Monat: Dezember 2020

23.12.2020 | Warum Impf-Desinformation so gefährlich ist, Stratcom-Bericht, Zur Zukunft von Social Media

Warum Impf-Desinformation so gefährlich ist – und so erfolgreich

Was ist

Die Corona-Impfung ist da: Fast jeden Tag verkünden Eilmeldungen die Zulassung neuer Impfstoffe gegen Sars-CoV-2. Mittlerweile werden die ersten Menschen geimpft. Es sind Nachrichten, die Mut machen, dass 2021 ein Jahr werden könnte, in dem das Leben nicht mehr komplett von der Pandemie bestimmt wird.

Doch gleichzeitig verbreiten sich Panikmache und Lügen über die Impfstoffe. Wissenschaftlerïnnen warnen vor einer Flut an bewusst gestreuter Desinformation. Social-Media-Plattformen tun ihr Bestes, sind aber trotzdem überfordert und schaffen es nicht, die Anti-Impf-Propaganda wirksam einzudämmen.

Warum das wichtig ist

Ob man sich impfen lässt oder nicht, mag eine persönliche Entscheidung sein – die Folgen betreffen aber alle Mitmenschen. Die Corona-Impfung wird erst dann wirklich effektiv, wenn sich ein Gutteil der Bevölkerung dazu bereiterklärt.

Aktuellen Umfragen wollen sich nur 60 (Pew) bis 70 Prozent (Kaiser Family Foundation) der Menschen in den USA impfen lassen. Und wenn die Anti-Impf-Kampagne weiter Fahrt aufnimmt, könnte dieser Anteil sogar noch sinken.

Wie die Panik geschürt wird

Wir wollen gar nicht im Detail auf die Lügen eingehen. Es ist der übliche Sumpf aus antisemitischen und wissenschaftsfeindlichen Verschwörungsmythen: Mikrochips, 5G, Impfpflicht, globale Eliten, cui bono, Bill Gates. Wer den Unsinn nachlesen will: Rebecca Heilweil und Sarah Emerson (OneZero) zeichnen die Verbreitung der Desinformation nach.

Grundsätzlich kann man sagen: Es gibt nicht das eine dominierende Narrativ. Vielmehr vermischen sich Lügen über die Corona-Impfung mit jahrealten Anti-Impf-Mythen. "They are inserting the word ‘covid’ into the usual canards", sagt etwa Renée DiResta (Washington Post), die am Stanford Internet Observatory zu Desinformation forscht. "They recognize the potential audience is much, much larger — it’s not just new parents searching for info. It is everyone."

Warum Anti-Impf-Propaganda so erfolgreich ist

Seit die erste Impfung erfunden wurde, gibt es Gerüchte über angebliche Gefahren. Die Debatten datieren bis ins 19. Jahrhundert zurück, wie DiResta in einer langen und lesenswerten Analyse (The Atlantic) beschreibt.

Doch damals gab es kein Internet und keine sozialen Medien. 2020 lassen sich Lügen mit einem Klick in die Welt setzen und in Sekundenbruchteilen weiterverbreiten. Das Geraune und die Warnungen gehen oft viral, weil sie eine starke Emotion ansprechen: Angst. Seit Jahren zählen Anti-Impf-Gruppen zu den aktivsten Communities auf Facebook und anderen Plattformen.

Diese mächtige, stetig gewachsene Bewegung vermischt sich nun mit der QAnon-Sekte und anderen Verschwörungsläubigen, die das Coronavirus für eine Verschwörung halten. Rechte Influencerïnnen und dubiose Alternativmedien pushen die Propaganda und erreichen damit ein Millionenpublikum.

Warum die Plattformen machtlos sind

Facebook, Instagram, Twitter und YouTube wissen, wie gefährlich die Anti-Impf-Welle sein kann. Kürzlich fiel in einem Hintergrundgespräch die Aussage (Gedächtnisprotokoll): "Wenn das so weitergeht, dann war die US-Wahl ein Kindergeburtstag. Ich will mit gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die ersten Komplikationen bei Geimpften auftreten. Dann bricht im Netz die Hölle aus."

Es liegt also nicht an mangelndem Willen. Alle Plattformen haben relativ strikte Maßnahmen eingeführt und löschen Lügen über Impfungen genauso wie gefährliche Desinformation über das Coronavirus. Zusätzlich versuchen sie, irreführende Beiträge mit Warnhinweisen zu versehen und Nutzerïnnen auf seriöse Quellen zu verweisen.

Doch es gibt mehrere Gründe, warum sie die viralen Falschbehauptungen nicht eindämmen können:

  • Es sind zu viele: Desinformation lässt sich nur selten automatisiert erkennen und löschen. Menschliche Mitarbeiterïnnen müssen alle Beiträge einzeln überprüfen. Sie kämpfen gegen eine Hydra mit sehr vielen Köpfen, die rasend schnell nachwachsen.
  • Sie verbreiten sich in geschlossenen Gruppen, Stories und Messengern: Parallel zur abnehmenden Bedeutung der öffentlichen Newsfeeds und Timelines verlagert sich auch die Propaganda in private oder verschlüsselte Räume und Gruppen. Das macht es teils unmöglich, die Lügen zu stoppen – von Unternehmen wie Telegram erst gar nicht zu reden, die offenbar überhaupt kein Interesse an Gegenmaßnahmen haben.
  • Sie bewegen sich oft in einem Graubereich: "The platforms cannot control people’s opinions", sagt Darren Linvill (Washington Post), der an der Clemson University zu Social Media forscht. "They can’t stop someone from saying 'I’m not going to take the vaccine because I don’t think it’s safe.' And it’s those thoughts and opinions that have as much of an effect on online communities as actual fake news or actual disinformation."
  • Sie passen perfekt zur Funktionslogik der Plattformen: Menschen interagieren mit emotionalen Inhalten, Algorithmen reagieren auf Interaktionen, emotionale Inhalte verbreiten sich viral. Der demokratische Kongressabgeordnete Adam Schiff bilanziert deshalb (Politico): "Absent a fundamental overhaul, enforcement will always be stuck playing catch up in a system designed to promote the most engaging content and not the most truthful."

Be smart

Wir sind in unserem Freundeskreis bislang von Corona-Leugnerïnnen verschont geblieben. Die Begegnungen beschränken sich auf Facebook-Postings von alten Schulfreundïnnen oder losen Bekannten. Doch wenn es um die Impffrage geht, könnte sich das ändern – die Zahl der Menschen, die einer Impfung skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, ist auch in Deutschland (Ärztezeitung) erschreckend hoch (Barmer).

Stratcom-Bericht: Biete 300 Dollar, suche 300.000 Fake-Interaktionen

Was ist

Der Nato-Thinktank Stratcom hat untersucht, wie konsequent große Social-Media-Plattformen gegen Manipulationsversuche vorgehen. Der "Social Media Manipulation Report 2020" wirft kein gutes Licht auf die Fähigkeit der Netzwerke, gefälschte Interaktionen zu erkennen und zu entfernen.

Wie die Forscherïnnen vorgingen

  • Die Wissenschaftlerïnnen kauften für 300 Dollar bei drei russischen Dienstleistern ein. Dafür erhielten sie rund 1100 Kommentare, knapp 10.000 Likes und mehr als 320.000 Views.
  • Der Bericht untersucht Facebook, Instagram, Twitter, YouTube und TikTok. Es geht darum, wie zuverlässig die Plattformen die Erstellung von Fake-Accounts und das Verteilen von Fake-Interaktionen verhindern.
  • Die gefälschten Interaktionen stammten von rund 8000 Accounts, die teils automatisiert erstellt und gesteuert, teils von Menschen angelegt und bedient werden.
  • Außerdem arbeiteten die Forscherïnnen mit zwei US-Senatoren zusammen: Chuck Grassley von den Republikanern und Chris Murphy von den Demokraten.
  • Kurz vor der US-Wahl kauften sie Interaktionen für Beiträge der beiden Politiker. Damit wollten sie herausfinden, ob die Plattformen verifizierte Accounts besonders schützen – und ob die Unternehmen im Vorfeld des wichtigsten politischen Ereignisses des Jahres besonders aufmerksam sind.

Was die Forscherïnnen herausfanden

  • Im Vergleich zu 2019, als Stratcom ein ähnliches Experiment durchführte, haben sich Facebook und Twitter leicht verbessert.
  • Facebook macht es Betrügerïnnen nun schwerer, massenhaft Fake-Konten anzulegen. Sobald Facebooks Sicherheitsmechanismen allerdings einmal überwunden sind, führen die gefälschten Accounts ein relativ sicheres Leben und werden nicht allzu zuverlässig erkannt und gesperrt.
  • Auf Twitter fällt es leichter, Fake-Accounts zu erstellen. Dafür erkennt die Plattform die Manipulationsversuche auch nachträglich und löscht die unechten Interaktionen.
  • Instagram und YouTube liegen ungefähr auf dem Niveau von 2019 – und das ist ziemlich überschaubar. Auf beiden Plattformen ist es einfach und billig, Tausende gefälschte Likes, Kommentare oder Views zu kaufen.
  • Nur TikTok, das die Forscherïnnen erstmals untersuchten, schneidet noch deutlich schlechter ab. Die Plattform scheine nicht in der Lage zu sein, selbst die billigsten Manipulationsversuche zu entfernen und seine Nutzerïnnen zu schützen, heißt es in dem Bericht.
  • Während des mehrwöchigen Experiments sperrte TikTok keinen einzigen Fake-Account und löschte nicht eine gefälschte Interaktion. Das Einzige, was die Wissenschaftlerïnnen TikTok zugutehalten: „Es lässt die Bemühungen der anderen Plattformen in einem deutlich besseren Licht dastehen.“
  • Auch im Vorfeld der US-Wahl ließen sich die Netzwerke problemlos manipulieren. Teils dauerte es einige Stunden oder Tage, bis die gekauften Interaktionen auf den Beiträgen der beiden US-Senatoren geliefert wurden. Auf Facebook tauchten nur knapp die Hälfte der versprochenen Kommentare auf, Twitter blockierte einen Teil der bestellten Likes.
  • Dennoch ließen sich alle drei Plattformen von den Dienstleistern manipulieren. Nach einer Woche meldeten die Forscherïnnen einen Teil der Manipulationen, selbst danach blieb ein Großteil online.
  • Deshalb appelliert der Bericht: „Es braucht deutlich größere Anstrengungen, um offizielle Accounts zu schützen, Bot-Netzwerke zu erkennen und kommerzielle Manipulation zu verhindern, um den Online-Diskurs zu schützen.“

Warum die Plattformen machtlos sind

  • Die Forscherïnnen attestieren den Unternehmen durchaus Anstrengungen und loben insbesondere Facebook für die Verbesserungen.
  • Es wäre also falsch, den Konzernen vorzuwerfen, dass ihnen die Manipulationen egal sind. Selbst TikTok versucht zumindest, gegen die gefälschten Interaktionen vorzugehen. Sie verstoßen nicht nur gegen die Nutzungsbedingungen, sondern schaden auch der vielbeschworenen Authentizität.
  • Doch die Plattformen kämpfen gegen Windmühlen: Die Dienstleister, die Fake-Likes verkaufen, wissen genau, wie sie die Schutzmaßnahmen umgehen können.
  • Sie erstellen nicht einfach plumpe Bots, die sich vergleichsweise leicht erkennen lassen. Vielmehr greifen sie auf ein globales Netzwerk von Clickworkern zurück. Ein Großteil davon stammt aus Asien, aber auch in Deutschland (SZ) liken Menschen für Centbeträge massenhaft Facebook-Seiten oder schreiben Kommentare.
  • Das erschwert es den Plattformen, die Manipulation zu erkennen. Schließlich sind es Menschen und keine Bots, die da interagieren – nur steckt kein echtes Interesse für den Inhalt dahinter, sondern ausschließlich finanzielle Motivation.

Be smart

Mark Zuckerberg lobt bei jeder Gelegenheit die angeblich ach so kluge AI, die immer mehr Spam und illegale Inhalte automatisch filtere. Grundsätzlich stimmt das auch: Facebook sperrt jedes Jahr Milliarden Fake-Accounts und löscht Hasskommentare schneller als früher. Ein Großteil der Verbesserungen ist auf maschinelles Lernen zurückzuführen, das gilt auch für Twitter und YouTube.

Der Stratcom-Bericht zeigt, dass trotzdem eine Menge Betrügereien und Manipulationen durchs Raster rutschen. Allerdings muss man auch sagen: Der politische und gesellschaftliche Schaden hält sich wohl in Grenzen. Die dubiosen Dienstleistungen werden vor allem von kleinen Unternehmen oder Kriminellen in Anspruch genommen.

Bei politischen Wahlen oder Themen wie der Corona-Pandemie scheinen gefälschte Interaktionen nur eine geringe Rolle zu spielen. Für die Glaubwürdigkeit der Plattformen ist das eine gute Nachricht. Für den Glauben an die Menschheit eher nicht: Hinter all den Millionen Accounts, die Lügen über Covid-19 liken, hinter der Pandemie eine große Verschwörung vermeintlicher Eliten wittern und jetzt schon Panik vor einem Impfstoff schüren, stecken keine Bots. Es sind echte Menschen, sie glauben den Unsinn wirklich.

The Future

Social Strikes Back

Die Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz gehören zu den einflussreichsten Personen im Silicon Valley. Mit ihren Wetten auf bestimmte Apps und Branchen bestimmen sie maßgeblich mit, in welche Richtung sich das Consumer-Internet entwickelt. Nun agieren aber auch sie mit ihren Investments nicht im leeren Raum. Vielmehr gehört es zu ihrer Aufgabe, den Markt extrem genau zu durchleuchten, um Trends frühzeitig zu erkennen und zu benennen. Ihre Reportings sind somit also immer lesenswert aber niemals uneigennützig. Ihr neuester Report beschäftigt sich mit der Zukunft von Social: Social Strikes Back. Folgenden Themen widmen sie dabei u.a. einzelne Artikel:

  • Ohne Community geht es nicht mehr: Andreessen Horowitz gehen davon aus, dass künftig Produkte nur noch längerfristig erfolgreich sein können, wenn sie eine soziale Komponente integriert haben. Als Paradebeispiele werden Spiele wie Fortnite oder Roblox erwähnt. Games hätten es geschafft, zu Orten der Begegnung zu werden. Dies würde Nutzerïnnen länger binden und insgesamt die Loyalität erhöhen. Das Phänomen ließe sich auf alle möglichen Branchen übertragen: von Shopping-Apps (think Amazon mit Social-Komponente) über Sport-Apps (Strava und Zwift zeigen bereits in Ansätzen, was geht) bis zu Food-Apps. Unserer Meinung nach lässt sich das auch auf journalistische Angebote übertragen. Auch Verlage und Sender haben die Chance, sehr viel stärker als bisher (digitale) Begegnungen zu organisieren. Auf die Schließung von Kommentarspalten darf gern etwas folgen. Beim Social Media Watchblog erleben wir jedenfalls bereits, welche Kraft es haben kann, Menschen in einer Community (in diesem Fall via Slack) zusammenzubringen. Community Takes All: The Power of Social+
  • Audio kann mehr: Derzeit schauen alle auf Podcasts. Das sei aber viel zu kurz gesprungen, heißt es im Bericht der Risikokapitalgeber. Vielmehr sollte sich der Blick weiten und das Thema Audio breiter angegangen werden. Apps wie Headspace, Chalk und Clubhouse würden bereits jetzt zeigen, welche Bedeutung das Thema Audio neben Hörbüchern, Radio und Podcasts künftig spielen kann. The Next Phase of Social? Listen Closely
  • Video als Plattform: TikTok hat gezeigt, wie mächtig Video sein kann. Andreessen Horowitz sehen darin die Bestätigung dafür, dass Video in den kommenden Jahren bei sehr vielen Angeboten das Rückgrad bilden wird: bei Bildungsangeboten genauso wie bei Shopping-, Fitness- und Social-Apps. Live, Social, and Shoppable: The Future of Video

"Video is evolving from an add-on to a requisite. Through innovative new platforms and integrated tools, video is dramatically reinventing the way we shop, learn, work out, network, even party. Video can turn intimidating or awkward tasks like learning a new language or making professional connections more engaging, interactive, and fun. That vision has already been realized elsewhere around the world; now the pandemic has accelerated video-first innovation here."


Header-Foto von Ali Gooya bei Unsplash


18.12.2020 | Die halbe Welt legt sich mit Big Tech an, Facebook vs. Apple, Facebook und Twitter nehmen Wahl-Maßnahmen zurück

Die halbe Welt legt sich mit Big Tech an

Was ist

Binnen weniger Tage haben EU, USA, Deutschland, Großbritannien und Australien mehr als ein halbes Dutzend Gesetze vorgelegt und Klagen eingereicht, die unsere Themengebiete betreffen. Wir ordnen das Chaos und geben einen Überblick, wer was von wem will und welche Auswirkungen das haben könnte.

Warum das wichtig ist

Eine Handvoll Konzerne sind mächtiger als viele Regierungen – die jahrelang dabei zugesehen haben, wie demokratisch legitimierte Institutionen ihren Einfluss ans Silicon Valley verlieren. Die Politik war schlicht zu langsam und schwerfällig, um mit den Folgen der Digitalisierung Schritt zu halten.

Allmählich ändert sich das. Ende 2020 kulminiert eine Entwicklung, die sich schon länger abgezeichnet hat: Parlamente wollen den Plattformkapitalismus mitgestalten. Die aktuellen Gesetzesvorhaben und Kartellklagen könnten das Netz neu ordnen und Machtverhältnisse grundlegend verschieben.

Wie wir vorgehen

Die Dokumente umfassen mehrere hundert Seiten. Normalerweise ist es unser Anspruch, alle Studien, Paper, Gesetze und Klagen, über die wir berichten, auch im Original zu lesen. Das haben wir in diesem Fall noch nicht geschafft, dafür ist es einfach zu viel und zu komplex.

Deshalb beschränken wir uns in diesem Briefing auf kurze Zusammenfassungen und verweisen auf die Berichterstattung von Kollegïnnen, die bereits tiefer eingestiegen sind. Im Laufe der kommenden Wochen und Monate werden wir die einzelnen Dokumente detaillierter analysieren.

EU: Grundgesetz für die digitale Welt

  • Die EU-Kommission will neue Regeln für das Netz schaffen. Mit dem Digital Services Act (DSA, PDF) und dem Digital Markets Act (DMA, PDF) legt sie eine "eine ehrgeizige Reform des digitalen Raums vor", wie sie selbst schreibt.
  • Tatsächlich ist das Paket ambitioniert, vielleicht sogar revolutionär. Die beiden Vorhaben ergänzen bzw. ersetzen die E-Commerce-Richtlinie aus dem Jahr 2000 und weitere bestehende Gesetze wie die DSGVO oder das deutsche NetzDG.
  • Die EU will die Macht der großen Plattformen begrenzen, Missbrauch verhindern und mehr Wettbewerb ermöglichen. Konzerne müssen konsequenter gegen illegale Inhalte vorgehen, Behörden sollen EU-weit sperren lassen können.
  • Für Nutzerïnnen soll das Netz sicherer und datenschutzfreundlicher werden. Außerdem sollen sie Tracking, Targeting und personalisierter Werbung leichter widersprechen können.
  • Der DSA zielt auf "very large online platforms" mit mindestens 45 Millionen monatlich aktiven Nutzerïnnen in der EU. Er regelt den Umgang mit strafbaren Inhalten und könnte Plattformen zwingen, Algorithmen offenzulegen.
  • Der DMA soll die Dominanz der großen Plattformen brechen und den Markt für Wettbewerber öffnen. Die EU-Kommission erhält dafür neue Instrumente, die über das bestehende Kartellrecht hinausgehen. Unter anderem sollen Konzerne ihre Dienste offen und interoperabel gestalten, um den Markteintritt für Start-ups zu erleichtern.
  • Bei Verstößen drohen empfindliche Strafen von bis zu sechs Prozent (DSA) bzw. bis zu zehn Prozent (DMA) des Jahresumsatzes. Bei den großen Tech-Unternehmen könnten das viele Milliarden Dollar sein (Apple setzt pro Jahr 274 Milliarden Dollar um).
  • Beide Gesetze sind als Verordnungen angelegt. Das bedeutet, dass die Mitgliedsstaaten sie nicht in nationales Recht umsetzen müssen (wie etwa die Richtlinien zum EU-Urheberrecht).
  • Trotzdem wird es wohl noch Jahre dauern, bis DSA und DMA in Kraft treten. Die Gesetzesvorschläge der Kommission gehen nun an das Parlament und an den Rat, die wiederum eigene Entwürfe erarbeiten. Dann arbeiten alle drei Institutionen an einem gemeinsamen Gesetz, über das schließlich noch abgestimmt werden muss.

Dig deeper:

USA: Alle gegen Google

  • Texas und neun weitere republikanisch geführte US-Bundesstaaten haben eine Klage (PDF) gegen Google eingereicht. Sie werfen dem Konzern vor, "wiederholt und auf unverschämte Weise Wettbewerbsrecht und Verbraucherschutzgesetze verletzt zu haben".
  • Der "Internet-Goliath", habe seine Macht genutzt, um den Markt zu manipulieren, Wettbewerb zu zerstören und Nutzerïnnen zu schaden, schreibt der texanische Generalstaatsanwalt Ken Paxton (Twitter) und teilt dazu ein recht bizarres Video, in dem er sich in erster Linie selbst inszeniert.
  • Im Kern der Klage steht Googles Anzeigengeschäft. Demnach soll Google seine Dominanz im Werbemarkt wettbewerbswidrig ausgespielt haben. Google weist die Vorwürfe zurück (Politico).
  • Unter anderem soll sich Google dabei mit Facebook zusammengetan und abgesprochen habe. Der Deal habe Google-intern den Codenamen eines Star-Wars-Charakters erhalten, der in der Klageschrift geschwärzt wurde. Angeblich lautet er "Jedi Blue" (WSJ).
  • Zudem soll Facebook eine exklusive Vereinbarung mit Google getroffen habe (Twitter / Ashkan Soltani), die Google Zugriff auf Ende-zu-Ende-verschlüsselte WhatsApp-Nachrichten von Millionen US-Amerikanerïnnen gegeben habe.
  • Das klingt deutlich dramatischer, als es ist: Offenbar ist damit nur das optionale Backup der Nachrichten im Google Drive gemeint, wo die Inhalte unverschlüsselt gespeichert werden. Wer die Sicherung aktiviert, wird außerdem benachrichtigt, dass das Backup nicht verschlüsselt ist.
  • Zumindest ein Teil der Klage scheint also wenig substanziell zu sein. Der Gehalt der anderen Vorwürfe lässt sich schwer überprüfen, da große Teile des Dokuments geschwärzt sind.
  • Allerdings ist das nur eine von vielen Klagen, die mittlerweile gegen Google vorgebracht wurden. Bereits im Oktober hatten das US-Justizministerium und elf Bundesstaaten eine Kartellklage eingereicht (Technology Review).
  • Am Donnerstag wurde außerdem eine weitere Klage erwartet (Politico), hinter der unter anderem Colorado und Nebraska stehen. Angeblich sollen mindestens 36 Staaten und Staatsanwältïnnen (Reuters) Google vorwerfen, eigene Produkte in der Suche bevorzugt zu haben. Bei unserem Redaktionsschluss war die Klage noch nicht eingereicht.
  • Auch in Deutschland droht Google Ärger: Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein hat ein Verfahren eingeleitet (Golem) und prüft, ob die prominente Darstellung von Gesundheitsinformationen aus dem Gesundheitsportal des Bundes in den Suchergebnissen andere journalistische Angebote illegal benachteiligt.
  • Zumindest zwei gute Nachrichten gibt es für Google: Die EU-Kommission hat der Fitbit-Übernahme zugestimmt. Und trotz Corona und allen Klagen hat Alphabet seinen Umsatz 2020 weiter gesteigert.

Deutschland: mehr Überwachung (garantiert) und mehr Sicherheit (angeblich)

  • Am Mittwoch hat die Bundesregierung gleich drei umstrittene Gesetze beschlossen: Das Kabinett stimmte der Reform des BND-Gesetzes, der Novelle des Telekommunikationsgesetzes und dem neuen IT-Sicherheitsgesetz zu, die nun im Bundestag verhandelt werden.
  • Im Frühjahr hatte das Bundesverfassungsgericht das bisherige BND-Gesetz gekippt. Ulf Buermeyer, Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte, hält auch den neuen Entwurf für undemokratisch, da "das Handeln des BND nicht wirksam von dritter Seite kontrolliert wird" (BR).
  • Der Gesetzentwurf sieht neue Befugnisse für den BND vor und gibt ihm umfangreiche Überwachungsmöglichkeiten. Deshalb hatten Think Tanks, Journalistïnnen, NGOs, Verbände und der Bundesdatenschutzbeauftragte kritische Stellungnahmen eingebracht. Trotzdem änderte die Bundesregierung nur wenig.
  • Von "Überwachung wie zu Snowden-Zeiten" schreibt Andre Meister – und Edward Snowden scheint das ähnlich zu sehen: "Des bedroht die Rechte aller", schreibt er (Twitter) und teilt den Text mit 4,5 Millionen Followerïnnen.
  • Das IT-Sicherheitsgesetz verwandelt das BSI in eine Art Superbehörde (SZ), das TKG gibt Ermittlerïnnen mehr Möglichkeiten für Datenabfragen (Netzpolitik).
  • Ursprünglich war geplant, auch noch die nationale Umsetzung der Urheberrechtsreform durchs Kabinett zu bringen. Zumindest das wurde auf Januar verschoben. Bis dahin verweisen wir auf die Analyse von Meike Laaff (Zeit) und den Gastbeitrag von Julia Reda (SZ).

Be smart

Australien verklagt Facebook (Axios), Großbritannien verschärft das Vorgehen gegen illegale Inhalte (BBC). Hinzu kommen die beiden großen Kartellklagen gegen Facebook, die wir in Ausgabe #689 analysierten. All das lässt deutet daraufhin: In den 20er-Jahren könnte der wilde Plattformkapitalismus zu einer sozialen Netzwirtschaft zurechtgestutzt werden.


Facebook vs. Apple: Der Datenschutzstreit eskaliert

Was ist

Mit einer großen PR-Kampagne versucht Facebook, eine neue Datenschutzfunktion in iOS 14 zu torpedieren. Bislang müssen Nutzerïnnen aktiv widersprechen, wenn sie innerhalb von Apps nicht getrackt werden wollen. Apple will daraus ein Opt-in machen. Facebook gefällt das gar nicht.

Warum das wichtig ist

Mark Zuckerberg und Tim Cook werden in diesem Leben keine Freunde mehr (NYT). Die beiden Konzernchefs liefern sich seit Jahren öffentliche Scharmützel, die sich um die Geschäftsmodelle ihrer Unternehmen drehen. Doch nun spitzt sich der Streit zu und könnte bald eskalieren.

Das hätte nicht nur Folgen für viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMUs), die auf Facebook werben. Die geplanten Änderungen betreffen auch Hunderte Millionen Nutzerïnnen und werfen die Frage auf, wer das letzte Wort im App-Store hat.

Was Apple vorhat

  • Im Juni kündigte Apple das "App Tracking Transparency"-Framework an. Vereinfacht gesagt müssen Entwicklerïnnen um Erlaubnis fragen, bevor sie bestimmte Daten sammeln und Nutzerïnnen quer über Apps und Webseiten hinweg verfolgen.
  • Die geplante Funktion löste teils heftigen Widerstand aus, am lautstärksten protestierte Facebook (The Verge). Schließlich verschob Apple den Start auf Anfang 2021.
  • Nun ist es bald so weit, und als kleinen Vorgeschmack führte Apple Anfang der Woche eine neue Anzeige im App-Store ein, die an Lebensmittelampeln erinnert: Apps müssen künftig auf einen Blick darstellen, welche Daten sie sammeln (Zeit).

Wie Facebook reagiert

  • In zwei Blogeinträgen erklärt Facebook, warum sich personalisierte Werbung und Privatsphäre angeblich nicht widersprächen und Apples Opt-in-Pflicht vor allem KMUs schade. Auf einer eigens eingerichteten Facebook-Webseite sollen die Unternehmen selbst gegen Apples Pläne protestieren.
  • Parallel schaltet Facebook mehrere ganzseitige Anzeigen (Bloomberg) in großen Zeitungen (The Verge): "Facebook is also very clearly trying to convince regulators (i.e. people that still read paper newspapers) to look at Apple’s privacy changes."
  • Darin inszeniert sich Facebook als Verfechter der Interessen seiner Anzeigenkunden und wirft Apple vor, das freie Netz zu bedrohen. Viele Apps, Webseiten und digitalen Dienste seien nur gratis, weil die Betreiber personalisierte Anzeigen schalten könnten. Apples Pläne gefährdeten dieses Geschäftsmodell.
  • Facebook attackiert Apple an einer weiteren Front: Es will Epic Games bei der Klage gegen angeblich unfaire und kartellrechtswidrige Restriktionen im App-Store unterstützen (The Information). Die Hintergründe analysierten wir in Briefing #660.

Was Apple antwortet

  • Apple nutzt ein Argument, das Facebook sonst gern selbst vorbringt: Es überlasse doch nur den Nutzerïnnen die Wahl. "We believe that this is a simple matter of standing up for our users", heißt es in dem Statement (Macrumors). "Users should know when their data is being collected and shared across other apps and websites — and they should have the choice to allow that or not."
  • Facebook dürfe Nutzerïnnen nach wie vor tracken und ihnen personalisierte Werbung anzeigen – es müsse sich davor nur deren Einverständnis dafür abholen.

Be smart

Auf den ersten Blick hat Apple die besseren Argumente. Natürlich ist Facebook nicht nur am Wohl seiner Werbekunden interessiert. Hinter den Interessen der KMUs, die es in den Vordergrund stellt, steht vor allem ein massives Eigeninteresse: Für Facebook stehen Milliarden Dollar auf dem Spiel, auch wenn es die genaue Summe nicht nennen will (Axios).

Doch ganz so einfach ist es nicht: Tatsächlich ist Facebook nicht der einzige App-Entwickler, der sich über Apples rigorose Kontrolle über den App-Store beschwert. Neben Epic beklagten sich auch Microsoft (The Information) und etliche Indie-Entwicklerïnnen (SZ).

Kürzlich halbierte Apple deshalb die Provision (SZ), die kleine App-Anbieter abtreten müssen. Das zeigt, dass Apple durchaus einen gewissen Druck verspürt und weiß, dass die Regeln im App-Store nicht nach Belieben selbst schreiben kann. Derzeit ermittelt unter anderem die EU-Kommission gegen Apple – und die aktuellen Kartellklagen gegen Google und Facebook machen deutlich, dass Apple diese Ermittlungen ernst nehmen sollte.


Social Media & Politik

  • Facebook und Twitter nehmen Wahl-Maßnahmen zurück: Facebook hatte am Algorithmus geschraubt, Twitter zusätzliche Barrieren beim Retweeten eingebaut, das Ziel war bei beiden Unternehmen das selbe: der Verbreitung von Falschinformation rund um die US-Wahl vorbeugen. Jetzt steuern sowohl Facebook (New York Times) als auch Twitter zurück. Twitter begründet seine Entscheidung u.a. damit, dass die Einführung der Quote-Tweet-Funktion nicht die gewünschte Wirkung erzielt habe.
  • Bald Strafen für Likes? Die Cyber-Ermittler der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt prüfen derzeit, ob es rechtlich möglich ist, Userïnnen Strafen aufzuerlegen, wenn sie harte, menschenverachtende Hetze liken (Süddeutsche).

Kampf gegen Desinformation

  • Twitters Impfstrategie: Nachdem Twitter und Facebook nun gerade mit durchaus bemerkenswertem Einsatz daran gearbeitet haben, dass die US-Wahl 2020 nicht von Desinformationskampagnen gekapert wird, bricht bereits die nächste Front los: Impfgegner mobilisieren, um vor Corona-Impfungen zu warnen. Twitter erklärt in einem Blogpost, dass sie Falschinformationen auf der Plattform nicht dulden werden. Die New York Times analysiert das Vorgehen.

Follow the money

  • Walmart und TikTok testen Live-Shopping: E-Commerce boomt nicht nur in Asien. Auch in der westlichen Welt wird uns E-Commerce in allen möglichen Facetten künftig immer öfter begegnen. Einen weiteren Feldversuch unternehmen nun Walmart und TikTok: beim „Holiday Shop-Along Spectacular“ (Techcrunch) können Nutzerïnnen ausgewählte Artikel aus dem Walmart-Sortiment im Rahmen eines Livestreams auf TikTok erwerben. Der Livestream wird von zehn TikTokern gehostet.

Social Media & Journalismus

  • Vice auf OnlyFans: Vice ist immer schnell darin, neue Wege auszuprobieren, um mit Journalismus Geld zu verdienen. Der neueste Versuch: Vice’s Food Vertical, Munchies, gibt es jetzt als erstes Medienunternehmen auch bei OnlyFans (Axios). Für 4,99 Dollar im Monat bekommen Nutzerïnnen exklusive Videos. Spannend!
  • Instant Articles sind tot, lang leben Instant Articles: Wir dachten eigentlich, das Thema Instant Articles wäre durch. Aber diese neuen Zahlen (Digiday) von Facebook belehren uns eines besseren: mehr und mehr Publisher nutzen Instant Articles und es lässt sich sogar gutes Geld damit verdienen. Nächstes Jahr will Facebok sogar noch weitere Features launchen. Hui!

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Super: Facebook sucht weiter nach Optionen, um mehr Geld zu verdienen. Die neueste Produkt-Idee ist an den Erfolg von Cameo angelehnt. Die App verdient gutes Geld damit, dass Nutzerïnnen Prominente für personalisierte Grüße / Ständchen / etc. buchen können. Snoop Dogg soll deinem Kumpel zum Geburtstag gratulieren? Kein Problem: das macht dann bitte 984 Dollar! Facebooks App, Super, ist vor allem dafür gedacht, dass Nutzerïnnen sich bei interaktiven Live-Events mit Influencern und Celebreties einkaufen (Bloomberg) können. Ein virtuelles Backstage-Treffen mit Snoop? Das macht dann bitte… Du weißt, in welche Richtung das geht.
  • tl;dr: Facebook werkelt an einer App, die lange Texte in Stichpunkten zusammenfasst (Buzzfeed News). Frei nach dem Motto: too long, didn’t read.
  • Blaue Seiten: Demnächst wird es wohl in den USA möglich sein, via Facebook Handwerker zu bestellen (The Information).
  • Neue Features für Gruppen-Admins: Facebook führt neue Tools ein, damit sich Gruppen effektiver steuern lassen. So lassen sich Inhalte in Gruppen jetzt auch über Hashtags organisieren. Zudem können Gruppen pausiert werden. Ferner können Admins Gruppenmitgliedern Hinweise schicken, warum ihre Posts nicht angenommen wurden.
  • Guides, Comments und Challenges: Facebook denkt darüber nach, Guides auch bei der Blue App selbst einzuführen. Zudem werkelt das Unternehmen an einer neue Sortierung / Darstellung der Kommentare. Last but not least testet Facebook, wie Challenges angenommen werden. Bei TikTok soll sich das ja bewährt haben, liest man 😅. Auf der Seite Digital Information World gibt es die Hintergründe zu den Vorhaben.

Twitter

  • Funny Tweets: Twitter führt neben den Trending Topics eine weitere Rubrik ein, die Nutzerïnnen das Zurechtfinden auf Twitter erleichtern soll: Funny Tweets (Engadget). Das Versprechen: Je mehr Funny Tweets geklickt werden, desto besser trifft Twitter deinen Humor.

Discord


One more thing

Weihnachtspause: Werte Kollegïnnen, wir werden dieses Jahr am 23.12. das letzte Briefing verschicken. Am 6.1. starten wir dann ins neue Jahr! Für das neue Jahr sind ein paar Dinge geplant. Wir möchten noch nicht zu viel verraten an dieser Stelle und werden das eine oder andere im Januar zunächst in einer kleineren Beta-Tester-Gruppe ausprobieren. Wer dabei sein möchte, schreibt uns bitte eine Mail mit dem Stichwort Beta an kontakt@socialmediawatchblog.de. Alle, die sich bereits irgendwann einmal für Beta-Ausgaben angemeldet haben, können entspannen – es gibt nichts zu tun.

Soweit erst einmal. Vielen Dank für das Vertrauen in unsere Arbeit! Ohne euch wäre das alles nix! Es ist wirklich ein unglaubliches Privileg, dass wir das hier machen dürfen! Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung im Medienmarkt können wir ohne Übertreibung feststellen, dass wir sehr früh erkannt haben, was möglich sein könnte. Es fühlt sich großartig an, dass so viele von euch schon so lange dabei sind und diesen Weg ebenfalls so früh mitgegangen sind! Das ist wirklich fantastisch!

Wir persönlich haben riesige Lust, am Social Media Watchblog weiterzuarbeiten und hoffen dennoch auf ein etwas ruhigeres 2021.


Header-Foto von Meera Parat bei Unsplash


16.12.2020 | Studien zur Radikalisierung bei YouTube, Deplatforming, Misinformation-Labels, Instagram empfiehlt Finstas

Drei wichtige Studien zu YouTubes Algorithmus, Deplatforming und Misinformation-Labels

Was ist

In den vergangenen Wochen sind drei Studien erschienen, die ein Schlaglicht auf drei wichtige Themen werfen. Es geht um Fragen, die im Zusammenhang mit Social Media immer wieder auftauchen:

  1. Trägt der YouTube-Algorithmus zur Radikalisierung bei?
  2. Wie wirksam ist Deplatforming?
  3. Was bringen Labels gegen Desinformation?

Yes, but

Keine Studie kann abschließende Antworten geben. Egal, wie sorgfältig die Forscherïnnen vorgehen und egal, wie seriös die Methodik ist – einzelne Paper liefern immer nur Anhaltspunkte. Deshalb berichten wir in unserem Newsletter nur über ausgewählte Studien und bemühen uns, auf die Limitierungen hinzuweisen.

1. Trägt der YouTube-Algorithmus zur Radikalisierung bei?

Was: "Evaluating the scale, growth, and origins of right-wing echo chambers on YouTube"

Wer: Homa Hosseinmardi, Amir Ghasemian, Aaron Clauset, David M. Rothschild, Markus Mobius und Duncan J. Watts

Wo: Arxiv / PDF

In einem Satz: Zwischen 2016 und 2019 hat sich der Konsum rechtsradikaler Videos auf YouTube verdreifacht, aber es gibt keine Anhaltspunkte, dass der Algorithmus der Plattform maßgeblich dazu beigetragen hat.

Im Detail:

  • Politische Nachrichten machen nur rund elf Prozent aller YouTube-Videos aus. Es dominieren große und mehr oder weniger seriöse Medien der politischen Mitte.
  • Das deckt sich mit Zahlen, die Facebook kürzlich veröffentlichte: Demnach sind nur sechs Prozent aller Inhalte, die Nutzerïnnen sehen, politischer Natur (mehr dazu in Briefing #687).
  • Doch selbst wenn Hard News im Vergleich zu Unterhaltung eine Nische sind, erreichen sie trotzdem Hunderte Millionen Menschen – und ihre Auswirkungen auf die politische und gesellschaftliche Meinungsbildung sind enorm.
  • Innerhalb dieser Nische machten rechtsextreme Videos 2016 nur 0,5 Prozent aus. Ende 2019 waren es bereits 1,5 Prozent.
  • Die Forscherïnnen untersuchten die Browser-Verläufe von mehr als 300.000 Menschen und fanden keine Belege, dass massenhaft Nutzerïnnen durch den Algorithmus in das "Rabbit Hole" hineingezogen werden, wie es in den vergangenen Jahren so oft zu lesen war.
  • Acht von zehn YouTube-Sessions bestehen nur aus einem einzigen Video. In diesem Fall spielen die Empfehlungen also ohnehin keine Rolle.
  • Wenn Nutzerïnnen mehr Videos ansahen, schlug der Algorithmus tendenziell sogar weniger News-Inhalte vor. Längere Sessions sind meist anderen Inhalten zuzuordnen.
  • Die Zugriffe auf rechtsradikale Videos verteilen sich folgendermaßen: jeweils rund zehn Prozent über Suche und YouTube-Homepage, jeweils rund 40 Prozent über andere Videos oder externe Quellen.
  • Für extremistische Inhalte (sowohl rechts als auch links) spielen Zugriffe über Drittseiten eine größere Rolle als für gemäßigte Videos.
  • Konkret nennen die Forscherïnnen Breitbart, Infowars und Fox News als Einstiegsorte für YouTube-Sessions mit rechtsradikalen Inhalten.
  • YouTube fungiert also weniger als Radikalisierungsmaschine, sondern eher als Hosting-Plattform, auf deren Inhalte andere Seiten verweisen.
  • Das deckt sich mit einer Harvard-Studie (Misinformation Review), die Anfang des Jahres zeigte, wie russische Akteure Desinformation auf YouTube hochladen und über Twitter verbreiten. Auch das virale Plandemic-Video (The Verge) und andere Corona-Lügen wurden zwar auf YouTube gehostet, aber in erster Linie über andere Kanäle (Facebook, Telegram, Dark Social) beworben.

Dig deeper:

Anfang des Jahres beschäftigten wir uns ausführlich mit einem (wissenschaftlich fragwürdigen) Paper, das YouTube (zu Unrecht) von jedweder Verantwortung freisprach. Unter dem Titel "Radikalisierungsmaschine YouTube – ja, nein, vielleicht?" kamen wir zu dem Schluss:

Und was ist jetzt mit YouTube? Radikalisiert die Plattform nun oder nicht? Zweifelsfrei kann das derzeit niemand beantworten – höchstens YouTube selbst, das seinen Datenschatz aber nicht mit Forscherïnnen teilt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber zumindest liefert die vorliegende Studie weitere Anhaltspunkte, dass YouTubes Algorithmen womöglich eine kleinere Rolle bei Radikalisierungsprozessen spielen als oftmals angenommen.

2. Wie wirksam ist Deplatforming?

Was: "Hate not found?! Das Deplatforming der extremen Rechten und seine Folgen"

Wer: Maik Fielitz, Jana Hitziger und Karolin Schwarz

Wo: Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena / PDF

In einem Satz: Wenn Plattformen große rechtsextreme oder verschwörungsideologische Kanäle und Accounts sperren, reduziert das effektiv Reichweite, Aufmerksamkeit, Vernetzung und Mobilisierungskraft.

Im Detail:

  • Die drei Autorïnnen beschäftigten sich mit sogenannten "Hassakteuren", die andere Personengruppen abwerten. Das schließt organisierte Offline-Akteure, digitale Kollektive, Alternativmedien und rechtsradikale Influencerïnnen ein.
  • 29 von 55 untersuchten Hassakteuren wurden auf Facebook (20), Instagram (12), YouTube (9) und/oder Twitter (7) gesperrt – meist auf der Plattform, auf denen sie zuvor am aktivsten waren.
  • Die Sperrungen zeigen Wirkung: Hassakteure verlieren auf einen Schlag den Großteil ihrer Reichweite und müssen sie neu aufbauen. Wenn sie auf derselben Plattform neue Profile erstellen, erreichen sie fast nie die alte Größe. Auch auf alternativen Plattformen entsteht selten die gleiche Dynamik wie auf dem ursprünglichen Netzwerk, auf dem die Hassakteure groß wurden.
  • Neben BitChute (Ausweichplattform für YouTube), VK (Facebook) und Gab (Twitter) spielt vor allem Telegram eine große Rolle. 96 Prozent der untersuchten Hassakteure sind dort aktiv und nutzen es als kommunikative Basis.
  • Hassakteure kalkulieren Deplatforming mit ein, deuten die Sperrungen als Zensur um und inszenieren sich als Opfer. Teils bauen sie präventive Back-up-Kanäle auf und bewerben sie aktiv für den Fall, dass eine der großen Plattformen durchgreifen sollte.
  • Insbesondere rechtsextreme Akteure arbeiten mit Chiffren, Andeutungen und Neologismen (etwa "Goldstücke" für Geflüchtete), um den Sperrungen zu entgehen. Auch QAnon-Gläubige haben etwa Q durch Cue ersetzte, um Facebooks Blockaden auszuhebeln.
  • Außerdem nutzen sie verstärkt Audios oder Videos sowie Sharepics und Memes. In dieser Form lassen sich extremistische Inhalte schwerer erkennen als in Text-Postings.
  • Einzelne Inhalte, Accounts oder Gruppen zu löschen, sei "im Kampf gegen Hass in sozialen Medien quantitativ ein Tropfen auf den heißen Stein", schreiben die Autorïnnen. Allerdings könne es "qualitativ fundamentale Auswirkungen für das digitale Ökosystem der Hassakteure haben, wenn die Knotenpunkte ihrer Online-Kommunikation wegfallen".
  • Die Studie beinhaltet außerdem Handlungsempfehlungen für Tech-Unternehmen, Zivilgesellschaft, Sicherheitsbehörden sowie Politik und Justiz, auf die wir an dieser Stelle nicht im Detail eingehen. Wer mehr wissen will, findet die Ratschläge im oben verlinkten PDF-Dokument übersichtlich und strukturiert aufbereitet.

Dig deeper:

  • In Briefing #614 stellten wir die Studie "Das Online-Ökosystem rechtsextremer Akteure" des Londoner Institute for Strategic Dialogue ausführlich vor.
  • Damals schrieben wir: "Deplatforming scheint zu wirken: Wenn rechtsextreme Akteure von großen sozialen Netzwerken gesperrt werden, können sie meist nur einen kleinen Teil ihrer Followerïnnen auf alternative Plattformen mitnehmen." Die aktuelle Untersuchung scheint diese Erkenntnis zu bestätigen.
  • In Briefing #654 beschrieben wir, wie und warum die großen Plattformen immer entschlossener gegen Rechtsradikale vorgehen: "Wenn Facebook, Twitter, YouTube, Reddit und Twitch nun durchgreifen, ist das weder Zensur noch bedroht es die Meinungsfreiheit. Es ist ein erster von vielen nötigen Schritten, um das Wild Wild Web zu zähmen und zu entgiften."
  • Damals formulierten wir aber auch eine Forderung, die nach wie vor Bestand hat: "Es gibt aber einen großen Graubereich. 'Hass' und 'Hatespeech' sind schwammige Begriffe. Sollen die Plattformen selbst entscheiden, wo die Grenze liegt? Wer schreibt die Regeln für das Netz, das nach dem Wild Wild Web kommt? Es braucht demokratische und juristische Kontrolle."

3. Was bringen Labels gegen Desinformation?

Was: "Encounters with Visual Misinformation and Labels Across Platforms: An Interview and Diary Study to Inform Ecosystem Approaches to Misinformation Interventions"

Wer: Emily Saltz, Claire Leibowicz und Claire Wardle

Wo: Arxiv / PDF

In einem Satz: Visuelle Hinweise auf mögliche Desinformationen lösen stark emotionale Reaktionen aus und werden von einem Teil der Nutzerïnnen als paternalistisch und voreingenommen empfunden – wodurch sie sogar eine gegenteilige Wirkung haben können.

Im Detail:

  • Genau wie die beiden anderen Studien hat das Paper noch kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen und basiert obendrein auf einem kleinen Sample: Insgesamt wurden nur 38 Personen befragt.
  • Es handelt sich also um eine qualitative Untersuchung, die keine allgemeingültigen Rückschlüsse zulässt. Wir haben in der Vergangenheit aber mehrfach auf andere Veröffentlichungen und Artikel der drei Forscherinnen verlinkt und schätzen ihre Arbeit. Deshalb greifen wir auch diese Studie trotz der geringen Stichprobengröße auf.
  • Bereits im Juni formulierten die Autorinnen zwölf Prinzipien (Medium), nach denen sich Labels für manipulierte Medieninhalte richten sollten. Damals warnten sie, dass solche Hinweise unter Umständen mehr schaden als nutzen könnten.
  • Zumindest für einen Teil der Nutzerïnnen scheint sich diese Befürchtung zu bestätigen. Rund die Hälfte der Befragten lehnt Labels aus Prinzip ab. Sie wollen nicht, dass die Plattformen ihnen sagen, was sie von den Inhalten zu halten haben, die sie sehen.
  • Die Studie verdeutlicht, warum Facebook Inhalte nur sehr zurückhaltend mit Warnhinweisen versieht, obwohl Organisationen wie Avaaz seit Langem eindeutigere Labels fordern. Offenbar fürchtet Facebook den Backfire-Effekt, für den es bislang wenig eindeutige wissenschaftliche Nachweise gibt.
  • Passenderweise hat Facebook am Mittwoch angekündigt (Fast Company), die Warnhinweise im Fall von Corona-Desinformation auszuweiten. Künftig sollen Nutzerïnnen, die mit entsprechenden Inhalten interagiert haben, nachträglich gewarnt werden.
  • Die Benachrichtigungen sollen einen Hinweis auf die Korrektur enthalten, aber keinen Bezug auf die ursprüngliche Fehlinformation enthalten, um die Falschbehauptung nicht zu verstärken.

Dig deeper:

  • In Briefing #661 fassten wir den Avaaz-Bericht "Facebook's Algorithm: A Major Threat to Public Health" zusammen.
  • Damals schrieben wir unter anderem über die Forderung der Organisation nach deutlicheren Labels: "Die Warnungen müssten spezifischer werden: 'Jede Untersuchung zu diesem Thema zeigt, dass konkrete Korrekturhinweise helfen können', sagt Avaaz-Kampagnendirektor Christoph Schott. 'Menschen glauben den Fehlinformationen dann deutlich seltener.' Außerdem sollten sie auch angezeigt werden, wenn man die Desinformation nur in der Timeline gesehen, aber nicht damit interagiert habe."

Social Media & Politik

  • Fragen zur Datensammelei: Die Federal Trade Commission möchte gern genauer wissen, welche Daten Amazon, TikToks Muttergesellschaft ByteDance, Discord, Facebook und WhatsApp, Reddit, Snap, Twitter und YouTube von ihren Nutzerïnnen sammeln. In 45 Tagen muss eine Antwort vorliegen (CNBC). Das könnte interessant werden!

Follow the Money

  • Reddit + Dubsmash: Reddit hat dem Vernehmen nach ziemlich muffesausen, dass sie den Anschluss an das Thema Video verpassen. Deshalb hat das Unternehmen jetzt die Kurz-Video-App Dubsmash übernommen. Viele Dubsmash-Technologien werden bei Reddit integriert, die App soll aber als eigenständiges Produkt erhalten bleiben.
  • Twitter + Squad: Twitter hat die App Squad übernommen (Techcrunch). In erster Linie ging es dabei aber wohl um das Entwicklerteam und weniger um die App an sich: Squad wird dicht gemacht. Schade eigentlich, denn Squad ermöglichte es auf unkomplizierte Art und Weise, den eigenen Screen zu teilen und parallel dazu zu chatten. Eine interessante Anwendung!

Inspiration


Neues von den Plattformen

Instagram

  • finstas: Instagram zollt der Entwicklung Tribut, dass immer mehr Nutzerïnnen neben ihren öffentlichen, wohl sortierten und maximal gepflegten Instagram-Profilen Zweitaccounts nutzen, die nur für echte Freunde gedacht sind. Das Unternehmen ermutigt Nutzerïnnen jetzt ganz offiziell, solche Finstas aufzusetzen (Rene Ritchie / Twitter).

Facebook

  • Launch von Collab: Im Mai berichteten wir erstmals über Facebooks experimentelle App, die sich an Musikfreunde richtet und TikTok ein wenig Dampf machen soll. Mittels Collab lassen sich Videos aus drei unterschiedlichen Parts zusammenschneiden. Der Clou: Die einzelnen Parts der Videos können von anderen Nutzerïnnen weiterverwendet werden, um z.B. an Stelle des Schlagzeug-Parts ein Fingerdrum-Part einzubauen. So lassen sich die Videos permanent weiter remixen. Jetzt ist Collab raus aus dem Beta-Modus und für alle frei verfügbar (Techcrunch).

TikTok

  • Sicherererer: TikTok hat die Richtlinien für die Sicherheit der Community aktualisiert. Zudem führt das Unternehmen Opt-in Meldungen bei Videos ein, „die als unangemessen oder bedrohlich empfunden werden könnten“. Solche Videos werden dann auch nicht mehr im For-You-Feed ausgespielt. Auch werden aktualisierte Ressourcen bereitgestellt, wenn jemand nach Begriffen wie "Selbstverletzung" oder "hassemich" sucht.

Twitter

  • Dislike! Kommt bei Twitter bald der Ouch-Button? Immerhin scheint Twitter damit zu experimentieren.

Snapchat

  • Bitmoji Paint: Bei Snapchat kannst du jetzt gemeinsam mit Freundïnnen deiner künstlerischen Ader freien Lauf lassen. Bitmoji Paint ist Snapchats viertes, hauseigenes Game und passt gut zum Trend, digitale Spiele als Orte der Begegnung zu interpretieren.

Signal

Periscope

  • Farewell, Periscope! Twitter macht Periscope dicht. Schon länger hatte es sich angekündigt, dass es den Service wohl bald nicht mehr geben würde. Nun ist es offiziell.

Tipps, Tricks und Apps

  • aText: Wir alle schreiben permanent die gleichen Sätze. aText ermöglicht es, diese Sätze via Tastenkombination herbeizuzaubern. Mega praktisch.
  • ezGIF: Du kennst das: GIFs sind schon ganz cool, aber leider auch immer viel zu groß und schwer, um sie vernünftig einzubinden. ezGIF hilt dabei, GIFs runterzurechnen. In diesem Sinne:

Header-Foto von Ezra Jeffrey-Comeau bei Unsplash


11.12.2020 | Kartellklagen gegen Facebook, TikTok ohne Zeitdruck, Shopping bei Instagram Reels, Jahresrückblicke 2020

Der Anfang vom Ende von Facebook, wie wir es kennen?

Was ist

Die US-Handelskommission (FTC) und 48 US-Generalstaatsanwältïnnen haben Kartellklagen gegen Facebook eingereicht. Es geht um die Frage, ob Facebook seine Marktmacht illegal ausgenutzt hat. Wenige Stunden später hat das deutsche Bundeskartellamt Ermittlungen aufgenommen und prüft die Verknüpfung von Oculus-Headsets mit dem Facebook-Konto.

Warum das wichtig ist

Mittwoch, der 9. Dezember 2020, könnte sich als einer der folgenreichste Tage in Facebooks Firmengeschichte herausstellen. Im Gegensatz zur Cambridge-Analytica-Affäre, die kurzfristig die Aktien einbrechen ließ, langfristig aber wenig Auswirkungen hatte, haben die beiden Klagen in den USA das Potenzial, Facebook vollkommen zu verändern.

Aus Facebook Inc., dem mächtigsten Betreiber von Kommunikations-Infrastruktur, den die Welt je gesehen hat, könnten wieder separate Unternehmen werden: Facebook, Instagram und WhatsApp – alle drei immer noch groß und einflussreich, aber längst nicht vergleichbar mit der Machtfülle, die der Konzern derzeit besitzt.

Was das Bundeskartellamt prüft

Wir fangen mit dem Verfahren in Deutschland an, denn das lässt sich deutlich leichter zusammenfassen. Am Donnerstag teilte das Kartellamt mit, dass es ein Missbrauchsverfahren gegen Facebook eingeleitet habe.

Andreas Mundt, Präsident des Kartellamts, erklärt den Vorwurf, den die Behörde prüfen wird:

Die Nutzung der neuen Oculus-Brillen soll künftig nur unter der Voraussetzung möglich sein, dass man auch ein Facebook-Konto hat. Diese Verknüpfung zwischen Virtual-Reality-Produkten und dem sozialen Netzwerk des Konzerns könnte einen verbotenen Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung durch Facebook darstellen.

Seit Oktober ist ein Facebook-Account nötig, um VR-Brillen von Oculus nutzen zu können. Wer bereits ein Headset erworben hat, kann das Konto bis Ende 2022 verknüpfen.

Da es sich derzeit aber nur um ein Verfahren mit ungewissem Ausgang handelt und Facebook den Verkauf der Headsets in Deutschland ohnehin gestoppt hat, belassen wir es für den Moment dabei. Denn egal, wie die Ermittlungen ausgehen: An Facebooks Dominanz dürften sie nicht das Geringste ändern. Mark Zuckerberg hat derzeit wahrlich andere Sorgen.

Was Facebook in den USA droht

FTC (PDF, 53 Seiten) und Generalstaatsanwältïnnen (PDF, 123 Seiten) werfen Facebook in separaten Klagen vor, ein wettbewerbswidriges Monopol aufgebaut und betrieben zu haben. Beide Verfahren sind vor dem Bundesgericht in Kalifornien anhängig und eng miteinander verbunden.

Im Kern der Klagen stehen zwei Namen: Instagram und WhatsApp. Hat Facebook die beiden Start-ups 2012 und 2014 übernommen, um drohende Konkurrenz im Keim zu ersticken? Verstoßen die beiden Zukäufe gegen das Kartellrecht? Und wurden andere Wettbewerber bewusst behindert, etwa indem Facebook APIs abgedreht und sein Ökosystem immer weiter abgeschottet hat?

Wenn es nach der US-Regierung (in deren Auftrag die FTC handelt) und 46 US-Bundesstaaten sowie dem District of Columbia und Guam (in deren Auftrag die Generalstaatsanwältïnnen handeln) geht, dann lauten die Antworten dreimal ja. Falls die Richterïnnen das ähnlich sehen, drohen Facebook zwei Konsequenzen:

  1. Der Konzern könnte zerschlagen werden. Die Zukäufe müssten zurück in eigenständige Unternehmen verwandelt werden.
  2. Etwas weniger drastisch: Facebook könnte gezwungen werden, seine Schnittstellen zu öffnen, um Start-ups und anderen Plattformbetreibern echten Wettbewerb zu ermöglichen.

Wie die Klägerïnnen argumentieren

Die Klagen stützen sich vor allem auf E-Mails und andere interne Dokumente, die im Verlauf der vergangenen Jahre entweder veröffentlicht wurden oder die Facebook der FTC im Zuge der Emittlungen zur Verfügung stellen musste. Dazu zählen etwa E-Mails aus den Anfangsjahren von Facebook, die sich das britische Parlament 2018 besorgt hatte. Im Juli wurden während einer Anhörung vor dem US-Senat weitere E-Mails von Zuckerberg veröffentlicht (The Verge).

Der Facebook-Chef steht im Zentrum der Vorwürfe. "Government’s antitrust case against Facebook seeks a villain in Mark Zuckerberg", fassen Craig Timberg und Drew Harwell zusammen (Washington Post). Dazu hat Zuckerberg selbst beigetragen: Schließlich war er es selbst, der den Klägerïnnen mit seinen Nachrichten Munition geliefert hat.

(An dieser Stelle ein freundlicher Ratschlag für mächtige CEOs: potenziell wettbewerbswidrige Drohungen und strategische Überlegungen lieber über einen verschlüsselten Messenger als per E-Mail verbreiten. WhatsApp wäre eine Möglichkeit – wofür hat Facebook das Unternehmen denn gekauft?)

Gilad Edelman bezeichnet die E-Mails von Zuckerberg, Sheryl Sandberg und anderen Top-Managerïnnen als "Smoking Gun" (Wired). Er zitiert etwa einen Mailwechsel aus dem Jahr 2011. Demnach habe Facebook bewusst damit gewartet, eine datenschutzfreundliche Funktion (das Deaktivieren des automatischen Vertaggens in Fotos) zu entfernen, bis Google+ in der Irrelevanz versank. "If ever there was a time to AVOID controversy, it would be when the world is comparing our offerings to G+", schrieben Managerïnnen. Anders ausgedrückt: Solange es Konkurrenz fürchtet, schützt Facebook die Privatsphäre – und schert sich weniger darum, wenn es den Markt dominiert.

Zwei Jahre später schrieb Zuckerberg eine E-Mail an Facebooks damaligen Finanzchef David Ebersman, die ebenfalls vielsagend ist. Darin erklärt er, warum Facebook 2012 Instagram für eine Milliarde Dollar kaufte:

One way of looking at this is that what we’re really buying is time. Even if some new competitors springs up, buying Instagram, Path, Foursquare, etc now will give us a year or more to integrate their dynamics before anyone can get close to their scale again. Within that time, if we incorporate the social mechanics they were using, those new products won’t get much traction since we’ll already have their mechanics deployed at scale.

Kurz darauf schickte Zuckerberg ein Follow-up: "I didn’t mean to imply that we’d be buying them to prevent them from competing with us in any way." Offenbar hatte er selbst erkannt, dass seine Argumentation als anti-kompetitiv verstanden werden könnte.

Wie Facebook reagiert

In einem Blogeintrag bezeichnet Facebooks Chefanwältin Jennifer Newstead die Klagen als "Revisionist History". Das sind ihre Argumente:

  • FTC und EU-Kommission hätten den Übernahmen 2012 und 2014 zugestimmt. Damals seien keine Anzeichen gefunden worden, dass die Käufe den Wettbewerb behindern könnten.
  • Es sei völlig unklar, warum sich diese Auffassung Jahre später plötzlich geändert habe. Facebook habe in der Zwischenzeit Milliarden Dollar und Millionen Arbeitsstunden investiert und die Produkte für Nutzerïnnen verbessert.
  • Die Klage führe dazu, dass künftig kein Konzern mehr sicher seien könne, dass Übernahmen Bestand hätten. Das stelle die eigenen Prüfprozesse der US-Regierung infrage, bestrafe innovative Unternehmen und schade Nutzerïnnen.
  • Zudem habe Facebook zahlreiche mächtige Konkurrenten wie Apple, Google, Twitter, Snap, Amazon, TikTok und Microsoft. Es sei nicht richtig, dass der Konzern ein Monopol besitze.
  • Seit 2012 habe sich der Wettbewerb sogar noch verschärft. Allein der Erfolg von TikTok zeige, dass Start-ups Facebook gefährlich werden könnten.
  • Die Klagen definierten den Markt viel zu eng, de facto konkurriere Facebook mit Google, TV, Radio und Zeitungen um Werbeeinnahmen.
  • Auch die API-Beschränkungen und Auflagen für Drittentwickler seien nicht anti-kompetitiv, sondern völlig marktüblich. LinkedIn, die New York Times, Pinterest und Uber legten Partnern ähnliche Restriktionen auf.

Zuckerberg dürfte noch ein Argument einbringen, das bislang nicht im Blogeintrag steht: Einem großen Konzern falle es leichter, Inhalte zu moderieren, Hackerangriffe abzuwehren und illegalen Datenabfluss zu verhindern. Das erwähnte er in der Vergangenheit immer wieder und spottete etwa über Twitter:

It’s why Twitter can’t do as good of a job as we can. I mean, they face, qualitatively, the same types of issues. But they can’t put in the investment. Our investment on safety is bigger than the whole revenue of their company.

In Briefing #583 widersprachen wir noch:

Ein stärker reguliertes, möglicherweise in drei Unternehmen aufgeteiltes Facebook würde immer noch genug Geld verdienen, um signifikante Summen in die Sicherheit der eigenen Plattform investieren zu können.

Mittlerweile sehen wir das nicht mehr ganz so negativ. Tatsächlich arbeiteten die großen Plattformen im Vorfeld der US-Wahl teils sehr eng zusammen, um mögliche Desinformationskampagnen oder Hackerangriffe frühzeitig zu erkennen und sich gegenseitig zu warnen.

Wenn die entsprechenden Integrity- und Security-Teams unter demselben Dach sitzen, statt konzernübergreifend zu kommunizieren, ist das noch etwas einfacher. Gerade plattformübergreifende Kampagnen lassen sich leichter erkennen, wenn die Daten irgendwo in einem gemeinsamen Backend zusammenfließen und die zuständigen Angestellten alles auf einmal einsehen können.

Wie wir die Klage einschätzen

Wir sind keine Juristen und kennen uns nur oberflächlich mit Kartellrecht aus. Deshalb beruhen unsere Einschätzungen auch auf den Äußerungen von Expertïnnen, die sich seit Mittwoch zu Wort gemeldet haben (ironischerweise oft auf Twitter, einem Netzwerk, das angeblich keine echte Konkurrenz darstelle) oder die in diversen Artikeln und Newslettern zitiert wurden.

  • Die Behauptung, dass die FTC Facebooks Übernahmen endgültig zugestimmt habe, wird zwar immer wieder auch von Medien verbreitet, ist aber falsch. 2012 und 2014 lehnte es die Behörde nur ab, zum damaligen Zeitpunkt Maßnahmen einzuleiten, ließ sich diese Möglichkeit aber für die Zukunft offen.
  • Wie Tim Wu erklärt, ist es völlig legal, unter Berücksichtigung neuer Indizien (etwa Zuckerbergs E-Mails) oder einer neuen Situation (etwa der Niedergang von Google+, das damals als echte Konkurrenz betrachtet wurde), den Fall neu zu eröffnen.
  • Und selbst wenn: Es bleibt immer noch die Klage der Generalstaatsanwältïnnen, die sich nicht an frühere Einschätzungen der FTC gebunden fühlen müssen.
  • Eine zweite weitverbreitete Annahme: Die Klägerïnnen müssten nachweisen, dass sich Instagram und WhatsApp unabhängig von der Übernahme zu ernsthaften Wettbewerbern entwickelt hätten (Instagram hatte 2012 13 Angestellte und war noch sehr weit davon entfernt, Facebook gefährlich zu werden). Auch das entspricht nicht mehr der heutigen Auffassung von Kartellrecht, wie Wu und Scott Hemphill darlegen (PDF).
  • Deutlich schwieriger dürfte es für die FTC werden, den Richterïnnen ihre Definition des Wettbewerbsumfelds zu erklären, in dem sich Facebook angeblich bewege. Die Klage definiert den Markt als "Personal Social Networking in the United States" und nimmt alle Formen von Messengern, Netzwerke wie LinkedIn und Strava sowie Plattformen wie YouTube und Spotify davon aus.
  • Der Name TikTok taucht auf knapp 180 Seiten kein einziges Mal auf, da es nicht auf eine der Kriterien der FTC passe: "used primarily to communicate with friends, family, and other personal connections"
  • Das ist eine sehr enge Definition. Es dürfte Facebook leicht fallen zu argumentieren, warum Google, ByteDance und andere Unternehmen sehr wohl Dienste und Plattformen betreiben, die in direkter Konkurrenz stehen.
  • Das zeigte sich etwa in Indien: Als dort Ende Juni TikTok verboten wurde, stieg die Nutzung von Instagram signifikant (The Verge). Snapchat und TikTok haben die gesamte Plattformwelt beeinflusst und neue Formate und Nutzungsgewohnheiten etabliert – obwohl Facebook alles daran gesetzt hat, die beiden Unternehmen (mit dreisten, aber legalen Kopien) daran zu hindern.
  • Besonders deutlich zeigt sich der Widerspruch der Klagen am Beispiel WhatsApp: Die FTC behauptet, dass Messenger keine Konkurrenz für Facebook seien – und fordert trotzdem, die Übernahme von WhatsApp rückwirkend für wettbewerbswidrig zu erklären, da sich ein eigenständiges WhatsApp theoretisch zu einem sozialen Netzwerk entwickelt hätte entwickeln können, das Facebook womöglich gefährlich geworden wäre.
  • Hinzu kommt, dass Facebook in den vergangenen Jahren Tatsachen geschaffen hat: WhatsApp, Instagram und der Messenger sind technisch so eng verwoben, dass es schwierig wird, sie wieder zu entflechten. Facebook wird argumentieren, dass es Nutzerïnnen schade, diese Plattform – und die Möglichkeit, künftig E2E-Nachrichten über alle drei Dienste hinweg zu verschicken – aufzuspalten.
  • Auch deshalb halten wir es für unwahrscheinlich, dass Facebook komplett zerschlagen wird. Das ist aber nur unsere Einschätzung am Tag zwei nach Klageerhebung. Die Verfahren dürften sich Jahre hinziehen, 2021 ist noch keine Entscheidung zu erwarten – und wer weiß, was bis zu einem Urteil noch alles bekannt wird.
  • Selbst wenn die Klage scheitert, heißt das nicht, dass sie keine Wirkung hat. Vergangenes Jahr sagte Bill Gates in einem Interview, dass Windows Mobile heute das dominierende Smartphone-OS wäre (The Verge), wenn Microsoft 1998 nicht von einer Kartellklage abgelenkt gewesen wäre, sodass Android davonziehen konnte.
  • Ob das stimmt, können wir nicht beurteilen. Klar ist aber, dass die Verfahren auch Facebook beanspruchen dürften – schließlich steht für den Konzern mehr auf dem Spiel als bei irgendeiner anderen Ermittlung oder Klage der 16-jährigen Unternehmensgeschichte.

Be smart

Im Oktober verklagte das US-Justizministerium Google. Die beiden Verfahren sind aber kaum vergleichbar, schreibt Alex Kantrowitz:

By acting together, the state attorneys general will make Facebook’s life difficult, bringing a more robust lawsuit than the Department of Justice’s case against Google. There, only 11 state AGs joined, all of them Republican, giving Google an opportunity to play them off their counterparts. Facebook will have no such luck.

Tatsächlich sind die Klagen gegen Facebook außergewöhnlich: Ausnahmsweise sind sich Demokraten und Republikaner relativ einig und ziehen mit geeinten Kräften in die juristische Auseinandersetzung. Zwar unterscheiden sich ihre Motive, aber in der Sache wollen sie dasselbe: Facebooks Dominanz brechen. Das muss Zuckerberg unabhängig vom Ausgang der Verfahren Sorgen bereiten.


Social Media & Politik

TikTok: Deal ohne Zeitdruck

Der TikTok-Deal wird noch einige Zeit auf sich warten lassen (können). Trumps Drohung, TikTok in den USA dicht zu machen, sollte kein Deal bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zustande kommen, haben US-Richter für ungültig erklärt (Bloomberg). Der noch amtierende US-Präsident habe seine Kompetenzen maßgeblich überschritten, heißt es.

YouTube sorgt sich um US-Wahl

Gut einen Monat nach der US-Wahl bringt sich auch YouTube in Stellung, um die Integrität der Wahl zu schützen. Fortan werden keine Videos mehr geduldet, die von Fälschungen oder Betrug im Zusammenhang mit der Wahl berichten. Nun ja. A likkle late, we say.


Follow the money

WhatsApp Carts

Facebook muss mit WhatsApp Geld verdienen, um weiter zu wachsen. Die besten Chancen dafür sieht das Unternehmen im Wachstumsfeld E-Commerce. Die technische Infrastruktur wird derzeit Stück für Stück bereitgestellt. Der neueste Clou: WhatsApp Warenkorb – eine Option, um direkt via WhatsApp auf hinterlegte Kataloge zuzugreifen und Produkte zu erwerben. Hier ein FAQ, wie Bestellungen über den Warenkorb aufgegeben werden können. Und hier das Video, mit dem WhatsApp das Feature bewirbt.

Shopping in Reels

Auch bei Instagram Reels soll künftig fleißig geshoppt werden. Dafür führt Facebook die bereits bekannten Shopping-Funktionen von Instagram nun auch bei Instagrams TikTok-Klon ein. Alles wird zur Mall. 💸


Jahresrückblicke

Wie jedes Jahr haben die großen Plattformen Jahresrückblicke veröffentlicht. Wir haben es selbst noch nicht geschafft, alle en Detail anzuschauen. Gerne möchten wir aber an dieser Stelle auf sie verlinken – quasi als kleiner Bookmark-Service. Ist ja immer ganz spannend zu sehen, mit welchen Themen und Inhalten die Plattformen am Ende eines Jahres in Erinnerung bleiben möchten.


Zahl der Woche

100 Milliarden

YouTube-Nutzerïnnen sahen sich 2020 mehr als 100 Milliarden Stunden Gaming-Content (Forbes) an – doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. Bedeutet: Jeder Erdenbürger hat dieses Jahr im Schnitt 13 Stunden Gaming-Videos auf YouTube geguckt. Unreal.


Schon einmal im Briefing davon gehört

DJ-Gigs in Computerspielen

Games werden immer stärker zu Social-Media-ähnlichen Plattformen: Anstatt isoliert daheim vor der Konsole zu sitzen, werden Computerspiele zu Orten der Begegnung (Chat und Videochat), für Konzerte genutzt, ja sogar, um dort Politik zu machen. Jetzt geht Rockstar Games noch einen Schritt weiter und eröffnet einen „ganz normalen“ Club in der Welt von GTA Online. In „The Music Locker“ treten bekannte DJs in Form von GTA Avataren auf, Nutzerïnnen können Backstage-Pässe ergattern. Zu den ersten beiden Künstlern, die bei GTA einen Gig spielen, gehören Moodymann und Keinemusik.


Lesetipps

Zur Rolle von Desinformationen in den USA

Lügen über Wissenschaft, Bürgerrechte und die US-Wahl haben die Amerikaner gegeneinander aufgebracht. Jane Lytvynenko hat für BuzzFeed News aufgeschrieben, welche Rolle soziale Medien bei der Verbreitung von Desinformationen 2020 gespielt haben: In 2020, Disinformation broke the US. Ihr bitteres Fazit:

"Disinformation is not going away. It will dissuade people from taking the vaccine. Protesters will be lied about as police brutalize them. And the propaganda machine Trump fueled won’t grind to a halt just because there’s a new president."

Zur Perspektive von OnlyFans

Zugegebenermaßen haben wir der Plattform zunächst nicht all zu viel Aufmerksamkeit geschenkt. Das wird sich in den kommenden Monaten aber womöglich ändern: mehr und mehr (Social-Media-) Stars nutzen die Plattform, um an ihren Fans zu verdienen. Die allermeisten haben dabei sogar etwas an. Bloomberg hat sich OnlyFans ausführlich angeschaut: OnlyFans Is a Billion-Dollar Media Giant Hiding in Plain Sight.

"When Beyoncé rapped about us on the ‘Savage Remix’ and Cardi B joined the platform, that’s when we really started to see the growth accelerate,” said Tim Stokely, 37, the company’s founder and chief executive officer. According to Stokely, OnlyFans is adding as many as 500,000 users a day and paying out more than $200 million a month to its creators."

Zur Ästhetik von TikTok

Wenn dich die Artikel von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus begeistert haben (TikTok and the Sorting Hat, Seeing Like an Algorithm), dann empfehlen wir dir heute gern den Artikel von Marlowe Granados bei The Baffler, um die kulturellen Dimensionen von TikTok besser zu verstehen. Lang, aber jede Zeile wert: I Turn My Camera On.

"From scrolling through her gallery of videos, I began to understand the appeal. Charli and Addison are both white, come from non-coastal cities, and share a girl-next-door quality. Their lives seem within reach of their audience simply because they remind us of someone we have probably seen before—maybe at the mall. They often dance in sweats with stains, in glasses, sometimes without makeup, blemishes showing. The attraction is their normality: two average girls were plucked out of obscurity to become the most famous people on a global app. Why couldn’t you be next?"


Neue Features bei den Plattformen

Snapchat / Twitter

  • Integration: Tweets begegnen einem überall: im Fernsehen, in der Zeitung, auf Facebook, Instagram und Snapchat. Während es relativ strenge Auflagen dafür gibt, wie Tweets im Fernsehen und in der Zeitung dargestellt werden dürfen, werden Tweets von regulären Nutzerïnnen auf anderen Social-Media-Plattformen eher in Wild-West-Manier geteilt. Twitters Instagram-Account bringt es auf den Punkt. Der Grund: Es gibt bislang keine Möglichkeit, Tweets auf anderen Plattformen nativ zu teilen – etwa in der Form wie sich YouTube-Videos auf Facebook teilen lassen. Mit der neuen Twitter-Integration bei Snapchat (Techcrunch) passiert genau das. Userïnnen können nun ganz einfach Tweets in ihre Posts bei Snapchat integrieren. Wenn es nach Twitter ginge, hätten sie diese Option auch gern bei allen anderen Plattformen.

Substack

Twitch


Header-Foto von eberhard grossgasteiger bei Unsplash


4.12.2020 | Facebook Oversight Board präsentiert erste Fälle, Salesforce kauft Slack, TikTok erlaubt dreiminütige Videos

Die zwei größten Schlagzeilen der Woche

1/ Facebooks Oversight Board präsentiert die ersten Fälle

Das von Facebook finanzierte Oversight Board hat aus mehr als 20.000 Einreichungen die ersten Fälle ausgewählt, die es prüfen wird. Die Links führen zum jeweiligen Case:

Es handelt sich – wie Evelyn Douek zurecht bei Twitter schreibt – mehr oder weniger um die Greatest Hits der Content Moderation: Hassrede, Hassrede, Hassrede, Nippel, Nazis und Corona-Desinfos.

Wir sind gespannt, wie sich die Arbeit des Boards weiter entwickelt. Vor allem wird zu prüfen sein, ob die Arbeit des Gremiums wirklich ein Gewinn für Facebooks Nutzerïnnen ist. Oder ob es Facebook lediglich darum geht, „sich von heiklen und potenziell rufschädigenden Entscheidungen über die Moderation von Inhalten zu distanzieren“ (Techcrunch).

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, wir haben in Briefing #580, #638, #675 und #677 ausführlich beschrieben, was das Oversight Board ist, wie es besetzt ist und was davon zu erwarten ist.

2/ Salesforce kauft Slack für 27,7 Milliarden Dollar

Beim Social Media Watchblog vertreten wir die These, dass bereits seit einiger Zeit ein Wandel im Gange ist, der durchaus als Beginn einer Post-Social-Media-Ära bezeichnet werden darf. Konkret geht es darum, dass die großen Plattformen wie Facebook, Instagram, YouTube und TikTok von den Nutzerïnnen immer stärker passiv genutzt werden. Die eigentliche Interaktion, die Gespräche, der Austausch, das Teilen von Inhalten findet in zunehmend kleineren, digitalen Räumen statt: etwa in Messenger-Gruppen, bei Discord oder Slack.

Der auf Unternehmens-Software spezialisierte Tech-Riese Salesforce (Jahresumsatz 20 Milliarden Dollar) hat jetzt einen großen Schritt getan, um in dieser neuen Ära eine gewichtige Rolle zu spielen: in einem Deal, der die Übernahme von WhatsApp durch Facebook finanziell in den Schatten stellt, übernimmt Salesforce die Kommunikationsplattform Slack (Wall Street Journal).

Salesforce wettet vor allem darauf, dass sich die Trends, die durch die Corona-Pandemie katalysiert wurden, weiter verstärken werden: eine Software, die es ermöglicht, remote zu arbeiten, ist da natürlich ein zentraler Baustein. Aber letztlich bietet Slack ähnliches Potential wie Zoom: auch Slack könnte sich zu einer echten Plattform mausern – ganz so wie es dem anderen Shootingstar des Jahres vorschwebt (Techcrunch).

Wer sich intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte Ben Thompsons Analyse lesen: Salesforce Acquires Slack, Salesforce’s Reasoning, Salesforce’s Opportunity (Paywall).


Kampf gegen Desinformation

Telegram: Schlechter als sein Ruf

Telegram gilt vielen als sichere Alternative zu WhatsApp. Mit Blick auf die weniger umfassende Verschlüsselung und das undurchsichtige Firmengeflecht hinter der App ist Telegrams guter Ruf allerdings kaum zu rechtfertigen. Im HR Inforadio habe ich mit Kollege Tobias Klein ausführlich über die wenigen Vor- und vielen Nachteile der App diskutiert. Auch die Kollegïnnen vom Deutschlandfunk haben sich mit Telegram in der Sendung mediasres beschäftigt – sehr hörenswert.

Facebook: Whitelists haben Verbreitung von Desinfos begünstigt

Facebook hatte sich zur US-Wahl überlegt, Politikerïnnen von Faktenchecks auszunehmen. Eine interne Untersuchung zeigt, dass diese Whitelists die Verbreitung von Desinfos begünstigt haben (The Information, Paywall). Der Grund: Nutzerïnnen seien besonders anfällig, Falschinformationen zu glauben, wenn sie von öffentlichen Personen wie Politikerïnnen geteilt werden. No shit, Sherlock!

Desinfos bei Twitter Fleets

Twitterst du noch oder fleetest du schon? Viele haben sicherlich in den vergangenen Tagen Twitters neue Stories-Funktion ausprobiert. Was zunächst einmal sehr vertraut anmutet, hat auf einer Plattform, die dafür bekannt ist, massenhaft Falschinformationen zu verbreiten, enormes Potential auch an dieser Stelle missbraucht zu werden. Die Frage lautet also: Was tut Twitter gegen die Verbreitung von Falschinformationen in Fleets? Mother Jones zeigt, warum Twitter Fleets ein Desinformations-Desaster werden könnten.


Follow the money

Spotify: King of Podcast durch Millionen kleinerer Podcasts

Ja, Spotify hat einige Blockbuster-Podcasts im Angebot. Der größte Einzellieferant des Spotify-Katalogs und maßgeblicher Treiber der Popularität von Podcasts bei Spotify ist aber Anchor. Die Plattform, die Spotify im Februar 2019 für 100 Millionen Dollar übernahm, ermöglicht es Kreativen, Podcasts so niedrigschwellig wie möglich zu produzieren und bei Spotify einzuspeisen. Anchor ist laut Spotify für rund 80 Prozent neuer Podcasts verantwortlich. Allein 2020 kamen über Anchor 1 Million neue Podcasts hinzu. Damit ist Anchor für mehr Listening Hours verantwortlich als z.B. NPR und New York Times. Du hast noch keinen Podcast? Macht nix! Wir auch nicht 🙂

Facebook investiert in Customer Service

Facebook hat laut Wall Street Journal das auf Customer Service spezialisierte Startup Kustomer übernommen. Ein Kaufpreis ist nicht bekannt. Das Startup wird aber mit rund einer Milliarde Dollar bewertet. Facebook verspricht sich von der Übernahme eine bessere Positionierung in Sachen Kundenbetreuung – vor allem hinsichtlich neuer E-Commerce-Features bei WhatsApp und Instagram. Hier geht es zu Facebooks Pressemitteilung.


Zahl der Woche

52 Millionen

So viele Nutzerïnnen verbuchte Reddit eigenen Angaben zufolge (WSJ) täglich im Jahr 2020. Das sind zwar deutlich weniger als bei Facebook (1,82 Milliarden) und Twitter (152 Millionen). Gleichwohl ist die Zahl spannend: Noch nie zuvor hatte Reddit Angaben zur täglichen Nutzung gemacht.


Schon einmal im Briefing davon gehört

Apple vs. Facebook 😡

Apple und Facebook mögen sich nicht sonderlich. Immer wieder schießen die Chefs der Unternehmen in öffentlichen Interviews gegeneinander. Facebook wirft Apple vor, seine marktbeherschende Stellung auszunutzen. Apple wift Facebook vor, systematisch die Privatsphäre der Nutzerïnnen zu verletzen. Die BBC zeigt, was hinter dem Streit steckt, warum der Streit jetzt noch einmal eskalieren könnte und warum die Fehde eigentlich totaler Quatsch ist: beide Unternehmen würden extrem stark voneinander profitieren, so die These.

Interaktive Live-Reality-Show-Game-Dingsbumms

Ganz im Ernst: Ich habe noch nicht wirklich gecheckt, was Rival Peak sein soll. Eine Art Fernseh-Show, bei der ich als Zuschauer bestimmen kann, wie es weitergeht? Aber ohne Call-in, sondern indem ich … genau was mache? Es mutet jedenfalls spannend an. Vielleicht gönne ich dem Quatsch am Wochenende mal eine Stunde. Falls jemand von euch das neue Facebook Game bereits getestet hat, bitte melden!

Alles gleich

In Ausgabe #686 hatten wir darüber geschrieben, dass sich die Plattformen immer stärker angleichen. Axios hat dafür nun die perfekte Übersicht gebastelt. Facebook kopiert Snapchat kopiert TikTok kopiert Twitter kopiert YouTube kopiert LinkedIn kopiert Spotify…


Neues von den Plattformen

TikTok


Tipps, Tricks und Apps

TikTok-Timeline

Techcrunch hat einen nützlichen Überblicksartikel zu TikTok produziert. Wer sich für die Historie der noch jungen App interessiert, wird hier bedient. Garantiert ein Bookmark wert.

Instagram Hacks

Socialbakers gibt einen Überblick über gängige Instagram Hacks. Viele werden die meisten Tipps und Tricks bereits kennen. Für andere steckt da sicher noch einiges an praktischem Know-How drin.

Instagram Guides

Die Kollegïnnen von Social Media Examiner haben einen Leitfaden für Instagram Guides veröffentlicht. Ebenfalls ein Blick wert.


One more thing

Myspace Revival

Vermisst du auch manchmal die gute alte Zeit als Myspace noch die heißeste Social-Anwendung im World Wide Web war? Nun, eine 18-Jährige hat mit SpaceHey eine voll funktionsfähige Myspace-ähnliche Website gebaut. Der „Ich habe das mit HTML gebaut"-Vibe ist auf jeden Fall sofort wieder da. 🤗


Header-Foto von Asher Ward bei Unsplash


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