Monat: Oktober 2020

Social Media und die US-Wahl, Shopping-Livestreams, Wie Google den Journalismus umgarnt

Zehn Dinge, die du über Social Media und die US-Wahl wissen solltest

Was ist

Heute in einer Woche ist Wahltag. Wie lange es dauern wird, bis der neue Präsident feststeht, und ob der Verlierer seine Niederlage anerkennen wird, weiß niemand. Klar ist nur: Der Ausgang der Wahl wird nicht nur die USA, sondern die ganze Welt prägen.

Wir haben das Thema in den vergangenen Wochen rauf und runter analysiert und versucht, die Schnittmengen zwischen Politik, Silicon Valley und Social Media zu beleuchten. Bevor wir im kommenden Briefing wieder einen "Deep Dive“ zu den Vorbereitungen der Plattformen auf die Wahl liefern, geben wir diesmal einen Überblick der Entwicklungen der vergangenen Tage.

Dabei probieren wir ein neues Format aus: Jeden Link fassen wir in einem Satz zusammen und liefern dann noch etwas Kontext. Wir hoffen, dass du mit diesen zehn Takeaways gut für die kommende Woche gerüstet bist.

1. Donald Trump dominiert fast alle großen Plattformen, nur auf Twitter kann Biden mithalten.

  • Daten von CrowdTangle und SocialBlade zeigen, dass Trump seinen Herausforderer auf Facebook, Instagram und YouTube weit hinter sich lässt (NYT).
  • Das gilt nicht nur für die Zahl der Fans und Follower, sondern auch für die Interaktionen. Auf sämtlichen Kanälen lösen Trumps Inhalte um ein Vielfaches mehr Reaktionen aus.
  • Auch auf Twitter hat Trump (87,5 Mio.) fast achtmal mehr Follower als Biden (11,5), doch Tweets von Biden generieren mittlerweile mehr Retweets und Likes (Axios).
  • Das gilt aber nur, wenn man jeden Tweet einzeln betrachtet. In absoluten Zahlen liegt Trump, der teils Dutzende Tweet pro Tag verschickt, immer noch vorn.

2. Obwohl die Republikaner den Ton im Netz angeben, jammern sie über das angeblich voreingenommene Silicon Valley

  • Der Justizausschuss des Senats hat Mark Zuckerberg und Jack Dorsey vorgeladen (Politico), die sich am 17. November für ihren angeblich "anti-konservativen Bias" rechtfertigen müssen.
  • Auslöser ist der Umgang mit der hanebüchenen Geschichte der New York Post über Biden und seinen Sohn Hunter, den wir in Briefing #676 zusammenfassten.
  • Facebook drosselte die Reichweite des Links (der dennoch Hunderttausende Mal geteilt wurde (Gizmodo)), Twitter verbannte ihn gar komplett. Das steht im Einklang mit den Richtlinien der Plattformen.
  • Nach massiver Kritik hat Twitter seine Vorgaben für den Umgang mit Artikeln verändert, die auf mutmaßlich gehackten Dokumenten beruhen. Dorsey gab zu, die Sperre des Links nicht ausreichend erklärt zu haben.
  • Bereits vor der US-Wahl müssen Zuckerberg und Dorsey ein weiteres Mal aussagen: Gemeinsam mit Google-Chef Sundar Pichai stellen sie sich am Mittwoch Fragen zur Section 230 (Senate.gov).

3. Die Spenden des Silicon Valley landen fast ausschließlich bei Biden.

  • Zumindest in einer Hinsicht haben die Republikaner Recht: Wenn die Managerïnnen von Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft Geld für politische Zwecke spenden, dann profitieren davon in erster Linie die Demokraten (Protocol).
  • Unter den 20 größten Einzelspendern dieser Unternehmen gab nur Apples Chefjurist Douglas Vetter Geld für Trump.
  • Diese Überzeugungen einzelner Führungspersönlichkeiten beeinflussen jedoch nicht zwangsläufig auch den Kurs der Konzerne – im Gegenteil: Gerade Facebook scheint den Verdacht (vermeintlicher) Voreingenommenheit so dringend loswerden zu wollen, dass es geplante Algorithmus-Änderungen lieber nochmal überarbeitet, damit rechte Medien nicht darunter leiden (mehr dazu in Ausgabe #677).

4. Die Biden-Kampagne hat mehr Geld zu Verfügung und pumpt es ins Fernsehen.

  • Ende September hatte das Trump-Lager nur noch gut 60 Millionen Dollar übrig, während die Konten der Biden-Kampagne fast die dreifache Summe aufwiesen (NYT).
  • In den vergangenen Monaten hat Biden deutlich mehr Geld in TV-Werbung (NYT) investiert als Trump. Vor allem in den Swing States dominieren die Demokraten die Fernsehbildschirme.

5. Beide Kandidaten geben mehr Geld für TV-Werbung als für Facebook aus.

  • Seit Juli hat Joe Biden rund 67 Millionen Dollar in Facebook-Anzeigen investiert. Seit Mai hat er rund 74 Millionen für Fernsehwerbung ausgegeben – allein in Florida.
  • Insgesamt übersteigt das TV-Budget beider Kandidaten die Ausgaben für Social-Media-Werbung.
  • Das zeigt erneut: Wir reden zwar ständig über Microtargeting, Psychometrie und digitale Wahlkämpfe – das gute alte Fernsehen ist aber mindestens genauso wichtig.

6. Trump nutzt ein Netzwerk aus rechten Influencerïnnen und Medien, um Zweifel am Wahlergebnis zu säen.

  • Seit Monaten verbreitet Donald Trump Lügen über Legitimität und Sicherheit der Wahl, die in sozialen Medien wie wild um sich greifen (NBC).
  • Dabei stützt er sich auf eine "Army for Trump", die aus seinen Anhängerïnnen, rechten Aktivistïnnen und Medien besteht.
  • Forscherïnnen der Universität Washington warnen (Election Integrity Partnership), dass große linksliberale Medien die Botschaften der "Army for Trump" verstärkten und sie als bereits im Vorfeld als potenzielle Ursache für Gewaltausbrüche bezeichneten – das könne Menschen weiter verunsichern und vom Wählen abhalten.

7. Es gibt gute Gründe, dass Facebook droht, ein Forschungsprojekt zur Anzeigentransparenz zu schließen.

  • Das NYU Ad Observatory (auf dessen Daten wir in Punkt 5 verlinkt hatten) sammelt mit Hilfe einer Chrome-Erweiterung Daten über Facebook-Anzeigen.
  • Nun droht Facebook den Forscherïnnen (WSJ), das Projekt zu schließen, weil die Erweiterung gegen Facebooks Nutzungsdaten verstößt.
  • Die Empörung ist groß, und auf den ersten Blick ist das verständlich. Ausgerechnet Facebook, das selbst massenhaft Daten sammelt, will eine Initiative für mehr Transparenz dicht machen, weil sie angeblich zu viele Daten sammeln kann.
  • Doch so wünschenswert es wäre, die Blackbox Facebook gründlicher zu durchleuchten: Die Berechtigungen der Chrome-Erweiterung lassen üblen Missbrauch zu. Auch wenn die Forscherïnnen nur das Beste im Sinn haben mögen, ist es nachvollziehbar, dass Facebook keine doppelten Standards anlegen will (Protocol).

8. YouTube quillt über vor politischer Werbung – wortwörtlich.

  • Im Netz gibt es unendlich viel Platz? Zumindest nicht für YouTube-Anzeigen: Vor allem in Swing States wollen die Parteien mehr Werbung schalten, als YouTube vor Videos schalten kann (Bloomberg).
  • Dieses Problem tritt sonst nur vereinzelt auf, etwa am Black Friday und Cyber Monday.
  • Bereits im Februar hatte sich Trump den wohl wichtigsten digitalen Werbeplatz der Welt für die Tage vor der US-Wahl gesichert (SZ): den sogenannten Masthead-Werbeplatz mitten auf der YouTube-Startseite.

9. Facebook bereitet Maßnahmen für die Tage nach der US-Wahl vor, die für 'Risikoländer' wie Sri Lanka und Myanmar entwickelt wurden.

  • Auch Facebook fürchtet offenbar Unruhen und Gewalt. Mehrere Teams haben angeblich Notfallmaßnahmen entwickelt (WSJ), um schnell reagieren zu können.
  • Die möglichen Schritte umfassen demnach etwa Änderungen am Newsfeed und eine Drosselung für virale Inhalte. Außerdem könne die Schwelle gesenkt werden, bei der Inhalte automatisiert gelöscht werden, um die Ausbreitung von Lügen und Desinformation zu verhindern.
  • Das passt zu einem langen Facebook-Post von Zuckerberg aus dem September, in dem er Facebooks Vorbereitungen detailliert beschrieb.
  • Bereits im August berichtete die New York Times über interne Planspiele bei Facebook, in denen etwa simuliert wurde, was geschehen könne, sollte Trump die Plattform nutzen, um das Wahlergebnis anzuzweifeln.

10. Manche Medien haben aus 2016 gelernt: Das Wall Street Journal zeigt, dass es noch journalistische Verantwortung und echte Gatekeeper gibt.

  • Wir wollen mit einer guten Nachricht aufhören: Ben Smith beschreibt, wie das Wall Street Journal seinen Job erledigte und eine dubiose Geschichte erst gründlich prüfte und dann ablehnte (NYT).
  • Es ist nicht irgendeine Geschichte, sondern die Schmieren-Story über Hunter Biden, die wir auch im zweiten Takeaway erwähnen.
  • Trump und mehrere seiner engsten Vertrauten wollten die Geschichte dem WSJ unterjubeln – doch die Journalistïnnen ließen sich nicht für politische Zwecke einspannen, und der vermeintliche Skandal entfachte längst nicht die Wirkung, die sich Trump erhofft hatte.
  • Wie schließen uns Smith an, der am Ende bilanziert:
  •  

I’d prefer to put my faith in (…) careful, professional journalists like him than in the social platforms’ product managers and executives. And I hope Americans relieved that the gatekeepers are reasserting themselves will also pay attention to who gets that power, and how centralized it is, and root for new voices to correct and challenge them.


Social Media & Politik

  • Influencer und Verschwörungsmythen: Eine Recherche von Netzpolitik zeigt, wie Influencerïnnen auf Instagram Verschwörungsmythen verbreiten. Pikanterweise schmälert die Verbreitung dieses Blödsinns aber nicht ihren Erfolg. Sogar die Non-Profit-Organisation „Viva con Agua“ macht mit einem der Influencer gemeinsame Sache. Jedenfalls bis zum Artikel von Netzpolitik: Mit Influencer-Marketing gegen die „Coronadiktatur“.
  • Zensur statt Redefreiheit: Mark Zuckerberg betont immer wieder den Wert der Meinungsfreiheit. Mit seiner Rede an der Georgetown University im Oktober 2019 unterstrich der Facebook-Chef seinen Anspruch, nahezu bedingungslos für „freedom of expression“ einzutreten. Soweit so gut. Doch das Beispiel eines vietnamesischen Bloggers zeigt, das Unternehmen kann auch anders: Auf Druck von Vietnam: Facebook sperrt Kritik an Regierung (BR)
  • Epoch Times dürfte vielen ein Begriff sein: seit Monaten gehört die „Zeitung“ zu den Top-Publishern auf Facebook, immer schriller ist ihre Unterstützung für Trump, immer rechter ihre grundsätzliche Haltung. Die New York Times hat den Digital-Publisher unter die Lupe genommen: How The Epoch Times Created a Giant Influence Machine.

Das neue Teleshopping

Was ist

Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber schon jetzt lässt sich festhalten, dass Live-Shopping eines der großen Themen für US-Technologieunternehmen war.

  • Amazon startete im Juli Amazon Live für Influencer.
  • Instagram und Facebook führten im August Live-Shopping-Funktionen ein (The Verge).
  • Google testet ein Features namens Shoploop, das es ermöglicht im Stories-Format zu shoppen. Das ist zwar nicht live im eigentlichen Sinne. Durch die Vergänglichkeit der Stories-Funktion weißt es aber durchaus Ähnlichkeiten zum Live-Shopping auf.

Warum ist das interessant?

Be smart

Mit Blick auf die Pandemie und die zunehmende Verschränkung von Social Media und E-Commerce könnte Livestream-Shopping auch in der westlichen Welt arg zulegen. Be prepared.


Studien, Paper, Wissenschaft

  • Medienmäzen Google: Die beiden Netzpolitik-Kollegen Ingo Dachwitz und Alexander Fanta haben für die Otto-Brenner-Stiftung einen Report geschrieben, der beleuchtet, wie Google den Journalismus umgarnt. Aus Zeitgründen haben wir die 107 Seiten noch nicht en dé­tail selbst gelesen. Da wir aber die Arbeit von Dachwitz und Fanta sehr schätzen, können wir das Paper hier „blind“ empfehlen. Ihre sechs Thesen zum Verhältnis von Google und der Medienbranche, die auch als Fazit der Untersuchung dienen, lauten:
  1. Googles Medienförderungen ist ein strategisches Instrument für die Zwecke des Konzerns.
  2. Das Google-Geld weckt bei Journalistïnnen Sorgen vor korrumpierender Nähe.
  3. Die Google-Förderungen stärken das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den Medienhäusern.
  4. Die Medienbranche büßt durch Googles Fördergelder für Forschung und Kongresse die Fähigkeit zur eigenständigen Selbstreflexion ein.
  5. Google versucht, zur dominanten technologischen Plattform für das Nachrichtenökosystem zu werden.
  6. Förderungen müssen offengelegt werden und es braucht Alternativen zum Google-Geld.

Fanta und Dachwitz stellen ihre Studie am Dienstag, den 27.10.2020, um 09:30 online im Presseclub Concordia vor. Hier kann man sich für das Event anmelden. Kollege Daniel Bouhs ordnet die Studie bei ZAPP ein: Verlage haben immer weniger Berührungsängste mit Google.


Neue Features bei den Plattformen

YouTube

  • Vieles neu: Bei YouTube gibt es zahlreiche Updates (Techcrunch): u.a. eine Vorschau für einzelne Kapitel, eine prominentere Platzierung der Untertitel-Funktion und neue Möglichkeiten, die App über Gesten zu steuern.

Pinterest

Facebook

  • Gaming: Wir sind nicht so die Spiele-Experten. Wir verstehen aber sehr wohl, warum Gaming extrem wichtig ist, um Nutzerïnnen zu binden und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Nach der US-Wahl werden wir uns auch einmal ausführlicher mit dem Thema beschäftigen. Heute nur so viel: Facebook möchte beim Gaming-Markt auch ein Wörtchen mitreden. Oder zwei. Oder drei.

Snapchat


Tipps, Tricks und Apps

  • Photoshop Neural Filter: Adobe hat das neue Photoshop vorgestellt. Das müsste uns hier nicht weiter interessieren, wenn darin nicht spannende Filter-Funktionen zu finden wären. Sogenannte Neural Filter lassen bei Photoshop 2021 nämlich Gesichter nicht nur altern, sondern auch lächeln, Schwarz-Weiß-Fotos in Farbe erstrahlen und Landschaften in die verrücktesten Kunstwerke transformieren. In diesem YouTube-Video bekommt man einen Eindruck davon.
  • Clipdrop: Wie wäre es, wenn Copy und Paste auch mit Dingen aus dem realen Leben funktionieren würde? Jedenfalls in der Form, dass sie sich aus dem realen Leben ausschneiden und im digitalen Leben einfügen lassen? Coole Idee? Jupp. Say hello to Clipdrop! Ein wirklich spannendes Tool, um mal eben Dinge in die Präsentation einzufügen, das Mood-Board anzufetten, etc…
  • Pitch: Ja, Google Präsentationen, Keynote und Powerpoint erfüllen ihren Zweck. Aber wer tagtäglich Präsentationen baut, weiß auch um die Limitationen. Vor allem hinsichtlich der Kooperation mit Team-Mitgliedern. Genau hier kommt die neue Präsentations-Software Pitch ins Spiel. Nach langer Beta-Phase ist Pitch nun live und bietet wirklich allerhand Werkzeuge für schönere Folien und produktivere Zusammenarbeit.

One more thing

This is America: Einfach unfassbar, wie lang die Schlange vor diesem Wahlbüro ist (Twitter / justinhendrix). Was ist denn da bloß los in den USA?


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Facebook und linksliberale Medien, Instagram und dicke Menschen, WhatsApp und Kommerz, Twitch und Politik

Facebook soll linksliberale Medien abgestraft haben

Was ist

  • Vergangene Woche veröffentlichten Deepa Seetharaman und Emily Glazer eine lange Recherche: "How Mark Zuckerberg Learned Politics". Der Text erzählt, wie Mark Zuckerberg im Laufe der vergangenen Jahre sein Interesse an Politik und Policy entdeckte.
  • An der Uni soll Zuckerberg ein weitgehend unpolitischer Mensch gewesen sein, dessen Überzeugungen sich am ehesten als libertär bezeichnen lassen. Anfangs überließ er anderen Facebook-Managerïnnen wie Sheryl Sandberg den Großteil der politischen Entscheidungen.
  • Das änderte sich spätestens, als Donald Trump ins Amt kam: Zuckerberg merkte, wie wichtig politische Beziehungen und Themen wie Desinformation oder Integrität von Wahlen sind. Zuvor war er rein auf das Produkt fokussiert, allmählich beschäftigte er sich auch mit dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld von Facebook.
  • Die Recherche enthält zahlreiche interessante Details, die das Bild des Menschen und Managers Mark Zuckerberg ergänzen. Die mit Abstand größte Aufmerksamkeit erhielt jedoch folgender Absatz:

"In late 2017, when Facebook tweaked its newsfeed algorithm to minimize the presence of political news, policy executives were concerned about the outsize impact of the changes on the right, including the Daily Wire, people familiar with the matter said. Engineers redesigned their intended changes so that left-leaning sites like Mother Jones were affected more than previously planned, the people said. Mr. Zuckerberg approved the plans. "We did not make changes with the intent of impacting individual publishers," a Facebook spokesman said."

  • In einem langen Twitter-Thread empörte sich Clara Jeffery, Chefredakteurin von Mother Jones, über Facebooks angebliche Sabotage. Das linksliberale Magazin habe durch Facebooks Algorithmus-Änderung pro Jahr rund eine halbe Million Dollar verloren (Mother Jones).
  • Diese Woche legte Jeffery gemeinsam mit Geschäftsführerin Monika Bäuerlein nach. Gestützt auf weitere anonyme Quellen erhärteten die beiden die Vorwürfe. Facebook soll rechtskonservative Quellen wie Daily Wire bewusst bevorzugt haben, um es sich nicht mit den Republikanern und einflussreichen Medienpersönlichkeiten wie Ben Shapiro zu verscherzen.

Be smart

  • Die Anschuldigungen sind nicht ganz neu. Seit Jahren gibt es Berichte über den wachsenden Einfluss des Republikaners Joel Kaplan bei Facebook. Auch die Aufnahme rechter Medien in den News-Tab oder die Auswahl der Faktencheck-Partner löste ähnliche Kritik aus.
  • In Briefing #659 beschäftigten wir uns ausführlich mit dem Vorwurf, Facebook kuschle mit Konservativen. Damals schrieben wir:

"Zuckerberg dürfte wenig für Trump übrig haben. Immer wieder hat er die Äußerungen des Präsidenten in internen Meetings und öffentlichen Statement als "disgusting" oder "disturbing" bezeichnet. Aber er ist ein Machtmensch, der das Beste für sein Unternehmen herausholen will. Deshalb ist es nur logisch, dass er sich um gute Beziehungen zu Trump und den Republikaner bemüht."

  • Diese Einschätzung gilt nach wie vor. Es ist weder verwunderlich noch skandalös, dass sich Zuckerberg mit Trump trifft oder mit Ben Shapiro zu Abend isst. Alles andere wäre verwunderlich und kurzsichtig.
  • Wir bezweifeln, dass Facebook Mother Jones tatsächlich bewusst schaden wollte, wie es das Magazin darstellt. Dass die Newsfeed-Änderungen nachträglich überarbeitet wurden, um rechtskonservative Quellen weniger hart zu treffen, halten wir dagegen für realistisch. Zumal Facebook diesen Teil auch nicht explizit dementiert.
  • Wer darüber spricht, welchen Einfluss Kaplan hat, muss allerdings auch berücksichtigen, dass Vize-Chefin Sandberg früher für Hillary Clinton arbeitete und ein Großteil der Facebook-Managerïnnen und Mitarbeiterïnnen den Demokraten nahesteht.
  • Wir glauben, dass sich Facebook ein Beispiel an Twitter nehmen sollte. Dort gibt es eine strikte, firmeninterne Firewall (OneZero), die wir für sinnvoll halten:

"One key difference between the two social media giants: Unlike Facebook, whose VP of public policy, Joel Kaplan, is often reported to be influential in its content enforcement decisions, Twitter told me its policy and communications teams are excluded from the decision-making process, and looped in only after a verdict has been reached. The point of that separation is to avoid letting PR considerations and relationships on Capitol Hill dictate enforcement decisions."


Wurde Trumps Twitter-Account schon wieder "gehackt"?

  • Am Donnerstagabend machte eine irrwitzige Nachricht die Runde: Der niederländische IT-Sicherheitsexperte Victor Gevers soll Trumps Twitter-Account übernommen haben (de Volkskrant). Angeblich lautete das Passwort maga2020! ("Make America Great Again"). Einen zweiten Sicherheitsfaktor habe Trump nicht für nötig gehalten. Es reichte demnach, das Passwort zu erraten – das zählt nicht mal als richtiger Hack.
  • Die Meldung scheint alles zu bestätigen, was viele Menschen über Trump denken: ein verantwortungsloser und selbstverliebter US-Präsident, dem sein persönlicher Komfort wichtiger ist, als das Risiko zu minimieren, dass ein Twitter-Account mit 87 Millionen Followern kompromittiert wird, über den sich wohl binnen Minuten ein Atomkrieg anzetteln ließe ("Hey Kim, I've pressed the big red nuclear button. It's 'much bigger and more powerful' than yours anyway").
  • Gevers hatte bereits 2016 Trumps Twitter-Account übernommen (NOS). Damals lautete das Passwort "yourefired". Es stammte aus einer geleakten LinkedIn-Datenbank.
  • Diesmal kamen jedoch schnell Zweifel an der scheinbar perfekten Geschichte auf. Vice-Reporter Joseph Cox wies auf das Dementi eines Twitter-Sprechers hin, der sagte, es gebe keine Belege, die diese Behauptung stützten. Außerdem habe Twitter zahlreiche hochrangige Konten mit Blick auf die US-Wahl zusätzlich geschützt. Aus einem älteren Blogeintrag geht hervor, dass dazu der Zwang zu einem sicheren Passwort zählt – schwer vorstellbar, dass maga2020! als ein solches durchgeht.
  • Cox zählt weitere Zweifel an Gevers Story auf (Vice). Unter anderem widersprach das Weiße Haus (keine Überraschung und ehrlich gesagt in diesen Zeiten auch keine glaubwürdige Quelle), es gibt allerdings noch weitere Punkte, die gegen den angeblichen Hack sprechen.
  • Derzeit steht Aussage gegen Aussage. Gevers ist eigentlich ein renommierter IT-Sicherheitsexperte, der es nicht nötig hat, sich mit Lügen zu profilieren. Twitter selbst antwortet nicht auf alle Fragen und dementiert nicht ganz eindeutig.
  • Stand jetzt würden wir sagen: eine Geschichte, die fast zu schön ist, um wahr zu sein – und dennoch wahr sein könnte.

Facebooks Oversight-Board startet – aber nicht mehr zur US-Wahl

  • Ab sofort können Facebook- und Instagram-Nutzerïnnen Fälle beim Oversight-Board (FOB) einreichen (Oversight-Board). Zunächst geht es nur um Beschwerden gegen Sperrungen und Löschungen. Später soll es auch möglich sein, das FOB anzurufen, wenn Facebook Inhalte nach einer Meldung online gelassen hat.
  • Vergangene Woche erklärten wir in Ausgabe #675 ausführlich die Kontroverse um das "Real Facebook Oversight Board" und gingen in diesem Zusammenhang auch auf den verzögerten Start des FOB ein.
  • Hintergründe zum Ablauf der Beschwerden und dem Aufbau des Gremiums liefert Facebook in seinem Newsroom.
  • Jeff Jarvis argumentiert, dass es zusätzlich zum FOB auch eine Art Verfassung brauche, die über Facebooks Community-Standards hinausgehen müsse.
  • Auch Casey Newton geht in seinem Newsletter nochmal ausführlich auf das FOB ein. Wie schließen uns seinem vorsichtig optimistischen Fazit an:

"For all its faults, the board still represents an unprecedented move to devolve some of a tech giant’s power back to the people that, on some level, it represents. Yes, it will serve to give Facebook public-relations cover during controversies. But it also enshrines the principle that citizens of a platform have a right to redress their grievances. However much justice the board offers them in the future will almost certainly be more than they are getting today."


Social Media & Politik

Wir beschäftigen uns in der kommenden Woche noch einmal ausführlich mit der anstehenden US-Wahl. Heute nur so viel:

  • Ok, AOC ist auf Twitch: Community und Video gehören die Zukunft. Twitch ist eine der Plattformen, auf denen diese Zukunft bereits jetzt gelebt wird. Wenig verwunderlich also, dass auch die Politik Twitch zunehmend als Plattform für sich entdeckt. Ganz vorne dabei einmal mehr Social-Media-Superstar Alexandria Ocasio-Cortez. Bei jetzt.de wird erklärt, warum ihre Performance so gefeiert wird. Wer es etwas weniger laut mag, sollte mal bei SPD-Mann Timo Wölken vorbeischauen: der macht schon seit fast zwei Jahren Politik auf Twitch.

Straft Instagram Fotos von dicken Menschen ab?

Aktivistïnnen der Body-Positivity-Bewegung äußern den Verdacht, Instagrams Algorithmus sei „fatphobic“ (Guardian). Zwei Beobachtungen stützen die These:

  • Zum einen hatte eine Komikerin aus Australien, Celeste Barber, im Rahmen einer Challenge ein Foto gepostet, auf dem sie sich ähnlich entblößt zeigt wie das ehemalige Victorias Secret Model Candice Swanepoel. Während der Post von Swanepoel auf der Plattform zu sehen ist, konnte Barbers Foto mit folgender Begründung nicht geteilt werden: „(it) goes against our community guidelines on nudity or sexual activity.“ Ziemlich schräg, handelt es sich doch um quasi die gleiche Aufnahme.

  • Zum anderen hat Kayla Logan, eine amerikanische Plus-Size-Bloggerin, zusammen mit 50 Kolleginnen unter dem Hashtag DontDeleteMyBody dazu aufgerufen, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Ein Großteil der Fotos konnten auf der Plattform nicht geteilt werden.

Mit Blick auf die (alten) Moderationsrichtlichen bei TikTok scheint die These nicht ganz abwägig zu sein: Im März berichteten Kollegïnnen von Netzpolitik über Guidelines, die bei TikTok dafür sorgen sollten, dicke, unattraktive oder arme Menschen auf der Plattform zu verstecken.


Follow the money

  • WhatsApp Business: Facebook hat die Zukunft gesehen (bzw. WeChat) und möchte daran teilhaben. Deshalb wird WhatsApp Stück für Stück zu einer Plattform ausgebaut, über die Unternehmen Produkte verkaufen können – inklusive Payments and Customer Service. Wie sich Facebook diese Zukunft konkret vorstellt, zeigt dieses YouTube-Video. Alle aktuellen News zum Umbau von WhatsApp gibt es in ihrem Newsroom. Ah, eine Sache noch: Wer künftig mit Geschäften chattet, tut dies womöglich nicht Ende-zu-Ende verschlüsselt. Dann könnte das Geschäft, mit dem du dir schreibst, ja schließlich keine Werbung schalten, die dein „Nutzungserlebnis verbessert“. Ist doch logisch.

Neue Features bei den den Plattformen

Facebook

  • Dating: Facebook konnte erfolgreich die Bedenken der Regulierungsbehörden zerstreuen und hat mit neunmonatiger Verspätung die neue Dating-Funktion in ganz Europa eingeführt (Techcruch). Vor einhundert Briefings haben wir aufgeschrieben, wie Facebook Dating funktioniert und warum das Thema brisant ist (Briefing #577).
  • Neighborhood: Facebook weiß, dass sich Menschen zunehmend ins Private zurückziehen. Lokale Netzwerke gewinnen daher zunehmend an Bedeutung. Just in der Woche, in der das Nachbarschaftsnetzwerk Nextdoor den Gang an die Börse (bei einer angestrebten Bewertung von 5 Milliarden Dollar) ankündigt, kommt Facebook mit Plänen um die Ecke, ebenfalls in diesem Segment mitmischen zu wollen. Derzeit teste Facebook in Calgary eine App namens Neighborhood (Techcrunch). Sollte sich die App bewähren, stünde einem größeren Rollout nichts im Wege, heißt es.
  • News-Feed-Options: Vor nicht all zu langer Zeit saßen wir mit Adam Mosseri – damals noch für Facebooks News Feed verantwortlich – in einem Hintergrundgespräch. In epischer Breite legte er dar, warum Userïnnen niemals mehr Kontrolle über ihren News Feed erhalten sollten. Der simple Grund: sie würden es ja doch nicht nutzen. Jetzt, da Mosseri Chef von Instagram ist, wandelt sich das Blatt und Nutzerïnnen bekommen sehr wohl mehr Optionen an die Hand, darüber zu entscheiden, was ihnen im News Feed angezeigt wird (Alex Voica / Twitter): Home ist der normale Feed. Recent zeigt die Inhalte des normalen Feeds, allerdings in chronologischer Ordnung. Favourites hingegen zeigt nur die Inhalte von dreißig manuell ausgewählten Seiten, Gruppen und Freunden. Zwar bestimmt auch dort ein Algorithmus, welche Inhalte ausgespielt werden, aber immerhin nicht von wem.
  • WordPress Embedding: Sollte jemand Posts von Facebook und Instagram in seinem WordPress-Blog embedden: Obacht! Das wird künftig nicht mehr ohne Weiteres möglich sein. Was es zu beachten gibt, steht hier (Facebook for Developers).

 

Twitter

  • Neue Retweet-Funktion: Weil es anscheinend noch viele Fragezeichen gibt: Es ist weiterhin möglich, einen Tweet ohne zusätzlichen Kommentar zu retweeten. Dafür einfach nach der Aufforderung, den Tweet zu kommentieren, direkt auf "Retweeten" drücken und gut ist. In Briefing #676 erklären wir die Hintergründe. Übrigens: Künstlerïnnen würden sich sehr darüber freuen, wenn du nicht deinen Senf zu ihren Tweets dazu gibst 🤷 (The Verge).

 

Instagram

 

TikTok


One more thing

That escalated quickly: Merke: 1,75 Milliarden Dollar reichen nicht (Vox), um ein Produkt am Markt zu platzieren, für das es keine Nachfrage gibt.


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Jetzt neu: Social Media Watchblog Lectures

Was ist

Liebe Kollegïnnen, seit etwas mehr als zwei Jahren gibt es unseren Newsletter nur noch für zahlende Abonnentïnnen. Über 1100 Kollegïnnen haben unser Briefing direkt über Steady abonniert, noch einmal rund 2500 beziehen unseren Newsletter über ihren Arbeitgeber. Heute freuen wir uns sehr, ein neues Format zu launchen: die Social Media Watchblog Lectures.

Folgende Gedanken stecken hinter der Einführung:

  • Das Social Media Watchblog wird von Tausenden Medienprofis aus den unterschiedlichsten Fachgebieten gelesen.
  • Über unsere Slack-Community haben sich bereits mehr als 650 Kollegïnnen vernetzt.
  • Mit den Lectures wollen wir nun den nächsten Schritt gehen und unsere Community noch näher zusammenbringen.
  • Ab November werden wir daher jeden ersten Donnerstag im Monat um 17:00 Uhr eine digitale Lecture via Zoom organisieren.
  • Wir fungieren dabei vor allem als Gastgeber.
  • Uns geht es in erster Linie darum, einen Wissenstransfer zu organisieren: getreu dem Motto „each one teach one“.
  • Wir freuen uns auf spannende Impulsvorträge und Webinare von und für euch!
  • Falls du auch eine Lecture übernehmen möchtest, kannst du dich gern bei uns melden!
  • Natürlich sind die Lectures für alle Abonnentïnnen im bestehenden Abo inbegriffen.

Die erste Lecture am 5.11.2020 um 17:00 Uhr

Los geht es am 5.11.2020 um 17:00 Uhr mit einer Lecture von Teja Adams zum Netzwerk der Stunde – TikTok. In 45 Minuten erzählt euch Teja, warum ihn TikTok fasziniert, was die hohe Content-Dichte des Netzwerks ausmacht und wie der Algorithmus tickt. Im Anschluss gibt es die Möglichkeit, in größerer Runde zu diskutieren.

Teja konzipiert und realisiert seit zehn Jahren Digital-Projekte für die ARD und ist europaweit als Berater und Coach unterwegs. Wir freuen uns sehr, dass er die erste Lecture übernimmt!

Wer dabei sein möchte, sollte sich den 5.11.2020 / 17:00 Uhr schon einmal reservieren. Um die Anzahl der Teilnehmerïnnen einschätzen zu können, freuen wir uns über ein kurzes Feedback per Reply auf diese Mail: einfach auf diese Mail mit Teja antworten – Danke!

Das weitere Programm wird in einem der kommenden Briefings bekannt gegeben. Apropos Briefing: Das nächste reguläre Briefing erscheint am Freitag. Wir bitten um Verständnis, dass wir die vergangenen Tage genutzt haben, um das neue Format zu konzipieren.

Herzliche Grüße und vielen Dank für die Wertschätzung unserer Arbeit!

Martin & Simon

16.10.2020 | Facebook und Twitter wollen keine Lügenschleudern mehr sein | Urheberrecht: Jetzt kommen die Upload-Filter

US-Wahl: Facebook und Twitter wollen keine Lügenschleudern mehr sein

Was ist

Kurz vor der US-Wahl erhöht sich die Schlagzahl der Ereignisse – und die Plattformen reagieren ungewohnt entschlossen:

  • Erst wagt Twitter einen bislang einzigartigen Schritt, um die Verbreitung von Desinformation zu verhindern: Es macht es deutlich schwerer, Inhalte zu teilen.
  • Wenig später zwingt eine katastrophale journalistische Fehlleistung Facebook zu einer drastischen Maßnahme: Es schränkt die Reichweite eines Artikels ein, obwohl er noch nicht endgültig als irreführend oder falsch eingestuft wurde. Twitter blockiert gar alle Links und löscht sämtliche Verweise.

Wie Twitter Desinformation verhindern will

Am vergangenen Freitag kündigte Twitter eine Reihe von Maßnahmen an (Twitter-Blog), die deutlich über alles Bisherige hinausgehen:

  • Vom 20. Oktober bis mindestens zum Ende der US-Wahl schraubt Twitter an seiner wohl erfolgreichsten Funktion: dem Retweet. Statt mit einem Klick zu teilen, werden Nutzerïnnen aufgefordert, einen eigenen Kommentar hinzuzufügen.
  • Das soll die Verbreitung von viralen Falschinformationen verlangsamen. Für eine Plattform, die davon lebt, dass Nutzerïnnen Inhalte schnell und einfach teilen können, ist das eine bemerkenswerte Entscheidung.
  • Der Schritt ist nur eine von vielen Maßnahmen. Unter anderem verbietet es Twitter, sich zum Sieger zu erklären, bevor das endgültige Ergebnis feststeht (was fast zwangsläufig darauf hinauslaufen dürfte, dass ein Trump-Tweet gelöscht wird), führt zusätzliche Warnungen und Erklärungen ein, schraubt an seinem Algorithmus, entfernt "Liked by"-Empfehlungen von Menschen, denen man nicht folgt, und erklärt Trending-Topics künftig besser.

Bereits im August dachte Casey Newton über "virality circuit breakers" (Revue) nach: Plattformen müssten verhindern, dass dubiose Inhalte so schnell viral gehen, dass sie mit dem Prüfen nicht mehr hinterherkommen – oder zumindest sicherstellen, dass sie Inhalte, die sich in kurzer Zeit rasant verbreiten, auch mit höherer Priorität prüfen.

Die aktuellen Maßnahmen von Twitter sind interessant, weil sie einen neuen Weg gehen: Statt Inhalte nachträglich zu sperren, versucht Twitter darauf hinzuwirken, dass Nutzerïnnen weniger Inhalte teilen, die gesperrt werden müssen. Das läuft dem Geschäftsmodell der Plattformen zuwider, das darauf angelegt ist, dass möglichst viele Menschen möglichst viel posten. Aber wenn sich herausstellt, dass sich Twitter damit Ärger und Arbeit erspart, könnten alle davon profitieren.

Und falls das nicht reicht, haben die Professoren Mike Ananny und Daniel Kreiss einen weiteren Vorschlag: "Why not put Donald Trump’s tweets and his Facebook posts, as well as those of other political elites, on a time delay?"

Warum Hack-and-Leak-Operationen gefährlich sind

2016 will seine E-Mails zurück: Am Dienstag veröffentlichte die New York Post einen Artikel, der Joe Biden und seinen Sohn Hunter belasten soll. Der Fall erinnert an die Desinformationskampagnen vor vier Jahren, als russische Hackerïnnen E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfleiter John Podesto erbeuteten, die Wikileaks veröffentlichte und die anschließend von Medien breitgetreten wurden.

Auch diesmal ist die Quelle höchst dubios, fast alles riecht nach "Hack and Leak": Jemand versucht, illegal erbeutete und womöglich manipulierte Dokumente in den Umlauf zu bringen, um Medien und Öffentlichkeit zu manipulieren. Auch vor der Wahl in Frankreich 2017 gab es ähnliche Versuche, die französischen Medien berichteten allerdings nicht.

Der frühere Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos und sein Nachfolger Nathaniel Gleicher warnen seit Wochen (Spiegel) vor einem solchen Szenario. "Now is the time to get ready for a hack-and-leak dump", schrieb Stamos (Twitter). "Several groups with access to raw intel are pretty heavily hinting that recent Russian activity might be in preparation for a document dump."

Auch Gleicher wies mehrfach auf die Gefahr solcher Operationen hin. Sie seien auch deshalb oft erfolgreich, weil Journalistïnnen fast nie dem Versuch widerstehen können, darüber zu berichten (Twitter): "I'd call out that these operations directly try to exploit competitive pressures across the media ecosystem."

In diesem Zusammenhang sollten Medien die vier Prinzipien verinnerlichen, die Marty Baron, der Chefredakteur der Washington Post, im Umgang mit geleakten und potenziell gehackten Dokumenten formuliert (Vanity Fair). Vor der Entscheidung zur Veröffentlichung müssten mehrere erfahrene Redakteurïnnen das Material prüfen:

Our emphasis should be on making a sound and well-considered decision—not on speed. We should resist the instinct to post a story simply because a competitor has done so.

Nicht nur das Ob, auch das Wie sei entscheidend:

Our stories should prominently explain what we know about the full context of the information we are presenting, including its origins and the motivations of the source, including whether it appears to be an effort to distract from another development.

Die New York Post hat nichts davon berücksichtigt. Und deshalb mussten die Plattformen tätig werden.

Wie Facebook und Twitter durchgreifen

Der Erfolg von Hack-and-Leak-Operationen basiert auf Sensationslust und der Dynamik sozialer Netzwerke: Spekulationen und Gerüchte verbreiten sich viral, je wilder, desto besser. Umso größer war die Herausforderung für die Plattformen, die schnell und entschlossen reagierten:

  • "While I will intentionally not link to the New York Post, I want be clear that this story is eligible to be fact checked by Facebook's third-party fact checking partners", schrieb Facebook-Sprecher Andy Stone drei Stunden nach der Veröffentlichung. "In the meantime, we are reducing its distribution on our platform."
  • Erst Drosseln, dann Prüfen: Dieses Vorgehen hatte Facebook bereits vor einem Jahr angekündigt (Facebook-Newsroom). Aber zum ersten Mal geschieht es vor den Augen einer so großen Öffentlichkeit.
  • Twitter geht noch einen Schritt weiter. Es blockiert alle Links auf den Artikel, selbst Verweise auf den Google-Cache oder Archive.org werden gesperrt. Teils sind sogar Regierungswebseiten betroffen, auf denen der Artikel zweitveröffentlicht wird.
  • Wer den Link posten will, erhält aber keine Erklärung, sondern erfährt nur, dass er "potentially unsafe" sei und deshalb blockiert werde. Erst später erklärt @TwitterSafety, dass die Entscheidung auf der "Hacked Materials Policy" beruht, die Verweise auf gehackte Dokumente und Berichterstattung darüber verbietet.
  • Trump und viele Republikaner wittern natürlich eine Verschwörung (Ars Technica), wozu auch Twitter durch die deutlich zu späte Erklärung beitrug (The Atlantic).
  • "Our communication around our actions on the @nypost article was not great", gibt auch Jack Dorsey zu (Twitter). "And blocking URL sharing via tweet or DM with zero context as to why we’re blocking: unacceptable."

Be smart

Facebook und Twitter haben nicht alles richtig gemacht. Die Reaktion kam früher als beim viralen "Plandemic"-Video, das absurde Verschwörungserzählungen über den Ursprung des Coronavirus verbreitete und trotzdem Dutzende Millionen Views auf Facebook und YouTube einsammelte. Doch drei Stunden sind immer noch zu spät: In der Zwischenzeit war ein Großteil des Schadens schon angerichtet.

Trotzdem wären solche Reaktionen vor einem Jahr kaum denkbar gewesen. Die Plattformen nehmen die Bedrohung ernst und versuchen zumindest, Desinformation zu verhindern und die US-Wahl abzusichern. Die aktuelle Hack-and-Leak-Operation dürfte nur der Anfang gewesen sein: In den kommenden zwei Wochen werden Facebook und Twitter wohl noch einige Male zeigen müssen, dass sie ihre Lektionen gelernt haben.


Urheberrecht: Jetzt kommen die Upload-Filter

Was ist

Das Bundesjustizministerium hat einen Referentenentwurf veröffentlicht (BMJV), mit dem die EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht umgesetzt werden soll. Der Vorschlag weicht von den bisherigen beiden Diskussionsentwürfen ab und dürfte die Befürchtungen vieler Kritikerïnnen bestätigen: In der aktuellen Form wären flächendeckende Upload-Filter unumgänglich.

Warum das wichtig ist

Die EU-Urheberrechtsreform zählte zu den kontroversesten Gesetzgebungsverfahren der vergangenen Jahre. Vor anderthalb Jahren löste sie erbitterte Lobby-Schlachten aus und brachte Hunderttausende vor allem junge Menschen auf die Straße. Trotz des Protests wurde die Richtlinie verabschiedet, bis Juni 2021 müssen sie alle Mitgliedsstaaten umgesetzt haben.

Die Reform enthält viele sinnvolle Änderungen und Modernisierung, aber eben auch einige fragwürdige Vorgaben. Dazu zählen Upload-Filter (der Begriff taucht nicht im Referentenentwurf auf, sie ließen sich aber kaum vermeiden) und das Leistungsschutzrecht.

Warum der Entwurf auf Upload-Filter hinausläuft

  • Plattformen sollen für Inhalte haften, die Nutzerïnnen hochladen. Ausgenommen wären etwa Wikipedia, junge Start-ups und Unternehmen, die weniger als eine Million Euro pro Jahr umsetzen.
  • Die Unternehmen müssten "bestmögliche Anstrengungen" unternehmen, um Lizenzen zu erwerben. Doch selbst Weltkonzerne wie Google können kaum Nutzungsrechte für alle Inhalte kaufen, die Milliarden Menschen täglich veröffentlichen. Dafür gibt es schlicht zu viele unterschiedliche Rechteinhaberïnnen, Kulturschaffende und Verwertungsgesellschaften.
  • Kleinere Anbieter sind damit erst recht überfordert. Wenn die Plattformen nicht für Urheberrechtsverstöße haftbar gemacht werden wollen, müssen sie die Inhalte bereits im Moment des Uploads prüfen – und das geht nur mit automatisierten Filtern.
  • Diese Software ist fehleranfällig, bestehende Implementierungen sperren immer wieder zu Unrecht. Ein gigantisches Echtzeit-Filtersystem führt fast zwangsläufig zu ungerechtfertigten Blockaden und damit zu einem Eingriff in die Meinungs- und Informationsfreiheit.
  • Das ist nicht nur europarechtswidrig, sondern schadet vor allem kleineren Plattformen, die sich die teuren Filter oft nicht leisten können. Die Reform, die eigentlich die Macht von Facebook und Google begrenzen sollte, könnte die Dominanz der großen Konzernen also weiter festigen.

Was sich im Vergleich zu früheren Fassungen geändert hat

  • Bereits im Januar und Juni veröffentlichte das BMJV zwei Diskussionsentwürfe. Der aktuelle Referentenentwurf ist an entscheidenden Stellen verändert und verschärft.
  • Unter anderem fehlt eine Regelung zum sogenannten Pre-Flagging: Ursprünglich sollten Nutzerïnnen Inhalte während des Uploads als legal kennzeichnen können, um irrtümliche Sperrungen zu verhindern. Diese Möglichkeit wurde nun stark eingeschränkt.
  • Statt alle Inhalte zu flaggen, können Nutzerïnnen das nun nur noch tun, wenn bereits ein Sperrvermerkt vorliegt. Das Problem: Falls nach dem Upload ein Copyright-Claim eingereicht wird, schlagen die Filter an und sperren automatisch.
  • Die neue Formulierung entspricht einem Vorschlag, den Google im Sommer einbrachte. "Da drängt sich durchaus ein gewisser Verdacht auf, dass in dieser Frage erfolgreich lobbyiert wurde", sagt die grüne Netzpolitikerin Tabea Rößner.
  • Auch Julia Reda, die 2019 als EU-Abgeordnete zu den profiliertesten Gegnerinnen der Reform zählte und mittlerweile für die Gesellschaft für Freiheitsrechte arbeitet, kritisiert den Entwurf. "Was das Justizministerium als Verbesserung darstellt, wird tatsächlich zur massenhaften Sperrung legaler Inhalte führen."
  • Eine Sprecherin des Justizministeriums sagt, dass man die Befürchtungen "zur Kenntnis genommen habe". Man wolle die Bedenken prüfen, dass sich die Änderungen nachteilig für Nutzerïnnen auswirken könnten.

Wie das Leistungsschutzrecht umgesetzt werden soll

  • Neben den Upload-Filtern bildet das Leistungsschutzrecht für Presserverleger den zweiten großen Streitpunkt. Das neue Gesetz soll Verlage an den Einnahmen von Suchmaschinenbetreibern beteiligen, wenn diese Presseveröffentlichungen zugänglich machen.
  • Auch hier hat sich im Vergleich zu den vorherigen Entwürfen eine wichtige Formulierung verändert. Bislang galt eine Ausnahme für bis zu acht Wörter. Jetzt sind "einzelne Wörter oder sehr kurze Auszüge" erlaubt.
  • Diese vage Formulierung entspricht wörtlich der EU-Fassung und dürfte noch Gerichte beschäftigen.
  • Die Änderung kam auf Druck von Wirtschaftsministerium und Kanzleramt zustande, die beide gut mit der Lobby der Verleger vernetzt sind.
  • Grundsätzlich kann man sagen, dass die Umsetzung der Reform die Koalition spaltet: Es ringen das SPD-geführte BMJV und das CDU-geführte BMWi miteinander. Letzteres vertritt eher die Interessen der Verlage, Musik- und Filmindustrie.

Be smart

Der neue Referentenentwurf enthält einige fragwürdige Formulierungen, die hinter den früheren Fassungen zurückbleiben. Im Prinzip war aber seit der Verabschiedung der EU-Urheberrechtsrichtlinie klar, dass Deutschland die Reform kaum ohne Upload-Filter umsetzen kann. Es geht also nur noch um Schadensbegrenzung.

Und selbst wenn die Filter kommen, ist noch nicht klar, ob ihre Auswirkungen so katastrophal ausfallen, wie teils befürchtet wurde. Auch NetzDG und DGSGVO lösten teils schrille Warnungen und Proteste aus, das Netz ist trotzdem noch weitgehend intakt.

Außerdem bringt die Urheberrechtsreform viele dringend notwendige Modernisierungen und Erleichterungen mit sich, die ein völlig veraltetes Recht ans digitale Zeitalter und die Nutzungsrealität sozialer Plattformen anpassen. Auch wenn es oft so wirkt, weil sich Aktivistïnnen verständlicherweise auf die wenigen, berechtigten Kritikpunkte konzentrieren und möglichst laut warnen: Es ist nicht alles schlecht.


Kampf gegen Desinformationen

  • Untersuchung zur Popularität von Desinformationen: Derzeit geistert eine Studie durch die (sozialen) Medien, in der behauptet wird, Artikel mit Desinformationen wären 2020 ein noch größeres Problem als 2016. Grundlage der Untersuchung sind Daten, die mit Hilfe des Analyse-Werkzeugs Crowdtangle erzielt wurden. Wir sind skeptisch, ob die Studien-Ergebnisse des German Marshall Fund einer wissenschaftlichen Prüfung wirklich standhielten. Bereits in Briefing 670 hatten wir auf die Limitationen von Crowdtangle hingewiesen. Das Hauptproblem:

Das von Facebook aufgekaufte Tool ermöglicht es, Likes, Kommentare und Shares zu messen, um so herauszufinden, welche Artikel mit Blick auf diese Metriken am besten performen. Was das Tool allerdings nicht leistet, wird dabei häufig ausgeblendet. Weder zeigt Crowdtangle, welche Artikel tatsächlich am meisten Impressions erzielt haben oder wie oft ein Artikel bei Nutzerïnnen im Feed auftaucht. Auch zeigt Crowdtangle keine privaten Posts oder Beiträge in Gruppen. Genau hier spielt aber die Musik.

Zudem gibt es Studien, die die Verantwortung für die Verbreitung von Falschinformationen vor allem bei Donald Trump (New York Times) und Fox News (SSRN) sehen (siehe Briefing #674).

Weitere News im Überblick


Social Media & Journalismus

  • The Athletic: Das Subscriber-only Portal The Athletic wagt derzeit ein spannendes Experiment: in einem In-App-Social-Media-Angebot vermengt The Athletic fortan Breaking News und Posts von Mitarbeiterïnnen. Auf diese Posts können Nutzerïnnen dann ihrerseits direkt wieder Bezug nehmen. Das sogenannte Real-Time-Tab würde an eine Art internes Twitter erinnern, erklärt Ben Whitelaw, über den wir auf das Feature aufmerksam geworden sind.

Follow the money


Studien, Paper, Zahlen


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Zoom kann jetzt auch Apps und Events: Zoom ist in der Pandemie – Datenschutzfragen hin und her – für Millionen Menschen zum absoluten Standard-Tool gereift. Mit diesem Rückenwind schreitet Zoom weiter voran und lanciert Zapps und On Zoom. Mit Zapps lassen sich beliebte Apps wie Asana, Mural oder Slack mit Zoom verbinden. On Zoom ist der Versuch, Kapital aus dem Trend zu Zoom-Webinaren und -Events zu schlagen.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Neue Reels-Features: Wir sind immer noch einen direkten Vergleich von Reels, TikTok und Triller schuldig. Das wird demnächst nachgeholt. Heute nur der Hinweis, dass Instagram stetig neue Funktionen lanciert, um der Kritik an Reels zu begegnen – etwa eine neue „song discovery page featuring "trending" tracks, the ability to share audio pages with friends in direct messages, and an option for users to bookmark songs for later use“ (was sich alles extrem nach TikTok anfühlt…).

Messenger

  • Rollout neuer Features: Wie in Ausgabe 672 dargestellt, arbeitet Facebook daran, die hauseigenen Massenging-Apps miteinander zu verschränken. Nach zahlreichen Neuerungen bei Instagram kündigt Facebook das Rollout neuer Funktionen bei Messenger an – etwa „chat themes, custom reactions, selfie sticker & vanish mode“.

Snapchat

  • Sound on: Auch Snapchat gibt seinen Nutzerïnnen die Möglichkeit, Stories mit Musik zu unterlegen: Sound on (Techcrunch) nennt Snapchat das Feature.

Tipps, Tricks und Apps


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14.10.2020 | Kritik: Nur dagegen sein reicht nicht | Keine Plattform für Holocaustleugnung: Was hinter Zuckerbergs Sinneswandel steckt

Facebook-Kritik: Nur dagegen sein reicht nicht

Was ist

Zwei aktuelle Ereignisse zeigen, dass es einfach ist, auf Facebook einzuprügeln – aber nicht immer fair und zielführend. Wir nehmen die Kontroverse um das "Real Facebook Oversight Board" und die nachträgliche Relativierung der Cambridge-Analytica-Affäre zum Anlass, etwas grundsätzlicher über Kritik an Facebook nachzudenken.

Was wir vorab klarstellen wollen

In nahezu jedem Briefing beleuchten wir die Schattenseiten globaler Plattformen. Wir sind überzeugt, dass Facebook viele Dinge falsch macht – nicht unbedingt aus böser Absicht, was die politischen und gesellschaftlichen Nebenwirkungen aber nicht weniger gefährlich macht.

Facebook ist ein Unternehmen, das Kritik verdient, scharfe und durchaus auch aggressive Kritik. Oft braucht es solchen Druck, bis Facebook reagiert. Wir wollen Facebook also nicht vor Kritik in Schutz nehmen, sondern nur die Art und Weise der Kritik hinterfragen.

Was das "Real Facebook Oversight Board" ist

  • Ende September gründete die NGO The Citizens das "Real Facebook Oversight Board" (The Citizens). Das Gremium besteht aus rund 25 profilierten Facebook-Kritikerïnnen und versteht sich als bessere Version (NBC) des Oversight-Board, das Facebook selbst aufsetzen will (mehr zu dieser Art Verfassungsgericht in Ausgabe #638).
  • Letztendlich ist es also nicht "Real", sondern eher "Fake". Um Verwirrung zu vermeiden, nutzen wir die Abkürzungen: FOB (das Original) und RFOB (die Kopie).
  • Die Kritikerïnnen halten das FOB für einen halbgaren Versuch von Facebook, sich von Kritik reinzuwaschen (Axios).
  • Das RFOB diskutiert in wöchentlichen öffentlichen Zoom-Meetings über Themen wie algorithmisch befeuerte Desinformation, die Verbreitung von Verschwörungideologien oder politische Werbung auf Facebook.

Wie der Streit eskalierte

  • Facebook hielt das RFOB wenig überraschend von Anfang an für keine gute Idee. Schließlich suggeriert ja bereits der Name, dass Facebook selbst nicht in der Lage sei, ein unabhängiges Aufsichtsgremium zu schaffen.
  • Facebook-Manager Brent Harris, zuständig für Government und Global Affairs, soll Unterstützerïnnen des RFOB kontaktiert und gesagt haben, die Gründung des konkurrierenden Gremiums unterlaufe Facebooks Bemühungen. Das spiele konservativen Kritikerïnnen in die Hände, die das FOB scheitern sehen wollen.
  • Richtig hitzig wurde es dann Ende vergangener Woche, als Facebook offenbar versuchte (Vice), die Seite realfacebookoversight.org wegen einer Markenrechtsverletzung offline nehmen zu lassen.
  • Zwischenzeitlich schaltete der Provider die Domain ab. Derzeit leitet die URL auf die Webseite des RFOB bei The Citizens um.
  • Facebook streitet ab, die Seite absichtlich aus dem Netz gekickt zu haben. Angeblich habe es sich um einen Fehler gehandelt.
  • Facebook-Sprecher Andy Stone bezichtigte die Journalistin Carole Cadwalladr gar der Lüge (Twitter): "Your fake thing that accuses us of fake things was caught in our thing to prevent fake things."
  • Der Vorfall wirft aber kein gutes Licht auf Facebook und ist auch strategisch ausgesprochen kurzsichtig: Im Jahr 2020 sollte man einem der größten Tech-Konzerne der Welt nicht erklären müssen, dass der Streisand-Effekt existiert.
  • Ausgerechnet Facebook, das Redefreiheit sonst oft über andere Grundrechte stellt, macht seine Kritikerïnnen mundtot – das ist natürlich eine Steilvorlage für viele hämische Kommentare und Schlagzeilen, die dem RFOB mehr Aufmerksamkeit bescherten, als es Facebook lieb sein dürfte.

Was wir vom FOB halten

  • Am FOB gibt es einiges auszusetzen. Die Gründung zieht sich schon viel zu lang hin: Es soll zwar noch im Oktober seine Arbeit aufnehmen (CNBC), wird aber keinen Einfluss mehr auf die US-Wahl nehmen – wenn es jemals ein unabhängiges Gremium gebraucht hätte, dann in diesen Wochen.
  • "Move fast and break things", lautete Facebooks Motto einst. Facebook hat sich einen verdammt ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, es langsamer angehen zu lassen (Wired).
  • Hinzu kommen konzeptionelle Schwächen: Zunächst wird das FOB ausschließlich Beschwerden behandeln, wonach Facebook Inhalte zu Unrecht gelöscht habe. In einer Zeit, in der der US-Präsident fast täglich Lügen und Desinformation verbreitet, wäre es womöglich wichtiger, Fälle zu prüfen, in denen Facebook nichts unternimmt.
  • Grundsätzlich ist es aber gut, dass Facebook ein solches Gremium gründlich plant und möglichst viel externe Expertise einholt. Die lange Vorbereitungszeit liegt primär daran, dass Facebook weltweit Workshops durchgeführt und mit Organisationen, Wissenschaftlerïnnen und Aktivistïnnen gesprochen hat.
  • "The fact that the board is taking such a thoughtful approach to heavy issues really is a good sign for users of platforms and the whole world", sagt etwa Juraprofessorin Kate Klonick (NBC).

Was wir vom RFOB halten

  • Auf Twitter war oft zu lesen: Endlich formieren sich die Facebook-Kritikerïnnen zu einer schlagkräftigen Allianz und prangern Facebooks Versagen an.
  • Wir sind da etwas zurückhaltender: Ein Gutteil der Gründungsmitglieder des RFOB kritisiert Facebook bereits jetzt regelmäßig öffentlichkeitswirksam auf Twitter. Ob ein wöchentliches Zoom-Meeting wirklich weiterhilft?
  • Wir geben da einem Facebook-Sprecher recht, der sagt: "This new effort is mostly longtime critics creating a new channel for existing criticisms."
  • Auch der Name ist provokativer als nötig. Das RFOB hat inhaltlich gar nichts mit dem FOB zu tun, die beiden Gremien haben unterschiedliche Dinge im Blick. Die Gründerïnnen des RFOB verstehen sich eher als "PR-Team im Dienste der Demokratie" (Axios).
  • Auf den Stunt mit der Domain reagierte Facebook maximal unsouverän, aber nicht ganz unerwartet. Casey Newton drückt es so aus (Platformer): "(…) if you name a fake Facebook Oversight Board the “Real Facebook Oversight Board” and buy a domain name to that effect, what the hell else do you expect?"
  • Manche hinterfragen auch die Zusammensetzung der Gründungsmitglieder. "I don't see a single activist expert on this list", kritisiert etwa Jillian C. York (Twitter) von der EFF. Es gebe bereits mehr als 100 Organisationen, die weltweit daran arbeiteten, Facebook für sein Handeln verantwortlich zu halten. Diese Aktivistïnnen habe das RFOB komplett übergangen.
  • Diese Kritik können wir nicht ganz nachvollziehen. Zumindest auf der Webseite des RFOB wirkt das Gründungsteam zwar etwas akademisch und hat einen Fokus auf die westliche Welt, es sind aber auch Aktivistïnnen aus Asien und Afrika dabei.
  • Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Kritik an Facebook zu bündeln, um den Druck zu erhöhen – damit steigt die Chance, dass Facebook darauf reagiert. Es ist aber noch zu früh, um zu beurteilen, ob das RFOB langfristig mehr ist als ein PR-Stunt.

Was von der Cambridge-Analytica-Affäre übrig bleibt

  • Die britische Datenschutzbehörde hat untersucht, ob Cambridge Analytica (CA) tatsächlich massenhaft Daten missbrauchte, um damit das Brexit-Votum und die US-Wahl 2016 zu beeinflussen.
  • Der Abschlussbericht sowie ein Brief an den zuständigen Ausschuss des britischen Parlaments (PDF) entkräften nun einige der Vorwürfe. Die 700 Terabyte und 300.000 Dokumente belegen nicht, dass CA die Manipulationsmaschine war, zu der das Datenanalyse-Unternehmen teils stilisiert wurde.
  • CA missbrauchte zwar eine Facebook-Schnittstelle, nutzte aber in erster Linie öffentlich verfügbare Daten und war vor allem gut darin, den eigenen Einfluss in Pitchdecks überzuverkaufen.
  • Diese Erkenntnis ist nicht neu, zeigt aber erneut, dass es sich lohnt, auch bei Themen, die kein gutes Licht auf Facebook werfen, genau hinzusehen.
  • Bezeichnend ist dieser Absatz (The Register):

We have heard from sources in British political circles that Cambridge Analytica's advertised powers of online suggestion were rather overblown and in fact mostly useless. In the end, it was skewered by its own hype, accused of tangibly influencing the Brexit and presidential votes on behalf of political parties and campaigners using Facebook data. Yet, no evidence could be found supporting those claims.

Was man aus dem CA-Bericht lernen kann

  • Ja, Facebook hat geschludert und es geduldet, dass zwielichtige Unternehmen APIs missbrauchen, um Daten zu scrapen. Ja, CA ist eine dubiose Datenklitsche, deren Insolvenz man nicht betrauern muss.
  • Aber für die große Manipulationserzählung, die monatelang von Medien, Ex-CA-Angestellten und später auch in einer Netflix-Doku hyperventiliert wurde, fehlen nach wie vor Beweise.
  • Das Gleiche gilt für manche "Bombshell"-Reports, die in den vergangenen Jahren die Runde machten. Oft stützen sie sich auf die Aussagen einzelner Whistleblowerïnnen oder frustrierter Mitarbeiterïnnen.
  • Das macht sie nicht automatisch unglaubwürdig, zumal Facebook solche Vorwürfe oft nur mit ein paar knappen Sätzen oder ausführlicher, dann aber im Hintergrund kommentiert. Die Berichte zeichnen aber oft kein ausgewogenes Bild und machen es sich manchmal zu einfach.

Be smart

Emotionen funktionieren besser als Fakten, Schwarz und Weiß erzeugt mehr Resonanz als Grau. Genau das, was den Ton auf Facebook oft so toxisch macht, führt dazu, dass Facebook-Kritik auch nach 16 Jahren Facebook oft noch ärgerlich unterkomplex ausfällt. Casey Newton bringt es auf den Punkt (OneZero):

Once journalists figured out that you could get infinite retweets by typing “Facebook is bad” into a box, it totally changed the tenor of the coverage.

"Warum sich Facebook nicht selbst reparieren kann", heißt ein aktueller Longread im New Yorker. Der Text zeigt, dass Facebook teils mehr Wert darauf legt, seinen Ruf zu retten als Probleme zu lösen. Fundierte Kritik ist also nötig – heute mehr denn je.


Keine Plattform für Holocaustleugnung: Was hinter Zuckerbergs Sinneswandel steckt

Was ist

Facebook wird künftig weltweit Inhalte löschen (Facebook-Newsroom), in denen die Shoa geleugnet oder verharmlost wird. Holocaustleugnung ist in etwa einem Dutzend Länder strafbar, in den USA aber legal. Nach deutschem Recht gilt die Leugnung des Holocausts als Volksverhetzung und ist strafbar. Deshalb sperrt Facebook entsprechende Postings hierzulande schon immer.

Außerdem will Facebook Nutzerïnnen, die nach Begriffen suchen, die mit dem Holocaust oder Holocaustleugnung in Verbindung stehen, künftig auf glaubwürdige Informationen verweisen. Ähnlich geht die Plattform bereits mit Suchanfragen zum Coronavirus um. Die Funktion soll im Laufe des Jahres eingeführt werden.

Warum das überraschend kommt

Vor gut zwei Jahren klang Zuckerberg noch ganz anders. "Ich bin jüdisch, und es gibt Menschen, die bestreiten, dass der Holocaust stattgefunden hat", sagte er 2018 in einem Podcast mit Kara Swisher (Vox). "Ich finde das extrem abstoßend. Letztendlich glaube ich trotzdem nicht, dass unsere Plattform das löschen sollte."

Er denke nicht, dass alle Menschen, die den Holocaust leugnen, dies absichtlich und wider besseren Wissen täten. Es sei schwer, ihnen Absicht zweifelsfrei nachzuweisen. Holocaustleugnung sei ein abstoßendes Beispiel, aber auch er selbst sage versehentlich falsche Dinge, wenn er öffentlich spreche. Facebook sollte Menschen nicht verbannen, wenn sie falsche Dinge sagten.

Warum es sich Zuckerberg anders überlegt hat

Er habe seine Meinung geändert, nachdem er Daten gesehen habe, die zeigten, dass antisemitische Gewalt zunehme, schreibt Zuckerberg in einem Facebook-Post. Die Abwägung zwischen Redefreiheit und Hassrede sei niemals eindeutig, doch "angesichts des aktuellen Zustands der Welt" glaube er, dass die Entscheidung nötig sei.

In der Ankündigung im Facebook-Newsroom zitiert Monica Bickert eine erschreckende Studie: In den USA sagen etwa ein Viertel der Menschen zwischen 18 und 39 Jahren, dass der Holocaust ein Mythos sei, übertrieben dargestellt werde oder sie sich nicht sicher seien. Ihr Fazit:

Unsere Entscheidung wird durch den gut dokumentierten weltweiten Anstieg von Antisemitismus und dem alarmierenden Level von Unkenntnis über den Holocaust gestützt.

Warum die Entscheidung überfällig war

Mark Zuckerberg hat mehr als 800 Tage gebraucht, um es sich anders zu überlegen. Doch für die Erkenntnis, dass seine eigene Auslegung von Meinungsfreiheit womöglich dazu beträgt, dass sich Vorurteile und Antisemitismus verbreiten, hätte es keine Datengrundlage gebraucht. Es hätte gereicht, auf Dutzende Organisationen und Verbände zu hören, die seit Jahren appellieren, Facebook dürfe Menschenwürde nicht der Redefreiheit unterordnen.

Entsprechend fallen die Reaktionen von Holocaust-Überlebenden, des Internationalen Auschwitz Komitees, des Jüdischen Weltkongress und der Anti-Defamation League aus. Sie sprechen von einer "starken Botschaft", einem "historischen Schritt" – fragen aber auch, warum es so lang gedauert hat.

The big picture

  • Die aktuelle Entscheidung ist eine von vielen Maßnahmen der vergangenen Monate, die zeigen, dass Facebook allmählich beginnt, mehr Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen, die Milliarden Menschen auf der Plattform hinterlassen.
  • In "Das Silicon Valley zähmt das Wild Wild Web (ein bisschen)" fassten wir die Entwicklung im Juli zusammen.
  • Seitdem sind etliche weitere Maßnahmen hinzugekommen. Unter anderem geht Facebook nun härter gegen rechtsradikale Milizen vor, verbietet politische Werbung zumindest nach der US-Wahl und verbannt QAnon-Anhängerïnnen (mehr dazu in der vergangenen Ausgabe #674).
  • Diese Entscheidungen haben zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind richtig – und sie kommen spät. Gerade im Fall von QAnon hat Facebook maßgeblich zum Aufstieg und der Verbreitung der radikalen und zunehmend gewaltbereiten Verschwörungsgläubigen beigetragen.
  • Natürlich hat Zuckerberg Recht, wenn er immer wieder betont, Facebook dürfe nicht zum "arbiter of truth" werden. In diesen Fällen ist das aber eine Scheindebatte: Holocaustleugnung, Antisemitismus und gefährliche Verschwörungserzählungen sind keine Meinungen, denen Facebook aus falsch verstandener Neutralität eine Plattform bieten muss.

Be smart

Viele Journalistïnnen spekulieren (The Register), ob Zuckerberg nicht ganz andere Motive hatte: Drohende Regulierung, die schlechten Umfragewerte von Donald Trump und zunehmender Druck könnten seinen Meinungsumschwung begünstigt haben.

An solchen Mutmaßungen wollen wir uns nicht beteiligen. Letztlich ist das auch nicht entscheidend. Wichtig sind jetzt zwei Dinge:

  1. Facebook muss die Ankündigungen auch umsetzen und Inhalte konsequent löschen. Das wohlformulierteste Regelwerk ist nutzlos, wenn auf die Worte keine Taten folgen.
  2. Die Community-Standards sind nur ein kleiner Teil des Problems. Wenn werbefinanzierte Plattformen ihre Algorithmen auf Interaktionen maximieren, spielt das Extremistïnnen in die Hände, die mit emotionalen Botschaften die Mechanismen sozialer Netzwerke ausnutzen. Das muss sich ändern – zur Not auch gegen Zuckerbergs Willen.

Header-Foto von Clem Onojeghuo bei Unsplash


9.10.2020 | ARD/ZDF-Onlinestudie: Instagram löst Facebook ab, Facebook bereitet sich auf die US-Wahl vor

ARD/ZDF-Onlinestudie: Instagram löst Facebook ab

Was ist

Im Oktober werden die Bäume gelb, man holt seine Winterjacke aus dem Keller – und die ARD/ZDF-Onlinestudie erscheint. Nach 2018 (#494) und 2019 (#586) fassen wir auch dieses Jahr die zentralen Erkenntnisse zusammen.

Warum das wichtig ist

Neben dem Digital-News-Report des Reuters-Institute (unsere Zusammenfassung in Ausgabe #648) zählt die ARD/ZDF-Onlinestudie zu den wichtigsten Erhebungen zur Nutzung von (sozialen) Medien in Deutschland. Sie basiert nicht auf Angaben der Plattformen, sondern auf Befragungen unabhängiger Forscherïnnen.

Wie viel Aussagekraft die Ergebnisse haben

Dieses Jahr wurden unterschiedliche Datensätze kombiniert und insgesamt rund 3000 repräsentativ ausgewählte Personen befragt, die Hälfte davon zwischen März und April. Die Grundgesamtheit bildet dabei die deutschsprachige Bevölkerung über 14 Jahren. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie wirken sich angesichts des Befragungszeitraums bereits aus, wobei sich das Nutzungsverhalten sei dem Frühjahr nochmal verändert haben dürfte.

Wie bei allen Studien gilt: Gerade für die Ergebnisse einzelner Altersgruppen, bei denen die Stichprobe kleiner ausfällt, sollte man nicht allzu viel auf exakte Prozentzahlen geben. Eine gewisse statistische Ungenauigkeit kann selbst das beste Studiendesign nicht verhindern.

Den grundlegenden Tendenzen kann man aber vertrauen – und die sind dieses Jahr wirklich interessant. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenz und legen der Schwerpunkt auf Social Media. Da dieses Briefing im Posteingang vieler Journalistïnnen landet, gehen wir aber auch kurz auf die Ergebnisse ein, die eher klassische Medien betreffen.

Social Media

  • Zum ersten Mal nutzen mehr Menschen täglich Instagram als Facebook. 15 Prozent der Befragten geben an, Instagram jeden Tag zu öffnen. Facebook verliert dagegen ein Drittel seiner täglichen Nutzerïnnen und kommt nur noch auf 14 Prozent.
  • Besonders deutlich ist die Entwicklung in der Altersgruppe der 14-29-Jährigen. Mehr als die Hälfte ist jeden Tag auf Insta unterwegs, weniger als ein Viertel verirrt sich zu Facebook, wo sie höchstens noch ihren Eltern und Lehrerïnnen begegnen.
  • Nun ist also auch in Deutschland der "Tipping Point" erreicht, vor dem ein hochrangiger Facebook-Datenwissenschaftler Mark Zuckerberg bereits im vergangenen Jahr gewarnt hatte (The Information): Facebooks Zukäufe Instagram und WhatsApp kannibalisieren die blaue App, die zunehmend an Bedeutung verliert.
  • Bei der wöchentlichen Nutzung bleibt Facebook vorn (26 zu 20 Prozent). Die blaue App bleibt also das verbreitetste soziale Netzwerk, das beliebteste ist aber Instagram.
  • Bei allem Hype um TikTok konnte man fast vergessen, dass Snapchat auch 2020 noch existiert – und wie: Mehr als ein Viertel der 14-29-Jährigen öffnen Snapchat täglich, vier von zehn Befragten nutzen die App mindestens einmal pro Woche. (Funfact: In allen anderen Altersgruppen sind es zusammengenommen nur ein bzw. zwei Prozent.)
  • Damit ist Snapchat deutlich weiter verbreitet als die angeblich heißeste App der Welt. Nur sieben Prozent der Menschen unter 30 nutzen TikTok täglich, auch die wöchentliche Nutzung liegt mit neun Prozent nur unwesentlich höher. Der Anteil der monatlich aktiven Nutzerïnnen liegt in der Altersgruppe 14-29 bei 16 Prozent.
  • Diese Ergebnisse relativieren TikToks eigene Zahlen, die Bloomberg kürzlich einsehen konnte. Demnach nutzen fast elf Millionen Menschen in Deutschland die App mindestens einmal pro Monat, wobei mehr als drei Viertel davon älter als 18 alt sein sollen.
  • Eine Kantar-Studie, die TikTok selbst in seinem Newsroom veröffentlichte, kommt gar zum Ergebnis, dass zwei Drittel der TikTok-Nutzerïnnen älter als 25 seien.
  • Der ARD/ZDF-Erhebung zufolge nutzen sieben Prozent der Gesamtbevölkerung TikTok mindestens einmal pro Monat. Das entspräche knapp fünf Millionen Menschen. TikTok geht von mehr als doppelt so vielen MAUs aus. Diese Diskrepanz ist schon beträchtlich.
  • Glaubt man der ARD/ZDF-Onlinestudie, ist TikTok in Deutschland ein Nischen-Netzwerk für Teenager und junge Erwachsene. TikToks eigenen Daten zufolge entwickelt sich die App zu einem Massenmedium mit einer erstaunlich großen Zahl älterer Nutzerïnnen.
  • Andere Plattformen wie Twitter, Xing, LinkedIn und Twitch sind vergleichsweise unbedeutend. Keines dieser Netzwerke kommt auf mehr als vier Prozent DAUs, auch nicht unter jüngeren Menschen.
  • Für YouTube weist die Studie leider keine separaten Zahlen im Vergleich zu den anderen Social-Media-Diensten aus, sondern behandelt die Plattform wie eine reine Videoplattform. Dementsprechend finden sich die Ergebnisse an anderer Stelle im Block zur medialen Internetnutzung.
  • Demnach sehen 41 Prozent mindestens einmal pro Woche Videos auf YouTube an, die keine Fernsehsendungen sind. Unter jungen Menschen liegt der Anteil fast doppelt so hoch.
  • YouTube würde also von rund doppelt so vielen Menschen genutzt wie Facebook und Instagram. Wir sind aber nicht sicher, ob sich die Zahlen eins zu eins mit den Daten über die anderen Plattformen vergleichen lassen, da sie in unterschiedlichen Tabellen auftauchen und die Angaben im Text dazu nicht ganz eindeutig sind.
  • Fakt ist jedenfalls: YouTube ist groß. Wenn wir das Ausmaß der Berichterstattung über Facebook und TikTok mit der medialen Aufmerksamkeit für YouTube und Snapchat vergleichen, spiegelt das zumindest nicht die Lebensrealität vieler Menschen wider.

Messenger

  • Über das Schneckenrennen zwischen Facebook und Instagram kann ein weiterer Facebook Dienst nur lachen: 68 Prozent der Befragten nutzen WhatsApp täglich, acht von zehn Befragten schreiben oder lesen mindestens eine Nachricht pro Woche.
  • Vor allem bei der Generation U30 gibt es fast keine Menschen mehr, die man nicht über WhatsApp erreicht. Mit 95 Prozent WAUs ist der Messenger zum mit Abstand wichtigsten Kommunikationskanal junger Menschen geworden.
  • Auch für Seniorïnnen gewinnt WhatsApp zunehmend an Bedeutung. 43 Prozent der Befragten über 70 öffnen die App mindestens einmal pro Woche, ein Drittel chattet jeden Tag. Facebook und Instagram kommen in dieser Altersgruppe dagegen nur auf jeweils ein Prozent tägliche Nutzung.
  • Keine Zahlen liefert die ARD/ZDF-Onlinestudie über Telegram. Der Messenger hat eigenen Angaben zufolge mehr als 400 Millionen Nutzerïnnen weltweit. Seit dem Ausbruch der Pandemie dürfte die Nutzung auch in Deutschland nochmal deutlich gestiegen sein, Stichwort "Corona-Rebellen", Atilla Hildmann und QAnon. Vielleicht erfahren wir 2021 mehr dazu.

Allgemeine Internet- und Mediennutzung

  • 66 Millionen Menschen über 14 Jahren sind online. Das entspricht einem Anteil von 94 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung.
  • 72 Prozent der Befragten nutzen das Internet täglich. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 97 Prozent.
  • Die durchschnittliche Nutzungsdauer beträgt knapp dreieinhalb Stunden, junge Menschen sind rund sechseinhalb Stunden online. (Wir fragen uns: Kann man überhaupt noch offline sein, wenn man ein Smartphone besitzt, das man nicht bewusst ausschaltet? Irgendeine Push-Nachricht ist ja immer.)
  • Videos und Audios gewinnen weiter an Bedeutung: Streaming-Dienste wie Netflix und Spotify werden rege genutzt (eher von den Jüngeren), auch die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender verzeichnen viele Zugriffe (eher von den Älteren).
  • Der Textanteil sinkt dagegen: Bei durchschnittlich zwei Stunden medialer Internetnutzung pro Tag entfallen 55 Minuten auf Video, 51 Minuten auf Audio und nur 17 Minuten auf Text.
  • Noch krasser ist das Verhältnis bei den Unter-30-Jährigen. Von 257 Minuten, die sie online mediale Inhalte nutzen, verbringen sie nur 24 Minuten mit der Darstellungsform Text – das sind weniger als zehn Prozent.
  • Wir bereiten dann mal unseren Podcast und YouTube-Channel vor. Dieser Newsletter hat ja offenbar keine Zukunft.

Dig deeper

Be smart

Seit Jahren heißt es: "Facebook stirbt". Lange Zeit war der Abgesang Unsinn, doch wer solche Prognose nur lange genug wiederholt, kann irgendwann sagen: Seht her, ich habe es doch schon immer gewusst.

Um die blaue App zu beerdigen, ist es immer noch viel zu früh. Doch Die ARD/ZDF-Onlinestudie zeigt einen Trend, der sich weiter beschleunigen dürfte: Die Plattform wird älter und für viele Menschen irrelevanter. Nirgendwo sonst besitzen so viele Menschen ein Konto, doch der Anteil der Karteileichen steigt.

Das Unternehmen Facebook hat aber gut vorgesorgt. Solange die Nutzerïnnen zu Instagram abwandern, mag vielleicht das Ego von Mark Zuckerberg leiden. Schließlich gründete er vor 16 Jahren TheFacebook und nicht Instagram. Für die Jahresbilanz von Facebook Inc. ist das aber egal, und am Ende ist das alles, was Investorïnnen und Aktionärïnnen interessiert.


Facebook bereitet sich auf die US-Wahl vor

  • Binnen 24 Stunden hat Facebook zuerst die QAnon-Bewegung und kurz darauf sämtliche politische Werbung nach dem Schließen der Wahllokale verboten.
  • Schließlich verbannte Facebook auch noch eine Marketing-Firma (Washington Post), die als eine Art US-Trollfarm für Donald Trump agierte und über Fake-Account rechtskonservative Botschaften verbreitete.
  • Um die QAnon-Bewegung einzudämmen, will Facebook sämtliche Seiten, Gruppen und Instagram-Konten löschen, die für QAnon stehen, außerdem Inhalte weiterer "militarisierter sozialer Bewegungen".
  • Die Plattform hat maßgeblich zum Aufstieg und der Verbreitung der gefährlichen und zunehmend radikalen Verschwörungserzählung beigetragen. Dass Facebook nun auf die Notbremse tritt, ist überfällig.
  • Nun wird viel davon abhängen, wie effektiv Facebook das Verbot durchsetzt und wie konsequent es Inhalte löscht. In der Vergangenheit folgten auf Worte nicht immer Taten.
  • Auch beim Verbot der politischen Anzeigen handelt Facebook spät und lange nach anderen Plattformen. Der Ban greift vom 3. November an für einen bislang unbestimmten Zeitraum und soll verhindern, dass nach der Wahl Desinformation über das Ergebnis verbreitet wird.
  • Das Verbot ist eine von vielen Maßnahmen, mit denen sich Facebook auf die US-Wahl vorbereitet. Offensichtlich rechnet das Unternehmen mit Chaos (Protocol) und fürchtet Verunsicherung und zivile Unruhen.
  • Vor vier Jahren ließ sich Facebook bekanntlich allzu leichtfertig missbrauchen. Solche Manipulationsversuche will das Unternehmen nun unter allen Umständen verhindern.

Kampf gegen Desinformation

  • Glaube keiner Rezension, die du nicht selbst gefälscht hast. Im Internet kann man die Zahl der Sterne oft auch einfach würfeln. Das Bundeskartellamt fordert Online-Portale und Suchmaschinen deshalb nun auf, schärfer gegen Fake-Bewertungen vorzugehen (Heise).
  • Für die Verbreitung von Desinformation spielen soziale Medien eine geringere Rolle als angenommen. "Fox News and Donald Trump’s own campaign were far more influential in spreading false beliefs than Russian trolls or Facebook clickbait artists", schreiben Forscherïnnen des Berkman Klein Center for Internet & Society der Universität Harvard in ihrem Paper "Mail-In Voter Fraud: Anatomy of a Disinformation Campaign" (SSRN).
  • Eine gute Zusammenfassung hat einer der Studienautoren für Columbia Journalism Review geschrieben. "Trump doesn’t need Russian trolls to spread disinformation", kommentiert Margaret Sullivan (Washington Post). "The mainstream media does it for him."
  • Ich erinnere in diesem Zusammenhang gern an eine meiner All-time-Lieblingsüberschriften (New York Times), die ich immer wieder zitiere, wenn ich über die ach so gefährlichen Plattformen spreche: "Worry About Facebook. Rip Your Hair Out in Screaming Terror About Fox News."
  • Dass sich Facebook aber trotzdem nicht entspannt zurücklehnen kann, zeigen immer wieder die Recherchen von Judd Legum. Diesmal beschreibt er (Popular Information), wie Facebook einen viralen Artikel von Breitbart stehen ließ, obwohl er gefährliche Desinformation über das Coronavirus enthält – Inhalte, die Facebook eigentlich löschen will.

Neues von den Plattformen

Instagram

Facebook

  • Facebook beerdigt Notes (AllFacebook) … Wen? Und genau das dürfte der Grund sein, warum Facebook die aufgebohrte Notizen-Funktion einstellt. Hat ja eh kaum jemand genutzt.

Twitter

Google

  • Google bündelt seine Produktivitätsdienste wie Gmail, Calendar, Drive, Docs und Meet unter der Dachmarke Workspace (Google-Cloud). Das Angebot richtet sich eher an Unternehmenskunden oder Menschen, die Googles Dienste beruflich nutzen. Normalen Nutzerïnnen dürften aber bald die neuen Logos auffallen (Fast Company).

10 Jahre Instagram – aber nur eine Leseempfehlung

Vor zehn Jahren wurde Instagram gegründet. Oder, wie es The Verge in seiner futuristischen Würdigung ausdrückt: "Instagram turns 20 on this day in 2030". Wir ignorieren solche Jahrestage meist, weil wir es nicht als unsere Aufgabe verstehen, Plattformen zum Geburtstag zu gratulieren.

Dann wurden wir am 6. Oktober von einer Flut an klugen Texten überrollt, die Instagrams rundes Jubiläum zum Anlass nahmen, die kulturelle, wirtschaftliche oder journalistische Bedeutung der Plattform zu würdigen. Also sammelten wir Links, um am zehnten Geburtstag zehn Leseempfehlungen zu geben.

Jetzt haben wir es uns doch wieder anders überlegt. Zum einen liest ohnehin niemand zehn Artikel zu einem Thema. Zum anderen hat Correctiv die erste Ausgabe einer vierteiligen Recherchereihe über die rechte Szene auf Instagram veröffentlicht, die wir für wichtiger halten als alle anderen Texte zusammengenommen.

Darin beschreiben die Kollegïnnen, wie Rechtsradikale Instagram nutzen, um sich an junge Menschen heranzuwanzen. Dass Extremistïnnen soziale Netzwerke als Rekrutierungsplattformen nutzen und auch Instagram dazu zählt, ist nicht neu. Doch Ausmaß und Professionalität der perfiden Propaganda sind erschreckend – zumal Instagram der Umarmung von Rechts offenbar kaum etwas entgegenzusetzen hat.

Fürs Wochenende empfehlen wir deshalb "Kein Filter für Rechts" sowie die Kolumne von Sascha Lobo (Spiegel), in der er die Recherche aufgreift und erklärt, warum die vermeintlich harmlose Natur-Ästhetik, mit der sich die Rechtsradikalen inszenieren, so gefährlich ist.


Header-Foto von Andrew „Donovan“ Valdivia bei Unsplash

Google kauft sich gute Presse

Was ist

Google will Verlagen in den kommenden drei Jahren eine Milliarde Euro überweisen. Im Gegenzug erhält das Unternehmen Inhalte, die auf einem neuen Produkt namens Google News Showcase (GNS) präsentiert werden und später auch im Discover-Feed und der Google-Suche auftauchen sollen.

 

Warum das wichtig ist

Für Google mögen eine Milliarde Dollar eine überschaubare Summe sein – der Konzern verdient pro Jahr mehr als das Dreißigfache. Google braucht also weniger als zwei Wochen, um die Investitionen der kommenden drei Jahre einzunehmen.

Auf Seiten der Verlage sieht es anders aus, dort haben die Jahresbilanzen meist einige Nullen weniger. Bei derzeit knapp 200 Medienpartnern wären es rund 1,7 Millionen pro Verlag pro Jahr. Das Geld dürfte ungleich auf die Medien verteilt werden, doch für viele teilnehmende Verlage ist das trotzdem eine signifikante Summe.

Bereits für sich betrachtet ist der Deal also bemerkenswert. Vor allem aber gewinnt er durch seine Vorgeschichte und aktuelle politische Entwicklungen an Bedeutung:

  • Deutschland hat bereits 2013 vergeblich versucht, Google mit dem gescheiterten Leistungsschutzrecht (LSR) zu zwingen, Lizenzgebühren für Inhalte bzw. kurze Auszüge zu bezahlen.
  • Bis 2021 muss Deutschland die EU-Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht umsetzen. Dabei soll der LSR-Zombie wiederbelebt werden. Noch hakt die Umsetzung, unter anderem weil sich Justiz- und Wirtschaftsministerium uneins sind. Doch am Ende könnte ein sogenanntes Verlegerrecht stehen, das erneut Lizenzzahlungen auch für Überschriften und Teaser vorsieht.
  • Google drohte in der Vergangenheit, deshalb Google News in Europa abzuschalten oder stark zu beschränken (Nieman Lab).
  • Länder wie Frankreich und Australien haben bereits oder wollen Gesetze erlassen, die Google und Facebook verpflichten (Axios), Verlage zu bezahlen, wenn sie deren Inhalte nutzen oder weiterverbreiten.

Es ist wohl kein Zufall, dass GNS zunächst in Deutschland und Brasilien startet und bald auf Argentinien, Kanada, Großbritannien und Australien ausgeweitet werden soll. In allen Ländern laufen entweder kartellrechtliche Ermittlungen oder Gesetzesinitiativen, die Google wehtun könnten.

 

The big picture

Ähnlich wie Facebook ist Google ein Frenemy der Verlage. Allerdings hat der Konzern im Laufe der vergangenen Jahre viel dafür getan, das angespannte Verhältnis (Nieman Lab) zu verbessern. Die meisten Medien betrachten Google mittlerweile als zuverlässigeren Partner als Facebook (mehr dazu in Ausgabe #663).

Kein anderes Unternehmen gibt mehr Geld für Lobbyarbeit in Brüssel aus als Google (Lobbycontrol). Die neue Initiative soll und könnte dazu beitragen, weitere Verlage auf die Seite von Google zu ziehen und womöglich auch Kartellbehörden zu besänftigen, die Googles Machtkonzentration untersuchen.

 

Was über den Deal bekannt ist

Die Verträge, die Google mit den Medienpartnern geschlossen hat, sind nicht öffentlich. Dennoch sind einige Details des "Publisher-Curated News Agreement" bekanntgeworden, über die unter anderem die Welt und Digiday berichten. Wir fassen die Eckpunkte zusammen:

  • GNS baut auf einem Lizenzprogramm auf, das Google bereits im Juni vorstellte.
  • In Deutschland nehmen 20 Medienpartner mit insgesamt mehr als 50 Publikationen teil, darunter der Spiegel, die Zeit, die FAZ sowie etliche Regionalmedien wie die Rheinische Post oder der Tagesspiegel. Mit T-Online, Netzwelt und Golem sind auch reine Online-Medien dabei.
  • Die Verlage können ihre Inhalte selbst in Story-Panels kuratieren, die etwa erläuternde Bullet-Points, multimediale Elemente oder weiterführende Artikel enthalten.
  • Diese Themenkarten werden zunächst nur in der Google-News-App für Android auftauchen. Später will Google sie auch in Google Discover, Google News auf iOS sowie in der Google Suche anzeigen.
  • Die Medienpartner verpflichten sich, jeden Tag mindestens ein "Modul" mit jeweils mehreren Artikeln und Updates zu liefern. Je nach Verlag wurden die Details unterschiedlich verhandelt, große Medien stellen mehr Inhalte bereit.
  • Google kauft teils auch Inhalte, die Verlage selbst nur hinter einer Paywall veröffentlichen, und stellt sie kostenlos ins Netz. Für Geschäftsmodelle, die auf digitalen Abonnements basieren, ist diese Entbündelung riskant.
  • Medien verkaufen das Recht, nicht nur Snippets, sondern ganze Artikel weltweit zu nutzen. Das ist aber optional. Es gebe "keine Verpflichtung zur Bereitstellung von 'Paywall-Artikeln'", teilt ein Google-Sprecher mit (Turi2).
  • Unklar bleibt, ob, wann und wo Google die vollständig lizenzierten Inhalte anzeigen will. Die Story-Panels enthalten nur Zusammenfassungen und Textausschnitte, die Google ohnehin kostenlos nutzen kann.
  • Google kann den Vertrag einseitig kündigen, wenn "eine Gesetzesveränderung die Aufrechterhaltung der Verpflichtungen einer Seite, die in diesem Abkommen festgehalten sind, kommerziell unbrauchbar macht", etwa wenn Google verpflichtet würde, "Inhalte von einem Kollektiv zu lizenzieren" – genau das bahnt sich gerade in Australien an (Digiday).

 

Wie Verleger reagieren

Die teilnehmenden Verlage verteilen öffentlich nur Flausch, im Google-Blog finden sich etwa lobende Zitate von Stefan Ottlitz (Spiegel) und Carsten Knop (FAZ).

Im Hintergrund äußern sich manche anders. Die Welt zitiert einen anonymen Verlagsmanager:

"Es gehe darum, Journalismus jetzt finanzieren zu können, da helfe das Google-Geld unmittelbar. "Wir haben ja nicht so viel Zeit", sagt ein Manager. Ob man nicht mittelfristig über den Tisch gezogen werde, wenn man sich auf einen Lizenzdeal einlasse? Antwort: "Mittelfristig können wir alle über den Tisch gezogen werden."

Noch deutlich kritischer fallen die Stimmen von Lobbyverbänden und Medien aus, die nicht am Programm teilnehmen. Angela Mills Wade vom European Publishers Council sagt etwa (Digiday):

"Many are quite cynical about Google’s perceived strategy. By launching a product, it can dictate terms and conditions, undermine legislation designed to create conditions for a fair negotiation, while claiming they are helping to fund news production."

Auch in den USA scheinen die Reaktionen bislang verhalten bis skeptisch auszufallen, wenn man David Chavern von der News Media Alliance glaubt:

"We know that Google has approached a number of U.S. news publishers about this program. The initial indications are that, at least to date, publishers are underwhelmed by the economics and offended by the gag order. Google just doesn’t appear serious."

 

Welche Interessen Google hat

Warum die Verlage mitmachen, ist offensichtlich: Für einen überschaubaren Aufwand erhalten sie eine ordentliche Summe Geld. Die Motive von Google sind weniger eindeutig. Glaubt man Pichai (Google-Blog), hat sein Unternehmen in erster Linie ein ideelles Interesse:

"One of the most enduring memories of my childhood is waiting for my father and grandfather to finish the paper over breakfast every morning so that I could get the latest headlines, especially in the sports section. (…) I have always valued quality journalism and believed that a vibrant news industry is critical to a functioning democratic society."

Google-Manager Matt Brittin fasst es so zusammen (Google-Blog):

"We invest in news not for profit; but because it’s important for society, for publishers and for citizens wanting to read quality journalism."

Es gibt aber auch noch eine andere Interpretation, die etwa Joshua Benton vertritt (Nieman Lab). Bereits im Juni, als Google die Grundzüge der Initiative angekündigt hatte, argumentierte Benton (Nieman Lab), dass es Google in erster Linie um PR und nicht um die Bedürfnisse der Verlage gehe.

Zusammengefasst geht seine These so:

  • Google und Facebook sind derzeit weltweit von Regulierung und neuen Gesetzen bedroht.
  • Programme wie die Google News Initiative, das Facebook Journalism Project und die aktuellen Investitionen in GNS helfen den Tech-Unternehmen noch mehr als den Medienpartnern.
  • Google kann selbst aussuchen, welche Medien Geld erhalten, statt Lizenzgebühren an alle zahlen zu müssen, wie es bei der Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in ein Verlegerrecht der Fall wäre.
  • Die Überschrift "Google schüttet eine Milliarde an Verlage aus", die vielerorts zu lesen war, könnte helfen, allzu scharfe Gesetze zu verhindern, die die Verleger-Lobby durchsetzen will.

 

Was wir davon halten

Tech-Konzerne wollen möglichst viele positive Berichte über sich lesen. Manchmal ist der Versuch der Einflussnahme offensichtlich. Am Wochenende wurde etwa bekannt, dass Huawei eine Redaktion in Deutschland aufbauen will (Welt).

Im Fall von Huawei gibt es gute Gründe, skeptisch zu sein. Das chinesische Unternehmen ist zwar kein Staatskonzern, pflegt aber gute Beziehungen zur Regierung. "Zwischen der chinesischen Staatsführung und der Pressefreiheit besteht ein Grundkonflikt", sagt Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen.

Google und Facebook sind unabhängiger von der Politik und wollen die Schlagzeilen auch nicht selbst schreiben – subtilen Einfluss üben sie über ihre Förderprogramme trotzdem aus. Die Initiativen mögen gut gemeint und für sich genommen sinnvoll sein. Trotzdem nutzen sie natürlich auch den Tech-Konzernen und könnten dazu führen, dass der eine oder andere Kommentar etwas freundlicher ausfällt.

 

Be smart

Der digitale Werbemarkt ist ein Duopol (Axios): Google und Facebook kassieren mehr als die Hälfte der Anzeigenerlöse und fast 90 Prozent aller neu investierten Werbedollar. Der einzige echte Konkurrent ist nicht die Medienbranche, sondern Amazon.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass viele Verlage auf Kooperationen setzen, um indirekt wenigstens ein paar Krümel des Werbekuchens abzubekommen. Gerade in einer Zeit, in der immer mehr Medien ihre Inhalte nicht mehr kostenlos ins Netz stellen, birgt die Lizenzierung aber eine Gefahr: Nutzerïnnen könnten sich daran gewöhnen, dass sie hochwertigen Journalismus auch gratis bei Google finden, statt teure Abos abschließen zu müssen.

Die treuesten Abonnentïnnen zahlen nicht nur für die Inhalte, sondern für ein Lebensgefühl und die Bindung an die Redaktion. Ein Teil der Leserïnnen dürfte das Google-Angebot aber reichen. Das könnte die (teils durchaus realistischen) Paid-Content-Träume schneller platzen lassen, als Verleger Leistungsschutzrecht buchstabieren können.


Dieses Briefing ist Teil des Social Media Briefings vom 7.10.2020. Falls du auch zweimal die Woche die wichtigsten News und Debatten eingeordnet per Newsletter erhalten möchtest, kannst du hier ein Abo abschließen.


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