Chance für Bing gewittert und sich als Alternative ins Spiel gebracht.
  • Deshalb hat Google im Laufe der vergangenen Tage Deals mit großen australischen Verlagen abgeschlossen. Zunächst mit Seven West Media und Nine Entertainment, dann war der australische Nachrichtengigant News Corp an der Reihe.
  • Zum Konzern von Rupert Murdoch gehören auch internationale Medien wie das Wall Street Journal und die News York Post in den USA oder Times und Sun in Großbritannien.
  • Diese Medien tauchen in Google News Showcase auf, einem Produkt, das wir in Briefing #673 erklärten.
  • Google zeigt dabei Inhalte der teilnehmenden Medienpartner in einer erweiterten, multimedialen Vorschau in Google News an. Später soll die Anzeige auf die normale Suche und Discover ausgeweitet werden. Die Redaktion bereiten diese sogenannten Story-Panels selbst auf.
  • Dafür will Google in den kommenden drei Jahren eine Milliarde Dollar ausschütten. In Deutschland sind bereits Dutzende Medien dabei.
  • Der zusätzliche Traffic dürfte sich in Grenzen halten, es geht ums Geld: Die australischen Verlage sollen zweistellige Millionensummen pro Jahr dafür kassieren. Im Gegenzug verzichten sie auf die Verhandlungen im Rahmen des Media Bargaining Code.
  • In Deutschland ist es ähnlich: Wer bei News Showcase mitmacht, unterschreibt gleichzeitig eine Verzichtserklärung für mögliche Einnahmen aus dem geplanten Leistungsschutzrecht, das mit dem neuen Urheberrecht eingeführt werden soll.

Wie und warum Facebook reagiert

  • Facebook setzt nicht auf Kooperation, sondern auf Konfrontation. Die Blockade ist umfassend: Australische Medien können nicht mehr posten, Menschen in Australien sehen auf Facebook gar keine Nachrichteninhalte mehr (auch nicht aus dem Ausland), und Nutzerïnnen im Rest der Welt können keine Links zu australischen Medien teilen. Instagram ist davon ausgenommen.
  • In einem Blogeintrag erklärt Australien-Chef William Easton Facebooks Entscheidung: Das Gesetz missverstehe das Verhältnis zwischen der Plattform und Verlagen.
  • Medien teilten ihre Inhalte freiwillig, weil sie dadurch mehr Leserïnnen und potenzielle Abonnentïnnen ansprechen könnten. Allein im vergangenen Jahr habe Facebook rund 5 Milliarden Weiterleitungen auf Verlagsinhalte generiert. Diese Reichweite sei mehr als 300 Millionen Dollar wert.
  • Facebook selbst sei finanziell dagegen kaum auf Medien angewiesen. In Australien machten Nachrichten nur vier Prozent des Newsfeeds aus.
  • Das deckt sich mit Zahlen aus den USA und einem PDF, das wir im vergangenen August verlinkten, als wir über Facebook News schrieben. Das Dokument ist mittlerweile aus dem Netz verschwunden, aber noch über Archive.org abrufbar.
  • Darin antwortete Facebook der australischen Regierung: "News content is highly substitutable with other content for our users and (…) news does not drive significant long-term commercial value for our business."
  • Wir brauchen euch nicht – aber ihr braucht uns: "But the absence of news on Facebook would mean publishers miss out on the commercial benefits of reaching a wide and diverse audience."
  • Deshalb hat sich Facebook nun "schweren Herzens" entschieden, dass die Plattform bis auf Weiteres kein Ort für journalistische Inhalte mehr sein soll. Auch Facebook News wird, anders als ursprünglich geplant, nicht in Australien starten.
  • Davon abgesehen bleibt Facebook für australische Nutzerïnnen unverändert. Glaubt man Facebook, sind also 24 von 25 Posts im Newsfeed gar nicht betroffen.

Was das Gesetz lösen soll

  • Das Werbegeschäft im Netz ist nahezu ein Duopol: Facebook und Google kassieren den Großteil der Anzeigenerlöse. Nur Amazon hat noch ein Wörtchen mitzureden, Verlage sind abgeschlagen.
  • Die beiden Plattformen profitieren direkt und indirekt von journalistischen Inhalten. Beide Produkte werden wertvoller, weil Menschen dort Nachrichten finden oder darüber diskutieren können.
  • Google und insbesondere Facebook sind auf verlässliche Informationen und seriöse Quellen angewiesen, um Falschbehauptungen und Verschwörungserzählungen einzudämmen. Das geht nicht ohne Medien, die einordnen, erklären und widerlegen.
  • Doch während die Plattformen Milliardengewinne einstreichen, kriseln viele Verlage. Vor allem in den USA ist die Situation dramatisch. Lokalmedien machen reihenweise dicht, allein im vergangenen Jahr haben 16.000 Journalistïnnen ihren Job verloren.
  • Der Media Bargaining Code geht also ein reales Problem an: Wer Inhalte produziert, kann davon oft kaum noch leben. Wer Inhalte aggregiert und ihnen eine Plattform bietet, kann daraus ein lukratives Geschäftsmodell basteln.
  • Zwar investieren sowohl Google als auch Facebook in Programme, die Journalismus fördern sollen. Doch ob Google News Initiative oder Facebook News, immer sind die Verlage auf das Wohlwollen der Tech-Konzerne angewiesen.
  • Vor allem Facebooks Beziehung zu Medien ist schwierig. In Briefing #663 listeten wir eine Reihe von Ereignissen auf, die zeigen, dass Facebook kein verlässlicher Partner ist. Dazu schrieben wir:

Wer mit Facebook verhandelt, sollte im Hinterkopf haben, welches Selbstverständnis dieses Unternehmen durchzieht. Mark Zuckerberg scheint die nächste Quartalsbilanz eben doch wichtiger zu sein als das Schicksal der Verlage und der vielbeschworene "Qualitätsjournalismus".

  • Diese Abhängigkeit will Australien aufbrechen und zwei der reichsten Unternehmen der Welt gesetzlich verpflichten, einen kleinen Teil ihrer Einnahmen abzutreten.

Warum das Gesetz nichts löst

  • Plattformen sind nicht dafür verantwortlich, Verlagen ein funktionierendes Geschäftsmodell zu liefern. Die finanzielle Krise, in der viele Medien stecken, ist größtenteils hausgemacht.
  • Tatsächlich profitieren Medien mehr von Facebook und Google als andersherum. Wenn Verlage lieber nicht auf Google gelistet werden wollen, können sie sich mit einer Zeile Code aus dem Index nehmen. Es ist bezeichnend, dass das niemand tut.
  • Die Ausgestaltung begünstigt ausschließlich große Verlage und verschärft die Konzentration im australischen Medienmarkt – der ohnehin zu den unausgewogensten der Welt zählt.
  • Das Gesetz rüttelt am Grundsatz, dass Links frei sein sollten. Dieses Verständnis ermöglichte das offene Netz, jetzt ist es in Gefahr. (Dass sich Google und Facebook nun als Verteidiger des freien Netzes aufspielen, ist lächerlich. Aber das macht das Gesetz nicht besser.)
  • Es kann keine langfristige Lösung sein, einen willkürlichen Geldtransfer von den größten Plattformen zu den größten Verlagen festzuschreiben. Das rettet den Journalismus nicht – und es hilft auch den meisten Journalistïnnen kaum.
  • Denn die Einnahmen sind nicht zweckgebunden. Die Verlage können das Geld investieren, wie sie wollen. Im Fall von News Corp kommt es wohl eher Murdoch und Aktionärïnnen zugute, als wirklich in Journalismus zu fließen.
  • Letztendlich ist der Media Bargaining Code eine verkappte Steuer, die aber nur bei den größten Verlagen landet und Grundprinzipien des Netzes über Bord wirft.
  • Wenn Australien Geld sinnvoll umverteilen will, könnte es Digitalkonzerne anders besteuern und das Geld in Förderprogramme für gemeinnützigen Journalismus investieren. Nahezu jede Lösung wäre besser als dieses auf vielen Ebenen fragwürdige Gesetz.

Warum die Google-Deals problematisch sind

  • Der Deal mit News Corp macht Murdoch noch reicher und zementiert die Dominanz des Medienmoguls. Zu seinem Imperium zählen widerliche Boulevardzeitungen und Fernsehsender wie Fox News, die mit Sicherheit genauso zur Verrohung des öffentlichen Diskurses beitragen wie Hass und Hetze auf Facebook.
  • Google knickt ein und beweist, dass man seinen Willen bekommt, wenn man nur laut genug schreit und Millionen in Lobbyarbeit steckt.
  • Für weitere Argumente verweisen wir auf einen langen Thread von Jeff Jarvis, der sich auf Twitter die Wut von der Seele schreibt:

What angers me most is that journalism organizations had no shame and no transparency about their conflict of interest, cashing in their political capital to buy political favor and conspiracy to blackmail the tech companies. Journalism never reported its conflict. (…) The publishers won't change because they got a little more money. Startups will suffer. News will suffer. Society will suffer. Well done, everyone.

Warum Facebook ein PR-Desaster droht

  • Viele kluge Menschen haben Facebook in den vergangenen Stunden scharf kritisiert, darunter Evelyn Douek, Judd Legum und Matt Stoller (alle Twitter), die wir in unserem Newsletter regelmäßig verlinken.
  • Tatsächlich ist einiges schiefgelaufen. Machine-Learning-Modelle sollen entscheiden, was politische Inhalte sind. Das klappte genauso gut, wie es klingt – gar nicht.
  • Unter anderem wurden die Facebook-Seiten von mindestens drei Gesundheitsbehörden gesperrt, die Informationen zur Corona-Pandemie veröffentlichten. Auch Wohltätigkeitsorganisationen, NGOs und lokale Feuerwehr-Seiten waren betroffen. Facebook blockierte zwischenzeitlich sogar seine eigene Seite (Gizmodo).
  • Für Facebook noch schlimmer ist der PR-Schaden, der gerade entsteht. Nach dem Debakel um die neuen WhatsApp-Nutzungsbedingungen schießt sich Facebook das zweite üble Eigentor des Jahres.
  • Die Entscheidung kam abrupt, Nutzerïnnen wurden zuvor nicht informiert. Die Sympathie der Öffentlichkeit dürfte den Verlagen gelten, die seit Monaten eine große Kampagne fahren. Facebook hat jegliche Deutungshoheit verloren …
  • …obwohl es eigentlich nachvollziehbare Argumente hat. Fast alles, was Facebook in seinem Blogpost schreibt, trifft zu.
  • Es geht nicht nur ums Geld, sondern ums Prinzip. Die Art und Weise, wie Australien Links monetarisieren möchte, ist schlicht die falsche Lösung für die Probleme der Medienbranche.

Wie sich die Blockade auswirken könnte

  • Das optimistische Szenario: Australierïnnen werden zu den reflektiertesten und am besten informierten Medienkonsumentïnnen der Welt. Statt sich ihre Nachrichten von Facebooks Algorithmen vorsetzen zu lassen, entdecken sie, dass sie dieselben Informationen auch auf Medienseiten finden, die sie direkt aufrufen können. Verlage werden unabhängiger von der Plattformen und profitieren langfristig.
  • Das pessimistische Szenario: Die publizistische Lücke wird von dubiosen Klickschleudern gefüllt, die Lügen und Gerüchte verbreiten und deshalb gar nicht als Nachrichtenanbieter eingestuft werden. Der Teil der Menschen, die bislang Nachrichten auf Facebook konsumierte, sieht nun keinen Journalismus mehr. Während der Corona-Pandemie wäre das doppelt besorgniserregend. Verlage leiden durch den fehlenden Traffic, die finanzielle Lage der Medienbranche verschärft sich.
  • Das neutrale Szenario: Facebook verhandelt derzeit weiter mit der australischen Regierung. Das Gesetz ist zwar durchs Repräsentantenhaus, muss aber noch durch den Senat. Beide Seiten einigen sich auf einen gesichtswahrenden Kompromiss, der Media Bargaining Code wird leicht abgeändert, Facebook beendet seine Blockade.

Be smart

In Europa sollen der Digital Services Act (DSA) und Digital Markets Act (DMA) die Macht der großen Tech-Konzerne beschränken. Auch dabei wird es um die Frage gehen, wie Journalismus dauerhaft finanziert werden kann. Wir hoffen, dass sich die EU kein Beispiel an Australien nimmt und auf World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee hört:

Specifically, I am concerned that the Code risks breaching a fundamental principle of the web by requiring payment for linking between certain content online. The ability to link freely — meaning without limitations regarding the content of the linked site and without monetary fees — is fundamental to how the web operates.


Follow the money

Völlig übertriebene Nutzerzahlen bei Triller?

Triller präsentiert sich gern als austrebender TikTok-Konkurrent. Einem Bericht zufolge haben sie dabei ordentlich an den Zahlen gedreht: Statt der vom Unternehmen genannten 50 Millionen Nutzerïnnen komme Triller höchstens auf 25 Millionen, schreibt das US-Magazin Billboard. Das Irre daran: Trillers CEO Mike Lu dementierte das zunächst noch nicht einmal. In einem Statement verwies er schlicht darauf, dass es keine rechtlich bindende Definition von DAU & MAU (also täglich, bzw. monatlich aktiven Nutzerïnnen) gäbe…

Aufgeblähte Statistiken bei Facebook?

Facebook sieht sich vor Gericht ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt. Konkret geht es um die Wirksamkeit von Anzeigen auf der Plattform. Laut der Aussage eines Facebook-Mitarbeiters wusste das Unternehmen, dass die Wirkung von Anzeigen massiv überbewertet wurde, tat aber nichts dagegen. Der Grund für die aufgeblähten Stats: Doppelte und Fake-Accounts. Bloomberg berichtet:

Facebook knew the problem was largely due to fake and duplicate accounts,” but made a “deliberate decision” not to remove those accounts from potential reach, according to the filing.


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Dispo ist die nächste App, die gerade ordentlich für Furore sorgt. Zwar hat die Camera-App des YouTuber-Superstars David Dobrik noch keine deutschen Journalistïnnen in ihren Bann gezogen, die Gespräche mit Risikokapitalgebern wie Sequoia Capital, Andreessen Horowitz und Benchmark laufen aber bereits (The Information). Der Clou an der App: Nutzerïnnen können die Fotos, die sie mit der App knipsen, erst einen Tag später sehen. Laut Dobrik soll das den Nutzerïnnen den Druck nehmen, ständig auf der Suche nach dem einen perfekten Foto zu sein. Ähm ja, Wegwerfkameras sind jetzt also 100 Millionen Dollar wert. Jeeez.

Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • Roadmap für 2021: YouTube hat eine Menge vor dieses Jahr. Folgende Punkte stehen laut Techcrunch auf YouTubes Roadmap:
    • Erweiterung des In-Video-E-Commerce-Einkaufserlebnisses über die derzeitige begrenzte Beta-Phase hinaus
    • Erweiterung der Applaus-Tipp-Funktion, über die Nutzerïnnen Creator direkt für ihre Videos bezahlen können
    • Einführung von YouTube Shorts in den U.S.A. mit dem Ziel, TikTok ordentlich Konkurrenz zu machen
    • Hinzufügen einer Möglichkeit für Eltern, einzelne Kanäle und Videos zu bestimmen, die ihre Kinder auf YouTube Kids ansehen können
    • Neue Features für Nutzer-Wiedergabelisten auf YouTube Music, um diese Wiedergabelisten für andere besser auffindbar zu machen – Hallo Spotify!
    • Ein neues kostenpflichtiges Add-on für YouTube TV, das 4K-Streaming, DVR für die Offline-Wiedergabe und unbegrenzte, gleichzeitige Streams zu Hause ermöglicht.
    • Automatische Video-Kapitelschaltung für Videos, die keine vom Ersteller definierten Kapitel haben
    • Ein neu gestaltetes YouTube VR-Erlebnis mit Schwerpunkt auf Zugänglichkeit, Suche und besserer Navigation

Twitter


App der Woche: So bringst du Ordnung ins Passwort-Chaos

  • Was: 1Password, Bitwarden oder KeePass
  • Wie viel: 1Password kostet drei Dollar pro Monat für Einzelpersonen oder fünf Dollar für eine Familiengruppe mit bis zu fünf Nutzerïnnen. Journalistïnnen können den Dienst kostenlos nutzen. Bitwarden bietet eine gute Gratis-Version an, ein Premium-Account mit Zusatzfunktionen kostet 10 Dollar jährlich. KeePass ist kostenlos und quelloffen.
  • Warum: Unsere dieswöchige Empfehlung hat einen aktuellen Anlass. Der weit verbreitete Passwort-Manager LastPass hat sein Preismodell geändert. Damit wird die kostenlose Version nahezu nutzlos. Viele Menschen suchen also nach einer Alternative. Falls du bislang noch gar keinen Passwort-Manager nutzt, wird es ohnehin höchste Zeit.
  • Wofür: Wenn du dir deine Logins merken kannst, sind sie fast immer unsicher. Passwort-Manager helfen dir, deine Kennwörter zu verwalten – für jeden Dienst eine einzigartige Chiffre. Sonderzeichen sind relativ egal, die Länge ist wichtiger. Solche Passwörter generiert etwa 1Password, speichert sie in deinem Konto und synchronisiert sie geräteübergreifend. Auch andere sensible Daten wie Kreditkarten oder wichtige Dokumente sind in dem verschlüsselten Tresor gut aufgehoben.
  • Alternativen: Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend Passwort-Manager ausprobiert und halten 1Password und Bitwarden für sichere und gute Optionen. Das quelloffene KeePass verlangt etwas mehr Einarbeitungszeit. Das deckt sich mit den Erfahrungen von The Wirecutter, dem Testportal der New York Times. Zur Not tun es auch die integrierten Passwort-Manager der Browser. Alles ist besser, als sich Kennwörter zu merken oder auf einem Zettel zu notieren.
  • Pro-Tipp: Wenn wir Seminare geben, bauen wir oft einen kurzen Block zur IT-Sicherheit ein. Immer wieder sind wir erstaunt, wie wenige Menschen ihre Konten mit einem zweiten Faktor schützen. Dabei erhöhen 2FA-Apps wie Authy (The Wirecutter) die Sicherheit signifikant – gerade für Journalistïnnen, die mit sensiblen Informationen in Kontakt kommen, sollte das selbstverständlich sein.

Header-Foto von Brooke Cagle bei Unsplash


Apple vs. Facebook: Der Streit der Giganten eskaliert | Passion Economy: Wie Creator Geld verdienen können | Verbraucherschützer erhöhen Druck auf TikTok

Apple vs. Facebook: Der Streit der Giganten eskaliert

Was ist

Mark Zuckerberg und Tim Cook haben einiges gemeinsam: Sie stehen an der Spitze von zwei der wertvollsten und mächtigsten Konzerne der Welt. Zusammen kommen sie auf 27 Jahre Führungserfahrung und eine Marktkapitalisierung von drei Milliarden Dollar. Vor allem aber verbindet sie eine leidenschaftliche Abneigung.

Wie ausgeprägt diese Animosität wirklich ist, verdeutlicht ein Bericht des Wall Street Journal. Deepa Seetharaman, Emily Glazer und Tim Higgins haben haufenweise pikante Details ausgegraben, die zeigen, dass Cooks öffentliche Sticheleien Spuren hinterlassen: Zuckerberg wirkt zutiefst gekränkt und persönlich verletzt.

Warum das wichtig ist

Natürlich interessieren wir uns für Zuckerbergs Innenleben. Schon allein deshalb, weil über den Roboter-CEO sonst kaum etwas bekannt ist. Aber wir sind kein People-Newsletter. Dieses Thema greifen wir auf, weil es nicht nur um Cook vs. Zuck geht, sondern um Apple vs. Facebook – und damit um den Konflikt zweier Tech-Giganten, bei dem einiges auf dem Spiel steht.

Zunächst geht es um Geld. Um sehr viel Geld. Eine neue Datenschutzfunktion, die Apple in den kommenden Wochen mit iOS 14.5 scharf schalten wird, könnte Facebook Milliarden Dollar kosten. Doch der Streit hat noch eine zweite Ebene, die das WSJ so zusammenfasst:

At stake is how the internet will evolve and which companies will dominate it. Facebook and Apple's visions are diverging and increasingly incompatible. Facebook wants to capture and monetize eyeballs on every possible device and platform. Apple wants to draw users to its own hardware-centric universe, partly by marketing itself as a privacy-focused company. The outcome of the battle could affect what kinds of information users see when they browse the internet.

Worum es in dem Datenschutz-Streit geht

Kurz vor Weihnachten beleuchteten wir in Ausgabe #691 die Kontroverse zwischen Apple und Facebook. Hier fassen wir fassen die wichtigsten Details zusammen:

  • Im Juni kündigte Apple das "App Tracking Transparency"-Framework (ATT) an.
  • Vereinfacht gesagt sollen Entwicklerïnnen um Erlaubnis fragen, bevor sie Userïnnen quer über andere Apps und Webseiten hinweg verfolgen. Wer das nicht will, muss bislang aktiv widersprechen.
  • Apple verhindert also standardmäßiges Tracking und macht daraus eine Opt-in-Option. Es braucht die ausdrückliche Zustimmung der Nutzerïnnen, bevor ihnen eine individuelle Werbe-Identifikationsnummer zugewiesen werden darf.
  • Der Dialog, den bald Hunderte Millionen iPhone-Besitzerïnnen sehen werden, ist eindeutig. Darunter gibt es nur zwei gleich große Optionen: "Ask App not to Track" oder "Allow". Die genauen deutschen Übersetzungen sind noch nicht bekannt, sie dürften aber ähnlich unmissverständlich ausfallen.
  • Die geplanten Änderungen bedrohen eine ganze Branche (Big Tech), die jedes Jahr Milliarden Dollar umsetzt: Werbenetzwerke, Targeting-Firmen und Anbieterïnnen von Tracking-Technologie sehen ihr Geschäftsmodell in Gefahr.
  • Auch viele Entwicklerïnnen integrieren Facebooks Software-Bausteine in ihre Apps, sammeln darüber wertvolle Nutzungsdaten und blenden personalisierte Anzeigen ein. Gemeinsam mit Facebook, großen Verlagen und der Werbebranche protestierten sie gegen Apples Pläne.
  • Der Widerstand zeigte Wirkung. Apple verschob den Start, woraufhin acht Organisationen wie Amnesty International und die Electronic Frontier Foundation (EFF) einen offenen Brief schrieben (PDF), um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen.
  • Jane Horvath, die bei Apple für alle Entscheidungen zuständig ist, die Datenschutz betreffen, antwortete umgehend (9to5 Mac): "Wir stehen weiter voll und ganz hinter ATT und unserem umfassenden Ansatz, Privatsphäre zu schützen." Apple habe den Entwicklerïnnen nur mehr Zeit geben wollen, um ihre Apps anzupassen.
  • Diese Schonfrist geht nun zu Ende, und Zuckerberg wird zunehmend nervös: In mehreren Blogeinträgen und ganzseitigen (CNBC) Anzeigen (Macrumors) in großen US-Medien inszeniert sich Facebook als Retter des "freien Internets" und Fürsprecher kleiner und mittelständischer Unternehmen (KMUs).
  • Auf einer eigens eingerichteten Kampagnenseite sollen Hoteliers, Friseure, Restaurantbesitzerinnen und andere angeblich Betroffene auf die dramatischen Folgen aufmerksam machen.

Wie der Cook-Zuck-Beef entstand

Cook und Zuckerberg sind sehr unterschiedliche Menschen:

In personality terms, the two men differ greatly. Mr. Zuckerberg, 36 years old, is a hacker-turned-Harvard-dropout who once touted the end of privacy as a social norm. Mr. Cook, 60, who hails from Alabama, has been a deeply private man who rose through the company as a specialist in supply-chain logistics.

Das erklärt aber natürlich nicht, warum sie sich heute bei jeder Gelegenheit gegenseitig öffentlich angreifen. Auf Grundlage der WSJ-Recherche und anderer Ereignisse zeichnen wir die Eskalation nach:

  • 2014 halten sich die Probleme noch in Grenzen. Damals ist Apple eher damit beschäftigt, die Bedrohung abzuwenden, die durch Googles mobiles Betriebssystem Android erwuchs. Cook bezeichnet Facebook als "Partner".
  • Es scheint eine reine Geschäftsbeziehung gewesen zu sein. Schließlich stichelt Cook auch damals schon (Business Insider): "If they’re making money mainly by collecting gobs of personal data, I think you have a right to be worried."
  • Zuckerberg kontert (Time): "You think because you’re paying Apple that you’re somehow in alignment with them? If you were in alignment with them, then they’d make their products a lot cheaper."
  • Die grundlegend differierenden Ausrichtungen der beiden Konzerne spalten zunehmend auch deren CEOs. Apple verdient den Großteil seines Geldes (Apple-Newsroom) mit Hardware. Dagegen macht das Anzeigengeschäft fast 99 Prozent von Facebooks Umsatz aus (Facebook Investor Relations).
  • Cook sagt immer wieder öffentlich, wie wenig er von Facebooks Geschäftsmodell hält – Daten sammeln, Nutzerprofile bilden und deren Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, die personalisierte Anzeigen schalten können.
  • 2017 treffen sich die beiden, um persönlich die Differenzen auszuräumen. Es läuft nicht gut. Zuckerberg beschwert sich, weil Apple sich so lange Zeit lässt, Facebooks Apps und Updates im App-Store freizugeben.
  • Cook macht keine Zugeständnisse. Zuckerberg soll sich ungerecht behandelt gefühlt haben. Sie gehen auseinander, ohne sich nähergekommen zu sein.
  • 2018 folgt die Cambridge-Analytica-Affäre. Kara Swisher fragt Cook, was er an Zuckerbergs Stelle täte. Die Antwort ist kurz und brüsk (Vox): "I wouldn't be in this situation."
  • Das ärgert offenbar viele Menschen bei Facebook. Sie beklagen, dass Cook sich auf Facebook eingeschossen habe und andere Social-Media-Plattformen nicht derart angehe.
  • Intern diskutieren Facebook-Anwältïnnen, ob sie über Lobbyarbeit versuchen sollen, kartellrechtliche Ermittlungen gegen Apple auszulösen. Zuckerberg rät davon ab, den Konflikt allzu öffentlich auszutragen.
  • Trotzdem will er die Attacke nicht unbeantwortet lassen. In einem Podcast mit Ezra Klein (Vox) nennt er Cooks Äußerung "aalglatt“ und sagt: "I think it’s important that we don’t all get Stockholm syndrome and let the companies that work hard to charge you more convince you that they actually care more about you."
  • Intern wird er deutlicher. "We need to inflict pain", soll er seinem Team gesagt haben. Was er meint: Facebook soll Apple das Leben schwer machen, weil er sich ungerecht behandelt fühlt.
  • In den Folgejahren setzt sich der Streit fort. Immer wieder kommt es zu Reibereien, etwa als Apple Facebooks VPN-App Onavo aus dem App-Store wirft, das in Wirklichkeit dazu diente, wertvolle Daten zu sammeln.
  • Die jüngste Eskalation geht auf Apples ATT zurück. "Wir glauben, dass User selbst entscheiden sollten, welche Daten über sie gesammelt werden", schreibt Cook auf Twitter. Facebook könne Nutzerïnnen nach wie vor quer über Apps und Webseiten hinweg verfolgen. "ATT in iOS 14 verlangt bloß, dass sie davor um Erlaubnis fragen."
  • Cook dürfte diesen Tweet mit einer gewissen Genugtuung abgeschickt haben. Er nutzt die gleichen Wörter, mit denen Facebook sonst oft argumentiert: Kontrolle und Wahlfreiheit.
  • Wir geben Nutzerinnen doch nur eine Wahl, sagt Cook. Wer will, kann sich gern überwachen lassen. Wir geben Nutzerinnen doch nur eine Wahl, sagt Zuckerberg. Wer will, kann gern widersprechen.
  • Ende Januar legt Cook nach. Auf einer Datenschutzkonferenz sagt er, die Welt befinde sich derzeit "in einem Moment ungezügelter Desinformationen und Verschwörungstheorien, geschmiert von Algorithmen". Auf wen er anspielt, ist klar.
  • Parallel sagte Zuckerberg während des Analystengespräch zu den Quartalszahlen: "Apple mag behaupten, dass sie Leuten helfen wollen, aber sie verfolgen klar Wettbewerbsinteressen. Wir sehen Apple zunehmend als einen unserer größten Konkurrenten."

Warum Apple kein Heiliger ist

  • Auf den ersten Blick ist die Sache eindeutig: Natürlich ist Facebook nicht nur am Wohl seiner Werbekunden interessiert. Hinter den Interessen der KMUs, die es in den Vordergrund stellt, steht vor allem ein massives Eigeninteresse.
  • Für Facebook stehen Milliarden Dollar auf dem Spiel, auch wenn es die genaue Summe nicht nennen will (Axios). Eric Seufert, Mobile-Advertising-Experte, der diesen Namen verdient (Stratechery), beziffert die möglichen Umsatzeinbußen auf sieben Prozent im zweiten Quartal 2021 (Mobile Dev Demo).
  • Zudem hantiert Facebook teils mit irreführenden Zahlen (Harvard Business Review), die belegen sollen, dass KMUs besonders hart getroffen wären. Das macht die Kampagne nicht glaubwürdiger.
  • Dennoch ist Facebooks Haltung zumindest teilweise verständlich. Apple nutzt für das Opt-in einen vorgeschriebenen Dialog mit eindeutig negativem Wording. Eine komplett freie Wahl sieht anders aus (beide Mobile Dev Demo).
  • In den iPhone-Einstellungen gibt es eine ähnliche Option für personalisierte Werbung (Apple-Support) – dort ist es allerdings ein Opt-out, und die Sprache ist viel weniger drastisch.
  • Hinzu kommen hanebüchene (und sehr erfolgreiche) Anzeigen (YouTube), die Apple als Privacy-Unternehmen positionieren sollen, tatsächlich aber in die Irre führen.
  • In dem Video suggeriert Apple, dass andere Unternehmen private Informationen und Gespräche öffentlich zugänglich machten. Facebook mag Daten sammeln, aber es verkauft eben nicht diese Informationen, sondern Aufmerksamkeit. Das ist ein Unterschied.
  • "This is truly scandalous", schreibt Ben Thompson (Stratechery). "The way in which this ad depicts how your information is used (…) is so misleading that it is hard to call it anything but misinformation."
  • Überhaupt verhält sich Apple teils eher scheinheilig als heilig. Seine eigenen Werbenetzwerke werden bevorzugt behandelt und locken Entwicklerïnnen mit besseren APIs und mehr Informationen.
  • Wenn es Apple tatsächlich nur um die Privatsphäre ginge, dürfte es Google nicht zur Standardsuchmaschine im Safari-Browser machen – und sich das mit acht bis zwölf Milliarden Dollar pro Jahr (NPR) bezahlen lassen.
  • Schließlich setzt Google auf ein ähnliches Geschäftsmodell wie Facebook. Doch wenn Google mit einem Sechstel des Gewinns lockt, den Apple jährlich erzielt, wird wohl auch Cook schwach.

Be smart

Im Frühjahr wird Apple mit iOS 14.5 Facebook und vielen anderen Unternehmen das zweite Quartal verhageln. Ob das Powerplay auch langfristig erfolgreich sein wird, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Bereits jetzt laufen zahlreiche Kartellermittlungen gegen Apple. Facebook soll auch selbst eine Klage vorbereiten (The Information) und das Justizministerium mit Material füttern.

Unabhängig davon, auf welcher Seite man sich verortet und wie die mögliche Kartellklage ausgeht: Grundsätzlich ist es eine gute Sache, wenn Datenschutzdialoge standardmäßig zu einem Opt-in werden. Bislang lautet die Voreinstellung meist: alle Datenschleusen auf. Wenn ATT in dieser Hinsicht Maßstäbe setzt, wäre das eine gute Nachricht für Hunderte Millionen Menschen.


Passion Economy: Wie Creator Geld verdienen können (Part 1)

Was ist

  • Wir erleben aktuell einen spannenden Wettbewerb um Talente. Der Grund: Facebook, Instagram, YouTube, Twitter, Snapchat und TikTok haben zunehmend die gleichen Features. Den wirklichen Unterschied machen die Inhalte. Die Inhalte aber kommen eben nicht von den Plattformen, sondern von einer kleinen, aber enorm wertvollen Nutzergruppe: den Creator.
  • Um keine Nutzerïnnen zu verlieren, müssen die Plattformen also dafür sorgen, dass Creator bei „ihnen“ aktiv sind. Genau das werden sie aber mittelfristig nur dann machen (können), wenn es sich für sie lohnt. Applaus und Reichweite in allen Ehren – aber davon kann keiner seine Miete zahlen.
  • Damit es sich für Creator lohnt, weiterhin Inhalte zu teilen, respektive sich auf den Plattformen zu engagieren, brauchen sie Optionen, um mit ihren Inhalten Geld zu verdienen.

Was wir uns anschauen

  • Viele neuere Plattformen wie OnlyFans, Patreon oder Substack haben diese Notwendigkeit erkannt und ihre Produkte daran ausgerichtet. Die etablierten Plattformen bieten aber auch bereits das eine oder andere Feature an.
  • Unser Blick gilt dabei explizit nicht Markenkooperationen – die sind seit Jahren gelebte Praxis und bescheren vielen Influencerïnnen solide Einnahmen.
  • Uns geht es um Menschen, die bei Facebook Gruppen mit Zehntausenden Mitgliedern betreuen. Oder um all die Witzbolde, die auf Twitter Tausende mit ihren bissigen Tweets unterhalten. Oder um TikTok-Nutzerïnnen, die andere zu bestimmten Themen aufschlauen.

   Facebook   

Ja, wir haben alle das Gefühl, bei Facebook geht nicht mehr viel. Die Statistiken sprechen allerdings eine andere Sprache: Die Anzahl der monatlich aktiven Nutzerïnnen wächst ungebremst (Statista). Und auch für (ausgewählte) Creator hält das Unternehmen bereits einige interessante Optionen parat, um das eigene Wirken auf der Plattform zu Geld zu machen.

  • In-Stream Ads ermöglichen es, Werbung in den hochgeladenen Videos einbinden zu lassen. Die Werbung kann entweder zu Beginn, in der Mitte oder am Ende des Videos geschaltet werden. Die Verdientsmöglichkeiten hängen von der Anzahl der Views und dem Werbepartner ab.
  • Fan Subscriptions sind dafür gedacht, Fans davon zu überzeugen, Creator monatlich zu unterstützen. Subscribern kann exklusiver Content zugänglich gemacht werden.
  • Branded Content: Um Kooperationen mit Dritten transparent und reibungslos auf Facebook zu ermöglichen, gibt es die Option, Business Partner zu taggen. Zudem hat Facebook einen Brand Collabs Manager, über den Creator mit Marken zusammengeführt werden können, um eine Koop zustandezubringen. Viele Creator / Influencerïnnen regeln das aber oft auch selbst.
  • Subscription Groups: Eine Gruppe auf Facebook zu führen, ist für viele mittlerweile ein Vollzeitjob. Damit sich der Job auch lohnt, gibt es die Möglichkeit, „Abos“ zu verkaufen. Nur wer bezahlt, kommt in die Gruppe, bzw. erhält Zugriff auf alle Inhalte.
  • Facebook Gaming erlaubt noch einmal ganz andere Formen der Monetarisierung. So können Zuschauer ihren Lieblings-Gamer sogenannte Stars zukommen lassen – eine Art virtuelles Trinkgeld. Dafür braucht es aber einen Zugang zum Level Up Programm (Facebook).

Wichtig: Nicht alle Features stehen auch allen Facebook-Nutzerïnnen zur Verfügung. Ob und wie die aufgeführten Monetarisierungs-Optionen genutzt werden können, steht hier: How can I make money on Facebook, Partner Monetization Policies

   YouTube   

YouTube sieht sich von allen Social-Media-Angeboten am längsten mit der Frage konfrontiert, wie Creator mit ihren Inhalten auf der Plattform Geld verdienen können. Seit Jahren wird immer wieder diskutiert, wer wie viel an Werbeeinanhmen verdient. Doch auch darüber hinaus hat YouTube einige Features implementiert, die es einem Creator erlaubt, Inhalte zu monetarisieren.

  • Werbeeinnahmen: Creator können Werbeeinnahmen aus Display-, Overlay- und Videoanzeigen erzielen. YouTube nimmt einen 45-Prozent-Cut der erzielten Einnahmen.
  • Kanalmitgliedschaften: Creator können Abonnentïnnen dazu einladen, wiederkehrende monatliche Zahlungen zu leisten. Der Lohn für die Abonnentïnnen: spezielle Goodies.
  • Merch-Store: Creator können auf ihren Watch-Seiten einen Store mit Merch-Artikeln anbieten. Auch hier verdient YouTube mit.
  • Super-Chat & Super-Aufkleber: Fans zahlen dafür, dass ihre Nachrichten in Chat-Streams hervorgehoben werden.
  • YouTube Premium-Einnahmen: Einige wenige YouTuber verdienen mit, wenn YouTube-Premium-Abonnenten ihre Inhalte ansehen.

Auch hier gilt: Nicht alle Features stehen allen YouTubern zur Verfügung. Hier geht es zur Übersicht, wer auf welche Art und Weise auf YouTube Geld verdienen kann.

   Instagram   

Bei Instagram kommen Monat um Monat neue Features dazu. Regelrecht aufgebläht wirkt die App mittlerweile. Funktionen, um mit Inhalten auf der Plattform Geld zu verdienen, sucht man hingegen jenseits der Kategorie „Influencerïnnen machen Werbung“ fast vergeblich. Nur zwei zaghafte Ansätze sind zu erkennen:

  • Badges: In Live-Videos können Nutzerïnnen Badges erwerben, um Creator zu unterstützen. Der Erlös geht bislang zu 100 Prozent an die Creator.
  • IGTV Ads: Bei Instagram TV gibt es jetzt Werbeanzeigen. Creator erhalten einen 55-Prozent-Cut. Bislang steht das Feature nur ausgewählten Creator zur Verfügung.

Klar, Instagram arbeitet fleißig daran, die Shopping-Mall der 20er Jahre zu werden. Dafür gibt es auch viele neue Features, etwa:

  • Shopping from Creators: Ausgewählte Creator können bei Instagram am Verkauf von Produkten mitverdienen. Die Idee: Marken oder Creator werben in ihrer Story oder Post für ein Produkt. Über ein Tag gelangen Nutzerïnnen dann direkt zum Artikel, der direkt auf Instagram erworben werden kann (Instagram Shopping).

Aber dass Nutzerïnnen für kreative Inhalte jenseits von Werbebotschaften bezahlt werden, scheint Instagram derzeit nicht zu interessieren. Mal abgesehen von exklusiven Verträgen mit Social-Superstars:

  • Kohle für Reels: Instagram hat einigen Social-Media-Superstars Geld geboten (Wall Street Journal), damit sie Inhalte für den hauseigenen TikTok-Konkurrenten Reels produzieren. Viel ist über die Verträge nicht bekannt. Aber spannend, dass Instagram diesen Schritt überhaupt schon einmal gegangen ist. Genau da könnte unserer Meinung nach in den kommenden Monaten und Jahren viel passieren.

Auf Instagrams Business Blog gibt es immer wieder News zum Thema. Auch der Instagram-eigene Account @creators gibt hübsche Einblicke in die Welt der Creator. Eine generelle Übersicht, wer auf welche Art und Weise bei Instagram Geld verdienen kann, gibt es aber selbst auf Nachfrage nicht. Bislang bleibt es bei blumigen Ankündigungen wie dieser zur Einführung der Live Badges:

"(…) another step forward in our vision to build a suite of tools that helps creators make money through branded content, shopping, content monetization, and direct support from fans."

   Snapchat   

Snapchat hat sich lange dagegen gewährt, Creator eine Sonderbehandlung auf der Plattform zu gönnen. Zu groß war die Angst davor, die treueste Nutzergruppe zu verprellen. Teens, die Snapchat nutzen, um mit Freunden zu texten, wollen auf der Plattform keine Incentives, viralen Content zu produzieren, so die Lesart über viele Jahre. Genau das hat sich in den letzten Monaten durch die zunehmende Konkurrenz durch TikTok gewandelt.

  • Creator-Dasein: Snapchat-Nutzerïnnen können sich bei Snapchat darum bewerben, als Creator geführt zu werden. Als Snapchat-Creator gibt es einige zusätzliche Features wie Stats und mehr Optionen bei öffentlichen Profilen.
  • Öffentliche Profile: Auch gibt es jetzt wie bei allen anderen Social-Media-Plattformen die Option, ein öffentliches Profil anzulegen. Bislang steht das Feature noch nicht allen Nutzerïnnen zur Verfügung.

Die einzige Option, mit seinen Inhalten bei Snapchat tatsächlich Geld zu verdienen ist aktuell Snapchats Spotlight Lotterie. Jeden Tag schüttet Snapchat bis zu einer Million Dollar für die beliebtesten Spotlight-Inhalte aus. Für einige lohnt sich das. Nach einer auf Dauer angelegten und für Creator nachhaltig attraktiven Lösung klingt das allerdings nicht.

Hier geht es zu Snapchats Q&A in Sachen Creator Accounts.

   TikTok   

TikTok hat früh erkannt, dass es gute Inhalte braucht, um die Nutzerïnnen bei Laune zu halten. Mit als erstes hat das Unternehmen einen Creator Fund aufgesetzt, der in Europa mit rund 60 Millionen Euro ausgestattet ist. Laut TikTok soll der Fonds in den kommenden drei Jahren auf 255 Millionen Euro anwachsen. Wer auch von dem Fonds profitieren möchte, kann sich hier dafür bewerben. Good luck! Zudem hat TikTok ein Programm namens „TikTok for Black Creatives“ aufgesetzt, um explizit schwarze Talente zu fördern. Beides spannend und löblich. Allerdings gibt es daneben fast keine Features, wie Creator auf der Plattform unabhängig von exklusiver Förderung Geld verdienen können. Die einzige Ausnahme:

  • Virtuelle Geschenke: Creator können im Zusammenhang mit einem Livestream virtuelle Geschenke erhalten. Die Idee: Zuschauerïnnen drücken dadurch ihre Wertschätzung aus, Content-Erstellerïnnen erhalten eine Art Trinkgeld, indem sie die virtuellen Geschenke in echtes Geld eintauschen. Allerdings: Die Praxis steht immer wieder in der Kritik (Netzpolitik). Gerade diese Woche hat der europäische Verbraucherverband BEUC bei der EU-Kommission Beschwerde gegen TikTok eingereicht.

Ansonsten gibt TikTok vor allem Influencerïnnen Tools an die Hand, wie sie beim Thema Shopping und Werbung mitverdienen können:

  • Creator Market Place: Was bei Facebook der Brands Collab Manger ist bei TikTok der Creator Market Place. Die Plattform hilft dabei, „passende Creator mit Hilfe von Daten und Fakten zu finden“. Die Vorraussetzungen, um auf diesem Marktplatz geführt zu werden, lauten: Über 100.000 Follower auf TikTok, 5 TikTok-Videos und 100.000 Likes auf TikTok innerhalb der letzten 28 Tage, sowie ein Mindestalter von 18 Jahren.
  • Shoppable Videos stellen eine Möglichkeit für Influencerïnnen dar, an den Einnahmen, die durch ihren Werbe-Inhalte erzielt werden, mitzuverdienen. Bislang allerdings nur ein Test (Adweek).

Hier gibt es mehr Infos rund um das Thema Monetarisierung für Unternehmen und Ersteller bei TikTok. Zudem gibt es auch bei TikTok einen eigenen TikTok-Account, der sich dem Thema Creator widmet: @tiktokcreators.

Be smart

Was für viele Social-Media-Nutzerïnnen als ambitioniertes Hobby-Projekt begann, könnte sich aufgrund der Entwicklung bei den Plattformen zu einem lukrativen Job (oder zumindest zu einem zweitem Standbein) mausern. Mit ganz viel Pathos könnte man gar von einem neuem Mittelstand in der sogenannten „Passion Economy“ sprechen.

Mit Blick darauf, wie viel Zeit und Muße Millionen von Menschen in ihre Präsenzen in den sozialen Medien investiert haben, wäre es wirklich schön, wenn sie künftig dafür auch bezahlt werden.

Dass Facebook und Co Quartal um Quartal Milliarden scheffeln, die extrem aktiven Nutzerïnnen an diesen Gewinnen aber nicht beteiligt werden, ist eigentlich schon viel zu lange eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Und auch für die Plattformen selbst könnte es sich lohnen, mehr Monetarisierungs-Features einzuführen: sie können schließlich an jeder Transaktion mitverdienen.

In der kommenden Ausgabe schauen wir auf OnlyFans, Patreon, Substack und Co. Denn momentan sind es vor allem diese „jungen“ Plattformen, die den Markt mit niedrigschwelligen Features aufmischen und den etablierten Playern ordentlich Feuer machen.


Social Media & Politik

Facebooks Trump-Entscheidung naht

  • Am 7. Januar, einen Tag nach dem Sturm auf das Kapitol, warf Facebook Donald Trump von der Plattform. Im Gegensatz zu Twitters Entscheidung war die Sperre zunächst nicht endgültig, sondern vorübergehend.
  • Facebook verlängerte die Blockade und überließ die endgültige Entscheidung dem Oversight Board.
  • Nun naht das Urteil des Gremiums (Guardian): "Facebook is expected to announce imminently whether it will allow Donald Trump to return to the platform after banning him more than a month ago."
  • Demnach soll die Entscheidung im Laufe dieser Woche verkündet werden. Wir werden das Urteil dann natürlich ausführlicher analysieren.
  • Für den Moment verweisen wir auf den Deep-Dive von Kate Klonick, die für den New Yorker den besten Text über die Entstehung des Oversight Board geschrieben hat, der bislang veröffentlicht wurde.
  • Wer lieber zuhört als liest: Ich (Simon) habe am Wochenende mit dem Deutschlandfunk Kultur über Facebooks Obersten Gerichtshof gesprochen und erklärt, warum das Board unserer Meinung deutlich mehr ist als ein Feigenblatt.

Julia Reuss: Aus dem Ministerium zu Facebook

  • Julia Reuss, bislang Büroleiterin im Staatsministerium für Digitalisierung, wechselt als Lobbyistin zu Facebook.
  • Die Partnerin von Andreas Scheuer (CSU) geht bereits zum zweiten Mal durch die Drehtür zwischen Politik und Wirtschaft: 2013 tauschte sie die Position der persönlichen Referentin des Bundesverkehrsministers gegen ein Engagement bei der Deutschen Bahn.
  • Digital-Staatsministerin Doro Bär (CDU) scheint davon selbst überrascht worden zu sein: "Frau Dr. Reuss hat mich nach vollzogener Unterschrift des Arbeitsvertrags über ihren neuen Arbeitgeber informiert", sagte sie dem Handelsblatt.
  • FDP-Generalsekretär Vollker Wissing kritisiert "den nahtlosen Wechsel von der kontrollierenden zur kontrollierten Instanz". Das deute darauf hin, dass keine "wirksame Kontrolle von Facebook seitens der Bundesregierung" zu erwarten sei.
  • Ulrich Müller von LobbyControl sieht es ähnlich kritisch (Deutschlandfunk). Obwohl der Wechsel formal korrekt abgelaufen sei, hat er Bedenken: "Frau Reuss muss diesen Job ja nicht annehmen. Und auch Facebook muss nicht Frau Reuss einstellen. Das heißt, selbst wenn das gerade nicht reguliert ist, heißt das nicht, dass das ein positiver Seitenwechsel oder normaler Vorgang ist."

Facebook redet sich mit "technischen Problemen" heraus

  • Facebook versprach im Oktober, vorerst keine politischen Gruppen mehr zu empfehlen. Recherchen hatten gezeigt, dass Facebooks Algorithmen regelmäßig extremistische und radikalisierende Gruppen vorschlagen.
  • The Markup enthüllte, dass dieses Versprechen nicht eingehalten wurde.
  • Nun macht Facebook dafür "technische Probleme" verantwortlich: "The issue stemmed from technical issues in the designation and filtering process that allowed some Groups to remain in the recommendation pool when they should not have been."
  • Was man auch immer von dieser Erklärung hält: Unmittelbar nach Veröffentlichung der Recherche von The Markup hörten die Empfehlungen auf – kritischer Journalismus wirkt.

Verbraucherschützer reichen Beschwerde gegen TikTok ein

  • Der europäische Verbraucherverband BEUC beschwert sich bei der EU-Kommission über TikTok (PDF).
  • Die Plattform verstoße in mehreren Punkten gegen Verbraucherrechte in der Europäischen Union. Im Zentrum steht der Umgang mit minderjährigen Nutzerïnnen. Angeblich mache TikTok nicht klar genug, wie viele Rechte sie abtreten. Das Gleiche gelte für die gesammelten Daten.
  • Zudem sei Werbung teils unzureichend gekennzeichnet und nicht klar als Anzeige zu erkennen. Unternehmen könnten Kampagnen so schalten, dass insbesondere Teenager den werblichen Charakter nicht bemerkten.
  • Auch stören sich die Verbraucherschützer an den virtuellen Geschenken, die Nutzerïnnen dazu animieren, reales Geld auszugeben. Weitere Details der Beschwerde hat Netzpolitik zusammengefasst.
  • Eine TikTok-Sprecherin verweist darauf, dass Konten von Nutzerïnnen unter 16 Jahren standardmäßig auf "privat" gesetzt seien. Tatsächlich ist das eine lobenswerte Praxis, von der sich andere Unternehmen etwas abschauen könnten.
  • Eine solche Beschwerde ist immer nur der erste von vielen Schritten. Nun müssen die EU-Kommission und das Netzwerk nationaler Verbraucherschutzbehörden entscheiden, ob sie ein Verfahren einleiten.

Schon einmal im Briefing davon gehört

Fortnite veranstaltet Film-Festival

Bei Fortnite wird am 20. Februar ein Kurzfilm-Festival mit dem Namen Short Nite veranstaltet (The Verge). Fortnite geht damit einmal mehr neue Wege. In den letzten beiden Jahren hatten die Köpfe hinter dem populären Survival-Shooter bereits Konzerte mit Travis Scott, Marshmello und Diplo veranstaltet. Jetzt also ein Filmfestival. Nerd Fact am Rande: Das Festival findet auf der Insel „Party Royale“ statt. Die Insel wurde extra für solche Events erschaffen. Waffen sind hier nicht erlaubt.


Neue Features bei den Plattformen

TikTok

  • Rezepte: TikTok testet eine weitere Third-Party-Integration. Diesmal geht es um Rezepte. Genauer gesagt um Rezepte der Whisk App. Ausgewählte Food-Fluencer können auf die Rezepte verweisen, Nutzerïnnen können sich die Rezepte anschauen, ohne die App verlassen zu müssen. That’s it.

Header-Foto von Soundtrap bei Unsplash


Trump-Aus bei Twitter ist endgültig | Facebook will weniger politisch sein | Joe Biden stoppt den Zwangsverkauf von TikTok

Social Media & Politik

⚡️ Trump-Aus bei Twitter ist endgültig

Nur ganz kurz: Donald Trumps Twitter-Sperre bleibt bestehen (The Guardian) – selbst dann, wenn er erneut für das Amt des Präsidenten kandidieren sollte, so das Unternehmen. Das ist mal eine Ansage! Vor allem auch mit Blick auf die noch ausstehende Entscheidung von Facebooks Oversight Board, das zwar über Trumps Verbleib bei Facebook entscheidet (siehe Briefing #697), dem aber durchaus Strahlkraft für andere Plattformen nachgesagt wird. Zur Begründung erklärt Twitters CFO Ned Segal:

"The way our policies work, when you're removed from the platform, you're removed from the platform whether you're a commentator, you're a CFO or you are a former or current public official."

🐈 Facebook testet Newsfeed mit weniger politischen Inhalten

 

Was ist:

  • Ausgewählte Facebook-Nutzerïnnen in den USA, Kanada, Brasilien und Indonesien werden politische Inhalte künftig seltener in ihren Newsfeeds sehen.

Wie läuft der Test ab?

  • In einem Blogeintrag versichert Facebook, dass gesundheitsrelevante Informationen über Covid-19 von vertrauenswürdigen Quellen wie der WHO ausgenommen seien. Das gelte auch für nationale Gesundheitsbehörden, Ministerien und andere offizielle Stellen.
  • Die Nutzerïnnen sollen anschließend befragt werden. Dann will Facebook entscheiden, ob und wie es den Test ausweitet. Es ist auch gut möglich, dass nichts davon übernommen wird, falls etwa die Nutzungsdauer leidet. Das war bei früheren Algorithmus-Änderungen auch schon der Fall.

Die Hintergründe:

  • Das Experiment kommt mit Ankündigung. Ende Januar sagte Mark Zuckerberg bei der Vorstellung der Quartalszahlen (PDF): "We're currently considering steps we could take to reduce the amount of political content in News Feed as well. (…) People don't want politics and fighting to take over their experience on our services."
  • Tatsächlich finden nicht nur die meisten Menschen Politik eher anstrengend. Auch Facebook könnte wohl gut mit etwas weniger Drama und Polarisierung leben.
  • Wut und Empörung klicken zwar gut, aber langfristig machen sie viele Menschen Social-Media-müde und bedeuten vor allem jede Menge Ärger in Washington, D.C.
  • Bereits jetzt sehen die meisten Menschen gar nicht so viel politische Inhalte, wie man auf Grundlage der öffentlichen Debatte annehmen könnte. Im vergangenen November, kurz nach der US-Wahl, machte Politik nur sechs Prozent des Newsfeed aus (Facebook-Newsroom). In Briefing #687 schrieben wir über ein Experiment des Nieman Lab, das Facebooks Zahlen bestätigte.

Be smart:

  • Beim aktuellen Test bleiben einige Fragen offen: Wie stark wird Facebook den Anteil senken? Und was sind eigentlich "politische Inhalte"? Facebook hat für die Erkennung ein Machine-Learning-Modell trainiert (Politico), mehr ist nicht bekannt.
  • Facebooks Experimente erinnern ohnehin an die Operation am offenen Herzen eines todkranken Patienten: Der Newsfeed verliert seit Jahren an Bedeutung, Gruppen und Direktnachrichten haben die Timeline längst abgelöst. Ob die Änderungen auch die Inhalte von Gruppen betreffen, die im Newsfeed angezeigt werden, ist unklar.
  • Die Diskussionen innerhalb der Gruppen werden jedenfalls weitergehen – und die sind oft unschön: Ende Januar zitierte das WSJ aus einer internen Präsentation von Facebook-Forscherïnnen:

“70 % of the top 100 most active US Civic Groups are considered non-recommendable for issues such as hate, misinfo, bullying and harassment. We need to do something to stop these conversations from happening and growing as quickly as they do."

✋ Joe Biden stoppt den Zwangsverkauf von TikTok

 

Was ist:

  • Es wirkt, als sei es Jahre her: 2020 gab es einen US-Präsidenten, der eine der erfolgreichsten Social-Media-Apps der Welt erst als "nationales Sicherheitsrisiko" verbannen wollte und dann einen Verkauf forcierte – unter anderem an Oracle, wo sich sein Buddy Larry Ellison die Hände rieb.
  • Wir haben die absurde Posse rauf und runter erklärt und jede Wendung ausführlich begleitet – zum letzten Mal in Briefing #669.
  • Nach all dem Hin und Her wundert es nicht, dass die Saga nun noch eine weitere Wendung nimmt: Biden stoppt den geplanten Verkauf bis auf Weiteres (NPR). Das gilt neben TikTok auch für die geplante Verbannung von WeChat (Washington Post).

Die Hintergründe:

  • Offenbar will die neue US-Regierung zunächst gründlich untersuchen, wie gefährlich chinesische Apps tatsächlich sind (WSJ). Das dürfte einige Monate dauern.
  • Für TikTok und ByteDance sind das gute Nachrichten. Womöglich wird die Welt nie erfahren, was das seltsame Käuferpaar Oracle und Walmart mit der Plattform anstellen will, weil die App in chinesischer Hand bleibt.

Übrigens:

  • Microsoft, das ursprünglich als aussichtsreichster Bieter gehandelt wurde und sich schließlich aus dem Rennen um TikTok zurückzog, soll danach versucht haben, Pinterest zu kaufen (FT).
  • Offenbar will Microsoft nach LinkedIn unbedingt noch ein weiteres soziales Netzwerk übernehmen. Derzeit verdient der Konzern vor allem Geld mit Unternehmenskunden und seinem Cloud-Geschäft. Social Media wäre ein Schritt zurück auf den Consumer-Markt.

Clubhouse Roundup

In Sachen Clubhouse passiert gerade eine Menge. Damit du in der nächsten Runde, in der einmal mehr die Frage gestellt wird, was sich denn nun wirklich so ganz konkret mit der App anfangen lässt, mitreden kannst, hier ein Überblick über die aktuellsten Entwicklungen:

 

Clubhouse und Datenschutz

  • Clubhouse plaudert Nutzerdaten aus: Stiftung Warentest hat sich Clubhouse angeschaut und stellt fest: Die App sammelt unnötig viele Nutzer­daten und verstößt mit ihrer Daten­schutz­erklärung gegen die Daten­schutz­grund­ver­ordnung. Verbraucher- und Daten­schützer gehen bereits gegen die App vor. Wenn sich Clubhouse langfristig in Europa halten möchte, muss es in Punkto Datenschutz nachbessern.
  • Clubhouse und die Drogendealer: Am Anfang haben wir noch darüber geschmunzelt, dass Clubhouse über den Zugriff auf das Adressbuch den lokalen Pannendienst einlädt. Diese Einladungspraxis fällt Clubhouse aber zunehmend auf die Füße. Etwa dann, wenn Clubhouse-Nutzerïnnen ihre Therapeuten und Dealer (versehentlich) einladen (One Zero / Medium).

 

Clubhouse und Desinformation

  • Ärzte machen gegen Desinformation bei Clubhouse mobil: Bei Clubhouse können sich Menschen bekanntlich in digitalen Räumen treffen, um über alles mögliche zu quatschen. Dass sich dort auch Menschen treffen, um Falschinformationen rund um das Coronavirus zu verbreiten, sollte nicht überraschen. Dass aber die Community – in diesem Fall Ärzte – die Aufräumarbeiten für Clubhouse (Bloomberg, $) übernimmt, sollte kein Dauerzustand sein. Wir sind sehr gespannt, wie das Unternehmen das Thema Desinformationen angehen will. Bislang ist keine sinnvolle Strategie zu erkennen. Und das ist keineswegs zynisch gemeint. It is what it is.

 

Clubhouse und die Nutzerïnnen

  • Clubhouse ist das Anti-Twitter, schreibt der geschätzte Kollege Will Oremus. Das Problem: Während bei Twitter auch Nischenthemen große Wucht entwickeln können, werden bei Clubhouse bestehende soziale Status zementiert. Der Grund dafür ist nicht zuletzt die bislang nur mangelhafte Option, Räume zu finden. Aber eben auch die nur eingeschränkte Möglichkeit, den Aussagen von Dritten entgegenzutreten. Was uns direkt zum nächsten Punkt führt:
  • Das Aussperren-Problem: Privatsphäre ist ein hohes Gut! Dass auch bei Clubhouse eine Form von privat ermöglicht werden muss, ist absolut richtig. Allerdings wird die Möglichkeit, nur bestimmte Personen in einem Raum zu Speakerïnnen zu ernennen, immer dann problematisch, wenn es eigentlich Gegenrede bräuchte. Sei es bei Politikerïnnen, die unwidersprochen Botschaften lancieren, oder bei Milliarden-schweren CEOs, die einfach keine Lust auf Journalisten haben (Twitter / Jessica Lessin), weil sie lieber ihre eigene Agenda setzen möchten. Das Thema Aussperren wird uns bei Clubhouse noch lange beschäftigen.
  • Das Identitäts-Problem: Clubhouse muss dringend an einer Form von Verifizierung arbeiten. Ansonsten wird es immer wieder Räume geben, in denen sich Leute als Prominenten ausgeben, obwohl sie in Wirklichkeit ein Hund sind. Nun ja, ihr kennt den Witz. Was an sich im Internet eine gute Idee ist, ist auf Clubhouse eher schwierig. Andere Plattformen sind da einen Schritt weiter (Twitter / Jon Lai).

 

Clubhouse und die Konkurrenz

 

Clubhouse und China

  • Zwei Wochen Freiheit: Es gab ihn, diesen kurzen Moment Freiheit. Einmal über alles mögliche plaudern, ungestört und ohne Zensur. Es dauerte nur zwei Wochen, dann wurde Clubhouse in China wieder zensiert (Foreign Policy).
  • Clubhouse und das TikTok-Problem: Um die technische Abwicklung von Clubhouse zu ermöglichen, greift das Unternehmen auf ein Angebot zurück, das in China beheimatet ist (Bloomberg, $). Ob das zu ähnlichen Problemen führt wie bei TikTok?

 

Clubhouse – Tricks und Tipps

  • clublink.to ermöglicht es, Clubhouse-Einladungs-Links visuell ansprechender zu gestalten.
  • clubhype.io lässt Nutzerïnnen Social-Media-Previews und Landing-Pages für Clubhouse-Events erstellen.
  • shorten.club bietet die Option, Links oder Notizen hinter einem Dokument mit einer sechsstelligen Zahl zu sammeln. Die Zahl lässt sich dann easy bei Clubhouse teilen.
  • gethostnotes.com gibt Nutzerïnnen Super-Host-Optionen: RSVP's, Event Agendas, Club Sponsoring, Speaker-Tipping, Link-Sharing, Kommentieren – alles an einem Ort.
  • clubhousebio.xyz lässt Nutzerïnnen ihre Bio vom Browser aus schreiben.
  • avatar.lvwzhen.com, chpic.me und clubhouseglow.com lassen Avatare leuchten und sorgen so vielleicht dafür, dass sie aus der Masse an Teilnehmerïnnen herausstechen.
  • clubrecorder.com macht, was es verspricht: es zeichnet Clubhouse-Diskussionen auf. Aber Vorsicht: Wann es überhaupt ok ist, Gesprächsrunden bei Clubhouse aufzuzeichnen, hat Kollege Dennis Horn auf seinem Blog aufgeschrieben.
  • roomsofclubhouse.com bietet Nutzerïnnen einen Überblick über offene Räume.
  • chblade.com lässt Nutzerïnnen andere Clubhouse-Nutzerïnnen tracken.

Hinweis: Wir haben die Tools bei Techcrunch und Product Hunt gefunden. Wir können überhaupt nichts zu den Themen Datenschutz und Funktionalität sagen. Bitte prüft vor allem die Terms of Services, bevor die Tools genutzt werden.


Creator Economy

🏡 I twitter for a living

Was ist:

  • Twitter hat für das vierte Quartal überraschend starke Zahlen (CNBC) vorgelegt: Bei einem Umsatz von 1,29 Milliarden Dollar haben sie am Ende sogar 222 Millionen Dollar verdient. Für den blauen Vogel ist das wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Doch das reicht nicht, um die Investoren zufriedenzustellen.

Was Twitter vorhat:

  • Damit Twitter auf Erfolgskurs bleibt, denkt das Unternehmen darüber nach, die Einnahmen stärker zu diversifizeren.
  • Im Fokus steht dabei die Idee, Nutzern zu helfen, mit ihren Followern Geld zu verdienen (Bloomberg). Twitter-Boss Jack Dorsey: „That can come through a regular subscription, that can come through content unlock, that can come through tipping. There is a host of things and right now we are just studying and prioritizing what those things look like.“

Be smart:

  • Für welche Optionen sich Twitter auch entscheidet: Für Creator sind das gute Nachrichten. Endlich erhalten sie die Chance auf direkte finanzielle Würdigung. Mit Aufmerksamkeit allein lässt sich keine Miete bezahlen.
  • Und auch ganz ohne diesen ganzen Creator-Economy-Hype ist es eine schöne Idee, dass sich Social-Media-Unternehmen zunehmend darüber Gedanken machen, wie sie ihre Nutzerïnnen in die finanzielle Wertschöpfung einbeziehen können.

💸 Geld bewegen mit „Stir Money“

Was ist:

  • Dass Creator nur eine Einnahmequelle haben, ist eher selten. Meistens handelt es sich um einen Mix aus Werbeerlösen, direkten Zuwendungen durch Fans via Patreon und Merchandise-Einnahmen.
  • Das US-Startup Stir Money weiß um den Hustle, der damit verbunden ist. Insbesondere dann, wenn es sich um Einnahmen handelt, die mit anderen Creator geteilt werden müssen.
  • Um das Einsammeln, Verwalten und Teilen von Einnahmen zu vereinfachen, bietet Stir Money diverse Tools an.

Alles noch beta, aber…

Be smart: Das Investment zeigt: die Branche verspricht sich extrem viel von der Creator Economy. Schon jetzt ist der Markt heiß umkämpft: OnlyFans, Patreon, Steady und Substack werden zunehmend unter Druck geraten.


One more thing

Justin Bieber bei TikTok: Äh, ja. Wir sind keine Bieber-Fans. Aber dass bei TikTok jetzt zum ersten Mal ein längeres Konzert gestreamt wird (The Fader), interessiert uns schon…


Header-Foto von Kati, xilophotography.com bei Unsplash


Tool: Wie du mit Pinboard dein persönliches Internet-Archiv baust

  • Was: Pinboard
  • Wofür: Pinboard ist Read-it-Later-Dienst und Wissensdatenbank in einem. Hier kannst du alle Texte, Studien und andere Links speichern, die du noch lesen willst oder die du zu einem späteren Zeitpunkt für deine Arbeit brauchen könntest. Wenn du den teureren "Archival Account" wählst, werden alle Lesezeichen automatisch als PDF archiviert – äußerst nützlich, weil das Netz manchmal doch vergisst. Außerdem kannst du dann nicht nur in URL und Titel, sondern auch im Inhalt der gespeicherten Seiten suchen.
  • Wie: Speichern kannst du entweder per Bookmarklet, Browser-Erweiterung, E-Mail oder mithilfe einer der Drittanbieter-Apps für iOS und macOS. Für Android empfehlen wir Pinkt. Du kannst auch etliche andere Dienste wie etwa deinen Twitter-Account verknüpfen, und jeden Link speichern, den du postest. Außerdem gibt es eine API für Entwicklerïnnen. Für weitere Details zu den Funktionen empfehlen wir diese kurze Dokumentation und die ausführlicheren FAQ.
  • Wie viel: 22 Dollar pro Jahr für einen normalen Account. Für 39 Dollar bekommst du die Archiv-Funktion und Volltextsuche. Es gibt kein kostenloses Probe-Abo, aber man kann sieben Tage lang unkompliziert sein Geld zurückverlangen.
  • Warum: Dienste wie Instapaper und Pocket bieten vergleichbare Grundfunktionen und sind gratis. Tatsächlich nutzen wir die Bezahlversion von Pocket parallel, weil die mobilen Apps schicker sind und bessere Offline-Funktionen bieten. Pinboard punktet mit anderen Dingen: Es ist schnell, übersichtlich, offen, werbefrei, sammelt keine Daten, verzichtet auf Bilder und Bling-Bling, bietet zahlreiche Import- und Exportfunktionen und hat keine nervigen Social-Features. Kurzum: Es ist perfekt für den produktiven Einsatz.
  • Wer: Noch ein Grund, der für Pinboard spricht, ist der Entwickler. Maciej Cegłowski zählt zu den klügsten und angenehmsten Menschen in diesem Internet. Auf seinem Blog veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen Essays und Talks, die seiner Zeit oft weit voraus sind. Etwa über den Überwachungskapitalismus (2016), das überladene World Wide Web (2015) und alles, was im Netz schiefläuft (2014). Das Geld, das ihm die rund 25.000 Menschen überweisen, die für Pinboard zahlen, steckt Cegłowski unter anderem in seine Organisation Tech Solidarity, mit der er den Wahlkampf der Demokraten gegen Trump unterstützte.
  • Usecase: Wir nutzen Pinboard als eine Art Hub für unsere Briefings. Dort sammeln wir alle Links, die wir in unseren Timelines, Newslettern und RSS-Readern entdecken. Von Pinboard aus verteilen wir die Artikel automatisiert in den Slack-Channel #newsfeed und posten sie auf Twitter. Das klappt mit Diensten wie IFTTT, die gut mit Pinboard zusammenarbeiten. Unsere öffentlichen Links findest du hier, sie lassen sich auch per RSS-Feed abonnieren.
  • Pro-Tipp: Eine wunderbare Ergänzung zu Pinboard ist Paperback. Der Dienst kostet einmalig 15 Dollar und verwandelt alle ungelesenen Pinboard-Links in hübsch formatierte Artikel, die sich auch offline lesen lassen. Außerdem gibt es praktische Shortcuts und synchronisierten Lesefortschritt für jeden geöffneten Text. Falls du einen Kindle hast, kannst du die Links mit einem Klick von Paperback auf deinen E-Reader schicken und dort lesen.

Facebook will Impf-Unsinn konsequent löschen / Twitter denkt über Paid-Features nach / TikTok goes E-Commerce

Facebook will Impf-Unsinn endlich konsequent löschen

Was ist

Facebook hat angekündigt, Lügen und falsche Behauptungen über das Coronavirus, Corona-Impfungen und Impfungen im Allgemeinen von seinen Plattformen zu tilgen. Facebook und Instagram sollen keine Orte sein, an denen sich die Impfodemie ausbreitet.

Warum das wichtig ist

Wir verweisen auf Ausgabe #692, in der wir kurz vor Weihnachten die Gefahr beleuchteten, die von Impf-Desinformation ausgeht:

Wissenschaftlerïnnen warnen vor einer Flut an bewusst gestreuter Desinformation. Social-Media-Plattformen tun ihr Bestes, sind aber trotzdem überfordert und schaffen es nicht, die Anti-Impf-Propaganda wirksam einzudämmen. (…) Ob man sich impfen lässt oder nicht, mag eine persönliche Entscheidung sein – die Folgen betreffen aber alle Mitmenschen. Die Corona-Impfung wird erst dann wirklich effektiv, wenn sich ein Gutteil der Bevölkerung dazu bereiterklärt.

Anti-Impf-Panikmache verbreitet sich seit Jahren wie eine Seuche im Netz. Krankheiten wie die Masern, für die es eine verlässliche Impfung gibt, können auch deshalb nicht komplett ausgerottet werden, weil sich Menschen weigern ihre Kinder impfen zu lassen. Auch die Corona-Impfung wird von einer massiven Welle der Falschnachrichten (Tagesschau) begleitet. Die Bundesregierung hat ein Portal eingerichtet, auf dem sie sich den gängigsten Lügen und Mythen entgegenstellt.

Wie Facebook vorgehen will

In einem langen Blogeintrag über Facebooks Bemühungen, zuverlässige Informationen über die Corona-Impfung zur Verfügung zu stellen, geht der kurze Absatz über die Bekämpfung falscher Informationen fast unter. Facebooks Head of Health Kang-Xing Jin verweist darin auf ein Update eines anderen Blogeintrags, wo Facebook fortlaufend seine Maßnahmen gegen Corona-Desinformation auflistet. Dort werden weitere Details genannt:

  • Facebook weitet seine Kriterien für gefährliche Desinformation massiv aus und will künftig zahlreiche weitere Falschbehauptungen löschen.
  • Dazu zählt Facebook die Aussagen, dass die Corona-Impfung gefährlich sei, Autismus auslösen könne oder gar nicht vor Covid-19 schütze.
  • Die vollständige und sehr lange Liste der verbannten Behauptungen findet sich im Hilfebereich.
  • Allerdings muss man die Sprache umstellen: In der deutschen Version taucht die Impfung nur ein einziges Mal in einer Klammer auf, auf Englisch gibt es gleich 64 Suchergebnisse für den Begriff "vaccine". Offenbar hat Facebook die Seite noch nicht übersetzt.
  • Die neue Policy soll unverzüglich auf Facebook und Instagram in Kraft treten und ab sofort durchgesetzt werden. Dabei will Facebook besonders gegen Seiten, Gruppen und Accounts vorgehen, die gegen die Richtlinien verstoßen.
  • Ergänzend zu diesen Maßnahmen wird Facebook die Suchergebnisse zu Themen mit Corona-Bezug überarbeiten und relevante, verlässliche Informationen prominenter anzeigen.
  • Auf Instagram soll es zusätzlich schwerer werden, Accounts zu finden, die aktiv von Impfungen abraten.

Warum Facebook ausgerechnet jetzt handelt

Genau wie beim Vorgehen gegen QAnon kann man fragen: Warum um Himmelswillen hat Facebook so lange für die Erkenntnis gebraucht, dass Verschwörungserzählungen oder Impf-Lügen gefährlich sind? Schließlich warnten Expertïnnen in beiden Fällen seit Jahren und flehten Facebook an, endlich aktiv zu werden.

Trotzdem gilt natürlich: besser spät als nie. Und der Zeitpunkt ist tatsächlich interessant. Denn Facebook verweist auf das Facebook Oversight Board, das Ende Januar seine ersten Urteile verkündete (Oversight Board). In einer der fünf Entscheidungen forderte das Gremium unter anderem:

Create a new Community Standard on health misinformation, consolidating and clarifying the existing rules in one place. This should define key terms such as "misinformation".

Es ist unklar, ob die aktuellen Änderungen tatsächlich schon auf die Empfehlung des Oversight Boards zurückgehen. Schließlich dauert es meist länger, eine derart wichtige Policy zu überarbeiten. Facebook sagt selbst, dass dem Update Beratungen mit Gesundheitsorganisationen wie der WHO vorausgingen. Das geschieht für gewöhnlich nicht binnen zwei Wochen.

Allerdings schreibt Facebook in seiner Reaktion auf das Urteil auch:

Facebook has committed to considering the board’s recommendation through its policy development process. The policy development process is a large part of how we envision that the board’s decisions will have lasting influence over our policies, procedures and practices.

Unabhängig davon, wie viel Einfluss das Oversight Board auf Facebooks neue Anti-Anti-Impf-Strategie hatte, scheint das Gremium kein Feigenblatt zu sein.

Welche Gefahren Facebooks Strategie birgt

Die Kriterien für gefährliche Desinformation sind zwar in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerïnnen und Gesundheitsorganisationen entstanden. Trotzdem gibt es vereinzelt Kritik:

  • Zeynep Tufekci weist in einem Twitter-Thread darauf hin, dass die neuen Definitionen äußerst weit gefasst sind: "They'd then have to take down most of public health advice, including from the CDC and the WHO and major newspapers, from the first six months of the pandemic."
  • Teils müsste Facebook sogar zutreffende Informationen löschen. Es gebe sehr wohl klinische Studien, bei denen der Impfstoff nicht gegen ein Placebo getestet werde. Facebook will solche Behauptungen künftig aber entfernen.
  • Dazu zählt auch die Fehlinformation, dass Masken sinnlos seien, um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern. Allerdings hat die WHO selbst lange keine Empfehlung für Masken ausgesprochen. Noch immer raten nicht alle Länder dazu.
  • Renée DiResta ist ebenfalls nicht komplett überzeugt (Twitter). Sie fürchtet, dass Anti-Impf-Aktivistïnnen die Sperrungen als Beleg für verordnete "Zensur" auffassen könnten. DiResta bezeichnet das als "forbidden knowledge problem".
  • Außerdem hätte sich ein Teil der Impf-Desinformation mittlerweile in den politischen Bereich verlagert. Eine Behauptung wie "Impfungen sind tyrannische Eingriffe der Regierung" falle nicht unter Facebooks neue Kriterien.

Be smart

Wir sind keine Epidemiologen und können Facebooks Maßnahmen schlecht inhaltlich bewerten. Die Kritikpunkte von Tufekci klingen valide, im Großen und Ganzen erscheint uns das Vorgehen aber sinnvoll.

Am Ende entscheiden ohnehin nicht solche Details, sondern eine andere Frage: Wird es Facebook gelingen, die Richtlinien durchzusetzen? Schließlich hat Facebook im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder seine entsprechende Policy verschärft. Trotzdem nannte ein Avaaz-Bericht Facebooks Algorithmus im August eine "Gefahr für die öffentliche Gesundheit" (mehr dazu in Briefing #661).

Im Dezember empfahl der Instagram-Algorithmus munter weiter Impf-Desinformation (Huffington Post), noch immer tauchen Anti-Impf-Accounts prominent in der Suche auf (Twitter / Jessely Cook). Und am Montag, also am selben Tag, an dem sich Facebook seiner Maßnahmen rühmte, schrieb Alex Kaplan (Media Matters):

YouTube and Facebook allowed a video full of false conspiracy theories about the coronavirus, vaccines, and voter fraud — all of which violate the companies’ rules — to rack up at least 20 million combined views or engagements on their platforms. This is essentially a repeat of the viral spread last year of Plandemic, another faux documentary pushing conspiracy theories about COVID-19.

Social Media & Politik:

Facebook war das wichtigste Netzwerk des Kapitol-Mobs

Sheryl Sandberg soll Facebooks Rolle beim Sturm auf das Kapitol am 6. Januar massiv heruntergespielt haben. Kurz nach der Eskalation sagte sie: "I think these events were largely organized on platforms that don't have our abilities to stop hate and don't have our standards and don't have our transparency."

Nun gräbt Thomas Brewster Zahlen aus, die offenbar das Gegenteil belegen. Er beruft sich auf Daten des Program on Extremism der George Washington University. Demnach taucht in den mehr als 200 Anklageschriften, die nach dem Gewaltausbruch eingereicht wurden, Facebook ganze 73 Mal auf.

YouTube folgt mit 24 Erwähnungen, Instagram taucht 20 Mal auf. Parler, also jenes Netzwerk, auf das sich nach dem Putschversuch ein Großteil der öffentlichen Aufmerksamkeit fokussierte, wird nur achtmal erwähnt.

Die Dokumente sollen öffentliche Postings und private Nachrichten enthalten, in denen der Sturm aufs Kapitol angekündigt, geplant und live gestreamt wurde.

Natürlich lässt sich nicht allein aus der Anzahl der Erwähnungen ableiten, dass Facebook neunmal wichtiger war als Parler. Aber Sandbergs Behauptung, dass sich der Mob hauptsächlich außerhalb von Facebook organisiert habe, scheint auch nicht haltbar zu sein.

Evelyn Douek zieht einen Vergleich zu 2016 (Twitter), als Mark Zuckerberg nach der US-Wahl einen Satz sagte, der bekanntlich schlecht gealtert ist:

This statement by Sandberg is going to become the "the idea that fake news on Facebook influenced the election is a pretty crazy idea" of 2020.


Kampf gegen Desinformationen

Verifikationshandbuch

Die neue Ausgabe des Verification Handbook ist verfügbar! Dank der Übersetzung von Marcus Engert gibt es dieses wichtige „Standardwerk“ jetzt auch auf deutsch. Ein Must-Have gegen Desinformation für Journalistïnnen, OSINT-Freaks, Rechercheure, People in Aus- & Fortbildungseinrichtungen, Schulen, NGOs und Politik.


Creator Economy

Wir erleben aktuell einen spannenden War for Talent bei den Plattformen. Der Grund: Facebook, Instagram, YouTube, Twitter, Snapchat, TikTok und Co haben zunehmend die gleichen Features. Inhalte machen den Unterschied. Die werden von Creators geliefert. In dieser neuen Rubrik sammeln wir aktuelle Entwicklungen:

  • Instagram Reels jetzt ohne TikToks: Du brauchst eine neue Reels-Strategie! Ernsthaft! Der Grund: Instagram wird künftig keine Reels mehr promoten, die zuerst bei TikTok hochgeladen wurden (The Verge). Jupp! Bleibt die Frage: Gibt es dann eigentlich überhaupt irgendwelche Videos bei Reels?
  • Twitter arbeitet an Paid-Features: Laut Bloomberg sind verschiedene Optionen möglich: Einerseits überlegt Twitter, ob es sinnvoll wäre, eine Paid-Variante einzuführen, bei der es bestimmte Extra-Features wie ein „undo send“-Button gibt. Alternativ könnte auch die Nutzung von Tweetdeck kostenpflichtig werden. Zudem denkt Twitter darüber nach, Nutzerïnnen die Möglichkeit zu geben, für exklusive Inhalte zu zahlen. So könnten Twitter-Nutzerïnnen ihre Tweets auf der Plattform selbst monetarisieren.
  • Soundcloud goes payment: Soundcloud steht Billboard zufolge kurz vor der Einführung eines Paid-Features, mittels dessen Fans Künstlerïnnen für Inhalte bezahlen können. Bei alternativen Plattformen wie Bandcamp ist das schon lange Usus. Bei Soundcloud, Spotify und Co hingegen werden Künstlerïnnen bisher über die Anzahl an Plays vergütet. Ein System das insbesondere für weniger populäre Künstlerïnnen wenig attraktiv ist.
  • Clubhouse-Herausforderer: Aufgrund des großen Erfolgs von Clubhouse (in einer sehr kleinen dafür aber umso lauteren Zielgruppe) hagelt es derzeit nur so von Gerüchten und Pitches in Sachen Audio-Social-Media. Als prominentester Neuzugang gilt Fireside von Mark Cuban (The Verge). Die App soll die Option enthalten, Gespräche aufzuzeichnen, um sie später als Konserve bereitzustellen. Zudem soll es eine Reihe an Monetarisierungsfunktionen geben. We’ll hear.
  • Instagram Professional Dashboard, erklärt: Wenn du mit Instagram arbeitest, kommst du am neuen Professional Dashboard nicht vorbei. Die Kollegïnnen von Social Media Examiner haben dazu ein leicht verständliches How-to aufgeschrieben. Durchaus ein Bookmark wert.
  • Clubhouse? Nie gehört. Statista hat frische Zahlen zu Clubhouse. Ob die wirklich so repräsentativ sind, halten wir für fraglich. Aber es untermauert natürlich ganz gut die These, dass Clubhouse aktuell noch ein echtes Blasen-Ding ist. Dazu mehr in der kommenden Ausgabe.


Follow the money

TikToks E-Commerce Push

Wir hatten ja schon vor einer Weile angekündigt, dass TikTok in Sachen E-Commerce sehr bald ernst machen könnte. Einem Bericht der Financial Times zufolge ist es nun soweit: Zum einen führt TikTok ein Livestream-Shopping-Feature ein, das an eine moderne Variante des ach so geliebten Verkaufsfernsehens erinnert. Zum anderen können Unternehmen Produktkataloge hinterlege, auf die ausgewählte Kreative in ihren Posts verweisen können, um an den Verkäufen mitzuverdienen.

TikTok & Universal Music Group

Musik ist für TikTok essentiell. Die Plattform lebt davon, dass Menschen Musik-Fragmente kreativ einsetzen, um Lip-Sync- oder Choreo-Videos zu produzieren. Jetzt geht TikTok eine Partnerschaft mit Universal Music (Variety) ein, die der Plattform langfristige Nutzungsrechte einräumen und dem Label sowie den Musik-Künstlerïnnen eine bessere Vergütung bescheren soll. Wir sind gespannt, ob das für die nicht ganz so bekannten Musikerïnnen wirklich funzt.

Reddit erhält 250 Millionen Dollar

Reddit verkündet eine neue Finanzierungsspritze von 250 Millionen Dollar. Damit kommt die Plattform, die jüngst Schlagzeilen in der Finanzwelt machte, auf eine Bewertung von 6 Milliarden Dollar. Eine wahnsinnige Summe mit Blick auf die deutlich weniger täglich aktiven Nutzerïnnen (DAU) gegenüber Facebook oder Snapchat: 52 Millionen DAU bei Reddit, 1,85 Milliarden bei Facebook, 265 Millionen bei Snapchat. Aber was wissen wir schon.


Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

YouTube

  • Sports: YouTube gilt vielen als Anlaufstelle Nummero Uno, wenn es um Sport geht. Jetzt hat YouTube die dafür eigens vorgesehen Landing-Page ordentlich umgebaut und stärker personalisiert: youtube.com/Sports

Tool der Woche: So baust du dein persönliches Internet-Archiv

  • Was: Pinboard
  • Wofür: Pinboard ist Read-it-Later-Dienst und Wissensdatenbank in einem. Hier kannst du alle Texte, Studien und andere Links speichern, die du noch lesen willst oder die du zu einem späteren Zeitpunkt für deine Arbeit brauchen könntest. Wenn du den teureren "Archival Account" wählst, werden alle Lesezeichen automatisch als PDF archiviert – äußerst nützlich, weil das Netz manchmal doch vergisst. Außerdem kannst du dann nicht nur in URL und Titel, sondern auch im Inhalt der gespeicherten Seiten suchen.
  • Wie: Speichern kannst du entweder per Bookmarklet, Browser-Erweiterung, E-Mail oder mithilfe einer der Drittanbieter-Apps für iOS und macOS. Für Android empfehlen wir Pinkt. Du kannst auch etliche andere Dienste wie etwa deinen Twitter-Account verknüpfen, und jeden Link speichern, den du postest. Außerdem gibt es eine API für Entwicklerïnnen. Für weitere Details zu den Funktionen empfehlen wir diese kurze Dokumentation und die ausführlicheren FAQ.
  • Wie viel: 22 Dollar pro Jahr für einen normalen Account. Für 39 Dollar bekommst du die Archiv-Funktion und Volltextsuche. Es gibt kein kostenloses Probe-Abo, aber man kann sieben Tage lang unkompliziert sein Geld zurückverlangen.
  • Warum: Dienste wie Instapaper und Pocket bieten vergleichbare Grundfunktionen und sind gratis. Tatsächlich nutzen wir die Bezahlversion von Pocket parallel, weil die mobilen Apps schicker sind und bessere Offline-Funktionen bieten. Pinboard punktet mit anderen Dingen: Es ist schnell, übersichtlich, offen, werbefrei, sammelt keine Daten, verzichtet auf Bilder und Bling-Bling, bietet zahlreiche Import- und Exportfunktionen und hat keine nervigen Social-Features. Kurzum: Es ist perfekt für den produktiven Einsatz.
  • Wer: Noch ein Grund, der für Pinboard spricht, ist der Entwickler. Maciej Cegłowski zählt zu den klügsten und angenehmsten Menschen in diesem Internet. Auf seinem Blog veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen Essays und Talks, die seiner Zeit oft weit voraus sind. Etwa über den Überwachungskapitalismus (2016), das überladene World Wide Web (2015) und alles, was im Netz schiefläuft (2014). Das Geld, das ihm die rund 25.000 Menschen überweisen, die für Pinboard zahlen, steckt Cegłowski unter anderem in seine Organisation Tech Solidarity, mit der er den Wahlkampf der Demokraten gegen Trump unterstützte.
  • Usecase: Wir nutzen Pinboard als eine Art Hub für unsere Briefings. Dort sammeln wir alle Links, die wir in unseren Timelines, Newslettern und RSS-Readern entdecken. Von Pinboard aus verteilen wir die Artikel automatisiert in den Slack-Channel #newsfeed und posten sie auf Twitter. Das klappt mit Diensten wie IFTTT, die gut mit Pinboard zusammenarbeiten. Unsere öffentlichen Links findest du hier, sie lassen sich auch per RSS-Feed abonnieren.
  • Pro-Tipp: Eine wunderbare Ergänzung zu Pinboard ist Paperback. Der Dienst kostet einmalig 15 Dollar und verwandelt alle ungelesenen Pinboard-Links in hübsch formatierte Artikel, die sich auch offline lesen lassen. Außerdem gibt es praktische Shortcuts und synchronisierten Lesefortschritt für jeden geöffneten Text. Falls du einen Kindle hast, kannst du die Links mit einem Klick von Paperback auf deinen E-Reader schicken und dort lesen.

Header-Foto von Lee Padilla bei Unsplash


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