Monat: Juni 2020

Der Facebook-Werbeboykott, erklärt

Was ist

Vergangene Woche stand an dieser Stelle:

Facebook hat eine turbulente Woche hinter sich.

Damals wussten wir noch nicht, was die kommenden Tage bringen würden. Jetzt braucht es einen Zusatz:

Facebook hat ein sehr turbulentes Wochenende hinter sich.

Der Werbeboykott, den wir in Ausgabe #649 analysiert haben, hat sich ausgeweitet – und wie. Immer mehr Unternehmen schließen sich der Kampagne #StopHateforProfit an und wollen im Juli keine Werbung mehr auf Facebook schalten.

 

Warum das wichtig ist

Facebook setzt pro Jahr rund 70 Milliarden Dollar um – den Großteil davon mit Werbung. Das Unternehmen ist nicht bekannt dafür, besonders schnell zu reagieren, wenn Datenschützerïnnen rüffeln oder Journalistïnnen kritisch kommentieren. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Werbekunden mehr Einfluss auf Zuckerbergs Entscheidungen haben.

 

Was hinter #StopHateforProfit steckt

    • Mehrere große US-Bürgerrechtsorganisationen wie die Anti-Defamation League, Color of Change, NAACP und Sleeping Giants rufen Unternehmen dazu auf, keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten.

 

 

 

    • Unter anderem soll Facebook seine Gemeinschaftsstandards verschärfen, Beiträge auch in geschlossenen Gruppen moderieren und bestimmte Gruppen schließen, seine Empfehlungsalgorithmen überarbeiten und keine Ausnahmen für Politikerïnnen machen.

 

  • Die Forderungen sind größtenteils nicht neu, aber sie sind sinnvoll und könnten dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen der Plattform zu reduzieren.

 

Wer bei #StopHateforProfit mitmacht

    • Im vergangenen Briefing schrieben wir von „bekannten Namen“, die sich angeschlossen hätten, darunter Ben & Jerry’s, The North Face, Patagonia, Magnolia Pictures, Dashlane und Arc’teryx.

 

    • Mittlerweile sind richtig bekannte Namen hinzukommen, etwa Unilever, Coca-Cola, Pepsi, Honda, Levi’s, Verizon und Starbucks.

 

    • Eine Google-Tabelle mit unterstützenden Unternehmen umfasst mittlerweile mehr als 180 Namen. Das Dokument ist allerdings etwas irreführend, da sich nicht alle Unternehmen der Kampagne #StopHateforProfit angeschlossen haben.

 

    • Starbucks und Coca-Cola nehmen etwa eine Werbe-Auszeit, führen dafür aber nicht die Initiative und deren Forderungen als Grund an, sondern bleiben in ihren Statements eher vage.

 

    • Ein wichtiger Dominostein fehlt bislang: Procter & Gamble, der über das größte Werbebudget in den USA verfügt. Angeblich wird bereits „im ganzen Unternehmen“ diskutiert (Protocol), wie man sich dazu verhalten will.

 

  • Bislang war die Kampagne auf die USA beschränkt – das soll sich ändern: Jim Steyer, einer der Initiatoren der Bewegung, begründet das so (Axios):

It will go global because the world will agree with us, we are on the right side of history, period. And Facebook is on the wrong side of history, period, and people know that.

  • Während wir dieses Briefing schreiben, erreicht uns die Meldung (Axios), dass auch Microsoft keine Werbung mehr auf Facebook schaltet – allerdings wohl bereits seit Mai und auch ohne Zusammenhang zu #StopHateforProfit.

 

Wie Facebook reagiert

    • Am Freitag verkündete Mark Zuckerberg vier neue Maßnahmen, mit denen Facebook seine Nutzerïnnen im Wahlkampf vor Desinformation und schützen will.

 

    • Unter anderem verschärft Facebook seine Standards für den Umgang mit Werbeanzeigen, die Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Herkunft, Religion, Kaste, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angreifen oder stigmatisieren.*

 

    • Außerdem legt Zuckerberg eine bemerkenswerte Kehrtwende hin: Künftig wird Facebook bestimmte Beiträge, die zwar gegen Facebooks Richtlinien verstoßen, aber „newsworthy“ sind, mit einem Warnhinweis versehen und online lassen – schließlich liege es im allgemeinen Interesse, etwa bestimmte Aussagen von Politikerïnnen zu sehen.

 

    • Noch vor wenigen Wochen hatte Zuckerberg solche Warnhinweise abgelehnt und Twitter für ein ähnliches Vorgehen kritisiert.

 

A handful of times a year we make a decision to leave up content that would otherwise violate our policies because we consider that the public interest value outweighs the risk of that content.

    • Die Änderungen greifen nicht rückwirkend und hätten Facebooks Umgang mit Trumps Postings („When the looting starts, the shooting starts“) ohnehin nicht verändert, sagt ein Sprecher. Dieser falle in eine andere Kategorie („state use of force“).

 

    • Während viele Medien (Guardian) und #StopHateforProfit die Ankündigungen als direkte Reaktion auf den Boykott werten, stellt Facebook die Situation anders dar. „We do not make policy changes tied to revenue pressure“, schrieb Facebook-Managerin Carolyn Everson (CNN) in einer Mail an Werbekunden. „We set our policies based on principles rather than business interests.“

 

    • Tatsächlich dauern Policy-Änderungen bei Facebook normalerweise länger und durchlaufen mehrere Abstimmungsebenen. Zudem wurde bereits Anfang Juni bekannt (Recode), dass Zuckerberg darüber nachdenkt, Warnhinweise einzuführen. Damals hatten Tausende Angestellte protestiert.

 

    • Womöglich hat der Werbeboykott Einfluss auf das Timing gehabt oder dazu geführt, dass Facebook interne Prozesse beschleunigt hat – eine direkte Reaktion auf die Ankündigungen von Verizon und Unilever, die sich kurz zuvor der Kampagne anschlossen, halten wir aber für unwahrscheinlich.

 

    • Natürlich bietet sich die Erzählung an: Sobald ein paar große Werbekunden anklopfen, kutscht Zuckerberg. Wir glauben: Es ist ein bisschen komplexer.

 

  • Zuckerberg hat tatsächlich Überzeugungen und Visionen, nach denen er handelt. Man muss seine Einstellungen nicht teilen, aber es erscheint uns unwahrscheinlich, dass er ausschließlich aus unternehmerischen Motiven und wegen des Drucks von #StopHateforProfit handelt.

 

Wie groß der Druck auf Facebook ist

Derzeit gibt es zwei Sichtweisen. Die einen sagen: #StopHateforProfit hat höchstens symbolischen Wert. Die anderen sagen: Diese Kampagne kann Facebook wirklich gefährlich werden.

Die erste Perspektive findet man etwa in dieser Analyse von Brian Fung (CNN). Das sind seine Argumente:

    • Nur drei der Unternehmen sind unter Facebooks 100 wichtigsten Werbekunden (Unilever: 30, Verizon: 88, REI: 90). Die 97 anderen Unternehmen pumpen also weiter Geld in Facebooks Anzeigenmaschinerie.

 

    • Selbst die Top-100-Werbekunden machen nur sechs Prozent von Facebooks gesamten Werbeerlösen aus.

 

  • Der Rest entfällt auf kleine und mittelständische Unternehmen – von denen sich Zehntausende dem Boykott anschließen müssten, damit es Facebook wirklich signifikant trifft.

Hinzu kommt eine Argumentation, die Shoshana Wodinsky aufmacht (Gizmodo):

    • Einige Unternehmen „boykottieren“ Facebook, stecken aber weiter Geld in Instagram, das 2020 allein 20 Milliarden Umsatz mit Werbung generierte.

 

    • Andere streichen auch ihre Buchungen für Instagram, investieren aber nach wie vor in Facebooks Audience-Network.

 

  • Außerdem greift der Werbeboykott bislang erst in den USA und ist zeitlich befristet – es bleibt abzuwarten, ob sich international genauso viele Unternehmen anschließen und wie es im August weitergeht.

Dem steht die Perspektive gegenüber, aus der etwa Kurt Wagner auf das Geschehen blickt (Bloomberg):

    • Wie viele andere blickt er auf die Facebook-Aktie, die zwischenzeitlich 8,3 Prozent und damit 56 Milliarden Dollar an Wert verlor.

 

    • Das Privatvermögen von Mark Zuckerberg reduzierte sich binnen weniger Stunden um mehr als sieben Milliarden Dollar – er wird trotzdem ruhig schlafen, es bleiben noch rund 80 Milliarden übrig (Forbes).

 

  • Wagner zitiert unter anderem einen Analysten, der Facebook unter großem Druck sieht:

Given the amount of noise this is drawing, this will have significant impact to Facebook’s business. Facebook needs to address this issue quickly and effectively in order to stop advertising exits from potentially spiraling out of control.

  • Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der Anti-Defamation-League und einer der wichtigsten Köpfe hinter #StopHateforProfit, prophezeit dem Konzern jedenfalls unruhige Zeiten:

Advertisers who have seen their own ads published against hateful, horrible content on Facebook (…) they are finally saying ‚enough’‘. Our phones have been ringing off the hook with advertisers. I can tell you more are coming.

Wir stehen irgendwo dazwischen:

    • Kurzfristige Aktienverluste oder -gewinne halten wir fast immer für schlechte Argumente.

 

    • Die Vergangenheit zeigt, dass sich Kurse meist schneller erholen, als wir Techlash buchstabieren können.

 

    • Bislang geht es eher um den symbolischen Wert. Der Werbeboykott wird sich in der Bilanz von Facebook kaum niederschlagen.

 

    • Trotzdem ist die Lage für Facebook knifflig: Angesichts der Corona-Pandemie reduzieren viele Unternehmen ohnehin ihr Werbebudget, darunter leidet auch Facebook. Außerdem sind viele Angestellte unzufrieden mit den Entscheidungen von Zuckerberg (mehr dazu in Briefing #643).

 

    • Der Facebook-Chef hat dank seiner Aktienanteile zwar die volle Kontrolle, kann quasi ungestört durchregieren und Widerworte aus dem Aufsichtsrat einfach weglächeln – doch wenn niemand mehr bei Facebook werben will und die klügsten Köpfe woanders arbeiten wollen, hat auch Zuckerberg ein Problem.

 

    • Zu allem Überfluss sitzt auch noch ein Mann im Weißen Haus, dessen Handlungen vermutlich nicht mal er selbst länger als ein paar Stunden voraussehen kann. Trump ist dermaßen unberechenbar und bauchgesteuert, dass Facebook sich auf unruhige Monate bis zur Wahl 2020 einstellen muss.

 

    • Deutlich wird das in diesem Text des Harvard-Professors Jonathan Zittrain (The Atlantic), der Handlungsoptionen für Twitter im Umgang mit Trump durchspielt. Die Zeile „Twitter’s Least-Bad Option for Dealing With Donald Trump“ spricht für sich – und lässt sich direkt auf Facebook übertragen.

 

  • Wer dazu noch diese hervorragende Recherche liest (Washington Post), die deutlich macht, wie Facebook seit 2015 verzweifelt versucht, sich nicht von Trump verrückt machen zu lassen, kann fast Mitleid bekommen. Fast.

 

Be smart

Bei einigen der Unternehmen, die nun öffentlichkeitswirksam den Boykott unterstützen, dürften nicht nur moralische Werte, sondern kühle Kalkulation dahinterstecken. Nilay Patel, Chefredakteur von The Verge, drückt es so aus (Twitter):

CEO: The pandemic has wrecked our forecasts for the year

CMO: Uh oh

CEO: As you know, the first thing to get cut is advertising

CMO: What if I take the social media line to zero and turn that into a gigantic earned media win

Tatsächlich kann es sich für einige Konzerne rechnen, wie diese Zahlen zeigen (FAZ):

In einer Schätzung für die F.A.Z. beziffert das amerikanische Analyseunternehmen Critical Mention den Werbeeffekt der globalen Boykottberichte für Coca Cola auf 194 Millionen, für Starbucks auf 160 Millionen und für die Outdoor-Marke The North Face auf 218 Millionen Dollar.

Wie es mit #StopHateforProfit weitergehen wird? „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Aber vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit.

2017 wurde schon einmal ein großes Tech-Unternehmen boykottiert: YouTube. Damals schlossen sich unter anderem AT&T, Verizon, Walmart, Pepsi an, nachdem die Times enthüllt hatte, dass Anzeigen der Unternehmen vor extremistischen Videos geschaltet wurden. YouTube reagierte mit schärferen Regeln (Google-Blog), die Werbekunden kamen bald wieder zurück – und nach allem, was wir wissen, geht es YouTube heute ganz gut.

Wie schließen uns deshalb der Einschätzung von Will Oremus an, der mit Blick auf Facebook ableitet (OneZero):

What that tells us is that ad boycotts of social media platforms can work – if the goal is to spur incremental changes to their policies, rather than an overhaul of their basic structure. In Facebook’s case, it seems likely that the company will find ways to accept some of the “Stop Hate for Profit” campaign’s recommendations, while skirting those that would cause the company the most friction with Trump and other conservatives who want it to keep its hands off of their content.

30.6.2020 | Facebook Werbeboykott, das neue rechte Refugium Parler, Microsoft macht Mixer dicht

Der Facebook-Werbeboykott, erklärt

Was ist

Vergangene Woche stand an dieser Stelle:

Facebook hat eine turbulente Woche hinter sich.

Damals wussten wir noch nicht, was die kommenden Tage bringen würden. Jetzt braucht es einen Zusatz:

Facebook hat ein sehr turbulentes Wochenende hinter sich.

Der Werbeboykott, den wir in Ausgabe #649 analysiert haben, hat sich ausgeweitet – und wie. Immer mehr Unternehmen schließen sich der Kampagne #StopHateforProfit an und wollen im Juli keine Werbung mehr auf Facebook schalten.

Warum das wichtig ist

Facebook setzt pro Jahr rund 70 Milliarden Dollar um – den Großteil davon mit Werbung. Das Unternehmen ist nicht bekannt dafür, besonders schnell zu reagieren, wenn Datenschützerïnnen rüffeln oder Journalistïnnen kritisch kommentieren. In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob Werbekunden mehr Einfluss auf Zuckerbergs Entscheidungen haben.

Was hinter #StopHateforProfit steckt

  • Mehrere große US-Bürgerrechtsorganisationen wie die Anti-Defamation League, Color of Change, NAACP und Sleeping Giants rufen Unternehmen dazu auf, keine Werbung mehr auf Facebook zu schalten.
  • Die Initiative hat prominente Unterstützerïnnen wie Prinz Harry und Meghan Markle (Axios), die Unternehmen ermutigen, sich anzuschließen.
  • Die Kampagne hat zehn Forderungen an Facebook formuliert, die verhindern sollen, dass die Plattform die Gesellschaft weiter polarisiert sowie Hass und Rassismus befeuert.
  • Unter anderem soll Facebook seine Gemeinschaftsstandards verschärfen, Beiträge auch in geschlossenen Gruppen moderieren und bestimmte Gruppen schließen, seine Empfehlungsalgorithmen überarbeiten und keine Ausnahmen für Politikerïnnen machen.
  • Die Forderungen sind größtenteils nicht neu, aber sie sind sinnvoll und könnten dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen der Plattform zu reduzieren.

Wer bei #StopHateforProfit mitmacht

  • Im vergangenen Briefing schrieben wir von "bekannten Namen", die sich angeschlossen hätten, darunter Ben & Jerry's, The North Face, Patagonia, Magnolia Pictures, Dashlane und Arc’teryx.
  • Mittlerweile sind richtig bekannte Namen hinzukommen, etwa Unilever, Coca-Cola, Pepsi, Honda, Levi's, Verizon und Starbucks.
  • Eine Google-Tabelle mit unterstützenden Unternehmen umfasst mittlerweile mehr als 180 Namen. Das Dokument ist allerdings etwas irreführend, da sich nicht alle Unternehmen der Kampagne #StopHateforProfit angeschlossen haben.
  • Starbucks und Coca-Cola nehmen etwa eine Werbe-Auszeit, führen dafür aber nicht die Initiative und deren Forderungen als Grund an, sondern bleiben in ihren Statements eher vage.
  • Ein wichtiger Dominostein fehlt bislang: Procter & Gamble, der über das größte Werbebudget in den USA verfügt. Angeblich wird bereits "im ganzen Unternehmen" diskutiert (Protocol), wie man sich dazu verhalten will.
  • Bislang war die Kampagne auf die USA beschränkt – das soll sich ändern: Jim Steyer, einer der Initiatoren der Bewegung, begründet das so (Axios):

It will go global because the world will agree with us, we are on the right side of history, period. And Facebook is on the wrong side of history, period, and people know that.

  • Während wir dieses Briefing schreiben, erreicht uns die Meldung (Axios), dass auch Microsoft keine Werbung mehr auf Facebook schaltet – allerdings wohl bereits seit Mai und auch ohne Zusammenhang zu #StopHateforProfit.

Wie Facebook reagiert

  • Am Freitag verkündete Mark Zuckerberg vier neue Maßnahmen, mit denen Facebook seine Nutzerïnnen im Wahlkampf vor Desinformation und schützen will.
  • Unter anderem verschärft Facebook seine Standards für den Umgang mit Werbeanzeigen, die Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Herkunft, Religion, Kaste, sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität angreifen oder stigmatisieren.*
  • Außerdem legt Zuckerberg eine bemerkenswerte Kehrtwende hin: Künftig wird Facebook bestimmte Beiträge, die zwar gegen Facebooks Richtlinien verstoßen, aber "newsworthy" sind, mit einem Warnhinweis versehen und online lassen – schließlich liege es im allgemeinen Interesse, etwa bestimmte Aussagen von Politikerïnnen zu sehen.
  • Noch vor wenigen Wochen hatte Zuckerberg solche Warnhinweise abgelehnt und Twitter für ein ähnliches Vorgehen kritisiert.
  • Jetzt sagt er(Washington Post):

A handful of times a year we make a decision to leave up content that would otherwise violate our policies because we consider that the public interest value outweighs the risk of that content.

  • Die Änderungen greifen nicht rückwirkend und hätten Facebooks Umgang mit Trumps Postings ("When the looting starts, the shooting starts") ohnehin nicht verändert, sagt ein Sprecher. Dieser falle in eine andere Kategorie ("state use of force").
  • Während viele Medien (Guardian) und #StopHateforProfit die Ankündigungen als direkte Reaktion auf den Boykott werten, stellt Facebook die Situation anders dar. "We do not make policy changes tied to revenue pressure", schrieb Facebook-Managerin Carolyn Everson (CNN) in einer Mail an Werbekunden. "We set our policies based on principles rather than business interests."
  • Tatsächlich dauern Policy-Änderungen bei Facebook normalerweise länger und durchlaufen mehrere Abstimmungsebenen. Zudem wurde bereits Anfang Juni bekannt (Recode), dass Zuckerberg darüber nachdenkt, Warnhinweise einzuführen. Damals hatten Tausende Angestellte protestiert.
  • Womöglich hat der Werbeboykott Einfluss auf das Timing gehabt oder dazu geführt, dass Facebook interne Prozesse beschleunigt hat – eine direkte Reaktion auf die Ankündigungen von Verizon und Unilever, die sich kurz zuvor der Kampagne anschlossen, halten wir aber für unwahrscheinlich.
  • Natürlich bietet sich die Erzählung an: Sobald ein paar große Werbekunden anklopfen, kutscht Zuckerberg. Wir glauben: Es ist ein bisschen komplexer.
  • Zuckerberg hat tatsächlich Überzeugungen und Visionen, nach denen er handelt. Man muss seine Einstellungen nicht teilen, aber es erscheint uns unwahrscheinlich, dass er ausschließlich aus unternehmerischen Motiven und wegen des Drucks von #StopHateforProfit handelt.

Wie groß der Druck auf Facebook ist

___STEADY_PAYWALL___

Derzeit gibt es zwei Sichtweisen. Die einen sagen: #StopHateforProfit hat höchstens symbolischen Wert. Die anderen sagen: Diese Kampagne kann Facebook wirklich gefährlich werden.

Die erste Perspektive findet man etwa in dieser Analyse von Brian Fung (CNN). Das sind seine Argumente:

  • Nur drei der Unternehmen sind unter Facebooks 100 wichtigsten Werbekunden (Unilever: 30, Verizon: 88, REI: 90). Die 97 anderen Unternehmen pumpen also weiter Geld in Facebooks Anzeigenmaschinerie.
  • Selbst die Top-100-Werbekunden machen nur sechs Prozent von Facebooks gesamten Werbeerlösen aus.
  • Der Rest entfällt auf kleine und mittelständische Unternehmen – von denen sich Zehntausende dem Boykott anschließen müssten, damit es Facebook wirklich signifikant trifft.

Hinzu kommt eine Argumentation, die Shoshana Wodinsky aufmacht (Gizmodo):

  • Einige Unternehmen "boykottieren" Facebook, stecken aber weiter Geld in Instagram, das 2020 allein 20 Milliarden Umsatz mit Werbung generierte.
  • Andere streichen auch ihre Buchungen für Instagram, investieren aber nach wie vor in Facebooks Audience-Network.
  • Außerdem greift der Werbeboykott bislang erst in den USA und ist zeitlich befristet – es bleibt abzuwarten, ob sich international genauso viele Unternehmen anschließen und wie es im August weitergeht.

Dem steht die Perspektive gegenüber, aus der etwa Kurt Wagner auf das Geschehen blickt (Bloomberg):

  • Wie viele andere blickt er auf die Facebook-Aktie, die zwischenzeitlich 8,3 Prozent und damit 56 Milliarden Dollar an Wert verlor.
  • Das Privatvermögen von Mark Zuckerberg reduzierte sich binnen weniger Stunden um mehr als sieben Milliarden Dollar – er wird trotzdem ruhig schlafen, es bleiben noch rund 80 Milliarden übrig (Forbes).
  • Wagner zitiert unter anderem einen Analysten, der Facebook unter großem Druck sieht:

Given the amount of noise this is drawing, this will have significant impact to Facebook’s business. Facebook needs to address this issue quickly and effectively in order to stop advertising exits from potentially spiraling out of control.

  • Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der Anti-Defamation-League und einer der wichtigsten Köpfe hinter #StopHateforProfit, prophezeit dem Konzern jedenfalls unruhige Zeiten:

Advertisers who have seen their own ads published against hateful, horrible content on Facebook (…) they are finally saying 'enough’'. Our phones have been ringing off the hook with advertisers. I can tell you more are coming.

Wir stehen irgendwo dazwischen:

  • Kurzfristige Aktienverluste oder -gewinne halten wir fast immer für schlechte Argumente.
  • Die Vergangenheit zeigt, dass sich Kurse meist schneller erholen, als wir Techlash buchstabieren können.
  • Bislang geht es eher um den symbolischen Wert. Der Werbeboykott wird sich in der Bilanz von Facebook kaum niederschlagen.
  • Trotzdem ist die Lage für Facebook knifflig: Angesichts der Corona-Pandemie reduzieren viele Unternehmen ohnehin ihr Werbebudget, darunter leidet auch Facebook. Außerdem sind viele Angestellte unzufrieden mit den Entscheidungen von Zuckerberg (mehr dazu in Briefing #643).
  • Der Facebook-Chef hat dank seiner Aktienanteile zwar die volle Kontrolle, kann quasi ungestört durchregieren und Widerworte aus dem Aufsichtsrat einfach weglächeln – doch wenn niemand mehr bei Facebook werben will und die klügsten Köpfe woanders arbeiten wollen, hat auch Zuckerberg ein Problem.
  • Zu allem Überfluss sitzt auch noch ein Mann im Weißen Haus, dessen Handlungen vermutlich nicht mal er selbst länger als ein paar Stunden voraussehen kann. Trump ist dermaßen unberechenbar und bauchgesteuert, dass Facebook sich auf unruhige Monate bis zur Wahl 2020 einstellen muss.
  • Deutlich wird das in diesem Text des Harvard-Professors Jonathan Zittrain (The Atlantic), der Handlungsoptionen für Twitter im Umgang mit Trump durchspielt. Die Zeile "Twitter’s Least-Bad Option for Dealing With Donald Trump" spricht für sich – und lässt sich direkt auf Facebook übertragen.
  • Wer dazu noch diese hervorragende Recherche liest (Washington Post), die deutlich macht, wie Facebook seit 2015 verzweifelt versucht, sich nicht von Trump verrückt machen zu lassen, kann fast Mitleid bekommen. Fast.

Be smart

Bei einigen der Unternehmen, die nun öffentlichkeitswirksam den Boykott unterstützen, dürften nicht nur moralische Werte, sondern kühle Kalkulation dahinterstecken. Nilay Patel, Chefredakteur von The Verge, drückt es so aus (Twitter):

CEO: The pandemic has wrecked our forecasts for the year

CMO: Uh oh

CEO: As you know, the first thing to get cut is advertising

CMO: What if I take the social media line to zero and turn that into a gigantic earned media win

Tatsächlich kann es sich für einige Konzerne rechnen, wie diese Zahlen zeigen (FAZ):

In einer Schätzung für die F.A.Z. beziffert das amerikanische Analyseunternehmen Critical Mention den Werbeeffekt der globalen Boykottberichte für Coca Cola auf 194 Millionen, für Starbucks auf 160 Millionen und für die Outdoor-Marke The North Face auf 218 Millionen Dollar.

Wie es mit #StopHateforProfit weitergehen wird? "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Aber vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit.

2017 wurde schon einmal ein großes Tech-Unternehmen boykottiert: YouTube. Damals schlossen sich unter anderem AT&T, Verizon, Walmart, Pepsi an, nachdem die Times enthüllt hatte, dass Anzeigen der Unternehmen vor extremistischen Videos geschaltet wurden. YouTube reagierte mit schärferen Regeln (Google-Blog), die Werbekunden kamen bald wieder zurück – und nach allem, was wir wissen, geht es YouTube heute ganz gut.

Wie schließen uns deshalb der Einschätzung von Will Oremus an, der mit Blick auf Facebook ableitet (OneZero):

What that tells us is that ad boycotts of social media platforms can work – if the goal is to spur incremental changes to their policies, rather than an overhaul of their basic structure. In Facebook’s case, it seems likely that the company will find ways to accept some of the “Stop Hate for Profit” campaign’s recommendations, while skirting those that would cause the company the most friction with Trump and other conservatives who want it to keep its hands off of their content.


Social Media & Politik

  • Parler: das neue Refugium für die Rechte: Immer wieder berichten wir darüber, dass sich die Konservative in den USA von Big Tech in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten sieht. Um dieser „Zensur“ durch Twitter und Co zu begegnen, gibt es immer wieder Diskussionen darüber, den etablierten Social-Media-Plattformen den Rücken zu kehren – vor allem bei der extrem Rechten. Das neueste Refugium hört auf den Namen Parler. Mark Sullivan hat sich die Plattform für Fast Company angeschaut und schreibt:

    "Parler isn’t exactly the “public square” many of its users say they want. I found no real debate, nor any real conversation. Instead, I found a lot of virtual head-nodding and ditto-heading. It’s a right-wing echo chamber where mainly older white people exchange right-wing memes and conspiracy theories about liberals, Democrats, and the causes and beliefs typically associated with them. And that’s okay."

    Und genau das ist das Problem mit diesen alternativen Plattformen: sie reparieren nicht den politischen Diskurs, den Facebook und Twitter ihrer Meinung zufolge so stark beschädigt haben. Sie bieten einfach Orte, an dem die Rechte sagen kann, was sie will, ohne dass ihre Fakten in Frage gestellt werden. Dass sich die Rechte in ihre eigenen Hass-Bubbles zurückzieht, kann man positiv und negativ sehen. Negativ, weil sich dann Welt- und Feindbilder zementieren können. Positiv, weil sie dann über ihre eigene Basis nicht hinauswachsen.

  • Instagram, TikTok & Google Doc: DIE Plattformen für Protest Seit dem Arabischen Frühling arbeiten sich Medien gern am Narrativ ab, dass eine bestimmte Social-Media-Plattform jeweils maßgeblich für die Politiiserung der Aktivisten verantwortlich sei. Dass soziale Medien einen großen Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben, wollen wir auch nicht in Frage stellen – im Gegenteil: diese Annahme ist fester Bestandteil der Social-Media-Watchblog-DNA. Wie beliebig aber die Analysen ausfallen können, wird deutlich, wenn mit Blick auf die Proteste in den USA sowohl Instagram (NBCNews), Google Docs (Protocol) als auch TikTok (New York Times) maßgeblich dafür verantwortlich sein sollen, dass sich so viele Menschen den Protesten anschließen.

Kampf gegen Desinformation


Datenschutz-Department

  • TikTok liest aus, was Menschen auf dem iPhone in die Zwischenablage kopiert haben, berichtet netzpolitik. So frage die Video-App „aggressiv“ den Zwischenspeicher der Nutzerïnnen ab. Das Problem: Darin können sich sensible Informationen wie Passwörter befinden. Laut TikTok sei dieses Vorgehen notwendig, um Spam zu begegnen. Das Unternehmen habe aber trtozdem bereits eine neue Version beim Appstore eingereicht, um die Praxis künftig zu unterbinden.

Video Boom

  • Microsoft macht Mixer dicht: Oh boy, das ging schnell! Im August 2019 wurde bekannt, dass E-Sport-Superstart Richard Tyler Blevins (aka Ninja) fortan exklusiv für Microsofts Streaming-Plattform Mixer streamt. Angeblich hat sich Microsoft diesen Deal 25 Millionen Dollar kosten lassen. Nun vollzieht das Unternehmen eine Kehrtwende und macht Mixer dicht (Wired). Die Chancen, Twitch, YouTube und Facebook Gaming ernsthaft Konkurrenz zu machen, werden einfach als zu gering eingeschätzt. Die Zahlen zeigen, wie groß der Abstand ist: Im Jahresvergleich ist Twitch um 101 Prozent gewachsen, Mixer hat lediglich um 0,2 Prozent zulegen können. Künftig setzt Microsoft daher auf Facebook Gaming.

Follow the money


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

Instagram

  • Reels jetzt auch in Deutschland verfügbar: In Ausgabe #591 berichteten wir, dass Instagram ein Musik-Video-Remix-Feature gelauncht hat, das stark an TikTok erinnert und wohl auch in erster Linie dafür gedacht ist, TikToks Siegeszug auszubremsen. Nach einem Testlauf in Brasilien gibt es Reels nun auch in Deutschland (t3n).
  • Audio Notes bei Threads: Instagram arbeitet bei Threads an sogenannten Audio Notes (Twitter), über die sich die Audiospur von Videos automatisch verschriftlichen lässt.

YouTube

  • 15-Sekunden-Videos werden nun auch bei YouTube getestet. Der Erfolg von TikTok scheint wirklich vielen Angst zu machen.

Tipps, Tricks und Apps


Header-Foto von Adam Bouse bei Unsplash


26.6.2020 | Werbeboykott, Hasskommentare, Trump: Der Druck auf Facebook wächst

Was ist

Facebook hat eine turbulente Woche hinter sich:

  • Immer mehr Unternehmen schließen sich der Kampagne #StopHateforProfit an, die dazu aufruft, im Juli keine Anzeigen auf Facebook zu schalten.
  • Die Unterstützerïnnen kritisieren unter anderem Mark Zuckerbergs Entscheidung, Beiträge von Donald Trump nicht zu löschen.
  • Der US-Präsident ist dagegen erbost, dass es Facebook gewagt hat, Anzeigen seines Wahlkampfteams zu entfernen – und erwägt nun, im Wahlkampf statt auf Twitter und Facebook verstärkt auf seine eigene App zu setzen.
  • Zugleich werfen mehrere investigative Recherchen ein schlechtes Licht auf Facebook. Sie erwecken den Eindruck, dass die Plattform den Kampf gegen strafbaren Hass und Hetze verliert.

Der Werbeboykott

  • „What would you do with $70 billion?”, fragen die Aktivistïnnen der Initiative #StopHateforProfit auf ihrer Webseite und in einer ganzseitigen Anzeige in der L.A. Times. Die Antwort: „We know what Facebook did.”
  • Es folgt eine Auflistung an Vorwürfen, die sich darum drehen, dass Facebook angeblich Rassistïnnen und Rechtsradikalen freie Hand lässt, schwarze Nutzerïnnen nicht ausreichend schützt und Rechtsaußen-Seiten wie Breitbart und den Daily Caller hofiert.
  • Daraus leitet die Kampagne eine Forderung ab: „Let’s send Facebook a powerful message: Your profits will never be worth promoting hate, bigotry, racism, antisemitism and violence.”
  • Dahinter stehen mehrere große US-Bürgerrechtsorganisationen wie die Anti-Defamation League, Color of Change, NAACP und Sleeping Giants.
  • Was klein angefangen hat (The Information), ist mittlerweile groß geworden (NYT): In den vergangenen Tagen haben sich etliche Unternehmen angeschlossen, darunter auch bekannte Namen wie Ben & Jerry's, The North Face, Patagonia, Magnolia Pictures, Dashlane und Arc’teryx.
  • „It’s obviously a cultural moment of pain”, begründet etwa der Marketing-Chef von The North Face die Entscheidung (Bloomberg) – natürlich mit Blick auf die #BlackLivesMatter-Proteste in den USA.
  • Die Aktivistïnnen kontaktieren auch Werbeagenturen (WSJ) und Weltkonzerne wie Procter & Gamble (NBC) und fordern sie auf, ihr Werbebudget anders zu verteilen.
  • Offenbar mit Erfolg: P&G will Plattformen aussortieren (Marketing Week), die keine ausreichenden Maßnahmen gegen Rassismus und Hass einleiten. Auch bei Agenturen und anderen Marketingfirmen hat die Kampagne Wirkung hinterlassen (Popular Information).
  • Der Boykott soll vorerst auf den Juli beschränkt bleiben, die finanzielle Auswirkungen für Facebook dürften sich in Grenzen halten (Quartz).
  • Dennoch scheint Facebook die Kampagne sehr ernst zu nehmen: Ein führender Manager gestand in einer eigens anberaumten Telefonkonferenz mit mehr als 200 Werbekunden ein, dass Facebook an einem „Vertrauensdefizit” leide (FT).

Der Trump-Boykott

___STEADY_PAYWALL___

  • Im Vergleich zu #StopHateForProfit wirkt die Drohung, mit der US-Präsident Donald Trump derzeit Druck aufbauen will, eher harmlos.
  • Die Trump-Kampagne denkt darüber nach, die großen Social-Media-Plattformen zu boykottieren (WSJ).
  • Demnach will Trump mögliche Wählerïnnen verstärkt über seine eigene App ansprechen und sich ein Publikum auf alternativen Plattformen aufbauen.
  • Erst kürzlich hatte Brad Parscale, der Trumps digitalen Wahlkampf organisiert, Zuckerberg bei Fox News ein (zweifelhaftes) Lob ausgesprochen: Im Gegensatz zu anderen CEOs verstehe der Facebook-Chef, wie wichtig Redefreiheit sei.
  • Doch dann löschte Facebook mehrere Trump-Anzeigen (BBC), die Nazi-Symbolik beinhalteten – und zog den Zorn des Präsidenten auf sich.
  • Und damit nicht genug: Facebook und Twitter wagten es auch noch, ein manipuliertes Video, das Trump geteilt hatte, wegen Urheberrechtsverstößen zu entfernen (The Verge).
  • Trump und die Republikaner interpretieren das natürlich als weiteren Beleg für den angeblich anti-konservativen Bias des Silicon Valley – der in diesem Fall schlicht darin besteht, eindeutig illegale Inhalte zu löschen.
  • Der Wahlkampfauftritt in Tulsa dürfte nicht zur Beruhigung des Präsidenten beigetragen haben: Dort blieben Tausende Plätze frei (Spiegel) – wohl auch, weil TikTok-Teenager Trump einen ziemlich erfolgreichen Streich gespielt haben.
  • Trotzdem kann und wird Trump wohl keine der großen Plattformen boykottieren. Dafür sind sie zu wertvoll für seinen Wahlkampf, nur dort erreicht er die breite Masse der Menschen in den USA.
  • Während manche Unternehmen Facebook links liegen lassen, gibt Trump dort weiter Hunderttausende Dollar pro Tag aus (Twitter / Donie O'Sullivan)
  • Trotzdem ist eine weitere Eskalation denkbar: Trump hat in den vergangenen Monaten die Grenzen der Plattformen ausgelotet – fragwürdige Inhalte blieben online, aber selbst der US-Präsident darf offenbar keine Nazi-Symbolik posten und muss sich an das Urheberrecht halten.
  • Wer sagt, dass es Trump dabei belässt?
  • „Surely worse is to come”, prophezeit Casey Newton (Revue). „I’ve never thought it was even plausible that a big social network would ban one of the president’s accounts. But if he continues in this vein, one or more of them may feel as if they don’t have a choice.”

Der Kampf gegen den Hass

  • „Die Analyse von 2,6 Millionen Posts und Kommentaren aus rechten Facebook-Gruppen zeigt, wie Facebook beim Hass im Netz versagt.”
  • Dieses Fazit ziehen BR, NDR und WDR, die für das Projekt „Die Hassmaschine” eine gewaltige Datenbank mit Kommentaren aus den Jahren 2010 bis 2019 ausgewertet haben.
  • Mit erfundenen Identitäten haben die Journalistïnnen in 138 geschlossenen Gruppen recherchiert und Tausende strafbare Kommentare gefunden.
  • Die Erkenntnisse sind in ihrer Tendenz nicht neu. Was in vielen privaten Gruppen abgeht, ist lange bekannt.
  • Doch das Ausmaß der Recherche verdeutlicht die Herausforderung vor der Facebook steht – und die Hilflosigkeit des Unternehmen.
  • Teils schlägt Facebook die Gruppen sogar selbst vor und trägt mit seinen Empfehlungsalgorithmen dazu bei, dass noch mehr Nutzerïnnen beitreten.
  • „Der Konzern weiß, dass er aggressiver gegen Hassrede vorgehen muss”, sagt Autor Steven Levy, der Facebook so gut kennt wie kaum jemand sonst. „Aber weil die Plattform auf eine Art entwickelt wurde, die extreme und virale Inhalte bevorzugt, hat der Konzern nun ein Problem mit der Welt, die er erschaffen hat.”
  • Auch in den USA setzen Recherchen Facebook unter Druck: Rechtsextreme und gewaltverherrlichende Inhalte und Seiten der „Boogaloo”-Bewegung bleiben online (Washington Post), obwohl sie klar gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen.
  • Ähnlich hilflos wirkt das Vorgehen gegen die verschwörungsideologische Seite Natural News, die Facebooks Maßnahmen immer wieder umgeht (Vox) und Desinformation verbreitet.
  • A propos irre Verschwörungsideologien: Auch QAnon-Gruppen wachsen und gedeihen munter vor sich hin (Guardian), unter tatkräftiger Mithilfe von Facebooks Empfehlungsalgorithmen.
  • Sagten wir investigative Recherchen? Da darf Judd Legum nicht fehlen, der in seinem Newsletter Popular Information erklärt, wie der Rechtsaußen-Influencer Ben Shapiro „The Daily Wire” zu einer der erfolgreichsten Facebook-Seiten aufgebaut hat und sich dabei teils über Facebooks Regeln hinwegsetzt – ohne, dass Facebook eingreift.
  • Genauso fragwürdig ist der Umgang von Facebook mit Klimawandel-Leugnerïnnen, über den Legum in einer weiteren Ausgabe berichtet: Statt die unwissenschaftlichen Falschbehauptungen von Faktenprüferïnnen checken zu lassen, bleiben sie unwidersprochen stehen – weil es sich um eine „Meinung” handle.

Be smart

Facebook vorzuwerfen, dass es tatenlos zusieht, wie die Plattform von Rechtsradikalen, Rassistïnnen und dem US-Präsidenten missbraucht wird, um Hass zu säen und die Gesellschaft zu spalten, wäre unfair:

  • In Briefing #643 haben wir ausführlich analysiert, was hinter Zuckerbergs Entscheidung steht, Trumps Beitrag nicht zu löschen, in dem dieser Plünderern mit Gewalt droht.
  • Unser Fazit: „Das kann man für falsch halten, aber es scheint seine Überzeugung zu sein, und nicht nur eine wirtschaftlich motivierte Haltung.”
  • Anfang der Woche veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht (PDF), demzufolge Facebook und Instagram illegale Hassrede, die gemeldet wurde, zuverlässiger löschen als YouTube und Twitter – worauf Facebook auch selbst aufmerksam machte.
  • Ebenfalls im Unternehmensblog finden sich die Ankündigung, dass Nutzerïnnen künftig politische Werbung ausblenden können (wir berichteten), ein Überblick der Maßnahmen, mit denen Facebook die schwarze Community unterstützen will (unter anderem mit 200 Millionen Dollar) und ein Beitrag zu einer neuen Funktion, die automatisch warnt, wenn man Inhalte teilen will, die mehr als drei Monate alt sind.

Das sind sinnvolle Initiativen. Die Frage ist nur: Werden sie reichen, um den Ruf der Plattform langfristig zu retten? Je näher die US-Wahl rückt, desto wilder dürfte es Trump treiben, desto größer dürften die Spannungen werden, desto schwerer wird es Facebook fallen, nicht zwischen den politischen Lagern zerrieben zu werden.

Nach wie vor drohen Regulierung und kartellrechtliche Ermittlungen, die Facebook härter treffen könnten als das öffentliche Pöbeln des US-Präsidenten. Und obwohl #StopHateForProfit nicht der erste Boykottaufruf ist, dem einige große Unternehmen folgen (2017 traf es etwa YouTube), sollte Facebook die Kampagne ernst nehmen.

Stephan Loerke, Chef der World Federation of Advertisers, glaubt jedenfalls, dass sich etwas verändert hat (Digiday):

What’s different this time is the nature of the issue and the level of concern I’m picking up with respect to the perception of social media platforms’ role in society at a time when society is divided and going through significant unrest.


Header-Foto von Charles Fair bei Unsplash


📌 Neue Website, neue Abo-Modelle

Liebe Kollegïnnen, liebe Abonnentïnnen, es gibt ein paar Neuigkeiten, die wir gern kurz mit Euch teilen möchten.

Zunächst einmal freuen wir uns riesig, dass wir Monat um Monat wachsen und kontinuierlich neue Leserïnnen in unseren Reihen begrüßen dürfen. Mehr als 1100 Menschen haben mittlerweile über Steady ein Abo abgeschlossen – die meisten davon sogar direkt für ein Jahr. Einfach großartig!

Auch finden immer mehr Firmen, Institutionen, NGOs, Vereine und Verbände ihren Weg zu uns. Zu den neuesten Abonnentïnnen gehören Kollegïnnen vom Hessischen Rundfunk, von Swisscom und von der Schöpflin Stiftung. Insgesamt freuen wir uns mittlerweile über mehr als 3000 zahlende Abonnentïnnen!

Neue Website

Um künftig einen besseren Service jenseits unseres Newsletters bieten zu können, haben wir in den letzten Wochen ordentlich gewirbelt und unsere Website neu aufgesetzt. Alles per Hand, ohne Agentur. Soweit sind wir dann doch noch nicht… Wer mag, schaut mal rein – Feedback ist gern gesehen.

Was die neue Website mitbringt:

  • Erstens möchten wir einen zentralen Ort anbieten, um alle Newsletter-Ausgaben auch Abseits der Email nachlesen zu können: socialmediawatchblog.de/archiv.
  • Zweitens möchten wir unseren Deep Dives mehr Raum geben: auf socialmediawatchblog.de/deep-dives führen wir daher künftig sämtliche Analysen separat auf.
  • Drittens haben wir unsere Artikel-Ebene aufgebohrt, um ein besseres Leseerlebnis und mehr Interaktionsmöglichkeiten zu bieten.

Zahlende Leserïnnen können selbstverständlich auf alle Inhalte unserer Website über ihr Steady-Login zugreifen. Wer das Abo über die Firma bezieht, kann sich gern bei uns für ein Login melden.

Neue Abo-Modelle: Steady, Soli, Teams

Wir haben nicht nur an unserer Website sondern auch an unseren Steady-Abos geschraubt und uns von der bisherigen Struktur – Ermäßigt, Profi, Förderer – verabschiedet.

Wir bieten stattdessen ab jetzt nur noch ein Abo via Steady an, das sich lediglich mit Blick auf Preis und Laufzeit unterscheidet: Hier geht es zur Abo-Seite.

Wichtig: Alle laufenden / bestehenden Abos bleiben davon selbstverständlich unberührt, sie laufen ganz normal weiter. Niemand muss in ein anderes Paket wechseln. Das neue Steady-Abo richtet sich an alle, die jetzt neu ein Abo abschließen möchten.

Das neue Abo, das via Steady angeboten wird, kostet:

  • 5 Euro / Monat bei Abschluss eines Jahresabos
  • 7,50 Euro / Monat bei monatlicher Laufzeit

Wie gewohnt erhalten zahlende Leserïnnen Zugriff auf den Newsletter, auf unsere Website und die Slack-Gruppe.

Ferner führen wir ein Soli-Abo ein, das für alle gedacht ist, die zwar gern unseren Newsletter lesen würden, sich aber ein kostenpflichtiges Abo aus welchen Gründen auch immer vorübergehend nicht leisten können.

Bei Interesse an einem Soli-Abo bitte einfach kurz eine Mail schreiben. No Worries: Niemand muss irgendwelche Bescheinigungen vorlegen.

Wer jedoch direkt ein Abo für das gesamte Team abschließen möchte, bekommt auf unserer neuen Team-Abo-Seite einen Überblick, wie die Team-Abos funktionieren.

Wir sind wirklich stolz, dass so viele Kommunikations- und Medienprofis unseren Briefings vertrauen und unsere Arbeit derart wertschätzen.

Vielen Dank
Tilman, Simon und Martin

19.6.2020 | Reuters-Report: Die wichtigsten Fakten, Trends und Lehren, Twitter testet Audio-Tweets, Facebook will 4 Millionen Wählerïnnen mobilisieren

Reuters-Report: Die wichtigsten Fakten, Trends und Lehren

Was ist:

Das Reuters-Institute der Universität Oxford hat den Digital News Report 2020 veröffentlicht. Wer wissen will, in welche Richtung sich die Medienbranche entwickelt, welche Rolle Social Media für den Journalismus spielen und wann die letzte Tageszeitung gedruckt wird, findet keine bessere Quelle. (Okay, an welchem Tag Print stirbt, wissen auch die Oxford-Forscherïnnen nicht.)

Wo sich das nachlesen lässt

Der Reuters-Report ist nicht nur informativ, er ist auch hervorragend aufbereitet – was ihn von vielen anderen Studien unterscheidet. Hier sind die Links:

Wer gefragt wurde

Den Großteil der Befragungen hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Januar und Februar 2020 durchgeführt. Im April befragten Oxford-Forscherïnnen weitere Menschen in sechs Ländern (UK, USA, Deutschland, Spanien, Argentinien und Südkorea), um den Einfluss der Corona-Krise auf den Nachrichtenkonsum zu untersuchen.

Insgesamt fließen in den Bericht die Antworten von mehr als 80.000 Menschen aus mehr als 40 Ländern ein. Die Ergebnisse sind für jedes Land repräsentativ, auch für Untergruppen (Alter, Geschlecht, Region, Bildung) soll die Stichprobe nach Angaben der Forscherïnnen noch groß genug sein.

Der vollständige Fragebogen kann hier heruntergeladen werden. Details zu Limitierungen und Datenqualität erläutert der YouGov-Chef David Eastbury.

Es gibt eine wichtige Einschränkung: Da es sich um eine Online-Befragung handelt, fließen nur Rückmeldungen von Menschen ein, die online sind – ältere und schlechter gebildete Gruppen könnten deshalb unterrepräsentiert sein. Auch deshalb ist der direkte Vergleich zwischen Ländern schwierig: In Norwegen sind 98 Prozent der Bevölkerung online, in Südafrika nur gut die Hälfte.

Was drinsteht

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Wir fassen an dieser Stelle nicht den gesamten Bericht zusammen, sondern konzentrieren uns auf Ergebnisse, die wir für besonders interessant halten oder die unsere Kernthemen berühren. Sofern vorhanden weisen wir die Zahlen für Deutschland separat aus.

Unabhängig von unserer Zusammenfassung empfehlen wir dir, dich auch mit dem vollständigen Report zu beschäftigen – zumindest, wenn du dein Geld im weitesten Sinn mit (sozialen) Medien verdienst.

  • Die Corona-Pandemie hat das Informationsbedürfnis in die Höhe schnellen lassen. In allen Ländern, in denen Befragung vor und nach Ausbruch des Virus’ durchgeführt wurden, ist der Medienkonsum deutlich angestiegen.
  • Am stärksten profitiert haben Fernsehen (+5 Prozentpunkte) und Social Media (+5), das Interesse an Radionachrichten hat während der Pandemie um zwei Prozentpunkte zugenommen, Printzeitungen haben dagegen eingebüßt (-2).
  • Deutschland hinkt den internationalen Trends hinterher. Das sieht man am Anteil der Menschen, die einmal pro Woche folgende Medien als Informationsquelle nutzen: TV 72%, Social Media 39%, Radio 41%, Print 26%.
  • Im internationalen Vergleich sind die klassischen Medien hierzulande über- und soziale Medien unterrepräsentiert. In Spanien nutzen etwa 63 Prozent Social Media für Nachrichten, in Argentinien gar 78 Prozent. In den USA ist es knapp die Hälfte.
  • Die Tendenz ist trotzdem auch in Deutschland eindeutig: Digital ersetzt gedruckt. 2013 informierten sich noch knapp zwei Drittel der Menschen mit gedruckten Zeitungen über das Weltgeschehen – sieben Jahre später ist es ein Viertel. Der Anteil der sozialen Medien hat sich dagegen mehr als verdoppelt.
  • Facebook ist tot? Zumindest nicht in Deutschland, wenn es um Information geht: 22 Prozent nutzen Facebook, um Nachrichten zu konsumieren – mehr als jede andere Plattform. Es folgen WhatsApp und YouTube (je 16%) sowie Instagram und Twitter (je 6%.
  • Klammert man den Fokus auf Nachrichten aus, dominiert WhatsApp (69%) vor YouTube (55), Facebook (49) und Instagram (25).
  • Die Zahlen unterscheiden sich aber stark nach Altersgruppe. Bei den 18-24-Jährigen sieht die Verteilung komplett anders aus: Facebook (40% allgemeine Nutzung, 16% als Nachrichtenquelle) ist weniger relevant, es dominieren YouTube (71%/24%), WhatsApp (74%/14%) und Instagram (59%/20%).
  • Fast jeder vierte junge Erwachsene nutzt Snapchat, in den anderen Altersgruppen spielt die Plattform dagegen so gut wie gar keine Rolle. WhatsApp ist der einzige Kommunikationskanal, der in allen Altersschichten gleichermaßen verbreitet ist.
  • Interessant sind auch die Antworten in Bezug auf die Corona-Krise. 38 Prozent der 18-24-Jährigen in Deutschland nutzen demnach Instagram, um sich über das Coronavirus zu informieren (Snapchat: 10%, TikTok: 8%). Alle Plattformen haben im Zuge der Pandemie an Bedeutung gewonnen.
  • Die Zahlungsbereitschaft ist gestiegen, allerdings auf geringem Niveau. In Deutschland haben im vergangenen Jahr nur zehn Prozent Geld für digitalen Journalismus ausgegeben.
  • Der Unterschied zwischen Männern (14%) und Frauen (5%) ist allerdings so groß, dass wir uns kurz gefragt haben, wie verlässlich die Umfrage sein kann. Eine mögliche Erklärung: In vielen Familien laufen Abonnements über das Konto der Männer.
  • Zumindest eine Tendenz kann Medienmacherïnnen Mut machen: je jünger die Befragten, desto mehr bezahlen – es wachsen also Digitalabonnentïnnen nach.
  • Die Einschränkung folgt gleich im Anschluss: 88 Prozent der über 55-Jährigen halten unabhängigen Journalismus unerlässlich für das Funktionieren einer Gesellschaft. Bei den 18- bis 24-Jährigen sagen das nur 56 Prozent.
  • Genauer wurde die Zahlungsbereitschaft für die USA, Großbritannien und Norwegen abgefragt. Die Unterschiede sind enorm: 45 Prozent der Befragten in Norwegen geben Geld für digitalen Journalismus aus, mehr als in jedem anderen Land.
  • Fast überall gilt aber: Wenn überhaupt, dann zahlen Menschen nur für ein Medium. Wenige große Verlage teilen sich den Markt auf, in den USA sind das die New York Times und die Washington Post – der Bericht nennt es einen „Winner-Takes-Most Market”. Für regionale Medien sind das schlechte Nachrichten.
  • Immerhin sagen 54 Prozent der Befragten in Deutschland, dass sie ihre Lokalzeitung vermissen würden, wenn es sie nicht mehr gäbe – mehr als in jedem anderen Land. Allerdings haben Zuneigung und Sentimentalität allein noch keinen Verlag gerettet.
  • Weltweit ist die Furcht vor Desinformation groß und das Vertrauen in Medien eher gering. Ereignisse, die zur Polarisierung der Gesellschaft führen (etwa die Wahl von Donald Trump oder der Brexit, aber auch die Massenproteste in Hongkong und Chile) lassen das Medienvertrauen meist sinken.
  • In Deutschland bleibt das Vertrauen im internationalen Vergleich aber hoch: Mehr als zwei Drittel vertrauen der Tagesschau und dem Heute-Journal, auch Zeit, SZ, FAZ und Spiegel genießen großes Vertrauen (57-60%). Nur zwei von zehn Befragten vertrauen der Bild-Zeitung – hier dürfte die soziale Erwünschtheit aber auch eine Rolle spielen.
  • Die meisten Menschen in Deutschland verlassen sich offenbar auf ihre eigene Informationskompetenz: 45 Prozent halten Nachrichten im Allgemeinen für glaubwürdig, 59 Prozent sagen das für Nachrichten, die sie selbst konsumieren. Dunning-Kruger-Effekt (Wikipedia) und Confirmation Bias (Wikipedia) lassen grüßen.
  • Nur 37 Prozent der Befragten in Deutschland machen sich Sorgen über Falschnachrichten. In den USA sind es zwei Drittel, in Brasilien gar 84 Prozent. Inländische Politikerïnnen werden am ehesten als Verbreiter von Desinformation angesehen – vier Mal so oft wie ausländische Geheimdienste (40% zu 10%).
  • Vier von zehn Befragten halten Social Media für den Ort, an dem sich Fehlinformationen am ehesten verbreiten. 20 Prozent sagen das über Nachrichtenseiten, 14 Prozent über Messenger, zehn Prozent über Suchmaschinen.
  • Etwas zugespitzt ausgedrückt: Mehr Menschen vertrauen den Informationen, die sie über WhatsApp erhalten, als den Artikeln, die sie bei Online-Medien lesen.
  • Weltweit wünscht sich eine Mehrheit der Menschen, dass Medien auch über falsche Aussagen, die Politikerïnnen behaupten – unabhängig davon, dass sie damit deren Reichweite vergrößern. Allerdings will gleichzeitig ein Großteil der Befragten, dass Plattformen politische Anzeigen blockieren, die irreführende Behauptungen oder Lügen enthalten.
  • In fast allen Ländern gibt es ein großes Bedürfnis nach neutralen Nachrichten. Besonders stark ausgeprägt ist es in Deutschland: 80 Prozent der Befragten bevorzugen Nachrichten von Quellen, die ohne Meinung daherkommen.

Was sich daraus lernen lässt

  • Das Coronavirus hat viele Entwicklungen beschleunigt, die sich seit Jahren abzeichnen. Journalismus wird digital, mobil und verlagert sich auf Plattformen und Aggregatoren.
  • Für viele Verlage, die in erster Linie mit Reichweite Geld verdienen, ist das ein großes Problem. Anzeigenerlöse sinken, Traffic allein bedeutet noch keinen Umsatz und ist kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell.
  • Es braucht loyale Nutzerïnnen mit hoher Markenaffinität, die bereits sind, für Journalismus zu bezahlen. Das tun sie selten für reine Informationen, sondern eher für Exklusives, Einordnungen und Analysen.
  • Podcasts und Newsletter bieten eine große Chance (Nieman Lab), Menschen enger an sich zu binden. New York Times und Washington Post bieten bereits jeweils mehr als 70 unterschiedliche Newsletter zu allen möglichen Themengebieten an.
  • Was früher vor allem automatisierte Massen-E-Mails waren, ist jetzt ein eigenständiges Genre, das oft renommierte Autorïnnen übernehmen und so Persönlichkeit in die Ansprache der Leserïnnen bringen.
  • Bei Podcasts sieht es ähnlich aus: Hörerïnnen bauen eine engere Bindungen zu einzelnen Journalistïnnen auf und erreichen zudem eine vergleichsweise junge Zielgruppe.
  • Beide Formate können helfen, unabhängiger von den Algorithmen der Plattformen und Aggregatoren zu werden – eine der größten und wichtigsten Herausforderung, vor der Medien im Jahr 2020 stehen.
  • Generell gilt: Go big or go niche. Der Markt für General-Interest-Nachrichten wird zunehmend von wenigen großen Verlagen dominiert, die fast alle Digitalabonnentïnnen unter sich aufteilen (mehr dazu bei Piqd).
  • Daneben gibt es einen Markt für hochspezialisierte Nischenmedien, die über bestimmte Themen detaillierter und ausführlicher berichten, als das die meisten großen Verlage können. Auch dafür sind Menschen bereit, Geld auszugeben.
  • Wer ein erfolgreiches journalistisches Bezahlangebot aufbauen will, sollte sich diesen Twitter-Thread durchlesen. Drei Stichpunkte: Qualität der Inhalte, Einfachheit des Bezahlens, Mobile First.

Be smart

Rasmus Kleis Nielsen, der Direktor des Reuters-Institut, sagt über die Studie:

"We see clear evidence that distinct, premium news publishers are able to convince a growing number of people to pay for quality news online. But most people are not paying for online news, and given the abundance of freely available alternatives, it is not clear why they would. Only truly outstanding journalism can convince people to pay."

Im Moment bezahlen 1126 Menschen und 52 Unternehmen für diesen Newsletter und ermöglichen es uns, unseren eigenen, kleinen Medientraum zu leben: keine Plattformen, keine Verlage, nur ein paar E-Mails und treue Abonnentïnnen. Dafür sind wir dankbar.


Twitter testet Audio-Tweets

Was ist:

Twitter führt Audio-Tweets ein. Zunächst zwar nur für ausgewählte iOS-Nutzerïnnen, ein kompletter Rollout dürfte aber bald folgen.

Warum ist das interessant?

Während Sprachnachrichten bei Messengern essentieller Bestandteil der Kommunikation sind, gibt es bei den etablierten Social-Media-Angebote bislang keine Möglichkeit, Audio-Posts zu verfassen. Twitter betritt hiermit also Neuland.

Wie funktionieren die Audio-Tweets?

  • Wie die Audio-Tweets funktionieren, erklärt Twitter hier.
  • Kurz in eigenen Worten: Beim Verfassen eines Tweets auf das Voice-Icon klicken, auf Aufnahme drücken, sprechen, fertig.
  • Ein Audio-Tweet kann bis zu 140 Sekunden lang sein.
  • Falls die Nachricht länger sein sollte, wird Twitter die Nachricht automatisch auf maximal 25 Tweets aufteilen.
  • Macht also insgesamt 3500 Sekunden, bzw. 58 Minuten. Wahnsinn!
  • Ob ein Audio-Tweet mit Text (Hashtags!) versehen wird oder nicht, kann sich der User aussuchen.
  • Allerdings lassen sich Audio-Tweets nicht als Replies oder Retweets mit Kommentar nutzen. (Hater & Trolle 🖕🏻)

Gründe für die Einführung

Mögliche Probleme

  • Die Moderation der Inhalte könnte sich bei Audio-Posts als problematisch erweisen, da die Content-Moderations-Maschinen bislang vor allem darauf programmiert sind, Texte zu erfassen.
  • Zudem besteht eine Gefahr hinsichtlich Urheberrechtsverletzungen.
  • Auch könnten Voice-Posts, die ja darauf abzielen, persönlicher zu sein, womöglich noch verletztender wirken. Ob Trolle und Hater das neue Feature aber wirklich für sich entdecken, bleibt abzuwarten. Unsere persönliche Filterblase zeigt sich da jedenfalls skeptisch (@pkreissel / @luca).
  • Ferner gilt es natürlich das Thema Desinformation gesondert in den Blick zu nehmen: Wie will Twitter verhindern, dass Menschen via Sprachnachrichten irreführende Botschaften verbreiten? Vor allem, wenn Twitter-Nutzerïnnen mitnichten nur Englisch sprechen.

Ob Twitters Sprachnachrichten ein Erfolg werden können?

  • Klar, warum nicht? Sicherlich werden sie Twitters Textlastigkeit nicht beenden. Sehr wohl können sie aber eine Bereicherung darstellen – etwa um Gedanken ausführlicher darzulegen.
  • Auch ist Audio für viele ganz grundsätzlich ein Thema momentan. Manchen Mitmenschen scheinen ihre Earbuds ja mittlerweile regelrecht ans Ohr gewachsen zu sein 🙈
  • Und wer hat in letzter Zeit wirklich mal einen jungen Menschen tippen sehen? Tappen, Fotografieren und Quatschen lauten die drei Disziplinen, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben.
  • Zudem führen neue Features häufig zu neuen Formaten. Wenn Twitter durch die Einführung von Audio-Posts neue Künstlerïnnen hervorbringt, die sich über Sprache, Gesang, Musik oder Audio-Arrangements bei Twitter ausdrücken: wunderbar!
  • Was wir uns persönlich wünschen würden: Voice-Posts sollten auch bei Direktnachrichten eingeführt werden.

Be smart

Facebook hatte bereits im August 2018 in einem Blogpost erklärt, sie würden derzeit in Indien und Indonesien Audio-Posts für Stories und News Feed testen. Was aus dem Test geworden ist, haben wir leider nie erfahren. Die Vermutung liegt aber nahe, dass wir ganz ähnliche Features bald auch bei Facebook und Instagram sehen könnten. Die Technik ist bereits vorhanden.


Social Media & Politik

  • Facebook will 4 Millionen Wählerïnnen mobilisieren: Um das Ziel zu erreichen, hat das Unternehmen über einen Debattenbeitrag von Mark Zuckerberg in USA Today eine Menge neuer Features angekündigt. Vor allem das Voting Information Center springt dabei ins Auge, knüpft Facebook doch damit nahtlos an das Corona Info Portal an, das allen Nutzerïnnen ganz oben – und damit maximal prominent – im News Feed angezeigt wurde. Dass Plattformen wie Facebook, Wählerïnnen mobilisieren, ist nicht unumstritten (Republik). Schließlich ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar, wen die Unternehmen am Ende wirklich ansprechen.

  • Facebook bietet an, politische Werbung auszuschalten: Während Twitter ja bereits seit November 2019 überhaupt keine politische Werbung mehr zulässt, gab es bei Facebook jüngst jede Menge Diskussionen um das Thema. Spannend also, dass Facebook sich nun entscheidet, Nutzerïnnen das Opt-out zu gewähren (Techcrunch). Übrigens: Was zunächst einmal unproblematisch anmutet, ist für Parteien, die auf Wahlwerbung bei Facebook angewiesen sind, ein echtes Problem. Die Donald Trumps dieser Welt interessiert das womöglich nicht sonderlich – sie erzielen über ihre Posts so oder so genug Reichweite.

Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Zwischen-Stories: Als wäre der Stories-Space bei Instagram nicht eh schon viel zu crowded, testet das Unternehmen jetzt, ob zwischen einzelnen Stories Hinweise auf neu zu entdeckende Accounts verfangen. Urggs.

Pinterest

  • Story Pins: Pinterest wagt sich nun doch an seine eigene Interpretation des Story-Formats. Die sogenannten Story Pins sollen aber weniger lose Sammlung von Eindrücken oder Fundstücken sein. Vielmehr möchte Pinterest mittels Story Pins das Thema DIY aufgreifen und Nutzerïnnen ermutigen, Anleitungen zu posten. Analog zu dem, was Google mit Tangi und Facebook mit Hobbi vorhaben. (Alles Techcrunch-Links)

Google

  • Keen: Auch Google leistet sich eine Abteilung, die immer mal wieder testweise neue Apps und Services launcht. Dieses Mal wartet das Team von Area 120 mit einer Art automatisierten Pinterest auf: Keen lädt Nutzerïnnen dazu ein, bestimmte Rubriken auszuwählen, für die man sich interessiert, um dann das Netz zu durchforsten und Collections zum Thema anzulegen. Wie gesagt: Pinterest. Nur eben via Machine Learning.

Flipboard

  • Storyboards: Apropos Collections: Auch für Flipboard ist das ein Thema. Publisher können jetzt Artikel und Videos sammeln, um z.B. Best-ofs zu einem bestimmten Thema zu gestallten. Sie nennen es Storyboards. Hier ein Beispiel, wie das aussehen kann.

Facebook

  • Shareable Collections: Last but not least baut Facebook ebenfalls sein Collection-Feature testweise aus und ermutigt Nutzerïnnen, ihre persönlichen Collections (also Stuff, den sie bei Facebook gefunden und gebookmarkt haben) mit Dritten zu teilen (Techcrunch).
  • Gruppen können nicht mehr von Privat auf Public switchen, erklärt Facebook in einem Blogpost, der im Rahmen ihrer neuen Transparenz-Bemühungen erschienen ist: Privacy Matters.

Over and out 🤓


Header-Foto von James Eades bei Unsplash


Start der Corona-Warn-App, Facebooks Journalismus-Watsche, schlechte Prognose für Quibi

Die Corona-App ist da: Was sie kann – und was nicht

Was ist

Seit Dienstagmorgen steht die offizielle "Corona-Warn-App" in den App-Stores von Apple und Google bereit. Man kann sie herunterladen, installieren und nutzen.

Und wir glauben: Es spricht wenig dagegen, das zu tun. In diesem Briefing erklären wir, warum wir die Corona-App trotz einiger Bedenken empfehlen. Davor werfen wir aber einen Blick zurück:

Was war

Im Laufe der vergangenen Monate haben wir das Thema intensiv begleitet. Es passt zwar nicht ganz zu unserem Namen (das R in Tracing steht für Social Media), fällt aber direkt in unsere Kernkompetenz: ein komplexes digitales Phänomen an der Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Gesellschaft erklären, das große Tech-Unternehmen involviert und Fragen des Datenschutzes und der IT-Sicherheit aufwirft.

Unter anderem sind wir ausführlich auf Risiken, Nebenwirkungen und die begrenzte Wirksamkeit von Tracing-Apps eingegangen:

  • Was aus der deutschen Contact-Tracing-App geworden ist (#641)
  • Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will (#634)
  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Die Inhalte dieser Briefings setzen wir als bekannt voraus und gehen deshalb nicht erneut auf die Funktionsweise, den Unterschied zwischen zentraler und dezentraler Lösung und den heftigen Richtungsstreit ein, den sich Forscherïnnen geliefert haben.

Stattdessen versuchen wir, die Stärken und Schwächen der neuen Corona-App darzulegen, damit du selbst entscheiden kannst, ob du sie nutzen willst.

Was die App schlecht macht

  • Sie läuft nicht auf allen Smartphones. Apple und Google setzen iOS 13.5 bzw. Android 6.0 voraus – für ältere Versionen der Betriebssysteme stehen die entsprechenden Bluetooth-Schnittstellen nicht zu Verfügung.
  • Android-Nutzerïnnen müssen die Google-Play-Dienste aktivieren. Auch das verkleinert die Zielgruppe: Neue Huawei-Geräte oder Google-freie Android-Versionen wie LineageOS bleiben außen vor.
  • Nutzerïnnen müssen mindestens 16 Jahre alt sein. Jüngere Kinder und Jugendliche bräuchten eine dokumentierte Einwilligung der Eltern – das steht im Widerspruch zur pseudonymen Nutzung.
  • Nochmal anders sieht es in den App-Stores aus: Apple setzt mindestens 17 Jahre voraus, Google nennt gar keine Altersbeschränkung. Das ist aber nur theoretisch: Bei der Installation wird das Alter aber nicht abgefragt oder geprüft. Ob und wie die App in Schulen eingesetzt wird, ist derzeit noch unklar.
  • Auch wer im Ausland lebt oder sein Apple- oder Google-Konto aus anderen Gründen nicht auf Deutschland eingestellt hat, kann die App nicht installieren.
  • Mittelfristig wollen Telekom und SAP das System mit den Tracing-Apps anderer europäischer Länder verknüpfen, damit Nutzerïnnen grenzüberschreitend gewarnt werden können.
  • Aktuell funktioniert das aber noch nicht, und es wird wohl auch noch etwas dauern. Bereits eine App zu entwickeln, ist komplex – Interoperabilität herzustellen, ist ein Mammutprojekt.
  • Die App verwirrt und irritiert manche Android-Nutzerïnnen: Obwohl sie ausdrücklich keine Positionsdaten aufzeichnet oder speichert, muss man den Standortzugriff aktivieren.
  • Das liegt aber nicht an den Entwicklerïnnen, sondern an Android. Google koppelt die beiden Berechtigungen für Bluetooth und den Standortzugriff, deshalb ist eine Freigabe nötig (Spiegel).
  • Weil noch nicht alle Testlabore in der Lage sind, QR-Codes auszuhändigen, müssen manche Infizierte ihre Diagnose über eine Telefon-Hotline bestätigen. Das ist nicht nur Symptom eines Gesundheitssystems, das die Digitalisierung verschlafen hat, sondern auch ein potenzielles Einfallstor für Trolle.
  • Ein Begleitgesetz, wie es etwa die Grünen (PDF) und Bürgerrechtlerïnnen (Netzpolitik) fordern, lehnt die Regierung bislang ab. Das ist schade, weil es nicht nur sinnvoll wäre, die Nutzung der Daten gesetzlich zu regeln – es könnte auch zusätzliches Vertrauen schaffen und Skeptikerïnnen beruhigen.
  • Hinzu kommen natürlich grundlegende Einschränkungen der Tracing-Technologie, die wir in Briefing #630 beschrieben haben – etwa die mangelnde Genauigkeit des Bluetooth-Standards, mit dem Entfernungen eher geschätzt als gemessen werden.
  • Bei der Corona-Warn-App soll die Fehlerquote 20 Prozent betragen (Golem). Das wäre deutlich besser als ursprünglich befürchtet und würde dennoch etliche Fehlalarme bedeuten. In diesem Fall sehen wir es aber ähnlich wie Jens Spahn: „Lieber einmal zu viel testen als einmal zu wenig.”
  • Ein weiteres Gegenargument, das wir selbst genannt hatten, greift dagegen nur eingeschränkt: der bestenfalls überschaubare Nutzen bei geringem Nutzunsgrad – mehr dazu im nächsten Kapitel:

Was die App gut macht

  • Sie braucht weniger Nutzerïnnen als angenommen, um zumindest dazu beizutragen, die Pandemie zu bekämpfen. Etliche Medien, darunter auch wir selbst, hatten im Laufe der vergangenen Monate eine Studie der Universität Oxford zitiert und dabei einen Satz herausgegriffen: „Unsere Modelle zeigen, dass wir die Epidemie stoppen können, wenn etwa 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen.”
  • Das Zitat geht aber noch weiter: „… und selbst bei einem geringeren Anteil gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt.”
  • Nachdem vor einigen Tagen Heise darauf aufmerksam machte, habe ich mit Lucie Abeler-Dörner gesprochen (SZ), die an der Untersuchung beteiligt war. Sie sagt: „Unsere Simulationen zeigen, dass die App anfängt zu wirken, sobald 15 Prozent der Bevölkerung mitmachen. (…) In unserem Modell verhindern jeweils ein bis zwei Menschen, die die App nutzen, eine Neuansteckung.”
  • Natürlich gilt nach wie vor: Je mehr Menschen die App einsetzen, desto wirksamer ist sie. Aber es braucht eben keinen illusorisch hohen Anteil, der vermutlich ohnehin nie erreicht würde. Immerhin: Bereits am Dienstagabend verzeichnete die App mehr als zwei Millionen Downloads (ZDF).
  • Das liegt sicher auch an der guten Arbeit, die die Entwicklerïnnen leisteten – und die sich in entsprechend wohlwollenden Schlagzeilen niederschlägt.
  • Nachdem manche Medien in der Vergangenheit oft verkürzt oder alarmistisch berichteten, ist die Resonanz nun überwiegend positiv. Für viele Menschen dürfte das ein wichtiges Entscheidungskriterium sein.
  • Aus unserer Sicht ist der Zuspruch gerechtfertigt. Wir haben in den vergangenen Tagen mit mehreren IT-Sicherheitsexpertïnnen und Datenschützerïnnen gesprochen. Die Kritikpunkte sind minimal, fast alle loben den transparenten Entwicklungsprozess und die hervorragende Dokumentation auf Github.
  • Selbst der CCC, der „aus grundsätzlichen Erwägungen noch nie ein Produkt oder eine Dienstleistung empfohlen” hat, kommt einer Empfehlung so nah wie möglich.
  • Die Hackerïnnen hatten angekündigt, bei Bedenken vor der App zu warnen. Sie tun es nicht. Stattdessen loben sie die Transparenz der Entwicklung: „Die App ist das erste große öffentlich finanzierte Open Source Projekt in Deutschland”, sagt Sprecher Linus Neumann. „Da kann sich die Bundesregierung doch auch mal auf die Schulter klopfen.”
  • Was die Datenschutzbedenken angeht, halten wir es mit Markus Beckedahl (Netzpolitik): „Wer Whatsapp auf dem eigenen Smartphone installiert hat, schenkt Facebook (und wahrscheinlich der NSA) viel detailliertere Daten über die eigenen sozialen Verbindungen, als es diese App jemals könnte.”
  • Auch die Kritik von Digitalcourage, der TU Darmstadt, und des TÜVs liefert unserer Einschätzung nach keine wesentlichen Argumente gegen die App. Die Sicherheitslücken sind relativ theoretischer Natur und stellen keine Gefahr für die Daten einzelner Nutzerinnen dar.
  • Wir nutzen die App seit Dienstagmorgen und haben sie bislang erst zwölf Stunden im Einsatz. Deshalb können wir noch nicht seriös abschätzen, wie sie sich auf die Akkulaufzeit auswirkt.
  • Auf Grundlage des heutigen Tages können wir aber sagen: Ob mit oder ohne App, ein Google Pixel 4 XL hält locker bis zum Abend durch, wenn man nicht ständig draufstarrt. Die gelegentlichen Bluetooth-Scans im Hintergrund haben keinen merklichen Einfluss auf den Energieverbrauch.
  • Was wir dagegen mit Sicherheit sagen können: Die App ist einfach aufgebaut, intuitiv zu bedienen und erklärt die wichtigsten Funktionen von selbst – eindeutig (Groß-) Elternkompatibel.
  • Wer sich für die Nutzung entscheidet, geht kein Risiko ein: Man kann das Tracing jederzeit deaktivieren oder alle Daten löschen. Da alles zunächst nur lokal gespeichert wird, kann niemand davon erfahren. Das sollte selbst Aluhutträgerïnnen beruhigen.
  • Nach einer positiven Diagnose kann man frei entscheiden, ob man das Testergebnis und seine pseudonyme ID freigibt, damit mögliche Kontaktpersonen benachrichtigt werden können. Jeder Schritt ist absolut freiwillig, es gibt weder Zwang noch sanftes Nudging, etwa durch finanzielle Vorteile für Menschen, die die App nutzen.
  • Wir hoffen sehr, dass das so bleibt: Umfragen zeigen (SZ), dass die Akzeptanz der Maßnahme vor allem von zwei Kriterien abhängt: Datensicherheit und Freiwilligkeit. Politikerïnnen, die daran rütteln, zerstören Vertrauen und Schaden der Sache.
  • Last but not least: Die App eignet sich für Witze – für richtig gute Witze. Wir zitieren den geschätzten Watchblog-Abonnenten Ralf Heimann, der mit seinem Tweet den Sparwitz von Jan Böhmermann eindeutig aussticht: „Die Corona-App ist im Grunde wie Tinder rückwärts. Erst trifft man sich. Dann meldet die App ein Match. Und kurz darauf fühlt man sich sehr einsam.”

Be smart

Es ist gut, dass alle Menschen selbst entscheiden können, ob sie die App nutzen möchten. Wir können und wollen niemand überzeugen oder gar drängen.

Zumindest unsere Entscheidung haben wir aber bereits getroffen. Der wichtigste Grund dafür steht in diesem Kommentar, den ich für die SZ geschrieben haben:

"Für den Einzelnen ist das Risiko gering, für die Gesellschaft ist die Chance groß. Keine Technologie der Welt wird eine Pandemie im Alleingang aufhalten, aber selbst wenn sie nur einen geringen Beitrag leistet, waren die 20 Millionen Euro Entwicklungskosten gut investiert. Wer die Warnungen beherzigt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere: Kranke, Alte und Menschen, die keine geeigneten Smartphones besitzen."


Digital News Report

Aus gesundheitlichen Gründen und wegen anderer beruflicher Verpflichtungen konnten wir uns den Digital-News-Report, den das Reuters-Institut am Dienstag veröffentlicht hat, bislang nur oberflächlich ansehen. Natürlich könnten wir die Executive Summary von der Oxford-Webseite abschreiben, aber das entspricht nicht unserem Anspruch an uns selbst: Wenn wir etwas machen, dann richtig. Deshalb lesen wir den Report heute in Ruhe und veröffentlichen Donnerstagmorgen einfach direkt das nächste Briefing, in der wir die wichtigsten Fakten und Trends herausgreifen. ✌🏻


Social Media & Politik

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  • BlackLivesMatter 1: Instagram möchte nicht nur reden, sondern auch handeln. Deshalb überprüft das Unternehmen, inwieweit seine Regeln in den Bereichen Harrassment, Account Verification, Distribution & Algorithmic Bias womöglich schwarze Kreative benachteiligen.

Social Media & Journalismus

  • Facebook braucht keine News & wird auch nicht für sie bezahlen: Australien wollte gern, dass Facebook (und Google) für Nachrichten zahlt, die auf der Plattform zu finden sind. Facebooks Antwort (PDF) hat sich gewaschen:

"We welcome the opportunity to provide more information about the value exchange between Facebook and Australian news publishers. This consideration should be informed by empirical and objective analysis, as the available evidence to date does not necessarily indicate that the value exchange favours Facebook. For example, we made a change to our News Feed ranking algorithm in January 2018 to prioritise content from friends and family. These changes had the effect of reducing audience exposure to public content from all Pages, including news. Notwithstanding this reduction in news content on our services, the past two years have seen an increase in people engaging on our services and increased revenues, suggesting both that news content is highly substitutable with other content for our users and that news does not drive significant long-term commercial value for our business…"

"If there were no news content available on Facebook in Australia, we are confident the impact on Facebook’s community metrics and revenues in Australia would not be significant, because news content is highly substitutable and most users do not come to Facebook with the intention of viewing news. But the absence of news on Facebook would mean publishers miss out on the commercial benefits of reaching a wide and diverse audience, and social value would be diminished because news would be harder to access for millions of Australians."

Zack! Was für eine Watsche. Wer sich direkt näher mit dem Thema beschäftigen möchte, dem seien die Artikel im Guardian und bei Splice Media empfohlen. Ansonsten werden wir aber in einer der kommenden Ausgaben auch noch einmal einen genaueren Blick auf das Thema richten.


Video Boom

  • Schlechte Prognose für Quibi: Laut Wall Street Journal wird Quibi bei der aktuellen Entwicklung der Nutzerzahlen lediglich 2 Millionen Subscriber am Ende des Jahres verbuchen – geplant waren eigentlich 7,4 Millionen. Kein Wunder, dass da die Fetzen fliegen. Insbesondere die beiden Chefs – Jeffrey Katzenberg (US-amerikanischer Filmproduzent und Mitbegründer von DreamWorks) und Meg Whitman (ehemalige Präsidentin von Hewlett-Packard) sollen enorme Probleme miteinander haben, heißt es. Keine gute Grundlage, um einen ̶t̶̶u̶̶r̶̶n̶̶s̶̶t̶̶y̶̶l̶̶e̶ Turnaround hinzubekommen.

Follow the money

  • Influencer Matching: Plattformen sind sehr daran interessiert, dass Unternehmen passende Influencer finden, um mit ihnen Kampagnen zu starten. Facebook und Instagram haben ihr Brands Collab Manager Tool, TikTok hat seinen Creator Marketplace. Auch YouTube möchte bei der Vermittlung von Kreativen jetzt eine größere Rolle spielen und relauncht daher sein bereits bestehendes Angebot FameBit als YouTube BrandConnect.
  • WhatsApp Payments startet in Brasilien: Nach monatelangen Diskussionen und Probeläufen startet WhatsApp tatsächlich sein Bezahl-Feature (FB Newsroom). Zunächst können Nutzerinnen in Brasilien auf die neue Funktion zugreifen und sich über den Messenger auf der Grundlage von Facebook Pay Geld schicken. Für die private Nutzung werden keine Gebühren fällig, Businesses zahlen 3,99 Prozent Gebühren, wenn sie Geld empfangen. Techcrunch hat die ganze Geschichte.


Studie

  • Nacktfotos bevorzugt: Eine Studie von AlgorithmWatch und dem European Data Journalism Network legt nahe, dass Instagram Fotos leicht bekleideter NutzerInnen priorisiert. Zwar sei es ohne Zugang zu Facebooks internen Daten unmöglich, endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen. Ihre eigenen Beoachtungen ließen allerdings kaum einen anderen Schluss zu – mit ernsten Konsequenzen für die User:

"Refusing to show body parts dramatically curtails one’s audience. Male and female entrepreneurs must abide by the rules set by Facebook’s engineers if they want to stand a chance of making a living."


Schon einmal im Briefing davon gehört


Neues von den Plattformen

YouTube

  • Creator Mixes, Channel Customization: YouTube arbeitet an neuen Möglichkeiten, damit Kreative mehr aus ihrem Auftritt rausholen. So können User laut Creator Insider zum einen künftig ihren Kanal noch stärker individualisieren, zum anderen führt YouTube jetzt flächendeckend die Option sogenannter Creator Mixes ein – eine für jeden Nutzer individuell zusammengestellte Best-of-Playlist des Kanals.

ByteDance

Facebook

  • New Portal Features: Falls jemand aus der Runde einen Portal besitzt, bitte melden! Wir wären wirklich daran interessiert zu hören, was Portal im Alltag taugt. Facebook jedenfalls arbeitet kräftig weiter am Produkt und erweitert die Feature-Palette (FB Newsroom) um Messenger Rooms, neue Hintergrund-Optionen, Voice-Commands, AR-Effekte und Live-Broadcast-Optionen.

Header-Foto von John Cameron bei Unsplash


TikTok: Gekommen, um zu bleiben

Was ist

Der große Hype um TikTok ist vorbei. Jede Zeitung hat ihren obligatorischen „Was Sie über die neue App wissen müssen, auf die ihre Kinder gerade abfahren”-Artikel veröffentlicht. Doch das Ende der TikTok-Explainer für Eltern bedeutet nicht das Ende von TikTok – im Gegenteil:

  • Statt über die App und den Entwickler ByteDance zu berichten, schreiben Medien mittlerweile ganz selbstverständlich über die Kultur und die Inhalte der Plattform, die für viele junge Menschen Teil ihres Social-Media-Alltags geworden sind.
  • Das gilt nicht nur für Beat-Reporterïnnen wie Taylor Lorenz, die für die New York Times so tief in die Netzkultur eintaucht wie kaum jemand sonst.
  • Selbst die FAZ spricht mit Younes Zarou und Onkel Banjou und nennt die beiden einfach nur „TikTok-Influencer” – ohne einmal zu erklären, wer oder was dieses TikTok überhaupt sein soll.

Warum das wichtig ist

Wer dieses Briefing liest, weiß seit langem, dass TikTok mehr ist als ein kurzfristiges Social-Media-Phänomen. Wir haben unter anderem:

  • im Februar 2019 die Gründe für den Erfolg der App erklärt (#524).
  • im März 2019 bei 1Live nachgefragt, die als einer der ersten großen deutschen Medienanbieter auf TikTok präsent waren (#533).
  • im August 2019 den TikTok-Algorithmus unter die Lupe genommen (#573).
  • im September 2019 über geleakte Richtlinien für Content-Moderation berichtet (#582).
  • im November 2019 den TikTok-Account der Tagesschau ausführlich vorgestellt (#594).
  • gegen Ende des Jahres gleich dreimal nacheinander den Blick auf Zensurvorwürfe, fragwürdige Moderationsregeln, Datenschutzverstöße und andere unerfreuliche Nachrichten geworfen (#596, #597, #598).
  • im Februar 2020 zehn Dinge beschrieben, die TikTok von seinen Konkurrenten abhebt (#613).

Doch während der Corona-Krise hat sich TikTok endgültig als weiteres Schwergewicht im Plattform-Boxring etabliert – und zwar als eines, das auf absehbare Zeit nicht k.o. gehen wird, obwohl YouTube, Snapchat und vor allem Facebook alles daran setzen, einen Kinnhaken anzubringen.

Seitdem Facebook den rasanten Aufstieg von Snapchat stoppte, indem es alle Funktionen kopierte und Instagram als Konkurrenten aufbaute, herrschte ein Kräftegleichgewicht. Wenn TikTok weiter wächst, könnte das den westlichen Social-Media-Markt durcheinanderwirbeln. Das betrifft nicht nur die konkurrierenden Unternehmen, sondern alle, die soziale Netzwerke privat oder beruflich nutzen.

Wie sich der Erfolg von TikTok äußert

Es gibt eine Reihe von Zahlen und Entwicklungen, die verdeutlichen, dass ByteDance weiß, was es tut:

  • Viele Start-ups verbrennen jahrelang Geld und vertrauen darauf, das sie schon irgendwann ein Geschäftsmodell finden werden. Bis dahin leben sie von Risikokapital. Oft genug geht das schief.
  • Auch ByteDance fährt eine ultra-aggressive Expansionsstrategie und gibt viel Geld für Anzeigen aus, die es bei seinen direkten Rivalen Facebook, Instagram und Snapchat schaltet.
  • Doch TikTok und sein chinesisches Pendant Douyin werfen Gewinn ab: Im vergangenen Jahr verdiente ByteDance drei Milliarden Dollar (Bloomberg) bei einem Umsatz von 17 Milliarden.
  • Im ersten Quartal 2020 wurde TikTok 315 Millionen Mal heruntergeladen (Forbes) – öfter als je eine andere App in einem solchen Zeitraum.
  • In den USA, Großbritannien und Spanien verbringen Kinder zwischen vier und 15 Jahren mittlerweile 80 Minuten pro Tag mit TikTok (#644). Damit hat die App YouTube fast schon eingeholt.
  • Lange Zeit galt TikTok als reine Unterhaltungsplattform. Das ist längst passé: Videos mit den Hashtags #BlackLivesMatter und #GeorgeFloyd wurden jeweils mehrere Milliarden Mal angeschaut
  • Der schwarze Comedian Kareem Rahma sagt etwa (Bento): „TikTok ist eine sehr responsive Plattform. Deshalb bewegt sie sich dahin, wo die globale Konversation sie hinführt. Twitter ist für alte Leute.”
  • Immer mehr Medien, Unternehmen, Prominente und Influencerïnnen toben sich auf TikTok aus. Obwohl TikTok seinen Gewinn nicht an die Creators weitergibt, verdienen TikTok-Stars viel Geld (Digital Trends) über Werbeverträge oder direkte Geldgeschenke der Nutzerïnnen (Spiegel).
  • ByteDance weiß auch, dass ihm als chinesisches Unternehmen im Westen viel Misstrauen entgegenschlägt. Deshalb investiert es viel Geld und Mühe in Lobbying (Politico), um drohende Regulierung zu vermeiden.
  • Kürzlich heuerte ByteDance etwa den früheren Disney-Manager Kevin Mayer an (SZ) an. Er wird Chef von TikTok und soll bei ByteDance das operative Geschäft leiten.
  • Außerdem verkündete ByteDance, dass chinesische Entwicklerïnnen keinen Zugriff mehr auf sensible Daten (PingWest) und den Code von TikTok und anderen Apps hätten, die außerhalb Chinas angeboten werden. Auch das soll eine vertrauensbildende Maßnahme sein.

Welche Gefahren TikTok drohen

Mit großer Reichweite kommt großes Misstrauen, erst recht bei einem chinesischen Eigentümer. Zwar beteuert ByteDance, dass für seine westliche App TikTok auch westliche Standards gälten, doch in den vergangenen Jahren gab es zu viele Berichte über fragwürdige Moderationsregeln und staatliche Zensur, um sie einfach wegzuwischen.

Vor allem in den USA wird ByteDance die Vorbehalte vermutlich niemals ganz ausräumen können. Den meisten Nutzerïnnen ist das vermutlich egal, dafür schauen Politikerïnnen und Sicherheitsbehörden umso genauer hin. Auch die EU will den Datenschutz der App überprüfen (Golem) und hat dafür eine TikTok-Taskforce eingerichtet (European Data Protection Board).

Und dann ist da natürlich noch die Konkurrenz, allen voran Facebook. Mark Zuckerberg wird sicher nicht tatenlos zusehen, wie TikTok den US-Markt erobert. Auch bei Snapchat dauerte es eine Weile, bis Facebook mit Instagrams Story-Funktion die richtige Antwort fand, um den Rivalen auszubremsen.

Bislang konnten Facebooks Kopierversuche TikTok nichts anhaben – aber wenn es jemanden gibt, der alles daransetzen wird, ByteDance zurückzudrängen, dann ist das Mark (Wired) „Domination!” (New Yorker) Zuckerberg (The Atlantic).

Be smart

TikTok ist nicht das einzige Phänomen, das die etablierten Social-Media-Plattformen unter Druck setzt. Für viele jüngere Menschen sind Games nicht nur Unterhaltung, sondern eine wichtige Kommunikationsplattform: Sie feiern Graduierungspartys in Minecraft (Wired) oder lauschen virtuellen Konzerten in Fortnite (Tobias van Schneider), die etwa der Rapper Travis Scott als mächtiges Marketing-Mittel einsetzt:

„Players celebrated with custom in-game items designed for this event, and the new single, titled „THE SCOTTS,“ rocketed to #1 on Billboard charts. Across four replays over three days, 27.7 million unique players attended the event 45.8 million times. The video captured in Fortnite has already reached more than 24 million views and is trending in 44 countries.“

Was Tobias van Schneider über Games als Plattform schreibt, ist absolut faszinierend – und führt dazu, dass wir uns ein bisschen alt fühlen.

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