Monat: September 2020

Der TikTok-Deal, erklärt

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Dieser Artikel ist Teil unseres Social Media Briefings vom 22.9.2020. Wenn du auch zweimal die Woche die wichtigsten News und Debatten rund um Social Media per Newsletter aufbereitet erhalten möchtest, dann kannst du hier Mitglied werden.


Header-Foto von Kon Karampelas bei Unsplash


22.9.2020 | 17 Fragen zum TikTok-Deal, Warum Menschen für Journalismus bezahlen, Mark Zuckerberg Reckoning

Hurra, hurra, der TikTok-Deal ist da

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Kampf gegen Desinformationen

Neue Regeln für Facebook Groups

Menschen versammeln sich bekanntlich zunehmend lieber um digitale Lagerfeuer, als öffentlich auf Facebook oder Instagram zu posten. Für Facebook ist die Gruppen-Funktion daher (mindestens seit Frühjahr 2019) ein zentraler Baustein, um bei Nutzerïnnen weiterhin relevant zu bleiben. Das Problem: Viele Menschen nutzen die vermeintliche Privatsphäre von Gruppen, um Spam, Falschinformationen und Aufrufe zu Gewalt zu teilen. Experten sehen darin seit Jahren eine der zentralen Herausforderungen, wenn es um die Gefahren von Filterblasen und Echokammern geht. Um diesen Herausforderungen besser zu begegnen, hat Facebook einige neue Regeln veröffentlicht. Ein Überblick:

  • Gruppen, die keinen Admin haben, werden archiviert.
  • Gruppen, die sich mit Gesundheitsthemen beschäftigen, werden nicht mehr empfohlen.
  • Gruppen, die zu Gewalt aufrufen oder entsprechenden Organisationen nahestehen, werden nicht mehr empfohlen und verschwinden aus der Suche. Zudem werden ihre Inhalte im News Feed in der Sichtbarkeit eingeschränkt.
  • Userïnnen, die wiederholt gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards verstoßen haben, können künftig nur noch eingeschränkt neue Gruppen gründen.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Rights Manager: Facebook hat einen neuen Rechte-Manager für Bilder gelauncht. Falls das für dich ein Thema ist, erfährst du hier, wie du dich für den Manager anmelden kannst.

Spotify

  • Virtual Events: Spotify hat erkannt, dass uns Corona wohl leider noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Daher gibt es fortan auch Hinweise auf digitale Events – etwa via Twitch, Instagram Live oder YouTube Live.

Tipps, Tricks und Apps

  • Membership Puzzle: Seit Jahren beschäftigt Medienmacher die Frage, wie sie Menschen davon überzeugen können, für Inhalte zu bezahlen. Der bekannte Journalismus-Prof Jay Rosen hat deshalb mit Kollegïnnen ein Handbuch verfasst, das Antworten liefern soll: Im Membership Guide präsentieren sie zahlreiche Ideen und zeigen, worauf es ankommt, wenn eine Paywall hochgezogen werden soll – etwa:
  1. Consistently delivering value in your core service
  2. Consistently delivering value in your membership program
  3. Providing opportunities for participation
  4. Putting in place smart tech defaults and customer service that prevent easily avoidable member losses

Wir sind beim Social Media Watchblog übrigens sehr stolz, dass wir bei unserem ganz persönlichen Membership-Puzzle schon so viele Teile richtig legen konnten – noch einmal herzlichen Dank für das Vertrauen an dieser Stelle!


One more thing

Mark Zuckerberg Reckoning: Achtung, das hier verlinkte Video ist ein Fake! Sogar ein Deep Fake, wenn man der Künstlerin, die das Video produziert hat, folgen möchte. Warum wir es trotzdem teilen? Nun, weil wir uns wünschen würden, es wäre kein Fake, sondern tatsächlich ein Video von Mark Zuckerberg, in dem er zugibt, was bei Facebook alles falsch läuft, und in dem er darlegt, was er künftig alles anders machen möchte. Leider zu schön, um wahr zu sein. Oder wie die Stephanie Lepp es ausdrückt:

"The project seeks not to deceive nor demean, but to imagine and inspire…Deep Reckonings explores the question: how might we use our synthetic selves to elicit our better angels?"


Header-Foto von Andrew Keymaster bei Unsplash


18.9.2020 | Schwere Vorwürfe gegen Facebook, Silicon Valley und Klimaschutz, Filter-Journalismus bei Instagram

Facebook-Memo: Ex-Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe

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Was ist

Eine ehemalige Facebook-Angestellte wirft dem Unternehmen vor, Wahlmanipulationen und Desinformationskampagnen teils monatelang ignoriert zu haben. Das zuständige Policy-Team konzentriere sich auf die USA und Europa. Für Länder abseits des Kerngeschäfts fehle es an Ressourcen und auch am Willen, Missbrauch zu verhindern.

Warum das wichtig ist

In den vergangenen Monaten haben sich immer wieder aktuelle und ehemalige Facebook-Mitarbeiterïnnen an Medien gewandt und teils brisante interne Informationen durchgestochen (#659). Der aktuelle Leak zählt zu den größten und substanziellsten. Er erhärtet den Verdacht, dass Facebook in erster Linie auf öffentlichen Druck hin reagiert. Der gesellschaftliche Schaden, den die Plattform in Schwellen- und Entwicklungsländern anrichtet, scheint in Menlo Park keine allzu große Priorität zu genießen.

Woher die Anschuldigungen stammen

Die Vorwürfe gehen auf Sophie Zhang zurück, die drei Jahre als Data Scientist bei Facebook arbeitete. Sie wurde kürzlich gekündigt und teilte an ihrem letzten Arbeitstag im September ein langes Posting in Facebooks internen Kommunikationsforen. Angeblich lehnte sie eine Abfindung in Höhe von 64.000 Dollar ab, um kein NDA unterschreiben zu müssen und ihr Memo zumindest konzernintern veröffentlichen zu können.

Das Posting landete bei drei BuzzFeed-Reportern und später auch bei der New York Times. Während die Zusammenfassung der NYT recht knapp ausfällt (womöglich, weil BuzzFeed den Scoop zuerst exklusiv hatte), zitiert BuzzFeed großzügig aus dem 6600-Wörter-Memo.

BuzzFeed selbst räumt dem Leak offenbar große Bedeutung ein und fasst die Geschichte so zusammen:

The memo is a damning account of Facebook’s failures. It’s the story of Facebook abdicating responsibility for malign activities on its platform that could affect the political fate of nations outside the United States or Western Europe. It's also the story of a junior employee wielding extraordinary moderation powers that affected millions of people without any real institutional support, and the personal torment that followed.

Was Zhang Facebook vorwirft

Wir können nicht jedes Details aus dem BuzzFeed-Bericht wiedergeben. Wer sich für das Thema interessiert, sollte die Recherche selbst lesen. Das sind die aus unserer Sicht zentralen Vorwürfe:

  • Facebook soll in mehreren Fällen großflächige, politisch motivierte Manipulationsversuche ignoriert haben, obwohl Zhang intern wiederholt darauf aufmerksam gemacht habe.
  • Als Beispiele nennt Zhang unter anderem Honduras, Aserbeidschan, Bolivien, Ecuador, Indien und die Ukraine. In Honduras habe Facebook etwa neun Monate gebraucht, um ein Netzwerk aus Tausenden Bots und Fake-Accounts zu entfernen, die Stimmung für Präsident Juan Orlando Hernandez gemacht hätten.
  • Zhang zufolge habe Facebook in erster Linie die USA und Europa im Blick. Was abseits dieser Kernmärkte geschehe, kümmere kaum jemanden.
  • Sie habe allein entscheiden müssen, wie mit Präsidentïnnen und prominenten Politikerïnnen umgegangen werden soll, ohne dass ein weiterer Facebook-Angestellter die Maßnahmen geprüft habe.
  • Das Integrity-Team sei unterbesetzt und habe viel zu wenig Ressourcen, um sich um alle Probleme zu kümmern, die eine Plattform von Facebooks Größe fast zwangsläufig mit sich bringt.
  • Die Abteilung priorisiere großangelegte Spam-Attacken und übersehe oft, dass auch kleinere Manipulationskampagnen großen gesellschaftlichen Schaden anrichteten.
  • Zhang hat den Eindruck, ihre Wortmeldungen wurden intern ignoriert, wenn sie die dafür vorgesehen Reporting-Kanäle nutzte. Um Druck aufzubauen, musste sie die Probleme angeblich auf Workplace posten, Facebooks internem Board, auf das alle Angestellten zugreifen können.
  • Ihre Meinungen seien nicht respektiert worden, solange sie sich nicht "wie ein arrogantes Arschloch" aufgeführt habe, schreibt Zhang.
  • Facebook reagiere in erster Linie auf öffentlichen Druck und negative Schlagzeilen in großen US-Medien wie der New York Times oder der Washington Post. Der Konzern sei vor allem um sein Image besorgt. Oft werde nicht proaktiv, sonder reaktiv gehandelt – und zwar erst dann, wenn Journalistïnnen auf ein Problem aufmerksam machten.
  • Wichtig ist aber auch, dass sie Facebook ausdrücklich keinen bösen Willen oder bewusste Ignoranz unterstellt. Eine Mischung aus ihrer Meinung nach falschen Prioritäten und mangelnden Ressourcen habe dazu geführt, dass viele Missstände zu lange ungelöst geblieben seien.
  • Auf Außenstehende wirke Facebook mächtig und kompetent. Tatsächlich seien viele Maßnahmen "schludrig und planlos". Unerfahrene Angestellte hätten zu viel Entscheidungsgewalt und Verantwortung, insbesondere wenn sie für den globalen Süden zuständig seien.

Was Facebook dazu sagt

Wir haben Facebook unter anderem gefragt, ob es die Vorwürfe von Zhang dementiert oder kommentiert. Eine Sprecherin schickte uns das Statemen, das auch BuzzFeed zitiert:

We’ve built specialized teams, working with leading experts, to stop bad actors from abusing our systems, resulting in the removal of more than 100 networks for coordinated inauthentic behavior. It’s highly involved work that these teams do as their full-time remit. Working against coordinated inauthentic behavior is our priority, but we’re also addressing the problems of spam and fake engagement. We investigate each issue carefully, including those that Ms. Zhang raises, before we take action or go out and make claims publicly as a company.

Einerseits ist es verständlich, dass Facebook nichts zu den konkreten Vorwürfen sagen will, bevor sie die Angelegenheit geprüft haben. Andererseits sind wir uns sicher, dass Facebook die teils recht spezifischen Anschuldigungen dementiert hätte, wenn Zhangs Darstellung gar keine Faktengrundlage hätte.

Intern sagt Facebook, es sei nicht Zhangs primäre Aufgabe gewesen, sich um Manipulationsversuche, Bots und Fake-Accounts zu kümmern. Ryan Mac, einer der drei BuzzFeed-Reporter, zeigt den Screenshot einer Nachricht an Angestellte (Twitter), in der ein Mitarbeiter des Kommunikationsteams unterschwellig Zweifel an Zhangs Kompetenz und Urteilskraft schürt: "(…) what she believed to be coordinated inauthentic behavior".

In der Vergangenheit veröffentlichte Facebook in solchen Fällen oft Richtigstellungen, etwa wenn es Recherchen von Medien wie der NYT oder des WSJ für falsch hielt. Dass dieser Widerspruch bislang ausgeblieben ist, mag daran liegen, dass es in diesem Fall um eine ehemalige Mitarbeiterin geht. Vielleicht treffen Zhangs Vorwürfe aber auch einfach zu, sodass es zumindest inhaltlich nichts Substanzielles zu dementieren gibt.

Was wir (nicht) wissen

Zhang will ihr Memo selbst nicht weiter kommentieren – verständlich, schließlich hatte sie das Posting nur intern veröffentlicht und wohl nicht mit der öffentlichen Aufmerksamkeit gerechnet. Wir können zwar nicht mit letzter Sicherheit sagen, wer das Memo an die Presse weitergegeben hat. Unseren Informationen nach war sie es aber nicht selbst.

Wir haben mit vier Personen gesprochen, von denen zwei früher und zwei nach wie vor bei Facebook arbeiten. Eine davon kennt Zhang persönlich und hatte beruflich zumindest Schnittmengen. Allerdings hat niemand eng genug mit ihr zusammengearbeitet, um ihre Vorwürfe im Detail zu beurteilen.

Grundsätzlich halten aber alle vier Personen die Darstellung für durchaus glaubwürdig. Sie teilen Zhangs Eindruck, dass Facebooks Hauptaugenmerkt auf den USA und Europa liegt. Das deckt sich mit früheren Erfahrungen. Facebook hat sich etwa für die Rolle entschuldigt, die die Plattform bei Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha spielte.

In Ausgabe #638 schrieben wir dazu:

Das US-Unternehmen Facebook hat lange zu wenig darauf geachtet, wie Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern seine Dienste nutzen. Diese blinden Flecken haben dazu geführt, dass Extremistïnnen offen zu Gewalt aufrufen konnten.

Dieser Eindruck scheint sich zu bestätigen. Auch unsere Informantïnnen betonen aber, dass es nicht um bewusstes Wegschauen gehe. Im Integrity-Team arbeiten demnach mehrere hundert Menschen, die

nach bestem Wissen und Gewissen versuchten, den Missbrauch der Plattform zu verhindern. Dass dies nicht immer gelinge, sei eine Frage von Kapazitäten und Prioritäten.

Be smart

Bis 2014 lautete Facebooks Unternehmensmotto: "Move fast and break things". Manchmal wirkt es so, als handle Facebook immer noch so. Wachstum genießt höchste Priorität, um die Risiken und Nebenwirkungen kümmern sich nur wenige Angestellte.

In jedem Land, das wirtschaftlich auch nur ansatzweise interessant ist, gibt es eine Abteilung für Sales und Marketing. Die Integrity-Teams sind schmückendes Beiwerk, insbesondere wenn es um Länder geht, die geografisch und kulturell weit von Kalifornien entfernt sind.

Natürlich ist die US-Wahl wichtig, und es ist nachvollziehbar, dass Facebook seine Ressourcen derzeit darauf konzentriert. In diesem Zuge scheinen aber andere Regionen aus dem Blickfeld zu geraten, was Missbrauch und Manipulationsversuche begünstigt.

Für eine globale Plattform, die allein im vergangenen Quartal mehr als fünf Milliarden Dollar verdient hat (Facebook Investor Relations), ist das ein Armutszeugnis. Das Portal "Rest of World" (gegründet von Sophie Schmidt, der Tochter des Ex-Google-Chefs Eric Schmidt) sammelt Tech-Geschichten aus den Teilen der Welt, die normalerweise "übersehen und unterschätzt" werden. Facebook könnte etwas davon lernen.


Tech goes Klimaschutz: mehr als nur PR?

Was ist

Facebook und Google wollen ihren CO2-Fußabdruck auf null reduzieren:

  • Facebook arbeitet bereits in diesem Jahr CO2-neutral und zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien. Bis 2030 soll das für die gesamte Wertschöpfungskette inklusive Zulieferern und Dienstreisen gelten. (Ankündigung)
  • Google verfolgt ähnliche Ziele und ist sukzessive dabei, den CO2-Ausstoß aus den Anfangsjahren zu kompensieren. Demnach hat das Unternehmen nun rückwirkenden alle klimaschädlichen Emissionen seit seit Gründung 1998 ausgeglichen. (Ankündigung)
  • Zuvor hatten sich Anfang des Jahres bereits Microsoft und im Juli Apple zur Klimaneutralität bis 2030 verpflichtet.

Warum das wichtig ist

Wer zwei Juristïnnen fragt, bekommt oft drei Meinungen zu hören. Wer 100 Klimaforscherïnnen fragt, bekommt eine Meinung zu hören: Klimakrise und globale Erhitzung sind real – und eine der existenziellsten Bedrohungen für unseren Planeten und damit auch für die Menschheit. Im Vergleich zu Branchen wie den Automobilherstellern oder der Ölindustrie dürfte das Silicon Valley keinen allzu großen Beitrag dazu leisten – doch je mehr große Unternehmen die Klimakrise ernst nehmen und Gegenmaßnahmen einleiten, desto besser.

Was davon zu halten ist

Die Ankündigungen klingen spektakulär, man muss aber genau hinsehen. Wenn Google etwa sagt, dass es sämtliche CO2-Emissionen seiner Unternehmensgeschichte kompensiert habe, schwingt auch viel PR mit, schreibt etwa der Umweltjournalist Roger Harrabin (BBC):

But the claim to have "offset" all of Google's historical carbon "debt" needs scrutiny. The company tells me its offsets so far have focused mainly on capturing natural gas where it's escaping from pig farms and landfill sites. But arguably governments should be ensuring this happens anyway.

Google says it's also monitoring the debate about so-called Nature Based Solutions, which involve activities such as planting trees to capture CO2. But the science on this is still contested. And any firm wanting to lock up its emissions in trees would need to make sure they're never dug up, or burned down.

Noch umstrittener ist die Selbstverpflichtung von Facebook. Das liegt nicht an den selbst gesteckten Zielen. Vielmehr konterkarieren Facebooks Taten teils die hehren Worte:

  • In Tierra Del Mar im US-Bundestaat Oregon wollte Facebook Unterseekabel verlegen und nahm dabei offenbar wenig Rücksicht auf die Natur (Input). Nachdem das Projekt abgebrochen wurde, blieben mehr als drei Kilometer Rohre und Zehntausende Liter Bohrflüssigkeit unter dem Meeresboden zurück (Oregonian).
  • Auch das Klima-Informationszentrum, das Facebook nun ähnlich wie das Covid-19-Informationszentrum eingerichtet hat, stößt auf Kritik. Der Ansatz, Fehlinformationen mit mehr richtigen Informationen zu begegnen, sei erwiesenermaßen falsch und ineffektiv, schreibt etwa Kate Cox (Arstechnica). Facebook müsse Lügen und Falschbehauptungen konsequent löschen, ohne rechtskonservative Seiten und Medien zu schonen, die solch virale Klima-Desinformation in die Welt setzten (Popular Information).
  • Noch drastischer watscht Brian Kahn das Klima-Informationszentrum ab (Gizmodo). Er zitiert Klimaforscherïnnen und Aktivistïnnen, die Facebooks Handlungsempfehlungen für unzureichend halten.

Be smart

Ein Teil der Kritik ist sicher berechtigt. Insbesondere Facebooks Umgang mit Klimalügen auf der eigenen Plattform war lange Zeit eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

Das Informationszentrum mag manchen nicht weit genug gehen, ist unserer Ansicht nach aber zumindest ein (kleiner) Schritt in die richtige Richtung. Niederschwellige Handlungsempfehlungen sind oft besser als dystopische Warnungen und radikale Aufforderungen zur Verhaltensänderung, die viele Menschen ab- und verschrecken.

Wenn mit Microsoft, Apple, Google und Facebook vier der fünf Big-Tech-Konzerne (looking at you, Amazon) bis 2030 komplett klimaneutral werden wollen, ist das auf jeden Fall ein wichtiges Signal. Glaubt man Lisa Jackson (The Pioneer), die bei Apple für Umweltthemen zuständig ist, handelt es sich auch nicht um eine PR-Maßnahme, sondern liege um Interesse der Unternehmen:

Im Kern ist Klimaneutralität ein Investment in unsere Zukunft, das auch finanzielle Gewinne ergibt. Niemand bittet hier um Spenden.


Social Media & Journalismus

  • Die New York Times & Facebook sind eine mehrjährige Partnerschaft (Axios) eingegangen, um gemeinsam Augmented-Reality-Filter und -Effekte für Instagram zu entwickeln. Das Ziel: Journalismus via Instagram erlebbar machen. Ein erstes Beispiel: Nutzerïnnen können über einen von der New York Times entwickelten Filter erfahren, wie stark die Luftverschmutzung in einigen Städten während des Corona-Lockdowns zurückgegangen ist. Spannend!


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Facebook Business Suite: Facebook hat eine neue App vorgestellt, die es kleinen Unternehmen erleichtern soll, ihre Pages & Accounts, die sie bei Facebook, Instagram und Messenger haben, von einem einzigen Ort aus zu verwalten: Facebook Business Suite ermöglicht es, Posts sowohl für Facebook als auch für Instagram zu entwerfen, Statistiken anzuzeigen und Ads zu erstellen.

Twitter

  • Audio-Direktnachrichten: Es sieht ganz danach aus, als könnte Twitter bald Audio-Direktnachrichten einführen (Twitter / Matt Navarra). In Brasilien wird die Funktion aktuell getestet. Nun ja.

One more thing

Auf der Suche nach der nächsten Plattform: Facebook hat diese Woche eine Reihe neuer Produkte und Anwendungen vorgestellt, die Facebooks Ambitionen in Sachen AR und VR untermauern sollen. Wir hatten leider noch keine Zeit, uns ausführlicher mit Project Aria und Co zu beschäftigen. Das tun wir aber gern nächste Woche. In der Zwischenzeit erfreuen wir uns noch einmal an dieser Ikone.


Header-Foto von Jana Shnipelson bei Unsplash


15.9.2020 | TikTok-Deal: Microsoft ist raus, viele Fragen bleiben offen, Instagram: Patent auf Links gegen Geld, Messenger: Watch-Party mit bis zu 50 Personen

TikTok-Deal: Microsoft ist raus, viele Fragen bleiben offen

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Was ist

Kurz vor Ablauf der Frist, die Donald Trump gesetzt hatte, steht fest: Microsoft wird das US-Geschäft von TikTok nicht übernehmen. Stattdessen will ByteDance mit Oracle zusammenarbeiten, um ein Verbot zu verhindern. Darüber hinaus bleibt die Zukunft von TikTok aber völlig offen. Wir versuchen, die wichtigsten Fragen zu beantworten.

Warum ist Microsoft ausgestiegen?

Am Sonntagabend veröffentlichte Microsoft vier passiv-aggressive Sätze:

ByteDance let us know today they would not be selling TikTok’s US operations to Microsoft. We are confident our proposal would have been good for TikTok’s users, while protecting national security interests. To do this, we would have made significant changes to ensure the service met the highest standards for security, privacy, online safety, and combatting disinformation, and we made these principles clear in our August statement. We look forward to seeing how the service evolves in these important areas.

Der einzige Rückschluss, den diesen Statement zulässt: Microsoft ist ein bisschen beleidigt und angefressen. "Told you so", könnte man sagen. Spätestens, nachdem Donald Trump "Key Money", a.k.a. Schmiergeld, ins Spiel brachte (#658), hätte Microsoft ahnen können, dass es bei diesem erzwungenen Deal nicht um Sicherheit, Datenschutz oder die Interessen der Nutzerinnen geht.

Entscheidend sind ausschließlich politische Motive. Da ist es nur konsequent, dass mit Oracle nun voraussichtlich dessen Gründer Larry Ellison ein Trump-Buddy und Multi-Milliardär den Zuschlag erhält.

Microsoft verkündete seine Entscheidung wenige Stunden, nachdem ByteDance endgültig klarstellte, dass der Algorithmus nicht zum Verkauf steht (SCMP). Wir wollen keinen kausalen Zusammenhang unterstellen, das wissen wir nicht. Klar ist aber, dass TikTok ohne Algorithmus deutlich weniger reizvoll für potenzielle Käufer oder Partner ist.

Warum ist der Algorithmus so wertvoll?

Der Algorithmus ist das Herzstück von TikTok und offenbar auch ein zentraler Teil der Verhandlungen. Er gilt als einer der wichtigsten Gründe für den rasanten Aufstieg von TikTok. Im Gegensatz zu Facebook basieren die vorgeschlagenen Inhalte nicht auf dem Social Graph. Man muss niemandem folgen und erhält trotzdem personalisierte Empfehlungen.

Der Informatiker Marc Faddoul drückt es so aus (SZ):

Auf Facebook sind Sie durch Ihr privates Netzwerk begrenzt. Tiktok nutzt ein anderes Paradigma. Was Sie tun, kann die ganze Öffentlichkeit erreichen. Auch wenn Sie nur 20 Fans haben, können Ihre Beiträge Tausende Male weiterverbreitet werden, weil der Algorithmus sich nicht für Ihr Netzwerk interessiert.

Wer tiefer einsteigen will, sollte diesen Essay von Eugene Wei lesen. Kein anderer Text erklärt so verständlich, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen geholfen hat, den tiefen kulturellen Graben, der zwischen China und den USA klafft, zu überwinden:

TikTok didn't just break out in America. It became unbelievably popular in India and in the Middle East, more countries whose cultures and language were foreign to the Chinese Bytedance product teams. Imagine an algorithm so clever it enables its builders to treat another market and culture as a complete black box. What do people in that country like? No, even better, what does each individual person in each of those foreign countries like? You don't have to figure it out. The algorithm will handle that. The algorithm knows.

Spätestens seit Ende August zeichnete sich aber ab, dass dieser Algorithmus kein Bestandteil einer möglichen Übernahme sein würde. Damals legte das chinesische Handelsministerium fest, dass Programmcode aus China nur dann an ausländische Unternehmen verkauft werden darf, wenn die Behörden zustimmen. Kurz darauf teilte ByteDance mit, man werde sich an diese Vorgabe halten – womit eigentlich klar sein musste, dass ein Algorithmus-Ausverkauf vom Tisch ist.

Was ist über den Algorithmus bekannt?

Vergangene Woche gewährte TikTok einer Gruppe US-Reporterïnnen einen kleinen Einblick in seine Secret Sauce und führte sie virtuell durch das neue Transparency-Center in Los Angeles. Dazu zählten etwa Sara Fischer (Axios) und Casey Newton (The Verge).

Zusammengefasst lässt sich sagen: Allzu viele Geheimnisse hat TikTok nicht verraten, das digitale Pendant zum Coca-Cola-Rezept bleibt nach wie vor unter Verschluss.

Was TikTok erzählte:

  • Wer die App das erste Mal öffnet, sieht acht Videos, die unterschiedliche Trends, Musikgenres und Themen enthalten.
  • Jeder Clip ist bis aufs kleinste Detail durchanalysiert. Der Algorithmus scannt Länge, Hashtags, Bildunterschriften und alle anderen Merkmale, die sich maschinell erfassen lassen.
  • Je nachdem, mit welchem Video man wie lange und in welcher Form interagiert, sortiert der Algorithmus Nutzerïnnen in Cluster ein, die ähnliche Interessen und Vorlieben haben.
  • Mit Hilfe von maschinellem Lernen wird der Grad der Überschneidung zu bestimmten Clustern bestimmt. Darauf basieren die weiteren Empfehlungen, die ständig optimiert und an das Verhalten angepasst werden.
  • TikTok streut immer wieder gezielt Inhalte ein, die nicht perfekt auf das Profil passen. Nutzerïnnen sollen sich schließlich nicht langweilen. Angeblich wolle man damit auch Filterblasen platzen lassen und Echokammern verhindern.

TikTok preist dieses Minimum an Information schon als Transparenz. Ende Juli versprach (TikTok-Newsroom) der damalige Chef Kevin Mayer, man werde seinen Algorithmus offenlegen. Wenn es TikTok damit ernst meint, müssen auf den ersten Einblick noch viele weitere Schritte folgen.

Fairerweise müssen wir aber auch sagen, dass TikTok damit schon mehr getan hat als Facebook oder YouTube. Deren Erklärungen (Facebook, Instagram und insbesondere YouTube) sind mindestens genauso dürftig – und obwohl Facebook seit Jahren verspricht, Forscherïnnen weitgehenderen Zugriff auf Daten zu geben, bleibt die Plattform eine Blackbox.

Wie passt Oracle zu TikTok?

Oracle verdient sein Geld, indem es anderen Unternehmen Datenbanken zu Verfügung stellt (BBC) und große Datenmengen verarbeitet. Das Cloud-Zeitalter hat der Konzern verschlafen, dort dominieren Amazon (AWS) und Microsoft (Azure). Immerhin schloss Oracle kürzlich einen Vertrag mit Zoom, dem es sichere Server zu Verfügung stellt. Privatnutzerïnnen kommen mit Oracle kaum in Kontakt, geschweige denn Teenagerïnnen.

Gründer und Chef Ellison pflegt gute Beziehungen ins Weiße Haus. Sein erster Kunde war die CIA, es folgten Navy, Air Force und NSA. Oracle ist also noch ein gutes Stück weiter von der TikTok-Zielgruppe entfernt, als Microsoft es gewesen wäre. Es ist gut vorstellbar, dass Oracle TikTok in kürzester Zeit ruiniert hätte, wäre es zu einem vollständigen Verkauf gekommen.

Eine Partnerschaft, wie auch immer sie am Ende ausgestaltet wird, könnte da besser passen, sagt Dong Jielin, der am China Institute for Science and Technology Policy an der Tsinghua Universität in Peking forscht:

It makes more sense for Oracle to be a tech partner rather than completely buying TikTok in the US, otherwise Oracle’s culture will encumber TikTok’s development. As an enterprise software developer, Oracle’s slow pace doesn’t match the fast pace required by the consumer market.

Wie könnte ein Deal aussehen?

Stand Montagabend scheint nur klar zu sein, dass das US-Geschäft von TikTok nicht zur Gänze verkauft wird. Dagegen hat China ein hartes Veto eingelegt, auch ByteDance hat daran kein Interesse. Treffend beschreibt es die Financial Times:

If you were trying to explain this deal to a teenage TikTok fan you might say: imagine the Hype House of influencers tried to convince TikTok star Charli D’Amelio to join, but only succeeded in getting her to redirect her mail. The arrangement looks like a fudge.

Nun müssen sich Oracle und ByteDance einig werden, was sie genau unter einer "Technologie-Partnerschaft" verstehen:

  • Bezahlt TikTok, weil es seine Daten in der Cloud von Oracle speichern darf und Ellison hilft, Trump zu beruhigen? (Interessanter Randaspekt: Erst im Juli kaufte sich TikTok für 800 Million Dollar (The Information) Speicherplatz in der Google-Cloud – was geschieht damit?)
  • Oder fließt Geld aus den USA nach China, weil Oracle und andere Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital ihre Anteile an TikTok aufstocken?

Und selbst wenn das geklärt ist, bleiben zwei entscheidende Fragen offen:

  • Was sagt Trump? Eine Partnerschaft ist etwas anderes als der Verkauf, den der US-Präsident ursprünglich gefordert hatte. Reicht es, dass sein Kumpel Ellison profitiert und vielleicht noch die eine oder andere Milliarde "Key Money" ans Finanzministerium fließt?
  • Stimmt China zu? Die bisherigen Äußerungen aus Peking lassen auf einen harten Kurs schließen, der US-Einfluss auf TikTok weitgehend ausschließt. War das nur Verhandlungstaktik?

Wie lange bleibt noch Zeit?

Seit Wochen kursieren drei unterschiedlichen Datumsangaben: der 15. September, der 20. September und der 12. November.

  • Warum Trump immer wieder den 15.9. in Spiel bringt, weiß nur er selbst. Die beiden Executive Orders (EO) enthalten jedenfalls keinen Hinweis auf dieses Datum.
  • Die erste EO vom 6. August setzte eine Frist von 45 Tagen, innerhalb derer TikTok verkauft werden muss. Andernfalls würden am 20.9. alle Geschäftsbeziehungen zu ByteDance verboten.
  • Die zweite EO verlängerte die Frist auf 90 Tage. Allerdings muss der Deal nach wie vor bis zum 20.9. verkündet werden – nur bleibt bis zum 12.11. Zeit, um alle Details abschließend zu klären.

Das passen auch die Aussagen von US-Finanzminister Steven Mnuchin. Bei CNBC nannte er als Stichtag den kommenden Sonntag. Außerdem bestätigte er (Axios), dass Oracle einen Vorschlag vorgelegt hat, den das Weiße Haus nun prüfe. Demnach will Oracle unter anderem TikToks Firmensitz in die USA verlagern und dort 20000 Jobs schaffen.

Wird TikTok jetzt wirklich sicherer?

Worum ging es bei der ganzen Sache nochmal? Ach ja, Datenschutz und Sicherheit. Hätte man fast vergessen können. Facebooks früherer Sicherheitschef Alex Stamos sieht (Twitter) den sich abzeichnenden Deal jedenfalls als Indiz, dass die angeblichen Sicherheitsinteressen nur vorgeschoben waren:

A deal where Oracle takes over hosting without source code and significant operational changes would not address any of the legitimate concerns about TikTok, and the White House accepting such a deal would demonstrate that this exercise was pure grift.

Zwar soll der Oracle-Plan auch Vorschläge enthalten, wie Daten vor chinesischem Zugriff geschützt werden können. Doch solange der Code aus fremder Hand stammt, können Backdoors nicht ausgeschlossen werden – siehe etwa den Streit um die Netzwerktechnik von Huawei.

Hinzu kommt, dass sich mit einem Käufer Oracle ganz neue Datenschutz- und Sicherheitsbedenken auftun. Ausgerechnet Michael Beckerman, mittlerweile für TikToks Public Policy in den USA zuständig, schrieb 2019 in seiner damaligen Funktion als Vorsitzender der Internet Association in einem Gastkommentar (Fox News):

While individuals expect a social media company to know about the information on their profiles, they likely have no idea that Experian, Oracle, or many other massive data brokers have their address, phone number, and a dossier of their probable medical ailments.

Be smart

Es gab noch eine dritte EO (White House), die sich gegen WeChat richtete (SZ). Für Tencent gelten dieselben Fristen wie für ByteDance – Verkaufen oder Verbieten. Die Verordnung kam damals überraschend und wird seitdem kaum noch erwähnt. Doch wenn es Trump ernst meint und kein überraschender Käufer (oder "Technologie-Partner") auftaucht, müsste er die App am Sonntag aus den USA verbannen.

Und was auch immer mit TikTok geschieht: Die Konkurrenz hat sich bereits in Stellung gebracht. Facebook mit dem eher stümperhaften Klon Reels (NYT) und nun auch YouTube: Die Kurzvideo-App Shorts startet gerade in Indien (YouTube-Blog) und soll bald in weiteren Märkten verfügbar sein.


Neues von den Plattformen

Messenger

Instagram

  • Patent auf „Links nur gegen Geld“: Bei Instagram können ja in der Caption bislang keine echten Links gesetzt werden. Ihr kennt das. Facebook hat sich jetzt eine Technologie patentieren lassen, mit der Nutzerïnnen sehr wohl Links posten können – gegen Geld. Instagram erklärt dazu: "We have no plans of introducing this functionality on Instagram." Das wollen wir auch hoffen. Ansonsten wäre es einfach nur Mittelfinger an die Ursprungsidee des World Wide Web.

Header-Foto von Walid Hamadeh bei Unsplash


11.9.2020 | US-Wahl 2020: Schaut nicht nur auf Facebook, Das Dilemma mit den sozialen Medien, Instagram gründet ein „Equity-Team“

US-Wahl 2020: Schaut nicht nur auf Facebook

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Was ist

In knapp zwei Monaten wird in den USA gewählt. Ein wichtiger Teil des Wahlkampfs findet online statt: Sowohl Donald Trump als auch Joe Biden pumpen Hunderte Millionen Dollar in digitale Werbung. Der Fokus liegt bislang vor allem auf Facebook – in den meisten großen Medien, aber auch in diesem Briefing.

Doch es gibt mindestens ein halbes Dutzend Plattformen und Apps, die in bestimmten Altersgruppen relevanter sind und gerade bei Erstwählerïnnen eine deutlich größere Rolle spielen dürften als Facebook. Wir empfehlen in dieser Ausgabe zwei aktuelle Artikel, die ein Schlaglicht auf YouTube und das Videospiel Animal Crossing werfen.

Trump hängt Biden auf YouTube ab

  • YouTube könnte sich als Trumps "Geheimwaffe" erweisen, analysiert Alex Thompson (Politico).
  • Vor vier Jahren setzte Trump auf personalisierte Facebook-Werbung, jetzt wettet er auf YouTube.
  • Die Trump-Kampagne reduziert das Budget für klassische TV-Werbung (ABC) und investiert groß in YouTube-Anzeigen.
  • Mit 65 Millionen Dollar steckte Trump rund doppelt so viel Geld in Google-Werbung wie Biden, mit dem Großteil des Geldes kaufte sein Team YouTube-Anzeigen. Im gesamten Wahlkampf 2016 gab Trump lediglich 10 Millionen Dollar für YouTube-Werbung aus.
  • Außerdem produziert die Kampagne massiv eigenen Content: knapp 900 Videos allein im August, rund neunmal so viele wie Biden.
  • "The name of the game with algorithms is to flood the zones", sagt Eric Wilson, ein Digitalstratege der Republikaner. "The Trump campaign is putting on a master class in advertising according to algorithms — it just rewards the side that will produce more content."
  • Für die 18-29-jährigen US-Amerikanerïnnen ist YouTube die wichtigste Plattform, 91 Prozent der jungen Erwachsenen (Pew) schauen dort Videos an oder laden selbst Inhalte hoch.
  • 2016 hatte Trump auf Facebook noch einen Vorteil, weil sein Kampagnenchef Brad Parscale das Ad-Game meisterhaft spielte und Hillary Clinton dort weniger präsent war.
  • Mittlerweile haben die Demokraten dort aufgeholt, zudem hat Facebook auf den öffentlichen Druck reagiert und den wilden Werbewesten zumindest ein bisschen gezähmt.
  • Auf YouTube scheinen die Republikaner auf eine andere Strategie zu setzen als die Demokraten: Während Biden seine Reden am Stück hochlädt, wird fast jeder von Trumps öffentlichen Auftritten in mundgerechte Häppchen zerlegt – aus seiner Nominierungsrede wurden 28 einzelne Clips.
  • Interessant ist auch das Timing: In den vier Tagen, in denen die Demokraten Biden auf ihrem Nominierungsparteitag offiziell zum Kandidaten kürten, steckte Trump Millionen in YouTube-Werbung und dominierte damit die Startseite der Plattform.
  • Bereits im Februar schrieb ich, dass sich Trump "den wohl wichtigsten digitalen Werbeplatz der Welt" (SZ) gesichert habe: Mehr als acht Monate vor dem Wahltermin kaufte die Trump-Kampagne offenbar die sogenannte Masthead-Werbefläche auf der YouTube-Homepage für die Tage vor der Stimmabgabe.
  • Die Demokraten, die Politico zitiert, geben sich trotzdem recht entspannt. Die meisten Strategïnnen, die für Biden arbeiten, halten Trumps massives Investment in YouTube für Aktionismus.
  • Biden und Kamala Harris verteilen ihre Aktivitäten auf mehrere Plattformen und bespielen Instagram intensiv und subversiv: Harris hatte etwa einen Cameo-Auftritt in einem Battle zweier R&B-Stars (CNN), Biden Kampagne übernahm den Account @VoteJoe (The Verge), den ein 15-Jähriger aufgebaut und groß gemacht hatte.

Biden kapert das Videospiel Animal Crossing

  • Eike Kühl beschreibt, wie Biden die Aufbausimulation Animal Crossing für seinen Wahlkampf nutzt (Zeit Online).
  • Das Spiel ist die Definition von harmlos: Es gibt keine Bedrohungen, keinen Zeitdruck, keine Gegner – und eigentlich auch keine Politik.
  • Das will die Biden-Kampagne ändern: Spielerïnnen können virtuelle Wahlkampfschilder auf ihren Inseln aufstellen und sich zum "Team Joe" bekennen.
  • Sein Kontrahent macht sich darüber lustig: Trump trete "in der echten Welt, vor echten Amerikanern" auf, betonen seine Unterstützer.
  • Der Spott könnte sich als überheblich herausstellen: Games sind für viele Menschen mehr als virtueller Eskapismus, sondern ein wichtiger Teil ihres Alltags. Sie treffen ihre Freunde und diskutieren in In-Game-Chats alle möglichen Themen – auch politische.
  • Auch Alexandria Ocasio-Cortez setzte Animal Crossing bereits für politische Zwecke ein, ebenso Aktivistïnnen in Hong Kong (Reuters) und die Black-Lives-Matter-Bewegung (Guardian).
  • "Ein Wahlkampfschild für den virtuellen Vorgarten anzubieten ist nichts anderes, als 'Vote-for-Joe"-Aufkleber per Post zu verschicken', bilanziert Eike. "Politik findet dort statt, wo die Menschen sind. Und das ist eben nicht mehr nur die Straße oder der Küchentisch. Sondern auch auf der Trauminsel auf der Spielkonsole."

Und was ist mit Facebook?

Es gibt gute Gründe, warum Facebook derart im Fokus steht:

  • Facebook ist immer noch die größte und bekannteste Plattform und bietet den beiden Kandidaten und Parteien die wohl umfangreichsten Möglichkeiten, personalisierte Anzeigen zu schalten.
  • Die Aufmerksamkeit erklärt sich auch aus der Vergangenheit: 2016 stand Facebook zurecht in der Kritik, weil russische Desinformationskampagnen Millionen Nutzerïnnen erreichten und Mark Zuckerberg die Idee, dass bewusst gestreute Falschnachrichten die Wahl beeinflusst haben könnten, als "crazy" abtat – eine Aussage, die ihm wohl noch viele Jahre lang unter die Nase gerieben werden wird.
  • Zudem haben sich andere Unternehmen wie Twitter, TikTok, LinkedIn und Spotify entschieden, politische Werbung komplett zu verbannen.

Mark Zuckerberg kontrolliert nicht nur Facebook, sondern auch Instagram und WhatsApp. Er ist der wohl mächtigste, nicht gewählte Mensch der Welt. Selbst wenn man der Meinung ist, dass Zuckerberg diesen Einfluss gewissenhaft und für die richtigen Zwecke einsetzt, kann man seine Machtfülle kritisch sehen.

"Facebook had grown too big, and its users too complacent, for democracy", schrieb Max Read bereits 2017 (NY Magazine). "Facebook is too big for democracy", wiederholt nun Charlie Warzel (NYT).

Wir gehen da nur eingeschränkt mit. Die schiere Größe mag ein Problem sein, aber sie ist mit Sicherheit nicht das einzige und nicht das wichtigste. Klar ist aber: Wenn die US-Wahl 2020 nicht ähnlich enden soll wie vor vier Jahren (und damit meinen wir nicht das Ergebnis, sondern den Prozess, also Manipulationsversuche, Desinformationskampagnen und Falschbehauptungen, die Millionen Menschen erreichen), muss Facebook eine noch aktivere Rolle einnehmen. Einen Teil dieser Vorschläge und Forderungen von Faktenprüferïnnen (Poynter) umzusetzen, wäre ein guter Anfang.

Be smart

Selbst die vehementesten Verteidigerïnnen von Facebook müssen zugeben, dass die Plattform eine Menge Risiken und Nebenwirkungen mit sich gebracht hat – für die zum Teil auch Facebook selbst verantwortlich ist.

Zuckerberg scheint das anders zu sehen. Auf die Frage, was er anders machen würde, könnte er Facebook nochmal neu gründen, sagt er in einem Interview mit HBO (Axios):

"I just wish that I'd spent more time earlier on communicating about what our principles are and what we stand for — you know, things like free expression and voice and that we're going to defend those."

Uns fallen da noch so ein paar weitere Dinge ein, die Facebook 2.0 tun könnte, um seiner Verantwortung von Anfang an gerecht zu werden. Also so ein paar Dutzend.


Social Media & Politik

Fairness, Gleichheit, Instagram

  • Instagram gründet ein "Equity-Team" (Facebook-Newsroom), das möglichen Bias in der Produktentwicklung erkennen und sicherstellen soll, dass Minderheiten nicht benachteiligt werden.
  • "More than ever, people are turning to the platform to raise awareness for the racial, civic and social causes they care about", schreibt Instagram-Chef Adam Mosseri. "We have a responsibility to look at what we build and how we build".
  • Unter anderem soll die neue Abteilung mit dem Team für Responsible AI zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Algorithmen bestimmte Nutzergruppen diskriminieren.
  • Außerdem sucht Instagram einen Director of Diversity and Inclusion (Facebook), der sich für mehr Diversität bei Instagrams Angestellten einsetzen soll.
  • Legt man Facebooks Diversity-Report zugrunde, ist das überfällig: Konzernweit sind weniger als vier Prozent der Beschäftigten schwarz, bei den Entwicklerïnnen beträgt der Anteil nur 1,7 Prozent.

TikTok läuft die Zeit davon

  • Die Uhr tickt zu schnell für TikTok: Es sieht so aus, als werde ByteDance die Deadline reißen (Bloomberg), die Donald Trump dem Unternehmen gesetzt hatte.
  • Nicht namentlich genannte Quellen sagen, ByteDance werde es nicht schaffen, den Verkauf des US-Geschäfts von TikTok bis zum 20. September zu finalisieren.
  • Offenbar sind noch zu viele rechtliche und regulatorische Fragen offen, um alle Details mit den beiden aussichtsreichsten Bietern Microsoft und Oracle zu klären.
  • Bislang ist unklar (Axios), was geschieht, wenn die Frist verstreicht. Es gibt noch eine weitere Deadline Mitte November, außerdem hat TikTok gegen Trumps Executive Order geklagt.
  • Angeblich laufen derzeit auch Gespräche (Bloomberg), die zum Ziel haben, einen Komplettverkauf zu verhindern. Stattdessen soll ByteDance eine Umstrukturierung anstreben und einen US-Partner mit an Bord holen wollen.
  • Ob Trump einer solche Vereinbarung zustimmt und dann von einem Verbot absieht, ist fraglich.

Irische Datenschutzbehörde erhöht Druck auf Facebook

  • Im Juli hatte der Europäische Gerichtshof den "Privacy Shield" gekippt, der den Transfer von Daten europäischer Nutzerïnnen in die USA legalisierte (mehr dazu in Ausgabe #656).
  • Facebook machte trotzdem weiter. Es sah die Praxis durch die sogenannten Standardvertragsklauseln abgesichert.
  • Doch die zuständige irische Datenschutzbehörde hatte dem Konzern bereits im August erklärt (Politico), dass dieses Vorgehen rechtswidrig ist.
  • Nun gibt Nick Clegg selbst zu, dass Facebook nach Einschätzung der Datenschutzbehörde die Rechtsgrundlage fehlt (Facebook-Newsroom), um weiter Daten in die USA zu übermitteln.
  • Facebook will auf eine endgültige Anordnung warten, was noch mehrere Monate dauern könnte. Bis dahin setzt das Unternehmen weiter auf Standardvertragsklauseln.
  • Womöglich bessern auch die EU und die USA den Privacy Shield nach, sodass das Abkommen den Vorgaben der Luxemburger Richterïnnen entspricht.
  • Die NGO noyb des Juristen Max Schrems ist skeptisch, dass die irische Datenschutzbehörde Facebooks Datentransfers stoppen kann. "Wir haben aber leider den Eindruck, dass das Vorgehen der DPC nur sehr halbherzig ist und wieder nur einen Teil des Problems aufgreift", sagt Schrems (noyb).
  • Demnach fokussiere sich die Behörde ausschließlich auf die Standardvertragsklauseln, während Facebook bereits mit einer weiteren Rechtsgrundlage gemäß Artikel 49 DSGVO argumentiere. Schrems vermutet, dass "die angebliche Anordnung gegen Facebook ein weiterer Schritt ist, der das Problem absichtlich nicht lösen wird."

Wird Facebook wirklich von rechten Medien und Influencerïnnen dominiert?

  • New-York-Times-Reporter Kevin Roose sammelt seit Jahren mit Hilfe des Facebook-Tools Crowdtangle Daten, die zeigen, dass rechte und rechtsradikale Seiten überdurchschnittlich viel Interaktionen auf Facebook sammeln.
  • Ende August veröffentlichte er einen Text (NYT), in dem er das Ausmaß dieses rechten Parallaleuniversums skizzierte.
  • Rebecca Heilweil ist den Vorwürfen nachgegangen und zeichnet ein differenzierteres Bild (Vox).
  • Crowdtangle spuckt nur Interaktionen aus, die aber keinen unmittelbaren Rückschluss zulassen, wie viele Menschen bestimmte Inhalte sehen und welche Beiträge von Facebooks Algorithmen gepusht werden.
  • Im Juli hatte bereits John Hegemann, Facebooks Produktverantwortlicher für den Newsfeed, die Aussagen von Roose als verkürzt kritisiert (Twitter) – dessen Vorgehen sei zwar formal korrekt, die Daten von Crowdtangle aber ungeeignet, um daraus allgemeine Rückschlüsse zu ziehen.
  • Heilweils Analyse gibt einen guten Überblick und führt zu einer entscheidenden Frage: Wenn Facebook unzufrieden damit ist, dass Journalistïnnen und Forscherïnnen mit unzureichenden Datengrundlagen arbeiten – warum stellt es dann keine besseren Daten zu Verfügung?
  • Solange Facebook eine Blackbox für Medien und Wissenschaft bleibt, kann niemand wissen, ob Zuckerberg die Wahrheit sagt, wenn er behauptet (Axios), es sei "schlicht falsch", Facebook als konservative Echokammer zu bezeichnen.

Christine Lambrecht lobt NetzDG

  • Das Justizministerium hat das umstrittene NetzDG überprüfen lassen. Der Evaluierungsbericht (BMJV) stellt dem Gesetz ein gutes Zeugnis aus.
  • "Wir sehen deutliche Verbesserungen beim Umgang der sozialen Netzwerke mit Nutzerbeschwerden über strafbare Inhalte", sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht bei der Vorstellung. "Gleichzeitig haben wir keine Anhaltspunkte für unerwünschte Nebenwirkungen wie Overblocking."
  • Wir haben den 49-seitigen Bericht noch nicht gelesen und verweisen vorerst auf unsere Analysen in den Ausgabe #628 und #656 sowie den Artikel von Tomas Rudl (Netzpolitik), der ein bisschen Hintergrund zum NetzDG liefert.

Das Dilemma mit den sozialen Medien

Was ist

Seit Mittwoch ist die Netflix-Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ verfügbar. Der Film geht der Frage nach, wie soziale Medien die Welt verändern – und vor allem zu welchem Preis: Einsamkeit, Entfremdung, Polarisierung, Wahlfälschung und die Zunahme an Populismus sind nur einige der Probleme dieser Welt, für die Facebook, YouTube und Co verantwortlich gemacht werden.

Lohnt sich der Film?

  • Der Film zeichnet ein ziemlich düsteres Bild. Es gibt kaum einen Missstand, für den soziale Medien nicht verantwortlich sein sollen. Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich übertrieben.
  • Bei genauerer Betrachtung ist diese Herangehensweise aber durchaus legitim: Erstens sind die Unternehmen selbst wahnsinnig gut darin, zu erzählen, was für ein Glücksfall es ist, dass es sie gibt. Das muss keine Doku leisten. Zweitens ist es wichtig, möglichst vielen Menschen vor Augen zu führen, wie Social Media funktioniert. Eine der Kernaussagen der Doku „Wenn das Produkt kostenlos ist, bist du das Produkt“ mag arg verkürzt sein, ist im Kern aber richtig. Es gilt, das Geschäftsmodell der sozialen Medien möglichst vielen Menschen nahe zu bringen. Das könnte die Doku leisten.

Wie ist die Doku aufgebaut?

  • Zunächst einmal fällt auf, dass Interviews mit fiktiven Szenen gemischt werden. Es handelt sich also streng genommen um eine Dokufiktion.
  • Auf der einen Seite gibt es also wirklich starke Interviews – etwa mit Tristan Harris, der mit seiner Präsentation bei Google (Slideshare) und der von ihm maßgeblich geprägten Time-Well-Spent-Bewegung (Wikipedia) vieles ins Rolle brachte, oder mit Bailey Richardson, eine von Instagrams 13 ersten Mitarbeiterïnnen, die bereits seit einiger Zeit die App von ihrem Smartphone gelöscht (Washington Post). Natürlich dürfen auch das lebende Tech-Orakel Jaron Lanier und der „Erinder“ des Like-Button Justin Rosenstein nicht fehlen.
  • Auf der anderen Seite gibt es die fiktionalen Momente, die den Zuschauer einerseits gut in seiner eigenen Lebenssituation abholen (Eine Woche ohne Smartphone? Kein Problem 😱 ) und andererseits zeigen, wie es im Maschinenraum der Social-Media-Angebote aussieht.

Wo greift die Doku zu kurz?

  • Grundsätzlich wirkt es so, als hätten sich die Interviewpartner ihre fettesten Punchlines zurechtgelegt und diese dann abgefeuert. Es fehlt den Aussagen häufig an Grautönen. Wenn eine Ärztin in der Doku erklärt, Social Media sei eine Droge, dann mag das nach 35 Seiten Einordnung ein durchaus akzeptabler Vergleich sein. Als nackte Aussage bleibt es arg holzschnittartig.
  • Zudem widmet sich die Doku zu wenig den handelnden Personen: die Unternehmen sind stark von ihrem Führungspersonal geprägt. Um zu verstehen, wie die Unternehmen funktionieren, ist es extrem wichtig, die Motive der handelnden Figuren zu verstehen.
  • Last but not least werden viel zu wenig Lösungsvorschläge präsentiert. Mehr Regulierung, Zerschlagung, von innen reformieren – alles Dinge, die schon seit Jahren im Raum stehen. Da hätten wir uns mehr erwartet.

Be smart

Der Film mag für Experten vieles wiederholen, was bereits bekannt ist. Für die normalen Nutzerïnnen aber ist der Film ein wirklich guter Primer, um sich mit dem Dilemma der sozialen Medien auseinanderzusetzen: das Geschäftsinteresse besteht in erster Linie darin, die Menschen so lange wie möglich vor die Bildschirme zu bekommen, denn nur dann lassen sich die Umsätze steigern. Kollateralschäden werden dabei wissentlich in Kauf genommen. Wir halten es an dieser Stelle mit Tristan Harris:

"Die Aufmerksamkeit des Menschen auszubeuten, ist des Menschen nicht würdig."


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

 

TikTok

  • Stitch: TikTok beweist einmal mehr, dass sie derzeit zu den innovativsten Angeboten gehören. Mit Stitch können einzelne Elemente eines Videos von Dritten übernommen und kreativ weiterverarbeitet werden. Rein technisch gesehen erstmal: Wow!

Header-Foto von Martin Suker bei Unsplash


4.9.2020 | Facebook und die US-Wahl, 4 Optionen für einen TikTok-Deal, TikTok-Nutzerzahlen, Facebook Horizon

Facebook und die US-Wahl

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Was ist

In knapp 2 Monaten wird ein neuer US-Präsident gewählt. Um die Integrität der Wahlen zu schützen, wie es bei Facebook heißt, hat das Unternehmen eine Reihe neuer Regeln angekündigt. Grundsätzlich geht es darum, Menschen zum Wählen zu bringen und sie vor Falschinformationen zu schützen.

Die neuen Regeln

  • Anzeigen: Facebook erklärt, keine neuen politischen Anzeigen in der Woche vor der Wahl zuzulassen. Das klingt nach einem soliden Vorschlag. Allerdings könnte die Idee komplett im Sande verlaufen, denn a) ist es möglich, noch am achten Tag vor der Wahl unbegrenzt viele Anzeigenplätze für die Woche vor der Wahl zu kaufen, b) kann das Budget einzelner Ads auch noch in der Woche der Wahl hochgefahren werden – halt je nachdem wie die Anzeige performt. Casey Fiesler, die zu Tech Ethic forscht, nennt das Unterfangen Ethic Theater (Twitter).
  • Falschinformationen zu Covid-19: Facebook kündigt an, Beiträge zu entfernen, in denen behauptet wird, dass Menschen sich mit Covid-19 anstecken, wenn sie an der Abstimmung teilnehmen. Zudem wird Facebook einen Link zu weiterführenden Informationen über das Coronavirus an Beiträge anfügen, die die Angst vor Covid-19 nutzen, um Menschen vom Wählen abzuhalten. Grundsätzlich eine gute Idee, es kommt aber auf die Umsetzung an – dazu gleich mehr.
  • Falschinformationen zur Wahl: Facebook wird Inhalte, die darauf abzielen, das Wahlergebnis zu delegitimieren oder die Legitimität von Wahlmethoden grundsätzlich zu hinterfragen, z.B. durch die Behauptung, dass legale Wahlmethoden zu Betrug führen, mit einem gesonderten Label versehen. Auch hier: Idee gut, es kommt auf die Umsetzung an, wie dieses aktuelle Beispiel zeigt, bei dem auf den gleichen Post unterschiedlich reagiert wird:

  • Voting Center in Kooperation mit Reuters: Am Wahlabend (und in den Tagen danach) wird Facebook in Zusammenarbeit mit Reuters alle relevanten Daten zum Wahlausgang in einem Info-Center aufbereiten, auf das analog zu den Informationen rund um Covid-19 ganz oben im News Feed hingewiesen wird.
  • Labels zum Wahlausgang: Sollte ein Kandidat oder eine Partei sich schon zum Sieger erklären, bevor ein offizielles Endergebnis vorliegt, wird Facebook den Posts mit einem Label versehen und auf das Voting Center verweisen.
  • Limits beim Weiterleiten von Nachrichten: Was WhatsApp kann, kann Facebook Messenger jetzt auch: Künftig gilt ein Limit beim Weiterleiten von Nachrichten. Lediglich an 5 Empfänger kann eine Nachricht nun weitergeleitet werden. Die Einführung dieser Begrenzung soll Falschinformationskampagnen vorbeugen.

Warum macht Facebook das?

Mark Zuckerberg hat die neuen Regeln standesgemäß in einem Blogpost auf seiner Facebook-Seite angekündigt. Darin erklärt Zuckerberg, dass er die reale Gefahr von sozialen Unruhen rund um den Wahlausgang sieht. Interessanterweise macht der Facebook-Boss dieses Jahr gar keinen Hehl mehr daraus, dass sein Unternehmen dabei eine gewichtige Rolle, ja gar als Brandbeschleuniger fungieren könnte. Um dieser Gefahr etwas entgegenzusetzen, erlässt Facebook proaktiv neue Regeln.

Warum das wichtig ist

Ein paar Beispiele, die verdeutlichen, wie stark der Einfluss von Facebook auf die US-Gesellschaft ist:

  • Militia in Kenosha: Im Vorfeld der Proteste in Kenosha hatte eine Miliz auf Facebook zu Gewalt aufgerufen. Eigentlich hätte Facebook das Event der Gruppe den neuen Community Standards folgend löschen müssen. Buzzfeed berichtet, dass dies trotz zahlreicher Hinweise nicht geschehen ist: How Facebook Failed Kenosha.
  • Russische Trolle sind zurück: Wir erinnern uns sicher alle an die berühmte Internet Research Agency aus St. Petersburg. Die Troll-Armee mit dem harmlosen Namen hatte zuletzt bei den US-Wahlen 2018 versucht, ihr Unwesen zu treiben. Nun berichtet CNN, dass die IRA erneut versucht, mit Fake-Personas und Fake-Websites Zwietracht zu sähen und Falschinformationen zu streuen.
  • Amerikaner nutzen Facebook für News: Mehr als zweidrittel aller Amerikaner kommen mit News auf Social-Media-Plattformen in Berührung (Pew Research Center). Das heißt nicht, dass sie ausschließlich über Facebook und Co ihre Informationen erhalten, reguläres TV ist immer noch am stärksten. Sehr wohl spielen Nachrichten, die via Social Media geteilt werden, eine Rolle bei der Willensbildung Abertausender Haushalte.
  • Facebook als Werbebühne: US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden wissen um die Wirkmacht von Social Media. Entsprechend groß sind die Ausgaben für Anzeigen, die von den beiden Kontrahenten bei Facebook geschaltet werden. So hat z.B. Donald Trump allein im Juni diesen Jahres 6 Millionen Dollar für Anzeigen ausgegeben (CNBC). Vor der US-Wahl 2016 haben Trump und Clinton zusammen rund 81 Millionen Dollar in Werbung auf Facebook investiert (Vox).

Be smart

Es gibt eine Reihe von klugen Köpfen, die sich von Facebook noch viel mehr wünschen, wenn es um den Schutz von Wahlen geht. Dieses Paper der Cornell-Universität ist ein guter Anfang, um tiefer in das Thema einzusteigen.

Grundsätzlich möchten wir an dieser Stelle jedoch zunächst einmal festhalten, dass wir es richtig finden, wie sich Facebook im Vorfeld der Wahl aufstellt: die neuen Regeln sind sinnvoll und überfällig.

Jetzt kommt es auf zwei Dinge an: erstens muss Facebook sicherstellen, dass die neuen Regeln auch wirklich eingehalten werden.

Zweitens müssen wir uns als Gesellschaft grundsätzlich die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, dass der Ausgang einer Wahl mit in den Händen weniger nicht demokratisch legitimierter Unternehmer liegt.

Und weil wir diese Bedenken nicht so schön in Worte fassen können, wie die wahnsinnig kluge Zeynep Tufekci, überlassen wir ihr das letzte Wort:

There are the details. And there is this: Mark Zuckerberg, alone, gets to set key rules—with significant consequences—for one of the most important elections in recent history. That should not be lost in the dust of who these changes will hurt or benefit.


TikTok News Roundup

TikTok-Deal

Wie in Ausgabe 664 beschrieben steht und fällt die Übernahme von TikTok mit der Frage, was eigentlich wirklich Gegenstand eines Deals ist. Wie Reuters berichtet, werden derzeit vier Optionen geprüft.

1) TikTok ohne Algorithmus kaufen = 😂

2) Mehr Zeit aushandeln für einen Deal = ⏲️

3) China um Erlaubnis bitten, den Algorithmus kaufen zu dürfen = 🇺🇸 ⚡ 🇨🇳

4) Den Algorithmus lizensieren = 🤷🏼‍♂️

TikTok-Nutzerzahlen

Im Zuge der Klageschrift gegen die US-Regierung hat TikTok erstmals Nutzerzahlen veröffentlicht:

  • In den USA nutzen ca. 50 Millionen Menschen täglich TikTok.
  • Monatlich sind es in den USA 100 Millionen.
  • Weltweit wird TikTok von 689 Millionen Menschen monatlich genutzt.

Kritiker zeigen sich skeptisch, ob die Ausweisung solcher Zahlen überhaupt einen Mehrwert haben. Durchaus zurecht, wie wir finden. Denn dass ein Nutzer mindestens einmal im Monat TikTok geöffnet hat, sagt noch lange nichts über die eigentliche Nutzung der App aus. Sehr wohl haben sich die Ausgabe von DAUs (Daily Active User) und MAUs (Monthly Active User) zur international anerkannten Währung gemausert und lassen dadurch ein Stück weit den Vergleich zu anderen Apps zu. Here we go:

  • Facebooks weltweite MAU-Rate liegt bei 2,7 Milliarden.
  • Instagrams weltweite MAU-Rate liegt bei +1 Milliarde.

TikTok Merch

TikTok versucht, sich noch tiefer in die Jugendkultur einzuweben und bietet jetzt auch Merchandise im hauseigenen Store an – natürlich in Kooperation mit eigenen Kreativen. Smart!

TikTok Creator Fund

Europäische TikTok-Userïnnen können sich jetzt auch um Gelder aus TikToks Creator Fund bemühen. Die Voraussetzungen: Kreative müssen mindestens 18 Jahre alt sein, Original Content produzieren, 10k Follower haben und in den letzten 30 Tagen 10k Video-Views kassiert haben. Übrigens: Der Creator Fund ist auch für journalistische Angebote gedacht.

TikTok: Kevin Mayer tritt zurück

Äh, das hatten wir wohl vergessen zu melden: TikToks CEO hat das Unternehmen nach nur drei Monaten bereits wieder verlassen. Entweder war der politische Druck zu groß. Oder Mayer weiß schon, wie der Deal aussehen wird und hatte keinen Bock auf das Ergebnis.

New Teacher Challenge

Auf TikTok gibt es eine #newteacherchallenge. Ziel der Challenge: Kinder mit Fotos ihrer vermeintlich neuen Lehrer „schocken“ & dabei filmen. Eigentlich schon dumm genug. Aber dass zahlreiche Eltern Fotos von Menschen mit Behinderungen / Beeinträchtigungen zeigen, ist einfach nur schäbig. Melissa Blake wehrt sich völlig zurecht dagegen (Refinery29).


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Horizon: Facebook ist auf der Suche nach der nächsten Plattform und setzt dabei voll auf Virtual Reality. Horizon ist der erste große Wurf und die Einladung an alle, sich vollends eine digitale Identität zuzulegen.


Empfehlungen fürs Wochenende


Neues von den Plattformen

Facebook

  • Watch Video Feed: Facebook Watch wird von mehr als einer Milliarde Menschen jeden Monat genutzt, schreibt Facebook. Pünktlich zu diesem Meilenstein lanciert das Unternehmen ein neues Feature (Techcrunch): Fortan können Nutzerïnnen die Themen selbst auswählen, zu denen sie gern Videos in ihrem Watch-Feed sehen möchten.
  • Dropbox- und Koofr-Integration: Facebook-Nutzerïnnen können künftig ihre Fotos und Videos direkt zu Dropbox und Koofr übertragen (Facebook).

Linkedin

Twitch

  • Watch Parties: Twitch gehört ja bekanntlich zu Amazon. Was liegt da näher als via Twitch gemeinsam mit Freundinnen einen Film aus dem Amazon Prime Sortiment zu schauen? Die Möglichkeit, sogenannte Watch Parties anzubieten, wird jetzt weltweit ausgerollt (Techcrunch).

One more thing

Die schönsten Bibliotheken der Welt: Hach!


Header-Foto von James Edwards bei Unsplash


2.9.2020 | TikTok: Ohne Algorithmus ist alles nichts, Studie zum Einfluss von Facebook und Instagram auf US-Wahl, Instagram ermöglicht mit Guides bald Blogposts

TikTok: Ohne Algorithmus ist alles nichts

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Was ist

In unserem Briefing vom 25.8.2020 haben wir ausführlich den Konflikt zwischen Donald Trump und TikTok erklärt: Warum das alles überhaupt wichtig ist, wie Trump den Verkauf erzwingen will, wie TikTok auf Trumps Drohungen reagiert, usw. Alles deutete daraufhin, dass ein möglicher Verkauf von TikTok noch lange Zeit auf sich warten lassen könnte.

Am Montag dieser Woche berichtete CNBC dann überraschend, TikTok habe sich bereits für einen Käufer entschieden und könnte den Deal bereits am Dienstag verkünden.

Wenige Stunden später erklärte die Financial Times, warum ein Deal noch lange nicht in trockenen Tüchern sei, vielleicht sogar überhaupt nicht zustande kommt.

Wir versuchen, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.

Wer sind die potentiellen Käufer und was sind ihre Motive?

  • Bieter 1: Microsoft und Wallmart. Während sich Microsoft von der TikTok-Übernahme vor allem einen dicken Fisch für das eigene Cloud-Geschäft (New York Times) verspricht, hat Wallmart ein großes Interesse daran, im Bereich E-Commerce zu wachsen (New York Times). TikToks chinesische Schwester-App Douyin gilt vielen als Vorzeige-App, was den Trend Social Commerce angeht.
  • Bieter 2: Oracle. Oracle unterhält beste Verbindungen ins Weiße Haus und gilt vielen als Favorit auf die Übernahme von TikTok. Oracles Interesse besteht einerseits darin, im Bereich werberelevanter Nutzerdaten zu wachsen. Andererseits hat Oracle bislang noch kein Social-Media-Angebot im Portfolio und ein Interesse darin, in diesem Markt ebenfalls mitzumischen (CNBC).

Warum gestaltet sich der Verkauf so schwierig?

  • Unsicheres Terrain: Keiner der Käufer kann sich mit Blick auf den Zampano im Weißen Haus wirklich sicher sein, dass TikTok nach der Übernahme ohne Einschränkungen in den USA weiter genutzt werden darf.
  • Neue Exportregeln in China: Das Regime in China hat den Ball von Donald Trump aufgenommen und neue Regeln für den Export von bestimmten Technologien (FT) erlassen. Darunter fallen eben auch solche, deren Hauptzweck es ist, Inhalte personalisiert zu empfehlen: also TikToks Kerngeschäft.
  • Unklar, was der Deal beinhaltet: Bislang ist völlig offen, was ein Kauf von TikTok konkret beinhalten würde (Wall Street Journal). Es ist nicht klar, um welche Geschäftsbereiche es geht (Nur das US-Geschäft? USA, Australien und Neuseeland? Das gesamte Geschäft von TikTok?). Es ist zudem nicht klar, ob die Marke und/oder das Personal und/oder die Community uund/oder der Algorithmus Gegenstand der Übernahme ist.
  • Ohne die Übernahme des Algorithmus wäre eine Übernahme von TikTok ziemlicher Quatsch. Die Kollegen von Protocol vergleichen das Szenario mit einem Kauf von Google ohne Page Rank, bzw. Coca Cola ohne Rezeptur. Nicht wirklich den Preis wert.

Be smart: Die beteiligten Unternehmen haben theoretisch bis zum 12.11. Zeit, einen Deal auszuhandeln. Der Termin liegt gut eine Woche nach der US-Wahl. Vielleicht ist die Welt danach sowieso eine andere. Zudem hat die chinesische Regierung aufgrund der neuen Exportregeln nach Vorlage des Deals noch weitere 30 Tage Zeit, um zu prüfen, ob sie den Deal durchgehen lassen. Das alles könnte sich also noch eine ganze Weile hinziehen. Eine Situation, die ByteDances Gründer Zhang Yiming in die Karten spielt: laut The Information möchte er eigentlich sowieso nicht verkaufen.


Studie zum Einfluss von Facebook und Instagram auf US-Wahl

Was ist

Facebook setzt ein neues Forschungsprojekt auf, um zu prüfen, wie groß der Einfluss des Unternehmen auf die US-Präsidententwahl 2020 ist (Ankündigung von Facebook / Proposal der Wissenschaftler).

Warum ist das interessant?

Spätestens seit der Diskussion um die US-Wahl 2016 (Stichwörter: Cambridge Analytica, Einflussnahme durch Russland, Desinformationen) steht Facebook in der Pflicht, der Frage nachzugehen, wie groß der Einfluss des Unternehmens auf den Ausgang von Wahlen ist. Ein erstes Projekt, das sich ebenfalls der Frage widmen sollte, hatte nicht die Ergebnisse geliefert, die sich Wissenschaftler erhofft hatten (politicaldatascience).

Eckpunkte des Projekts

  • Das neue Forschungsprojekt wird untersuchen, wie sich die Präsidentschaftswahlen Wahlen 2020 auf Facebook und Instagram darstellen und welchen Einfluss die Apps auf Themen wie politische Polarisierung, Wählerbeteiligung, Vertrauen in die Demokratie und die Verbreitung von Fehlinformationen hat.
  • Das Forschungsteam besteht aus 17 Wissenschaftlern und rund zwei Dutzend Facebook-Mitarbeitern.
  • Die Ergebnisse werden ab Sommer 2021 veröffentlicht.
  • Facebook wird bei der Veröffentlichung kein Veto-Recht eingeräumt.
  • Soweit möglich soll ein Peer Review stattfinden.

Der Ablauf des Projekts

  • Sobald sich Nutzerïnnen für die Teilnahme an der Studie entscheiden, wird das Forschungsteam ihre Daten deidentifizieren, sie in Gruppen aufteilen und damit beginnen, an ihren News Feeds zu schrauben, ihre Werbeerfahrungen zu verändern, sie in einigen Fällen sogar auffordern, die Nutzung von Facebook vorübergehend einzustellen.
  • Dabei werden die Studienteilnehmerïnnen fortwährend befragt, um zu erfassen, wie sich ihre Erfahrungen und Standpunkte entwickeln und sich mit Kontrollgruppen vergleichen.

Warum die Studie Zweifel aufwirft

  • Es sind noch genau 9 Wochen bis zur Wahl am 3.11.2020. Ob sich in so kurzer Zeit überhaupt eine signifikante Veränderung der politischen Meinung beobachten lässt, bleibt für uns persönlich fraglich.
  • Wissenschaftler zeigen sich zudem skeptisch, ob die Zusammensetzung des Projekts glücklich gewählt ist. So hat zum Beispiel einer der führenden Wissenschaftler, Joshua A. Tucker, bereits früher im Auftrag von Facebook geforscht, bei Facebook Vorträge gehalten und auch Geld von Facebook erhalten. Facebook hat Tuckers Forschung u.a. „zu verdanken“, dass sie vermelden konnten, auf Facebook würden eher wenig Fake News die Runde machen (New York Times, Sciences Advances). Nun ja.
  • Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass Facebook bei der vorangegangenen Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern Daten zur US-Wahl 2016 bewusst nicht geteilt hat (nature), nun aber die Chefs von Social Science One ein neues Projekt starten – gänzlich ohne öffentliche Ausschreibung.

Be smart

Facebook tut gut daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Ob die Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern mehr ist als PR in eigener Sache, wird sich zeigen. Wir zeigen uns optimistisch und halten es mit Charlie Beckett:

„We desperately need to have better access to Facebook's data to understand its impact on democracy. So this is a step forward. Some great researchers involved, too. Let's hope they get the material they need to help inform real policy changes.“


Kampf gegen Desinformation

  • Facebook nimmt Compact vom Netz: Das Magazin Compact gehört in rechten Kreisen zur Pflichtlektüre – von AfD über Identitäre Bewegung bis zu Verschwörungstheoretikern genießt das vom rechten Publizisten Jürgen Elsässer herausgegebene Kampfblatt großen Zuspruch. Für die Verbreitung der Inhalte spielten Facebook & Instagram jeher eine wichtige Rolle. Im Vorfeld der Anti-Coronapolitik-Demo in Berlin hat Facebook nun überraschend die Accounts vom Netz genommen (Tagesschau).

    Gegenüber WDR und NDR erklärt eine Facebook-Sprecherin die Gründe: „Wir verbieten Organisationen und Personen unsere Dienste zu nutzen, wenn sie Menschen aufgrund von Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht und Nationalität systematisch angreifen. Daher haben wir das Compact-Magazin von Facebook und Instagram entfernt.“ Ein guter und in unseren Augen längst überfälliger Schritt, schließlich war das Magazin sogar bereits seit März vom Verfassungsschutz als sogenannter Verdachtsfall eingestuft worden.


Follow the money

  • Instagram Guides: Wie in Briefing #639 vorgestellt, hat Instagram ein wirklich spannendes neues Features am Start: Mit Instagram Guides können Kreative direkt innerhalb von Instagram Inhalte teilen, die weit über Foto- und Video-Posts hinausgehen. Die Funktion erinnert eher an eine eigene Interpretation von Instant Articles – eben jenem Feature von Facebook, dass es ermöglicht, Artikel / Blogposts direkt bei Facebook zu veröffentlichen. Instagram Guides bekommen ein eigenes Tab auf der Profilseite, können Posts, Videos und Notizen beinhalten und via Stories und Direct geteilt werden. Zunächst waren die Guides auf das Thema Wellness beschränkt. Jetzt könnten einem bald auch Guides zu den Themen Orte und Produkte (Techcrunch) begegnen – spannend!

Inspiration


Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Amazon Fitness-Armband: Amazon hat ein neues Fitness-Lifestyle-Armband (The Verge) gelauncht, das u.a. auf deine Stimme achtet, um zu dokumentieren, wie es dir geht. Creep!

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

YouTube

  • Besseres Blurring: Bei YouTube können Nutzerïnnen bereits seit 2016 beim Upload eines Videos Gesichter blurren. Jetzt hat YouTube nachgelegt und dem Feature ein sattes Update gegönnnt. Gut!

Apps, Tricks und Tipps

  • Zoom-Tipps: Vermutlich haben viele unter uns schon lange keinen Bock mehr auf Zoom-Calls. Um das Zoom-Leben etwas aufzupeppen, hat Product Hunt 8 Tools zusammengetragen, die allesamt dafür gedacht sind, dass der Zoom-Call zum echten Hingucker wird.

One more thing

  • The Social Dilemma: Nächste Woche erscheint "The Social Dilemma" auf Netflix – eine Doku über die Rolle von Social Media für Politik & Gesellschaft. Der Trailer sieht zwar etwas krawallig aus, gespannt sind wir aber trotzdem. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Doku wirklich hochkarätig besetzt ist: Tristan Harris (Center for Humane Technology), Justin Rosenstein (Mit-Erfinder von Facebooks “Like”-Button), Tim Kendall (Ex-Chef von Pinterest und ehemaliger Director of Monetization bei Facebook), Cathy O’Neil (Autorin von „Weapons of Math Destruction“) und viele mehr.


Header-Foto von James Edwards bei Unsplash


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