Hygiene-Demos und Corona-Rebellen

Wir analysieren, welche Motive hinter den Protesten stecken und erklären, warum wir Demonstrantïnnen nicht pauschal als rechtsradikal oder grenzdebil bezeichnen sollten.

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Was war

Vergangene Woche haben wir die bislang erfolgreichste Ausgabe unseres Briefings veröffentlicht – zumindest, wenn man die Zahl der Reaktionen, Interaktionen und Seitenaufrufe in unserem Blog als Maßstab nimmt. Die Analyse „Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben“ * hat uns eine Menge Zuspruch und neue Abos beschert – aber auch Kritik ausgelöst.

Teils fühlen sich Abonnentïnnen, die selbst an den Demonstrationen teilgenommen haben, zu Unrecht als Wirrköpfe abgestempelt. Teils schreiben uns auch die Verschwörungsideologïnnen selbst und wollen uns weismachen, dass Bill Gates die WHO eben doch unter seine Kontrolle gebracht habe.

In der Zwischenzeit habe ich zu dem Thema mehrere Texte für die SZ geschrieben und beobachte dort ähnliche Reaktionen: Allein übers Wochenende kam eine knapp dreistellige Zahl an E-Mails an, manche sachlich, andere wüst, einige justiziabel.

(*) Künftig schreiben wir nicht mehr von Verschwörungstheorien, denn (DLF):

Eine Verschwörungstheorie an sich hat also nichts mit einer Theorie zu tun. Der Begriff gibt Propaganda, Desinformation und Lügen nur fälschlicherweise einen wissenschaftlichen Anstrich. Dabei handelt es sich aber je nach Ausprägung um Erzählungen, um Ideologien, Mythen oder Legenden.“

Was ist

Das Thema löst offenbar große Emotionen aus und scheint viele Menschen zu beschäftigen. Allein am vergangenen Wochenende sind mehr als zehntausend Teilnehmerïnnen im Rahmen von „Hygiene-Demos“ auf die Straße gegangen, um gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren.

Deshalb wollen wir in diesem Newsletter nochmal ganz genau hinsehen: Wir beleuchten, wer diese Leute sind und schauen uns an, wie im Netz mobilisiert wird. Wir analysieren, welche Motive dahinterstecken und erklären, warum wir Demonstrantïnnen nicht pauschal als rechtsradikal oder grenzdebil bezeichnen wollen.

Trotzdem sind wir nach wie vor überzeugt, dass antisemitische, rechtsextremistische Verschwörungsideologïnnen die Situation ausnutzen und gezielt Plattformen wie YouTube (Correctiv) und Messenger wie Telegram (DLF) bespielen, um ihren menschenfeindlichen Unsinn massenhaft zu verbreiten. Mit dieser Strategie prägen sie die Demonstrationen und Online-Diskurse – auch, weil sich gemäßigte Kritikerïnnen und verunsicherte Menschen vereinnahmen lassen.

Warum das wichtig ist

Verschwörungserzählungen und rechtsradikale Narrative sind gefährlich, erst recht in Zeiten einer Pandemie. Fast immer geht es darum, vermeintlich Schuldige zu finden: Bill Gates, Juden, die Bundesregierung. In geschlossenen Gruppen und Telegram-Kanälen wird teils offen zu Gewalt aufgerufen.

Es ist wichtig, diese Szene genau im Blick zu behalten, denn aus dem Unsinn können schnell Taten werden – das zeigen etwa die Angriffe auf Mobilfunkmasten, Angestellte von Telekommunikationsunternehmen und Journalistïnnen, die über die Demonstrationen berichten wollten. Ignorieren ist in diesem Fall keine Option.

Genauso entscheidend ist aber die Art und Weise der Berichterstattung. Dabei geht es uns um zwei Dinge:

  1. Wir möchten den Mythen nicht mehr Bedeutung und Aufmerksamkeit geben als unbedingt nötig. Wir wollen die Botschaft nicht weiterverbreiten und die kleine krakeelende Minderheit nicht als mächtig und bedrohlich darstellen – obwohl es sich tatsächlich nur um einen verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung handelt.
  2. Wir wollen den Menschen, die an den Demonstrationen teilnehmen, Videos von Ken Jebsen teilen, Artikel auf RT Deutsch lesen oder Telegram-Gruppen wie den „Corona-Rebellen“ beitreten, gerecht werden. Ein Teil davon hat schlicht Angst: vor Freiheitsbeschneidungen und Grundrechtseingriffen, um Job, Zukunft und Existenz.

Vergangene Woche schrieben wir:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.“

Das gilt nach wie vor. Und dass Menschen auf die Straße gehen können, um dagegen zu demonstrieren, dass sie ihre Meinung im Netz und auf dem Münchner Marienplatz kundtun und alternative Medien lesen können, zeigt, dass wir eben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie leben.

Wenn wir aber all diese Leute pauschal als Extremistïnnen oder Quartalsirre abwerten, entsteht bei vielen der Eindruck einer „Meinungsdiktatur“: Wer sich übergangen fühlt, den Kurs der Bundesregierung kritisiert oder den Zahlen des RKI misstraut, werde lächerlich gemacht – so empfinden es jedenfalls viele. Und nicht jeder, der sich fragt, ob die WHO durch die Großspenden von Bill Gates (Zeit Online) an Unabhängigkeit verliert, glaubt an Mythen über Mikrochip-Implantate und Illuminaten (Golem).

Bernhard Pörksen drückt es im Deutschlandfunk so aus:

Und ich glaube, es ist der Moment, an dem man als Journalist oder als Journalistin möglichst genau hinschauen muss, den präzisen Blick betonen muss. (…) Die Menschen demonstrieren aus ganz unterschiedlichen Gründen, mal schlechteren und mal besseren. Eine vorschnelle Diffamierung seitens der Medien ruiniert den Diskurs.

In eine ähnliche Richtung gehen Ingrid Brodnig mit ihrem Appell „Im Zweifel für den Zweifel“ (Journalist) und Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die zurecht warnt (Belltower-News):

Wenn wir kein „Pegida reloaded“-Erlebnis wollen, sollten die Medien aufhören, Kameras und Mikros in die wütende Menge zu halten, und anfangen mit Analyse, Erklärungen und Lösungssuche.

Warum Extremistïnnen den (Online-)Diskurs prägen

Die Motive der Menschen, die online mobilisieren und offline demonstrieren, sind divers. Am lautesten schreien aber eindeutig jene, die komplexe Fragen mit einfachen Antworten begegnen. In Briefing #636 haben wir beschrieben, wie Rechtsradikale, Antisemitïnnen und Verschwörungsideologïnnen unter tatkräftiger Mithilfe von Prominenten und Politikerïnnen die Infodemie befeuern. Sie konstruieren Feindbilder, suchen Sündenböcke und bieten Erzählungen an, die gerade bei verunsicherten, ängstlichen Menschen verfangen.

Diese Kampagnen sind hochprofessionell und werden teils mit großem Aufwand initiiert und gesteuert, wie etwa das virale „Plandemic“-Video zeigt (The Verge). Die Wissenschaftsleugnerïnnen nutzen dabei gezielt die Mechanismen der Plattformen und wissen, wie Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert (Technology Review):

Anti-vaccine activists are particularly good at gaining views on virtually any social app, says Renee DiResta, a researcher at the Stanford Internet Observatory who works to combat this type of misinformation. „They are on every single social platform—even TikTok,“ she says. „If they can create content people will find if they search for a specific term, they’ll invest the time.

Von einzelnen Ausnahmen wie dem „Coronavirus-Update“ abgesehen, tun sich Gesundheitsbehörden, Forschungsinstitute und Wissenschaftlerïnnen schwer (The Atlantic), der Flut an Desinformationen Fakten entgegenzusetzen. Je länger der Zustand andauert, desto hanebüchener wird der Unsinn werden, der verbreitet wird (NYT):

Bogus information is only going to get worse in this pandemic as some people sow distrust of medical experts and any potential coronavirus vaccines. This is dangerous, and we can stop them by understanding the mechanics of bad information, and by not fanning the flames.

Die Debatte ist hitzig und polarisiert: Auf der einen Seite stehen die Bundesregierung, fast alle Wissenschaftlerïnnen und – immer noch – ein Großteil der Bevölkerung (Twitter / Matthias Quent). Auf der anderen Seite formt sich eine Querfront, die von Rechtsradikalen dominiert wird. Wer sich irgendwo dazwischen verortet und leise differenziert, wird oft nicht wahrgenommen. Manche wenden sich deshalb den Extremistïnnen zu, weil sie das Gefühl haben, nur so gehört zu werden.

Wir rufen an dieser Stelle ausdrücklich nicht dazu auf, alle Teilnehmerinnen der „Hygiene-Demos“ ernst zu nehmen oder ihnen eine Plattform zu geben. Lutz Jäkel (Volksverpetzer) war am Wochenende in Berlin unterwegs:

Sie skandieren, schreien, brüllen: „WI-DER-STAND! WI-DER-STAND!“, „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“, einige bauen sich direkt vor der Polizei auf: „Ihr steht auf der falschen Seite! Ihr Verräter!“, „WIR bezahlen euch, NICHT IHR UNS!“, „Schämt euch!!“.

Ein weiterer Beitrag beim Volksverpetzer und diese Übersicht der Amadeu-Antonio-Stiftung (Belltower-News) lassen wenig Zweifel, woher der Wind weht. Dennoch glauben wir, dass der Verschwörungs-Stempel der Komplexität nicht gerecht wird. Die Strippenzieher des „Widerstands“ sind meist radikale Ideologen – aber das gilt nicht für alle, die ihre Videos anschauen oder ihren Aufrufen folgen.

Be smart

Vergangene Woche haben wir dem geschätzten Kollegen Christian Fahrenbach das Schlusswort überlassen. Auch diesmal verweisen wir auf einen anderen Journalisten – leider schon wieder ein Mann, dafür aber ein kluger: Dirk von Gehlen hat einen „Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freundinnen“ geschrieben, der genau das ist, was wir uns wünschen: nachdenklich, differenziert und immer auf Augenhöhe.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.


Foto-Quelle: Markus Spiske, Unsplash


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