22.9.2020 | 17 Fragen zum TikTok-Deal, Warum Menschen für Journalismus bezahlen, Mark Zuckerberg Reckoning

Salut und herzlich willkommen zur 669. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute blicken wir sehr erstaunt auf das, was beim Ringen um TikTok herausgekommen ist. Der Deal mag mehr oder weniger in trockenen Tüchern sein - wir haben aber mindestens 17 Fragezeichen. What a mess! Zum Glück lernen wir heute zudem von Jay Rosen einiges darüber, wie es gelingen kann, Menschen davon zu überzeugen, für Journalismus zu bezahlen - das stimmt uns versöhnlich. Wir bedanken uns für die Wertschätzung unserer Arbeit und senden freundliche Grüße aus Berlin und Göttingen, Simon & Martin

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Hurra, hurra, der TikTok-Deal ist da

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Kampf gegen Desinformationen

Neue Regeln für Facebook Groups

Menschen versammeln sich bekanntlich zunehmend lieber um digitale Lagerfeuer, als öffentlich auf Facebook oder Instagram zu posten. Für Facebook ist die Gruppen-Funktion daher (mindestens seit Frühjahr 2019) ein zentraler Baustein, um bei Nutzerïnnen weiterhin relevant zu bleiben. Das Problem: Viele Menschen nutzen die vermeintliche Privatsphäre von Gruppen, um Spam, Falschinformationen und Aufrufe zu Gewalt zu teilen. Experten sehen darin seit Jahren eine der zentralen Herausforderungen, wenn es um die Gefahren von Filterblasen und Echokammern geht. Um diesen Herausforderungen besser zu begegnen, hat Facebook einige neue Regeln veröffentlicht. Ein Überblick:

  • Gruppen, die keinen Admin haben, werden archiviert.
  • Gruppen, die sich mit Gesundheitsthemen beschäftigen, werden nicht mehr empfohlen.
  • Gruppen, die zu Gewalt aufrufen oder entsprechenden Organisationen nahestehen, werden nicht mehr empfohlen und verschwinden aus der Suche. Zudem werden ihre Inhalte im News Feed in der Sichtbarkeit eingeschränkt.
  • Userïnnen, die wiederholt gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards verstoßen haben, können künftig nur noch eingeschränkt neue Gruppen gründen.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Rights Manager: Facebook hat einen neuen Rechte-Manager für Bilder gelauncht. Falls das für dich ein Thema ist, erfährst du hier, wie du dich für den Manager anmelden kannst.

Spotify

  • Virtual Events: Spotify hat erkannt, dass uns Corona wohl leider noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Daher gibt es fortan auch Hinweise auf digitale Events – etwa via Twitch, Instagram Live oder YouTube Live.

Tipps, Tricks und Apps

  • Membership Puzzle: Seit Jahren beschäftigt Medienmacher die Frage, wie sie Menschen davon überzeugen können, für Inhalte zu bezahlen. Der bekannte Journalismus-Prof Jay Rosen hat deshalb mit Kollegïnnen ein Handbuch verfasst, das Antworten liefern soll: Im Membership Guide präsentieren sie zahlreiche Ideen und zeigen, worauf es ankommt, wenn eine Paywall hochgezogen werden soll – etwa:
  1. Consistently delivering value in your core service
  2. Consistently delivering value in your membership program
  3. Providing opportunities for participation
  4. Putting in place smart tech defaults and customer service that prevent easily avoidable member losses

Wir sind beim Social Media Watchblog übrigens sehr stolz, dass wir bei unserem ganz persönlichen Membership-Puzzle schon so viele Teile richtig legen konnten – noch einmal herzlichen Dank für das Vertrauen an dieser Stelle!


One more thing

Mark Zuckerberg Reckoning: Achtung, das hier verlinkte Video ist ein Fake! Sogar ein Deep Fake, wenn man der Künstlerin, die das Video produziert hat, folgen möchte. Warum wir es trotzdem teilen? Nun, weil wir uns wünschen würden, es wäre kein Fake, sondern tatsächlich ein Video von Mark Zuckerberg, in dem er zugibt, was bei Facebook alles falsch läuft, und in dem er darlegt, was er künftig alles anders machen möchte. Leider zu schön, um wahr zu sein. Oder wie die Stephanie Lepp es ausdrückt:

"The project seeks not to deceive nor demean, but to imagine and inspire…Deep Reckonings explores the question: how might we use our synthetic selves to elicit our better angels?"


Header-Foto von Andrew Keymaster bei Unsplash


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