Monat: November 2020

Was US-Nutzerïnnen sehen, wenn sie Facebook öffnen | Jetzt kommt die Regulierung: Wird Facebook bald zerschlagen?

Was US-Nutzerïnnen sehen, wenn sie Facebook öffnen

Was ist

Laura Hazard Owen und Charlie Warzel hatten unabhängig voneinander eine ziemlich gute Idee: Statt immer nur abstrakt über Facebook zu schreiben und aggregierte Daten und Statistiken heranzuziehen, haben die beiden Reporterïnnen im Laufe des Oktobers echte Menschen gefragt: Welche Inhalte seht ihr eigentlich in eurem Newsfeed?

Warum das wichtig ist

Ist Facebook eine Echokammer? Trägt es dazu bei, dass sich Menschen radikalisieren? Bevorzugt Facebook extreme Meinungen und insbesondere rechtskonservative Seiten? Über diese Fragen wird seit Monaten heftig diskutiert.

Die beiden Recherchen geben darauf keine abschließenden Antworten, dazu sind die Stichproben viel zu klein. Aber sie erweitern die Debatte um neue Perspektiven und ermöglicht gerade deutschen Beobachterïnnen Einblicke in die US-Version des Netzwerks.

Was Warzel herausgefunden hat

  • Der Artikel: "What Facebook Fed the Baby Boomers" (NYT)
  • Die Herangehensweise: Warzel erhielt von Mitte Oktober bis nach der US-Wahl für drei Wochen die Facebook-Passwörter von zwei US-Amerikanerïnnen und tauchte in ihre Facebook-Welt ein.
  • Die Protagonistïnnen: Jim Young, ein 62-jähriger Frührentner, und Karen Pierce, eine 55-jährige Lehrerin – typische Babyboomer. Beide beschreiben sich selbst als tendenziell konservativ, haben 2020 aber für Joe Biden gestimmt.
  • Die zentrale Erkenntnis: Young und Pierce sehen eine grauenhafte Mischung aus Aggressivität, Hass, Desinformation und Verschwörungserzählungen. Die beiden Protagonistïnnen leiden unter den Inhalten, die sie sehen.
  • Die wichtigsten Zitate:

Warzel:

The feed goes on like this — an infinite scroll of content without context. Touching family moments are interspersed with Bible quotes that look like Hallmark cards, hyperpartisan fearmongering and conspiratorial misinformation. Mr. Young’s news feed is, in a word, a nightmare.

Young:

It’s like going by a car wreck. You don’t want to look, but you have to. (…) Most times there’s no real debate. Just anger. They’re so closed-minded. Sometimes, it scares me.

Pierce:

It’s so extreme. I’ve watched people go from debating the issue to coming up with the craziest thing they can say to get attention. Take the whole anti-abortion debate. People started talking, then started saying ‘if you vote for Biden you’re a murderer.’ Now there’s people posting graphic pictures of fetuses.

  • Das Fazit: Facebook spiegelt die traurige Realität der US-Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten sind ein zutiefst gespaltenes Land. Biden will die beiden Lager versöhnen – er wird Wunderdinge vollbringen müssen.

Der Text beantwortet nicht die Frage, ob Facebook dafür verantwortlich ist. Am Ende bleibt das Henne-Ei-Problem: Bildet Facebook nur den gesellschaftlichen Graben ab und macht sichtbar, was ist – oder trägt es aktiv zur Polarisierung bei?

Despite spending years studying these toxic dynamics and the better part of a month watching them up close in strangers’ feeds, I was still, like so many, surprised to see it all reflected at the ballot box. We shouldn’t have been surprised; our divisions have been in front of our faces and inside our feeds this whole time.

Was Hazard Owen herausgefunden hat

  • Der Artikel: "How much political news do people see on Facebook? I went inside 173 people’s feeds to find out" (Nieman Lab)
  • Die Herangehensweise: Hazard Owen fragte zwischen dem 1. und 31. Oktober über Mechanical Turk Screenshots von Facebook-Newsfeeds an. 306 Menschen schickten ihr jeweils die ersten zehn Inhalte ihrer Timelines.
  • Die Protagonistïnnen: Bereinigt blieben Daten von 173 Nutzerïnnen übrig. Die Befragten nutzen Facebook regelmäßig, sind relativ jung (81 Prozent unter 45) und politisch liberaler als die US-Bevölkerung.
  • Die zentrale Erkenntnis: Facebook ist kein Ort für politische Nachrichten. Obwohl der Oktober einer der politisch relevantesten Monaten der jüngeren US-Geschichte war, sah mehr als die Hälfte der Nutzerïnnen gar keine News mit Politik-Bezug. Seriöse Medien spielten die größte Rolle, irreführende und falsche Nachrichten tauchten nur selten auf. Kein einziger der 1730 Inhalte wurde durch einen Faktencheck widerlegt.
  • Das wichtigste Zitat:

141 of the 1,730 posts in my sample could be described as political content. In other words, in this survey, political content made up about 8% of what people saw. That’s pretty close to Facebook’s claimed 6%. (Anmerkung: Die Zahl bezieht sich auf diesen Blogeintrag von Facebook.)

Be smart

Seit Monaten veröffentlicht New-York-Times-Reporter Kevin Roose täglich die zehn Artikel mit den meisten Facebook-Interaktionen (Twitter / Facebook's Top 10). Angesichts der Listen drängt sich der Eindruck auf, dass rechte und rechtsradikale Seiten dominieren. Facebook hält dem entgegen, dass Daten von Crowdtangle und Newswhip keinen unmittelbaren Rückschluss zulassen, wie viele Menschen bestimmte Inhalte sehen und welche Beiträge von Facebooks Algorithmen gepusht werden (mehr zu dieser Debatte in Briefing #666).

Warzels Experiment vermittelt einen Eindruck, wie toxisch Facebook sein kann. Die Recherche von Hazard Owen zeigt dagegen, dass das Netzwerk für manche Menschen ganz anders aussieht, als es die mediale Berichterstattung suggeriert, die sich meist auf Politik und Medien fokussiert: Beiträge von Familie und Freundïnnen überlagern politische Nachrichten bei Weitem.

Beide Artikel sind unbedingt lesenswert, die anekdotische Evidenz lässt sich aber nicht generalisieren. Wenn Facebook die teils sehr aufgeregte Debatte beruhigen und die angeblich nicht repräsentativen Listen von Roose widerlegen will, gäbe es eine einfache Möglichkeit: Es muss Journalistïnnen und Forscherïnnen endlich Zugriff auf aussagekräftige Daten geben, statt sich nur zu beschweren, weil ein Journalist die wenigen verfügbaren Daten nutzt.

Wie überfällig das ist, zeigt eine weitere aktuelle Recherche der New York Times. Demnach gibt es eine interne Metrik namens "news ecosystem quality" (NEQ), um die Seriosität von Nachrichtenquellen zu bewerten. Nach der Wahl erhöhte Facebook den Einfluss des NEQ-Faktors auf die Zusammensetzung der Inhalte des Newsfeeds.

Medien wie CNN, die New York Times und NPR gewannen an Reichweite, während extremere Seiten weniger sichtbar wurden. In einem Meeting sollen Angestellte gefragt haben, ob der "nettere Newsfeed" zum Dauerstand werden könne. Facebook lehnt das ab – warum eigentlich?


Jetzt kommt die Regulierung: Wird Facebook bald zerschlagen?

Was ist

Vergangene Woche berichtete die Washington Post, dass zwei große kartellrechtliche Ermittlungsverfahren in den USA kurz vor dem Abschluss stehen. Demnach sollen sowohl eine Gruppe von Generalstaatsanwältïnnen der Bundesstaaten als auch die US-Handelskommission FTC im Dezember Klage erheben. Es ist noch offen, ob beide Ermittlungen zusammengeführt oder getrennt vorangetrieben werden.

Worum es dabei geht

Im Fokus stehen die Übernahmen von Instagram (2012) und WhatsApp (2014). Der Vorwurf lautet, dass Facebook die Zukäufe genutzt habe, um ein Monopol aufzubauen, das Nutzerïnnen keine Wahl lässt und echte Konkurrenz verhindert. Angeblich drohen Facebook die härtesten kartellrechtliche Sanktionen seiner 17-jährigen Unternehmensgeschichte.

Wie Facebook argumentieren dürfte

Mark Zuckerberg bringt immer wieder TikTok ins Spiel, wenn es ums Wettbewerbsrecht geht. Schließlich hat es ByteDance geschafft, trotz Facebooks Markmacht in kurzer Zeit einen ernstzunehmenden Konkurrenten aufzubauen.

Zudem hatte Facebook Jahre Zeit, sich auf den Abschluss der Ermittlungsverfahren vorzubereiten – und es hat diese Zeit gut genutzt: WhatsApp, Instagram und der Messenger verschmelzen immer mehr. Im Hintergrund versucht Facebook, einen gordischen Knoten zu formen, den die Kartellwächterïnnen nicht mehr entflechten können, ohne Nutzerïnnen zu schaden. Zumindest eine radikale Zerschlagung wird damit unwahrscheinlich – immerhin hatte die FTC den Übernahmen einst zugestimmt (OneZero).

Eine weitere Karte, die Facebook spielen könnte: Sicherheit und Content-Moderation. Zuckerberg betont immer wieder, dass Facebook die drei Plattformen besser schützen und moderieren könne, wenn sie enger aneinander gebunden sind. Drei eigenständige Unternehmen seien dazu nicht in der Lage.

Be smart

Die Budgets von FTC und der Antitrust-Einheit des US-Justizministeriums entsprechen ungefähr dem, was Facebook in drei Tagen verdient. "DOJ is under-resourced, FTC it’s ridiculous", sagte ein Mitarbeiter des Justizministeriums (Big Technology) im September.

Am selben Tag, an dem die Washington Post ihren Bericht über die anstehenden Klagen veröffentlichte, machte Alex Kantrowitz ein internes Memo der FTC publik (Big Technology). Demnach muss die Behörde massiv sparen. "Everything you've just recited is a breathtaking constraint on capacity", sagt der frühere FTC-Vorsitzende. "It severely limits what the institution is going to do."

Zusammengefasst: Zwei vergleichsweise schlecht ausgestattete Institutionen ermitteln gegen einen der mächtigsten Konzerne der Welt, der sich die teuersten und besten Anwältïnnen leisten kann. Waffengleichheit sieht anders aus.

Das heißt aber nicht, dass die Verfahren aussichtslos sind. Biden gilt nicht gerade als Zuckerberg-Freund, und er hat bereits angekündigt, das Budget der FTC aufzustocken – seine Präsidentschaft könnte für Facebook ungemütlich werden.


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Twitter kopiert Snapchat kopiert TikTok | Anzeigenpreise bei Facebook und Instagram stagnieren | Instagram zahlt Publisher

Twitter kopiert Snapchat kopiert TikTok

Was ist

Der Jedipedia zufolge waren die Klonkriege ein Konflikt zwischen der Galaktischen Republik und der Konföderation. Dem Social Media Watchblog zufolge sind die Klonkriege ein Konflikt zwischen Facebook, Snapchat, TikTok und YouTube, bei dem einer dreister kopiert als der andere.

Was bekannt ist

Dass Social-Media-Plattformen die erfolgreichsten Alleinstellungsmerkmale ihrer Konkurrenten nachahmen, sollte niemanden mehr überraschen. Allein Facebook hat sich in den vergangenen Jahren Dutzende Male bei der Konkurrenz bedient und so ziemlich jedes Feature, das ansatzweise interessant schien, ins eigene Produkt integriert.

Was neu ist

Innerhalb weniger Tage haben mehrere große Konzerne voneinander kopiert. Selbst Snapchat, das mit seinen Stories die Klonkriege ausgelöst hatte, ahmt nun TikTok nach. Die Plattformen nähern sich dadurch immer weiter an.

Wir beziehen uns dabei auf diese aktuellen Entwicklungen:

  • Twitter führt Fleets nun weltweit ein (Twitter-Blog), nachdem das Format in Ländern wie Brasilien, Indien und Italien getestet wurde. Abgesehen vom Namen unterscheidet es sich nicht groß von Stories, wie man sie von nahezu jeder anderen Plattform kennt.
  • Twitter testet Spaces (The Verge), das der Audio-App Clubhouse nachempfunden ist. Nutzerïnnen können dort in Chat-Rooms zu bestimmten Themen diskutieren und sich mit Sprachnachrichten austauschen.
  • Snapchat startet Spotlight (Snap), ein neuer vertikaler Feed für kurze Videos, dessen Aufbau und Ranking-Faktoren TikToks "For You"-Seite gleichen.

Was Twitter bislang machte

  • Twitter war noch nie dafür bekannt, Innovation an Innovation zu reihen. Das Produkt veränderte sich jahrelang nur unwesentlich, die (technisch banale) Verdoppelung des Zeichenlimits war noch die bemerkenswerteste Neuerung.
  • Auch 2020 hat sich Twitter bislang eher darauf konzentriert, bestehende Probleme zu beseitigen. Es gibt eine Reihe von neuen Funktionen, um Belästigungen und Bedrohungen zu melden. Twitter ist für Frauen, Minderheiten und marginalisierte Gruppen dadurch zu einem etwas erträglicheren Ort geworden.
  • Im Mai war Twitter die erste Plattform, die es wagte, sich offen mit Donald Trump anzulegen, als es dessen Tweets mit Faktenchecks versah. Das gab die Richtung für die US-Wahl vor: Im Vergleich zu Facebook griff Twitter entschlossener durch und versuchte zu verhindern, dass sich Desinformation ausbreitet.
  • Neue Features kamen aber nicht hinzu. Das Nutzungserlebnis blieb mehr oder weniger unverändert.

Was Twitter jetzt macht

  • Nach Snapchat (2013), Instagram (2016), Facebook/Messenger (2017), WhatsApp (2017), Youtube (2018), Netflix (2019), LinkedIn, Spotify, Google und der New York Times (alle 2020) ist Twitter mit sieben Jahren Verspätung nun auch auf die Idee gekommen, es doch mal mit Stories zu versuchen.
  • Fleets werden keinen Kreativitätspreis gewinnen – im Gegenteil: Wenn sich Instagram nicht schon vor Jahren unverfroren bei Snapchat bedient hätte, hagelte es sicher Hohn und Spott über die Kopie des Stories-Formats.
  • Auch Spaces sind nicht unbedingt innovativ, sondern eine Reaktion auf den Erfolg von Clubhouse. Twitter hofft, dass Menschen empathischer reagieren, wenn sie auch die Stimme ihres Gegenübers hören, statt nur einen unpersönlichen Text zu lesen. Die Funktion wird zunächst mit ausgewählten Nutzerïnnen getestet, die besonders oft zur Zielscheibe von Hass und verbaler Gewalt werden. Dazu zählen etwa Frauen, Schwarze oder LGBTQI.
  • Will Oremus interpretiert (OneZero) die beiden Formate als Versuch, nach dem absehbaren Ende der Trump-Ära eine neue Daseinsberechtigung zu ergründen. Jack Dorsey und die meisten Twitter-Angestellten dürften Trump persönlich verabscheuen, doch zumindest wirtschaftlich hat das Unternehmen von seiner Präsidentschaft profitiert.
  • Angeblich sind noch weitere Funktionen geplant. "We’re exploring methods of private feedback on the platform, as well as private apologies, and forgiveness", sagte Produktmanagerin Christine Su bei einem Pressebriefing. "And so that may look like a notification — that’s like a gentle elbowing from someone that you follow. Or it also may look like a nudge like you’ve seen before." Details oder ein Zeitplan sind noch nicht bekannt.

Warum das Risiken birgt

  • Einerseits passen Stories perfekt zu Twitter. Dort sind die Inhalte ohnehin noch vergänglicher als auf anderen Plattformen. Visuell erzählte Geschichten oder Beobachtungen, die nach 24 Stunden verschwinden, ergänzen das Produkt auf eine sinnvolle und natürliche Art.
  • Andererseits könnte man argumentieren: Twitter braucht Stories gar nicht, um die Timeline zu erweitern. Alex Hern drückt es so aus: "An Instagram user’s profile is a carefully curated version of themselves, all but begging to be scrolled back through; a Twitter profile page is a chaotic mess of posts that make little sense outside the context in which they were sent."
  • Er fragt sich deshalb, wodurch sich Fleets von Tweets unterscheiden sollen. Vor allem stellt er eine berechtigte Frage: Warum führt Twitter nicht einfach vergängliche Tweets ein, auf die viele Nutzerïnnen sehnsüchtig warten?
  • Viele Menschen teilen weniger Inhalte auf Twitter, weil sie fürchten, dass ihnen die Tweets Jahre später auf die Füße fallen könnten. Beispiele für alte Tweets, die neue Debatten auslösen, gibt es schließlich reichlich.
  • Wer seine Timeline nach einem bestimmten Zeitraum automatisch aufräumen will, muss auf Tools oder Apps von Drittanbietern ausweichen. Twitter könnte das mit einer Art Verfallsdatum deutlich eleganter und einfacher lösen.
  • Zudem schafft sich Twitter sowohl mit Fleets (Slate) als auch mit Spaces (TechCrunch) eine Reihe neue Content-Moderation-Probleme – ein Bereich, der nicht unbedingt zu Twitters Stärken zählt.
  • Für beide Formate sollen dieselben Richtlinien gelten, die auch auf Tweets angewendet werden. Doch Regeln zu formulieren ist leicht, sie durchzusetzen ist oft schwer. Stories eignen sich gut, um unbemerkt Desinformation und Propaganda zu verbreiten. Und Clubhouse kann ein Lied davon singen (The Verge), wie schwer es ist, Audio-Inhalte zu moderieren.

Warum Snapchat TikTok kopiert

  • Seit acht Jahren setzt Snapchat neben der Snap-Map und dem Discover-Feed für öffentliche Accounts vor allem auf privates Peer-to-Peer-Messaging.
  • Der Plattform fehlt bislang eine Möglichkeit, neue Inhalte von anderen, unbekannten Nutzerïnnen zu entdecken, wie sie etwa Instagram (Explore), TikTok (For You) und YouTube (Video-Vorschläge) anbieten.
  • Mit Spotlight soll sich das ändern. Der neue Feed kuratiert kurze Videos, die Nutzerïnnen extra dafür erstellen. Sie müssen nicht mal ihren Account öffentlich schalten, sondern können einfach Inhalte nur für Spotlight freigeben.
  • Im Gegensatz zu TikToks "For You"-Feed werden Kommentare und Likes allerdings nicht öffentlich sichtbar sein. So wird zumindest ein Teil des geschützten, privaten Rausm erhalten.
  • Snapchat will Menschen mit Geld locken: Bis mindestens Ende des Jahres sollen jeden Tag eine Million Dollar an Nutzerïnnen ausgeschüttet werden (BuzzFeed), die virale Videos für Spotlight produzieren.
  • Der Betrag richtet sich nach der Zahl der Views, die genaue Aufteilung (wenige Menschen bekommen viel Geld vs. viele Menschen bekommen wenig Geld) ist nicht bekannt. Die Mindestausschüttung liegt bei 250 Dollar, ein Großteil der Summe soll auf die Top-Inhalte entfallen. Nutzerïnnen müssen mindestens 16 Jahre alt sein und in den USA wohnen.
  • Es ist nicht die erste Funktion, mit der sich Snapchat stark an TikTok orientiert: Im Oktober startete "Sounds on Snapchat" (TechCrunch). Damit können Nutzerïnnen ihre Snaps mit Musik aus einem vorgegebenen Katalog anreichern.
  • Und erst Ende vergangene Woche übernahm das Unternehmen das britische Start-up Voisey (Business Insider), das stark an TikTok erinnert und sich auf das gemeinsame Erstellen von Musik und kurzen Clips konzentriert.
  • Nachdem das halbe Silicon Valley Snapchat kopiert hat, will Snapchat nun seinerseits die erfolgreichsten Merkmale von TikTok aufs eigene Produkt übertragen.

Be smart

Wer Social-Media-Kanäle professionell betreut, dürfte es mit Casey Neistat halten (Twitter):

"One app that posts stories across Instagram, Twitter, Facebook and Snap simultaneously. Please."

Doch auch für normale Nutzerïnnen ist die Entwicklung relevant. Es droht eine Social-Media-Welt, in der sich die Netzwerke nur noch durch Design und Begrifflichkeiten unterscheiden – Funktionalität und Ausdrucksmöglichkeiten könnten austauschbar werden: Direktnachrichten, Live-Video, Fotofilter, Stories, AR-Lenses – fast alle haben fast alles (Axios).

Das liegt natürlich auch an den Nutzerïnnen selbst: Stories sind ja auch deshalb überall, weil so viele Menschen das Format gern verwenden. Doch das ist nicht der einzige Grund. Werbetreibende geben für Bewegtbild-Anzeigen deutlich mehr Geld aus als für alle anderen Werbeformen. Follow the money.


Follow the money

  • Ads bei Facebook und Instagram stagnieren: Facebook erzielt nahezu 99 Prozent seiner Einnahmen über Anzeigen. Instagrams Anteil am Gesamtumsatz beträgt mittlerweile rund Einviertel. Soweit so erfolgreich. Das Wall Street Journal berichtet nun allerdings, dass die Zeiten, in denen Facebook immer mehr Umsätze mit Anzeigen generieren konnte, vorbei sein könnten: die Preise stagnieren. Facebook muss daher einerseits dringend neue „Orte“ kreieren, um noch mehr Werbeplätze anbieten zu können (read: Gruppen, Messenger, neue Apps…). Andererseits wird Facebook sehr viel stärker auf E-Commerce setzen. Nur so können sie weiter wachsen.

  • Instagram zahlt Publisher testweise für Inhalte: Instagram testet derzeit mit ausgewählten Publishern verschiedene Möglichkeiten, Medienhäuser für ihre Inhalte zu bezahlen (Axios). Wir kennen ähnliche Unternehmungen bereits von Facebook. Von daher: Freuen Sie sich bitte nicht zu früh!

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283 Minuten Politiktheater | Zoom will Plattform werden | Twitter Fleets, Twitter Spaces, Instagram Guides

Sieben Erkenntnisse aus 283 Minuten Politiktheater

Was ist

Mark Zuckerberg und Jack Dorsey mussten am Mittwoch vor dem US-Senat aussagen – mal wieder. Es war Zuckerbergs sechster Auftritt und der zweite innerhalb weniger Wochen. Erst im Oktober hatte der Handelsausschuss die beiden (und Google-Chef Sundar Pichai vorgeladen). Diesmal wollten die Mitglieder des Justizausschusses Fragen stellen.

Für die SZ habe ich eine recht flapsige Theaterkritik geschrieben, denn genau das war diese Anhörung: politisches Theater. Vier Stunden und 43 Minuten lang grillten die Senatorïnnen die Konzernchefs, doch der inhaltliche Erkenntnisgewinn blieb überschaubar.

Das gilt aber nur für die Antworten von Zuckerberg und Dorsey, die mit vielen Wörtern sehr wenig Neues sagten. Die Fragen der Senatorïnnen, ihre Selbstinszenierung und der Kontrast zwischen Demokraten und Republikanern lässt sehr wohl Rückschlüsse zu – auf Facebook und Twitter, aber ebenso auf die US-amerikanische Gesellschaft und die politische Zukunft der Vereinigten Staaten.

Wir arbeiten das Hearing zweigeteilt auf: erst einige Beobachtungen, um das Setting und die Absurdität der Veranstaltung deutlich zu machen, dann unsere Takeaways.

Die Rückblende

  • Die Anhörung war angesetzt worden, weil Facebook und Twitter im Oktober Links auf einen Artikel der Boulevardzeitung New York Post mit einem Warnhinweis versehen hatten und die Verbreitung einschränkten. Wir fassten die mutmaßliche Hack-and-Leak-Operation in Briefing #676 zusammen.
  • Der Text beinhaltete unbelegte Behauptungen über Joe Bidens Sohn Hunter und verstieß gegen Facebooks und Twitters Richtlinien zum Umgang mit mutmaßlich gehacktem Material. Dorsey räumte später ein, es sei ein Fehler gewesen, zunächst sämtliche Links zu blockieren. Die entsprechende Richtlinie wurde mittlerweile geändert.
  • Wenig überraschend spielte die Posse nur eine Nebenrolle. Schließlich gab es in der Zwischenzeit noch eine nicht ganz unbedeutende Wahl, auf die sich die Konzerne monatelang akribisch vorbereitet hatten. Dieses Ereignis nahm zu Recht mehr Raum ein als die redaktionelle Entscheidung, zu der sich die Plattform angesichts der redaktionellen Fehlentscheidung der New York Post genötigt sahen.

Der Vorspann

Zunächst zwei Fakten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben:

  1. Dem Justizausschuss sitzt der Republikaner und Trump-Vertraute Lindsey Graham vor. Am Tag des Hearings wurde bekannt, dass er in Georgia rechtmäßig abgegebene Stimmen von Wählerïnnen vernichten lassen wollte (Washington Post).
  2. Der Titel der Veranstaltung lautete "Breaking the News: Censorship, Suppression, and the 2020 Election".

In unseren Worten: Ein Mann, der den Willen der Wählerïnnen unterdrücken will, leitet eine Anhörung, bei der Konzerne Rechenschaft ableisten sollten, ob sie den Willen der Wählerïnnen unterdrückt haben.

Die Tragikomödie

  • Den meisten Senatorïnnen scheint es nicht um Inhalte zu gehen. Sie wollen Zuckerberg und Dorsey vorführen und möglichst viele 15-Sekunden-Ausschnitte produzieren, die sie später in sozialen Medien teilen können, um ihre Wählerïnnen zu beeindrucken und den politischen Gegner schlecht dastehen zu lassen.
  • Immer im Wechsel kommen Demokraten und Republikaner dran. Zusammengefasst könnte man sagen: Die einen lesen Trump-Tweets vor und fragen, warum sie noch nicht gelöscht wurden. Die anderen lesen ihre eigenen Tweets vor und fragen, warum sie gelöscht wurden.
  • 67 der 127 Fragen (NYT) drehten sich um Content-Moderation. Oft ging es um spezifische Beiträge, bei denen Dorsey und Zuckerberg immer wieder nur auf ihre Richtlinien verwiesen, um zu erklären, warum die Tweets / Posts noch online sind oder eben nicht mehr. Dafür hätte es keine Anhörung gebraucht.
  • Republikaner wie Ted Cruz trugen genüsslich versehentlich einzelne blockierte Tweets oder suspendierte Accounts vor, die aber längst wiederhergestellt wurden. Dorsey entschuldigte sich für die Fehler.
  • Dass Tech-Konzerne Fehler machen, ist angesichts der Vielzahl der Moderationsentscheidungen selbstverständlich. Trotzdem gehen die Ausschnitte auf Twitter und Netzwerken wie Parler viral, wo sich Hunderttausende Menschen darüber empören und sich abermals darin bestätigt fühlen, dass Konservative ungerecht behandelt werden.
  • Immer wieder unterbrechen die Fragesteller die Konzernchefs. Oft sagen Zuckerberg und Dorsey nur, sie könnten aus dem Stand keine Antwort geben. Dann versprechen, nach Ende der Anhörung schriftlich weitere Details zu liefern.
  • Teils sind die Politikerïnnen schockierend schlecht vorbereitet: Graham scheint nicht zu wissen, dass Facebook regelmäßig Transparenzberichte veröffentlicht und fragt nach einer Liste der Factchecker, mit denen der Konzern zusammenarbeitet. Zuckerberg trägt sichtbar erstaunt einige der Organisationen vor, die Facebook auf einer Karte selbst übersichtlich darstellt.
  • Die 87-jährige Demokratin Dianne Feinstein stellt Dorsey fünf Minuten lang repetitive Fragen zu bestimmte Tweets von Donald Trump. Dabei kommt sie mehrfach mit den Labels und Warnhinweisen durcheinander, die Twitter einblendet. Dorsey erklärt ihr geduldig, wie die Maßnahmen funktionieren.

Der Abspann

Gleich drei Senatoren betonen am Ende, dass man sich sicher nochmal wiedersehen werde – "viele Male". Wir halten es grundsätzlich für eine gute Idee, die öffentlichkeitsscheuen Silicon-Valley-Managerïnnen öffentlich zu befragen. Und an Themen mangelt es wahrlich nicht. Für das nächste Mal wünschen wir uns aber ein stringenteres Drehbuch und Nebendarstellerïnnen, denen es um echte Inhalte, nicht um politische Inszenierung geht.

Vielleicht könnte es helfen, das Format zu ändern:

  • Bislang haben die Senatorïnnen offiziell je sieben Minuten Zeit, die aber oft um das Doppelte überzogen werden.
  • Unser Vorschlag: Erlaubt sind drei Fragen und je eine Rückfrage mit einem strikten Zeitlimit von 30 Sekunden. Das verhindert langwierige Erklärungen und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Antwortenden, nicht auf die Fragestellenden.
  • Zudem wäre es wünschenswert, eine Anhörung auf ein Thema zu begrenzen. Selbst fast fünf Stunden sind viel zu wenig, um Fragen zu Social-Media-Sucht, Kartellrecht, Content-Moderation, Section 230, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, dem Umgang mit Desinformation bei der US-Wahl, der politischen Einstellung der Silicon-Valley-Angestellten und so ziemlich allen anderen Stichwörtern zu stellen, mit denen man Zuckerberg und Dorsey schon immer mal konfrontieren wollte.

Was wir gelernt haben

1. Dorsey und Zuckerberg unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich.

  • Rauschebart, Nasenpiercing und schwarzes Sakko auf der einen Seite, Kurzhaarschnitt, grüne Zimmerpflanze und blauer Anzug mit Krawatte auf der anderen: Der optische Kontrast zwischen dem Twitter-Chef (eingeblendeter Name: "jack") und seinem Facebook-Gegenpart ("Mark Zuckerberg") ist offensichtlich und liefert die Vorlage für einige sehr lustige Tweets (Twitter / Philip Michaels).

  • Die beiden haben aber teils auch sehr unterschiedliche Vorstellungen von ihren Produkten. Als Graham etwa wissen will (Twitter /ABC News), ob Social Media süchtig mache (was diese Frage mit dem Thema der Anhörung zu tun hat, weiß vermutlich auch Graham nicht), sagt Zuckerberg, Facebook und Instagram würden nicht mit dieser Absicht entwickelt.
  • Als Beleg führt er unter anderem an, das Newsfeed-Team erhalte keine Zielvorgaben für eine bestimmte Verweildauer. Das ist keine überzeugende Antwort. Zwar halten wir die Vergleiche mit Alkohol und Zigaretten, die auch die Senatorïnnen immer wieder vorbrachten, für verfehlt. Dass Social-Media-Apps aber sehr wohl und ganz bewusst eingebaute Dopamin-Trigger enthalten und gerade für jüngere Nutzerïnnen eine gewisse Gefahr der Abhängigkeit besteht, ist unbestritten.
  • Dorsey räumt dagegen sein, dass "diese Werkzeuge, genau wie alles andere, abhängig machen können". Dessen müsse sich Twitter bewusst sein, dieses Risiko anerkennen und Nutzerïnnen einen Weg zu einem gesünderen Umgang weisen.
  • Ebenso deutlich wird die Diskrepanz bei der Frage nach der Transparenz der Algorithmen (TechCrunch). Dorsey befürwortet es, Nutzerïnnen mehr Wahlmöglichkeiten zu geben, algorithmische Sortierung offenzulegen und freiwillig zu machen. Zuckerberg weicht der Frage aus und verweist nur auf Faktenchecks und Transparenzberichte.

2. Ein Mordaufruf ist für Facebook offenbar nur ein kleineres Vergehen.

  • Kurz nach der US-Wahl sagte Steve Bannon in einem Facebook-Video, er würde die Köpfe des Immunologen Anthony Fauci und des FBI-Chefs Christopher Wray vor dem Weißen Haus aufspießen. Das Video bleibt zehn Stunden online und wird auf Facebook rund 200.000 Mal gesehen.
  • Während Twitter Bannons Account gesperrt hat, haben Facebook und YouTube nur das Video entfernt.
  • Der demokratische Senator Richard Blumenthal fragt Zuckerberg (Twitter / CSPAN), wie oft Bannon noch dazu aufrufen dürfe, Angestellte der Regierung zu ermorden, bevor Facebook sein Konto dicht macht.
  • Zuckerberg verweist auf Facebooks Verwarnungs-System, das je nach Schwere des Verstoßes eine bestimmte Anzahl von Strikes vorsieht, bevor ein Account endgültig verbannt wird.
  • Das ist grundsätzlich ein sinnvolles Vorgehen und entspricht der Argumentation, mit der Zuckerberg auf die Nachfragen von Facebook-Angestellten reagierte (CNBC). Im vorliegenden Fall erscheint uns die Auslegung aber fahrlässig: Bannon erreicht zahlreiche gewaltbereite Extremistïnnen. Fauci steht nicht unter Polizeischutz. Digitaler Hass erzeugt analoge Gewalt.
  • (Natürlich ist es strenggenommen kein Mordaufruf, wenn Bannon nur sagt, dass er die Köpfe von Fauci und Wray aufspießen möchte. Aber man muss schon sehr schlechte Ohren haben und eine Menge Ignoranz und Naivität mitbringen, um diese Dog Whistle nicht zu hören.)

3. Republikaner wittern überall Zensur.

  • Zugegeben: Die Erkenntnis ist nicht ganz neu. Aber die Hartnäckigkeit, mit der etliche republikanische Senatorïnnen den vollkommen unpassenden Begriff ins Spiel bringen, erstaunt dann doch.
  • Jede Form von Content-Moderation? "Censorhip!" Facebooks Abteilungen für Content-Policy? "Censorship-Teams!" Ein Tool, mit dessen Hilfe Beiträge den Moderatorïnnen zugewiesen werden? "Censorship-Software!"
  • Wir haben nicht nachgezählt, aber es muss eine dreistellige Zahl gewesen sein. Inhaltlich ist das natürlich Unsinn: Private Plattformen, die ihre Richtlinien durchsetzen, üben keine Zensur aus. Politisch verfängt es trotzdem. Dutzende Millionen Konservative dürften sich darin bestätigt sehen, dass ihnen im Netz der Mund verboten wird.

4. Republikaner wittern überall anti-konservativen Bias.

  • Zugegeben zum Zweiten: Die Erkenntnis ist nicht ganz neu. Aber die Hartnäckigkeit, mit der etliche republikanische Senatorïnnen auf dieser haltlosen Unterstellung herumreiten, erstaunt dann doch.
  • Immer wieder beschweren sich Republikaner, dass in erster Linie Konservative und Rechte von den Plattformen gemaßregelt werden. Daraus leiten sie ab, dass Facebook und Twitter voreingenommen seien.
  • Die naheliegende Möglichkeit, dass Republikaner schlicht öfter irreführende und falsche Behauptungen verbreiten, scheinen sie nicht in Betracht zu ziehen.

5. Die Reform von Section 230 wird ein Kraftakt.

  • Section 230 schützt Plattformbetreiber davor, für Inhalte zu haften, die Nutzerïnnen veröffentlichen. Ohne diesem (oder einem ähnlichem) Gesetz wären die heutigen Social-Media-Plattformen undenkbar.
  • Zuckerberg sagte bereits bei der vergangenen Senatsanhörung, dass er eine Reform von Section 230 befürworte. Diesmal bekannte sich auch Dorsey dazu.
  • Das Problem: Demokraten und Republikaner sind sich komplett uneins, wie und aus welchen Motiven heraus Section 230 geändert werden sollte. Die Demokraten wollen, dass die Plattformen mehr Verantwortung für Inhalte übernehmen. Die Republikaner wollen, dass sie die Plattformen zur Verantwortung ziehen können, wenn sie Inhalte entfernen oder mit Faktenchecks versehen.
  • Mehrere republikanische Senatoren, darunter der recht vernünftige Ben Sasse, äußern sich skeptisch, ob es eine gute Idee sei, privaten Konzernen noch mehr Entscheidungsmacht aufzuerlegen. Sie sagen, diese Ansicht verbreite sich zunehmenden in der republikanischen Partei. Wenn das stimmt, dürften Facebook und Twitter ihr Providerprivileg noch eine Weile behalten.

6. Alle können sich darauf einigen, dass Facebook und Twitter vor einer fast unmöglichen Aufgabe stehen.

  • Mehrere Eröffnungsstatements beginne mit den Worten: "Wir wissen, dass Sie es nicht beiden Seiten Recht machen können."
  • Demokraten und Republikaner sehen also durchaus, wie krass gespalten die USA sind. Es gibt zwei Lager, die in fast keiner Frage übereinstimmen und immer weiter auseinanderdriften.
  • Diese Polarisierung spiegelt sich in sozialen Medien. Egal, wie die Plattformen entscheiden: Einer wird immer wütend sein.
  • Da insbesondere Content-Entscheidungen meist nur genau zwei Möglichkeiten zulassen (Löschen/Nicht-Löschen, Label/kein Label), scheint ein Kompromiss kaum möglich zu sein. Für Facebook und Twitter ist das unangenehm – für die US-Gesellschaft ist dieser Dualismus katastrophal.

7. Facebook trackt seine Nutzerïnnen über Apps, Geräte und Accounts hinweg.

  • Senator Josh Hawley fragte Zuckerberg nach einem Tracking-Tool namens "Centra" (Input), mit dem Facebook seine Nutzerïnnen angeblich überwache.
  • Er teilte einen Screenshot (Twitter / Josh Hawley), der angeblich die Oberfläche der Software zeigen soll. Angeblich habe er die Informationen von einem Whistleblower erhalten.
  • Zuckerberg bestätigte die Existenz des Tools nicht, dementierte sie aber auch nicht. Falls Facebook das Werkzeug in dieser Form einsetzt, weiß es wohl noch etwas mehr über seine Nutzerïnnen, als bislang öffentlich bestätigt wurde.
  • Unter anderem werden die IMEI-Nummern von Smartphones gespeichert und alle Accounts registriert, die sich dort anmelden. Wer etwa drei unterschiedliche Instagram-Konten auf demselben Handy nutzt, verrät Facebook also, dass sie zusammengehören.
  • Wer sich mit Adtech und der Tracking-Industrie beschäftigt, dürfte nur mit den Schultern zucken. Für die meisten Menschen, die weniger technisches Hintergrundwissen besitzen, sind solche Erkenntnisse aber wohl neu.

Be smart

Für uns bleiben nach der Anhörung (mindestens) zwei Fragen offen:

Wo war YouTube-Chefin Susan Wojcicki?

"Warum wird Susan Wojcicki nicht vom Kongress gegrillt", fragt Evelyn Douek. Das ist eine sehr gute Frage. YouTube war vor und während der Wahl eine der zentralen Plattformen für Desinformation und ist es bis heute (NYT). Es ist unverständlich, warum sich die öffentliche Aufmerksamkeit so oft auf Facebook konzentriert, Twitter noch einen kleinen Teil davon abbekommt und YouTube völlig unter dem Radar fliegt.

Haben Facebooks und Twitters Maßnahmen geholfen, Desinformation vor, während und nach der US-Wahl einzuschränken?

  • Dorsey und Zuckerberg zitieren nur aus Blogeinträgen und verweisen auf einige wenig aussagekräftige Zahlen. Twitter habe 300.000 Tweets als irreführend oder falsch gekennzeichnet (Twitter-Blog), das entspreche 0,2 Prozent aller Inhalte zur Wahl. Diese Label hätten geholfen, die Verbreitung einzuschränken.
  • Zuckerberg bringt immer wieder AI ins Spiel, die viele Inhalte frühzeitig erkenne und entferne.
  • Doch erst am Montag veröffentlichte Buzzfeed interne Facebook-Daten: Demnach sollen die Labels kaum dazu beitragen, die Verbreitung der Desinformation zu verhindern. Angestellte hätten gefordert (The Information), irreführende Postings stärker zu drosseln.
  • Beide Konzernchefs versprechen, mit unabhängigen Forscherïnnen zusammenzuarbeiten. Diese sollen Zugang zu internen Daten erhalten, um den Erfolg der Maßnahmen zu überprüfen. Vermutlich wird es also noch einige Monate dauern, bis eine aussagekräftige Evaluierung möglich ist – und dann wissen wir immer noch nicht, was in geschlossenen Gruppen und verschlüsselten Messengern los war.

Zahl der Woche

33 Millionen

So viele Teilnehmerïnnen verbuchte ein virtuelles Konzert von Lil Nas X bei Roblox (The Verge). Einfach nur verrückt.


Follow the money

YouTube: Fortan könnte es quasi bei allen Videos Werbung geben, profitieren werden aber weiterhin nur einige wenige (The Verge): Mitglieder des Creator Programs und – äh – YouTube.


Schon einmal im Briefing davon gehört

Zoom mausert sich zur Plattform: Bislang ist Zoom den meisten nur als Video-Konferenz-Tool bekannt. Das könnte sich aber in den kommenden Monaten und Jahren ändern. Mit der Einführung sogenannter Zapps – also Apps bei Zoom – möchte das Unternehmen eine eigenständige Plattform werden. Anstatt Zoom nur als ein Tool unter vielen zu begreifen, möchte die Firma zum zentralen Dreh- und Angelpunkt für digitales Arbeiten heranreifen.


Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Fleets: Twitter hat nun auch eine Story-Funktion. Nach vielversprechenden Tests in Brasilien wird das Feature jetzt weltweit ausgerollt. Wir schauen uns in den kommenden Tagen an, wie die Funktion (in Deutschland) angenommen wird und ordnen die dahinterliegenden Funktionen (z.B. Vergänglichkeit) und Strategien (z.B. mehr Posten) ausführlicher ein. Falls du eine spezielle Frage zu Fleets haben solltest, immer her damit!

Instagram

  • Guides werden nach erfolgreichen Tests jetzt weltweit ausgerollt (Techcrunch). Mit Instagram Guides können Kreative direkt innerhalb von Instagram Inhalte teilen, die weit über Foto- und Video-Posts hinausgehen. Die Funktion erinnert eher an Blogposts. Instagram Guides bekommen ein eigenes Tab auf der Profilseite, können Posts, Videos und Notizen beinhalten und via Stories und Direct geteilt werden.

Facebook

  • E.gg: Facebooks Entwicklerteam hat einmal mehr eine App auf die Welt losgelassen. Mit E.gg lassen sich Collagen erstellen, die dann per URL geteilt werden können. Dabei können dann z.B. Fanpages, Guides, digitale Visitenkarten oder Rezepte entstehen. Fancy!

Fortnite

  • Houseparty-Integration: Bei Fortnite können Nutzerïnnen fortan Houseparty nutzen (Engadget), um so mit anderen Gamern virtuell abzuhängen. Spannend zu sehen, wie Games immer mehr zu Plattformen werden…

Soundcloud

  • Verifikation: Soundcloud hat erkannt, dass es sich durchaus lohnen kann, Profilseiten zu verifizieren (Blog / Soundcloud). Künstlerïnnen können sich jetzt um einen blauen Haken bewerben, um zu verdeutlichen, dass es sich bei ihnen um den echten Account handelt.

Bandcamp

  • Livestreams: Bandcamp ist für viele Musik-Nerds einer der wichtigsten Orte der Welt. Jetzt führt Bandcamp neue Livestreaming-Funktionen (Blog / Bandcamp) ein, die es Musikerïnnen ermöglichen, digitale Konzerte via Bandcamp zu organisieren – Hosting, Ticketing und Merch-Verkäufe inklusive.

Tipps, Tricks und Apps

  • Slack nutzen wie Slack-Mitarbeiter: Bei Protocol gibt es einen spannenden Artikel mit Tipps und Tricks rund um Slack. Der Clou: Sämtliche Tipps kommen von Slack-Mitarbeiterïnnen selbst.

Lecture #2

Am 3.12. um 17:00 Uhr findet die zweite Social Media Watchblog Lecture statt. Diesmal freuen wir uns auf einen Vortrag von Philipp Lorenz-Spreen. In rund 45 Minuten erzählt euch Philipp, wie die Flut an Informationen in sozialen Medien das gesellschaftliche Miteinander verändert und was mensch leisten kann, um nicht zu ersaufen. In diesem Video stellt Philipp seine Arbeit vor.

Wer an der Lecture teilnehmen möchte, antwortet uns bitte auf diese Mail mit "Philipp". Wir schicken dann zwei Tage vorher per Mail einen Link zum Call. Wenn alles geklappt hat, müsstest du dir hier die iCal-Datei herunterladen können, um den Termin direkt im Kalender einzutragen. Wir freuen uns sehr, wenn du Lust hast, dabei zu sein! #EachOneTeachOne


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Medienstaatsvertrag und Social Media: Neue Gesetze für TikTok, Instagram und Co

Was ist

Fast unbemerkt ist am 7.11.2020 der Medienstaatsvertrag in Kraft getreten. Nach langen Diskussionen konnten sich die Länder auf die „Modernisierung der Medienordnung“ einigen, nachdem das Bundesverfassungsgericht schon 2018 auf die massiven Verschiebungen durch „die Netz- und Plattformwirtschaft einschließlich der sozialen Medien“ hingewiesen hatte und damit die Debatten um Fake News, Hatespeech, Filterblasen und die Meinungsmacht der großen Plattformen aufgriff. Nun hat der Gesetzgeber nachgezogen. Ziel des Medienstaatsvertrages ist es, die vom Verfassungsgericht skizzierten Probleme anzugehen und die Vielfalt der Medien sowie die „kommunikative Chancengleichheit“ zu wahren. Das war mit dem Rundfunkstaatsvertrag von 1991 nicht mehr zu bewerkstelligen, der die Existenz der großen digitalen Kommunikationsplattformen ausblendete. Die Begründung des Medienstaatsvertrages bezeichnet soziale Netzwerke und Suchmaschinen nun als „digitale Gatekeeper“, die in den medienrechtlichen Rahmen einbezogen werden.

Regelungen im Überblick

  • Social Bots und politische Werbung: Im Bereich der Social Bots sorgt der Medienstaatsvertrag vor allem für Transparenz. Die Länder sehen die Gefahr der Beeinflussung der Meinungsbildung durch von Computerprogrammen automatisiert erstellten Inhalten. Ab sofort müssen diese Inhalte gekennzeichnet werden, wenn das Nutzerkonto dem Anschein nach auf menschliche Kommunikation schließen lässt. Diese Kennzeichnungspflicht auf sozialen Netzwerken wie Facebook, TikTok und Twitter trifft diejenigen, die den automatisierten Account betreiben. Aber auch die sozialen Netzwerke selbst müssen dafür Sorge tragen, dass die Pflicht auch eingehalten wird. Ein weiterer Bereich in dem mit Transparenz der Gefahr von Manipulationen begegnet werden soll, ist der Bereich der Werbung. Ab sofort muss politische, weltanschauliche und religiöse Werbung als solche gekennzeichnet sein. Damit die Nutzerïnnen über den Ursprung und die Finanzierung solcher Werbung informiert sind, muss auch auf die Werbenden bzw. Auftraggeber deutlich hingewiesen werden.
  • Algorithmische Sortierkriterien: Interessant sind vor allem die neuen Transparenzpflichten für algorithmische Sortierkriterien. Den Nutzerïnnen von sozialen Netzwerken und Suchmaschinen aber auch allen Medienhäusern, die ihren Content dort verbreiten, sollen nun erstmals die Kriterien offengelegt werden, nach denen Inhalte angezeigt und sortiert werden. Die sog. Medienintermediäre („jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote Dritter aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen“) müssen nun die Kriterien, die über den „Zugang und Verbleib eines Inhalts“ auf der Plattform entscheiden sowie die „zentralen Kriterien der Aggregation, Selektion und Präsentation sowie ihre Gewichtung und die Funktionsweise der Algorithmen“ leicht auffindbar und in verständlicher Sprache offenlegen. Wesentliche Änderungen der Kriterien müssen zudem rechtzeitig bekannt gemacht werden. An diese zu veröffentlichenden Relevanzkriterien knüpft der Medienstaatsvertrag ein Diskriminierungsverbot. Damit ist es erstmals gesetzlich verboten, dass unzulässiger Einfluss auf die Auffindbarkeit der Medienangebote genommen wird. Angebote dürfen nicht aufgrund ihrer politischen Ausrichtung oder ihrer Organisationsform über- oder unterrepräsentiert sein.
  • Sorgfaltspflichten nun auch für Blogs, Podcasts und YouTube Accounts: Neu ist, dass sämtliche journalistischen Online-Medien die journalistische Sorgfaltspflicht einhalten müssen. Seit jeher müssen Rundfunk und Presse online wie offline diese Sorgfaltsstandards einhalten. Sie müssen Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der „nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit“ überprüfen. Maßstab dafür ist der Pressekodex des deutschen Presserats, der z.B. das Gebot enthält, redaktionelle und werbliche Veröffentlichungen zu trennen. Der Medienstaatsvertrag verpflichtet nun neben Rundfunk und Presse auch Informationsdienste („andere geschäftsmäßig angebotene, journalistisch-redaktionell gestaltete Telemedien, in denen regelmäßig Nachrichten oder politische Informationen enthalten sind“) auf diese Sorgfaltspflichten. Gemeint sind journalistische Onlinemedien wie Blogs, Newsletter, Podcasts, YouTube etc. Neu ist auch, dass die Landesmedienanstalt bei Verstößen „erforderliche Maßnahmen“ ergreifen können. Als allerletztes Mittel wäre auch die Anordnung der Löschung von Inhalten denkbar. Dieser Aufsicht durch die Landesmedienanstalten können sich Informationsdienste aber entziehen, wenn sie Mitglied beim Deutschen Presserat oder einer Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle werden. Der Deutsche Presserat hat bereits reagiert und neue Mitgliedschaftsangebote für Online-Medien veröffentlicht.

Bigger Picture

Ein zentrales Problem in der von großen Plattformen dominierten Medienlandschaft ist es für Medien, überhaupt sichtbar und auffindbar zu sein. Auch dazu finden sich im Medienstaatsvertrag sog. Auffindbarkeitsregeln. Bestimmte Inhalte von Rundfunk, Mediatheken und Online-Medien müssen in Benutzeroberflächen „leicht auffindbar“ sein. Diese Regeln gelten aber nur für sog. Medienplattformen wie Joyn, TVNow und Zattoo. Im Gesetzgebungsverfahren wurde von einigen Wissenschaftlern gefordert, Auffindbarkeitsregeln auch für soziale Netzwerke und Suchmaschinen einzuführen. Die neuen Regeln betreffen nur einen kleinen Ausschnitt der Inhalte auf den sozialen Netzwerken. Dort gilt weiterhin vornehmlich das „Hausrecht“ der Plattformen. Die Gemeinschaftsstandards legen fest, welche Kommunikationsstandards auf den sozialen Netzwerken gelten und wie diese durchgesetzt werden (Automation-Rate bei YouTube über 99%). Einige Klauseln der Gemeinschaftsstandards und darauf basierende Löschentscheidungen der Netzwerke werden seit geraumer Zeit vermehrt durch Gerichte am Maßstab der Meinungsfreiheit aus Art. 5 GG überprüft.

Be smart

Die meisten Regeln des Medienstaatsvertrags gelten mit Inkrafttreten am 7.11.2020. Für einige Regeln gelten Übergangsfristen. Viele Detailfragen sind deshalb noch offen, weil die Landesmedienanstalten noch Satzungen schreiben, aus denen sich dann ergibt, wie z.B. die Kennzeichnungspflicht für Bots und die Transparenz der Sortierkriterien genau überprüft werden sollen. Mit dem Medienstaatsvertrag und dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat der Gesetzgeber erst begonnen, Social Media medienrechtlichen zu regeln. Deutschland ist dabei europa- und weltweit ein Vorreiter und man wird sehen müssen, ob die Regeln die gewünschten Erfolge erzielen können. Weitere Gesetze und Regeln werden aber folgen: So wird auch das Kartellrecht (GWB) ein Update bekommen, um möglichst frühzeitig gegen den Missbrauch von Marktmacht im Bereich digitaler Plattformen vorgehen zu können. Um die europäische Urheberrechtsrichtlinie umzusetzen, wird es voraussichtlich ein eigenes Gesetz für Kommunikationsplattformen/Social Media geben (Urheberrechts-Diensteanbieter-Gesetz). Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wird novelliert. Das wohl bedeutendste Gesetzgebungsverfahren läuft aber in Brüssel. Anfang Dezember soll der Entwurf des Digital Services Act vorgestellt werden. Erwartet wird, dass auch diese Initiative sich dem Problem der Meinungsmacht großer Plattformen und der Bekämpfung von Hassrede und Fake News widmet.
Autor: Jan Kalbhenn, Rechtsanwalt und Geschäftsführer am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Universität Münster
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Il faut parler de Parler | Google goes Abomodell | Womöglich doch kein erzwungener Verkauf von TikTok

Il faut parler de Parler

Was ist

Seit einigen Tagen geistert ein neues Netzwerk durch die Medienlandschaft: Parler. Jedes große US-Portal hat er Plattform mindestens einen Text gewidmet. Auch deutsche Medien berichten darüber.

Die Überschriften vermitteln einen guten Eindruck, was einen auf Parler erwartet:

Wir haben Parler in den vergangenen beiden Briefings jeweils nur kurz erwähnt (#682, #683). Das war Absicht: Wir hatten gehofft, das Netzwerk ignorieren zu können.

Angesichts der allgemeinen Aufmerksamkeit geben wir dieses Unterfangen auf. Die Gefahr, dass wir mit einem kostenpflichtigen deutschsprachigen Newsletter Werbung für ein rechtes US-Netzwerk machen, dürfte gering sein. Zumindest medienethisch müssen wir uns also keine Sorgen machen.

Trotzdem fassen wir uns kurz – denn wir haben immer noch die Hoffnung, dass Parler genauso wie Diaspora, Ello, Vero und Openbook seine 15 days of fame abbekommt und dann wieder von der Bildfläche verschwindet.

Was hinter Parler steckt

  • Die Plattform wurde 2018 gegründet. Trotz des französischen Namens handelt es sich um ein US-Unternehmen.
  • Parler beschreibt sich selbst so: "A non-biased, free speech social media focused on protecting user's rights."
  • Das impliziert: Alle anderen Plattformen sind voreingenommen und beschränken die Redefreiheit. Beide Behauptungen sind Unsinn.
  • Parler hat Geld von prominenten Konservativen eingesammelt, unter anderem von Rebekah Mercer (WSJ), der Tochter von Robert Mercer.
  • Mercer? Richtig, da war was (Techdirt): Robert Mercer ist ein wichtiger Unterstützer von Donald Trump, Breitbart und auch Cambridge Analytica.

Warum alle über Parler reden

  • Seit einigen Monaten wiederholt sich immer wieder der gleiche Ablauf: Facebook, YouTube und Twitter verschärfen ihre Maßnahmen (oder setzen bestehende Regeln endlich um), woraufhin in rechtskonservativen Kreisen das "Zensur"-Klagelied angestimmt wird.
  • Rechte Influencerïnnen beschweren sich bei ihrem Millionenpublikum, dass ihnen die Plattform gelegentlich das Mikrofon unter der Nase wegziehen, wenn sie gegen der Richtlinien verstoßen. Sie fordern ihre Followerïnnen auf, zu Alternativen zu wechseln.
  • Eine dieser Alternativen ist eben Parler, das wir bereits im Juni als "das neue Refugium für die Rechte" bezeichneten.
  • Nach einem weiteren Peak im August verzeichnet Parler seit der US-Wahl starke Zuwächse. Binnen einer Woche stieg die Zahl der Nutzerïnnen von 4,5 auf acht Millionen (NYT).

Warum Parler gerade jetzt groß wird

  • Die großen Plattformen haben vor, während und nach der US-Wahl ungewohnt entschlossen durchgegriffen. Sie löschen Lügen, Desinformation und irreführende Behauptungen.
  • Wenig überraschend trifft das vor allem jene, die Lügen, Desinformation und irreführende Behauptungen verbreiten.
  • Einflussreiche rechtskonservative und rechtsradikale Persönlichkeiten wie Sean Hannity, Mark Levin und Dan Bongino trommeln deshalb für Parler – allerdings sind sie gleichzeitig auch weiter auf den angeblich ach so schlimmen "Mainstream"-Netzwerken aktiv.
  • Dazu gesellen sich Figuren wie Alex Jones, gewaltbereite Extremistïnnen wie die "Proud Boys" und die Mitglieder der Facebook-Gruppe "Stop the Steal", die bereits von den anderen Plattformen verbannt wurden.

Was auf Parler los ist

  • Wenn ein Netzwerk Redefreiheit und absolute Neutralität als wichtigste Merkmale in den Vordergrund stellt, führt das nicht dazu, dass tatsächlich alles gesagt wird – den Ton geben immer rechte Schreihälse an, die ungestört pöbeln können.
  • Nach 4chan, 8chan und Gab greift dieser Mechanismus auch auf Parler. Das Meinungsspektrum beginnt im rechten Flügel der Republikaner und reicht bis ganz nach Rechtsaußen.
  • Parler wirkt genauso "non-biased", wie Fox News "fair and balanced" ist – gar nicht. Tatsächlich wirft Parler sehr wohl Nutzerïnnen raus: Linke und Liberale (Techdirt).
  • Obwohl Parler im Gegensatz zu Gab nicht aktiv Rechtsradikale anwirbt, ist das Resultat ähnlich: Nazis, Rassistïnnen, Antisemitïnnen, Verschwörungsgläubige – so ziemlich alles, was das Netz vergiftet, findet sich dort.
  • Wir haben selbst Accounts angelegt, um ein Gefühl für die Plattform zu bekommen, wollen die Inhalte aber nicht reproduzieren. Wer es genauer wissen will, kann bei Wired nachlesen, was dort abgeht.

Be smart

Es könnte sein, dass Parler bald wieder in der Versenkung verschwindet, in die es gehört. Rechte und rechtsradikale Inhalte lassen sich schlecht vermarkten, auch Gab und 8chan finden kaum Werbekunden und tun sich schwer damit, ein langfristiges Geschäftsmodell aufzubauen. Zudem wird Parler immer wieder von Spam und pornografischen Inhalten geflutet und kämpft mit massiven technischen Problemen.

Die Finanzierung durch die Mercer-Familie könnte Parler aber helfen, sich langfristig zu etablieren. Bis Trump im Januar aus dem Weißen Haus verschwindet, hat er noch reichlich Gelegenheit, seine Anhängerïnnen aufzustacheln. Sieben von zehn republikanischen Wählerïnnen glauben bereits, die Wahl sei nicht frei und fair abgelaufen (Politico).

Obwohl es keinerlei Belege für Wahlmanipulation gibt, entsteht in einem signifikanten Teil der Bevölkerungen ein Verschwörungsglaube. Wenn diese Menschen den Weg zu Parler finden, droht eine gefährliche Echokammer, die völlig von der Realität entkoppelt ist.

Wenn Trump im Januar seine Vorzugsbehandlung auf Twitter verliert, könnte sein Account schneller dicht sein, als er "CENSORSHIP!" schreiben kann. Parler versucht seit Monaten (WSJ), Trump und einen Teil seiner rund 89 Millionen Followerïnnen anzulocken. 2021 könnte es so weit sein.


Google goes Abomodell

Was ist

Seit mehr als 23 Jahren gilt: Fast alle Google-Dienste sind gratis. Es gibt einige kostenpflichtige Produkte für Business-Kunden und das Mobilfunkangebot Google Fi, aber die meisten privaten Nutzerïnnen bezahlen nicht in Dollar und Euro, sondern mit ihren Daten und ihrer Aufmerksamkeit.

Doch angesichts sinkender Online-Werbepreise scheint auch Google nach neuen Geschäftsmodellen oder zumindest netten Nebenverdiensten zu suchen: In den vergangenen Wochen gab es viele Anzeichen, dass Google daran arbeitet, möglichst viele Menschen zu überzeugen, ein kostenpflichtiges Abonnement für seinen Dienst Google One abzuschließen.

Wofür Google One steht

  • Vor zwei Jahren startete Google One als Bezahlmodell für Cloud-Speicher. Nutzerïnnen konnten das Limit des Gratis-Speichers von 15 GB aufstocken, das für Google-Produkte wie Gmail, Drive und Photos gilt.
  • 100 GB kosten 2 Euro pro Monat oder 20 Euro im Jahr, für 200 GB will Google 3/30 Euro, ab zwei TB wird es teuer (10/100 Euro). Der Speicherplatz lässt sich mit Familienangehörigen teilen.
  • Im Laufe der Zeit kamen für Abonnentïnnen sukzessive kleinere Vorteile hinzu, etwa zusätzlicher Rabatt im Google-Store, Play-Store-Credits oder vergünstigte Hotelbuchungen.

Wie Google das Abo pusht

  • Seit kurzem scheint Google die Bemühungen zu verstärken und fährt dabei offenbar eine Doppelstrategie: Die Vorteile werden attraktiver, dafür wird das Gratis-Angebot eingeschränkt.
  • Unter anderem erhalten Abonnentïnnen künftig wohl erweiterte Bearbeitungsfunktionen für Fotos. Außerdem führt Google (zunächst nur in den USA) einen VPN-Dienst ein, den alle Menschen nutzen können, die für das 2-TB-Paket zahlen.
  • Entscheidender als die Boni dürften die Einschränkungen sein, die Google für Gratis-Nutzerïnnen vornimmt: Von Juni 2021 lassen sich Fotos nicht mehr unbegrenzt (The Verge) in reduzierter Auflösung bei Google Photos speichern. Nach diesem Stichtag zählen die Bilder ebenfalls gegen das Limit von 15 GB.
  • Ausgenommen sind nur Besitzerïnnen aktueller Pixel-Geräte, die weiter unbegrenzt Fotos hochladen können. Für künftige Pixel-Smartphones gilt das aber nicht.
  • Damit beschneidet Google einen der größten Vorteile der eigenen Geräte, die sich ohnehin schlecht verkaufen und abgesehen von der Kamera und den schnellen Updates kaum Alleinstellungsmerkmale haben.
  • Die ersten Pixel-Generationen bewarb Google noch aggressiv mit unbegrenztem Speicher für alle Fotos und Videos in Original-Auflösung und mokierte sich in den Werbespots über Apple, das nur 5 Gratis-GB in der iCloud anbietet.
  • Für spätere Modelle gab es nur noch unbegrenzten Speicher in reduzierter Qualität. Vom Pixel 6 an verschwindet auch dieser Vorteil.

Be smart

Ob sich Google einen Gefallen damit, die eigene Hardware derart zu sabotieren, wissen wir nicht. Genauso wenig können wir vorhersagen, ob Menschen, die sich daran gewöhnt haben, dass Google-Produkte gratis sind, bereit sind, plötzlich Geld zu bezahlen.

Verlage kämpfen schließlich seit Jahren damit, dass sich Menschen daran gewöhnt haben, dass viele journalistische Inhalte einfach im Netz stehen. Das liegt nicht an den Menschen, sondern an den Verlagen: Sie haben es jahrzehntelang versäumt, das Print-Abo digital neu zu denken. Es ist ein langwieriges Unterfangen, dieses gelernte Verhalten wieder zu ändern – das dürfte auch für Google gelten.

Neben der Sicht der Nutzerïnnen gibt es noch die Perspektive der konkurrierenden Unternehmen – und die dürften gerade ziemlich angefressen sein. Google konnte sich es leisten, jahrelang Geld mit Photos zu verbrennen. Start-ups wie Everpix, Loom, Ever und Picturelife (Twitter / Casey Newton) hatten keine Chance und mussten aufgeben.

Nun nutzen mehr als eine Milliarden Menschen Google Photos, und es gibt nur noch wenige große Anbieter auf dem Markt. Die meisten gehören zu Milliardenkonzernen wie Apple, die es sich genau wie Google erlauben können, ihre defizitären Dienste querzufinanzieren.

Will Oremus sieht darin einen Grund (OneZero), Konzerne wie Google härter zu regulieren oder gar zu zerschlagen:

Instead, this move is best understood from the standpoint of competition and antitrust. It’s Google’s vast size and scope that gave it unmatchable advantages over smaller rivals. In retrospect, the free storage offer looks a lot like predatory pricing, whether that was Google’s intent or not. But the bigger picture is that Google, like other dominant platforms, has its hand in so many different, mutually reinforcing lines of business that it will always be incentivized to leverage them in anticompetitive ways. From a certain standpoint — the standpoint of maximizing profit and shareholder value — it would be foolish not to.


Tick, Tick, Ti… Die TikTok-Uhr geht nach

Was ist

Während TikTok in Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre in Europa investiert (TikTok-Newsroom), Content-Moderatorïnnen von Facebook abwirbt (CNBC), in Deutschland von Datenschützerïnnen kritisiert wird (Netzpolitik) und der Mutterkonzern ByteDance in China Rekordumsätze macht (SCMP), schlägt die Tragikomödie in den USA eine neue Volte: Es sieht so aus, als sollte TikTok vorerst weder verkauft, noch verbannt werden – und auch keine "Partnerschaft" mit Oracle und Walmart eingehen.

The Verge bringt die Absurdität in einer Überschrift auf den Punkt: "TikTok says the Trump administration has forgotten about trying to ban it, would like to know what’s up"

Be smart

Wir haben in den vergangenen Monaten ungefähr ein Dutzend Briefings mit Hunderttausenden Zeichen über TikTok gefüllt. Wir haben uns die Finger wund geschrieben, uns in juristische Details der Executive Orders eingearbeitet und versucht, zwischen Verbot, Verkauf und Deal nicht den Überblick zu verlieren.

Wir könnten auch jetzt wieder in die Details einsteigen und erklären, wie sich Justizministerium (Techcrunch) und das Committee on Foreign Investment in the U.S. (Vox) verhalten, was Richterïnnen dazu sagen und wie sich das auf die Deadline für einen Verkauf auswirkt. Das sparen wir uns. Morgen ist doch eh wieder alles ganz anders.


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Achtung, Fake! Twitter hat drei vermeintliche Accounts von Leiterïnnen des Pharmaunternehmens BioNTech deaktiviert. Wochenlang konnten Unbekannte ungehindert rund 60.000 Follower:innen sammeln, berichtet netzpolitik. Auch einige Kollegïnnen fielen auf die Fake-Accounts herein.

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Social Media im neuen Medienstaatsvertrag | Reels bei Instagram jetzt ganz zentral, Journalismus bei TikTok | Kein YouTube Rewind 2020

Neue Gesetze für TikTok, Instagram und YouTube: Social Media im neuen Medienstaatsvertrag

Was ist

Fast unbemerkt ist am 7.11.2020 der Medienstaatsvertrag in Kraft getreten. Nach langen Diskussionen konnten sich die Länder auf die „Modernisierung der Medienordnung“ einigen, nachdem das Bundesverfassungsgericht schon 2018 auf die massiven Verschiebungen durch „die Netz- und Plattformwirtschaft einschließlich der sozialen Medien“ hingewiesen hatte und damit die Debatten um Fake News, Hatespeech, Filterblasen und die Meinungsmacht der großen Plattformen aufgriff. Nun hat der Gesetzgeber nachgezogen. Ziel des Medienstaatsvertrages ist es, die vom Verfassungsgericht skizzierten Probleme anzugehen und die Vielfalt der Medien sowie die „kommunikative Chancengleichheit“ zu wahren. Das war mit dem Rundfunkstaatsvertrag von 1991 nicht mehr zu bewerkstelligen, der die Existenz der großen digitalen Kommunikationsplattformen ausblendete. Die Begründung des Medienstaatsvertrages bezeichnet soziale Netzwerke und Suchmaschinen nun als „digitale Gatekeeper“, die in den medienrechtlichen Rahmen einbezogen werden.

Regelungen im Überblick

  • Social Bots und politische Werbung: Im Bereich der Social Bots sorgt der Medienstaatsvertrag vor allem für Transparenz. Die Länder sehen die Gefahr der Beeinflussung der Meinungsbildung durch von Computerprogrammen automatisiert erstellten Inhalten. Ab sofort müssen diese Inhalte gekennzeichnet werden, wenn das Nutzerkonto dem Anschein nach auf menschliche Kommunikation schließen lässt. Diese Kennzeichnungspflicht auf sozialen Netzwerken wie Facebook, TikTok und Twitter trifft diejenigen, die den automatisierten Account betreiben. Aber auch die sozialen Netzwerke selbst müssen dafür Sorge tragen, dass die Pflicht auch eingehalten wird. Ein weiterer Bereich in dem mit Transparenz der Gefahr von Manipulationen begegnet werden soll, ist der Bereich der Werbung. Ab sofort muss politische, weltanschauliche und religiöse Werbung als solche gekennzeichnet sein. Damit die Nutzerïnnen über den Ursprung und die Finanzierung solcher Werbung informiert sind, muss auch auf die Werbenden bzw. Auftraggeber deutlich hingewiesen werden.
  • Algorithmische Sortierkriterien: Interessant sind vor allem die neuen Transparenzpflichten für algorithmische Sortierkriterien. Den Nutzerïnnen von sozialen Netzwerken und Suchmaschinen aber auch allen Medienhäusern, die ihren Content dort verbreiten, sollen nun erstmals die Kriterien offengelegt werden, nach denen Inhalte angezeigt und sortiert werden. Die sog. Medienintermediäre („jedes Telemedium, das auch journalistisch-redaktionelle Angebote Dritter aggregiert, selektiert und allgemein zugänglich präsentiert, ohne diese zu einem Gesamtangebot zusammenzufassen“) müssen nun die Kriterien, die über den „Zugang und Verbleib eines Inhalts“ auf der Plattform entscheiden sowie die „zentralen Kriterien der Aggregation, Selektion und Präsentation sowie ihre Gewichtung und die Funktionsweise der Algorithmen“ leicht auffindbar und in verständlicher Sprache offenlegen. Wesentliche Änderungen der Kriterien müssen zudem rechtzeitig bekannt gemacht werden. An diese zu veröffentlichenden Relevanzkriterien knüpft der Medienstaatsvertrag ein Diskriminierungsverbot. Damit ist es erstmals gesetzlich verboten, dass unzulässiger Einfluss auf die Auffindbarkeit der Medienangebote genommen wird. Angebote dürfen nicht aufgrund ihrer politischen Ausrichtung oder ihrer Organisationsform über- oder unterrepräsentiert sein.
  • Sorgfaltspflichten nun auch für Blogs, Podcasts und YouTube Accounts: Neu ist, dass sämtliche journalistischen Online-Medien die journalistische Sorgfaltspflicht einhalten müssen. Seit jeher müssen Rundfunk und Presse online wie offline diese Sorgfaltsstandards einhalten. Sie müssen Nachrichten vor ihrer Verbreitung mit der „nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit“ überprüfen. Maßstab dafür ist der Pressekodex des deutschen Presserats, der z.B. das Gebot enthält, redaktionelle und werbliche Veröffentlichungen zu trennen. Der Medienstaatsvertrag verpflichtet nun neben Rundfunk und Presse auch Informationsdienste („andere geschäftsmäßig angebotene, journalistisch-redaktionell gestaltete Telemedien, in denen regelmäßig Nachrichten oder politische Informationen enthalten sind“) auf diese Sorgfaltspflichten. Gemeint sind journalistische Onlinemedien wie Blogs, Newsletter, Podcasts, YouTube etc. Neu ist auch, dass die Landesmedienanstalt bei Verstößen „erforderliche Maßnahmen“ ergreifen können. Als allerletztes Mittel wäre auch die Anordnung der Löschung von Inhalten denkbar. Dieser Aufsicht durch die Landesmedienanstalten können sich Informationsdienste aber entziehen, wenn sie Mitglied beim Deutschen Presserat oder einer Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle werden. Der Deutsche Presserat hat bereits reagiert und neue Mitgliedschaftsangebote für Online-Medien veröffentlicht.

Bigger Picture

Ein zentrales Problem in der von großen Plattformen dominierten Medienlandschaft ist es für Medien, überhaupt sichtbar und auffindbar zu sein. Auch dazu finden sich im Medienstaatsvertrag sog. Auffindbarkeitsregeln. Bestimmte Inhalte von Rundfunk, Mediatheken und Online-Medien müssen in Benutzeroberflächen „leicht auffindbar“ sein. Diese Regeln gelten aber nur für sog. Medienplattformen wie Joyn, TVNow und Zattoo. Im Gesetzgebungsverfahren wurde von einigen Wissenschaftlern gefordert, Auffindbarkeitsregeln auch für soziale Netzwerke und Suchmaschinen einzuführen. Die neuen Regeln betreffen nur einen kleinen Ausschnitt der Inhalte auf den sozialen Netzwerken. Dort gilt weiterhin vornehmlich das „Hausrecht“ der Plattformen. Die Gemeinschaftsstandards legen fest, welche Kommunikationsstandards auf den sozialen Netzwerken gelten und wie diese durchgesetzt werden (Automation-Rate bei YouTube über 99%). Einige Klauseln der Gemeinschaftsstandards und darauf basierende Löschentscheidungen der Netzwerke werden seit geraumer Zeit vermehrt durch Gerichte am Maßstab der Meinungsfreiheit aus Art. 5 GG überprüft.

Be smart

Die meisten Regeln des Medienstaatsvertrags gelten mit Inkrafttreten am 7.11.2020. Für einige Regeln gelten Übergangsfristen. Viele Detailfragen sind deshalb noch offen, weil die Landesmedienanstalten noch Satzungen schreiben, aus denen sich dann ergibt, wie z.B. die Kennzeichnungspflicht für Bots und die Transparenz der Sortierkriterien genau überprüft werden sollen.

Mit dem Medienstaatsvertrag und dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat der Gesetzgeber erst begonnen, Social Media medienrechtlichen zu regeln. Deutschland ist dabei europa- und weltweit ein Vorreiter und man wird sehen müssen, ob die Regeln die gewünschten Erfolge erzielen können. Weitere Gesetze und Regeln werden aber folgen: So wird auch das Kartellrecht (GWB) ein Update bekommen, um möglichst frühzeitig gegen den Missbrauch von Marktmacht im Bereich digitaler Plattformen vorgehen zu können. Um die europäische Urheberrechtsrichtlinie umzusetzen, wird es voraussichtlich ein eigenes Gesetz für Kommunikationsplattformen/Social Media geben (Urheberrechts-Diensteanbieter-Gesetz). Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wird novelliert. Das wohl bedeutendste Gesetzgebungsverfahren läuft aber in Brüssel. Anfang Dezember soll der Entwurf des Digital Services Act vorgestellt werden. Erwartet wird, dass auch diese Initiative sich dem Problem der Meinungsmacht großer Plattformen und der Bekämpfung von Hassrede und Fake News widmet.

Autor: Jan Kalbhenn, Rechtsanwalt und Geschäftsführer am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM) an der Universität Münster


Social Media & Politik

  • Kaum politische Inhalte auf Facebook (?): Facebook fühlte sich im Nachgang zur Wahl genötigt, noch einmal zu unterstreichen, wie wenig Inhalte auf der Plattform zirkulieren, die etwas mit Politik zu tun haben. Laut Blogpost sind das lediglich 6 Prozent aller auf Facebook geteilten Inhalte. Schön und gut. Aber wie viele Menschen diese sechs Prozent am Ende erreichen, wissen wir weiterhin nicht.
  • Politische Anzeigen bleiben vorerst verboten: Mindestens für einen weiteren Monat bleiben politische Anzeigen bei Facebook untersagt, berichtet die New York Times.
  • Biden schlägt Trump sogar auf Twitter: Joe Biden hat Donald Trump nicht nur beim Kampf ums Weiße Haus besiegt sondern auch in Sachen Aufmerksamkeit bei Twitter (Politico).
  • Konservative switchen Apps: Parler, Rumble und Newsmax boomen: Wer sich schlecht behandelt fühlt, geht. Das ist im Digitalen nicht viel anders als im echten Leben. Dass derzeit so viele alternative Social-Media-Plattformen enormen Zulauf (NYT) verbuchen, darf trotzdem Kopfschmerzen bereiten. Ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft in unterschiedliche digitale Sphären verheißt nichts Gutes.
  • TikTok says the Trump administration has forgotten about trying to ban it, would like to know what’s up: Die Zeile der Woche kommt von The Verge. Eigentlich hätte TikTok am Donnerstag in den USA vom Netz gehen sollen. Hätte… Wie es weitergeht, ist derzeit völlig unklar.

Follow the money

  • Mitarbeiter sollen TikTok-Influencerïnnen werden: Ja, warum denn auch nicht? Das wird ja wohl nicht zu viel verlangt sein, wenn Mitarbeiterïnnen jetzt eben auch noch mal schnell ein bissl was auf TikTok posten. Ach so. Doch? Ist es? Nun, das sehen einige aus der Retail-Branche aber ganz anders: Retailers are pushing their employees to become TikTok influencers (Digiday).

Academia

  • Journalismus bei TikTok: Müssen Journalisten auf TikTok sein? Braucht dein Haus eine TikTok-Strategie? Und wenn ja: Wer soll denn dann bloß die Nachrichten tanzen? Diese und ähnliche Fragen dürften derzeit viele Kollegïnnen beschäftigen. Um darauf fundierte Antworten geben zu können, lohnt ein Blick auf die wissenschaftliche Untersuchung „How the news media are adapting to the logic of TikTok“. Darin analysieren die Autorinnen die Strategien von über 20 Medienunternehmen. Wer sich lieber selbst ein Bild machen möchte, bekommt in diesem Google Doc eine Liste mit Links zu 168 Medienhäusern auf TikTok.

Empfehlungen fürs Wochenende


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Redesign der Navigation: Wow, das ist mal eine Nachricht! Die Verantwortlichen bei Facebook und Instagram sehen TikTok tatsächlich so sehr als Gefahr für das eigene Geschäft, das Instagrams „TikTok-Klon“ nun zentral in die App integriert wird. Wir schauen uns das Verhältnis von Instagram Reels, TikTok und Triller nächste Woche noch einmal genauer an. Heute staunen wir erst einmal über das Signal, das von diesem Redesign der aktuell wohl wichtigsten Facebook-App ausgeht.

  • Vanish Mode: Snapchat hat vor vielen Jahren die Idee von vergänglichen Nachrichten populär gemacht. Die Idee dahinter: Auch im analogen Leben würde schließlich nicht jedes Gespräch und Telefonat archiviert. Jetzt zieht Facebook nach und ermöglicht einen sogenannten Vanish Mode bei Instagram und Facebook Messenger (Techcrunch). Im Gegensatz zu Snapchat ist das Feature aber nicht per default angeschaltet. Das müssen die Nutzerïnnen schon noch selbst machen.

Google

TikTok


Tipps, Tricks und Apps

  • WhatsApp Phone Storage: WhatsApp kann sich ganz schön arg auf den Speicherplatz des Telefons auswirken. WIRED erklärt, wie sich das ändern lässt: etwa indem das automatische Speichern von Fotos und automatische Downloads ausgeschaltet werden.

One more thing

  • Kein Rewind dieses Jahr: YouTube verzichtet dieses Jahr auf sein legendäres Best-of-Video. Es fühle sich einfach nicht richtig an mit Blick auf die Ereignisse in diesem Jahr, heißt es in der Begründung des Unternehmens. Vielleicht hat YouTube aber auch einfach keine Agentur gefunden, die bereit gewesen wäre, die Verantwortung für ein Rewind zu übernehmen. Nach der Kritik in den letzten Jahren nur all zu verständlich.

Header-Foto von Clay Banks bei Unsplash


Biden und Big Tech, EU greift Verschlüsselung an, 5 Gründe, warum du Telegram löschen solltest, Video Chat bei Tinder

Biden und Big Tech

Was ist

Seit Samstag ist klar: Der neue US-Präsident wird ein Demokrat. Dass der abgewählte Amtsinhaber nicht nur qua Parteizugehörigkeit wenig mit Demokratie am Hut hat, zeigt ein Blick auf seinen Twitter-Account. Dort wimmelt es von Hinweisen wie:

  • This claim about election fraud is disputed
  • Learn how voting by mail is safe and secure
  • Official sources may not have called the race when this was tweeted

Donald Trump weigert sich hartnäckig, seine Niederlage einzugestehen. Nach fast vier Jahren und mehr als 22.000 (Washington Post) irreführenden und falschen Behauptungen sollte das niemanden mehr überraschen. Das Maß der Demokratieverachtung ist trotzdem immer wieder erstaunlich.

Im Gegensatz zu Trump können wir es kaum erwarten, dass diese dunkle Ära bald vorbeigeht. Wir hoffen nur, dass der Machtwechsel friedlich verlaufen wird. Wir haben uns monatelang an der US-Wahl abgearbeitet und wollen diese Ausgabe nutzen, um nach vorn zu blicken: Was könnte sich mit Joe Biden und Kamala Harris ändern? Wie wird der neue US-Präsident die Netzpolitik prägen? Worauf muss sich das Silicon Valley einstellen?

Es kann gut sein, dass wir in einem der kommenden Newsletter den Blick wieder auf die traurige Gegenwart richten müssen. Trump und seine Anhängerïnnen fluten das Netz mit Lügen und Desinformation (CNN). Sie weichen auf "Free-Speech-Plattformen" wie Parler und Rumble aus (OneZero), der Präsident bereitet offen eine Art Staatsstreich vor (Vox), die Plattformen kommen mit dem Löschen kaum hinterher (Washington Post) – mal wieder.

Zudem ist Trump allein nicht die Ursache, sondern auch ein Symptom der polarisierten Gesellschaft und Social-Media-Welt: Wenn er verschwindet, bleiben immer noch 70 Millionen Menschen (Platformer), die ihn gewählt haben.

Für den Moment heißt es aber: Good bye, Donald – hello, Joe!

Wie das Silicon Valley auf die Wahl reagiert

  • Ausgesprochen zurückhaltend, zumindest was die Chefs der großen Konzerne angeht: Mark Zuckerberg, Jack Dorsey, Sundar Pichai und Tim Cook haben sich bislang nicht öffentlich geäußert.
  • Priscilla Chan schreibt gar (Facebook): "Today I’m celebrating the news with Max and August." Kein Wort über ihren Mann – das dürfte kein Zufall sein. Zuckerberg scheint wirklich sehr bedacht darauf zu sein, es sich bloß nicht mit republikanischen Nutzerïnnen zu verscherzen.
  • Jeff Bezos, den mit Trump eine innige Abneigung verbindet, gratuliert Biden und Harris dagegen (Instagram) und gibt seinem Intimfeind noch eins mit. "Unity, empathy, and decency are not characteristics of a bygone era."
  • Auch Sheryl Sandberg, Bill Gates, Brad Smith und andere Top-Managerïnnen melden sich mehr oder weniger deutlich zu Wort (Protocol).

Was Biden und Harris für das Silicon Valley bedeuten

  • Es ist zu früh, um die genauen netzpolitischen Leitlinien vorherzusagen, die Biden und Harris verfolgen werden. Seine offizielle Agenda, die Biden wenige Stunden nach seinem Wahlsieg veröffentlichte, geht gar nicht auf Aspekte wie Regulierung oder Privacy ein. Aber einige Tendenzen zeichnen sich bereits ab.
  • Biden hat Facebook und andere Tech-Plattformen in der Vergangenheit immer wieder scharf kritisiert. Insbesondere die, sagen wir, großzügige Auslegung der Meinungsfreiheit und der Kuschelkurs mit Trump empörten große Teile der Demokraten.
  • Die Skepsis des Biden-Lagers wurde auch nach der Wahl deutlich: In einem langen Thread (Twitter) rechnet sein Sprecher Bill Russo mit Facebook ab.
  • Tim Wu, der unter Obama an netzpolitischen Themen gearbeitet hat, sieht einen generellen Kurswechsel: "There has been a shift since the Obama administration, even among the people working in that administration, in the way they think about power in the tech world."
  • Biden ist mit Sicherheit kein Freund von Zuckerberg: "I’ve never been a fan of Facebook, as you probably know", sagte er Anfang des Jahres (NYT). "I’ve never been a big Zuckerberg fan. I think he’s a real problem."
  • Viele Tech-Konzerne hätten ihre Macht missbraucht, die Bevölkerung an der Nase herumgeführt, die Demokratie beschädigt und jede Form von Verantwortung abgelehnt, sagt ein Biden-Sprecher (NYT). "Das wird mit Präsident Biden enden."
  • Aber er ist auch nicht mit Elizabeth Warren vergleichbar, die eine Zeit lang als aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin galt und während des Wahlkampfs immer wieder forderte, Big Tech zu zerschlagen.
  • Im Gegenteil: Biden habe "lots of friends in the industry — it is a world he feels very comfortable with", zitiert die FT einen anonymen Manager eines großen Tech-Unternehmens.
  • Das gilt umso mehr für die gewählte Vizepräsidentin Harris, die selbst aus Oakland stammt und gute Verbindungen ins Silicon Valley hat.
  • Im Zuge seiner Präsidentschaft wird Biden unterschiedliche Allianzen eingehen und teils mit Republikanern zusammenarbeiten müssen, wenn er etwa Section 230 reformieren will.
  • Zudem dürften die Dutzenden Millionen Dollar, die das Silicon Valley in Lobbying investiert, allzu harsche Regulierung oder gar Zerschlagung verhindern.
  • Bidens Kampagne nahm bereits im Wahlkampf viel Geld aus der Tech-Branche an. Zu seinem Team gehören hochrangige Ex-Mitarbeiterïnnen von Google und Apple wie Jessica Hertz und Cynthia Hogan. Außerdem wird spekuliert, dass der frühere Google-Chef Eric Schmidt teil einer Tech-Taskforce werden könnte.
  • Wichtig wird auch, wie sich die Macht künftig im Senat verteilt. Falls die Republikaner dort die Mehrheit behalten, könnten sie unter Führung von Mitch McConnell etwa harte Datenschutzgesetze auf Bundesebene verhindern.
  • Selbst wenn Biden die Tech-Konzerne politisch härter anpackt als Trump (der zwar gedroht und gepoltert, aber inhaltlich nur wenig durchgesetzt hat), reagiert ein Teil der Branche erleichtert.
  • Der frühere Apple-Chefjurist Bruce Sewell geht etwa davon aus (NYT), dass die Tech-Chefs faktenbasierte Kritik dem willkürlichen Chaos vorziehen: "Biden’s not going to be easier on us – but at least it’s back to the devil that we know."
  • Zusammengefasst kann man sagen: Obama galt als Freund des Silicon Valley, auch Hillary Clintons Agenda war tendenziell Tech-freundlich. Das wird sich unter Biden ändern – passend zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Big Tech, die im vergangenen Jahrzehnt von hoffnungsvoll über kritisch bis feindlich wechselte.
  • Angesichts der nationalen und weltpolitischen Gemengelage (Corona-Pandemie, Klimakrise, Drogenkrise, Rezession, drohender Kollaps des Gesundheitssystem) dürfte die Regulierung von Big Tech aber nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Was sich in den kommenden vier Jahren ändern könnte

  • Axios, Bloomberg, FT, MIT Technology Review, netzpolitik, New York Times, Politico und Washington Post haben jeweils zusammengefasst, wie Biden Big Tech und Netzpolitik prägen könnte.
  • Wir heben insbesondere die Analyse von Elisabeth Giesemann und Nikolas Becker bei netzpolitik hervor, die zwar bereits am 26. Oktober erschienen, aber gut gealtert ist und immer wieder den Bogen zu Europa und Deutschland spannt. Die restlichen Texte destillieren wir in einigen Stichpunkten.
  • Genau wie Trump ist Biden kein Freund von Section 230 – allerdings aus ganz anderen Gründen. Trump wollte eine Vorzugsbehandlung, Biden will mehr Verantwortlichkeit für Inhalte.
  • Diesen Kurs dürfte Harris mittragen: Als Staatsanwältin von Kalifornien arbeitete sie an Gesetzen mit (Politico), die das uneingeschränkte Providerprivileg von Section 230 aufweichen.
  • Das könnte dazu führen, dass sich die USA der europäischen Auslegung von Meinungsfreiheit annähert, die sich hier im Zweifel anderen Grundrechten unterordnen muss, während sie vielen Amerikanerïnnen als heilig gilt.
  • (Der vielzitierte Erste Verfassungszusatz hat damit übrigens nichts zu tun. Das First Amendment schützt Bürgerïnnen vor Eingriffen durch den Staat. Für private Unternehmen gilt das nicht.)
  • Für die Netzneutralität ist der Machtwechsel eine gute Nachricht. FCC-Chef Ajit Pai agierte extrem konzernfreundlich und schaffte den Grundsatz ab, Datenpakete gleich zu behandeln. Diese Entscheidung dürften Biden und Harris rückgängig machen.
  • Deutlich mehr Datenpakete sollen künftig in ländlichen Regionen und zu Haushalten mit geringem Einkommen fließen. Biden hat angekündigt, das Breitbandinternet auszubauen und mehr Menschen daran anzuschließen.
  • Ein sofortiger Kurswechsel dürfte auch bei den H-1B-Visa anstehen, die es US-Unternehmen erlauben, Fachkräfte ins Land zu holen. Trump hatte diese Arbeitsvisa blockiert, was insbesondere das Silicon Valley hart trifft. "You'll see a 180 on that almost overnight", sagt ein Tech-Manager (FT). "This isn't about farm workers, this is about software programmers."
  • Für Edward Snowden wird sich dagegen wohl wenig ändern. Der Whistleblower, der gern aus seinem russischen Exil in die USA zurückkehren würde, gilt auch Biden als Staatsfeind.
  • Giesemann und Becker schreiben zum Thema Privacy und staatlicher Überwachung: "Bidens Haltung zu Snowden, seine Unterstützung durch die Intelligence-Community und die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit auf dem Thema lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass von Biden weder Schritte zur Stärkung von digitalen Bürgerïnnenrechten und Privatsphäre noch ein besserer Schutz für Whistleblower zu erwarten wären."
  • Was das Kartellrecht angeht, gilt es als wahrscheinlich, dass Biden das Antitrust-Verfahren gegen Google vorantreiben wird, das die USA im Oktober einleiteten (MIT Technology Review).
  • Auch Facebook, Amazon und Apple können sich auf vergleichbare Verfahren einstellen. Biden will unter anderem das Budget der notorisch unterfinanzierten FTC aufstocken, die für solche Ermittlungen mit zuständig ist. Er wird die Führung der FTC und des Justizministeriums neu besetzen, die Kartellverfahren vorantreiben können.
  • Im Sommer veröffentlichten die Demokraten einen 449-seitigen Bericht (PDF), der sich ausführlich mit wettbewerbsrechtlichen Fragen in digitalen Märkten beschäftigt und darauf hindeutet, dass schärfere Gesetze folgen könnten.
  • Es wird erwartet, dass Biden keine großen Zugeständnisse an China machen und den harten Kurs von Trump fortsetzen wird – allerdings weniger erratisch, irrational und konfrontativ. Es dürfte eher auf knallharte Verhandlungen als kalten Tech-Krieg hinauslaufen. Was das konkret für Konzerne wie ByteDance/TikTok, Tencent/WeChat und Huawei bedeutet, ist noch unklar.

Be smart

Nach der US-Wahl ist vor dem Corona-Impfstoff – und bereits wenige Stunden, nachdem Pfizer und BioNTech am Montag bekanntgegeben hatten, dass es einen vielversprechenden Wirkstoff gibt, breiteten sich Lügen und Panikmache aus.

Social-Media-Konzerne bekommen die Kampagnen der radikalen Impf-Verweigerïnnen seit Jahren kaum in den Griff. Wir können uns ausmalen, was im Netz los sein wird, wenn der erste Impfstoff zugelassen wird. Im September sagten nur die Hälfte der befragten Menschen in den USA (Pew Research), dass sie sich gegen Covid-19 impfen lassen wollen.

Der Kampf gegen Lügen und Desinformation wird weitergehen, selbst wenn der größte Lügner, den die USA bislang gesehen haben, das Weiße Haus verlässt. Und wenn es nicht gelingt, große Teile der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass der Impfstoff sicher ist und zuverlässig schützt, wird die Pandemie noch sehr viel mehr Opfern fordern. Den Plattformen, die für viele Menschen eine zentrale Nachrichtenquelle sind, kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.


EU greift Verschlüsselung an

Was ist

Nach dem Terroranschlag in Wien hat der EU-Ministerrat binnen fünf Tagen eine Resolution fertiggestellt(ORF), die die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung von Messengern wie WhatsApp und Signal aushebeln könnte. Die EU-Mitgliedsstaaten wollen Plattformbetreiber zwingen, Hintertüren in ihre Dienste einzubauen, damit Ermittlerïnnen mitlesen können.

Wie die Reaktionen ausfallen

Wie zu erwarten: empört, und das völlig zu Recht.

  • "Das ist nicht mehr Backdoor, sondern Frontdoor!", schreibt der EU-Abgeordnete Tiemo Wölken (Twitter).
  • "Letztlich würde aus der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eine löchrige Verschlüsselung mit Hintertür", kommentiert Constanze Kurz (Netzpolitik).
  • "Stattdessen würde uns dieser Schuss ins eigene Knie zurück in die Steinzeit katapultieren", sagt Dirk Engling (CCC), Sprecher des Chaos Computer Clubs.
  • "Das Netzwerk Datenschutzexpertise weist darauf hin, dass die Pflicht zum Bereithalten eines Generalschlüssels zum Mitlesen gesicherter Kommunikation verfassungs- und europarechtswidrig wäre und warnt davor, diese Entschließung zu treffen", sagt Thilo Weichert, der ehemalige Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein.
  • "Dieser tiefe Eingriff, der die IT-Sicherheit konterkariert und die bestehenden komplexen Softwaresysteme der Betreiber von Messenger-Diensten manipuliert, steht in keinem Verhältnis zum noch unbewiesenen Nutzen bei der Kriminalitäts- und Terrorbekämpfung", sagt Klaus Landefeld vom IT-Verband Eco.

Warum der Vorstoß eine schlechte Idee ist

Es scheint leider ein Naturgesetz zu sein: Sicherheitspolitikerïnnen nutzen jede sich bietende Gelegenheit, um die Verschlüsselung anzugreifen. Bis zu einem Grad ist das verständlich: Sie erschwert Ermittlerïnnen die Arbeit, Terroristen und Kriminelle können ungestörter kommunizieren. Auch beim Kampf gegen die Verbreitung von Aufnahmen, die Kindesmissbrauch zeigen, kann man nachvollziehen, warum Behörden verschlüsselte Messenger als Problem sehen.

Es gibt aber mehrere Argumente dagegen, E2E aufzuweichen:

  • Eine Backdoor, die nur für staatliche Behörden gedacht ist, landet früher oder später in anderen Händen. Sicherheit gibt es nur mit sicherer Verschlüsselung.
  • Damit gefährdet man die Daten aller Nutzerïnnen – die Verhältnismäßigkeit scheint mehr als fraglich.
  • Viele Anschläge – etwa der in Wien – lassen sich mit Hintertüren nicht verhindern. Im aktuellen Fall gab es schwere Ermittlungsfehler, der vorbestrafte Täter wurde weder überwacht noch eingesperrt. Dieses Muster hat sich auch bei vergangenen Anschlägen gezeigt.
  • Es wird immer Betreiber von Messengern geben, die keine Backdoors einbauen, weil sie sich nicht an gesetzliche Vorgaben halten. Kriminelle wechseln dann einfach den Kanal, während die Sicherheit der Kommunikation von Milliarden Menschen gefährdet wird.

Be smart

Der Vorstoß des EU-Ministerrats ist erstmal nur eine Absichtserklärung. Wenn daraus ein Gesetz werden soll, müssten noch zahlreiche politische und juristische Schritte folgen. Es bräuchte unter anderem die Zustimmung der EU-Kommission und des EU-Parlaments.

Unter anderem das Bundesinnenministerium dementiert diese Absicht. Der Entwurf enthalte "keinerlei Lösungsvorschläge oder Forderungen nach Schwächung von Verschlüsselungssystemen", sagt ein BMI-Sprecher (Golem). Die Bundesregierung hält demnach an den Eckpunkten der deutschen Kryptopolitik von 1999 fest. Dazu zähle das Konzept einer "Sicherheit durch Verschlüsselung und Sicherheit trotz Verschlüsselung".

Die harsche Reaktion ist trotzdem angebracht. Eine frühzeitige öffentliche Debatte schadet nie. Aber derzeit muss noch niemand fürchten, dass WhatsApp und Signal morgen mit Blick auf die Verschlüsselung von Inhalten unsicher sind.

Allerdings sind die EU-Mitgliedsstaaten nicht allein mit ihrem Bestreben: E2E steht derzeit weltweit unter Beschuss, unter anderem in Großbritannien, Australien, Indien und den USA. Die Global Encryption Coalition (GEC) stellt sich jedenfalls darauf ein (Heise), dass der Kampf für sichere Kommunikation jahrelang andauern wird.


Datenschutz-Department

  1. Standard-Chats auf Telegram sind nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt
  2. Auch Telegram greift Telefonbuch und Metadaten ab
  3. Telegram duldet Nazis und andere Menschenfeinde
  4. Telegram stellt sich häufig tot, wenn Journalisten Fragen haben
  5. Gruppen und Kanäle sind alles andere als unauffällig

Follow the money

  • Spotify erwägt Podcast-only Option : Spotify denkt darüber nach, eine Podcast-only-Option zu seinem Abo-Modell hinzuzufügen (Twitter / awallenstein). Ganz ohne Musik. Spannend!
  • WhatsApp Payments: WhatsApp-Nutzerïnnen in Indien können sich nun über den Messenger Geld schicken. Super schnell und super sicher, so Facebook. Nun denn. Wir werden das mal weiter beoabchten und sind gespannt, wann die Option in Europa eingeführt wird.
  • Twitch auch bei Beauty-Marken im Trend: Corona hat auch Influencer vor neue Herausforderungen gestellt. Anstatt um die Welt zu jetten, haben viele ambitionierte Markenbotschafterïnnen das Thema Livestreaming füf sich entdeckt, um zusätzliche Kanäle anbieten zu können. Digiday hat sich das einmal genauer angeschaut: Twitch emerges as rising platform for beauty brands.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Livestreaming: Bis zu vier Stunden können Nutzerïnnen jetzt bei Instagram live streamen. Zudem können Livestreams jetzt bis zu 30 Tage aufgehoben werden. (Twitter / Instagram)

Tinder

YouTube

  • My Mix: Dir gefällt bei Spotify die Daily-Mixes-Funktion? Das kann YouTube Music jetzt auch. Dort heißt das Feature My Mix. (Google Blog)

One more thing


Header-Foto von Clay Banks bei Unsplash


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