Monat: Januar 2021

Sieben Newsletter-Prognosen für 2021, Facebook Oversight Board kümmert sich um Causa Trump, TikTok testet neues Q&A-Format

Sieben Newsletter-Prognosen für 2021

Was ist

Ende vergangenen Jahres fragte Watchblog-Abonnent Matthias Bannert:

"Willst du zwei, drei Absätze mit einer persönlichen Einschätzung auf Trends und Strategien im kommenden Jahr schreiben?"

Wollte ich (Simon). Es wurden dann ein bisschen mehr als zwei, drei Absätze. Eher so 20 bis 30, die sich alle um Newsletter drehen. Medieninsider hat meine Prognosen mittlerweile veröffentlicht.

Wir sammeln ohnehin seit Monaten Links für einen größeren Explainer zu Substack, der Creator-Economy und den Schattenseiten des Newsletter-Booms. Deshalb nehmen wir die Vorhersagen als Grundlage, übertragen sie in die gewohnte Watchblog-Struktur und ergänzen sie um weitere Aspekte.

Warum der Newsletter-Boom nicht neu ist

  • Seit Jahren taucht in jeder Neujahrs-Glaskugel mindestens eine Prognose zum ach so überraschenden Siegeszug der E-Mail auf.
  • Überraschend ist daran allerdings gar nichts. Die angeblich vom Aussterben bedrohte E-Mail hatte nämlich höchstens einen kurzen Messenger-Schnupfen, hat sich von den WhatsApp-Viren und Slack-Bakterien aber bestens erholt.
  • Als wirksames Medikament haben sich Newsletter herausgestellt, die seit vielen Jahren immer beliebter werden: als eine Art halböffentliches Tagebuch, als Nachrichtenquelle, als Marketing-Tool, als direkter Kommunikationskanal abseits der Algorithmen der großen Plattformen.
  • Zur Einordnung: Bereits 2014 analysierte David Carr das Comeback der E-Mail: "For Email Newsletters, a Death Greatly Exaggerated" (NYT)
  • Das Social Media Watchblog gibt es sogar schon seit acht Jahren. Aus einem ambitionierten Hobbyprojekt wurde ein Beruf: seit 2018 gibt es unsere Newsletter nur noch für zahlende Abonnentïnnen. (Wer sich für die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte des Watchblogs interessiert, Martin hat das auf unserer Website ausführlich aufgeschrieben.)
  • Auch der Einsatz von Newslettern im redaktionellen Kontext ist alles andere als neu. Als ich 2016 "9 Tipps für den eigenen Newsletter" gab, schrieb ich:

"Das machen sich Medien wie Quartz zunutze, die mit ihrem "Daily Brief" täglich rund 150.000 Abonnenten erreichen. Die New York Times beschäftigt ein zwölfköpfiges Newsletter-Team, das 33 verschiedene Newsletter verschickt und dabei Öffnungsraten von mehr als 70 Prozent erreicht. Für Führungskräfte sind Newsletter zur wichtigsten Informationsquelle geworden: 60 Prozent lesen einen E-Mail-Newsletter, nur 28 Prozent öffnen eine Nachrichten-App."

Wie Substack die Newsletter-Landschaft verändert

  • Newsletter an sich sind seit Internet-Ewigkeiten etabliert, doch eine Entwicklung kam im vergangenen Jahr tatsächlich neu dazu: Der neue heiße Scheiß heißt Substack.
  • Die Plattform wurde 2017 gegründet und hat für viele Menschen Mailchimp, TinyLetter und Revue abgelöst. Wer 2021 einen Newsletter startet, greift mit großer Wahrscheinlichkeit zu Substack.
  • Es gibt zwei Optionen: Man kann seine Newsletter gratis verschicken oder dafür Geld verlangen. Der Mindestbetrag liegt bei fünf Dollar pro Monat oder 30 Dollar pro Jahr. Substack behält davon zehn Prozent.
  • Das Unternehmen eröffnet damit Selbstständigen ein Geschäftsmodell. Suche dir eine Nische, schreibe Newsletter, lass dich von deinen Abonnentïnnen bezahlen.
  • Mehr als 250.000 Menschen bezahlen für Substack-Newsletter. Die Top-10-Publisher setzen zusammen mehr als zehn Millionen Dollar pro Jahr um.
  • Das passt gut in die Zeit: Medien müssen sparen, befristete Verträge werden nicht verlängert, langjährige Redakteurïnnen müssen gehen. Da sieht Substack wie eine willkommene Rutsche in die Selbstständigkeit aus.
  • Gründer und Chef Chris Best drückt es in einem spannenden Interview (The Verge) so aus:

"Our goal was we wanted to make it so that you could type into this box and if the things you type are good, you’re going to get rich."

Wie wir die Substackeritis einschätzen

"The Substackerati", überschreibt Clio Chang ihre lange und lesenswerte Bestandsaufnahme zu Substack (CJR). Leicht abgewandelt fragen wir: Substackeritis: Ist das ansteckend? Oder gefährlich? Und geht das wieder weg?

Den zweiten Teil des E-Mail-Booms heben wir uns für eine der kommenden Ausgaben auf. An dieser Stelle geht es deshalb nicht um Newsletter als Produkte von Verlagen, die damit nicht nur Hunderttausende Menschen erreichen, sondern auch einen signifikanten Teil ihrer Abo-Abschlüsse generieren.

Wer jetzt schon mehr dazu wissen will: Eindrückliche Zahlen zum Stellenwert von Newslettern für Medienhäuser finden sich etwa in der Januar-Ausgabe des monatlich aktualisierten Google-Docs "Not a Newsletter" (das sich inhaltlich ausschließlich um Newsletter dreht, aber eben kein Newsletter ist). Dort analysiert Dan Oshinsky unter anderem Zahlen der Funke Mediengruppe: 2020 vervierfachte sich die Zahl der Abonnentïnnen auf mehr als 200.000, rund fünf Prozent aller neuen Abonnements kommen über Newsletter. Das Fazit:

"It’s no exaggeration that for many newsrooms, the difference between success and failure in the next 3-5 years will come down to this question: Did we build a loyal newsletter audience in 2020 and 2021?"

Und damit zurück zu unserem Thema – und unseren sieben Substack-Prognosen für 2021:

  1. Ernüchterung
  • Auf jede Heather Cox Richardson, die sich mit Substack einen Millionenumsatz erschreibt, werden etliche frustrierte Journalisten, Autorinnen und Wissenschaftlerïnnen kommen.
  • Newsletter sind kein Selbstzweck. E-Mails zu verschicken, ist kein Geschäftsmodell.
  • Was Anna Wiener im New Yorker über Substack schreibt, erinnert stellenweise an 2010: Medien lamentieren über Blogs – nur, dass WordPress jetzt Substack heißt und Menschen nicht mehr ins Netz schreiben, sondern Newsletter verschicken.
  • Aber sie hat einen Punkt: Substack wirkt nicht zwangsläufig demokratisierend. Bis auf wenige Ausnahmen sind dort Menschen erfolgreich, die bereits Zehntausende Fans besitzen: Follower in sozialen Medien, Leserïnnen in klassischen Medien.
  • So schön der Begriff der "Passion Economy" klingt: Wer davon leben will, muss ein Produkt haben, das sich verkaufen lässt.
  • Für begnadete Autoren, renommierte Forscherinnen und Prominente geht die Rechnung auf. Wer seinen Chefredakteurssessel verlässt, um einen Newsletter zu verschicken, hat bereits einen Namen – und damit einen gewaltigen Startvorteil.
  • Das ist leider eine Minderheit. Obwohl Substack ein Mentorïnnen-Programm anbietet, das neue Autorïnnen unterstützen soll, drohen Ernüchterung, Burn-out und womöglich die Gegenbewegung zurück zu klassischen Medien (A Media Operator).
  1. Teamarbeit
  • Bislang stehen hinter den meisten erfolgreichen Newslettern eine oder höchstens zwei Personen.
  • Projekte wie der Wirtschafts-Newsletter Flip oder RUMS, das statt klassischem Lokaljournalismus Briefe an Menschen in Münster verschickt, sind die Ausnahme.
  • In diesem Jahr wird sich das ändern: Journalistïnnen werden sich zusammentun, es wird mehr Newsletter-Teams und Substack-Redaktionen geben.
  • Die Entwicklung hat bereits begonnen: Bei The Charlotte Ledger und The Mill macht eine Redaktion über Substack Lokaljournalismus. Auch The Dispatch ist ein erfolgreiches (und inhaltlich sehr konservatives) Journalismus-Start-up, in dessen Zentrum ein Substack-Newsletter steht.
  • Unternehmen wie Letterhead setzen genau auf diesen Trend: Sie bieten eine kollaborative Plattform (TechCrunch), auf der mehrere Menschen gemeinsam an Newslettern arbeiten und diese monetarisieren können.
  1. Konkurrenz
  • Casey Newton (The Verge), Matthew Yglesias (Vox), Andrew Sullivan (New York Magazine), Glenn Greenwald (The Intercept) und Anne Helen Petersen (BuzzFeed) haben eines gemeinsam: Alle sind bekannte Journalistïnnen, kündigten vergangenes Jahr ihren Job – und schreiben jetzt Substack-Newsletter.
  • Doch Substack ist längst nicht perfekt, und es lässt sich recht einfach kopieren. Bislang ist es noch lang nicht too big to fail, es gibt noch keinen vergleichbaren Netzwerkeffekt wie bei den großen Plattformen und Messengern mit Hunderten Millionen Nutzerïnnen.
  • Deshalb wird Substack 2021 Konkurrenz bekommen. Gründerïnnen werden neue Plattformen aufbauen, bestehende Unternehmen und Verlage werden in das Newsletter-Geschäft expandieren.
  • Steady (Disclaimer: über die wir einen Teil der Abonnements für das Social Media Watchblog abwickeln) hat kürzlich den Anfang gemacht und bietet jetzt eigenständige Newsletter an. Martin hat seinen ersten Eindruck in einem Twitter-Thread zusammengefasst.
  • Ein weiteres Beispiel ist Forbes, das offenbar große Ambitionen hat. Anfang der Woche wurde bekannt (Axios), dass Forbes 20-30 bekannte Autorïnnen mit fachlicher Expertise und großem Social-Media-Publikum überzeugen will, Newsletter zu schreiben.
  • Die Einnahmen sollen 50/50 aufgeteilt werden, Forbes übernimmt dafür redaktionelle Verantwortung und garantiert Reichweite.
  • Patch ist schon einen Schritt weiter (Axios): Die Plattform ermöglicht es Lokalreporterïnnen in den USA, Newsletter zu verschicken. Teils haben schon ganze Redaktionen wie die Michigan Sun Times ihr Geschäft komplett auf Patch-Newsletter umgestellt.
  1. Abwanderung
  • Langfristig wird Substack nicht nur Konkurrenz bekommen. Es hat auch ein Problem: Für den Einstieg ist die Plattform großartig, weil sie einem fast alles abnimmt – nur den Inhalt muss man selbst liefern.
  • Anmelden, Schreiben, Abschicken – das war's. Das Backend ist intuitiv, die Einarbeitungszeit ist gering bis nicht existent.
  • Doch wer seine E-Mails von der Masse abheben und zusätzlich noch eine eigene Web-Präsenz will, hat kaum Möglichkeiten. Beim Social Media Watchblog setzen wir deshalb auf eine Mischung aus Mailchimp und WordPress, obwohl dieses Modell viel komplizierter und aufwendiger ist.
  • Damit sind wir nicht allein: Jacob Donnelly ist mit "A Media Operator" im Dezember ebenfalls von Substack zu Mailchimp und WordPress gewechselt und erklärt seine Überlegungen hier.
  • Noch mehr (gute) Gründe gegen Substack liefert Rob Hardy: "Why Substack Is Terrible For Creators" (Ungated)
  • Vor allem die mangelnde Individualität könnte erfolgreiche Substackerati stören. Ein Substack-Newsletter sieht immer gleich aus. Die drei unterschiedlichen Themes, die kürzlich eingeführt wurden, machen es auch nicht besser.
  • Und dann kommt da noch das Geld ins Spiel: Substack verlangt zehn Prozent Marge, hinzu kommen die Transaktionsgebühren für Stripe.
  • Zwar lockt Substack große Namen mit saftigen Vorschüssen, kommt bei den Top-Writern für die Krankenversicherung auf, unterstützt bei Marketing und Design oder übernimmt mögliche Anwaltskosten.
  • Doch wer eine Million im Jahr verdient, überlegt sich zweimal, ob er für das Geld nicht auf einen anderen E-Mail-Dienstleister umzieht und einen Webdesigner bezahlt, um eine hübsche Seite ins Netz zu stellen.
  • Langfristig braucht Substack nicht nur Star-Autorïnnen, die schnell ihre Koffer packen können. Genau wie die gesamte Creator Economy muss es eine Mittelschicht entwickeln (Harvard Business Review).
  1. Wirkung
  • Immer wieder verlinken wir in diesem Briefing Recherchen von Judd Legum. In seinem Newsletter Popular Information schaut er nicht nur Facebook auf die Finger, sondern deckt Missstände bei etlichen Unternehmen auf.
  • Seine teils investigative Arbeit zeigt Wirkung: Immer wieder ändern große Konzerne ihr Verhalten (Bloomberg), weil Legum seine 138.000 Abonnentïnnen darauf aufmerksam macht – und Medien seine Recherchen aufgreifen und zusätzlichen Druck erzeugen.
  • Die nächsten Panama Papers werden trotzdem von einem großen Medium enthüllt werden. Für solche Recherchen braucht es andere redaktionelle und finanzielle Ressourcen.
  • Aber nur, weil etwas nicht zuerst von einer klassischen Investigativredaktion aufgedeckt wird, heißt es nicht, dass es untergeht.
  • 2021 wird der politische und gesellschaftliche Einfluss von Newslettern zunehmen. Je mehr renommierte Journalistïnnen ihre Arbeit in E-Mail-Form veröffentlichen und je mehr Menschen sie damit erreichen, desto größer wird ihr Impact.
  1. Moderation
  • Wenn von Content-Moderation die Rede ist, geht es meist um Facebook, Twitter oder andere Social-Media-Konzerne.
  • Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich weitere Plattformen werden entscheiden müssen, wie sie mit problematischen Inhalten umgehen.
  • Vergangenes Jahr zeigte sich das schon an Spotifys laxem Umgang mit Joe Rogan (Vulture), das nicht nur Proteste vieler Hörerïnnen, sondern offenbar auch Widerstand bei Angestellten (Vice) auslöste.
  • An jedem Ort im Netz, an dem Menschen Inhalte erstellen oder teilen, stellt sich dieselbe Frage: Welche Regeln sollen dort gelten, und wer setzt sie durch?
  • Das gilt für Computerspiele wie Among Us (OneZero), für Plattformen wie Clubhouse, aber natürlich auch für Substack (OneZero), wie das Unternehmen kürzlich in einem Blogpost darlegte.
  • Substack-Chef Chris Best ist der Meinung (New Yorker), Substack habe ein eingebautes System für Content-Moderation in Form eines Unsubscribe-Buttons.
  • Diese recht naive Sichtweise (Lawfare) dürfte genau so lang halten, bis mehr Rechtsradikale, QAnon-Gläubige und andere gefährliche Extremistïnnen Substack für sich entdecken.
  1. Vielfalt
  • Der letzte Punkt ist keine Prognose, sondern Wunschdenken. Wir wünschen uns, dass Substack-Newsletter eigenständiger und offener werden – und vielleicht sogar wieder verschwinden.
  • Das müssen wir erklären. E-Mails sind großartig. Kein Algorithmus sagt, für welchen Inhalt ich mich angeblich interessiere. Man abonniert, filtert und löscht selbst.
  • Wir lesen mit Begeisterung Dutzende Newsletter und schreiben selbst einen, der uns einen Teil der Miete bezahlt. Kurzum: Newsletter könnten die tollste Erfindung seit geschnitten Brot sein …
  • …wenn es da nicht etwas gäbe, das noch großartiger ist. Es nennt sich RSS und ist Teil jenes fast vergessenen freien Netzes, das in der grauen Vorzeit der Nuller-Jahre unser digitales Leben bereicherte, bevor der Plattformkapitalismus das Internet auffraß.
  • In unseren RSS-Readern (SZ) lesen wir Hunderte Webseiten, die so viel mehr können als Newsletter. Sie sind schöner, individueller, flexibler und unabhängiger.
  • Aber RSS und Blogs sind kompliziert, das gilt für Produzieren und Konsumieren gleichermaßen. Und sie bieten kein so einfaches Bezahlsystem wie Substack. Wer einfach nur drauflos schreiben und Geld verdienen will, ist mit Substack besser bedient.
  • Doch nun hat ausgerechnet Substack kürzlich einen RSS-Reader für Newsletter vorgestellt. Vielleicht merken Menschen, dass sich Newsletter dort viel komfortabler lesen lassen als im Posteingang – und entdecken dann, dass sich darüber noch ganz andere Inhalte abonnieren lassen.
  • Außerdem boomt RSS. Zwar kennt kaum jemand das Format und die Technik, aber Millionen Menschen nutzen sie. Ohne RSS könnte niemand Podcasts abonnieren, auch die großen Anbieter wie Spotify und Apple greifen darauf zurück. Vielleicht kann RSS nicht nur Audio, sondern auch Text wiederbeleben.
  • Ein Teil dieser Gedanken stammt aus einem zauberhaften Essay von Robin Rendle. Die Mischung aus Rant und Utopie ist nicht nur klug, sondern auch wunderschön animiert und illustriert – wie es nur ein Blog und kein standardisierter Substack-Newsletter kann.

Social Media & Politik

Facebook Oversight Board entscheidet über Trumps Zukunft auf Facebook

Facebook hat bekannt gegeben, dass die Causa Trump nun an das hauseigene Oversight Board weitergereicht wurde. Das könnte noch richtig spannend werden. Schließlich geht es dabei womöglich um nichts geringeres als die Frage, ob Donald Trump in vier Jahren erneut Chancen hat, ins Weiße Haus einzuziehen. Die Hintergründe zu Trumps Deplatforming bei Facebook und Twitter gibt es in Ausgabe #694. Hintergründe zur Rolle von Facebooks Oversight Board findest du in Briefing #688 und Briefing #580


Follow the money

TikToks chinesische Schwester-App launcht E-Wallet:

In China dominieren Tencent’s WeChat Pay und Alibaba’s Alipay, wenn es um digitales Bezahlen geht. Jetzt möchte TikToks Mutterkonzern auch ein Stück vom Kuchen: künftig ist es auch mit TikToks Schwester-App Douyin möglich, digital zu bezahlen (Techcrunch). Klingt erst einmal weit weg. Aber da viele der Features, die es bei Douyin bereits gibt, Stück für Stück auch bei TikTok integriert werden, lohnt stets ein Blick gen Osten. Beim Thema Bezahl-Funktionen dürfte sich das nicht viel anders verhalten.


Neue Features bei den Plattformen

Facebook / Instagram

  • AI generierte Bildunterschriften: Wenn Fotos bei Facebook oder Instagram hochgeladen werden, werden sie automatisch von einem Computer ausgelesen. Diese Funktion wurde nun von Facebook noch ein Stück smarter gemacht (Facebook Newsroom). Kurz gesagt: Das Tool kann jetzt noch genauer beschreiben, was auf Fotos zu sehen ist. Für Blinde und Menschen, die auf entsprechende Sehhilfen angewiesen sind, sind das gute Nachrichten. Für alle, die künftig einfach nur leichter ihre Fotos wiederfinden wollen, auch.

TikTok

  • Neues Q&A-Tool: TikTok ermöglicht es derzeit ausgewählten Kreativen, einen Q&A-Button in ihrem Profil zu hinterlegen (Techcrunch). Über die Funktion können Fans Fragen einreichen, auf die die Kreativen dann zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl antworten können – mit einem Video oder via Livestream. Für Kreative ist das vor allem deshalb interessant, weil sie dann alle Fragen der Fans auf einen Blick serviert bekommen. Vorbild ist die beliebte Option, Kommentare per Video zu beantworten.
  • Neue Notifications für Livestreams: TikTok testet zudem ein neues Feature, um mehr Aufmerksamkeit auf Livestreams zu lenken. Nutzerïnnen können sich testweise benachrichtigen lassen, wenn einer der verfolgten Accounts live geht (Twitter / alex193a)

YouTube

  • Hashtag-Pages: Bei YouTube gibt es jetzt spezielle Landingpages für Hashtags. Sinn und Zweck ist es nicht unbedingt, die neuesten Videos zu einem Hashtag zu finden. Vielmehr können sich Nutzerïnnen und Kreative zugleich einen Überblick über die Vielzahl an Videos zu bestimmten Hashtags machen. So gibt es etwa nur 14.083 Videos zu #teamtrees, aber mehr als 181743 Videos zum Hashtag #Yoga. Wer selbst einmal schauen möchte, wie viele Videos zu einem bestimmten Hashtags hochgeladen wurden, kann ganz einfach in dieser URL https://www.youtube.com/hashtag/yoga das letzte Wort (in diesem Fall yoga) gegen das gewünschte Hashtag tauschen.

Tipps, Tricks und App

  • Was funktioniert bei YouTube: Fortgeschrittene werden den Kanal bestimmt schon kennen, allen YouTube-Anfängerïnnen könnte es eine Hilfe sein: Bei Creator Insider gibt es immer wieder Tipps zu YouTube von YouTube selbst. In einem aktuellen Video geht es vor allem um die Frage, welche Keywords genutzt werden sollten, damit das Video von YouTube empfohlen wird.

Header-Foto von Josh Hild bei Unsplash


Der Clubhouse-Hype, erklärt

Der Clubhouse-Hype, erklärt

Was ist

Das neue Jahr hat seinen zweiten Hype. Nach dem großen Ansturm auf die WhatsApp-Alternativen Signal, Threema und Telegram gibt es seit vergangenem Wochenende unter Marketing-Menschen, Influencerïnnen, Tech-Bros, Medienmacherïnnen und anderen Early-Adoptern nur noch ein Thema: Clubhouse. Samira El Ouassil bringt es mit dem Transkript eines fiktiven Clubhouse-Talks auf den Punkt (Übermedien):

Herzlich willkommen zu unserem ersten und einzigen Clubhouse Weekly Clubhouse Room Daily Update auf Clubhouse, wo wir über das Clubhouse-Branding, die Clubhouse-Performance, das Clubhouse-Storytelling und den Clubhouse-Buzz der neuen Plattform Clubhouse sprechen werden.

Wie wir auf das Thema blicken

Jedes große Medium hat Anfang der Woche den obligatorischen "Was Sie über Clubhouse wissen müssen"-Explainer veröffentlicht. Da wartet die Welt natürlich nur darauf, dass wir die App ebenfalls erklären.

Okay, wartet sie nicht. Und du vermutlich auch nicht – weil du mindestens fünf der 37 Loblieder und Abgesänge, Analysen, Erklärstücke und Twitter-Threads zu Clubhouse gelesen hast, die dich seit Montag per Newsletter, RSS-Feed, Podcast und auf allen sozialen Kanälen erreichen.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Ich (Simon) besitze kein iPhone und muss meine Fear of missing out (FOMO) deshalb vorerst mit dem Gedanken an Ello und andere Apps bekämpfen, die ebenfalls mit einem Invite-only-System den Hype befeuerten, um dann schnell wieder zu verschwinden. (Zugegeben: Auch Gmail war einst nur auf Einladung nutzbar. Bis heute hält sich der Dienst recht ordentlich. Immerhin arbeitet Clubhouse an einer Android-Version.) Martin hängt zwar schon im Clubhaus ab, bei Anton und Padlet aber derzeit Lockdown-bedingt noch viel mehr. Da blieb noch keine Zeit, sich eine fundierte Meinung zu bilden.

Trotzdem kommen wir an dem Thema nicht vorbei. Als Social Media Watchblog können wir schlecht ignorieren, dass die halbe Social-Media-Welt um Einladungen bettelt oder auf ihre Clubhouse-Diskussionen mit Thomas Gottschalk hinweist (Twitter / Sascha Lobo). Zumal wir selbst schon im Mai über Clubhouse schrieben und fragten:

HAT DENN EIGENTLICH NIEMAND EINEN CLUBHOUSE INVITE FÜR UNS?!

Wir schauen in diesem Briefing zunächst von Außen auf Clubhouse. Statt die Party zu beschreiben, die Drinnen steigt, denken wir allgemeiner über Erfolgsfaktoren, mögliche Probleme und die langfristigen Aussichten von Clubhouse nach. Wenn wir uns lang genug unter die Gäste gemischt haben, folgt in einer der kommenden Ausgaben die Binnenperspektive.

Wie Clubhouse funktioniert

Die meisten Abonnentïnnen können diesen Abschnitt wohl einfach überspringen. Wenn du bislang erfolgreich einen Bogen um Clubhouse gemacht hast, findet du hier die wichtigsten Fakten in Kürze:

  • Bei Clubhouse dreht sich alles um das gesprochene Wort. Es gibt ausschließlich Audio-Inhalte, niemand kann Schreiben, Streamen oder Fotos posten.
  • Statt eines Newsfeeds gibt es Räume, in denen Nutzerïnnen moderierend, aktiv sprechend oder passiv zuhörend auftreten können. Das entspricht einer digitalen Podiumsdiskussion: Moderatorïn, Speakerïnnen, Publikum.
  • Schweigend zu lauschen ist möglich, heimlich aber nicht: Es wird immer angezeigt, wer spricht und wer im Publikum sitzt.
  • Menschen im Publikum können sich ähnlich wie bei Zoom oder Teams melden, woraufhin ihnen Moderatorïnnen das Wort erteilen können.
  • Alle können öffentlichen Räumen beitreten oder eigen erstellen. Außerdem gibt es private Räume, um sich mit Freundïnnen auszutauschen. Diskussionsrunden lassen sich in Clubs organisieren und vorplanen.
  • Neben einer Timeline fehlen weitere Bestandteile sozialer Netzwerke: Likes, Shares und Kommentare.
  • Eine andere Kernfunktion bleibt dagegen erhalten: Man kann anderen Nutzerïnnen folgen und sieht, in welchen Räumen sie sich gerade aufhalten.
  • Außerdem gibt es eine Suchfunktion, über die sich andere Nutzerïnnen und Clubs finden lassen, die den eigenen Interessen entsprechen.

Wer hinter Clubhouse steckt

  • Die Gründer heißen Paul Davison und Rohan Seth. Beide haben eine Google-Vergangenheit, Davison hat mehrere Unternehmen gegründet.
  • Die Firma Alpha Exploration brachte die App im Frühjahr 2020 auf den Markt und sammelte schnell Geld von Investorïnnen wie Marc Andreessen ein (NYT).
  • Damals hatte Clubhouse zwei Angestellte, ein paar tausend Nutzerïnnen – und wurde mit 100 Millionen Dollar bewertet (Forbes).
  • Das lag auch an zahlreichen Prominenten wie Marc Cuban, Jared Leto, Ashton Kutcher und Kevin Hart, die bereits frühzeitig mitmischten und die Bekanntheit schnell steigerten.
  • Kurz vor Weihnachten hatte die App 600.000 Nutzerïnnen (NYT).

Was den Reiz von Clubhouse ausmacht

  • Künstliche Verknappung: Das Einladungssystem schafft Exklusivität und löst FOMO aus. Es ist ein beliebter Trick, um eine App zu bewerben. Gleichzeitig hilft es, den Zuwachs der Nutzerïnnen zu begrenzen und zu verhindern, dass die Server unter der Last der Neuanmeldungen zusammenbrechen, wie es Anfang der Woche bei Signal geschah.
  • Influencerïnnen und Promis: Maßgeblich zum Hype beigetragen haben Philipp Klöckner und Philipp Gloeckler vom Doppelgänger-Podcast (OMR) und Ann-Katrin Schmitz (Spiegel), vielen besser bekannt als @himbeersahnetorte auf Instagram. Sie machten ihre Followerïnnen auf Clubhouse aufmerksam, zu denen auch Menschen mit noch größerer Reichweite zählen. Schnell tummelten sich auf Clubhouse Promis (Joko Winterscheidt, Elyas M’Barek) Politikerïnnen (Doro Bär, Christian Lindner) und bekannte Medienmenschen (Dunja Hayali, Sascha Lobo). Die Pendants in den USA sind noch eine bis vier Ecken bekannter und heißen Drake oder Oprah Winfrey.
  • Audio, sonst nichts: Seit bald einem Jahr findet ein Gutteil unsere Berufs- und Soziallebens in Zoom, Teams, Jitsi und anderen Videokonferenzen statt. Das ist besser als nichts – aber trotzdem nervt es manchmal. Da kommt eine App, in der man einfach nur Reden kann, gerade recht. Niemand muss sich Schminken oder Kämmen. An Clubhouse-Diskussionen kann man auch im Schlafanzug und im Bett teilnehmen, ohne dass es jemand merkt.
  • Timing: Clubhouse passt nicht nur zum Videokonferenz-Überdruss, sondern generell gut ins Leben in Zeiten einer Pandemie. Nach vielen Wochen der Selbstisolation sehnen sich viele Menschen nach Kontakt und Austausch. Stimmen und direkte Interaktion schaffen eine andere Nähe als Tweets oder Fotos auf Instagram. Das lindert die Einsamkeit und lässt ein bisschen weite Welt (oder zumindest: Berlin-Mitte, denn allzu divers ist Clubhouse bislang nicht) ins Wohnzimmer.
  • Vergänglichkeit: Raum auf, Loslabern, Raum zu – und alles ist Geschichte. Zumindest für andere Nutzerïnnen sind die Diskussionen dann nicht mehr auffindbar. Es gibt kein Archiv und keine alten Tweets, um die man sich Gedanken machen muss. Clubhouse setzt auf das gleiche Prinzip wie das Stories-Format: Alles ist vergänglich, und das entlastet viele Menschen.
  • Zugänglichkeit: Einen Invite zu ergattern, ist nicht so leicht. Sobald man einmal dabei ist, zeigt sich Clubhouse aber sehr niedrigschwellig und selbsterklärend. Wer Telefonieren kann, hat mit Clubhouse keine Mühe.
  • Menschen: Der Erfolg jeder Social-Media-App steht und fällt mit ihren Nutzerïnnen. Im Fall von Clubhouse sind das außergewöhnlich viele prominente Köpfe aus der Tech-, Marketing- und Medienszene, die auf anderen Kanälen oft Hunderttausende erreichen und dort auch über ihre Clubhouse-Erfahrungen schreiben. Diesen Leuten live zuzuhören, sich vielleicht gar zu melden und mit Promis zu reden, die man sonst nur im Fernsehen oder aus dem Netz kennt, reizt verständlicherweise viele Menschen.

Welche Probleme Clubhouse drohen

Content-Moderation

“ But what all of these 'get to know Clubhouse!' carousels and primers don't mention is the pretty terrible dark side of the app. That includes but is certainly not limited to racism, homophobia, misogyny, alt right conspiracy theories, sexual predators, misinformation, abusers, scams, and business fraud.“

  • Es zeigt sich, dass Content-Moderation nicht nur klassische Social-Media-Plattformen, sondern auch Spotify, Substack oder eben Clubhouse (OneZero) vor große Herausforderungen stellt.
  • Gerade Audio-Inhalte lassen sich kaum maschinell prüfen und erfordern menschliche Moderatorïnnen. Das bedeutet großen personellen und finanziellen Aufwand, wenn die App weiter wächst. Mit aktuell nur rund einem Dutzend Mitarbeiterïnnen ist Clubhouse damit überfordert.
  • Bislang setzt Clubhouse darauf, dass Nutzerïnnen problematische Inhalte melden und sich die Community selbst reguliert. Mit seinem Invite bürgt man: Wenn der Eingeladene verbannt wird, fliegt man womöglich auch selbst.
  • Doch spätestens, wenn sich die App für alle Interessierten öffnet, braucht es bessere und professionellere Content-Moderation. Es wird nicht reichen, die Verantwortung allein den Nutzerïnnen und Moderatorïnnen der jeweiligen Räume zu überlassen.

Datenschutz

  • Wer Invites verteilen will, muss Clubhouse zwingend Zugriff auf das Adressbuch geben. Auf diese Weise erstellt die App Schattenprofile für nicht angemeldete Nutzerïnnen. Das führt etwa dazu, dass Tausende Menschen Profilen wie "Mobilbox" und "ADAC Pannenhilfe" folgen (Twitter / Stephan Dörner).
  • In seiner Datenschutzerklärung (Notion) räumt sich Alpha Exploration das Recht ein, diese Daten weiterzugeben.
  • Gespräche werden aufgezeichnet, falls sich Nutzerïnnen über Inhalte beschweren. Angeblich werden sie gelöscht, wenn sich niemand beklagt. Es ist aber unklar, wie lang Diskussionen gespeichert bleiben, nachdem der Raum geschlossen wurde.
  • Obwohl Clubhouse seine Dienste in Deutschland und anderen europäischen Ländern anbietet, wird die DSGVO nirgends erwähnt.
  • Wer seinen Account löschen will, kann das nicht bequem über die App machen, sondern muss den Betreibern eine Mail schicken.
  • Wegen dieser und anderen Mängel schlussfolgert Rechtsanwalt Thomas Schwenke (Datenschutz-Generator): "Als Service-Kanal für Unternehmen oder für kostenpflichtige Angebote ist Clubhouse derzeit eher nicht zu empfehlen."
  • Er verweist aber auch darauf, dass Clubhouse noch recht jung sei und nachbessern könne. Das sei etwa bei Zoom geschehen, bei dem es zu Beginn auch größere Datenschutzbedenken gegeben habe.

Mangelnde Diversität

  • Der typische Clubhouse-Nutzer ist ein weißer, mittelalter Mann aus Berlin-Mitte, der sich entweder in der Start-up-Szene herumtreibt oder irgendwas mit Medien macht.
  • Dafür kann die App wenig, mittelfristig könnte es aber ein Problem werden. Wenn Clubhouse Erfolg haben will, muss es den Sprung aus Venture-Capital-Szene und Hipster-Blase in den Mainstream schaffen.
  • Ob wirklich so viele "normale" Menschen Bock auf interaktive Live-Podcasts haben? Zweifel sind zumindest angebracht.

Be smart

Erinnert sich noch jemand an Vero? 2018 stürmte die Social-Media-App plötzlich die Charts der App-Stores. Wenig später sprach niemand mehr über Vero. Damals steckte fragwürdiges Influencerïnnen-Marketing dahinter (OMR), doch die Anekdote zeigt, dass Hypes oft wenig nachhaltig sind.

Die Voraussetzungen für Clubhouse sind besser. Bubble hin oder her, die Begeisterung ist nicht gekauft, sondern echt. Die App hat zwar noch kein Geschäftsmodell, aber das muss nach einem Dreivierteljahr auch noch nicht stehen, solange Risikokapital fließt.

Social Audio könnte tatsächlich das nächste große Ding werden. Jedenfalls investieren Dutzende Unternehmen (a16z), und auch Facebook und Twitter experimentieren mit eigenen Apps (TechCrunch) und Audio-Tweets (Twitter Unternehmensblog).

Doch genau das könnte für Clubhouse auch gefährlich sein. Die Grundfunktion der App lässt sich leicht kopieren. Im Dezember startete Twitter einen Beta-Test für seinen Clubhouse-Klon Spaces (TechCrunch). Und wir wetten drei Clubhouse-Invites, dass auch Facebook und Instagram schon daran arbeiten, die App zu kopieren.


Social Media & Politik


Follow up:

  • WhatsApp verschiebt Update der Privacy Policy: In Ausgabe #695 haben wir ausführlich darüber berichtet, dass WhatsApp eine neue Privacy Policy zum Februar einführt. Dieser Vorstoß wird nun aufgrund von massiven User-Widerständen bis zum 15. Mai vertagt (New York Times).
  • Parlers Website ist wieder da: Mit der Hilfe eines russischen Technologieunternehmens ist die Website von Parler wieder erreichbar (Reuters). Dort verkündet CEO John Matze, an der kompletten Wiederherstellung des Alt-Right-Refugiums zu arbeiten.
  • Telegram will Expansion mit Milliardenkredit vorantreiben: 25 Millionen neue Nutzerïnnen zählte Telegram laut Unternehmensangaben allein in den letzten Wochen. Damit dieses Wachstum noch mehr an Fahrt gewinnt, nimmt die Firma nun einen Milliardenkredit auf (Handelsblatt $).

Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Instagram überarbeitet Video-Angebote: Stories, Video-Posts, IGTV, Reels – selbst Instagram-Boss Mosseri muss nun zugeben, dass bei dieser Vielzahl an Video-Formaten niemand mehr so richtig durchblickt. Daher denke das Unternehmen nun über eine Konsolidierung der Video-Angebote nach, heißt es in einem Podcast bei The Verge. Zwar sind die genauen Plänen noch nicht bekannt, Mosseris Begeisterung für TikTok lässt aber erahnen, dass es nicht unbedingt die kurzen Formate sein werden, die bei der App gestrichen werden.
  • Gesundheitsthemen bei YouTube: YouTube ist nach Google die zweitgrößte Suchmaschine in der westlichen Welt. All zu oft wird auf YouTube nach Gesundheitsthemen gesucht. In Pandemiezeiten wird noch einmal sehr viel deutlicher, welche Verantwortung das Unternehmen hier an dieser Stelle trägt. Daher ist YouTubes Ankündigung, an zertifizierten Gesundheitsangeboten zu werkeln, durchaus erfreulich.

Neue Features bei den Plattformen

Snapchat


Tipps, Tricks und App

  • Vier praktische Leitfäden für die Online-Recherche via piqd: Kollege Bernd Oswald empfiehlt bei piqd vier praktische Leitfäden, mit denen sich im Netz besser recherchieren lässt. Wer sich für die Verifikation von Informationen und das Monitoring bestimmter Themen interessiert, sollte sich die Liste einmal anschauen (und bookmarken).
  • Und noch zwei Tipps von uns: Gern greifen wir die Idee von Bernd auf und packen noch zwei Leitfäden obendrauf: einerseits mit Blick auf die Frage, wie man auf TikTok recherchiert (First Draft). Andererseits mit Blick auf das Anliegen, möglichst sicher auf Plattformen wie Parler, Gab und Co zu recherchieren (Kinzen).

Header-Foto von David Raichmann bei Unsplash


14.1.2021 | WhatsApp-Nutzungsbedingungen, Social-Media-Strategien von Merz, Laschet und Röttgen, YouTube sperrt Trump

WhatsApp-Nutzungsbedingungen: Keine Panik, trotzdem wechseln

Was ist (mit Augenzwinkern)

Da haben wir ja etwas angerichtet! In Briefing #693 schrieben wir vergangene Woche:

Wir empfehlen seit Jahren Signal und Threema als sichere und datensparsame Lösungen. (…) Wer WhatsApp und den Facebook Messenger mit iMessage oder Signal vergleicht, könnte ins Grübeln kommen, ob es sich nicht vielleicht doch lohnt, ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten, um mit dem Familienchat umzuziehen.

Seitdem wird Signal überrannt. Erst machten kurzzeitig die Server schlapp, dann schoss die App auf Platz eins der internationalen und deutschen (alle Twitter) Download-Charts für Gratis-Apps. Auch Threema wurde wie wild heruntergeladen: "In den App-Stores in Deutschland, Schweiz und Österreich ist Threema aauf Platz eins der App-Charts der Bezahl-Apps", sagt ein Sprecher.

Okay, womöglich sind wir nicht allein dafür verantwortlich:

  • Vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass WhatsApp seine Nutzerïnnen mit einem verwirrenden Pop-up auf neue Nutzungsbedingungen einstellt.
  • Es könnte auch sein, dass das Deplatforming eines nicht ganz unbedeutenden Politiker dazu beiträgt, dass Millionen Menschen sich jetzt nach neuen Netzwerken und Messengern umsehen.
  • Unter Umständen hat auch Elon Musk dazu beigetragen, der seinen 40 Millionen Twitter-Followern vergangene Woche empfahl: "Use Signal" – woraufhin nicht nur die Signal-Downloads durch die Decke gingen, sondern auch der Aktienkurs der börsennotierten Firma Signal Advance (CNBC), das rein gar nichts mit der Signal Foundation zu tun hat, die unter anderem von WhatsApp-Gründer Brian Acton getragen wird (Wired), der sein Unternehmen im Konflikt mit Mark Zuckerberg verließ.

Eventuell waren diese Ereignisse noch entscheidender als unser Ratschlag. Aber ganz sicher sind wir nicht.

Was ist (spaßbefreit)

Seit einer Woche dreht das halbe Netz durch – und zwar nicht (nur) wegen Donald Trump, sondern auch wegen den neuen Nutzungsbedingungen von WhatsApp. Wer nicht bis zum 8. Februar zustimmt, kann nicht mehr chatten.

Gerüchte und Panikmache machen die Runde: WhatsApp wolle die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung aufweichen. Facebook könne bald nicht nur auf Metadaten, sondern auch auf die Inhalte der Nachrichten zugreifen. Nutzerïnnen teilen wilde Memes und verkünden stolz, dass sie ihren WhatsApp-Account gelöscht haben. Fehlt nur noch, dass sie Bilder teilen, um den neuen AGB zu widersprechen – erinnert sich noch jemand (SZ)?

Was dahintersteckt

Tatsächlich informiert WhatsApp per Pop-up über neue Nutzungsbedingungen. Die Änderungen sind allerdings deutlich weniger gravierend, als viele befürchten. Vor allem für Menschen innerhalb der EU ändert sich fast nichts.

Tatsächlich ergänzt WhatsApp nur Informationen, auf welcher Rechtsgrundlage es Daten verarbeitet, und überarbeitet einige Passagen zur Kommunikation mit Unternehmen. Meike Laaff und Lisa Hegemann haben die Änderungen sehr ausführlich analysiert und schlussfolgern:

Was man sagen kann: So viel Neues enthalten die Datenschutzbedingungen nicht. Es entsteht allerdings nicht der Eindruck, als habe WhatsApp großes Interesse daran, Nutzerinnen und Nutzern einfach und verständlich zu erklären, was mit ihren Daten passiert.

Das trifft es gut. Zu der gewohnt technokratischen Sprache, in der solche juristischen Erklärungen verfasst werden, kommt ein Wirrwarr aus Datenschutzerklärung, Nutzungsbedingungen, FAQs und diversen Unterseiten, die es zu allem Überfluss doppelt gibt: für Menschen in der EU und für Nutzerïnnen im Rest der Welt. Allerdings stehen auch die globalen Regeln auf Deutsch zur Verfügung. Verwirrt? Wir auch.

Zwar sagt der Datenschützer Johannes Caspar (Tagesspiegel), auf Basis der Datenschutzrichtlinie dürften WhatsApp-Daten "innerhalb des Konzerns weitgehend unbeschränkt weitergegeben werden". Aus unserer Sicht geht das jedoch weder aus der alten noch aus der neuen Richtlinie hervor.

Wie WhatsApp und Facebook reagieren

Wenn die Download-Zahlen der Konkurrenz steigen, während WhatsApp seltener heruntergeladen wird, muss natürlich gegengesteuert werden. Binnen weniger Tage meldeten sich WhatsApp-Chef Will Cathcart, WhatsApp Policy-Chefin Niamh Sweeney, Instagram-Chef Adam Mosseri und Facebook Hardware-Chef Andrew Bosworth (alle Twitter), um eilig ein paar Dinge geradezurücken.

Auch WhatsApp selbst teilte eine Infografik (Twitter) und veröffentlichte ein Q&A, um die neue Privacy Policy zu erklären. In Indien, dem wichtigsten Markt für WhatsApp, wo gleichzeitig der Aufschrei am lautesten war, schaltete Facebook ganzseitige Anzeigen in großen Zeitungen. Und nachdem sich Facebook offenbar für viel Geld eine Platzierung in Apples App-Store kaufte, ließ Signal mit kaum verhohlener Schadenfreude wissen (Twitter):

Facebook is probably more comfortable selling ads than buying them, but they'll do what they have to do in order to be the top result when some people search for 'Signal' in the App Store.

P.S. There will never be ads in Signal, because your data belongs in your hands not ours.

Wie wir die Änderungen beurteilen

  • Für Menschen in der EU ändert sich wenig. Wer sich nicht daran stört, dass WhatsApp bestimmte Daten mit Facebook teilt, um Spam und Missbrauch zu verhindern, kann den Dienst weiter nutzen.
  • 2016 konnte man kurzzeitig der Datenweitergabe komplett widersprechen. Diesen Opt-out berücksichtigt WhatsApp angeblich nach wie vor – und auch über den 8. Februar hinaus.
  • In der europäischen Region dienen die Daten nicht dazu, Facebook-Produkte zu verbessern oder Anzeigen zu personalisieren, verspricht WhatsApp.
  • Es gibt natürlich ein Aber: Nach der Facebook-Übernahme hieß es ursprünglich auch, dass WhatsApp komplett autonom bleibe. Dieses Versprechen wurde bekanntlich gebrochen. Es braucht keinen Aluhut, um sich zumindest Gedanken zu machen, wie lang die Werbe-Firewall noch hält.
  • Zumindest gibt es die DSGVO und eine Menge Datenschützerïnnen, die genau hinsehen, was WhatsApp und Facebook machen. Allerdings hat sich Facebook auch in der Vergangenheit nicht immer darum geschert, was Datenschützerïnnen sagen.
  • Auch international steht die Aufregung in keinem Verhältnis zum Anlass. WhatsApp verabschiedet sich nicht von der E2EE, sondern setzt Änderungen für die Kommunikation mit Unternehmen um (The Verge), die es bereits im Oktober angekündigt hatte (WhatsApp-Blog).
  • Die Empörung dürfte eher darauf zurückzuführen sein, dass sich viele Menschen erstmals bewusst werden, dass WhatsApp zu Facebook gehört und Daten mit dem großen blauen Bruder austauscht.

Be smart

Wir bleiben bei unseren Empfehlungen: Signal und Threema. Beide sind sicher und datenschutzfreundlich. Was bleibt, ist das Problem des Netzwerkeffekts. Der tollste Krypto-Messenger nutzt wenig, wenn man sich dort mit niemandem unterhalten kann.

Die Kommunikation im Fußballverein? WhatsApp! Die Kommunikation mit anderen Eltern schulpflichtiger Kinder? WhatsApp! Der Familienchat? WhatsApp! Deshalb kann es sein, dass ein Teil der Menschen, die jetzt ihren WhatsApp-Ausstieg verkünden, schon bald wieder zurückkehren:

"No privacy here. I'm leaving"

"You back?"

"No people there. Just privacy"

Wir hoffen, dass die Entwicklung diesmal nachhaltiger ist. Und auch, wenn ein Wechsel Aufwand bedeutet, wie Andreas Wilkens schön beschreibt (Heise), gibt es Anzeichen, die uns glauben lassen, dass sich die Messengerwelt diversifizieren könnte. Ich habe kürzlich über das Thema geschrieben (SZ) und endete mit diesem Satz:

Jetzt wäre also ein guter Zeitpunkt, sich eine neue Heimat für den Familienchat zu suchen.

Seitdem haben sich knapp zwei Dutzend Menschen per Mail gemeldet, die offenbar genau das gemacht haben. Ein guter Anfang.


Social Media & Politik

Social-Media-Strategie von Merz, Laschet und Röttgen

Der wunderbare Andreas Rickmann war viele Jahre lang Director Growth / Social Media bei BILD. Jetzt arbeitet er als selbstständiger Berater. Zum Start ins neue Jahr hat er sich die Social-Media-Strategien von Friedrich Merz, Armin Laschet und Nortbert Röttgen einmal genauer angeschaut. In seinem lesenswerten Beitrag bei LinkedIn steckt viel drin. Wir erlauben uns an dieser Stelle, seine fünf Learnings abzubilden:

  • Wer heute sichtbar sein will, braucht mehr als sich selbst. Sondern eine Community, die ein Multiplikator für die eigenen Botschaften ist.
  • Es lohnt sich, nicht immer nur in den vorgegebenen Formaten und Wegen zu gehen, sondern auch azyklisch zu handeln. Die Status-Beiträge mit hohem Engagement gegen alle „Regeln“ sind der beste Beweis.
  • Persönliche Geschichten erzeugen Nähe. Wer es schafft, seinen Auftritt mit den passenden persönlichen (nicht privaten) und menschlichen Geschichten zu flankieren, schafft ein Gefühl, das mit keiner politischen Botschaft erzeugt werden kann.
  • Es kommt nicht immer darauf an, möglichst viel Engagement zu zählen, sondern seinen Account auch dafür zu nutzen, den Menschen das richtige Gefühl zu geben und sich inhaltlich jenseits von algorithmusgetriebenen Inhalten zu positionieren.
  • Facebook wird derzeit wenig gehyped, bleibt in bestimmten Zielgruppen aber nach wie vor relevant. Instagram lässt mit seinen Funktionen mehr Kreativität zu, was sich in den Engagement-Rates zeigt: Das durchschnittliche Engagement der drei Kandidaten bei Instagram in den letzten 12 Monaten betrug 4,98 Prozent. Das Facebook-Engagement betrug 2,89 Prozent.

Was Facebook mit Blick auf den Tag der Amtseinführung unternimmt

Während sich die Nationalgarde im Capitol in Stellung bringt, erklärt Facebook, wie sie sich auf den Tag der Amtseinführung Bidens vorbereiten. Unter anderem geht Facebook weiter gegen "Stop the Steal" vor: Zum einen entfernt Facebook Posts, die mit der „Stop the Steal“-Bewegung zu tun haben (Techcrunch). Zum anderen hat Facebook den Kopf der Bewegung von der Plattform geschmissen (Politico).

YouTube sperrt auch Trump

Nun hat also auch YouTube die Reißleine gezogen und Trumps Konto für mindestens 7 Tage eingefroren:

After careful review, and in light of concerns about the ongoing potential for violence, we removed new content uploaded to the Donald J. Trump channel and issued a strike for violating our policies for inciting violence. As a result, in accordance with our long-standing strikes system, the channel is now prevented from uploading new videos or livestreams for a minimum of seven days—which may be extended.


Datenschutz-Department

Das Problem mit Apples Privacy Labels

Die neuen Privacy-Labels in Apples Appstore sind an sich eine prima Idee: sie geben Nutzerïnnen direkt ein Gefühl dafür, welche Daten die Apps über sie sammeln. Allerdings gibt es einen dicken Haken an der Sache: Die Angaben werden von den App-Herstellern selbst gemacht. Es gibt bei Apple keine Instanz, die die Angaben genau überprüft, berichtet Fast Company. 🤔

TikTok rollt neue Datenschutzfunktionen für U18-Nutzerïnnen aus

Um Jugendliche besser zu schützen, verkündet TikTok eine Reihe neuer Datenschutzfunktionen. Unter anderem werden die Konten von TikTok-Nutzerïnnen zwischen 13 und 15 Jahren per Voreinstellung auf „privat” gesetzt. Auch können Videos von Nutzerïnnen aus dieser Altersgruppe nicht mehr heruntergeladen werden. Zudem werden die Duett- und Stitch-Einstellungen in der Form geändert, dass diese Funktionen nur für Inhalte verfügbar sind, die von Nutzerïnnen ab 16 Jahren erstellt wurden.


Social Media & Journalismus

Pew Studie: News Use Across Social Media Platforms in 2020

Mehr als die Hälfte der Amerikaner gibt an, News über Social-Media-Plattformen zumindest manchmal zu erhalten. 36 Prozent erhalten News via Facebook. Auf den weiteren Plätzen folgen: YouTube (23 Prozent), Twitter (15), Instagram (11), Reddit (6), Snapchat (4), LinkedIn (4), TikTok (3) und WhatsApp (3). Obwohl immer mehr Menschen News via Social Media erhalten, erwarten sie allerdings nicht, dass die News auch wahr sind. So traurig das auf den ersten Blick auch wirken mag: Digital literacy here we come!

Von 0 auf 50k Abonnenten

Der Bayerische Rundfunk hat vor neun Monaten das YouTube-Format "Lohnt sich das?" gestartet. In einem Artikel bei Medium erzählen die Macher, wie sie es geschafft haben, von 0 auf 50.000 Abonnentïnnen zu kommen. Die fünf wichtigsten Schlussfolgerungen lauten:

  • Lieber alltäglich als spektakulär
  • Das Publikum setzt Themen
  • Dialog mit dem Publikum
  • Wir sind schnell
  • Wir sind niemals fertig

Empfehlungen fürs Wochenende

Die andere Seite der Passion Economy

Mit dem Begriff Passion Economy (brand eins) wird der Trend beschrieben, dass immer mehr Kreative den Sprung in die Unabhängigkeit wagen. Über Plattformen wie Patreon oder OnlyFans versuchen sie, zahlende Fans für sich zu gewinnen. Für einige wenige klappt das auch ganz hervorragend. Auch wir beim Social Media Watchblog befinden uns in solch einer privilegierten Situation. Für viele ist der Begriff Passion Economy aber nichts weiter als Hohn. Viele, die sich jetzt auf diese Plattformen wagen, gehen diesen Schritt aus purer Verzweiflung – etwa weil sie aufgrund der Pandemie ihren Job verloren haben. Die New York Times beschreibt diese andere Seite der Passion Economy sehr eindrücklich: Jobless, Selling Nudes Online and Still Struggling.


Neues von den Plattformen

LinkedIn

  • LinkedIn Stories können jetzt auch „Swipe up“ (Social Media Today). Allerdings gibt es wie bei Stories üblich ein paar Voraussetzungen, um das „Swipe up“ einsetzen zu dürfen: es muss sich um eine Company-Page handeln, User müssen mindestens 5000 Verbindungen vorweisen, der Folge-Button muss als primäre Profil-Aktion Verwendung finden.

Steady


Header-Foto von Roan Lavery bei Unsplash


Twitter sperrt Trump: Der Präsident ist weg, die Probleme bleiben

Twitter sperrt Trump: Der Präsident ist weg, die Probleme bleiben

Was ist

Nach knapp zwei Wochen 2021 sagen wir: Vielen Dank, aber wir kündigen unser Schnupperabo für dieses Jahr. Wir hätten gern 2020 zurück. Was seit unserem ersten Briefing des Jahres passiert ist, das wir am 5. Januar verschickten, sprengt nicht nur diesen Newsletter. Es bringt die wohl wichtigste Demokratie der Welt ins Wanken.

Zum Glück haben wir keine Chronistenpflicht und müssen nicht alles haarklein nacherzählen. Trotzdem wollen wir natürlich eine Übersicht der Ereignisse geben, die sich auch dann erschließt, wenn du in den vergangenen Tagen nicht ununterbrochen F5 gedrückt hast.

Damit unser Briefing nicht zum Roman wird, versuchen wir es mit folgender Struktur: Erst fassen wir die wichtigsten Geschehnisse mit Social-Media-Bezug zusammen. Dann ordnen wir das große Deplatforming ein und geben einen Ausblick, wie sich die Plattformwelt dadurch kurz- und langfristig verändern könnte.

Was geschah (Anmerkungen kursiv)

  • In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag stürmt ein gewalttätiger Mob das Kapitol in Washington. Unter den Randalierern sind viele Rechtsradikale und Verschwörungsgläubige. Fünf Menschen sterben.
  • Trump hatte im Dezember zum Protest aufgerufen und seiner Anhängerïnnen angestachelt: „Be there, will be wild!“, schrieb er auf Twitter.
  • Aus Gründen können wir nicht mehr auf den Originaltweet verlinken. Deshalb verweisen wir für alle Trump-Tweets auf das Trump Twitter Archive. Über die Volltextsuche lassen sich alle 56.571 Tweets finden.
  • Während sich die teils mordlustigen Putschistïnnen (MSNBC) im Herz der amerikanischen Demokratie austoben, veröffentlicht Trump eine kurze Videobotschaft auf Twitter, Facebook und YouTube. Statt den Gewaltausbruch zu verurteilen, sagt er nur: „Geht nach Hause. Wir lieben euch. Ihr seid etwas ganz Besonderes.“
  • Twitter schränkt den Tweet nach wenigen Minuten ein, Facebook und YouTube löschen ihn eine gute Stunde später, kurz darauf entfernt ihn auch Twitter.
  • First Draft sammelt in einer Google-Tabelle alle Reaktionen der Plattformen. Das Dokument ist äußerst hilfreich, da es nicht nur Uhrzeit und Maßnahme enthält, sondern auch einen Link zum Statement, die zugrundeliegende Policy, den Auslöser und eine Archivversion des gelöschten Posts.
  • Twitter blockiert den Account von Donald Trump für zwölf Stunden. Facebook und Instagram sperren den Präsidenten für 24 Stunden aus.
  • Facebook-Angestellte fordern intern härtere Maßnahmen, woraufhin Facebook kurzerhand die Kommentarfunktion abschaltet (BuzzFeed). 350 Twitter-Angestellte verlangen Aufklärung von Jack Dorsey (Washington Post): „Despite our efforts to serve the public conversation, as Trump’s megaphone, we helped fuel the deadly events of January 6th. We request an investigation into how our public policy decisions led to the amplification of serious anti-democratic threats.“
  • Rund zwölf Stunden später, am Donnerstagnachmittag deutscher Zeit, meldet sich Mark Zuckerberg zu Wort. Es sind historische Worte:

„We believe the risks of allowing the President to continue to use our service during this period are simply too great. Therefore, we are extending the block we have placed on his Facebook and Instagram accounts indefinitely and for at least the next two weeks until the peaceful transition of power is complete.“

  • Die Twitter-Sperre läuft aus, und Donald Trump nutzt die Gelegenheit, um im üblichen Tonfall und mit gewohnt eigenwilliger Orthografie weiterzumachen: „The 75,000,000 great American Patriots who voted for me, AMERICA FIRST, and MAKE AMERICA GREAT AGAIN, will have a GIANT VOICE long into the future. They will not be disrespected or treated unfairly in any way, shape or form!!!“ Und: „To all of those who have asked, I will not be going to the Inauguration on January 20th.“
  • Es sind die letzten beiden Tweets, die @realDonaldTrump absetzt. In der Nacht von Freitag auf Samstag verliert der berühmteste Twitter-Nutzer der Welt seinen Account – für immer. „We have permanently suspended the account due to the risk of further incitement of violence“, heißt es im Unternehmensblog.
  • Neben Twitter, Facebook und Instagram greifen auch andere Plattformen und Unternehmen durch (Axios): Amazon, Apple, Discord, Google, Pinterest Reddit, Shopify, Snapchat, Stripe, TikTok und Twitch werfen Trump und seine Anhängerïnnen raus oder kicken Apps, die sich als Alternativen zu den großen Plattformen in Stellung bringen wollten.
  • Das gilt neben 8kun, thedonald und Gab (Spiegel) vor allem für Parler. Dort wurde der Putsch vorbereitet und offen zu Gewalt aufgerufen (Bellingcat), ohne dass die Betreiber einschritten.
  • Warum trotz aller Alarmsignale (The Daily Beast) kaum Sicherheitsbeamtïnnen vor Ort waren, ist eine andere Frage, auf die das FBI vermutlich keine gute Antwort hat.
  • Nach dem großen Deplatforming beginnt kurzzeitig ein großer Ansturm auf Parler (OneZero). Die App liegt auf Platz 1 der Download-Charts (Mashable), fast alle großen Medien berichten (und machen Gratis-Werbung). Für weitere Hintergründe zu Parler verweisen auf Briefing #684, in dem wir uns ausführlich mit dem Netzwerk beschäftigten.
  • Parlers 15 minutes of fame dauern nur unwesentlich länger, als es das Bonmot nahelegt: In kurzer Folge werfen Apple (nach 24-stündigem Ultimatum) und Google die Parler-App aus ihren App-Stores (SZ). Auch Amazon zieht den Stecker und kickt Parler vom Web-Hoster AWS. Hinzu kommt ein übles Datenleck: Hackerïnnen konnten angeblich 70 TB erbeuten (Golem), die Postings, Videos und Fotos waren offenbar nur unzureichend geschützt.
  • Parler steht damit kurz vor dem Aus (Gizmodo) und muss schnell einen neues Hoster finden. „Every vendor from text message services to email providers to our lawyers all ditched us too on the same day“, sagt CEO John Matze.

Wie wir Twitters Entscheidung einschätzen

Wir konzentrieren uns auf Twitter, weil es für Trump die mit Abstand wichtigste Plattform war. Dort folgten ihm rund dreimal so viele Accounts wie auf Facebook. Trump machte Politik mit seinen Tweets, nicht mit seinen Facebook-Posts. Trotzdem lässt sich unser Fazit genauso auf Facebook übertragen.

Ich habe Trumps Rauswurf für die SZ kommentiert und fasse hier noch mal die Kernaussagen zusammen. Für die Entscheidung gelten drei Dinge, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich klingen: Sie ist gleichzeitig richtig, lange überfällig und hochgradig problematisch.

Um die ersten beiden Punkte zu verstehen, reicht ein Blick auf Trumps Account. Für den dritten müssen wir etwas weiter ausholen.

Die Entscheidung ist richtig

  • Die beiden aktuellen Tweets, mit denen Twitter die Sperre begründet, sind für Trumps Verhältnisse harmlos. Er kündigte an, nicht zu Bidens Amtseinführung zu erscheinen, und versprach seinen Wählerinnen und Wähler, dass sie für lange Zeit eine „GIGANTISCHE STIMME“ haben sollten.
  • Doch Twitter beurteilt die Tweets im Kontext der Ereignisse der vergangenen Tage. Als Trumps Account für zwölf Stunden gesperrt wurde, erhielt er eine Warnung: Jeder weitere Regelverstoß werde zu einer dauerhaften Sperre führen.
  • Mit seinen beiden neuen Tweets nährt Trump die Lüge, dass die Wahl manipuliert worden sei. Er legt nahe, dass er nicht daran interessiert ist, die Macht abzugeben.
  • Damit ermutigt er seine Anhängerïnnen implizit zu weiteren Gewalttaten, die derzeit bereits geplant werden. In seinem Blogeintrag bezieht sich Twitter ausdrücklich auf diese Gefahr:

„Plans for future armed protests have already begun proliferating on and off-Twitter, including a proposed secondary attack on the US Capitol and state capitol buildings on January 17, 2021.“

  • Zudem muss man berücksichtigen, was kurz zuvor geschah. Selbst Ben Thompson, der die Redefreiheit in sozialen Medien lange Zeit vehement verteidigte, kann die Entscheidung nachvollziehen. Er drückt es so aus (Stratechery): „(…) the context here was an elected official encouraging his supporters to storm the Capitol to overturn an election result and his supporters doing so.“
  • Natürlich drängt sich der Verdacht des Opportunismus auf: Twitter und vor allem Facebook haben Trump jahrelang gewähren lassen und erst 2020 vorsichtig angefangen, erste Tweets und Post mit Hinweisen zu versehen. Ausgerechnet jetzt, zwei Wochen vor dem Ende von Trumps Amtszeit, handeln die beiden Plattformen.
  • Das ist kein Zufall, aber wir glauben nicht, dass (in erster Linie) politische Opportunität dahintersteckt. Die Ereignisse der vergangenen Woche sind tatsächlich einzigartig. Es hätte auch davor schon genug gute Anlässe gegeben, Trump von der Plattform zu werfen. Dennoch stellt der Sturm auf das Kapitol eine neue Eskalationsstufe dar (NYT).

Die Entscheidung kommt Jahre zu spät

  • Für Trump galten schon immer andere Regeln als für normale Nutzerinnen und Nutzer. Das ist verständlich: Was der US-Präsident sagt, besitzt Nachrichtenwert und ist von öffentlichem Interesse.
  • Twitter machte dieses Regelwerk 2018 sogar öffentlich und begründete die Ausnahmen so:

„Blocking a world leader from Twitter or removing their controversial Tweets would hide important information people should be able to see and debate. It would also not silence that leader, but it would certainly hamper necessary discussion around their words and actions.“

  • Doch seit Trump am 4. Mai 2009 seinen ersten Tweet absetzte, hat er fast jede Richtlinie ignoriert, die auf Twitter gilt. Er nutzte die Plattform, um andere Regierungschefs zu beleidigen, mit Nuklearschlägen zu drohen, Lügen und Verschwörungserzählungen zu verbreiten, Gewalt zu relativieren und gegen Medien und Minderheiten zu hetzen.
  • Seine Worte hatten tödliche Folgen, die Trump auf zynische Art und Weise negierte. In Charlottesville überfuhr ein Nazi die 32-jährige Heather Heyer. Trumps Tweet dazu: Es gebe „feine Menschen auf beiden Seiten“.
  • Im Sommer starben 19 Menschen bei Protesten gegen Rassismus. Trump hatte zuvor auf Twitter offen mit Gewalt gedroht. Mehr zum berühmt-berüchtigten „When the looting starts, the shooting starts“-Tweet steht in Ausgabe #643.
  • In der vergangenen Woche kamen fünf Menschen ums Leben, als radikale Eindringlinge das Herz der US-amerikanischen Demokratie plünderten. Trump tut nichts, um zu deeskalieren. Stattdessen bestärkt er seine Unterstützerïnnen in der falschen Annahme, die Wahl sei gefälscht worden.
  • Kurzum: Trump hat sich so oft, so dreist und mit derart dramatischen Konsequenzen über Twitters Richtlinien hinweggesetzt, dass ihm längst das Mikrofon hätte entzogen werden müssen.
  • Womöglich wäre es auch an der Zeit, die Sonderregeln für Politikerïnnen abzuschaffen, wie Patrick Beuth argumentiert (Spiegel):

„Allerdings sollte mittlerweile jedem klar sein, dass mit diesem Argument ausnahmslos schädliche oder potenziell schädliche Äußerungen mit Freibriefen versehen werden. Die Sonderregeln werden naturgemäß niemals angewandt, damit ein Politiker etwas verbreiten kann, das so intelligent oder warmherzig ist, dass es bei anderen Nutzerinnen und Nutzern gelöscht würde.“

  • Eine Regel sollte im Umgang mit Diktatoren und autoritären Regimen auf jeden Fall gelten (Slate): „If a government blocks its citizens from using Twitter, its officials should not be allowed to use the site either.“

Die Entscheidung offenbart die problematischen Kräfteverhältnisse im Netz

  • Im Ergebnis halten wir das Deplatforming für richtig. Der Prozess ist aber falsch.
  • Wenige Menschen kontrollieren die wichtigsten Kommunikationsplattformen der Welt. Eine Handvoll weißer Männer bestimmt, was im Netz gesagt werden darf.
  • Plattformen sind mächtiger als viele Regierungen, Konzerne kontrollieren den Zugang zu Informationen und ziehen die Grenzen der Redefreiheit.
  • Amazons Entscheidung, Parler aus seiner AWS-Cloud zu verbannen, ist in dieser Hinsicht sogar noch weitreichender (Techdirt). Schließlich geht es in diesem Fall um Infrastruktur, die noch eine Stufe grundlegender ist als eine Plattform wie Facebook oder Twitter.
  • 2019 versuchte ich in einem längeren Essay zu erklären, warum ich Bauchschmerzen damit habe, wenn sich Internetprovider oder Infrastrukturbetreiber inhaltliche Entscheidungen übernehmen – selbst wenn ich sie in der Sache für angemessen halte.
  • Mit diesem Szenario wollte ich begründen, was mir daran Sorge bereitet: „Was wäre, wenn Trump 2020 für weitere vier Jahre gewählt wird, die Republikaner den Druck auf Facebook erhöhen und Mark Zuckerberg entnerven, der zurücktritt, und ihm ein Rechtslibertärer wie Peter Thiel nachfolgt? Was, wenn radikal-libertäre Domain-Registrare wie Epik, die selbst illegalen Inhalten eine Plattform geben, Reichweite gewinnen und sich weigern, Nazis mundtot zu machen?“
  • Trump hat die Wahl nicht gewonnen, und Zuckerberg ist immer noch Facebook-Chef. Unser Unbehagen bleibt trotzdem bestehen.

Wie das Netz neu geordnet werden könnte

  • Wir glauben, dass zum Ende von Trumps Amtszeit nicht nur sein Twitter-Account verschwinden darf, sondern etwas Neues entstehen sollte: Das Netz braucht demokratische Kontrolle, keine absolutistischen Alleinherrscher.
  • Die Politik muss das Silicon Valley zähmen, das liegt in dessen eigenem Interesse. Egal, wie Zuckerberg und Dorsey entscheiden: Die Hälfte der US-Bevölkerung ist wütend und schreit entweder „Zensur“ oder „Feigling“.
  • Auch in den vergangenen Tagen empörten sich Republikaner mal wieder über die vermeintliche Voreingenommenheit der Tech-Konzerne. Wenn sie als Begründung das First Amendment heranziehen, ist das Unsinn: Die US-Verfassung schützt die Meinungsfreiheit vor staatlichen Eingriffen, aber sie verpflichtet Unternehmen nicht, dem Präsidenten ein Mikrofon unter die Nase zu halten. Das ist keine Zensur (Techdirt), sondern Konsequenz.
  • Wenn wir von demokratischer Kontrolle sprechen, meinen wir aber ausdrücklich nicht, dass Politikerïnnen oder Regierungen selbst entscheiden sollen. Sie müssen einen gesetzlichen oder regulatorischen Rahmen schaffen, um die Macht von wenigen auf viele Schultern zu verteilen.
  • Schließlich haben die Unternehmen lange genug bewiesen, dass sie selbst damit überfordert sind, wie Jillian C. York schreibt (Technology Review):

„From the platform’s ban on breasts to its tendency to suspend users for speaking back against hate speech, or its total failure to remove calls for violence in Myanmar, India, and elsewhere, there’s simply no reason to trust Zuckerberg and other tech leaders to get these big decisions right.“

  • In einem Twitter-Thread liefert Rasmus Kleis Nielsen weitere anschauliche Beispiele für die Inkonsistenz, mit der Plattformen inhaltliche Entscheidungen treffen.
  • Ein erster Ansatz sind die Santa Clara Principles, die Content-Moderation transparenter machen sollen.
  • Mit seinem Oversight Board (mehr dazu in Ausgabe #638 und #675) geht Facebook auch selbst einen Schritt in die richtige Richtung. Das unabhängige Gremium soll Grundsatzentscheidungen treffen, wie Facebooks Löschregeln anzuwenden sind.
  • Evelyn Douek, deren kluge Texte wir in unserem Newsletter schon oft empfohlen haben, nennt gute Gründe dafür (Lawfareblog), warum das Oversight Board Trumps Sperre überprüfen sollte: „The Oversight Board was created to be a check and balance on Facebook’s decision-making processes. The goal to give Facebook’s decisions legitimacy, and make them more than just ‚Mark decides.'“
  • Parallel zur Selbstregulierung der Konzerne ist politische Regulierung auf dem Weg. In erster Linie ist der Digital Services Act (DSA) zu nennen, die wir in Briefing #691 ausführlich beleuchteten.
  • Die Initiative Reset(https://www.reset.tech/) hat in einem interessanten Working Paper durchgespielt, wie und warum der DSA helfen könnte, Plattformen demokratischen Prinzipien zu unterwerfen, den zivilen Diskurs zu stärken und Ereignisse wie in den USA zu verhindern.
  • Reset arbeitet dabei diese vier Punkte heraus:
  1. Tech companies would have done more, and they would have done it sooner
  2. Free speech would have been strengthened
  3. Civic watch dogs could have done their jobs
  4. Law enforcement would have been better prepared
  • Bei Interesse können wir das unveröffentlichte Paper in Absprache mit Reset gern zur Verfügung stellen. Antworte uns einfach auf diese Mail, dann schicken wir das PDF.

Be smart

Die ersten paar Tage des Jahres 2021 werden das Netz dauerhaft prägen. Trump erwägt bereits, ein eigenes Netzwerk zu eröffnen (Washington Post). Neben einem gespaltenen Land hinterlässt er nun auch ein komplett fragmentiertes Social Web.

Trump und sein Publikum werden sich auf alternative Plattformen zurückziehen und eine sozialmediale Parallelwelt erschaffen, die noch weiter von der Realität abgekoppelt ist als die Echokammer, in der sie bislang auf Twitter und Facebook kommunizierten.

Das kann und muss einem Angst machen: Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King’s College, hält die radikalisierten QAnon-Gläubigen für eine größere Bedrohung als dschihadistischen Terror (Spiegel). Wenn sie sich in dunklere Ecken des Netzes zurückziehen, wird es Sicherheitsbehörden noch schwerer fallen, die Bewegung im Blick zu behalten und Anschläge zu verhindern.


12.1.2021 | Twitter sperrt Trump, Facebooks Hardware-Ambitionen, Twitter kauft Breaker

Twitter sperrt Trump: Der Präsident ist weg, die Probleme bleiben

Was ist

Nach knapp zwei Wochen 2021 sagen wir: Vielen Dank, aber wir kündigen unser Schnupperabo für dieses Jahr. Wir hätten gern 2020 zurück. Was seit unserem ersten Briefing des Jahres passiert ist, das wir am 5. Januar verschickten, sprengt nicht nur diesen Newsletter. Es bringt die wohl wichtigste Demokratie der Welt ins Wanken.

Zum Glück haben wir keine Chronistenpflicht und müssen nicht alles haarklein nacherzählen. Trotzdem wollen wir natürlich eine Übersicht der Ereignisse geben, die sich auch dann erschließt, wenn du in den vergangenen Tagen nicht ununterbrochen F5 gedrückt hast.

Damit unser Briefing nicht zum Roman wird, versuchen wir es mit folgender Struktur: Erst fassen wir die wichtigsten Geschehnisse mit Social-Media-Bezug zusammen. Dann ordnen wir das große Deplatforming ein und geben einen Ausblick, wie sich die Plattformwelt dadurch kurz- und langfristig verändern könnte.

Was geschah (Anmerkungen kursiv)

  • In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag stürmt ein gewalttätiger Mob das Kapitol in Washington. Unter den Randalierern sind viele Rechtsradikale und Verschwörungsgläubige. Fünf Menschen sterben.
  • Trump hatte im Dezember zum Protest aufgerufen und seiner Anhängerïnnen angestachelt: "Be there, will be wild!", schrieb er auf Twitter.
  • Aus Gründen können wir nicht mehr auf den Originaltweet verlinken. Deshalb verweisen wir für alle Trump-Tweets auf das Trump Twitter Archive. Über die Volltextsuche lassen sich alle 56.571 Tweets finden.
  • Während sich die teils mordlustigen Putschistïnnen (MSNBC) im Herz der amerikanischen Demokratie austoben, veröffentlicht Trump eine kurze Videobotschaft auf Twitter, Facebook und YouTube. Statt den Gewaltausbruch zu verurteilen, sagt er nur: "Geht nach Hause. Wir lieben euch. Ihr seid etwas ganz Besonderes."
  • Twitter schränkt den Tweet nach wenigen Minuten ein, Facebook und YouTube löschen ihn eine gute Stunde später, kurz darauf entfernt ihn auch Twitter.
  • First Draft sammelt in einer Google-Tabelle alle Reaktionen der Plattformen. Das Dokument ist äußerst hilfreich, da es nicht nur Uhrzeit und Maßnahme enthält, sondern auch einen Link zum Statement, die zugrundeliegende Policy, den Auslöser und eine Archivversion des gelöschten Posts.
  • Twitter blockiert den Account von Donald Trump für zwölf Stunden. Facebook und Instagram sperren den Präsidenten für 24 Stunden aus.
  • Facebook-Angestellte fordern intern härtere Maßnahmen, woraufhin Facebook kurzerhand die Kommentarfunktion abschaltet (BuzzFeed). 350 Twitter-Angestellte verlangen Aufklärung von Jack Dorsey (Washington Post): "Despite our efforts to serve the public conversation, as Trump’s megaphone, we helped fuel the deadly events of January 6th. We request an investigation into how our public policy decisions led to the amplification of serious anti-democratic threats."
  • Rund zwölf Stunden später, am Donnerstagnachmittag deutscher Zeit, meldet sich Mark Zuckerberg zu Wort. Es sind historische Worte:

"We believe the risks of allowing the President to continue to use our service during this period are simply too great. Therefore, we are extending the block we have placed on his Facebook and Instagram accounts indefinitely and for at least the next two weeks until the peaceful transition of power is complete."

  • Die Twitter-Sperre läuft aus, und Donald Trump nutzt die Gelegenheit, um im üblichen Tonfall und mit gewohnt eigenwilliger Orthografie weiterzumachen: "The 75,000,000 great American Patriots who voted for me, AMERICA FIRST, and MAKE AMERICA GREAT AGAIN, will have a GIANT VOICE long into the future. They will not be disrespected or treated unfairly in any way, shape or form!!!" Und: "To all of those who have asked, I will not be going to the Inauguration on January 20th."
  • Es sind die letzten beiden Tweets, die @realDonaldTrump absetzt. In der Nacht von Freitag auf Samstag verliert der berühmteste Twitter-Nutzer der Welt seinen Account – für immer. "We have permanently suspended the account due to the risk of further incitement of violence", heißt es im Unternehmensblog.
  • Neben Twitter, Facebook und Instagram greifen auch andere Plattformen und Unternehmen durch (Axios): Amazon, Apple, Discord, Google, Pinterest Reddit, Shopify, Snapchat, Stripe, TikTok und Twitch werfen Trump und seine Anhängerïnnen raus oder kicken Apps, die sich als Alternativen zu den großen Plattformen in Stellung bringen wollten.
  • Das gilt neben 8kun, thedonald und Gab (Spiegel) vor allem für Parler. Dort wurde der Putsch vorbereitet und offen zu Gewalt aufgerufen (Bellingcat), ohne dass die Betreiber einschritten.
  • Warum trotz aller Alarmsignale (The Daily Beast) kaum Sicherheitsbeamtïnnen vor Ort waren, ist eine andere Frage, auf die das FBI vermutlich keine gute Antwort hat.
  • Nach dem großen Deplatforming beginnt kurzzeitig ein großer Ansturm auf Parler (OneZero). Die App liegt auf Platz 1 der Download-Charts (Mashable), fast alle großen Medien berichten (und machen Gratis-Werbung). Für weitere Hintergründe zu Parler verweisen auf Briefing #684, in dem wir uns ausführlich mit dem Netzwerk beschäftigten.
  • Parlers 15 minutes of fame dauern nur unwesentlich länger, als es das Bonmot nahelegt: In kurzer Folge werfen Apple (nach 24-stündigem Ultimatum) und Google die Parler-App aus ihren App-Stores (SZ). Auch Amazon zieht den Stecker und kickt Parler vom Web-Hoster AWS. Hinzu kommt ein übles Datenleck: Hackerïnnen konnten angeblich 70 TB erbeuten (Golem), die Postings, Videos und Fotos waren offenbar nur unzureichend geschützt.
  • Parler steht damit kurz vor dem Aus (Gizmodo) und muss schnell einen neues Hoster finden. "Every vendor from text message services to email providers to our lawyers all ditched us too on the same day", sagt CEO John Matze.

Wie wir Twitters Entscheidung einschätzen

Wir konzentrieren uns auf Twitter, weil es für Trump die mit Abstand wichtigste Plattform war. Dort folgten ihm rund dreimal so viele Accounts wie auf Facebook. Trump machte Politik mit seinen Tweets, nicht mit seinen Facebook-Posts. Trotzdem lässt sich unser Fazit genauso auf Facebook übertragen.

Ich habe Trumps Rauswurf für die SZ kommentiert und fasse hier noch mal die Kernaussagen zusammen. Für die Entscheidung gelten drei Dinge, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich klingen: Sie ist gleichzeitig richtig, lange überfällig und hochgradig problematisch.

Um die ersten beiden Punkte zu verstehen, reicht ein Blick auf Trumps Account. Für den dritten müssen wir etwas weiter ausholen.

Die Entscheidung ist richtig

  • Die beiden aktuellen Tweets, mit denen Twitter die Sperre begründet, sind für Trumps Verhältnisse harmlos. Er kündigte an, nicht zu Bidens Amtseinführung zu erscheinen, und versprach seinen Wählerinnen und Wähler, dass sie für lange Zeit eine „GIGANTISCHE STIMME“ haben sollten.
  • Doch Twitter beurteilt die Tweets im Kontext der Ereignisse der vergangenen Tage. Als Trumps Account für zwölf Stunden gesperrt wurde, erhielt er eine Warnung: Jeder weitere Regelverstoß werde zu einer dauerhaften Sperre führen.
  • Mit seinen beiden neuen Tweets nährt Trump die Lüge, dass die Wahl manipuliert worden sei. Er legt nahe, dass er nicht daran interessiert ist, die Macht abzugeben.
  • Damit ermutigt er seine Anhängerïnnen implizit zu weiteren Gewalttaten, die derzeit bereits geplant werden. In seinem Blogeintrag bezieht sich Twitter ausdrücklich auf diese Gefahr:

"Plans for future armed protests have already begun proliferating on and off-Twitter, including a proposed secondary attack on the US Capitol and state capitol buildings on January 17, 2021."

  • Zudem muss man berücksichtigen, was kurz zuvor geschah. Selbst Ben Thompson, der die Redefreiheit in sozialen Medien lange Zeit vehement verteidigte, kann die Entscheidung nachvollziehen. Er drückt es so aus (Stratechery): "(…) the context here was an elected official encouraging his supporters to storm the Capitol to overturn an election result and his supporters doing so."
  • Natürlich drängt sich der Verdacht des Opportunismus auf: Twitter und vor allem Facebook haben Trump jahrelang gewähren lassen und erst 2020 vorsichtig angefangen, erste Tweets und Post mit Hinweisen zu versehen. Ausgerechnet jetzt, zwei Wochen vor dem Ende von Trumps Amtszeit, handeln die beiden Plattformen.
  • Das ist kein Zufall, aber wir glauben nicht, dass (in erster Linie) politische Opportunität dahintersteckt. Die Ereignisse der vergangenen Woche sind tatsächlich einzigartig. Es hätte auch davor schon genug gute Anlässe gegeben, Trump von der Plattform zu werfen. Dennoch stellt der Sturm auf das Kapitol eine neue Eskalationsstufe dar (NYT).

Die Entscheidung kommt Jahre zu spät

  • Für Trump galten schon immer andere Regeln als für normale Nutzerinnen und Nutzer. Das ist verständlich: Was der US-Präsident sagt, besitzt Nachrichtenwert und ist von öffentlichem Interesse.
  • Twitter machte dieses Regelwerk 2018 sogar öffentlich und begründete die Ausnahmen so:

"Blocking a world leader from Twitter or removing their controversial Tweets would hide important information people should be able to see and debate. It would also not silence that leader, but it would certainly hamper necessary discussion around their words and actions."

  • Doch seit Trump am 4. Mai 2009 seinen ersten Tweet absetzte, hat er fast jede Richtlinie ignoriert, die auf Twitter gilt. Er nutzte die Plattform, um andere Regierungschefs zu beleidigen, mit Nuklearschlägen zu drohen, Lügen und Verschwörungserzählungen zu verbreiten, Gewalt zu relativieren und gegen Medien und Minderheiten zu hetzen.
  • Seine Worte hatten tödliche Folgen, die Trump auf zynische Art und Weise negierte. In Charlottesville überfuhr ein Nazi die 32-jährige Heather Heyer. Trumps Tweet dazu: Es gebe "feine Menschen auf beiden Seiten".
  • Im Sommer starben 19 Menschen bei Protesten gegen Rassismus. Trump hatte zuvor auf Twitter offen mit Gewalt gedroht. Mehr zum berühmt-berüchtigten "When the looting starts, the shooting starts"-Tweet steht in Ausgabe #643.
  • In der vergangenen Woche kamen fünf Menschen ums Leben, als radikale Eindringlinge das Herz der US-amerikanischen Demokratie plünderten. Trump tut nichts, um zu deeskalieren. Stattdessen bestärkt er seine Unterstützerïnnen in der falschen Annahme, die Wahl sei gefälscht worden.
  • Kurzum: Trump hat sich so oft, so dreist und mit derart dramatischen Konsequenzen über Twitters Richtlinien hinweggesetzt, dass ihm längst das Mikrofon hätte entzogen werden müssen.
  • Womöglich wäre es auch an der Zeit, die Sonderregeln für Politikerïnnen abzuschaffen, wie Patrick Beuth argumentiert (Spiegel):

"Allerdings sollte mittlerweile jedem klar sein, dass mit diesem Argument ausnahmslos schädliche oder potenziell schädliche Äußerungen mit Freibriefen versehen werden. Die Sonderregeln werden naturgemäß niemals angewandt, damit ein Politiker etwas verbreiten kann, das so intelligent oder warmherzig ist, dass es bei anderen Nutzerinnen und Nutzern gelöscht würde."

  • Eine Regel sollte im Umgang mit Diktatoren und autoritären Regimen auf jeden Fall gelten (Slate): "If a government blocks its citizens from using Twitter, its officials should not be allowed to use the site either."

Die Entscheidung offenbart die problematischen Kräfteverhältnisse im Netz

  • Im Ergebnis halten wir das Deplatforming für richtig. Der Prozess ist aber falsch.
  • Wenige Menschen kontrollieren die wichtigsten Kommunikationsplattformen der Welt. Eine Handvoll weißer Männer bestimmt, was im Netz gesagt werden darf.
  • Plattformen sind mächtiger als viele Regierungen, Konzerne kontrollieren den Zugang zu Informationen und ziehen die Grenzen der Redefreiheit.
  • Amazons Entscheidung, Parler aus seiner AWS-Cloud zu verbannen, ist in dieser Hinsicht sogar noch weitreichender (Techdirt). Schließlich geht es in diesem Fall um Infrastruktur, die noch eine Stufe grundlegender ist als eine Plattform wie Facebook oder Twitter.
  • 2019 versuchte ich in einem längeren Essay zu erklären, warum ich Bauchschmerzen damit habe, wenn sich Internetprovider oder Infrastrukturbetreiber inhaltliche Entscheidungen übernehmen – selbst wenn ich sie in der Sache für angemessen halte.
  • Mit diesem Szenario wollte ich begründen, was mir daran Sorge bereitet: "Was wäre, wenn Trump 2020 für weitere vier Jahre gewählt wird, die Republikaner den Druck auf Facebook erhöhen und Mark Zuckerberg entnerven, der zurücktritt, und ihm ein Rechtslibertärer wie Peter Thiel nachfolgt? Was, wenn radikal-libertäre Domain-Registrare wie Epik, die selbst illegalen Inhalten eine Plattform geben, Reichweite gewinnen und sich weigern, Nazis mundtot zu machen?"
  • Trump hat die Wahl nicht gewonnen, und Zuckerberg ist immer noch Facebook-Chef. Unser Unbehagen bleibt trotzdem bestehen.

Wie das Netz neu geordnet werden könnte

  • Wir glauben, dass zum Ende von Trumps Amtszeit nicht nur sein Twitter-Account verschwinden darf, sondern etwas Neues entstehen sollte: Das Netz braucht demokratische Kontrolle, keine absolutistischen Alleinherrscher.
  • Die Politik muss das Silicon Valley zähmen, das liegt in dessen eigenem Interesse. Egal, wie Zuckerberg und Dorsey entscheiden: Die Hälfte der US-Bevölkerung ist wütend und schreit entweder "Zensur" oder "Feigling".
  • Auch in den vergangenen Tagen empörten sich Republikaner mal wieder über die vermeintliche Voreingenommenheit der Tech-Konzerne. Wenn sie als Begründung das First Amendment heranziehen, ist das Unsinn: Die US-Verfassung schützt die Meinungsfreiheit vor staatlichen Eingriffen, aber sie verpflichtet Unternehmen nicht, dem Präsidenten ein Mikrofon unter die Nase zu halten. Das ist keine Zensur (Techdirt), sondern Konsequenz.
  • Wenn wir von demokratischer Kontrolle sprechen, meinen wir aber ausdrücklich nicht, dass Politikerïnnen oder Regierungen selbst entscheiden sollen. Sie müssen einen gesetzlichen oder regulatorischen Rahmen schaffen, um die Macht von wenigen auf viele Schultern zu verteilen.
  • Schließlich haben die Unternehmen lange genug bewiesen, dass sie selbst damit überfordert sind, wie Jillian C. York schreibt (Technology Review):

"From the platform’s ban on breasts to its tendency to suspend users for speaking back against hate speech, or its total failure to remove calls for violence in Myanmar, India, and elsewhere, there’s simply no reason to trust Zuckerberg and other tech leaders to get these big decisions right."

  • In einem Twitter-Thread liefert Rasmus Kleis Nielsen weitere anschauliche Beispiele für die Inkonsistenz, mit der Plattformen inhaltliche Entscheidungen treffen.
  • Ein erster Ansatz sind die Santa Clara Principles, die Content-Moderation transparenter machen sollen.
  • Mit seinem Oversight Board (mehr dazu in Ausgabe #638 und #675) geht Facebook auch selbst einen Schritt in die richtige Richtung. Das unabhängige Gremium soll Grundsatzentscheidungen treffen, wie Facebooks Löschregeln anzuwenden sind.
  • Evelyn Douek, deren kluge Texte wir in unserem Newsletter schon oft empfohlen haben, nennt gute Gründe dafür (Lawfareblog), warum das Oversight Board Trumps Sperre überprüfen sollte: "The Oversight Board was created to be a check and balance on Facebook's decision-making processes. The goal to give Facebook's decisions legitimacy, and make them more than just 'Mark decides.'"
  • Parallel zur Selbstregulierung der Konzerne ist politische Regulierung auf dem Weg. In erster Linie ist der Digital Services Act (DSA) zu nennen, die wir in Briefing #691 ausführlich beleuchteten.
  • Die Initiative Reset(https://www.reset.tech/) hat in einem interessanten Working Paper durchgespielt, wie und warum der DSA helfen könnte, Plattformen demokratischen Prinzipien zu unterwerfen, den zivilen Diskurs zu stärken und Ereignisse wie in den USA zu verhindern.
  • Reset arbeitet dabei diese vier Punkte heraus:
  1. Tech companies would have done more, and they would have done it sooner
  2. Free speech would have been strengthened
  3. Civic watch dogs could have done their jobs
  4. Law enforcement would have been better prepared
  • Bei Interesse können wir das unveröffentlichte Paper in Absprache mit Reset gern zur Verfügung stellen. Antworte uns einfach auf diese Mail, dann schicken wir das PDF.

Be smart

Die ersten paar Tage des Jahres 2021 werden das Netz dauerhaft prägen. Trump erwägt bereits, ein eigenes Netzwerk zu eröffnen (Washington Post). Neben einem gespaltenen Land hinterlässt er nun auch ein komplett fragmentiertes Social Web.

Trump und sein Publikum werden sich auf alternative Plattformen zurückziehen und eine sozialmediale Parallelwelt erschaffen, die noch weiter von der Realität abgekoppelt ist als die Echokammer, in der sie bislang auf Twitter und Facebook kommunizierten.

Das kann und muss einem Angst machen: Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College, hält die radikalisierten QAnon-Gläubigen für eine größere Bedrohung als dschihadistischen Terror (Spiegel). Wenn sie sich in dunklere Ecken des Netzes zurückziehen, wird es Sicherheitsbehörden noch schwerer fallen, die Bewegung im Blick zu behalten und Anschläge zu verhindern.


Follow the money

Facebooks Hardware-Ambitionen

  • Smart Glasses: In Facebooks Abteilung für AR, VR und Hardware arbeiten 6000 Menschen. Die hohe Zahl zeigt, wie ernst es Facebook damit meint, in diesen Bereichen ganz vorne mit dabei zu sein. Ein erster wichtiger Schritt auf dem (noch langen und wohl auch recht steinigen) Weg zu Geräten für die Masse ist der Verkauf von Smart Glasses, die „eher früher als später“ 2021 auf den Markt kommen sollen. Zwar hätte die erste Version noch keine AR-Features, Hardware-Boss Bosworth zeigt sich bei Bloomberg aber schon jetzt beeindruckt von den Features. Na klar.
  • Facebooks VR-Headset Quest 2 und das Kommunikationswerkzeug Portal hätten sich jedenfalls laut Facebook überraschend gut verkauft. Das Weihnachtsgeschäft sei sehr viel besser als erwartet gewesen, lässt das Unternehmen wissen (Axios). Wie viele Einheiten sie tatsächlich verkauft haben, sollen dann aber doch nicht so viele wissen. Die Zahl bleibt geheim.

Twitter kauft Breaker

  • Frisches Team soll Spaces zum Laufen bringen: Twitter hat die Social-Podcasting-App Breaker gekauft (Gizmodo). An der App selbst sind sie nicht weiter interessiert. Vielmehr soll das Team, das Breaker gelauncht hat, dabei helfen, Twitters Clubhouse-Konkurrenten Spaces zu starten. Acqui-hiring lautet der Fachausdruck für diese Form der Übernahme: etwas zwischen „acquisition" and "hiring“. Anyway. Wie jedenfalls zu hören ist, arbeiten derzeit viele Unternehmen an Audio-Features. Twitter muss sich also sputen, wenn sie ihren (durchaus überraschenden) Vorsprung in diesem Feld nicht wieder verspielen wollen. Das Acqui-hiring soll dabei helfen.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Facebook Pages werden umgebaut. Es gibt einen neuen Look, eine aktualisierte Navigation, die Einführung eines dedizierten News Feeds und ein neues Q&A-Format zur Einbindung von Fans. Mit dem Redesign wird auch der "Like"-Button abgeschafft und stattdessen der Fokus auf Follower gelegt. Hier ist Facebooks Blogpost zu den Neuerungen.

Instagram

  • Filter werden jetzt angezeigt: Instagram zeigt jetzt, welche Filter bei welchem Foto benutzt wurden (Twitter / Matt Navarra).
  • Neues Design für Stories am Desktop: Instagram arbeitet jetzt mit einer Art Karussel-Ansicht am Desktop, um Stories übersichtlicher darzustellen.

TikTok

Substack

  • Themes und Sub-Lists: Substack versucht weiter daran zu arbeiten, attraktiver zu werden. Die drei neuen Features (The Verge) erlauben es, Newsletter individueller zu gestalten (Themes), Listen anzulegen, um nur bestimmten Abonnentïnnen zu schreiben (Sub-Lists) und verschiedene Titel und Podcasts zu aggregieren (Multi-Pub).

Tipps, Tricks und Apps

  • Typefully: Wer lange Twitter-Threads schreiben möchte, findet mit Typefully ein solides Tool, um die einzelnen Tweets zu strukturieren.
  • Reports and Forecasts: Wir haben zwei wirklich tolle Sammlungen entdeckt, in denen mehr als 50 verschiedene PDF zu allen möglichen Trends aufgeführt werden: von Consumer-Trends über Medien- und Social-Media-Trends bis zu Marketing-Trends ist alles dabei.

Header-Foto von Jason King bei Unsplash

6.1.2021 | Warum sich Online-Werbung 2021 grundlegend verändern könnte / Warum wir Signal und Threema empfehlen

Warum sich Online-Werbung 2021 grundlegend verändern könnte

Was ist

Bereits im November 2019 titelte The Correspondent: "The new dot com bubble is here: it’s called online advertising". Bislang ist die angebliche Blase, vor der Jesse Frederiks und Maurits Martijn damals warnten, nicht geplatzt.

Doch es mehren sich die Anzeichen, dass das 2021 passieren könnte – oder zumindest eine ganze Menge Luft aus der 300-Miliarden-Dollar-Branche entweichen könnte, die auf Adtech und den Effizienzversprechen von Targeting und personalisierter Werbung beruht.

Warum das wichtig ist

Das halbe Netz ist werbefinanziert. Hunderte große Konzerne und Tausende kleine Unternehmen haben ihr Geschäftsmodell auf Online-Werbung aufgebaut. Das gilt nicht nur für das Silicon Valley (Facebook und Google besitzen gemeinsam ein Duopol von rund 70 Prozent des digitalen Werbemarkts), sondern auch für Verlage (Übermedien). Wer in irgendeiner Form Anzeigen bucht und vermittelt, Werbefläche zu Verfügung stellt oder Targeting betreibt, sollte sich auf Turbulenzen einstellen.

Wie wir das Thema covern

Wir sind keine Marketing-Experten. Wir haben auch keine Glaskugeln und wissen natürlich nicht, was 2021 geschehen wird. Aber wir haben in den vergangenen Monaten Dutzende Texte und mehrere Bücher zu dem Thema gelesen, Podcasts gehört, Hintergrundgespräche geführt und an (virtuellen) Konferenzen teilgenommen.

Wir werden das Thema im kommenden Jahr intensiver begleiten und immer wieder tiefer einsteigen, wenn ein aktueller Anlass besteht. In diesem Briefing zeigen wir nur die grundlegenden Entwicklungen auf, die sich seit Jahren abzeichnen und 2021 weiter verschärfen dürften. Dafür fassen wir die Eckpunkte der Debatte zusammen und verlinken einige weiterführende Texte.

Warum Online-Werbung auf tönernen Füßen steht

  • In "Subprime Attention Crisis: Advertising and the Time Bomb at the Heart of the Internet" (Goodreads) vergleicht Tim Hwang die Online-Werbebranche mit der Immobilienblase (Branded), die 2008 nach der Pleite der Lehman Brothers platzte.
  • Das Wettbieten um Werbeplätze beim Programmatic Advertising baue auf algorithmisch gesteuerten Echtzeit-Transaktionen auf – die fatal an die Hochgeschwindigkeits-Trades an der Börse erinnerten, mit denen Kredite angekauft und verkauft wurden.
  • Die ganze Branche ist extrem intransparent und beruht auf fragwürdigen Metriken und wenig aussagekräftigen Zahlen mit vielen Nullen, die kaum jemand richtig versteht.
  • Oft genug sind diese Zahlen auch schlicht falsch: Immer wieder (AdAge) wurde etwa bekannt (The Verge), dass Facebook (Marketingland) seinen Werbekunden (SocialMediaToday) falsche Metriken mitgeteilt hat – und es gibt wenig Grund zur Annahme, dass das bei anderen Plattformen gänzlich anders aussieht.
  • Bei Online-Werbung dreht sich alles um die Aufmerksamkeit der Nutzerïnnen, die angeblich Hunderte Milliarden Dollar wert sein soll – doch es ist unklar, ob diese Summe nicht viel zu hoch angesetzt ist.
  • Denn seit Jahren wissen wir, dass ein Großteil des ganzen Netzes Fake ist (NYMag): Bots machen rund die Hälfte des gesamten Traffics aus, rufen Seiten auf, klicken auf Anzeigen und tun so, als seien sie echte Menschen.
  • Fake-Accounts und Fake-Reviews mögen eine geringere Gefahr für die Demokratie sein, als Medien oft suggerierten – aber sie sind eine große Gefahr für eine Branche, der irgendwann auffallen könnte, dass Werbekunden viel Geld dafür ausgeben, dass ein kompliziertes Geflecht aus Adtech-Firmen und Agenturen über automatisierte Werbenetzwerke an Auktionen teilnimmt, bei denen der Gewinner Anzeigen auf teils dubiosen Seiten wie Breitbart (Twitter / Nandini Jammi) schalten "darf", die zu einem Gutteil von Maschinen aufgerufen werden, woraufhin die Werbetreibende irreführende Reportings über die angeblich ach so effektiven Buchungen erhalten.
  • Hinzu kommt, dass unklar bleibt, wie wirksam personalisierte Werbung wirklich ist, selbst wenn sie echte Menschen erreicht. Als der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Dänemark in Folge der DSGVO entschied, Cookies von Opt-out auf Opt-in umzustellen, folgte eine große Überraschung: Der erwartete Einbruch der Werbeerlöse blieb aus (Wired).
  • Kurz darauf verbannte der Sender Cookies vollständig – und die Einnahmen durch Online-Anzeigen stiegen trotz der Corona-Pandemie. Statt einen signifikanten Teil der Erlöse an Mittelsmänner wie Google abzugeben, vermarktete NPO sich selbst und setzte nicht mehr auf personalisierte, sondern auf kontextualisierte Anzeigen (Pluralistic). Die Werbung beruhte also nicht auf den vermuteten Interessen der Nutzerïnnen, sondern auf den Inhalten der aufgerufenen Seite.
  • Der Erfolg wirft zumindest die Frage auf, ob Microtargeting tatsächlich so effektiv und Facebooks und Googles Datenschätze wirklich so wertvoll sind, wie immer angenommen wird. "The whole edifice of online advertising is, in short, bunk", sagt Hwang (Wired).
  • Wer seinen Adblocker deaktiviert, wundert sich ohnehin, woher der Hype ums Targeting kommt: Ich kaufe einen Fahrradhelm – prompt sehe ich Dutzende Anzeigen für Fahrradhelme (klar, man kann nie genug davon haben). Kurz danach bestelle ich einen Mixer – prompt sehe ich Mixer-Werbung (klar, man kann nie genug davon haben). Frank Patalong hat das in diesem Blogeintrag schön und prägnant zusammengefasst.
  • Es gibt etliche anschauliche Beispiele, bei denen große Unternehmen ihr Werbebudget teils radikal zusammenstrichen und exakt gar keine Auswirkungen auf ihr Kerngeschäft spürten. Das heißt natürlich nicht, dass Werbung per se nutzlos ist. Aber es zeigt, dass Henry Ford auch 2021 noch richtig liegt ("Ich weiß, die Hälfte meiner Werbung ist rausgeworfenes Geld. Ich weiß nur nicht, welche Hälfte.") – das Problem für die Branche ist nur, dass es mittlerweile Möglichkeiten gäbe, die nutzlose Hälfte zu identifizieren.
  • Cory Doctorow sieht das Heilsversprechen personalisierter Werbung als eines der Grundübel des heutigen Netzes (Pluralistic), das den Überwachungskapitalismus mit hervorgebracht habe:

Namely, that we are under constant surveillane because monopolies can get away with obviously fraudulent and dangerous conduct by mobilizing their monopoly profits to buy political outcomes that serve their ends. (…) All that money was spent to maintain the fiction, the fraud, the bezzle – it was an appeal to rescue the wholly fictional pony underneath that gigantic pile of shit.

Was das neue Jahr bringt

  • Chrome wird bis 2022 Third-Party-Cookies abschaffen (Heise). Andere Browser verzichten bereits darauf. Das dürfte signifikante Auswirkungen auf die Branche haben.
  • Auch deshalb setzen New York Times (Axios) und Washington Post auf proprietäre Inhouse-Lösungen, um unabhängiger zu werden (Digiday).
  • Die Situation in Deutschland, beeinflusst von einem BGH-Urteil und der Umsetzung der E-Privacy-Richtlinie, beleuchtet Torsten Kleinz in einer zweiteiligen Artikelserie (iRights).
  • Besonders einschneidend könnte der Plan sein, den Apple verfolgt (Apple Developer): In den kommenden Wochen soll der Advertising Identifier (IDFA) von Opt-out auf Opt-in umgestellt werden. Diese einmalige Werbe-ID ermöglicht es, Nutzerïnnen quer über Apps und Webseiten hinweg zu tracken.
  • Dagegen protestiert vor allem Facebook, das von den Änderungen selbst hart betroffen wäre – stattdessen aber die Interessen kleiner und mittelständischer Unternehmen vorschiebt und sogar warnt, dass Apple das freie Netz gefährde.
  • Wir haben den Streit kurz vor Weihnachten in Briefing #691 analysiert. Zwischen den Jahren habe ich noch mal ausführlicher erklärt, warum das "App Tracking Transparency"-Framework so große Panik bei Facebook auslöst und die halbe Werbebranche in Aufregung versetzt (SZ).

Be smart

Bislang hat die Corona-Krise kaum Spuren in der Online-Werbebranche hinterlassen. Im Gegenteil: Adtech-Aktien steigen, Vermarkter umgehen mit manipulativen Cookie-Banner die Absicht der DSGVO und freuen sich über steigende Erlöse (Heise).

Deshalb ist der Konjunktiv in unserer Überschrift entscheidend: Wenn Werbetreibende realisieren, dass ein Teil ihrer Ausgaben auf leeren Versprechen beruht, dann könnte es ein mieses Jahr für Online-Werbung werden. Das galt allerdings auch schon in jedem der vergangenen Jahre.

Unsere Vermutungen beruhen auf einer Mischung aus Wunschdenken, dem absehbaren Ende der Third-Party-Cookies, Apples Werbe-Opt-in und voraussichtlich sinkenden Werbebudgets (Corona dürfte uns noch eine Weile begleiten), die dazu führen könnten, dass mehr Unternehmen hinterfragen, wofür sie eigentlich ihr Geld ausgeben.


Warum wir Signal und Threema empfehlen

Was ist

Weihnachten liegt hinter uns. Großeltern und Kinder haben neue Smartphones bekommen. Das wirft in vielen Familien die Frage auf: Über welchen Messenger sollen wir chatten?

Unser Rat

Wir empfehlen seit Jahren Signal und Threema als sichere und datensparsame Lösungen. Warum wir das jetzt noch mal aufgreifen? Weil einige aktuelle Entwicklungen erneut zeigen, warum diese beiden Messenger eine gute Wahl sind – und andere, bekanntere Alternativen eher nicht:

  • Mitte Dezember führte Signal Ende-zu-Ende-verschlüsselte Gruppen-Videotelefonate ein (Signal) und bietet damit beste Voraussetzungen für den Pandemie-Plausch mit Eltern und Freundïnnen.
  • Kurz darauf kursierte eine Meldung (BBC), dass das israelische Unternehmen Cellebrite die Verschlüsselung von Signal ausgehebelt und Nachrichten lesen könne. Die Überschrift ("Cellebrite claimed to have 'cracked' chat app's encryption") ist dermaßen daneben, dass wir gar nicht auf die Details eingehen, sondern nur auf Signal-Gründer Moxie Marlinspike verweisen, der erklärt (Signal), warum die BBC Unsinn verbreitet.
  • Ungefähr zur selben Zeit gab Threema bekannt, dass iOS- und Android-Apps ab sofort quelloffen sind. Wer will, kann den Code analysieren. Zusätzlich gibt es regelmäßige externe Audits (alle Threema).
  • WhatsApp ist zwar ebenfalls sicher, weil es dasselbe Krypto-Protokoll nutzt wie Signal. Dafür sammelt es massenhaft Metadaten (Forbes), die auch bei Facebook landen. Seit Kurzem zeigt Apple im App-Store an, auf welche Daten Apps zugreifen wollen. Wer WhatsApp und den Facebook Messenger mit iMessage oder Signal vergleicht, könnte ins Grübeln kommen, ob es sich nicht vielleicht doch lohnt, ein bisschen Überzeugungsarbeit zu leisten, um mit dem Familienchat umzuziehen.
  • Und Telegram? Ist das nicht auch irgendwie Krypto? Ähm. Nein. Telegram wird nicht nur von Rechtsradikalen, Verschwörungsgläubigen und Kriminellen genutzt (Deutschlandfunk), sondern verzichtet standardmäßig auf E2EE, greift auf Metadaten und Kontakte zu, verwendet zweifelhafte kryptografische Verfahren und setzt voraus, dass man den Betreibern vertraut.
  • So praktisch die vielen Funktionen erscheinen, so gut die Apps gemacht sind, so angenehm die plattformübergreifende Synchronisierung ist – bei Sicherheit und Datenschutz ist Telegram abgeschlagen (Gardion).

Neue Features bei den Plattformen

Google

  • Kurzvideos in Google Suche: Google testet derzeit, Kurzvideos in die Suchergebnisse aufzunehmen. Analog zu den Video-Ergebnissen und Tweets, die Google im Such-Karussell präsentiert, [könnten künftig dann Kurzvideos von Instagram und TikTok aufgeführt werden](https://techcrunch.com/2020/12/29/google-pilots-a-search-feature-that-aggregates-short-form-videos-from-tiktok-and-instagram/). (Techcrunch)

Header-Foto von Ali Gooya bei Unsplash


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