Monat: September 2020

30.9.2020 | Status Quo der Passion Economy, News bei YouTube, TikTok-Handbuch

Status Quo der Passion Economy

Was ist

Die Risikokapitalfirma SignalFire hat einen interessanten Report zur Passion Economy publiziert. Die Hauptbotschaft lautet: Kreative werden immer mehr zu Unternehmern in eigener Sache. Dabei verlassen sie sich nicht mehr allein auf Einnahmen, die sie auf YouTube, Instagram und Co erzielen – etwa über eine Beteiligung an Werbeeinnahmen oder Brand Deals. Vielmehr stellen sie sich breiter auf, um ihre Abhängigkeit von den Plattformen zu minimieren und ihre Einnahmequellen zu diversifizieren.

Warum ist das interessant?

  • SignalFire geht davon aus, dass es weltweit etwa 50 Millionen Kreative gibt, die mit ihren Inhalten auf Plattformen wie YouTube, Instagram und TikTok Geld verdienen.
  • 2 Millionen davon produzieren Inhalte hauptberuflich.
  • 47 Millionen verdienen auf die eine oder andere Art mit ihren Inhalten Geld, arbeiten aber nicht hauptberuflich als Kreative.
  • Laut Influencer-Agentur Mediakix beläuft sich der TAM (insgesamt adressierbarer Markt) derzeit auf rund 8 Milliarden Dollar. Es wird erwartet, dass er bis 2022 auf 15 Milliarden Dollar anwachsen wird. Manche sagen sogar, die gesamte Branche käme bereits auf ein Volumen von 38 Milliarden Dollar.
  • Zudem lässt sich festhalten, dass Kreative für Gen Z schon jetzt die neuen Stars sind, traditionelle Promis aus Film, Funk und Fernsehen™ längst abgelöst haben. (Siehe dazu auch: Spotifys „Culture Next“-Studie)

Welche Kreativen sind gemeint?

  • Die Passion Economy umfasst unabhängige Content-Creator, Social-Media-Stars, Influencerïnnen, Blogger, Vlogger, Podcaster, etc.
  • Der Begriff Passion Economy unterscheidet sich etwa von der Gig Economy (Amazons Mechanical Turk oder Uber) vor allem durch drei Dinge:
  1. Individualität wird als Feature und nicht als Bug betrachtet.
  2. Erfolg kann auch in der Nische liegen.
  3. Kreative können mit ihrem Publikum dauerhafte, finanzielle Verbindungen eingehen.
  • Li Jin hat im Blog der Investmentfirma a16z aufgeschrieben, was die Passion Economy ausmacht.
  • Das Konzept geht zurück auf einen Aufsatz von Kevin Kelly, der bereits 2008 davon träumte, dass Kreative künftig nur 1000 echte Fans bräuchten, um von ihrem Schaffen leben zu können.

Wie groß ist der Markt?

 

Professional Individual Creators

  • YouTube: Von den 31 Millionen Kanälen auf YouTube haben ca. 1 Million mehr als 10.000 Subscriber (Tubics)
  • Instagram: Von den mehr als einer Milliarde Accounts bei Instagram haben rund 500.000 über 100.000 Follower. (Mention)
  • Twitch: Von den 3 Millionen Streamern bei Twitch haben knapp 300.000 den sogenannten Partner- bzw. Affiliate-Status. (Twitch)
  • Andere: Zu den anderen Kreativen, die ihre Arbeit in Vollzeit verrichten, zählen z.B. Illustratoren, Podcaster und Autoren.

Amateur Individual Creators

  • YouTube: Von den 31 Millionen Kanälen bei YouTube gibt es rund 12 Millionen mit 100.000 bis 10.000 Abonnenten (source)
  • Instagram: Von den eine Milliarde Accounts bei Instagram haben rund 30 Millionen zwischen 50.000 und 100.000 Followern. (source)

Wie können Kreative Geld verdienen?

Auf Plattformen wie YouTube, Instagram, Snapchat, Twitch und TikTok konnten Kreative bis vor einiger Zeit vor allem auf folgende Arten Geld verdienen:

  • Beteiligung an Werbeeinnahmen, die von der Plattform erzielt werden.
  • Sponsored content
  • Product placement

Da dies oft nicht ausreicht, um hauptberuflich Inhalte für die Plattformen zu produzieren, haben die Unternehmen nachgebessert und immer wieder neue Features ausgerollt – etwa:

  • Shout-outs
  • Spenden / Trinkgeld
  • Paid Subscriptions
  • Digital Content Sales
  • Merchandise
  • Virtuelle Live-Events
  • VIP-Meetups
  • Fan-Clubs

Allerdings löst dies immer noch nicht das Problem, dass Kreative häufig stark von den Algorithmen der Plattformen abhängig sind – vor allem davon, wie oft und an wen ihre Beiträge ausgespielt werden.

Deshalb versuchen Kreative auf anderen Wegen Geld zu verdienen – etwa indem sie Produkte und Dienstleistungen verkaufen. Product Hunt hat einige Tools aufgelistet, die dabei helfen können, Inhalte zu Geld zu machen. SignalFire nennt folgende Optionen:

  • Premium Content
  • Merchandise
  • Bücher / Ebooks
  • Newsletter
  • Fan-Treffen
  • Coaching
  • Consulting
  • Speaker-Gigs

Die Diversifizierung der Einnahmen ermöglicht ihnen, sich stärker auf ihre Inhalte zu konzentrieren. Nur durch diese unabhängigen Einnahmen ist es möglich, sich Nischeninhalten zu widmen.

Be smart

Während YouTube für die meisten Kreativen die Möglichkeit bietet, hauptberuflich tätig zu sein, ist Instagram die populärste Plattform, um mit kreativen Inhalten ein wenig Geld nebenbei zu verdienen. Ob das künftig auch so sein wird, weiß niemand. Was allerdings sicher ist:

„Being a creator today requires evolving from being an artist to being a founder.“


YourNews

Was ist

Das Pew Research Center hat eine spannende Studie zum Thema YouTube & Nachrichtenkonsum veröffentlicht.

  • Demnach kommen 26 Prozent aller YouTube-Nutzerïnnen auf der Plattform mit Nachrichten in Kontakt.
  • Zwar erklären nur die allerwenigsten User, dass YouTube ihre primäre Nachrichtenquelle sei.
  • Sehr wohl sagen aber 72 Prozent aller US-Amerikanerïnnen, dass YouTube ein wichtiger Kanal ist, um Nachrichten zu konsumieren.

Warum ist das interessant?

  • 23 Prozent der YouTube-Nutzerïnnen kommen auf der Plattform häufig mit Nachrichten von traditionellen Angeboten wie CNN oder Fox News in Berührung.
  • Genauso viele Nutzerïnnen (23 Prozent) erhalten aber auch Nachrichten von unabhängigen Kreativen.
  • Die Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass das Abrufen von Nachrichten bei YouTube mit einigen Fallstricken verbunden ist. Was genau diese Fallstricke sind, hängt stark davon ab, aus welchem politischen Lager sie stammen:
  • Republikaner und Rechtsgerichtete zeigen sich besorgt über Zensur, Demonitarisierung von Kreativen und politische Voreingenommenheit.
  • Demokraten und Linksgerichtete sorgen sich um Desinformationen, Belästigungen und Beleidigungen.

Be smart

Knapp die Hälte der populärsten News-Kanäle stuft Pew Research als persönlichkeitsgetrieben ein. Bei den unabhängigen Kanälen ist dies noch stärker ausgesprägt. Der Siegeszug der Kreativen (Influencer, etc.) macht also auch vor dem News-Geschäft nicht halt.

Nun gibt es die fatalistische Sicht der Dinge, die da lautet: Schlümm, schlümm, schlümm! Wenn da jetzt jeder Nachrichten machen kann, wo kommen wir denn dahin? Und ja, diese Sichtweise hat ihre Berechtigung. Wie wir nicht zuletzt mit Blick auf unsere eigene Berichterstattung zu den Themen Desinformation, Rabbit Hole & Co wissen.

Aber das ist eben auch nur die eine Seite der Medaille. Neben den schwarzen Schafen und den technologischen Problemen gibt es viele wunderbar ambitionierte, sich an journalistische Standards haltende Ein-Personen-Shows, die es schaffen, auf Themen aufmerksam zu machen, über die oftmals in weiten Teilen der traditionellen Medien nichts zu finden ist.

Es ist uns wichtig, beide Seiten bei der Bewertung dieser Nachricht im Blick zu behalten.


#USELECTION2020

Es sind noch genau 34 Tage bis zur Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten. Da soziale Medien bei dieser Wahl eine besondere Rolle spielen, werden wir in den kommenden Briefings an dieser Stelle gesondert über die wichtigsten News und Debatten rund um die US-Wahl berichten. Zum einen sammeln wir hier interessante Artikel. Zum anderen wird es von uns einige Deep Dives geben, die die Rolle der sozialen Medien bei der US-Wahl beleuchten. Heute zunächst einmal nur spannende Artikel. Here we go:


Today in TikTok-News

  • TikTok-Ban aufgehoben: Ein Richter hat das von US-Präsident Trump verhängte Download-Verbot aufgehoben. TikTok kann in den USA also weiter wie gewohnt über Apple und Google heruntergeladen werden. Zumindest bis zum 12.11.2020. Dann muss eine finale Lösung für den Deal zwischen ByteDance und Oracle her.
  • ByteDance buhlt um Lizenz: Damit der Deal realisiert werden kann, hat ByteDance entsprechend der neuen, chinesischen Export-Regeln um eine Lizenz gebeten (Reuters), die es gestatten würde, geschützte Technologien exportieren zu dürfen. Ob es sich dabei um die Absicht handelt, „den“ Algorithmus zu exportieren, bleibt offen.
  • China möchte die Kontrolle behalten: Das Wall Street Journal berichtet unterdessen, die chinesische Regierung betrachte TikToks Algorithmus als „Kerninteresse“ Chinas. Ein Export wird damit immer unwahrscheinlicher.
  • Deal mit Manchester City: Ungeachtet der Streitigkeiten mit den USA schreitet ByteDance munter voran und schmiedet neue Allianzen. Der neueste Clou: Ein 2-Jahres-Deal mit Manchester City, der für TikToks chinesische Schwesterapp Douyin exklusive Inhalte wie Interviews, Spiel-Highlights und Mini-Dokumentationen vorsieht. Was wir nicht wussten: Bayern München hat bereits im Mai eine ähnliche Partnerschaft eingetütet.
  • Globaler Transparenzbericht: TikTok hat einen Transparenzbericht für das erste Halbjahr 2020 vorgelegt. Darin erklärt TikTok, das Unternehmen habe 104.543.719 Videos entfernt, weil sie gegen die Community-Richtlinien, bzw. gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen hätten – was lediglich 1 Prozent der hochgeladenen Videos entspräche. Wir hatten noch keine Chance, den Bericht genauer zu studieren und verlassen uns daher auf die Einschätzung der Slate-Kollegin:

But I hope that the company continues to follow industry best practices and norms around transparency and accountability, while also setting some of its own—something that is uncommon among nascent and smaller internet platforms.

  • Global Coalition to Protect Against Harmful Content: TikTok hat neun Mitbewerbern Vorschläge unterbreitet, wie sie gemeinsam besser gegen Hass- und Gewaltvideos vorgehen könnten. Das ist an sich sehr lobenswert. Interessanterweise gibt es aber bereits eine solche Initiative von Microsoft, Facebook, Twitter und YouTube. Warum hat sich TikTok nicht einfach dieser Initiative angeschlossen?

Follow the money

  • Soundcloud goes Merch: In Ausgabe #665 berichteten wir, dass TikTok neuerdings auch Merchandise im hauseigenen Store verkauft. Was zunächst nach reiner PR aussah, mausert sich langsam zum Trend: Auch Soundcloud bietet nun in Kooperation mit ausgewählten Künstlern Merch an (highsnobiety).
  • Quibi sucht einen Käufer: Wir haben beim Social Media Watchblog häufig über Quibi berichtet. Es handelt sich bei der App um kein Social-Media-Angebot. Wir haben aber mit großem Interesse verfolgt, ob es das Unternehmen schafft, den Video-Markt umzukrempeln. Sechs Monate nach Launch steht fest: Nope, das war wohl nix. Über die Gründe wurde bereits vielfach geschrieben – am eindrücklichsten bei Vulture: Is anyone watching Quibi? Vox erklärt, warum Quibi jetzt einen Käufer sucht.
  • Spotify will aus Podcasts TV Shows machen: Spotify hatte sich ja bekanntlich im Frühjahr 2019 die Rechte an zahlreichen Podcasts gesichert (Briefing #522). Jetzt geht das Unternehmen einen Schritt weiter und verkündet eine Zusammenarbeit mit Chernin Entertainment (Wall Street Journal). Das Ziel: Podcasts in TV-Shows verwandeln und aus TV-Shows Podcasts machen.

Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Neue Social-Media-Plattform: Telepath: Wer bereits seit acht Jahren einen Newsletter über Social Media schreibt, hat viele Apps kommen und gehen sehen. Wir sparen uns hier die Auflistung all jener Angebote, die es leider (und manches mal auch völlig zurecht) nicht mehr gibt, und lenken den Blick auf ein neues Angebot: Telepath ist eine Mischung aus Twitter und Reddit und macht vor allem mit dem Versprechen, in Sachen Content Moderation rigide durchzugreifen, auf sich aufmerksam. Da die App bislang noch in einer geschlossenen Beta ist, konnten wir uns noch nicht selbst einen Überblick verschaffen. Gern verweisen wir daher auf die Berichte bei Bloomberg und Protocol.

Neue Features bei den Plattformen

Twitter

  • Erst lesen, dann retweeten: Twitter testet einen neuen Hinweis (Techcrunch), um Quatsch & Desinformationen vorzubeugen. Wir sind gespannt, wie das in der Praxis funktionieren wird.

Tipps, Tricks und Apps

Im wunderbaren Newsletter von Marcus Bösch haben wir folgende Tipps gefunden:

  • TikTok-Handbuch: Je größer TikTok wird, desto mehr wird es auch Spielfläche von politischen Akteuren – etwa von Institutionen, Parteien, Politikern, Think Tanks oder NGOs. Wer auch in dieser Welt unterwegs ist (looking at you Auswärtiges Amt), kann bestimmt mit diesem Handbuch bei Medium etwas anfangen: Handbook for TikTok for non-profits and digital diplomacy.
  • Wer nutzt TikTok? Eine passende Übersicht zu all den Institutionen, die aus der Welt der Politik stammen und bereits auf TikTok aktiv sind, gibt es in diesem Google Doc.

Header-Foto von Gayatri Malhotra bei Unsplash


25.9.2020 | Big Tech und Klimaschutz, YouTube und halbgare Faktenchecks, Faszination Social Media – ein Fall für Psychologen

Big Tech & Klimaschutz: revisited

Was war

In Ausgabe #668 fragten wir: "Tech goes Klimaschutz: mehr als nur PR?" Unter anderem beschäftigten wir uns mit Googles Maßnahmen. Wir sahen darin zwar ein "wichtiges Signal", verlinkten aber auch auf die Einordnung eines BBC-Journalisten, der forderte, Google Ankündigungen kritisch zu hinterfragen. Dadurch entstand der Eindruck, Google verfolge mit seinen Maßnahmen auch PR-Interessen.

Was ist

Uns haben Rückmeldungen erreicht, unsere Darstellung sei unvollständig und oberflächlich. Und das stimmt: Googles Maßnahmen gehen deutlich über die rückwirkende Kompensation des CO2-Ausstoßes der Jahre 1998 bis 2007 hinaus. Insgesamt umfasst die Ankündigung neun Punkte, darunter etwa das ambitionierte Ziel, bis 2030 rund um die Uhr in allen großen Rechenzentren und Standorten CO2-neutral zu arbeiten. Für weitere Details zu diesem Vorhaben verweisen wir auf die Nachhaltigkeitsberichte und das Whitepaper, das Google dazu veröffentlicht hat (PDF).

Mehrere Organisationen, die sonst eher nicht dafür bekannt sind, große Unternehmen unkritisch anzufassen, haben Googles Vorhaben ausdrücklich gelobt. Greenpeace sagt etwa, Google nehme seine Rolle im Kampf gegen die Klimakrise ernst und setze eine hohe Messlatte für andere Konzerne.

Wir ergänzen: Nachdem wir uns intensiver mit Googles Maßnahmen beschäftigt haben, hoffen wir, dass sich andere Unternehmen ein Beispiel daran nehmen. Gleichzeitig gilt aber auch: Ein Teil der Ankündigungen sind bislang bloß Versprechungen – Ziele sind schön und gut, aber endgültig loben sollte man erst, wenn diese Ziele auch erreicht werden. Das wissen wir 2030.

Yes but

Der Großteil unserer Kritik galt nicht Google, sondern Facebook, das sich zwar ebenfalls ambitionierte Ziele gab (Facebook-Newsroom), diese aber teils mit seinem eigenen Verhalten konterkariert. Bei dieser Einschätzung bleiben wir. Außerdem verweisen wir darauf, dass Facebook in der Zwischenzeit die Konten von etlichen Klima-Aktivistïnnen und Organisationen sperrte (Guardian) und das später als ein Versehen bezeichnete (Gizmodo), dem ein Fehler der automatisierten Systeme zugrunde liege.

Ausführlich beschäftigen sich Judd Legum und Emily Atkin mit dem Thema. In "Facebook's climate of denial" (Popular Information) stellen sie die Schwäche von Facebooks Ansatz zur Bekämpfung von Desinformation dar: Facebook setzt darauf, Lügen und Falschbehauptungen mit Fakten und korrekten Informationen zu begegnen. Insbesondere bei der Klimakrise reiche das nicht aus, sagt etwa der Forscher John Cook (PDF):

"I see it as a greenwashing exercise. Facebook is polluting the information landscape by allowing misinformation to proliferate from their platform. And they’re trying to distract from the fact that they’re not doing anything to prevent it."

Noch problematischer ist, dass Facebook Verharmlosungen und eindeutige Falschbehauptungen über die Klimakrise nur eingeschränkt gegencheckt und teils unwidersprochen viral gehen lässt – darunter auch Artikel des Portal The Daily Caller, das zu Facebooks offiziellen Factcheck-Partnern zählt.

Be smart

Trotz dieser Kritik möchten wir eine Sache wiederholen: Ein Klima-Informationszentrum ist besser als kein Klima-Informationszentrum. Wir wollen nicht reflexhaft jede Maßnahme kritisieren, nur weil Multimilliarden-Konzerne natürlich auch immer noch mehr tun könnten oder damit womöglich auch ein Eigeninteresse verfolgen.

Ganz bestimmt mehr tun könnte der reichste Mann der Welt: Im Februar kündigte Jeff Bezos an (NPR), zehn Milliarden Dollar in Klimaschutzmaßnahmen zu stecken, um etwas gegen die "größte Bedrohung des Planeten" zu unternehmen. Sieben Monate später konstatiert Emily Atkin (Heated):

"(…) Bezos has made $73 billion during this year’s pandemic and record-breaking extreme weather season. Yet he has failed to announce a single grant for that $10 billion climate fund he so loudly announced."


YouTube: Halbgare Faktenchecks, dumme Maschinen und eine Klage

Was ist

In den vergangenen Tagen gab es drei Entwicklungen, die YouTubes Umgang mit Inhalten betreffen:

  1. Die Plattform hat sein Faktencheck-Feature auf Deutschland ausgeweitet (YouTube-Blog).
  2. Nachdem seit Ausbruch der Corona-Pandemie die meisten Videos automatisiert geprüft und gelöscht wurden, sollen diesen Job nun wieder Menschen übernehmen – weil die Maschinen zu viele Fehler gemacht hatten.
  3. Eine ehemalige Content-Moderatorin verklagt YouTube (Cnet): Sie wirft dem Unternehmen vor, sie unzureichend vor den Folgen ihrer Arbeit geschützt zu haben, weshalb sie eine Posttraumatische Belastungsstörung und Depressionen entwickelt habe.

1. "Faktenchecks", die ihren Namen kaum verdienen

  • Wer mit Organisationen wie Correctiv spricht, die mit Facebook zusammenarbeiten und Artikel prüfen, hört seit Jahren Unverständnis: Warum in aller Welt gibt es bei YouTube kein vergleichbares Programm?
  • Schließlich verbreiten sich zahlreiche Lügen und Falschbehauptungen über die Videoplattform, die dafür jedoch deutlich weniger öffentliche Kritik abbekommt als Facebook.
  • Das System von YouTube bleibt hinter Facebooks Ansatz zurück: Es geht nicht darum, konkrete Videos zu überprüfen und richtig zu stellen. YouTube blendet lediglich auf der Startseite und bei Suchen nach bestimmten Themen Hinweise auf verlässliche Quellen zu dem Thema sein.
  • Im Gegensatz zu Facebook setzt YouTube nicht auf feste Partner (Facebook arbeitet in Deutschland mit Correctiv, der dpa und seit kurzem auch AFP zusammen), sondern ruft alle Verlage auf, sich am ClaimReview-Tagging-System zu beteiligen.
  • Bislang machen ein halbes Dutzend deutscher Verlage und Faktencheck-Organisationen mit, darunter Correctiv und BR24.
  • Ähnlich wie bei Facebook lautet YouTubes Strategie: Wir setzen Desinformation mehr Information entgegen. Ob das wirkt, wird auch davon abhängen, zu welchen Themen YouTube die Hinweise einblendet.
  • Die Plattform zeigt bei Videos zu bestimmten Themen bereits Verweise etwa auf die Wikipedia an – allerdings nur klein unter dem Video und ohne deutlich zu machen, dass der Inhalt des Clips womöglich falsch ist.
  • Das sogenannte Faktencheck-Feature ist besser als nichts, aber auch nicht viel mehr. Wir hoffen, dass YouTube künftig auch einzelne Videos von Faktenprüferïnnen auswerten und einordnen lässt.
  • YouTube-Produktchef Neal Mohan erkennt das Problem selbst an und sagt, dass "Verschwörungstheorien verschwinden müssen" (FAZ). Als Chefentwickler gehe es ihm darum "unserer Verantwortung als globale Plattform gerecht zu werden".
  • Die Fortschritte, die YouTube bei seinen Videoempfehlungen gemacht hat, sodass der Algorithmus nun seltener radikale oder verschwörungsideologische Inhalte vorschlägt, sind beachtlich. Aber es bleibt noch einiges zu tun.

2. Die Maschinen sind noch lange nicht bereit

  • "Menschen nehmen Maschinen den Job (wieder) weg" – eine Schlagzeile, die man 2020 auch nicht allzu oft zu lesen bekommt.
  • Doch nach sechs Monaten ist klar: Die sogenannte künstliche Intelligenz ist teils immer noch ziemlich dumm. Deshalb müssen bei YouTube nun wieder menschliche Content-Moderatorïnnen ran.
  • In Ausgabe #625 erklärten wir, warum Facebook, Twitter, Google und YouTube wegen Corona fast alle Content-Moderatorïnnen vorübergehend durch Maschinen ersetzen müssen.
  • "Die Corona-Krise wird zeigen, ob künstliche Intelligenz mehr ist als ein überstrapaziertes Modewort. Werden Algorithmen in der Lage sein, menschliche Moderatoren zu ersetzen?", fragte ich damals (SZ).
  • Bereits damals warnten die Plattformen, dass die automatisierten Systeme vermutlich weniger effektiv arbeiten und Inhalte zu Unrecht löschen würden.
  • YouTube kündigte etwa an, dass Nutzerïnnen "möglicherweise feststellen, dass mehr Videos entfernt werden, darunter auch einige, die nicht gegen unsere Richtlinien verstoßen."
  • Diese Prognose hat sich bewahrheitet: Zwischen April und Juni löschte YouTube elf Millionen Videos, gegen 320.000 Entscheidungen wurde Einspruch eingelegt – und rund die Hälfte der Videos wurde wieder eingestellt. Sowohl die absolute Zahl als auch der Anteil der erfolgreichen Widersprüche liegen etwa doppelt so hoch wie sonst.
  • YouTube hat sich bewusst dafür entschieden, lieber zu viel als zu wenig zu sperren. Der Schaden, der entstehe, wenn Inhalte fälschlicherweise online bleiben, sei höher zu gewichten als das Risiko versehentlicher Sperren. Das ist eine nachvollziehbare Entscheidung.
  • Es ist gut, dass es automatisierte Systeme gibt, die einen Großteil der Inhalte löschen können, bevor sie jemand zu Gesicht bekommt. Die gestiegene Fehlerrate zeigt aber auch, dass AI noch lange nicht das Wundermittel ist, zu dem Mark Zuckerberg es gern stilisiert (The Verge).
  • Das gilt insbesondere für Verschwörungsideologien, die bewusst mit Andeutungen und Chiffren hantieren: "We are a very long way from using artificial intelligence to make sense of problematic speech such as a three-hour rambling conspiracy video", sagt etwa Claire Wardle (FT) von First Draft. "Sometimes it is a nod and a wink and a dog whistle. The machines just can’t do it."

3. Die Verantwortung der Tech-Konzerne beginnt bei sich selbst

  • Die Erkenntnis, dass Maschinen mehr Fehler machen als Menschen, bedeutet aber auch: Zehntausende Content-Moderatorïnnen müssen einen Job erledigen, der ihre psychische Gesundheit bedroht und zu schweren Traumata führen kann.
  • Die Klage der Frau (Cnet), die für den YouTube-Dienstleister Collabera in Austin den Schmutz aus dem Netz fischte, zeigt erneut, wie belastend die Arbeitsbedingungen für viele Menschen sind.
  • Für die inhaltliche Einordnung verweisen wir auf Ausgabe #638, in der wir eine Sammelklage ehemaliger Facebook-Mitarbeiterïnnen analysierten, die aus ähnlichen Gründen vor Gericht zogen und 52 Millionen Dollar Schadenersatz erhielten (35 Millionen nach Abzug der Anwaltskosten).
  • In beiden Fällen gilt: Konzerne, die jedes Jahr Dutzende Milliarden Dollar Gewinn machen, sollten in der Lage sein, allen Angestellten und Mitarbeiterïnnen gute Arbeitsbedingungen zu bieten. Das gilt auch und insbesondere für Menschen, die für wenig Geld bei Dienstleistern arbeiten.
  • Gerade das Silicon Valley, dass der Meinung ist, dass ihre Produkte die Welt verbessern, sollte Hilfskräfte, die keine Lobby und wenig Macht haben, anständig bezahlen und ihnen zumindest ausreichend Pausen und umfassende psychologische Betreuung gönnen.

Ein zweiter Blick auf "The Social Dilemma"

Was ist

  • In Ausgabe #666 schilderte Martin seine Eindrücke der Netflix-Doku "Das Dilemma mit den sozialen Medien".
  • Er bemängelte fehlende Differenzierung und einen Mangel an Lösungsvorschlägen, nannte den Film aber einen "wirklich guten Primer, um sich mit dem Dilemma der sozialen Medien auseinanderzusetzen".
  • Ich sehe das deutlich kritischer als Martin: Der Film hat mich enttäuscht, weil das Thema so wichtig und das Potenzial so groß ist – und das Ergebnis so eindimensional (und in Teilen schlicht falsch).
  • "Im Fokus stehen Risiken und Nebenwirkungen. Die Doku zeigt kein Dilemma, sie zeichnet eine Dystopie", schrieb ich in einer Kritik (SZ).
  • Martin und ich haben uns in den vergangenen Tagen mehrfach über die Doku unterhalten und verstehen jetzt besser, warum wir das Resultat so unterschiedlich beurteilen.
  • Martin hat eine ZDF-Vergangenheit und betrachtet den Film aus dem Blick eines Fernsehmenschen – er weiß, dass Regisseurïnnen Komplexität reduzieren müssen, wenn sie Botschaften vermitteln wollen.
  • Als SZ-Autor vereinfache auch ich viele Sachverhalte. Meist frage ich mich dabei: Wie erkläre ich ein Thema so, dass es auch meine Eltern, prototypische SZ-Abonnentïnnen, verstehen? Trotzdem kann ich mich nicht damit anfreunden, wie stark Regisseur Jeff Orlowski die Welt in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse einteilt.

Was jetzt?

  • Meine eigenen Kritikpunkte stehen in der SZ-Rezension, für die ich mich allerdings kurz fassen musste. Deshalb verweise ich lieber auf die ungleich längeren und tiefgehenderen Einwände, die Will Oremus (OneZero) und Michael Church (Antipodes) formulieren.
  • Bereichernd und erhellend ist in dem Zusammenhang auch eine Buchrezension (Bookforum): Max Read bespricht "The Twittering Machine" von Richard Seymour, der den Blick weg von den angeblich ach so manipulativen und allmächtigen Konzernen auf uns selbst richtet.
  • Das Buch selbst haben wir noch nicht gelesen, aber bereits die Rezension an sich enthält viele kluge Gedanken. Diesen Absatz würden wir euch gern mit ins Wochenende geben:

"After all, Mark Zuckerberg is not pointing a gun at anyone’s head, ordering them to use Instagram—and yet we post as though he is. Perhaps the best lens to examine compulsive, unproductive, inexplicable use of social media is not technical, or sociological, or economic, but psychoanalytic. In which case, rather than asking what is wrong with these systems, we might ask, "What is wrong with us?"


Schon einmal im Briefing davon gehört

Crowdtangle-Limitationen

Viele von euch werden bereits mit Crowdtangle gearbeitet haben. Das von Facebook aufgekaufte Tool ermöglicht es, Likes, Kommentare und Shares zu messen, um so herauszufinden, welche Artikel mit Blick auf diese Metriken am besten performen. Was das Tool allerdings nicht leistet, wird dabei häufig ausgeblendet. Weder zeigt Crowdtangle, welche Artikel tatsächlich am meisten Impressions erzielt haben oder wie oft ein Artikel bei Nutzerïnnen im Feed auftaucht. Auch zeigt Crowdtangle keine privaten Posts oder Beiträge in Gruppen. Genau hier spielt aber die Musik. Kurioserweise empfiehlt Facebook das Tool trotzdem Bürgerrechtsgruppen & Tech Watchdogs, um z.B. Falschnachrichten frühzeitig aufzuspüren. Die wollen das jetzt nicht länger hinnehmen und fordern bessere Werkzeuge (Bloomberg).


Empfehlungen fürs Wochenende

Casey über Zuckerberg

Casey Newton hat einen spannenden Longread bei The Verge im Angebot: Der Text Mark in the Middle basiert auf einer Vielzahl geleakter Audio-Files und Transkripte, die verdeutlichen, wie sich Mark Zuckerberg in den vergangenen Monaten immer wieder intern erklären musste: wegen seiner Untätigkeit mit Blick auf Trump, wegen der Rolle, die Facebook bei den Protesten in den USA spielte, wegen des Einflusses von Joel Kaplan, wegen der Gefahr, die von Gruppen ausgeht, usw. Zitat:

"An engineer who worked on groups told me they found the group recommendation algorithm to be the single scariest feature of the platform — the darkest manifestation, they said, of data winning arguments."

"They try to give you a mix of things you’re part of and not part of, but the aspect of the algorithm that recommends groups that are similar to the one that you’re part of are really dangerous,” the engineer said. “That’s where the bubble generation begins. A user enters one group, and Facebook essentially pigeonholes them into a lifestyle that they can never really get out of."

Wirklich super spannend und sehr, sehr lesenswert!

Renée DiResta über AI & Desinformation

Renée DiResta beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie sich Narrative online verbreiten. Naturgemäß spielt das Thema Desinformation dabei eine besondere Rolle. In einem Gastartikel für The Atlantic beschreibt DiResta, wie sich Computerprogramme, die vollautomatisiert Inhalte produzieren können, auf die Gesellschaft auswirken könnten. Zitat:

"Americans who read an article in an online newspaper or a comment on an internet message board today might fairly assume that it’s written by a real person. That assumption won’t hold in the future, and this has significant implications for how we parse information and think about online identity."

Wir sehen hier enorme Herausforderungen auf uns zukommen. Sicherlich: Bislang ist das Gros dieser Tools noch recht stumpf und schnell zu entlarven. Aber wahrscheinlich würden viele staunen, wie viele der Texte, die einem im Alltag begegnen, bereits automatisch produziert wurden. In aller Regel mit guten Absichten. Aber was ist, wenn gezielte Desinformationskampagnen mit solchen Werkzeugen erstellt werden? Fake-Personas schreiben Fake-Artikel auf Fake-Websites – und alles fühlt sich zunächst einmal echt an. Klingt absurd? Nun, DiResta liefert direkt die Probe aufs Exempel und lässt Teile ihres Artikels von einem Tool namens GPT-3 schreiben.

"In a future where machines are increasingly creating our content, we’ll have to figure out how to trust."

Eugene Wei über TikTok

Wir haben in den vergangenen Ausgaben bereits voller Enthusiasmus auf die Blogposts von Eugene Wei zu TikTok verlinkt: TikTok and the Sorting Hat & Seeing Like an Algorithm. Völlig zurecht natürlich. Deshalb möchten wir auch die Chance nicht ungenutzt lassen, auf eine aktuelle Episode des a16z-Podcasts (a16z) aufmerksam zu machen. In der Folge vom 20.9. geht es schwerpunktmäßig um die Frage, welche Rolle der Algorithmus für TikTok spielt – Spoiler: durchaus eine andere als man gemeinhin annehmen würde. Wirklich spannend und bereichernd, was Eugene in knapp 30 Minuten erzählt.


Neue Features bei den Plattformen

WhatsApp

  • Expiring Messages: Laut Wabetainfo arbeitet WhatsApp an einer Funktion, die es ermöglichen würde, Nachrichten zu verschicken, bei denen die Fotos / Videos dann von selbst wieder verschwinden sobald der Chat verlassen wird. Hat hier jemand Snapchat gesagt? 👻

Instagram

  • Reels: Instagrams Antwort auf den anhaltenden Erfolg von TikTok ist ja bekanntlich Reels. Wir sprechen an dieser Stelle bewusst nicht von Instagrams TikTok-Klon, denn das ist Reels bei weitem nicht. Gern stellen wir in einer der kommenden Ausgaben noch einmal ausführlicher dar, was wir von Reels halten und warum es unserer Meinung nach in dieser Form keine Konkurrenz für TikTok darstellt. Heute soll nur kurz festgehalten werden, dass bei Reels nachgebessert wird: Nutzerïnnen können nun Clips mit einer Länge von 30 Sekunden teilen (Techcrunch). Auch wird es bald bessere Montage-Möglichkeiten geben. Ok. Alles weitere demnächst an dieser Stelle.

LinkedIn

  • Stories & mehr: LinkedIn führt jetzt auch Stories ein. Wer also von seinen beruflichen Erfolgen künftig gern im Stories-Format erzählen möchte, it is possible. Zudem kommt es zu einer Integration von Zoom, BlueJeans und Teams. Mehr dazu bei Techcrunch.

📌 FYI

Themen, zu denen wir derzeit recherchieren:

  • Facebooks Pläne in Sachen AR / VR
  • Der Kampf der Plattformen gegen QAnon / AntiVaxx
  • Wie sich das Silicon Valley auf die US-Wahl vorbereitet
  • Die Antitrust-Pläne in den USA
  • Ein Vergleich zwischen TikTok, Reels, Triller und Co
  • Facebooks Workplace Guidelines
  • Komplex: Facebook, Max Schrems, Irland

Falls du zu einem der Themen etwas beitragen möchtest, dann freuen wir uns über Feedback per Email – einfach auf diese Newsletter-Ausgabe antworten. Falls du uns lieber verschlüsselt schreiben möchtest, dann ist das auch kein Problem. Merci!


Header-Foto von Gayatri Malhotra bei Unsplash


Hurra, Hurra, der TikTok-Deal ist da

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Dieser Artikel ist Teil unseres Social Media Briefings vom 22.9.2020. Wenn du auch zweimal die Woche die wichtigsten News und Debatten rund um Social Media per Newsletter aufbereitet erhalten möchtest, dann kannst du hier Mitglied werden.


Header-Foto von Kon Karampelas bei Unsplash


22.9.2020 | 17 Fragen zum TikTok-Deal, Warum Menschen für Journalismus bezahlen, Mark Zuckerberg Reckoning

Hurra, hurra, der TikTok-Deal ist da

Was ist

Nach monatelangem Drama scheint eine Saga zu Ende zu gehen, deren Absurdität die Pumuckl-Anspielung in der Überschrift nur unzureichend Rechnung trägt. Am Wochenende hat Donald Trump einer Vereinbarung "seinen Segen" erteilt, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet – aber das sind wir bei diesem Thema ja gewohnt.

Die endgültige Zustimmung des Committee on Foreign Investment in the United States (CFIUS) und der chinesischen Regierung stehen noch aus. Doch es gilt als nahezu ausgeschlossen, dass das CFIUS dem US-Präsidenten in den Rücken fällt, nachdem dieser sich öffentlich festgelegt hat. Und da TikTok sich bereits "erfreut" und "begeistert" geäußert hat, dürfte sich auch China nicht mehr querstellen.

Was der Deal beinhaltet

Noch sind nicht alle Details bekannt. Teils stützen sich die Informationen auf anonyme Quellen, die etwa mit Bloomberg und The Information gesprochen haben. Derzeit wissen wir:

  • Es soll ein neues Unternehmen namens TikTok Global entstehen, das für die weltweiten Geschäfte mit der App verantwortlich ist.
  • Oracle (12,5) und Walmart (7,5) erhalten gemeinsam 20 Prozent der Anteile an TikTok Global.
  • Der Rest verteilt sich bis zu einem möglichen Börsengang auf die bisherigen Eigentümer und Investoren von ByteDance. Dazu zählen auch US-Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital.
  • Im Aufsichtsrat sollen neben ByteDance-Grüner Zhang Yiming vier US-Amerikaner sitzen, darunter Walmart-Chef Doug McMillon. Wir wissen nicht, ob auch eine Frau darunter ist. Der Blick auf das entsprechende ByteDance-Gremium lässt uns aber vermuten, dass wir uns das Gendern in dem Fall sparen können.
  • TikTok strebt eine Bewertung von rund 60 Milliarden Dollar an. Oracle und Walmart müssten für ihre Anteile also rund zwölf Milliarden Dollar bezahlen. Diese Bewertung liegt deutlich höher, als vor einigen Wochen gemutmaßt wurde.
  • Damals wurde für eine Microsoft-Übernahme ein Kaufpreis von 20 bis 30 Milliarden Dollar kolportiert. Allerdings ging es wohl nur um das Geschäft in Nordamerika, Australien und Neuseeland.
  • Der Algorithmus, um den so heftig gerungen wurde, bleibt in chinesischer Hand. Oracle soll lediglich Zugriff auf den Quellcode der US-App erhalten und Updates prüfen können, um chinesische Spionage zu verhindern.
  • Den Unternehmen bleibt nun eine weitere Woche Zeit, um alle Details abschließend zu klären, wie Handelsminister Wilbur Ross mitteilte (Commerce.gov). Sonst wird TikTok am kommenden Sonntag, den 27. September, um 23:59 Uhr doch noch verboten. Dieses Szenario dürfte aber ausgesprochen unwahrscheinlich sein.

Was davon zu halten ist

Die beste Zusammenfassung liefern ein Statement von Walmart und eine Aussage von Trump. Am Wochenende schrieb Walmart in seinem offiziellen Newsroom zwischenzeitlich (Archive.org):

This unique technology eliminates the risk of foreign governments spying on American users or trying to influence them with disinformation.ekejechb ecehggedkrrnikldebgtkjkddhfdenbhbkuk

Die Hervorhebung stammt von uns, der Rest ist O-Ton Walmart. Ähnlich verwirrt wirkte Trump, der stolz verkündete (Twitter / Aaron Rupar):

I said, could you put up five billion dollars into a fund for education, so we can educate people as to real history of the country. The real history, not the fake history. (…) My only problem ist, they did it so fast, I should have asked for more.

Selbst wenn wir das hochgradig problematische "Patriotic Education"-Programm (Politico) ignorieren, auf das Trump anspielt, bleibt das Unsinn. Wie ByteDance kurz darauf mitteile, existiert diese Zusicherung nicht.

Offenbar verwechselte Trump die Ankündigung von ByteDance, in Zukunft rund fünf Milliarden Dollar Steuern in den USA zu zahlen (allerdings ist das nur eine Prognose, und der genaue Zeitraum ist unklar), mit dem Versprechen von Oracle und Walmart, in eine Bildungsinitiative und KI-gestützte Programme zum digitalen Lernen zu investieren.

Kurzum: Der US-Präsident hat keine Ahnung, und ein Milliardenkonzern hat offenbar niemanden, der seine Blogeinträge gegenlesen kann. Das entspricht ziemlich genau dem Deal: It's a hell of a mess.

Was Trump sagt

  • Der US-Präsident lässt sich von seinen Fans feiern, schließlich hat er es den Chinesen so richtig gegeben.
  • "It’ll be a brand-new company. It will have nothing to do with any outside land, any outside country. It will have nothing to do with China.", sagt Trump (Whitehouse.gov).
  • Das verlinkte Redemanuskript – in dem auch die vermeintlichen Bildungsinvestitionen erneut auftaucht, nur den Verweis auf die "fake history" scheint Trump improvisiert zu haben – strotzt vor großspurigen Versprechungen: "A great American company", "All of the control is Walmart and Oracle, two great American companies", "The security will be 100 percent", "They’ll be hiring at least 25,000 people".
  • Ein Teil der Aussagen ist schlicht falsch, schließlich halten Walmart und Oracle gemeinsam lediglich ein Fünftel von TikTok Global.
  • Mit viel Rechenakrobatik kommt man wohl auf einen US-Anteil von 53 Prozent, wenn man alle ByteDance-Investoren mit einbezieht (die Eigentümerstruktur des neuen Unternehmens scheint ziemlich kompliziert zu sein). Selbst dann bleibt aber knapp die Hälfte in chinesischer Hand, ebenso der wertvolle Algorithmus. Von einem Unternehmen, das "nichts mit China zu tun hat", ist das relativ weit entfernt.

Was ByteDance sagt

Die Chinesen reagieren kühl auf die Behauptungen von Trump: "Explanation of some false rumors on TikTok" lautet der Titel einer Richtigstellung (Toutiao). Darin macht ByteDance drei Dinge klar:

  • Rumor 1: The main shareholder of TikTok Global is an American investor, and ByteDance will lose control of TikTok.
  • Fact: TikTok Global is a 100% owned subsidiary of Bytedance, headquartered in the United States. (…) After the financing, TikTok Global will become a holding subsidiary of Bytedance holding 80%.
  • Rumor 2: Oracle may use and possess the source code of TikTok.
  • Fact: The current plan does not involve the transfer of any algorithms and technologies. Oracle has the authority to check the source code of TikTok USA.
  • Rumor 3: TikTok Global will pay US$5 billion in taxes to the US Department of the Treasury for this plan.
  • Fact: The so-called tax payment of $5 billion to the U.S. Treasury Department is a forecast of the corporate income tax and other operating taxes that TikTok will need to pay for business development in the next few years. (…) The tax forecast has nothing to do with this cooperation plan.

Was wir uns fragen

Wir sitzen nicht am Verhandlungstisch und haben keine Quellen im Weißen Haus. Deshalb formulieren wir nur Fragen. Davon haben wir einige:

  • Aller Kritik am Vorgehen von Trump zum Trotz gab es durchaus berechtigte Sicherheits- und Datenschutzbedenken (Wired), was TikTok angeht. Inwiefern trägt der Deal dazu bei (Technology Review), diese auszuräumen?
  • Wie soll Oracle, das keine Kontrolle über den Algorithmus hat, verhindern, dass die chinesische Regierung Zensur ausübt oder versucht, den gesellschaftlichen Diskurs zu manipulieren, indem bestimmte Inhalte bevorzugt oder gezielt gestreut werden? (Wir sagen nicht, dass dies in der Vergangenheit der Fall – nur gibt es große Zweifel, dass sich ByteDance einer solchen Anordnung widersetzen könnte, selbst wenn es wollte.)
  • Der Deal erfüllt keine von Trumps Kernforderungen: TikTok bekommt keine US-Mehrheitseigner, der Algorithmus bleibt unter chinesischer Kontrolle, und es fließt kein unmittelbares "Key Money" in die Staatskasse. Wird er es trotzdem schaffen, die Vereinbarung als Erfolg zu verkaufen?
  • Was wird die Gruppe einflussreicher Republikaner dazu sagen, die mehrfach Bedenken geäußert hatte (WSJ), sollte der Algorithmus in chinesischer Hand verbleiben?
  • Trump nutzte den International Emergency Economic Powers Act als Grundlage für seine Executive Order – ein Gesetz, das in der Vergangenheit nur mit Bedacht genutzt wurde, etwa um ausländische Regierungen zu sanktionieren. War es rechtmäßig, darauf eine Drohung gegen ein Unternehmen aufzubauen, dem die USA bislang kein Fehlverhalten nachweisen konnten?
  • Insiderïnnen zufolge (Protocol) knüpft das CFIUS seine Zustimmung normalerweise an harte Bedingungen wie regelmäßige Prüfungen durch externe Unternehmen und andere Mechanismen, die unabhängige Kontrolle sicherstellen sollen. Werden diese Teile des Deals noch bekannt, bleiben sie geheim, oder existieren sie gar nicht?
  • Was geschieht mit den Daten der Nutzerïnnen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern? Kürzlich verkündete TikTok, dafür ein Datenzentrum in Irland zu errichten.
  • Oracle soll wohl nur den Quellcode der US-Version der App prüfen. Gibt es unterschiedliche Apps, obwohl das Unternehmen TikTok Global heißt?
  • Welche Rolle spielte es, dass Larry Ellison ein Kumpel von Trump ist? Man munkelt (Techdirt): eine große.
  • Neben TikTok wollte Trump auch WeChat verbieten. Eine Richterin stoppte das Verbot vorübergehend unter Verweis auf den Ersten Verfassungszusatz (Washington Post). Wie geht es jetzt mit der App weiter, die für viele chinesischstämmige Migrantïnnen einen wichtigen Teil (NYT) ihres Alltags darstellt (Slate)?
  • WeChat-Eigentümer Tencent hält unter anderem Anteile an Riot Games, Epic Games, Reddit, Discord und Snap – was dem CFIUS offenbar gar nicht gefällt (Bloomberg). War die TikTok-Posse nur der Einstieg in einen globalen kalten Tech-Krieg (Axios)?
  • China erstellte am Wochenende seinerseits eine Liste mit ausländischen Unternehmen (NYT), die angeblich die Sicherheit des Landes bedrohen oder chinesischen Wirtschaftsinteressen zuwiderlaufen. Wird das die einzige Vergeltungsmaßnahme bleiben?
  • Investorïnnen und Gründerïnnen sagen bereits, dass sie sämtliche Geschäfte mit Unternehmen vermeiden wollen (NYT), die künftig Trumps Zorn auf sich ziehen könnten. Entsteht ein zweiter Eiserner Vorhang, falls Trump die Wahl im November gewinnt?
  • Bislang lobbyierte Oracle eifrig für eine Abschaffung (Protocol) oder zumindest starke Einschränkung der Section 230, jenem Teil des Communications Decency Act, der das Entstehen der Tech-Plattformen überhaupt erst ermöglichte, indem er deren Haftung minimierte. Ändert sich diese Haltung, wenn Oracle künftig Teile einer solchen Plattform hält?
  • Welche Rolle spielt eigentlich Walmart in dem Deal? Soll TikTok zum E-Commerce-Powerhouse powered by Wallmart werden?
  • Trump spricht von 25.000 neuen Arbeitsplätzen, die TikTok in den USA schaffen will. Facebook, um ein Vielfaches größer und älter, hat weltweit knapp 50.000 Angestellte. Was sollen 25.000 Menschen in den USA für TikTok machen?
  • Nach dem Rücktritt von Kevin Mayer führt Vanessa Pappas interimsweise die Geschäfte. Bleibt sie dauerhaft, oder holt sich TikTok eine externe Führungskraft wie Instagram-Gründer Kevin Systrom (The Verge)?

Be smart

In Ausgabe #667 empfahlen wir einen Essay von Eugene Wei zum TikTok-Algorithmus. Der Text erklärte, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen half, den tiefen kulturellen Graben zu überwinden, der zwischen China und den USA klafft.

Nun hat Wei nachgelegt, und sein zweiter Longread ist genauso lesenswert wie der erste. In "Seeing Like an Algorithm" beschreibt er, wie TikTok seine App so gestaltet, dass es möglichst viele Daten und Interaktionen sammeln kann, um den Algorithmus fortlaufend zu optimieren:

The actual magic is how every element of TikTok's design and processes connect with each other to create a dataset with which the algorithm trains itself into peak performance.

Außerdem gibt Wei einen vielversprechenden Ausblick:

But there’s one final reason I find TikTok such a fascinating and anomalous case study. It has to do less with software and algorithms and more with something that the cultural determinist in me will never tire of studying: the network effects of creativity. That will be the subject of my third and final part of this series on TikTok.

Sein Blog hat einen RSS-Feed – Abonnieren dringend empfohlen. Aber keine Sorge: Auch Weis dritter TikTok-Text wird in diesem Briefing auftauchen.


Kampf gegen Desinformationen

Neue Regeln für Facebook Groups

Menschen versammeln sich bekanntlich zunehmend lieber um digitale Lagerfeuer, als öffentlich auf Facebook oder Instagram zu posten. Für Facebook ist die Gruppen-Funktion daher (mindestens seit Frühjahr 2019) ein zentraler Baustein, um bei Nutzerïnnen weiterhin relevant zu bleiben. Das Problem: Viele Menschen nutzen die vermeintliche Privatsphäre von Gruppen, um Spam, Falschinformationen und Aufrufe zu Gewalt zu teilen. Experten sehen darin seit Jahren eine der zentralen Herausforderungen, wenn es um die Gefahren von Filterblasen und Echokammern geht. Um diesen Herausforderungen besser zu begegnen, hat Facebook einige neue Regeln veröffentlicht. Ein Überblick:

  • Gruppen, die keinen Admin haben, werden archiviert.
  • Gruppen, die sich mit Gesundheitsthemen beschäftigen, werden nicht mehr empfohlen.
  • Gruppen, die zu Gewalt aufrufen oder entsprechenden Organisationen nahestehen, werden nicht mehr empfohlen und verschwinden aus der Suche. Zudem werden ihre Inhalte im News Feed in der Sichtbarkeit eingeschränkt.
  • Userïnnen, die wiederholt gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards verstoßen haben, können künftig nur noch eingeschränkt neue Gruppen gründen.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Rights Manager: Facebook hat einen neuen Rechte-Manager für Bilder gelauncht. Falls das für dich ein Thema ist, erfährst du hier, wie du dich für den Manager anmelden kannst.

Spotify

  • Virtual Events: Spotify hat erkannt, dass uns Corona wohl leider noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Daher gibt es fortan auch Hinweise auf digitale Events – etwa via Twitch, Instagram Live oder YouTube Live.

Tipps, Tricks und Apps

  • Membership Puzzle: Seit Jahren beschäftigt Medienmacher die Frage, wie sie Menschen davon überzeugen können, für Inhalte zu bezahlen. Der bekannte Journalismus-Prof Jay Rosen hat deshalb mit Kollegïnnen ein Handbuch verfasst, das Antworten liefern soll: Im Membership Guide präsentieren sie zahlreiche Ideen und zeigen, worauf es ankommt, wenn eine Paywall hochgezogen werden soll – etwa:
  1. Consistently delivering value in your core service
  2. Consistently delivering value in your membership program
  3. Providing opportunities for participation
  4. Putting in place smart tech defaults and customer service that prevent easily avoidable member losses

Wir sind beim Social Media Watchblog übrigens sehr stolz, dass wir bei unserem ganz persönlichen Membership-Puzzle schon so viele Teile richtig legen konnten – noch einmal herzlichen Dank für das Vertrauen an dieser Stelle!


One more thing

Mark Zuckerberg Reckoning: Achtung, das hier verlinkte Video ist ein Fake! Sogar ein Deep Fake, wenn man der Künstlerin, die das Video produziert hat, folgen möchte. Warum wir es trotzdem teilen? Nun, weil wir uns wünschen würden, es wäre kein Fake, sondern tatsächlich ein Video von Mark Zuckerberg, in dem er zugibt, was bei Facebook alles falsch läuft, und in dem er darlegt, was er künftig alles anders machen möchte. Leider zu schön, um wahr zu sein. Oder wie die Stephanie Lepp es ausdrückt:

"The project seeks not to deceive nor demean, but to imagine and inspire…Deep Reckonings explores the question: how might we use our synthetic selves to elicit our better angels?"


Header-Foto von Andrew Keymaster bei Unsplash


18.9.2020 | Schwere Vorwürfe gegen Facebook, Silicon Valley und Klimaschutz, Filter-Journalismus bei Instagram

Facebook-Memo: Ex-Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe

Was ist

Eine ehemalige Facebook-Angestellte wirft dem Unternehmen vor, Wahlmanipulationen und Desinformationskampagnen teils monatelang ignoriert zu haben. Das zuständige Policy-Team konzentriere sich auf die USA und Europa. Für Länder abseits des Kerngeschäfts fehle es an Ressourcen und auch am Willen, Missbrauch zu verhindern.

Warum das wichtig ist

In den vergangenen Monaten haben sich immer wieder aktuelle und ehemalige Facebook-Mitarbeiterïnnen an Medien gewandt und teils brisante interne Informationen durchgestochen (#659). Der aktuelle Leak zählt zu den größten und substanziellsten. Er erhärtet den Verdacht, dass Facebook in erster Linie auf öffentlichen Druck hin reagiert. Der gesellschaftliche Schaden, den die Plattform in Schwellen- und Entwicklungsländern anrichtet, scheint in Menlo Park keine allzu große Priorität zu genießen.

Woher die Anschuldigungen stammen

Die Vorwürfe gehen auf Sophie Zhang zurück, die drei Jahre als Data Scientist bei Facebook arbeitete. Sie wurde kürzlich gekündigt und teilte an ihrem letzten Arbeitstag im September ein langes Posting in Facebooks internen Kommunikationsforen. Angeblich lehnte sie eine Abfindung in Höhe von 64.000 Dollar ab, um kein NDA unterschreiben zu müssen und ihr Memo zumindest konzernintern veröffentlichen zu können.

Das Posting landete bei drei BuzzFeed-Reportern und später auch bei der New York Times. Während die Zusammenfassung der NYT recht knapp ausfällt (womöglich, weil BuzzFeed den Scoop zuerst exklusiv hatte), zitiert BuzzFeed großzügig aus dem 6600-Wörter-Memo.

BuzzFeed selbst räumt dem Leak offenbar große Bedeutung ein und fasst die Geschichte so zusammen:

The memo is a damning account of Facebook’s failures. It’s the story of Facebook abdicating responsibility for malign activities on its platform that could affect the political fate of nations outside the United States or Western Europe. It's also the story of a junior employee wielding extraordinary moderation powers that affected millions of people without any real institutional support, and the personal torment that followed.

Was Zhang Facebook vorwirft

Wir können nicht jedes Details aus dem BuzzFeed-Bericht wiedergeben. Wer sich für das Thema interessiert, sollte die Recherche selbst lesen. Das sind die aus unserer Sicht zentralen Vorwürfe:

  • Facebook soll in mehreren Fällen großflächige, politisch motivierte Manipulationsversuche ignoriert haben, obwohl Zhang intern wiederholt darauf aufmerksam gemacht habe.
  • Als Beispiele nennt Zhang unter anderem Honduras, Aserbeidschan, Bolivien, Ecuador, Indien und die Ukraine. In Honduras habe Facebook etwa neun Monate gebraucht, um ein Netzwerk aus Tausenden Bots und Fake-Accounts zu entfernen, die Stimmung für Präsident Juan Orlando Hernandez gemacht hätten.
  • Zhang zufolge habe Facebook in erster Linie die USA und Europa im Blick. Was abseits dieser Kernmärkte geschehe, kümmere kaum jemanden.
  • Sie habe allein entscheiden müssen, wie mit Präsidentïnnen und prominenten Politikerïnnen umgegangen werden soll, ohne dass ein weiterer Facebook-Angestellter die Maßnahmen geprüft habe.
  • Das Integrity-Team sei unterbesetzt und habe viel zu wenig Ressourcen, um sich um alle Probleme zu kümmern, die eine Plattform von Facebooks Größe fast zwangsläufig mit sich bringt.
  • Die Abteilung priorisiere großangelegte Spam-Attacken und übersehe oft, dass auch kleinere Manipulationskampagnen großen gesellschaftlichen Schaden anrichteten.
  • Zhang hat den Eindruck, ihre Wortmeldungen wurden intern ignoriert, wenn sie die dafür vorgesehen Reporting-Kanäle nutzte. Um Druck aufzubauen, musste sie die Probleme angeblich auf Workplace posten, Facebooks internem Board, auf das alle Angestellten zugreifen können.
  • Ihre Meinungen seien nicht respektiert worden, solange sie sich nicht "wie ein arrogantes Arschloch" aufgeführt habe, schreibt Zhang.
  • Facebook reagiere in erster Linie auf öffentlichen Druck und negative Schlagzeilen in großen US-Medien wie der New York Times oder der Washington Post. Der Konzern sei vor allem um sein Image besorgt. Oft werde nicht proaktiv, sonder reaktiv gehandelt – und zwar erst dann, wenn Journalistïnnen auf ein Problem aufmerksam machten.
  • Wichtig ist aber auch, dass sie Facebook ausdrücklich keinen bösen Willen oder bewusste Ignoranz unterstellt. Eine Mischung aus ihrer Meinung nach falschen Prioritäten und mangelnden Ressourcen habe dazu geführt, dass viele Missstände zu lange ungelöst geblieben seien.
  • Auf Außenstehende wirke Facebook mächtig und kompetent. Tatsächlich seien viele Maßnahmen "schludrig und planlos". Unerfahrene Angestellte hätten zu viel Entscheidungsgewalt und Verantwortung, insbesondere wenn sie für den globalen Süden zuständig seien.

Was Facebook dazu sagt

Wir haben Facebook unter anderem gefragt, ob es die Vorwürfe von Zhang dementiert oder kommentiert. Eine Sprecherin schickte uns das Statemen, das auch BuzzFeed zitiert:

We’ve built specialized teams, working with leading experts, to stop bad actors from abusing our systems, resulting in the removal of more than 100 networks for coordinated inauthentic behavior. It’s highly involved work that these teams do as their full-time remit. Working against coordinated inauthentic behavior is our priority, but we’re also addressing the problems of spam and fake engagement. We investigate each issue carefully, including those that Ms. Zhang raises, before we take action or go out and make claims publicly as a company.

Einerseits ist es verständlich, dass Facebook nichts zu den konkreten Vorwürfen sagen will, bevor sie die Angelegenheit geprüft haben. Andererseits sind wir uns sicher, dass Facebook die teils recht spezifischen Anschuldigungen dementiert hätte, wenn Zhangs Darstellung gar keine Faktengrundlage hätte.

Intern sagt Facebook, es sei nicht Zhangs primäre Aufgabe gewesen, sich um Manipulationsversuche, Bots und Fake-Accounts zu kümmern. Ryan Mac, einer der drei BuzzFeed-Reporter, zeigt den Screenshot einer Nachricht an Angestellte (Twitter), in der ein Mitarbeiter des Kommunikationsteams unterschwellig Zweifel an Zhangs Kompetenz und Urteilskraft schürt: "(…) what she believed to be coordinated inauthentic behavior".

In der Vergangenheit veröffentlichte Facebook in solchen Fällen oft Richtigstellungen, etwa wenn es Recherchen von Medien wie der NYT oder des WSJ für falsch hielt. Dass dieser Widerspruch bislang ausgeblieben ist, mag daran liegen, dass es in diesem Fall um eine ehemalige Mitarbeiterin geht. Vielleicht treffen Zhangs Vorwürfe aber auch einfach zu, sodass es zumindest inhaltlich nichts Substanzielles zu dementieren gibt.

Was wir (nicht) wissen

Zhang will ihr Memo selbst nicht weiter kommentieren – verständlich, schließlich hatte sie das Posting nur intern veröffentlicht und wohl nicht mit der öffentlichen Aufmerksamkeit gerechnet. Wir können zwar nicht mit letzter Sicherheit sagen, wer das Memo an die Presse weitergegeben hat. Unseren Informationen nach war sie es aber nicht selbst.

Wir haben mit vier Personen gesprochen, von denen zwei früher und zwei nach wie vor bei Facebook arbeiten. Eine davon kennt Zhang persönlich und hatte beruflich zumindest Schnittmengen. Allerdings hat niemand eng genug mit ihr zusammengearbeitet, um ihre Vorwürfe im Detail zu beurteilen.

Grundsätzlich halten aber alle vier Personen die Darstellung für durchaus glaubwürdig. Sie teilen Zhangs Eindruck, dass Facebooks Hauptaugenmerkt auf den USA und Europa liegt. Das deckt sich mit früheren Erfahrungen. Facebook hat sich etwa für die Rolle entschuldigt, die die Plattform bei Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha spielte.

In Ausgabe #638 schrieben wir dazu:

Das US-Unternehmen Facebook hat lange zu wenig darauf geachtet, wie Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern seine Dienste nutzen. Diese blinden Flecken haben dazu geführt, dass Extremistïnnen offen zu Gewalt aufrufen konnten.

Dieser Eindruck scheint sich zu bestätigen. Auch unsere Informantïnnen betonen aber, dass es nicht um bewusstes Wegschauen gehe. Im Integrity-Team arbeiten demnach mehrere hundert Menschen, die

nach bestem Wissen und Gewissen versuchten, den Missbrauch der Plattform zu verhindern. Dass dies nicht immer gelinge, sei eine Frage von Kapazitäten und Prioritäten.

Be smart

Bis 2014 lautete Facebooks Unternehmensmotto: "Move fast and break things". Manchmal wirkt es so, als handle Facebook immer noch so. Wachstum genießt höchste Priorität, um die Risiken und Nebenwirkungen kümmern sich nur wenige Angestellte.

In jedem Land, das wirtschaftlich auch nur ansatzweise interessant ist, gibt es eine Abteilung für Sales und Marketing. Die Integrity-Teams sind schmückendes Beiwerk, insbesondere wenn es um Länder geht, die geografisch und kulturell weit von Kalifornien entfernt sind.

Natürlich ist die US-Wahl wichtig, und es ist nachvollziehbar, dass Facebook seine Ressourcen derzeit darauf konzentriert. In diesem Zuge scheinen aber andere Regionen aus dem Blickfeld zu geraten, was Missbrauch und Manipulationsversuche begünstigt.

Für eine globale Plattform, die allein im vergangenen Quartal mehr als fünf Milliarden Dollar verdient hat (Facebook Investor Relations), ist das ein Armutszeugnis. Das Portal "Rest of World" (gegründet von Sophie Schmidt, der Tochter des Ex-Google-Chefs Eric Schmidt) sammelt Tech-Geschichten aus den Teilen der Welt, die normalerweise "übersehen und unterschätzt" werden. Facebook könnte etwas davon lernen.


Tech goes Klimaschutz: mehr als nur PR?

Was ist

Facebook und Google wollen ihren CO2-Fußabdruck auf null reduzieren:

  • Facebook arbeitet bereits in diesem Jahr CO2-neutral und zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien. Bis 2030 soll das für die gesamte Wertschöpfungskette inklusive Zulieferern und Dienstreisen gelten. (Ankündigung)
  • Google verfolgt ähnliche Ziele und ist sukzessive dabei, den CO2-Ausstoß aus den Anfangsjahren zu kompensieren. Demnach hat das Unternehmen nun rückwirkenden alle klimaschädlichen Emissionen seit seit Gründung 1998 ausgeglichen. (Ankündigung)
  • Zuvor hatten sich Anfang des Jahres bereits Microsoft und im Juli Apple zur Klimaneutralität bis 2030 verpflichtet.

Warum das wichtig ist

Wer zwei Juristïnnen fragt, bekommt oft drei Meinungen zu hören. Wer 100 Klimaforscherïnnen fragt, bekommt eine Meinung zu hören: Klimakrise und globale Erhitzung sind real – und eine der existenziellsten Bedrohungen für unseren Planeten und damit auch für die Menschheit. Im Vergleich zu Branchen wie den Automobilherstellern oder der Ölindustrie dürfte das Silicon Valley keinen allzu großen Beitrag dazu leisten – doch je mehr große Unternehmen die Klimakrise ernst nehmen und Gegenmaßnahmen einleiten, desto besser.

Was davon zu halten ist

Die Ankündigungen klingen spektakulär, man muss aber genau hinsehen. Wenn Google etwa sagt, dass es sämtliche CO2-Emissionen seiner Unternehmensgeschichte kompensiert habe, schwingt auch viel PR mit, schreibt etwa der Umweltjournalist Roger Harrabin (BBC):

But the claim to have "offset" all of Google's historical carbon "debt" needs scrutiny. The company tells me its offsets so far have focused mainly on capturing natural gas where it's escaping from pig farms and landfill sites. But arguably governments should be ensuring this happens anyway.

Google says it's also monitoring the debate about so-called Nature Based Solutions, which involve activities such as planting trees to capture CO2. But the science on this is still contested. And any firm wanting to lock up its emissions in trees would need to make sure they're never dug up, or burned down.

Noch umstrittener ist die Selbstverpflichtung von Facebook. Das liegt nicht an den selbst gesteckten Zielen. Vielmehr konterkarieren Facebooks Taten teils die hehren Worte:

  • In Tierra Del Mar im US-Bundestaat Oregon wollte Facebook Unterseekabel verlegen und nahm dabei offenbar wenig Rücksicht auf die Natur (Input). Nachdem das Projekt abgebrochen wurde, blieben mehr als drei Kilometer Rohre und Zehntausende Liter Bohrflüssigkeit unter dem Meeresboden zurück (Oregonian).
  • Auch das Klima-Informationszentrum, das Facebook nun ähnlich wie das Covid-19-Informationszentrum eingerichtet hat, stößt auf Kritik. Der Ansatz, Fehlinformationen mit mehr richtigen Informationen zu begegnen, sei erwiesenermaßen falsch und ineffektiv, schreibt etwa Kate Cox (Arstechnica). Facebook müsse Lügen und Falschbehauptungen konsequent löschen, ohne rechtskonservative Seiten und Medien zu schonen, die solch virale Klima-Desinformation in die Welt setzten (Popular Information).
  • Noch drastischer watscht Brian Kahn das Klima-Informationszentrum ab (Gizmodo). Er zitiert Klimaforscherïnnen und Aktivistïnnen, die Facebooks Handlungsempfehlungen für unzureichend halten.

Be smart

Ein Teil der Kritik ist sicher berechtigt. Insbesondere Facebooks Umgang mit Klimalügen auf der eigenen Plattform war lange Zeit eher Teil des Problems als Teil der Lösung.

Das Informationszentrum mag manchen nicht weit genug gehen, ist unserer Ansicht nach aber zumindest ein (kleiner) Schritt in die richtige Richtung. Niederschwellige Handlungsempfehlungen sind oft besser als dystopische Warnungen und radikale Aufforderungen zur Verhaltensänderung, die viele Menschen ab- und verschrecken.

Wenn mit Microsoft, Apple, Google und Facebook vier der fünf Big-Tech-Konzerne (looking at you, Amazon) bis 2030 komplett klimaneutral werden wollen, ist das auf jeden Fall ein wichtiges Signal. Glaubt man Lisa Jackson (The Pioneer), die bei Apple für Umweltthemen zuständig ist, handelt es sich auch nicht um eine PR-Maßnahme, sondern liege um Interesse der Unternehmen:

Im Kern ist Klimaneutralität ein Investment in unsere Zukunft, das auch finanzielle Gewinne ergibt. Niemand bittet hier um Spenden.


Social Media & Journalismus

  • Die New York Times & Facebook sind eine mehrjährige Partnerschaft (Axios) eingegangen, um gemeinsam Augmented-Reality-Filter und -Effekte für Instagram zu entwickeln. Das Ziel: Journalismus via Instagram erlebbar machen. Ein erstes Beispiel: Nutzerïnnen können über einen von der New York Times entwickelten Filter erfahren, wie stark die Luftverschmutzung in einigen Städten während des Corona-Lockdowns zurückgegangen ist. Spannend!


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Facebook Business Suite: Facebook hat eine neue App vorgestellt, die es kleinen Unternehmen erleichtern soll, ihre Pages & Accounts, die sie bei Facebook, Instagram und Messenger haben, von einem einzigen Ort aus zu verwalten: Facebook Business Suite ermöglicht es, Posts sowohl für Facebook als auch für Instagram zu entwerfen, Statistiken anzuzeigen und Ads zu erstellen.

Twitter

  • Audio-Direktnachrichten: Es sieht ganz danach aus, als könnte Twitter bald Audio-Direktnachrichten einführen (Twitter / Matt Navarra). In Brasilien wird die Funktion aktuell getestet. Nun ja.

One more thing

Auf der Suche nach der nächsten Plattform: Facebook hat diese Woche eine Reihe neuer Produkte und Anwendungen vorgestellt, die Facebooks Ambitionen in Sachen AR und VR untermauern sollen. Wir hatten leider noch keine Zeit, uns ausführlicher mit Project Aria und Co zu beschäftigen. Das tun wir aber gern nächste Woche. In der Zwischenzeit erfreuen wir uns noch einmal an dieser Ikone.


Header-Foto von Jana Shnipelson bei Unsplash


15.9.2020 | TikTok-Deal, Instagram: Patent auf Links gegen Geld, Messenger: Watch-Party mit bis zu 50 Personen

TikTok-Deal: Microsoft ist raus, viele Fragen bleiben offen

Was ist

Kurz vor Ablauf der Frist, die Donald Trump gesetzt hatte, steht fest: Microsoft wird das US-Geschäft von TikTok nicht übernehmen. Stattdessen will ByteDance mit Oracle zusammenarbeiten, um ein Verbot zu verhindern. Darüber hinaus bleibt die Zukunft von TikTok aber völlig offen. Wir versuchen, die wichtigsten Fragen zu beantworten.

Warum ist Microsoft ausgestiegen?

Am Sonntagabend veröffentlichte Microsoft vier passiv-aggressive Sätze:

ByteDance let us know today they would not be selling TikTok’s US operations to Microsoft. We are confident our proposal would have been good for TikTok’s users, while protecting national security interests. To do this, we would have made significant changes to ensure the service met the highest standards for security, privacy, online safety, and combatting disinformation, and we made these principles clear in our August statement. We look forward to seeing how the service evolves in these important areas.

Der einzige Rückschluss, den diesen Statement zulässt: Microsoft ist ein bisschen beleidigt und angefressen. "Told you so", könnte man sagen. Spätestens, nachdem Donald Trump "Key Money", a.k.a. Schmiergeld, ins Spiel brachte (#658), hätte Microsoft ahnen können, dass es bei diesem erzwungenen Deal nicht um Sicherheit, Datenschutz oder die Interessen der Nutzerinnen geht.

Entscheidend sind ausschließlich politische Motive. Da ist es nur konsequent, dass mit Oracle nun voraussichtlich dessen Gründer Larry Ellison ein Trump-Buddy und Multi-Milliardär den Zuschlag erhält.

Microsoft verkündete seine Entscheidung wenige Stunden, nachdem ByteDance endgültig klarstellte, dass der Algorithmus nicht zum Verkauf steht (SCMP). Wir wollen keinen kausalen Zusammenhang unterstellen, das wissen wir nicht. Klar ist aber, dass TikTok ohne Algorithmus deutlich weniger reizvoll für potenzielle Käufer oder Partner ist.

Warum ist der Algorithmus so wertvoll?

Der Algorithmus ist das Herzstück von TikTok und offenbar auch ein zentraler Teil der Verhandlungen. Er gilt als einer der wichtigsten Gründe für den rasanten Aufstieg von TikTok. Im Gegensatz zu Facebook basieren die vorgeschlagenen Inhalte nicht auf dem Social Graph. Man muss niemandem folgen und erhält trotzdem personalisierte Empfehlungen.

Der Informatiker Marc Faddoul drückt es so aus (SZ):

Auf Facebook sind Sie durch Ihr privates Netzwerk begrenzt. Tiktok nutzt ein anderes Paradigma. Was Sie tun, kann die ganze Öffentlichkeit erreichen. Auch wenn Sie nur 20 Fans haben, können Ihre Beiträge Tausende Male weiterverbreitet werden, weil der Algorithmus sich nicht für Ihr Netzwerk interessiert.

Wer tiefer einsteigen will, sollte diesen Essay von Eugene Wei lesen. Kein anderer Text erklärt so verständlich, was den Algorithmus so einzigartig macht und wie maschinelles Lernen geholfen hat, den tiefen kulturellen Graben, der zwischen China und den USA klafft, zu überwinden:

TikTok didn't just break out in America. It became unbelievably popular in India and in the Middle East, more countries whose cultures and language were foreign to the Chinese Bytedance product teams. Imagine an algorithm so clever it enables its builders to treat another market and culture as a complete black box. What do people in that country like? No, even better, what does each individual person in each of those foreign countries like? You don't have to figure it out. The algorithm will handle that. The algorithm knows.

Spätestens seit Ende August zeichnete sich aber ab, dass dieser Algorithmus kein Bestandteil einer möglichen Übernahme sein würde. Damals legte das chinesische Handelsministerium fest, dass Programmcode aus China nur dann an ausländische Unternehmen verkauft werden darf, wenn die Behörden zustimmen. Kurz darauf teilte ByteDance mit, man werde sich an diese Vorgabe halten – womit eigentlich klar sein musste, dass ein Algorithmus-Ausverkauf vom Tisch ist.

Was ist über den Algorithmus bekannt?

Vergangene Woche gewährte TikTok einer Gruppe US-Reporterïnnen einen kleinen Einblick in seine Secret Sauce und führte sie virtuell durch das neue Transparency-Center in Los Angeles. Dazu zählten etwa Sara Fischer (Axios) und Casey Newton (The Verge).

Zusammengefasst lässt sich sagen: Allzu viele Geheimnisse hat TikTok nicht verraten, das digitale Pendant zum Coca-Cola-Rezept bleibt nach wie vor unter Verschluss.

Was TikTok erzählte:

  • Wer die App das erste Mal öffnet, sieht acht Videos, die unterschiedliche Trends, Musikgenres und Themen enthalten.
  • Jeder Clip ist bis aufs kleinste Detail durchanalysiert. Der Algorithmus scannt Länge, Hashtags, Bildunterschriften und alle anderen Merkmale, die sich maschinell erfassen lassen.
  • Je nachdem, mit welchem Video man wie lange und in welcher Form interagiert, sortiert der Algorithmus Nutzerïnnen in Cluster ein, die ähnliche Interessen und Vorlieben haben.
  • Mit Hilfe von maschinellem Lernen wird der Grad der Überschneidung zu bestimmten Clustern bestimmt. Darauf basieren die weiteren Empfehlungen, die ständig optimiert und an das Verhalten angepasst werden.
  • TikTok streut immer wieder gezielt Inhalte ein, die nicht perfekt auf das Profil passen. Nutzerïnnen sollen sich schließlich nicht langweilen. Angeblich wolle man damit auch Filterblasen platzen lassen und Echokammern verhindern.

TikTok preist dieses Minimum an Information schon als Transparenz. Ende Juli versprach (TikTok-Newsroom) der damalige Chef Kevin Mayer, man werde seinen Algorithmus offenlegen. Wenn es TikTok damit ernst meint, müssen auf den ersten Einblick noch viele weitere Schritte folgen.

Fairerweise müssen wir aber auch sagen, dass TikTok damit schon mehr getan hat als Facebook oder YouTube. Deren Erklärungen (Facebook, Instagram und insbesondere YouTube) sind mindestens genauso dürftig – und obwohl Facebook seit Jahren verspricht, Forscherïnnen weitgehenderen Zugriff auf Daten zu geben, bleibt die Plattform eine Blackbox.

Wie passt Oracle zu TikTok?

Oracle verdient sein Geld, indem es anderen Unternehmen Datenbanken zu Verfügung stellt (BBC) und große Datenmengen verarbeitet. Das Cloud-Zeitalter hat der Konzern verschlafen, dort dominieren Amazon (AWS) und Microsoft (Azure). Immerhin schloss Oracle kürzlich einen Vertrag mit Zoom, dem es sichere Server zu Verfügung stellt. Privatnutzerïnnen kommen mit Oracle kaum in Kontakt, geschweige denn Teenagerïnnen.

Gründer und Chef Ellison pflegt gute Beziehungen ins Weiße Haus. Sein erster Kunde war die CIA, es folgten Navy, Air Force und NSA. Oracle ist also noch ein gutes Stück weiter von der TikTok-Zielgruppe entfernt, als Microsoft es gewesen wäre. Es ist gut vorstellbar, dass Oracle TikTok in kürzester Zeit ruiniert hätte, wäre es zu einem vollständigen Verkauf gekommen.

Eine Partnerschaft, wie auch immer sie am Ende ausgestaltet wird, könnte da besser passen, sagt Dong Jielin, der am China Institute for Science and Technology Policy an der Tsinghua Universität in Peking forscht:

It makes more sense for Oracle to be a tech partner rather than completely buying TikTok in the US, otherwise Oracle’s culture will encumber TikTok’s development. As an enterprise software developer, Oracle’s slow pace doesn’t match the fast pace required by the consumer market.

Wie könnte ein Deal aussehen?

Stand Montagabend scheint nur klar zu sein, dass das US-Geschäft von TikTok nicht zur Gänze verkauft wird. Dagegen hat China ein hartes Veto eingelegt, auch ByteDance hat daran kein Interesse. Treffend beschreibt es die Financial Times:

If you were trying to explain this deal to a teenage TikTok fan you might say: imagine the Hype House of influencers tried to convince TikTok star Charli D’Amelio to join, but only succeeded in getting her to redirect her mail. The arrangement looks like a fudge.

Nun müssen sich Oracle und ByteDance einig werden, was sie genau unter einer "Technologie-Partnerschaft" verstehen:

  • Bezahlt TikTok, weil es seine Daten in der Cloud von Oracle speichern darf und Ellison hilft, Trump zu beruhigen? (Interessanter Randaspekt: Erst im Juli kaufte sich TikTok für 800 Million Dollar (The Information) Speicherplatz in der Google-Cloud – was geschieht damit?)
  • Oder fließt Geld aus den USA nach China, weil Oracle und andere Investoren wie General Atlantic und Sequoia Capital ihre Anteile an TikTok aufstocken?

Und selbst wenn das geklärt ist, bleiben zwei entscheidende Fragen offen:

  • Was sagt Trump? Eine Partnerschaft ist etwas anderes als der Verkauf, den der US-Präsident ursprünglich gefordert hatte. Reicht es, dass sein Kumpel Ellison profitiert und vielleicht noch die eine oder andere Milliarde "Key Money" ans Finanzministerium fließt?
  • Stimmt China zu? Die bisherigen Äußerungen aus Peking lassen auf einen harten Kurs schließen, der US-Einfluss auf TikTok weitgehend ausschließt. War das nur Verhandlungstaktik?

Wie lange bleibt noch Zeit?

Seit Wochen kursieren drei unterschiedlichen Datumsangaben: der 15. September, der 20. September und der 12. November.

  • Warum Trump immer wieder den 15.9. in Spiel bringt, weiß nur er selbst. Die beiden Executive Orders (EO) enthalten jedenfalls keinen Hinweis auf dieses Datum.
  • Die erste EO vom 6. August setzte eine Frist von 45 Tagen, innerhalb derer TikTok verkauft werden muss. Andernfalls würden am 20.9. alle Geschäftsbeziehungen zu ByteDance verboten.
  • Die zweite EO verlängerte die Frist auf 90 Tage. Allerdings muss der Deal nach wie vor bis zum 20.9. verkündet werden – nur bleibt bis zum 12.11. Zeit, um alle Details abschließend zu klären.

Das passen auch die Aussagen von US-Finanzminister Steven Mnuchin. Bei CNBC nannte er als Stichtag den kommenden Sonntag. Außerdem bestätigte er (Axios), dass Oracle einen Vorschlag vorgelegt hat, den das Weiße Haus nun prüfe. Demnach will Oracle unter anderem TikToks Firmensitz in die USA verlagern und dort 20000 Jobs schaffen.

Wird TikTok jetzt wirklich sicherer?

Worum ging es bei der ganzen Sache nochmal? Ach ja, Datenschutz und Sicherheit. Hätte man fast vergessen können. Facebooks früherer Sicherheitschef Alex Stamos sieht (Twitter) den sich abzeichnenden Deal jedenfalls als Indiz, dass die angeblichen Sicherheitsinteressen nur vorgeschoben waren:

A deal where Oracle takes over hosting without source code and significant operational changes would not address any of the legitimate concerns about TikTok, and the White House accepting such a deal would demonstrate that this exercise was pure grift.

Zwar soll der Oracle-Plan auch Vorschläge enthalten, wie Daten vor chinesischem Zugriff geschützt werden können. Doch solange der Code aus fremder Hand stammt, können Backdoors nicht ausgeschlossen werden – siehe etwa den Streit um die Netzwerktechnik von Huawei.

Hinzu kommt, dass sich mit einem Käufer Oracle ganz neue Datenschutz- und Sicherheitsbedenken auftun. Ausgerechnet Michael Beckerman, mittlerweile für TikToks Public Policy in den USA zuständig, schrieb 2019 in seiner damaligen Funktion als Vorsitzender der Internet Association in einem Gastkommentar (Fox News):

While individuals expect a social media company to know about the information on their profiles, they likely have no idea that Experian, Oracle, or many other massive data brokers have their address, phone number, and a dossier of their probable medical ailments.

Be smart

Es gab noch eine dritte EO (White House), die sich gegen WeChat richtete (SZ). Für Tencent gelten dieselben Fristen wie für ByteDance – Verkaufen oder Verbieten. Die Verordnung kam damals überraschend und wird seitdem kaum noch erwähnt. Doch wenn es Trump ernst meint und kein überraschender Käufer (oder "Technologie-Partner") auftaucht, müsste er die App am Sonntag aus den USA verbannen.

Und was auch immer mit TikTok geschieht: Die Konkurrenz hat sich bereits in Stellung gebracht. Facebook mit dem eher stümperhaften Klon Reels (NYT) und nun auch YouTube: Die Kurzvideo-App Shorts startet gerade in Indien (YouTube-Blog) und soll bald in weiteren Märkten verfügbar sein.


Neues von den Plattformen

Messenger

Instagram

  • Patent auf „Links nur gegen Geld“: Bei Instagram können ja in der Caption bislang keine echten Links gesetzt werden. Ihr kennt das. Facebook hat sich jetzt eine Technologie patentieren lassen, mit der Nutzerïnnen sehr wohl Links posten können – gegen Geld. Instagram erklärt dazu: "We have no plans of introducing this functionality on Instagram." Das wollen wir auch hoffen. Ansonsten wäre es einfach nur Mittelfinger an die Ursprungsidee des World Wide Web.

Header-Foto von Walid Hamadeh bei Unsplash


11.9.2020 | US-Wahl 2020: Schaut nicht nur auf Facebook, Das Dilemma mit den sozialen Medien, Instagram gründet ein „Equity-Team“

US-Wahl 2020: Schaut nicht nur auf Facebook

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Was ist

In knapp zwei Monaten wird in den USA gewählt. Ein wichtiger Teil des Wahlkampfs findet online statt: Sowohl Donald Trump als auch Joe Biden pumpen Hunderte Millionen Dollar in digitale Werbung. Der Fokus liegt bislang vor allem auf Facebook – in den meisten großen Medien, aber auch in diesem Briefing.

Doch es gibt mindestens ein halbes Dutzend Plattformen und Apps, die in bestimmten Altersgruppen relevanter sind und gerade bei Erstwählerïnnen eine deutlich größere Rolle spielen dürften als Facebook. Wir empfehlen in dieser Ausgabe zwei aktuelle Artikel, die ein Schlaglicht auf YouTube und das Videospiel Animal Crossing werfen.

Trump hängt Biden auf YouTube ab

  • YouTube könnte sich als Trumps "Geheimwaffe" erweisen, analysiert Alex Thompson (Politico).
  • Vor vier Jahren setzte Trump auf personalisierte Facebook-Werbung, jetzt wettet er auf YouTube.
  • Die Trump-Kampagne reduziert das Budget für klassische TV-Werbung (ABC) und investiert groß in YouTube-Anzeigen.
  • Mit 65 Millionen Dollar steckte Trump rund doppelt so viel Geld in Google-Werbung wie Biden, mit dem Großteil des Geldes kaufte sein Team YouTube-Anzeigen. Im gesamten Wahlkampf 2016 gab Trump lediglich 10 Millionen Dollar für YouTube-Werbung aus.
  • Außerdem produziert die Kampagne massiv eigenen Content: knapp 900 Videos allein im August, rund neunmal so viele wie Biden.
  • "The name of the game with algorithms is to flood the zones", sagt Eric Wilson, ein Digitalstratege der Republikaner. "The Trump campaign is putting on a master class in advertising according to algorithms — it just rewards the side that will produce more content."
  • Für die 18-29-jährigen US-Amerikanerïnnen ist YouTube die wichtigste Plattform, 91 Prozent der jungen Erwachsenen (Pew) schauen dort Videos an oder laden selbst Inhalte hoch.
  • 2016 hatte Trump auf Facebook noch einen Vorteil, weil sein Kampagnenchef Brad Parscale das Ad-Game meisterhaft spielte und Hillary Clinton dort weniger präsent war.
  • Mittlerweile haben die Demokraten dort aufgeholt, zudem hat Facebook auf den öffentlichen Druck reagiert und den wilden Werbewesten zumindest ein bisschen gezähmt.
  • Auf YouTube scheinen die Republikaner auf eine andere Strategie zu setzen als die Demokraten: Während Biden seine Reden am Stück hochlädt, wird fast jeder von Trumps öffentlichen Auftritten in mundgerechte Häppchen zerlegt – aus seiner Nominierungsrede wurden 28 einzelne Clips.
  • Interessant ist auch das Timing: In den vier Tagen, in denen die Demokraten Biden auf ihrem Nominierungsparteitag offiziell zum Kandidaten kürten, steckte Trump Millionen in YouTube-Werbung und dominierte damit die Startseite der Plattform.
  • Bereits im Februar schrieb ich, dass sich Trump "den wohl wichtigsten digitalen Werbeplatz der Welt" (SZ) gesichert habe: Mehr als acht Monate vor dem Wahltermin kaufte die Trump-Kampagne offenbar die sogenannte Masthead-Werbefläche auf der YouTube-Homepage für die Tage vor der Stimmabgabe.
  • Die Demokraten, die Politico zitiert, geben sich trotzdem recht entspannt. Die meisten Strategïnnen, die für Biden arbeiten, halten Trumps massives Investment in YouTube für Aktionismus.
  • Biden und Kamala Harris verteilen ihre Aktivitäten auf mehrere Plattformen und bespielen Instagram intensiv und subversiv: Harris hatte etwa einen Cameo-Auftritt in einem Battle zweier R&B-Stars (CNN), Biden Kampagne übernahm den Account @VoteJoe (The Verge), den ein 15-Jähriger aufgebaut und groß gemacht hatte.

Biden kapert das Videospiel Animal Crossing

  • Eike Kühl beschreibt, wie Biden die Aufbausimulation Animal Crossing für seinen Wahlkampf nutzt (Zeit Online).
  • Das Spiel ist die Definition von harmlos: Es gibt keine Bedrohungen, keinen Zeitdruck, keine Gegner – und eigentlich auch keine Politik.
  • Das will die Biden-Kampagne ändern: Spielerïnnen können virtuelle Wahlkampfschilder auf ihren Inseln aufstellen und sich zum "Team Joe" bekennen.
  • Sein Kontrahent macht sich darüber lustig: Trump trete "in der echten Welt, vor echten Amerikanern" auf, betonen seine Unterstützer.
  • Der Spott könnte sich als überheblich herausstellen: Games sind für viele Menschen mehr als virtueller Eskapismus, sondern ein wichtiger Teil ihres Alltags. Sie treffen ihre Freunde und diskutieren in In-Game-Chats alle möglichen Themen – auch politische.
  • Auch Alexandria Ocasio-Cortez setzte Animal Crossing bereits für politische Zwecke ein, ebenso Aktivistïnnen in Hong Kong (Reuters) und die Black-Lives-Matter-Bewegung (Guardian).
  • "Ein Wahlkampfschild für den virtuellen Vorgarten anzubieten ist nichts anderes, als 'Vote-for-Joe"-Aufkleber per Post zu verschicken', bilanziert Eike. "Politik findet dort statt, wo die Menschen sind. Und das ist eben nicht mehr nur die Straße oder der Küchentisch. Sondern auch auf der Trauminsel auf der Spielkonsole."

Und was ist mit Facebook?

Es gibt gute Gründe, warum Facebook derart im Fokus steht:

  • Facebook ist immer noch die größte und bekannteste Plattform und bietet den beiden Kandidaten und Parteien die wohl umfangreichsten Möglichkeiten, personalisierte Anzeigen zu schalten.
  • Die Aufmerksamkeit erklärt sich auch aus der Vergangenheit: 2016 stand Facebook zurecht in der Kritik, weil russische Desinformationskampagnen Millionen Nutzerïnnen erreichten und Mark Zuckerberg die Idee, dass bewusst gestreute Falschnachrichten die Wahl beeinflusst haben könnten, als "crazy" abtat – eine Aussage, die ihm wohl noch viele Jahre lang unter die Nase gerieben werden wird.
  • Zudem haben sich andere Unternehmen wie Twitter, TikTok, LinkedIn und Spotify entschieden, politische Werbung komplett zu verbannen.

Mark Zuckerberg kontrolliert nicht nur Facebook, sondern auch Instagram und WhatsApp. Er ist der wohl mächtigste, nicht gewählte Mensch der Welt. Selbst wenn man der Meinung ist, dass Zuckerberg diesen Einfluss gewissenhaft und für die richtigen Zwecke einsetzt, kann man seine Machtfülle kritisch sehen.

"Facebook had grown too big, and its users too complacent, for democracy", schrieb Max Read bereits 2017 (NY Magazine). "Facebook is too big for democracy", wiederholt nun Charlie Warzel (NYT).

Wir gehen da nur eingeschränkt mit. Die schiere Größe mag ein Problem sein, aber sie ist mit Sicherheit nicht das einzige und nicht das wichtigste. Klar ist aber: Wenn die US-Wahl 2020 nicht ähnlich enden soll wie vor vier Jahren (und damit meinen wir nicht das Ergebnis, sondern den Prozess, also Manipulationsversuche, Desinformationskampagnen und Falschbehauptungen, die Millionen Menschen erreichen), muss Facebook eine noch aktivere Rolle einnehmen. Einen Teil dieser Vorschläge und Forderungen von Faktenprüferïnnen (Poynter) umzusetzen, wäre ein guter Anfang.

Be smart

Selbst die vehementesten Verteidigerïnnen von Facebook müssen zugeben, dass die Plattform eine Menge Risiken und Nebenwirkungen mit sich gebracht hat – für die zum Teil auch Facebook selbst verantwortlich ist.

Zuckerberg scheint das anders zu sehen. Auf die Frage, was er anders machen würde, könnte er Facebook nochmal neu gründen, sagt er in einem Interview mit HBO (Axios):

"I just wish that I'd spent more time earlier on communicating about what our principles are and what we stand for — you know, things like free expression and voice and that we're going to defend those."

Uns fallen da noch so ein paar weitere Dinge ein, die Facebook 2.0 tun könnte, um seiner Verantwortung von Anfang an gerecht zu werden. Also so ein paar Dutzend.


Social Media & Politik

Fairness, Gleichheit, Instagram

  • Instagram gründet ein "Equity-Team" (Facebook-Newsroom), das möglichen Bias in der Produktentwicklung erkennen und sicherstellen soll, dass Minderheiten nicht benachteiligt werden.
  • "More than ever, people are turning to the platform to raise awareness for the racial, civic and social causes they care about", schreibt Instagram-Chef Adam Mosseri. "We have a responsibility to look at what we build and how we build".
  • Unter anderem soll die neue Abteilung mit dem Team für Responsible AI zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Algorithmen bestimmte Nutzergruppen diskriminieren.
  • Außerdem sucht Instagram einen Director of Diversity and Inclusion (Facebook), der sich für mehr Diversität bei Instagrams Angestellten einsetzen soll.
  • Legt man Facebooks Diversity-Report zugrunde, ist das überfällig: Konzernweit sind weniger als vier Prozent der Beschäftigten schwarz, bei den Entwicklerïnnen beträgt der Anteil nur 1,7 Prozent.

TikTok läuft die Zeit davon

  • Die Uhr tickt zu schnell für TikTok: Es sieht so aus, als werde ByteDance die Deadline reißen (Bloomberg), die Donald Trump dem Unternehmen gesetzt hatte.
  • Nicht namentlich genannte Quellen sagen, ByteDance werde es nicht schaffen, den Verkauf des US-Geschäfts von TikTok bis zum 20. September zu finalisieren.
  • Offenbar sind noch zu viele rechtliche und regulatorische Fragen offen, um alle Details mit den beiden aussichtsreichsten Bietern Microsoft und Oracle zu klären.
  • Bislang ist unklar (Axios), was geschieht, wenn die Frist verstreicht. Es gibt noch eine weitere Deadline Mitte November, außerdem hat TikTok gegen Trumps Executive Order geklagt.
  • Angeblich laufen derzeit auch Gespräche (Bloomberg), die zum Ziel haben, einen Komplettverkauf zu verhindern. Stattdessen soll ByteDance eine Umstrukturierung anstreben und einen US-Partner mit an Bord holen wollen.
  • Ob Trump einer solche Vereinbarung zustimmt und dann von einem Verbot absieht, ist fraglich.

Irische Datenschutzbehörde erhöht Druck auf Facebook

  • Im Juli hatte der Europäische Gerichtshof den "Privacy Shield" gekippt, der den Transfer von Daten europäischer Nutzerïnnen in die USA legalisierte (mehr dazu in Ausgabe #656).
  • Facebook machte trotzdem weiter. Es sah die Praxis durch die sogenannten Standardvertragsklauseln abgesichert.
  • Doch die zuständige irische Datenschutzbehörde hatte dem Konzern bereits im August erklärt (Politico), dass dieses Vorgehen rechtswidrig ist.
  • Nun gibt Nick Clegg selbst zu, dass Facebook nach Einschätzung der Datenschutzbehörde die Rechtsgrundlage fehlt (Facebook-Newsroom), um weiter Daten in die USA zu übermitteln.
  • Facebook will auf eine endgültige Anordnung warten, was noch mehrere Monate dauern könnte. Bis dahin setzt das Unternehmen weiter auf Standardvertragsklauseln.
  • Womöglich bessern auch die EU und die USA den Privacy Shield nach, sodass das Abkommen den Vorgaben der Luxemburger Richterïnnen entspricht.
  • Die NGO noyb des Juristen Max Schrems ist skeptisch, dass die irische Datenschutzbehörde Facebooks Datentransfers stoppen kann. "Wir haben aber leider den Eindruck, dass das Vorgehen der DPC nur sehr halbherzig ist und wieder nur einen Teil des Problems aufgreift", sagt Schrems (noyb).
  • Demnach fokussiere sich die Behörde ausschließlich auf die Standardvertragsklauseln, während Facebook bereits mit einer weiteren Rechtsgrundlage gemäß Artikel 49 DSGVO argumentiere. Schrems vermutet, dass "die angebliche Anordnung gegen Facebook ein weiterer Schritt ist, der das Problem absichtlich nicht lösen wird."

Wird Facebook wirklich von rechten Medien und Influencerïnnen dominiert?

  • New-York-Times-Reporter Kevin Roose sammelt seit Jahren mit Hilfe des Facebook-Tools Crowdtangle Daten, die zeigen, dass rechte und rechtsradikale Seiten überdurchschnittlich viel Interaktionen auf Facebook sammeln.
  • Ende August veröffentlichte er einen Text (NYT), in dem er das Ausmaß dieses rechten Parallaleuniversums skizzierte.
  • Rebecca Heilweil ist den Vorwürfen nachgegangen und zeichnet ein differenzierteres Bild (Vox).
  • Crowdtangle spuckt nur Interaktionen aus, die aber keinen unmittelbaren Rückschluss zulassen, wie viele Menschen bestimmte Inhalte sehen und welche Beiträge von Facebooks Algorithmen gepusht werden.
  • Im Juli hatte bereits John Hegemann, Facebooks Produktverantwortlicher für den Newsfeed, die Aussagen von Roose als verkürzt kritisiert (Twitter) – dessen Vorgehen sei zwar formal korrekt, die Daten von Crowdtangle aber ungeeignet, um daraus allgemeine Rückschlüsse zu ziehen.
  • Heilweils Analyse gibt einen guten Überblick und führt zu einer entscheidenden Frage: Wenn Facebook unzufrieden damit ist, dass Journalistïnnen und Forscherïnnen mit unzureichenden Datengrundlagen arbeiten – warum stellt es dann keine besseren Daten zu Verfügung?
  • Solange Facebook eine Blackbox für Medien und Wissenschaft bleibt, kann niemand wissen, ob Zuckerberg die Wahrheit sagt, wenn er behauptet (Axios), es sei "schlicht falsch", Facebook als konservative Echokammer zu bezeichnen.

Christine Lambrecht lobt NetzDG

  • Das Justizministerium hat das umstrittene NetzDG überprüfen lassen. Der Evaluierungsbericht (BMJV) stellt dem Gesetz ein gutes Zeugnis aus.
  • "Wir sehen deutliche Verbesserungen beim Umgang der sozialen Netzwerke mit Nutzerbeschwerden über strafbare Inhalte", sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht bei der Vorstellung. "Gleichzeitig haben wir keine Anhaltspunkte für unerwünschte Nebenwirkungen wie Overblocking."
  • Wir haben den 49-seitigen Bericht noch nicht gelesen und verweisen vorerst auf unsere Analysen in den Ausgabe #628 und #656 sowie den Artikel von Tomas Rudl (Netzpolitik), der ein bisschen Hintergrund zum NetzDG liefert.

Das Dilemma mit den sozialen Medien

Was ist

Seit Mittwoch ist die Netflix-Doku „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ verfügbar. Der Film geht der Frage nach, wie soziale Medien die Welt verändern – und vor allem zu welchem Preis: Einsamkeit, Entfremdung, Polarisierung, Wahlfälschung und die Zunahme an Populismus sind nur einige der Probleme dieser Welt, für die Facebook, YouTube und Co verantwortlich gemacht werden.

Lohnt sich der Film?

  • Der Film zeichnet ein ziemlich düsteres Bild. Es gibt kaum einen Missstand, für den soziale Medien nicht verantwortlich sein sollen. Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich übertrieben.
  • Bei genauerer Betrachtung ist diese Herangehensweise aber durchaus legitim: Erstens sind die Unternehmen selbst wahnsinnig gut darin, zu erzählen, was für ein Glücksfall es ist, dass es sie gibt. Das muss keine Doku leisten. Zweitens ist es wichtig, möglichst vielen Menschen vor Augen zu führen, wie Social Media funktioniert. Eine der Kernaussagen der Doku „Wenn das Produkt kostenlos ist, bist du das Produkt“ mag arg verkürzt sein, ist im Kern aber richtig. Es gilt, das Geschäftsmodell der sozialen Medien möglichst vielen Menschen nahe zu bringen. Das könnte die Doku leisten.

Wie ist die Doku aufgebaut?

  • Zunächst einmal fällt auf, dass Interviews mit fiktiven Szenen gemischt werden. Es handelt sich also streng genommen um eine Dokufiktion.
  • Auf der einen Seite gibt es also wirklich starke Interviews – etwa mit Tristan Harris, der mit seiner Präsentation bei Google (Slideshare) und der von ihm maßgeblich geprägten Time-Well-Spent-Bewegung (Wikipedia) vieles ins Rolle brachte, oder mit Bailey Richardson, eine von Instagrams 13 ersten Mitarbeiterïnnen, die bereits seit einiger Zeit die App von ihrem Smartphone gelöscht (Washington Post). Natürlich dürfen auch das lebende Tech-Orakel Jaron Lanier und der „Erinder“ des Like-Button Justin Rosenstein nicht fehlen.
  • Auf der anderen Seite gibt es die fiktionalen Momente, die den Zuschauer einerseits gut in seiner eigenen Lebenssituation abholen (Eine Woche ohne Smartphone? Kein Problem 😱 ) und andererseits zeigen, wie es im Maschinenraum der Social-Media-Angebote aussieht.

Wo greift die Doku zu kurz?

  • Grundsätzlich wirkt es so, als hätten sich die Interviewpartner ihre fettesten Punchlines zurechtgelegt und diese dann abgefeuert. Es fehlt den Aussagen häufig an Grautönen. Wenn eine Ärztin in der Doku erklärt, Social Media sei eine Droge, dann mag das nach 35 Seiten Einordnung ein durchaus akzeptabler Vergleich sein. Als nackte Aussage bleibt es arg holzschnittartig.
  • Zudem widmet sich die Doku zu wenig den handelnden Personen: die Unternehmen sind stark von ihrem Führungspersonal geprägt. Um zu verstehen, wie die Unternehmen funktionieren, ist es extrem wichtig, die Motive der handelnden Figuren zu verstehen.
  • Last but not least werden viel zu wenig Lösungsvorschläge präsentiert. Mehr Regulierung, Zerschlagung, von innen reformieren – alles Dinge, die schon seit Jahren im Raum stehen. Da hätten wir uns mehr erwartet.

Be smart

Der Film mag für Experten vieles wiederholen, was bereits bekannt ist. Für die normalen Nutzerïnnen aber ist der Film ein wirklich guter Primer, um sich mit dem Dilemma der sozialen Medien auseinanderzusetzen: das Geschäftsinteresse besteht in erster Linie darin, die Menschen so lange wie möglich vor die Bildschirme zu bekommen, denn nur dann lassen sich die Umsätze steigern. Kollateralschäden werden dabei wissentlich in Kauf genommen. Wir halten es an dieser Stelle mit Tristan Harris:

"Die Aufmerksamkeit des Menschen auszubeuten, ist des Menschen nicht würdig."


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

 

TikTok

  • Stitch: TikTok beweist einmal mehr, dass sie derzeit zu den innovativsten Angeboten gehören. Mit Stitch können einzelne Elemente eines Videos von Dritten übernommen und kreativ weiterverarbeitet werden. Rein technisch gesehen erstmal: Wow!

Header-Foto von Martin Suker bei Unsplash


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