283 Minuten Politiktheater | Zoom will Plattform werden | Twitter Fleets, Twitter Spaces, Instagram Guides

Salut und herzlich willkommen zur 685. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns ausführlich mit den Auftritten von Mark Zuckerberg und Jack Dorsey vor dem US-Kongress. Ein absurdes Politiktheater, dem wir sieben Learnings abgewinnen konnten. Zudem interessieren uns Zooms Ambitionen, zur eigenständigen Plattform zu reifen. Last but not least schauen wir auf zahlreiche neue Features bei den Plattformen - etwa Twitter Fleets, Twitter Spaces und Instagram Guides. Wir wünschen ein angenehmes Wochenende und bedanken uns für das Interesse an unserem Newsletter! Martin & Simon

Sieben Erkenntnisse aus 283 Minuten Politiktheater

Was ist

Mark Zuckerberg und Jack Dorsey mussten am Mittwoch vor dem US-Senat aussagen – mal wieder. Es war Zuckerbergs sechster Auftritt und der zweite innerhalb weniger Wochen. Erst im Oktober hatte der Handelsausschuss die beiden (und Google-Chef Sundar Pichai vorgeladen). Diesmal wollten die Mitglieder des Justizausschusses Fragen stellen.

Für die SZ habe ich eine recht flapsige Theaterkritik geschrieben, denn genau das war diese Anhörung: politisches Theater. Vier Stunden und 43 Minuten lang grillten die Senatorïnnen die Konzernchefs, doch der inhaltliche Erkenntnisgewinn blieb überschaubar.

Das gilt aber nur für die Antworten von Zuckerberg und Dorsey, die mit vielen Wörtern sehr wenig Neues sagten. Die Fragen der Senatorïnnen, ihre Selbstinszenierung und der Kontrast zwischen Demokraten und Republikanern lässt sehr wohl Rückschlüsse zu – auf Facebook und Twitter, aber ebenso auf die US-amerikanische Gesellschaft und die politische Zukunft der Vereinigten Staaten.

Wir arbeiten das Hearing zweigeteilt auf: erst einige Beobachtungen, um das Setting und die Absurdität der Veranstaltung deutlich zu machen, dann unsere Takeaways.

Die Rückblende

  • Die Anhörung war angesetzt worden, weil Facebook und Twitter im Oktober Links auf einen Artikel der Boulevardzeitung New York Post mit einem Warnhinweis versehen hatten und die Verbreitung einschränkten. Wir fassten die mutmaßliche Hack-and-Leak-Operation in Briefing #676 zusammen.
  • Der Text beinhaltete unbelegte Behauptungen über Joe Bidens Sohn Hunter und verstieß gegen Facebooks und Twitters Richtlinien zum Umgang mit mutmaßlich gehacktem Material. Dorsey räumte später ein, es sei ein Fehler gewesen, zunächst sämtliche Links zu blockieren. Die entsprechende Richtlinie wurde mittlerweile geändert.
  • Wenig überraschend spielte die Posse nur eine Nebenrolle. Schließlich gab es in der Zwischenzeit noch eine nicht ganz unbedeutende Wahl, auf die sich die Konzerne monatelang akribisch vorbereitet hatten. Dieses Ereignis nahm zu Recht mehr Raum ein als die redaktionelle Entscheidung, zu der sich die Plattform angesichts der redaktionellen Fehlentscheidung der New York Post genötigt sahen.

Der Vorspann

Zunächst zwei Fakten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben:

  1. Dem Justizausschuss sitzt der Republikaner und Trump-Vertraute Lindsey Graham vor. Am Tag des Hearings wurde bekannt, dass er in Georgia rechtmäßig abgegebene Stimmen von Wählerïnnen vernichten lassen wollte (Washington Post).
  2. Der Titel der Veranstaltung lautete "Breaking the News: Censorship, Suppression, and the 2020 Election".

In unseren Worten: Ein Mann, der den Willen der Wählerïnnen unterdrücken will, leitet eine Anhörung, bei der Konzerne Rechenschaft ableisten sollten, ob sie den Willen der Wählerïnnen unterdrückt haben.

Die Tragikomödie

  • Den meisten Senatorïnnen scheint es nicht um Inhalte zu gehen. Sie wollen Zuckerberg und Dorsey vorführen und möglichst viele 15-Sekunden-Ausschnitte produzieren, die sie später in sozialen Medien teilen können, um ihre Wählerïnnen zu beeindrucken und den politischen Gegner schlecht dastehen zu lassen.
  • Immer im Wechsel kommen Demokraten und Republikaner dran. Zusammengefasst könnte man sagen: Die einen lesen Trump-Tweets vor und fragen, warum sie noch nicht gelöscht wurden. Die anderen lesen ihre eigenen Tweets vor und fragen, warum sie gelöscht wurden.
  • 67 der 127 Fragen (NYT) drehten sich um Content-Moderation. Oft ging es um spezifische Beiträge, bei denen Dorsey und Zuckerberg immer wieder nur auf ihre Richtlinien verwiesen, um zu erklären, warum die Tweets / Posts noch online sind oder eben nicht mehr. Dafür hätte es keine Anhörung gebraucht.
  • Republikaner wie Ted Cr…

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