Monat: Mai 2020

Trumps Kampfansage an Facebook und Twitter, erklärt

Was ist

In den vergangenen Tagen sind drei Dinge passiert, die drei ungewöhnliche Monate beenden:

  • Twitter hat unter zwei Tweets von Donald Trump einen kleinen Hinweis eingeblendet.
  • Das Wall Street Journal (WSJ) hat eine Recherche über Facebook veröffentlicht.
  • Das US-Berufungsgericht in Washington hat ein Urteil gefällt.

Seit Ausbruch der Corona-Krise haben Facebook, Twitter und Google eine ganz neue Erfahrung gemacht. Sie wurden gelobt – oder zumindest nicht aus allen Richtungen kritisiert. Auch in unserem Briefing haben wir den Plattformen für ihre Bemühungen (Witness) Respekt gezollt, die Infodemie einzudämmen. In Ausgabe #633 schrieben wir etwa:

"Facebook hat etliche Maßnahmen angekündigt und umgesetzt, die helfen sollen, das Virus aufzuhalten. Die Schlagzahl ist beeindruckend, und die Entschlossenheit ist ungewohnt. In der Vergangenheit reagierte Facebook oft nur zögerlich und nach massivem öffentlichen Druck."

Natürlich war trotzdem nicht alles perfekt: Mehr als 100 Medizinerïnnen und Gesundheitsexpertïnnen forderten die Plattformen in einem offenen Brief (Avaaz) auf, mehr gegen Lügen und Gerüchte zu unternehmen, die sich über das Coronavirus verbreiten. Doch obwohl eine Welle der Desinformation das Netz flutete, richtete sich der Großteil der Aufmerksamkeit nicht auf die Plattformen, sondern auf die Verbreiterïnnen.

Die kurze Ära ist seit Dienstag Geschichte: Die Monate, in denen die Pandemie vergleichsweise unpolitisch war, sind vorbei. In den USA hat der Wahlkampf begonnen, und egal, was Facebook und Twitter tun – sie werden es nicht allen recht machen können.

 

Warum das wichtig ist

Bevor wir die drei Ereignisse im Einzelnen analysieren, erklären wir, warum wir uns überhaupt so ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Was auf den ersten Blick nach einem weiteren Wutanfall des US-Präsidenten aussieht, an die man sich nach dreieinhalb Jahren eigentlich schon gewöhnt hat, wirft grundlegende Fragen auf:

  • Wie positioniert sich das Silicon Valley zu Trump, gerade mit Hinblick auf den kommenden Wahlkampf?
  • Sollen private Unternehmen entscheiden, was demokratisch gewählte Politikerïnnen verbreiten können?
  • Können Plattformen tatsächlich so neutral sein, wie Mark Zuckerberg das propagiert?

 

Was Twitters Faktencheck ausgelöst hat

Seit Dienstag ist so viel in so schneller Abfolge passiert, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Deshalb zunächst eine Timeline der Ereignisse:

  • Twitter hat zum ersten Mal reagiert und blendet unter den beiden Tweets einen blauen Hinweis ein: "Get the facts about mail-in ballots".
  • Wer darauf klickt, landet auf einer Faktencheck-Seite (Twitter), auf der Twitter Artikel mehrerer Medien verlinkt und bilanziert: Trump makes unsubstantiated claim that mail-in ballots will lead to voter fraud."
  • Daraufhin wütet der weltweit einflussreichste Twitter-Nutzer auf Twitter über Twitter und droht Twitter mit Konsequenzen, weil es die freie Rede gefährde, indem es Desinformation nicht etwa löscht, sondern um Fakten ergänzt.
  • Trump-Beraterin Kellyanne Conïn identifiziert in der TV-Sendung "Fox & Friends" den Twitter-Mitarbeiter Yoel Roth als Übeltäter (Protocol) und sagt: "Somebody in San Francisco go wake him up. Tell him he's about to get more followers."
  • Trump weitet seine Drohungen auf alle Social-Media-Plattformen aus (Twitter), die angeblich konservative Stimmen unterdrückten, und kündigt an, sie hart zu regulieren oder abzuschalten.
  • Das hätten die Unternehmen bereits 2016 versucht und verloren – "Now they are going absolutely CRAZY. Stay Tuned!!!"
  • Während wir diesen Newsletter schreiben, kursieren zunächst nur Entwürfe (PDF), etwa eine kommentierte Version (Google Docs) der Stanford-Forscherin Daphne Keller, die das Dekret für juristisch fragwürdig hält.
  • In der Nacht von Donnerstag auf Freitag unterschreibt Trump die Verordnung (White House) und eskaliert damit den Konflikt: aus einer Privatfehde wird ein Machtkampf zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und einigen der mächtigsten Unternehmen der Welt, der Auswirkungen auf das gesamte Netz haben könnte.

That escalated quickly. Der Versuch einer Einordnung:

  • Es gibt gute Gründe, Twitter zu kritisieren. Der Faktencheck ist handwerklich schlecht gemacht, die Auswahl der überwiegend liberalen Medien dürfte Trump-Fans kaum überzeugen, wie Patrick Beuth kommentiert (Spiegel).
  • Wer Trumps Timeline durchscrollt, sieht Dutzende Lügen und Falschbehauptungen. Warum Twitter ausgerechnet diesen Tweet auswählt und andere unangetastet lässt, erschließt sich nur eingeschränkt.
  • Offenbar war sich Twitter der Konsequenzen bewusst: "The company needed to do what’s right, and we knew from a comms perspective that all hell would break loose", sagt Twitters Kommunikations-Chef (OneZero).
  • Demnach hätten die Policy-Änderungen im Zuge der Pandemie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt: "Covid was a game changer", sagt eine Sprecherin (Politico). "We now have the tools in place to label content that may contain misleading claims that could cause offline harm."
  • Trumps Drohung, Twitter oder andere Plattformen abzuschalten, muss man nicht ernst nehmen: Selbst ein US-Präsident kann sich keine rechtliche Grundlage dafür basteln kann, eigenhändig Unternehmen zu schließen, die vollkommen legal handeln.
  • Der erste Verfassungszusatz, der in den USA die Meinungsfreiheit garantiert, schützt nicht etwa Trump vor Twitter – er schützt Twitter vor Trump.
  • Außerdem würde sich Trump damit seines liebsten Spielzeugs und wichtigsten Sprachrohrs berauben, über das er 80 Millionen Menschen erreicht und Politik macht.
  • Wir konnten uns das Dekret am frühen Freitagmorgen noch nicht in Ruhe anschauen und sind selbst keine Juristen. Allem Anschein nach dürfte Trump aber schlechte Chancen haben, die Verordnung durchzusetzen.
  • Das schreiben etwa The Verge, Wired, NPR und Vox, die jeweils mehrere Expertïnnen zitieren, die darin reine Symbolpolitik sehen.
  • Axios hat etliche Reaktionen von Politikerïnnen, Bürgerrechtsorganisationen und Unternehmen wie Twitter, Google und Facebook gesammelt, die Trumps Entscheidung größtenteils scharf kritisieren.
  • Trump will Section 230 beschneiden (Washington Post), einen wichtigen Bestandteil des Communications Decency Act, der Webseitenbetreibern, die Inhalte von Nutzerïnnen hosten, weitgehend von der Verantwortung für diese Inhalte ausnimmt.
  • Falls sich im Laufe der kommenden Tage herausstellt, dass Trumps Angriff auf "the legal backbone of the internet" (Vox) tatsächlich Erfolg hat, werden wir das Gesetz natürlich nochmal ausführlicher erklären und die Konsequenzen analysieren.

 

Was hinter Trumps Vorwürfen steckt

An dieser Stelle kommen die beiden anderen Ereignisse ins Spiel, die wir erwähnt haben: die Recherche des WSJ und das Urteil des US-Berufungsgerichts in Washington (Bloomberg). Beide zeigen, wie Republikaner seit Jahren behaupten, das Silicon Valley kuschle mit und kusche vor den Demokraten. Obwohl die Vorwürfe haltlos sind, versucht vor allem Facebook, Trump zu besänftigen.

Das Gerichtsurteil ist schnell zusammengefasst:

  • Die Richterïnnen weisen die Klage einer rechtsgerichteten NGO und einer rechtsradikalen Youtube-Influencerin ab.
  • Die Klägerinnen hatten Facebook, Twitter, Google und Apple vorgeworfen, konservative Sichtweisen bewusst von ihren Plattformen zu verbannen.
  • Diesen Rechtsstreit mögen die Unternehmen vorerst gewonnen haben. Es gibt aber Dutzende weitere Klagen (The Verge), die zwar allesamt schlechte Chancen haben, aber verdeutlichen, wie verbreitet die Auffassung ist, das Silicon Valley behandle Republikaner unfair.

Der WSJ-Artikel ist komplexer:

  • Unter normalen Umständen wäre die Recherche eine eigene Analyse Wert gewesen – angesichts der aktuellen Entwicklungen gehen wir vorerst nur am Rande darauf ein.
  • Jeff Horwitz und Deepa Seetharaman werfen Facebook vor, interne Untersuchungen weitgehend ignoriert zu haben, wonach die Plattform die Polarisierung beschleunige und die Gesellschaft spalte.
  • Demnach habe Facebook die Empfehlungen seiner eigenen Forscherïnnen nicht umgesetzt und die Ergebnisse unter Verschluss gehalten.
  • Wir haben in den vergangenen Tagen selbst mit ehemaligen und aktuellen Facebook-Mitarbeiterïnnen gesprochen und werden die Vorwürfe kommende Woche in Ruhe einordnen, falls nicht erneut andere Themen dazwischenkommen.
  • Für den Moment verweisen wir auf die Entgegnung von Facebook-Manager Guy Rosen (Facebook-Newsroom), der zwar keine einzige Behauptung des WSJ explizit dementiert, der Gesamtaussage dennoch vehement widerspricht: "The piece uses a couple of isolated initiatives we decided against as evidence that we don’t care about the underlying issues — and it ignored the significant efforts we did make."
  • Interessant ist auch ein Detail, das Casey Newton nennt (Revue): "Among the reasons the company was frustrated with the story, according to an internal Workplace post I saw, is that Facebook had spent 'several months' talking with the Journal reporters about their findings."
  • Im aktuellen Zusammenhang ist vor allem die Rolle wichtig, die Joel Kaplan spielt: Der Bericht beschreibt unter anderem den großen Einfluss, den der Republikaner und ehemalige Bush-Berater bei Facebook hat.
  • Im Laufe der vergangenen Jahre habe Kaplan demnach darauf gedrängt, Projekte zu stoppen, die verhindern sollten, dass Facebook dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren. Seine Sorge: Die dafür nötigen Änderungen am Empfehlungsalgorithmus könnten vor allem konservativen Medien und Persönlichkeiten schaden.
  • Ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter sagte damals: "Es wurden Entscheidungen getroffen, von denen Republikaner profitieren, weil sie sich so große Sorgen um ihren Ruf bei rechten Republikanern machen, vor allem bei Trump."

 

Wie Facebook sich von Twitter abgrenzt

Während Trump Twitter attackiert, versucht Zuckerberg, bloß nicht in den Streit mit hineingezogen zu werden:

  • In einem Interview mit Trumps Haussender Fox News kritisiert er Twitters Faktencheck und sagt, Unternehmen sollten sich nicht als "Arbiter of Truth" aufspielen.
  • Später wiederholt er die Aussagen bei CNBC: "Political speech is one of the most sensitive parts in a democracy, and people should be able to see what politicians say."
  • Auf einer Aktionärsversammlung sagt Zuckerberg, Facebook halte die Meinungsfreiheit hoch (Deadline). Demnach werde man nur Beiträge löschen, die "unmittelbaren Schaden" auslösen könnten. "Harm down the line" sei dagegen kein Grund, Inhalte zu entfernen.
  • Die öffentlichen Aussagen von Zuckerberg wirken wie Profilierung auf Kosten von Twitter: Tatsächlich ähneln sich die Richtlinien der beiden Unternehmen, was Desinformation über Wahlen angeht. Zuckerberg erweckt aber den Eindruck, dass Facebook vollkommen anders handle als Twitter.
  • Im konkreten Fall hat Twitter Trumps Aussagen mit einem Hinweis versehen und Facebook nicht – in der Vergangenheit hat aber auch Facebook schon falsche Beiträge von Politikern entfernt, etwa von Brasilien Präsident Jair Bolsonaro.
  • Der Unterschied ist also nicht so groß, wie Zuckerberg Glauben machen will. Man kann durchaus der Meinung sein, dass Twitters Entscheidung ein Fehler war, zumal der Zeitpunkt etwas willkürlich wirkt – Zuckerbergs Abgrenzung zu einem Zeitpunkt, an dem Trump zum Angriff auf das gesamte Silicon Valley bläst, ist aber fragwürdig.
  • Zumindest wirtschaftlich ergibt die Positionierung wohl Sinn: Es lohnt sich einfach nicht, sich mit dem US-Präsidenten und der Hälfte der Bevölkerung anzulegen.

Zuckerberg übersieht oder ignoriert dabei aber drei Dinge:

  1. Facebooks Algorithmen entscheiden zwar nicht, was wahr oder falsch ist, wohl aber, was vermeintlich "relevant" ist. Damit beeinflussen sie, welche Inhalte Milliarden Menschen täglich sehen. Das wichtigste Kriterium dabei sind Likes und Kommentare, die wiederum stark von Emotionen der Nutzerïnnen beeinflusst werden. Keine Plattform, die Inhalte maschinell gewichtet, ist neutral – auch Facebook nicht.
  2. Die Vorwürfe aus dem Lager der Republikaner sind unbegründet: Trump dominiert mit seinen Inhalten die sozialen Netzwerke, konservative Medien wie Fox News und noch weiter rechtsstehende Portale sammeln die meisten Interaktionen. Es gibt keine inhaltlichen Gründe, Trump so weit entgegenzukommen – nur machtpolitische.
  3. Zwischen Tatenlosigkeit und vermeintlicher Zensur gibt es einen Mittelweg: Twitter hat Trumps Tweets ja eben nicht gelöscht, sondern einen zurückhaltend formulierten Hinweis eingeblendet. Auch Facebook könnte zumindest die Sonderbehandlung überdenken, die Beiträge und vor allem Anzeigen von Politikerïnnen genießen: Derzeit wird politische Werbung explizit von Faktenchecks ausgenommen – Trump kann also dafür bezahlen, dass Facebook seine Lügen einem noch größeren Publikum ausspielt.

 

Be smart

Der Guardian nennt zwölf Gründe, warum Twitter Trump komplett von seiner Plattform verbannen sollte. Das klingt nachvollziehbar, ist aber unrealistisch. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass bereits ein viel kleinerer Anlass zu einer maßlosen Überreaktion führt – wir können und wollen uns nicht vorstellen, was passieren würde, sollte Twitter Trumps Account schließen.

Charlie Warzel zieht ein pessimistisches Fazit:

"The damage — at least for this generation of world leaders — is nearly impossible to reverse. Banning Mr. Trump from Twitter, just like fact-checking one or two of his lying tweets, might feel good and might make the platform feel less toxic for a while. But it’s still just tinkering on the margins. It won’t fix the deeper structural problems that have created our information apocalypse. For that, we’re going to need a far bigger reckoning — one that certainly includes but also goes well beyond the platforms."

Warten wir auf den 3. November 2020 – dann wird in den USA gewählt.

Trump vs. Big Tech: Ein kleiner Faktencheck mit gewaltigen Folgen, Instagram beteiligt Kreative an Einnahmen, TikTok bekommt Konkurrenz

Trump vs. Big Tech: Ein kleiner Faktencheck mit gewaltigen Folgen

Was ist

In den vergangenen Tagen sind drei Dinge passiert, die drei ungewöhnliche Monate beenden:

  • Twitter hat unter zwei Tweets von Donald Trump einen kleinen Hinweis eingeblendet.
  • Das Wall Street Journal (WSJ) hat eine Recherche über Facebook veröffentlicht.
  • Das US-Berufungsgericht in Washington hat ein Urteil gefällt.

Seit Ausbruch der Corona-Krise haben Facebook, Twitter und Google eine ganz neue Erfahrung gemacht. Sie wurden gelobt – oder zumindest nicht aus allen Richtungen kritisiert. Auch in unserem Briefing haben wir den Plattformen für ihre Bemühungen (Witness) Respekt gezollt, die Infodemie einzudämmen. In Ausgabe #633 schrieben wir etwa:

"Facebook hat etliche Maßnahmen angekündigt und umgesetzt, die helfen sollen, das Virus aufzuhalten. Die Schlagzahl ist beeindruckend, und die Entschlossenheit ist ungewohnt. In der Vergangenheit reagierte Facebook oft nur zögerlich und nach massivem öffentlichen Druck."

Natürlich war trotzdem nicht alles perfekt: Mehr als 100 Medizinerïnnen und Gesundheitsexpertïnnen forderten die Plattformen in einem offenen Brief (Avaaz) auf, mehr gegen Lügen und Gerüchte zu unternehmen, die sich über das Coronavirus verbreiten. Doch obwohl eine Welle der Desinformation das Netz flutete, richtete sich der Großteil der Aufmerksamkeit nicht auf die Plattformen, sondern auf die Verbreiterïnnen.

Die kurze Ära ist seit Dienstag Geschichte: Die Monate, in denen die Pandemie vergleichsweise unpolitisch war, sind vorbei. In den USA hat der Wahlkampf begonnen, und egal, was Facebook und Twitter tun – sie werden es nicht allen recht machen können.

 

Warum das wichtig ist

Bevor wir die drei Ereignisse im Einzelnen analysieren, erklären wir, warum wir uns überhaupt so ausführlich mit dem Thema beschäftigen. Was auf den ersten Blick nach einem weiteren Wutanfall des US-Präsidenten aussieht, an die man sich nach dreieinhalb Jahren eigentlich schon gewöhnt hat, wirft grundlegende Fragen auf:

  • Wie positioniert sich das Silicon Valley zu Trump, gerade mit Hinblick auf den kommenden Wahlkampf?
  • Sollen private Unternehmen entscheiden, was demokratisch gewählte Politikerïnnen verbreiten können?
  • Können Plattformen tatsächlich so neutral sein, wie Mark Zuckerberg das propagiert?

 

Was Twitters Faktencheck ausgelöst hat

Seit Dienstag ist so viel in so schneller Abfolge passiert, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Deshalb zunächst eine Timeline der Ereignisse:

  • Twitter hat zum ersten Mal reagiert und blendet unter den beiden Tweets einen blauen Hinweis ein: "Get the facts about mail-in ballots".
  • Wer darauf klickt, landet auf einer Faktencheck-Seite (Twitter), auf der Twitter Artikel mehrerer Medien verlinkt und bilanziert: Trump makes unsubstantiated claim that mail-in ballots will lead to voter fraud."
  • Daraufhin wütet der weltweit einflussreichste Twitter-Nutzer auf Twitter über Twitter und droht Twitter mit Konsequenzen, weil es die freie Rede gefährde, indem es Desinformation nicht etwa löscht, sondern um Fakten ergänzt.
  • Trump-Beraterin Kellyanne Conïn identifiziert in der TV-Sendung "Fox & Friends" den Twitter-Mitarbeiter Yoel Roth als Übeltäter (Protocol) und sagt: "Somebody in San Francisco go wake him up. Tell him he's about to get more followers."
  • Trump weitet seine Drohungen auf alle Social-Media-Plattformen aus (Twitter), die angeblich konservative Stimmen unterdrückten, und kündigt an, sie hart zu regulieren oder abzuschalten.
  • Das hätten die Unternehmen bereits 2016 versucht und verloren – "Now they are going absolutely CRAZY. Stay Tuned!!!"
  • Während wir diesen Newsletter schreiben, kursieren zunächst nur Entwürfe (PDF), etwa eine kommentierte Version (Google Docs) der Stanford-Forscherin Daphne Keller, die das Dekret für juristisch fragwürdig hält.
  • In der Nacht von Donnerstag auf Freitag unterschreibt Trump die Verordnung (White House) und eskaliert damit den Konflikt: aus einer Privatfehde wird ein Machtkampf zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und einigen der mächtigsten Unternehmen der Welt, der Auswirkungen auf das gesamte Netz haben könnte.

That escalated quickly. Der Versuch einer Einordnung:

  • Es gibt gute Gründe, Twitter zu kritisieren. Der Faktencheck ist handwerklich schlecht gemacht, die Auswahl der überwiegend liberalen Medien dürfte Trump-Fans kaum überzeugen, wie Patrick Beuth kommentiert (Spiegel).
  • Wer Trumps Timeline durchscrollt, sieht Dutzende Lügen und Falschbehauptungen. Warum Twitter ausgerechnet diesen Tweet auswählt und andere unangetastet lässt, erschließt sich nur eingeschränkt.
  • Offenbar war sich Twitter der Konsequenzen bewusst: "The company needed to do what’s right, and we knew from a comms perspective that all hell would break loose", sagt Twitters Kommunikations-Chef (OneZero).
  • Demnach hätten die Policy-Änderungen im Zuge der Pandemie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung gespielt: "Covid was a game changer", sagt eine Sprecherin (Politico). "We now have the tools in place to label content that may contain misleading claims that could cause offline harm."
  • Trumps Drohung, Twitter oder andere Plattformen abzuschalten, muss man nicht ernst nehmen: Selbst ein US-Präsident kann sich keine rechtliche Grundlage dafür basteln kann, eigenhändig Unternehmen zu schließen, die vollkommen legal handeln.
  • Der erste Verfassungszusatz, der in den USA die Meinungsfreiheit garantiert, schützt nicht etwa Trump vor Twitter – er schützt Twitter vor Trump.
  • Außerdem würde sich Trump damit seines liebsten Spielzeugs und wichtigsten Sprachrohrs berauben, über das er 80 Millionen Menschen erreicht und Politik macht.
  • Wir konnten uns das Dekret am frühen Freitagmorgen noch nicht in Ruhe anschauen und sind selbst keine Juristen. Allem Anschein nach dürfte Trump aber schlechte Chancen haben, die Verordnung durchzusetzen.
  • Das schreiben etwa The Verge, Wired, NPR und Vox, die jeweils mehrere Expertïnnen zitieren, die darin reine Symbolpolitik sehen.
  • Axios hat etliche Reaktionen von Politikerïnnen, Bürgerrechtsorganisationen und Unternehmen wie Twitter, Google und Facebook gesammelt, die Trumps Entscheidung größtenteils scharf kritisieren.
  • Trump will Section 230 beschneiden (Washington Post), einen wichtigen Bestandteil des Communications Decency Act, der Webseitenbetreibern, die Inhalte von Nutzerïnnen hosten, weitgehend von der Verantwortung für diese Inhalte ausnimmt.
  • Falls sich im Laufe der kommenden Tage herausstellt, dass Trumps Angriff auf "the legal backbone of the internet" (Vox) tatsächlich Erfolg hat, werden wir das Gesetz natürlich nochmal ausführlicher erklären und die Konsequenzen analysieren.

 

Was hinter Trumps Vorwürfen steckt

An dieser Stelle kommen die beiden anderen Ereignisse ins Spiel, die wir erwähnt haben: die Recherche des WSJ und das Urteil des US-Berufungsgerichts in Washington (Bloomberg). Beide zeigen, wie Republikaner seit Jahren behaupten, das Silicon Valley kuschle mit und kusche vor den Demokraten. Obwohl die Vorwürfe haltlos sind, versucht vor allem Facebook, Trump zu besänftigen.

Das Gerichtsurteil ist schnell zusammengefasst:

  • Die Richterïnnen weisen die Klage einer rechtsgerichteten NGO und einer rechtsradikalen Youtube-Influencerin ab.
  • Die Klägerinnen hatten Facebook, Twitter, Google und Apple vorgeworfen, konservative Sichtweisen bewusst von ihren Plattformen zu verbannen.
  • Diesen Rechtsstreit mögen die Unternehmen vorerst gewonnen haben. Es gibt aber Dutzende weitere Klagen (The Verge), die zwar allesamt schlechte Chancen haben, aber verdeutlichen, wie verbreitet die Auffassung ist, das Silicon Valley behandle Republikaner unfair.

Der WSJ-Artikel ist komplexer:

  • Unter normalen Umständen wäre die Recherche eine eigene Analyse Wert gewesen – angesichts der aktuellen Entwicklungen gehen wir vorerst nur am Rande darauf ein.
  • Jeff Horwitz und Deepa Seetharaman werfen Facebook vor, interne Untersuchungen weitgehend ignoriert zu haben, wonach die Plattform die Polarisierung beschleunige und die Gesellschaft spalte.
  • Demnach habe Facebook die Empfehlungen seiner eigenen Forscherïnnen nicht umgesetzt und die Ergebnisse unter Verschluss gehalten.
  • Wir haben in den vergangenen Tagen selbst mit ehemaligen und aktuellen Facebook-Mitarbeiterïnnen gesprochen und werden die Vorwürfe kommende Woche in Ruhe einordnen, falls nicht erneut andere Themen dazwischenkommen.
  • Für den Moment verweisen wir auf die Entgegnung von Facebook-Manager Guy Rosen (Facebook-Newsroom), der zwar keine einzige Behauptung des WSJ explizit dementiert, der Gesamtaussage dennoch vehement widerspricht: "The piece uses a couple of isolated initiatives we decided against as evidence that we don’t care about the underlying issues — and it ignored the significant efforts we did make."
  • Interessant ist auch ein Detail, das Casey Newton nennt (Revue): "Among the reasons the company was frustrated with the story, according to an internal Workplace post I saw, is that Facebook had spent 'several months' talking with the Journal reporters about their findings."
  • Im aktuellen Zusammenhang ist vor allem die Rolle wichtig, die Joel Kaplan spielt: Der Bericht beschreibt unter anderem den großen Einfluss, den der Republikaner und ehemalige Bush-Berater bei Facebook hat.
  • Im Laufe der vergangenen Jahre habe Kaplan demnach darauf gedrängt, Projekte zu stoppen, die verhindern sollten, dass Facebook dazu beiträgt, die Gesellschaft zu polarisieren. Seine Sorge: Die dafür nötigen Änderungen am Empfehlungsalgorithmus könnten vor allem konservativen Medien und Persönlichkeiten schaden.
  • Ein ehemaliger Facebook-Mitarbeiter sagte damals: "Es wurden Entscheidungen getroffen, von denen Republikaner profitieren, weil sie sich so große Sorgen um ihren Ruf bei rechten Republikanern machen, vor allem bei Trump."

 

Wie Facebook sich von Twitter abgrenzt

Während Trump Twitter attackiert, versucht Zuckerberg, bloß nicht in den Streit mit hineingezogen zu werden:

  • In einem Interview mit Trumps Haussender Fox News kritisiert er Twitters Faktencheck und sagt, Unternehmen sollten sich nicht als "Arbiter of Truth" aufspielen.
  • Später wiederholt er die Aussagen bei CNBC: "Political speech is one of the most sensitive parts in a democracy, and people should be able to see what politicians say."
  • Auf einer Aktionärsversammlung sagt Zuckerberg, Facebook halte die Meinungsfreiheit hoch (Deadline). Demnach werde man nur Beiträge löschen, die "unmittelbaren Schaden" auslösen könnten. "Harm down the line" sei dagegen kein Grund, Inhalte zu entfernen.
  • Die öffentlichen Aussagen von Zuckerberg wirken wie Profilierung auf Kosten von Twitter: Tatsächlich ähneln sich die Richtlinien der beiden Unternehmen, was Desinformation über Wahlen angeht. Zuckerberg erweckt aber den Eindruck, dass Facebook vollkommen anders handle als Twitter.
  • Im konkreten Fall hat Twitter Trumps Aussagen mit einem Hinweis versehen und Facebook nicht – in der Vergangenheit hat aber auch Facebook schon falsche Beiträge von Politikern entfernt, etwa von Brasilien Präsident Jair Bolsonaro.
  • Der Unterschied ist also nicht so groß, wie Zuckerberg Glauben machen will. Man kann durchaus der Meinung sein, dass Twitters Entscheidung ein Fehler war, zumal der Zeitpunkt etwas willkürlich wirkt – Zuckerbergs Abgrenzung zu einem Zeitpunkt, an dem Trump zum Angriff auf das gesamte Silicon Valley bläst, ist aber fragwürdig.
  • Zumindest wirtschaftlich ergibt die Positionierung wohl Sinn: Es lohnt sich einfach nicht, sich mit dem US-Präsidenten und der Hälfte der Bevölkerung anzulegen.

Zuckerberg übersieht oder ignoriert dabei aber drei Dinge:

  1. Facebooks Algorithmen entscheiden zwar nicht, was wahr oder falsch ist, wohl aber, was vermeintlich "relevant" ist. Damit beeinflussen sie, welche Inhalte Milliarden Menschen täglich sehen. Das wichtigste Kriterium dabei sind Likes und Kommentare, die wiederum stark von Emotionen der Nutzerïnnen beeinflusst werden. Keine Plattform, die Inhalte maschinell gewichtet, ist neutral – auch Facebook nicht.
  2. Die Vorwürfe aus dem Lager der Republikaner sind unbegründet: Trump dominiert mit seinen Inhalten die sozialen Netzwerke, konservative Medien wie Fox News und noch weiter rechtsstehende Portale sammeln die meisten Interaktionen. Es gibt keine inhaltlichen Gründe, Trump so weit entgegenzukommen – nur machtpolitische.
  3. Zwischen Tatenlosigkeit und vermeintlicher Zensur gibt es einen Mittelweg: Twitter hat Trumps Tweets ja eben nicht gelöscht, sondern einen zurückhaltend formulierten Hinweis eingeblendet. Auch Facebook könnte zumindest die Sonderbehandlung überdenken, die Beiträge und vor allem Anzeigen von Politikerïnnen genießen: Derzeit wird politische Werbung explizit von Faktenchecks ausgenommen – Trump kann also dafür bezahlen, dass Facebook seine Lügen einem noch größeren Publikum ausspielt.

 

Be smart

Der Guardian nennt zwölf Gründe, warum Twitter Trump komplett von seiner Plattform verbannen sollte. Das klingt nachvollziehbar, ist aber unrealistisch. Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass bereits ein viel kleinerer Anlass zu einer maßlosen Überreaktion führt – wir können und wollen uns nicht vorstellen, was passieren würde, sollte Twitter Trumps Account schließen.

Charlie Warzel zieht ein pessimistisches Fazit:

"The damage — at least for this generation of world leaders — is nearly impossible to reverse. Banning Mr. Trump from Twitter, just like fact-checking one or two of his lying tweets, might feel good and might make the platform feel less toxic for a while. But it’s still just tinkering on the margins. It won’t fix the deeper structural problems that have created our information apocalypse. For that, we’re going to need a far bigger reckoning — one that certainly includes but also goes well beyond the platforms."

Warten wir auf den 3. November 2020 – dann wird in den USA gewählt.

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Follow the money

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  • Instagram beginnt damit, Werbeeinnahmen mit Kreativen zu teilen: Künftig gehen 55 Prozent der Umsätze, die über die neu eingeführten Anzeigen bei IGTV erzielt werden, an die Urheber der Videoinhalte. Das entspricht etwa dem Cut, den Kreative auch bei YouTube erhalten. Zudem können Künstlerïnnen künftig bei Instagram Live mittels digitaler Abzeichen Geld verdienen. Solche Abzeichen – etwa Herzchen – müssen von den Fans erworben werden. Vorbild sind hier die digitalen Geschenke, die bei TikTok schon für so manche Schlagzeile gesorgt haben (Spiegel). Ferner können Kreative nun via Merchandise-Verkäufe durch Instagram Shopping und erweiterte Brand-Collabs-Manager-Optionen mit der Plattform Geld verdienen. Mehr zum Thema gibt es bei Techcrunch.
  • ByteDance mit drei Milliarden Dollar Gewinn: Laut Bloomberg erwirtschaftete ByteDance 2019 rund 17 Milliarden Dollar Umsatz – mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Der Großteil des Gewinns geht dabei auf das Konto von TikTok, heißt es.
  • Snapchat auf WeChats Spuren: Snapchat soll mehr wie WeChat werden und künftig Mini-Anwendungen innerhalb der App anbieten (The Information $). Dafür öffnen Evan Spiegel und Co ihre Anwendung gegenüber Dritt-Entwicklern. Ein Move, der so nicht abzusehen war. Bislang hatte Snapchat sich eher verschlossen gezeigt.
  • Calibra wird zu Novi: Bei Facebooks Plänen, die Welt mit einer eigenen Crypto-Währung zu beglücken, gibt es wieder einmal Bewegung. Die digitale Geldbörse, in der dann irgendwann einmal auch das Cryptogeld gebunkert werden soll, heißt nun nicht mehr Calibra sondern Novi (Bloomberg). Wegen „neu“ und „Weg“ und so. Latein. Muss bedeutend sein.

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Schon einmal im Briefing davon gehört

  • Konkurrenz für TikTok: Kuaishou, Chinas zweitgrößte Short-Video-App, setzt seinen Kampf mit ByteDance nun in Nordamerika mit der Einführung einer neuen Video-App namens Zynn fort. Der Clou: Nutzerïnnen werden für das Anschauen von Zynn-Inhalten bezahlt (The Information $). In Zeiten von mehr als 40 Millionen arbeitslosen Amerikanerïnnen erfreut sich die App zunehmender Popularität, ja, sie mauserte sich seit ihrem Start sogar zur am meisten heruntergeladenen iOS-App in den USA überhaupt. Traurig, aber wahr.

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Empfehlungen fürs Wochenende

  • TikTok Cult Leader: Wir haben keine Ahnung, was mit diesen Step Chicken los ist, aber wenn Taylor Lorenz so ausführlich darüber schreibt, dann ist es für uns Grund genug, dem Phänomen von TikTok-Cults auf den Grund zu gehen. Dieses Explainer-Video der Step-Chicken-Gründerin macht jedenfalls neugierig:

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Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • CatchUp: Facebooks Team für experimentelle Apps hat testweise zwei neue Anwendungen auf den US-Markt geschmissen: die Audio-only-Anwendung CatchUp (npe / fb) ermöglicht es Nutzerïnnen – jetzt kommts – miteinander zu telefonieren! Ja, wirklich! Um die App zu nutzen, braucht es noch nicht einmal ein Facebook-Konto, eine Telefonnummer reicht. Bis zu acht Menschen können so gleichzeitig miteinander quatschen. Warum das Ganze? Nun, zunächst einmal behauptet Facebook, dass immer weniger Menschen miteinander telefonierten, weil sie nicht wüssten, ob der gewünschte Gesprächspartner gerade Zeit hat – schließlich will man niemanden nerven. CatchUp kann hier helfen, weil es die Option bietet, anderen anzuzeigen, wann man ready für einen Anruf ist. Zudem erfreuen sich Audio-only-Apps wie Clubhouse gerade zunehmender Aufmerksamkeit – da will Facebook natürlich nicht abstinken.
  • Collab: Die zweite experimentelle App aus dem NPE-Lager richtet sich an Musikfreunde und soll TikTok ein wenig Dampf machen. Mittels Collab (The Verge) lassen sich Videos aus drei unterschiedlichen Parts zusammenschneiden. Der Clou: Die einzelnen Parts der Videos können von anderen Nutzerïnnen weiterverwendet werden, um z.B. an Stelle des Schlagzeug-Parts ein Fingerdrum-Part einzubauen. So lassen sich die Videos permanent weiter remixen. Schöne Idee! Dieses Video (Twitter) zeigt, wie das dann aussehen könnte.

Instagram

YouTube

Quibi

  • Airplay und Chromecast: Boy, das ging schnell! Quibi war ja ursprünglich mit viel Getöse als Mobile-Only-Anwendung gestartet, um all jenen Content zu bieten, die unterwegs schnell mal was Spannendes gucken möchten (siehe Briefing #629). Da der Launch von Quibi in eine Zeit fiel, in der die Menschen nun einmal sehr viel weniger unterwegs sind als in jeder nur denkbaren Brainstorming-Runde im Vorfeld auszumalen gewesen ist, gibt es Quibi nun auch auf dem großen Screen im Wohnzimmer – via Airplay und bald auch via Chromecast (Twitter). Dabei fallen dann zwar Flagship-Features wie Turnstyle weg, aber hey, hauptsache es guckt überhaupt jemand!

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Tipps, Tricks und Apps

  • Recherchieren bei TikTok: Wie TikTok funktioniert, haben wir mittlerweile wahrscheinlich alle verstanden. Wie man auf TikTok recherchiert, dürfte hingegen für viele noch Neuland sein. Die Investigativtruppe von Bellingcat hat dafür ein hilfreiches How-to verfasst: Investigate TikTok Like A Pro.
  • Suchmaschine für freie Bildungsinhalte: Es gibt jetzt eine Suchmaschine für freie Bildungsinhalte: wirlernenonline.de. Die Kollegen von netzpolitik haben mit Heike Gleibs gesprochen, die das Projekt für Wikimedia mit leitet. Gute Sache!
  • Die ersten 1000 Nutzerïnnen: Spannende Übersicht, wie bekannte Apps – etwa Snapchat, Uber, Dropbox oder Slack – ihre ersten 1000 Nutzerïnnen rekrutierten. Am Ende lassen sich alle Ansätze auf ungefähr sieben Strategien zurückführen.

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Header-Foto von United Nations COVID-19 Response bei Unsplash

Was aus der deutschen Contact-Tracing-App geworden ist, das große Mediensterben, die beliebtesten Kommunikationsdienste

Was aus der deutschen Contact-Tracing-App geworden ist

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Was war

Der April war der Monat, in dem alle über Tracing-Apps gesprochen haben. Zwischenzeitlich konnte man den Eindruck gewinnen, als seien solche Apps ein Allheilmittel, das dem Coronavirus seinen Schrecken nehmen könnte.

Auch wir haben dem Thema im Laufe des Aprils ein halbes Dutzend Analysen gewidmet und sind dabei ausführlich auf Risiken, Nebenwirkungen und die aller Voraussicht nach begrenzte Wirksamkeit von Tracing-Apps eingegangen:

  • Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will (#634)
  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Was ist

In den vergangenen Wochen ist es stiller geworden um die Tracing-Apps. Nachrichten, die einen Monat zuvor noch ein großes Medienecho ausgelöst hätten, tauchen jetzt eher bei Heise und Golem als beim Spiegel und der FAZ auf. Wenn größere Medien doch berichten, dann hält sich das Interesse der Leserïnnen in Grenzen (das können wir zumindest in Bezug auf die SZ und Zeit Online sagen, wo wir die Zugriffszahlen kennen).

Was kommt

Der Hype scheint vorbei zu sein, die Entwicklung aber geht weiter. Mittlerweile haben sich die teils überzogenen Hoffnungen und Erwartungshaltungen verflüchtigt, die manche mit der App verbunden haben.

Dem Gartner-Hype-Cycle (Wikipedia) nach, der den Umgang mit neuen Technologien beschreibt, befinden wir uns jetzt im „Tal der Enttäuschungen”. Nach dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen” haben wir den Tiefpunkt erreicht – ab sofort müsste es aufwärts gehen. Glaubt man der Kurve, folgen nun der „Pfad der Erleuchtung” und das „Plateau der Produktivität”.

In dieser Ausgabe wollen wir versuchen, drei Fragen zu beantworten:

  1. Rückblick: Warum hat das Interesse so schnell so stark nachgelassen?
  2. Bestandsaufnahme: Wie steht es um die Entwicklung der deutschen Tracing-App?
  3. Ausblick: Kann die App doch noch zu einem wichtigen Baustein im Kampf gegen die Pandemie werden?

1. Warum hat das Interesse so schnell so stark nachgelassen?

Der wichtigste Grund ist das Chaos der vergangenen Wochen:

  • Ursprünglich sollte die erste Version der App kurz nach Ostern fertig sein, also vor etwa anderthalb Monaten.
  • Seitdem gab es einen erbitterten Grundsatzstreit (mehr dazu in Ausgabe #632) um den „richtigen” Ansatz, bei dem sich letztendlich die Befürworterïnnen der dezentralen Lösung durchgesetzt haben (#634).
  • Nun ist zwar das Ziel klar, aber auch jede Menge Vertrauen verspielt. Viele Menschen, die sich nicht so intensiv mit dem Thema beschäftigen, dürften mittlerweile sehr skeptisch geworden sein.
  • Erst preisen Poltikerïnnen und Entwicklerïnnen Apps als Wundermittel an. Dann werden immer wieder neue Veröffentlichungstermine angekündigt, die sich Woche um Woche nach hinten verschieben. Es folgen eine öffentliche Schlammschlacht, offene Briefe mit drastischen Warnungen vor „beispielloser Überwachung”, weitere Verzögerungen und irgendwelche nicht unbedingt vertrauensbildenden Meldungen über eine Beteiligung von Apple und Google.
  • Für alles mag es Gründe und Erklärungen geben – und tatsächlich ist eine ausgereifte, datenschutzfreundliche App, die spät kommt, besser als ein zusammengebastelter Schnellschuss, der ein paar Wochen früher zum Download bereitsteht.
  • Für die meisten Außenstehenden bleibt aber hängen: Etliche andere Länder haben längst eine App im Einsatz, nur Deutschland bekommt mal wieder nichts auf die Reihe. (Siehe dazu: Ann Cathrin Riedels jüngste Ausgabe ihres stets lesenswerten Newsletters Digital Digest)
  • Statt endlich einen Download-Link angeboten zu bekommen, lesen Menschen Artikel über die dritte, vierte, fünfte Volte in der Entwicklung – den sechsten Artikel lesen sie eben nicht mehr, weil sie das Thema langweilt. Aufmerksamkeit ist ein rares Gut, und die Geschichte einer App, die nicht fertig wird, hat sich irgendwann auserzählt.

Hinzu kommen eine Reihe weiterer Gründe:

  • Generell ist das Interesse für Corona-Themen abgeflaut. Der Ausnahmezustand ist zur Normalität geworden, der Traffic der Nachrichtenseiten ist nach zwei Monaten voller Allzeitrekorde auf Prä-Pandemie-Niveau zurückgegangen.
  • Viele Menschen meiden wieder aktiv Nachrichten – insbesondere Corona-News (Reuters Institute). Sie wollen in erster Linie wissen: Welche Beschränkungen gelten gerade und wann werden sie aufgehoben? Wie lange dauert es, bis ein Impfstoff fertig und „der ganze Quatsch“ vorbei ist?
  • Das wirkt sich natürlich auch auf die Berichterstattung zu Tracing-Apps aus, die nur noch ein Nebenaspekt eines Themas sind, von dem man ohnehin die Schnauze voll hat.
  • Außerdem hat sich der Blick auf Tracing-Apps geändert: Selbst die Bundesregierung warnt mittlerweile, ihre Wirkung zu überschätzen und sagt, dass Abstands- und Hygieneregeln sowie das Tragen von Masken „eine viel zentralere Bedeutung“ für den Verlauf der Pandemie hätten.
  • Anfangs weckten die Berichte über die Erfahrungen anderer Länder übertriebene Hoffnungen: „So könnten wir das Coronavirus besiegen”, überschrieb etwa der Schweizer Tages-Anzeiger einen Text über die App in Singapur, die URL enthält das Fragment: „das-ende-von-corona”.
  • Mittlerweile hat Singapur eine zweite Infektionswelle erlebt, die Tracings-Apps nicht verhindern konnten – und auch etliche andere Länder machen eher ernüchternde Erfahrungen mit ihren Apps.

2. Wie steht es um die Entwicklung der deutschen Tracing-App?

  • In Deutschland haben die Telekom und SAP die Entwicklung federführend übernommen.
  • Obwohl Leute wie Fefe auf eine Beteiligung von großen Unternehmen natürlich allergisch reagieren („Ach du je. Die Telekom und SAP?”) war die Resonanz auf die Veröffentlichung relativ positiv.
  • Auch Apple und Google haben die im April angekündigte Bluetooth-API veröffentlicht (Golem), auf der Entwicklerïnnen mit ihren Apps aufsetzen können – allerdings nur, wenn sie eine dezentrale Lösung anbieten. Auch die deutsche App wird diese Schnittstellen nutzen.
  • Der anvisierte Starttermin ist Mitte Juni. Dann soll die Agentur „Zum Goldenen Hirschen” mit Slogans wie „Diese App kann nichts, außer Leben retten” möglichst viele Menschen davon überzeugen, die schlicht „Corona Warn App” genannte Anwendung herunterzuladen und zu nutzen (Spiegel).
  • Klar ist, dass die Nutzung der App freiwillig sein soll. Offen ist, wie die Einwilligung erfolgt. Während etwa der Branchenverband Bitkom auf informierte individuelle Zustimmung setzt (Handelsblatt), fordern viele andere eine gesetzliche Grundlage.
  • Insgesamt sieben Wissenschaftlerïnnen und Expertïnnen haben dazu einen Vorschlag ausgearbeitet (PDF), den der beteiligte Jurist Malte Engeler für rechtlich geboten hält (Netzpolitik): „Erst durch eine gesetzliche Regelung kann ansatzweise gewährleistet werden, dass bei der App-Nutzung so etwas wie Freiwilligkeit verbleibt.”
  • Auch die Bundestagsfraktion der Grünen hat den Antrag „Demokratie, Bürgerrechte und Zivilgesellschaft in Zeiten der Corona-Krise” (PDF) eingebracht, der eine Gesetzesgrundlage für eine Tracing-App schaffen soll.

3. Kann die App doch noch zu einem wichtigen Baustein im Kampf gegen die Pandemie werden?

In Ausgabe #630 haben wir Dutzende mögliche Probleme genannt, die dem Erfolg von Tracing-Apps im Weg stehen könnten, die wir den Kategorien „Verbreitung”, „Verwirrung”, „Zuverlässigkeit”, „Sicherheit”, „Psychologische und soziale Folgen” und „Testkapazitäten” zugeordnet haben. In Briefing #634 haben wir weitere Hürden und Herausforderungen aufgelistet und präzisiert.

All diese Punkte sind nach wie vor aktuell. Hinzu kommen zwei Berichte aus dem Ausland, die in den vergangenen Wochen die Runde machten – und nicht unbedingt zuversichtlich stimmen:

  • In Island benutzen fast 40 Prozent der Bevölkerung die Anti-Corona-App Rakning-C19. In keinem anderen Land liegt der Anteil so hoch.
  • Trotzdem scheint die Wirkung begrenzt zu sein, wie der Leiter des isländischen Tracing-Projekts selbst sagt (MIT Technology Review):

„The technology is more or less … I wouldn’t say useless. (…) I would say Rakning has proven useful in a few cases, but it wasn’t a game changer for us.”

  • Die App ist allerdings nicht ganz mit der deutschen Version vergleichbar, da Island nicht auf Tracing per Bluetooth, sondern auf Tracking per GPS-Daten setzt.
  • Ende April bezeichnete die Regierung die App noch als essenziell, um zum normalen Leben zurückkehren zu können. Tatsächlich soll bislang erst eine einzige Kontaktperson mit Hilfe der App gewarnt worden sein.
  • Die australische Regierung hat sich selbst Steine in den Weg gelegt: Bislang setzt die App auf das zentrale Modell – das Apple und Google nicht unterstützen. Vor allem auf iPhones ist die App deshalb kaum funktionsfähig.
  • Nun soll die Technik zwar umgerüstet werden, im laufenden Betrieb ist das aber nur mit großem Aufwand möglich, da die Versionen inkompatibel miteinander sind und beide Modelle eine Zeitlang parallel laufen müssten.

Der Covid-Tracing-Tracker des MIT gibt einen guten Überblick, welche Länder bereits Tracing-Apps einsetzen und wie die Apps jeweils ausgestaltet sind. Bislang haben wir von keiner App gehört, die gleichzeitig datenschutzfreundlich (invasive Tracking-Systeme wie etwa in China fallen damit weg) und effektiv ist.

Das stimmt wenig zuversichtlich, was den Erfolg der deutschen App angeht. Ein Rechenbeispiel mit folgenden Grundannahmen:

  • Nicht alle dieser Smartphones sind technisch in der Lage, die Tracing-App zu installieren, da Apple und Google jeweils bestimmte Versionen des Betriebssystems voraussetzen.
  • Den genauen Anteil kennen wir nicht und gehen optimistisch von 54 Millionen Menschen aus, die theoretisch Tracing-Apps nutzen könnten (was vermutlich zu hoch gegriffen ist).
  • Einem ZDF-Politbarometer von Ende April zufolge will weniger als die Hälfte der Bevölkerung die App nutzen. Wir sind erneut optimistisch und sagen: Es sind 50 Prozent.
  • Außerdem vereinfachen wir die Rechnung, indem wir sagen, dass das Stimmungsbild der Befragten (von denen einige vermutlich kein Smartphone besitzen) dem Stimmungsbild der Handynutzerïnnen entspricht.
  • Jetzt werden wir von Optimisten zu Traumtänzern: Wir blenden alle technischen Probleme aus, vertrauen auf die Genauigkeit der Bluetooth-Schnittstellen und sagen, dass die App jede Begegnung zwischen Infizierten und Kontaktpersonen zuverlässig identifiziert.

In diesem Beispiel nutzen 27 Millionen Menschen die App, das sind etwa 35 Prozent der Bevölkerung. Das bedeutet, dass etwa jede achte Kontaktpersonen eines Infizierten gewarnt werden kann.

Das ist natürlich besser als nichts und kann helfen, R zu senken – zeigt aber auch, dass wir uns endgültig von der Illusion verabschieden sollten, dass eine App ein normales Leben ermöglichen wird, wie wir es vor der Pandemie geführt haben.

Umso erschreckender sind die Äußerungen, die jetzt von einigen konservativen Politikerïnnen zu hören sind:

  • Der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster sagt etwa: „Der Einsatz sollte zunächst freiwillig sein. Aber wenn wir nach einigen Monaten feststellen, dass die App zur Eindämmung der Epidemie zwar wirkungsvoll funktionieren würde, aber zu wenige Bürger sie installieren, müssen wir noch mal über Pflicht reden.”
  • Der JU-Vorsitzende Tilman Kuban regt eine automatische Installation an, der Nutzerïnnen aktiv widersprechen müssten. Weitere Vorschläge umfassen etwa Steuervergünstigen oder andere Vorteile für App-Nutzerïnnen.
  • Auch Axel Voss meldet sich zu Wort (FAZ): „Wer eine solche App hat, sollte auch zuerst wieder ins Restaurant, ins Kino, ins Theater und ins Freibad dürfen.”

Wir wissen noch nicht, wann die App kommen wird und wie viele Menschen sie nutzen werden. Eines wissen wir aber mit Sicherheit: Dass einige Politikerïnnen jetzt schon anfangen, die Freiwilligkeit in Frage zu stellen, die sie zuvor immer wieder garantiert hatten, macht uns schlechte Laune.


Das große Mediensterben beginnt – wer ist Schuld?

Wer irgendwas mit Medien macht, dürfte es mitbekommen haben: Das Coronavirus hat nicht nur das öffentliche Leben weitgehend lahmgelegt, sondern auch die Anzeigenerlöse vieler Verlage einbrechen lassen. In Deutschland sind etliche Redaktionen in Kurzarbeit – in den USA sieht es noch deutlich übler aus.

Poynter sammelt alle Zwangsurlaube, Kündigungen und Pleiten, die seit dem Ausbruch der Pandemie verkündet wurden – es ist eine sehr lange Liste. Darunter sind nicht nur viele Dutzend lokale und regionale Zeitungen, Radiosender und TV-Stationen, sondern auch digitale Medien (Washington Post), die noch vor wenigen Jahren als die Zukunftshoffnung des Journalismus galten, vor allem auf Social Media als Verbreitungskanal setzten und teils mit vielen Milliarden bewertet wurden:

  • BuzzFeed streicht nach dem deutschen Ableger weitere Landesbüros zusammen und entlässt Mitarbeiterïnnen.
  • Vice kündigt 55 Angestellten in den USA und weiteren 100 weltweit. Die deutsche Redaktion geht in Kurzarbeit, ist bislang aber offenbar nicht von den Entlassungen betroffen.
  • Bei Quartz verlieren 80 Menschen ihre Jobs.
  • Vox schickt 100 Angestellte in Zwangsurlaub.
  • Vielversprechende Start-ups wie das Newsletter-Business The Skim kündigen 20 Prozent ihrer Mitarbeiterïnnen, das gerade erst gestartetete Projekt Protocol entlässt schon wieder Redakteurïnnen.
  • The Outline macht komplett dicht (wir werden es vermissen).

Im April schrieb die New York Times von 36.000 betroffenen Angestellten und Mitarbeiterïnnen bei Medienunternehmen, mittlerweile dürften es deutlich mehr sein. Meist werden zwei Gründe für die Krise genannt – ein akuter und ein grundsätzlicher:

  • Die Corona-Krise habe Verlage ins Straucheln gebracht und die Massenentlassung ausgelöst. Poynter nennt seine Liste etwa: „Here are the newsroom layoffs, furloughs and closures caused by the coronavirus” (Hervorhebung von uns)
  • Facebook und Google hätten Zeitungen das Werbegeschäft kaputtgemacht und die Wertschätzung für guten Journalismus zerstört. Das schrieb etwa Vice-Chefin Nancy Dubuc in ihrem Memo (CNBC), in dem sie die Entlassungen bekanntgab:

But we aren’t seeing the return from the platforms benefiting and making money from our hard work. Now, after many years of this, the squeeze is becoming a chokehold. Platforms are not just taking a larger slice of the pie, but almost the whole pie.

Beide Erklärungsansätze greifen zu kurz:

  • Das Coronavirus ist höchstens ein Katalysator, kein Auslöser. Es beschleunigt teils unvermeidlichen Entwicklungen. Ein Verlag, der bis Februar glänzend dagestanden ist, muss nicht innerhalb von wenigen Wochen Dutzende Menschen entlassen.
  • Facebook und Google sind nicht die Totengräber des Journalismus. Tatsächlich landet ein Großteil der digitalen Anzeigenerlöse im Silicon Valley, aber das liegt eher an der Unfähigkeit und jahrelangen Realitätsverweigerung vieler Medienunternehmen.
  • Analysten wie Ben Thompson beschreiben seit Jahren (Stratechery), wie das Internet das alte Geschäftsmodell von Zeitungen zerstört hat, bedrucktes Papier zu verkaufen, indem es Wettbewerb ermöglicht und Werbemonopole zerstört hat.

Die Ansicht, Facebook und Google müssten die Medien retten, indem sie für Inhalte Geld bezahlen, ist leider weit verbreitet – was zu bedauerlichen Initiativen wie dem deutschen Leistungsschutzrecht geführt hat.

Auch Ben Smith, der (eigentlich sehr gute) Medienkolumnist der New York Times, der selbst erst vor kurzem von BuzzFeed weggekauft wurde (Piqd), beschreibt in einem einseitigen und oberflächlichen Text die weltweiten Bestrebungen, Big Tech für Medien zahlen zu lassen. Ben Thompson nimmt die vorgebrachten Argumente standesgemäß auseinander (Stratechery).

All das beantwortet die entscheidende Frage natürlich noch nicht: Wer soll denn nun für Journalismus bezahlen, wenn es offensichtlich nicht mehr genug Menschen gibt, die dafür bereit sind? Oder, präziser ausgedrückt: Wenn viele Verlage nicht in der Lage sind, Menschen den Wert ihrer Arbeit zu vermitteln und einfache Möglichkeiten anzubieten, Abonnements abzuschließen?

Dieser Frage wollen wir in einem der kommenden Briefings nachgehen und dabei ausführlicher auf die Rolle von Facebook und Google eingehen, die derzeit viele Millionen für Medien und Journalismus bereitstellen.


Kampf gegen Desinformation und Hass

Gebrauchsanweisung: Wir haben in den vergangenen Wochen zweimal ausführlich über Verschwörungsmythen geschrieben. Einmal gingen wir der Frage nach, warum so viele Menschen an Verschwörungen glauben (Briefing #636). Das andere Mal ging es um die Frage, warum eine pauschale Abwertung der Proteste gefährlich ist (Briefing #637). Was wir bislang nicht aufgeschrieben haben: Was soll man eigentlich tun, wenn Freunde und Bekannte mit Verschwörungsmythen ankommen? Die Krautreporter haben dazu eine interessante Gebrauchsanweisung veröffentlicht (€).

Irreführende Corona-Informationen finden Nutzerïnnen vor allem über YouTube und verbreiten sie über WhatsApp. So lautet das Ergebnis von CORRECTIV.Faktencheck, die mehr als 1800 Hinweise von Leserïnnen zu möglicher Desinformation über das Coronavirus ausgewertet haben.


Studie

Bundesnetzagentur veröffentlicht Bericht zu Online-Kommunikationsdiensten und stellt fest, dass die drei beliebtesten Dienste WhatsApp, Facebook Messenger und Instagram alle zum Facebook-Konzern gehören. Nein! Doch! Die Ergebnisse, die auf einer repräsentativen Verbraucherbefragung basieren, zeigen, dass rund 83 Prozent der Befragten regelmäßig OTT-Dienste nutzen – also solche, die über das Internet mit Hilfe von Smartphones erbracht werden. Laut Studie bestehe dabei vor allem in jüngeren Altersgruppen eine hohe Affinität zu diesen Diensten: der Nutzeranteil in der Gruppe der 16- bis 24-Jährigen liegt bei 98 Prozent. Mit anderen Worten: Quasi alle Heranwachsenden nutzen entweder WhatsApp (96 Prozent), Facebook Messenger (42 Prozent) oder Instagram (30 Prozent). Hui.


Follow the money

Facebook Shops könnte dem Unternehmen laut einer Untersuchung der Deutschen Bank bis zu 30 Milliarden Dollar an zusätzlichen Umsätzen einbringen, schreibt Business Insider. In Briefing #639 haben wir aufgeschrieben, was es mit Facebooks Shops auf sich hat.

Zuckerberg: drittreichster Mann der Welt: Laut Bloomberg hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg sein Privatvermögen innerhalb der vergangenen zwei Monate um 30 Milliarden Dollar steigern können. Damit landet Zuck nun bei rund 89 Milliarden Dollar und auf Platz 3 der reichsten Männer der Welt. Auf Platz 1 und 2 befinden sich Jeff Bezos und Bill Gates.


Schon einmal im Briefing davon gehört

Peanuts: Es gibt ein neues soziales Netzwerk, das sich ausschließlich an Frauen richtet. 1,6 Millionen Nutzerinnen zählt die Plattform bislang. Jetzt hat Peanuts 12 Millionen Dollar Risikokapitel eingesammelt (Techcrunch), um weiter zu wachsen. 👀


Tipps und Tools

Trash ist so etwas wie Apples Rückblick-Funktion, nur eben auf Steroide. Zwar haben wir die App bislang nur einmal ausprobiert, die ihr zugrundeliegende Technik macht aber einen wirklich spannenden Eindruck: The Trash app’s new features can create AI-edited music videos and more (Techcrunch)

Stack bietet die Möglichkeit, Browser-basierte Dienste besser zu clustern. So lassen sich Tabs in sogenannten Stacks bündeln und schneller wiederfinden, bzw. benutzen: getstack.app.


Header-Foto von United Nations COVID-19 Response bei Unsplash


Warum Facebook Giphy kauft

Was ist

Facebook schluckt Giphy und bezahlt dafür angeblich 400 Millionen Dollar. Die beiden Unternehmen haben den Kaufpreis nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Giphy soll Teil des Instagram-Teams werden, wie es im Facebook-Newsroom heißt. Giphy selbst schreibt, man sei begeistert und freue sich auf aufregende Zeiten – die Ankündigung kommt, natürlich, mit zwei Gifs daher (Medium).

Warum das wichtig ist

Facebook hat im vergangenen Quartal knapp fünf Milliarden Dollar verdient, das sind mehr als 50 Millionen Dollar pro Tag. Jetzt legt man also den Reingewinn von etwa einer Woche auf den Tisch, um eine Plattform zu kaufen, auf der Menschen bewegte Bilder hochladen – und das soll eine wichtige Nachricht sein?

Ja, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Zukunft der Kommunikation ist visuell.
  • Menschen wollen ihre Gefühle ausdrücken, oft geht das mit Bildern leichter als mit Wörtern. „If a picture’s worth a thousand words, a GIF is worth a thousand pictures“, schreibt etwa der frühere TechCrunch-Chefredakteur Josh Constine in seinem neuen Newsletter.
  • Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man nutzt die eigene Kamera, daraus resultiert der Erfolg von Instagram, Snapchat und TikTok – oder man kommuniziert mit Gifs und Memes.
  • Gifs sind also eine essenzielle digitale Kulturtechnik und Ausdrucksform – und Giphy ist ihre Heimat.
  • Die beiden anderen relevanten Gif-Plattformen Gfycat und Tenor sind kleiner. Letztere hat Google bereits vor zwei Jahren aufgekauft (Tenor-Blog) und unter anderem in seine Tastatur-App Gboard integriert.
  1. Facebook kauft viel mehr als lustige Gifs.
  • Eine unvollständige Auswahl der Dienste, Messenger und Plattformen, die Giphy auf seiner Entwicklerseite als Partner nennt: Snapchat, TikTok, Twitter, Tinder, Signal, Telegram, Viber, Slack, Skype, Microsoft Teams, Mailchimp.
  • All diese Unternehmen greifen auf Giphys Datenbank zurück, wenn Nutzerïnnen nach Gifs suchen. Dafür fragen sie Daten über Giphys Schnittstelle ab und haben Software-Bestandteile (SDKs) in ihre jeweiligen Apps integiert.
  • Anders ausgedrückt: Facebook besitzt jetzte eine Wanze in den Kernprodukten seiner schärfsten Konkurrenten.
  • Welche Daten über die API abgegriffen werden können und wie das Facebook helfen könnte, erklären wir weiter unten unten („Worum es bei dem Deal geht“).

Wie der Deal abgelaufen ist

Normalerweise bahnen sich Übernahmen über einen längeren Zeitraum an. Diesmal ging angeblich alles sehr schnell, wie Giphy-Investor John Borthwick erzählt (Protocol):

This happened very fast. The team has spent a ton of time on Zoom just working through this. I do think the fact that the companies knew each other well probably made this happen. (…) All this started in the post-COVID era. Probably end of March. Figuring something out like this in six weeks is fast.

Später korrigierte sichBorthwick, dass die Verhandlungen wohl doch eher Monate als Wochen gedauert hätten – was immer noch ein kurzer Zeitraum ist. Casey Newton nennt in seinem Newsletter „The Interface“ ein weiteres interessantes Detail:

Two people close to the deal told me it likely would have gone out of business had it not been acquired.

Offenbar steckte Giphy also in finanziellen Schwierigkeiten und hatte selbst ein Interesse, übernommen zu werden, um die Pleite abzuwenden. Das passt zu einer anonymen Quelle, die Sara Fischer zitiert (Axios):

A source close to the deal says Giphy came to Instagram amid financial struggles prior to the pandemic, although conversations were initially more about a partnership than an acquisition.

Demnach sei die Initiative von Giphy ausgegangen. Wenn man den kolportierten Kaufpreis mit einer früheren Bewertung vergleicht, ergibt das Sinn: Als Giphy 2016 Risikokapital einsammelte, betrug der Wert 600 Millionen Dollar. Facebook hat also ein Drittel weniger bezahlt, als Investorïnnen vor vier Jahren für das Unternehmen veranschlagten.

Dieser Hergang unterscheidet die Übernahme von Facebooks bekanntesten Zukäufen Instagram (2012, eine Milliarde) und WhatsApp (2014, 19 Milliarden). Damals schluckte Facebook junge, aufstrebende Unternehmen, die sich zu zwei der wichtigsten Kommunikationsplattformen entwickelten.

Bei allem strategischen Geschick von Mark Zuckerberg und Adam Mosseri: Giphy wird kein zweites WhatsApp – und trotzdem könnte sich Geschichte wiederholen und die Übernahme in ein paar Jahren als Schnäppchen und genialer Schachzug durchgehen.

Warum Facebook „nur“ 400 Millionen zahlt

Neben der mutmaßlich drohenden Pleite, wohl noch verschärft durch die Corona-Krise, gibt es einen weiteren Grund für den vergleichsweise geringen Kaufpreis: Giphy hat es nie geschafft, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren, das auf Werbung basiert.
„We’re thinking about revenue not in terms of millions or hundreds of millions (of dollars), but, like, billions“, sagte Giphy-Chef Alex Chung 2017 (Fast Company). Doch dieser Traum hat sich nicht erfüllt, das Werbemodell ist nie abgehoben, weil Marken nicht dafür zahlen wollten, dass ihre eigenen Gifs bei bestimmten Suchbegriffen prominent angezeigt werden.

Für Facebook sei das ein Glücksfall, sagt Michael Ostrovsky (Fast Company), Wirtschaftsprofessor in Stanford:

If Giphy would have been a success as an advertising business, there would have been another zero in the sale price.

Was Facebook mit Giphy einkauft

Es geht also nicht um mögliche Werbeeinahmen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Facebook kauft sich weitere Reichweite und ein Stück Internet-Infrastruktur:

  • 2018 drückte es Alex Chung so aus (YouTube): „We’re a superset of all companies, because we’re embedded in every one of those apps (…) We can reach basically everyone on the internet at any given moment.“
  • 2019 legte er nach (New Atlas): „The whole goal from the beginning was to see if we could compete with Google for search. (…) Now, after seven years, we’re the second-largest search engine in the world.“

Im Gegensatz zu Google finden diese Suchen größtenteils nicht auf Giphys eigener Plattform statt, sondern in den Apps von anderen Unternehmen. Neben den oben aufgezählten Partnern gibt es Hunderte weitere Entwicklerïnnen (OMR), die auf Giphys APIs und SKDs zurückgreifen:

Eine exklusiv für OMR erstellte Auswertung des App-Intelligence-Dienstleisters 42 Matters zeigt, dass das Standard-SDK von Giphy alleine in 587 Android-Apps integriert ist. Darunter finden sich viele Kamera- sowie einige Dating-Apps, aber überraschenderweise auch die App des Bezahldienstes Paypal.

Was Facebook mit Giphy vorhat

Google hat es geschafft, seine Dominanz zu monetarisieren: Der „Suchmaschinenbetreiber“ ist hauptberuflich das erfolgreichste Werbeunternehmen der Welt. Da Giphy kein ähnlich erfolgreicher Anzeigenverkäufer ist, wurde nach der Verkündung der Übernahme teilweise geunkt, dass Facebook sich die Schnittstelle bezahlen lassen oder sie ganz abschalten werde.

Sowohl Facebook als auch Giphy dementieren das deutlich. Im Facebook-Newsroom heißt es:

Giphy will continue to operate its library (including its global content collection), and we’re looking forward to investing further in its technology and relationships with content and API partners.

Und Giphy schreibt (Medium):

And for our API/SDK partners and developers: Giphy’s Gifs, Stickers, Emojis, etc. aren’t going anywhere. We will continue to make Giphy openly available to the wider ecosystem.

Die Vergangenheit lehrt, dass man bei solchen Beteuerungen skeptisch sein sollte. Auch WhatsApp und Instagram sollten einst komplett eigenständig bleiben – großes Zuckerberg-Ehrenwort.

Doch diesmal gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Giphy ist für Facebook viel wertvoller, wenn möglichst viele andere Apps und Dienste die Datenbank anzapfen.

Worum es bei dem Deal geht

Wenn man Instagram-Chef Adam Mosseri glaubt (Axios), greifen die meisten Interpretationen der Übernahme zu kurz:

On Giphy the most interesting thing to me is how quickly some people jump to data always, which is a reminder of how important privacy is and how often we oversimplify things.

Demnach gehe es nicht um Daten, sondern um drei andere Dinge:

On the motivations for Giphy, the short answer is it’s not about data. The three big ideas were keeping the platform going, working with a scrappy creative team with different DNA, and the creator ecosystem given how much we care about that group.

Dass diese drei Punkte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, ist glaubwürdig. Giphy steckte in Schwierigkeiten und hätte ohne Facebooks Übernahme womöglich seine Plattform dicht gemacht – mit unangenehmen Konsequenzen für Facebook:

  • Die Hälfte der Zugriffe auf Giphy kommen durch Facebooks eigene Apps, also Messenger, WhatsApp und Instagram.
  • Bei sieben Milliarden ausgelieferten Gifs pro Tag, müsste sich Facebook also eine neue Quelle suchen, die täglich 3,5 Milliarden Gifs liefert.
  • Das ist selbst für Facebook eine große Herausforderung.

Doch Mosseri sagt noch mehr:

In terms of trends, the bonus that we can learn about what Gifs are trending generally is interesting.

Dieser Satz dürfte eine kleine Untertreibung sein. Facebook kauft sich mit Giphy einen Seismograph für Netzkultur, dessen Sensoren Schwingungen und Erschütterungen in fast allen relevanten Plattformen, Messengern und Hunderten Apps aufzeichnen.

Giphys API und SDK funktionieren dabei ausdrücklich nicht wie Facebooks Tracking-Pixel und Like-Buttons, die einzelne Nutzerïnnen verfolgen und Profile mit weiteren Daten anreichern. Diese Sorge hatte unter anderem der bekannte Apple-Blogger John Gruber geäußert (Daring Fireball):

Six years ago Slack added built-in Giphy support. So post-acquisition, Facebook will now have tracking info for all the Slack channels where this has been used. That’s cool.

Später korrigierte sich Gruber und ergänzte den Blogeintrag mit Statements eines Slack-Managers und eines Informanten:

Giphy doesn’t receive any information about users or even companies using the Giphy for Slack integration, and only sees Slack usage of the Giphy API in aggregate.

Das gilt wohl für die meisten großen Dienste, die Giphy integriert haben, wie etwa Signal-Gründer Moxie Marlinspike (Twitter) und Telegram (Twitter) klarstellten. Giphy bestätigte die Aussagen später (The Verge): Demnach werden keine Daten über einzelne Nutzerïnnen gesammelt, sondern nur aggregierte Informationen.

Genauer gesagt: „nur“ – denn auch diese Daten könnten Facebook helfen:

  • Facebook bekommt frühzeitig mit, welche kleinen Apps schnell wachsen, wenn das Volumen der API-Zugriffe stark zunimmt – und könnte dann eine der beiden bewährten Strategien anwenden: Kaufen (Instagram, WhatsApp) oder Kopieren (Snapchat, TikTok).
  • Facebook erfährt, welche Arten von Gifs populär sind und könnte mit diesem Wissen eine eigene App oder Meme-Feed für Facebook und Instagram bauen.
  • Facebook kann nicht nur einen Social-Graph, sondern auch einen Culture-Graph aufbauen. Diese Daten könnten helfen, um etwa Livestreaming-Deals abzuschließen oder Künstlerïnnen und Influencer auszuwählen, die prominent in Facebooks und Instagrams Produkten auftauchen sollen.

In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Vergleich mit Onavo, das Facebook 2013 übernahm:

  • Facebook bewarb die Onavo-App als VPN, die helfen solle, „dich und deine Daten zu schützen“. Tatsächlich sammelte sie massenhaft Daten von Nutzerïnnen.
  • Für Facebook waren die Information vermutlich Milliarden wert. Es nutzte die Daten um herauszufinden, wofür sich Menschen interessieren und wie sie kommunizieren.
  • Onavo zeichnete nicht nur die besuchten Webseiten auf, sondern die installierten Apps. Diese Erkenntnisse halfen Zuckerberg, langfristige strategische Entscheidungen zu treffen.
  • Unter anderem sollen die Daten von Onavo maßgeblich zum Kauf von Whatsapp beigetragen haben. Facebook konnte sehen, wie beliebt der Messenger damals bereits war – und wie gefährlich er Facebook werden könnte.
  • Nachdem bekannt wurde, dass Facebook auch Teenager dafür bezahlte, Onavo zu installieren, musste es den Dienst nach heftiger Kritik schließen (mehr dazu in Briefing #520).

Giphy dürfte kein ähnlich mächtiges Spionagewerkzeug werden. Über die API kann Facebook viel weniger Daten abgreifen als über einen VPN-Dienst. Außerdem werden auf Privatsphäre bedachte Unternehmen wie Apple (das bei iMessage auch mit Giphy arbeitet), Telegram und Signal und direkte Konkurrenten wie Twitter, Snapchat und TikTok Facebook diese Daten mit Sicherheit nicht freiwillig überlassen.

Be smart

Was die Übernahme von Giphy aus regulatorischer Perspektive bedeutet, werden wir voraussichtlich in einer der kommenden Ausgaben beleuchten. Wir planen gerade ohnehin einen Deep-Dive zu Big-Tech-Regulierung im Schatten der Corona-Pandemie.

Deshalb wollen wir diese Analyse mit einer Klarstellung beenden, die bei diesem Thema zwingend ist. Giphy selbst schreibt in seiner Danksagung: „The hard G defenders, the soft G defenders (we all know who’s right)“

Den Inhalt der Klammer beantwortet Giphy-Investor John Borthwick (Protocol):

What’s your reaction when you hear people pronounce it Jiffy?

I come down firmly on the side of Giphy. I once had David Cameron, when he was prime minister of England, come by Betaworks, and he looked at me with a straight face and said, „I’m so fascinated to see BEEtaworks.“ So yeah. I come down hard on the side of Giphy.

Warum Facebook Giphy kauft, Launch von Facebook Shops und Instagram Guides

Warum Facebook Giphy kauft

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Was ist

Facebook schluckt Giphy und bezahlt dafür angeblich 400 Millionen Dollar. Die beiden Unternehmen haben den Kaufpreis nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert.

Giphy soll Teil des Instagram-Teams werden, wie es im Facebook-Newsroom heißt. Giphy selbst schreibt, man sei begeistert und freue sich auf aufregende Zeiten – die Ankündigung kommt, natürlich, mit zwei Gifs daher (Medium).

Warum das wichtig ist

Facebook hat im vergangenen Quartal knapp fünf Milliarden Dollar verdient, das sind mehr als 50 Millionen Dollar pro Tag. Jetzt legt man also den Reingewinn von etwa einer Woche auf den Tisch, um eine Plattform zu kaufen, auf der Menschen bewegte Bilder hochladen – und das soll eine wichtige Nachricht sein?

Ja, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Zukunft der Kommunikation ist visuell.
  • Menschen wollen ihre Gefühle ausdrücken, oft geht das mit Bildern leichter als mit Wörtern. „If a picture’s worth a thousand words, a GIF is worth a thousand pictures“, schreibt etwa der frühere TechCrunch-Chefredakteur Josh Constine in seinem neuen Newsletter.
  • Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Man nutzt die eigene Kamera, daraus resultiert der Erfolg von Instagram, Snapchat und TikTok – oder man kommuniziert mit Gifs und Memes.
  • Gifs sind also eine essenzielle digitale Kulturtechnik und Ausdrucksform – und Giphy ist ihre Heimat.
  • Die beiden anderen relevanten Gif-Plattformen Gfycat und Tenor sind kleiner. Letztere hat Google bereits vor zwei Jahren aufgekauft (Tenor-Blog) und unter anderem in seine Tastatur-App Gboard integriert.
  1. Facebook kauft viel mehr als lustige Gifs.
  • Eine unvollständige Auswahl der Dienste, Messenger und Plattformen, die Giphy auf seiner Entwicklerseite als Partner nennt: Snapchat, TikTok, Twitter, Tinder, Signal, Telegram, Viber, Slack, Skype, Microsoft Teams, Mailchimp.
  • All diese Unternehmen greifen auf Giphys Datenbank zurück, wenn Nutzerïnnen nach Gifs suchen. Dafür fragen sie Daten über Giphys Schnittstelle ab und haben Software-Bestandteile (SDKs) in ihre jeweiligen Apps integiert.
  • Anders ausgedrückt: Facebook besitzt jetzte eine Wanze in den Kernprodukten seiner schärfsten Konkurrenten.
  • Welche Daten über die API abgegriffen werden können und wie das Facebook helfen könnte, erklären wir weiter unten unten („Worum es bei dem Deal geht“).

Wie der Deal abgelaufen ist

Normalerweise bahnen sich Übernahmen über einen längeren Zeitraum an. Diesmal ging angeblich alles sehr schnell, wie Giphy-Investor John Borthwick erzählt (Protocol):

This happened very fast. The team has spent a ton of time on Zoom just working through this. I do think the fact that the companies knew each other well probably made this happen. (…) All this started in the post-COVID era. Probably end of March. Figuring something out like this in six weeks is fast.

Später korrigierte sichBorthwick, dass die Verhandlungen wohl doch eher Monate als Wochen gedauert hätten – was immer noch ein kurzer Zeitraum ist. Casey Newton nennt in seinem Newsletter „The Interface“ ein weiteres interessantes Detail:

Two people close to the deal told me it likely would have gone out of business had it not been acquired.

Offenbar steckte Giphy also in finanziellen Schwierigkeiten und hatte selbst ein Interesse, übernommen zu werden, um die Pleite abzuwenden. Das passt zu einer anonymen Quelle, die Sara Fischer zitiert (Axios):

A source close to the deal says Giphy came to Instagram amid financial struggles prior to the pandemic, although conversations were initially more about a partnership than an acquisition.

Demnach sei die Initiative von Giphy ausgegangen. Wenn man den kolportierten Kaufpreis mit einer früheren Bewertung vergleicht, ergibt das Sinn: Als Giphy 2016 Risikokapital einsammelte, betrug der Wert 600 Millionen Dollar. Facebook hat also ein Drittel weniger bezahlt, als Investorïnnen vor vier Jahren für das Unternehmen veranschlagten.

Dieser Hergang unterscheidet die Übernahme von Facebooks bekanntesten Zukäufen Instagram (2012, eine Milliarde) und WhatsApp (2014, 19 Milliarden). Damals schluckte Facebook junge, aufstrebende Unternehmen, die sich zu zwei der wichtigsten Kommunikationsplattformen entwickelten.

Bei allem strategischen Geschick von Mark Zuckerberg und Adam Mosseri: Giphy wird kein zweites WhatsApp – und trotzdem könnte sich Geschichte wiederholen und die Übernahme in ein paar Jahren als Schnäppchen und genialer Schachzug durchgehen.

Warum Facebook „nur“ 400 Millionen zahlt

Neben der mutmaßlich drohenden Pleite, wohl noch verschärft durch die Corona-Krise, gibt es einen weiteren Grund für den vergleichsweise geringen Kaufpreis: Giphy hat es nie geschafft, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren, das auf Werbung basiert.

„We’re thinking about revenue not in terms of millions or hundreds of millions (of dollars), but, like, billions“, sagte Giphy-Chef Alex Chung 2017 (Fast Company). Doch dieser Traum hat sich nicht erfüllt, das Werbemodell ist nie abgehoben, weil Marken nicht dafür zahlen wollten, dass ihre eigenen Gifs bei bestimmten Suchbegriffen prominent angezeigt werden.

Für Facebook sei das ein Glücksfall, sagt Michael Ostrovsky (Fast Company), Wirtschaftsprofessor in Stanford:

If Giphy would have been a success as an advertising business, there would have been another zero in the sale price.

Was Facebook mit Giphy einkauft

Es geht also nicht um mögliche Werbeeinahmen, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Facebook kauft sich weitere Reichweite und ein Stück Internet-Infrastruktur:

  • 2018 drückte es Alex Chung so aus (YouTube): „We’re a superset of all companies, because we’re embedded in every one of those apps (…) We can reach basically everyone on the internet at any given moment.“
  • 2019 legte er nach (New Atlas): „The whole goal from the beginning was to see if we could compete with Google for search. (…) Now, after seven years, we’re the second-largest search engine in the world.“

Im Gegensatz zu Google finden diese Suchen größtenteils nicht auf Giphys eigener Plattform statt, sondern in den Apps von anderen Unternehmen. Neben den oben aufgezählten Partnern gibt es Hunderte weitere Entwicklerïnnen (OMR), die auf Giphys APIs und SKDs zurückgreifen:

Eine exklusiv für OMR erstellte Auswertung des App-Intelligence-Dienstleisters 42 Matters zeigt, dass das Standard-SDK von Giphy alleine in 587 Android-Apps integriert ist. Darunter finden sich viele Kamera- sowie einige Dating-Apps, aber überraschenderweise auch die App des Bezahldienstes Paypal.

Was Facebook mit Giphy vorhat

Google hat es geschafft, seine Dominanz zu monetarisieren: Der „Suchmaschinenbetreiber“ ist hauptberuflich das erfolgreichste Werbeunternehmen der Welt. Da Giphy kein ähnlich erfolgreicher Anzeigenverkäufer ist, wurde nach der Verkündung der Übernahme teilweise geunkt, dass Facebook sich die Schnittstelle bezahlen lassen oder sie ganz abschalten werde.

Sowohl Facebook als auch Giphy dementieren das deutlich. Im Facebook-Newsroom heißt es:

Giphy will continue to operate its library (including its global content collection), and we’re looking forward to investing further in its technology and relationships with content and API partners.

Und Giphy schreibt (Medium):

And for our API/SDK partners and developers: Giphy’s Gifs, Stickers, Emojis, etc. aren’t going anywhere. We will continue to make Giphy openly available to the wider ecosystem.

Die Vergangenheit lehrt, dass man bei solchen Beteuerungen skeptisch sein sollte. Auch WhatsApp und Instagram sollten einst komplett eigenständig bleiben – großes Zuckerberg-Ehrenwort.

Doch diesmal gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln. Giphy ist für Facebook viel wertvoller, wenn möglichst viele andere Apps und Dienste die Datenbank anzapfen.

Worum es bei dem Deal geht

Wenn man Instagram-Chef Adam Mosseri glaubt (Axios), greifen die meisten Interpretationen der Übernahme zu kurz:

On Giphy the most interesting thing to me is how quickly some people jump to data always, which is a reminder of how important privacy is and how often we oversimplify things.

Demnach gehe es nicht um Daten, sondern um drei andere Dinge:

On the motivations for Giphy, the short answer is it’s not about data. The three big ideas were keeping the platform going, working with a scrappy creative team with different DNA, and the creator ecosystem given how much we care about that group.

Dass diese drei Punkte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, ist glaubwürdig. Giphy steckte in Schwierigkeiten und hätte ohne Facebooks Übernahme womöglich seine Plattform dicht gemacht – mit unangenehmen Konsequenzen für Facebook:

  • Die Hälfte der Zugriffe auf Giphy kommen durch Facebooks eigene Apps, also Messenger, WhatsApp und Instagram.
  • Bei sieben Milliarden ausgelieferten Gifs pro Tag, müsste sich Facebook also eine neue Quelle suchen, die täglich 3,5 Milliarden Gifs liefert.
  • Das ist selbst für Facebook eine große Herausforderung.

Doch Mosseri sagt noch mehr:

In terms of trends, the bonus that we can learn about what Gifs are trending generally is interesting.

Dieser Satz dürfte eine kleine Untertreibung sein. Facebook kauft sich mit Giphy einen Seismograph für Netzkultur, dessen Sensoren Schwingungen und Erschütterungen in fast allen relevanten Plattformen, Messengern und Hunderten Apps aufzeichnen.

Giphys API und SDK funktionieren dabei ausdrücklich nicht wie Facebooks Tracking-Pixel und Like-Buttons, die einzelne Nutzerïnnen verfolgen und Profile mit weiteren Daten anreichern. Diese Sorge hatte unter anderem der bekannte Apple-Blogger John Gruber geäußert (Daring Fireball):

Six years ago Slack added built-in Giphy support. So post-acquisition, Facebook will now have tracking info for all the Slack channels where this has been used. That’s cool.

Später korrigierte sich Gruber und ergänzte den Blogeintrag mit Statements eines Slack-Managers und eines Informanten:

Giphy doesn’t receive any information about users or even companies using the Giphy for Slack integration, and only sees Slack usage of the Giphy API in aggregate.

Das gilt wohl für die meisten großen Dienste, die Giphy integriert haben, wie etwa Signal-Gründer Moxie Marlinspike (Twitter) und Telegram (Twitter) klarstellten. Giphy bestätigte die Aussagen später (The Verge): Demnach werden keine Daten über einzelne Nutzerïnnen gesammelt, sondern nur aggregierte Informationen.

Genauer gesagt: „nur“ – denn auch diese Daten könnten Facebook helfen:

  • Facebook bekommt frühzeitig mit, welche kleinen Apps schnell wachsen, wenn das Volumen der API-Zugriffe stark zunimmt – und könnte dann eine der beiden bewährten Strategien anwenden: Kaufen (Instagram, WhatsApp) oder Kopieren (Snapchat, TikTok).
  • Facebook erfährt, welche Arten von Gifs populär sind und könnte mit diesem Wissen eine eigene App oder Meme-Feed für Facebook und Instagram bauen.
  • Facebook kann nicht nur einen Social-Graph, sondern auch einen Culture-Graph aufbauen. Diese Daten könnten helfen, um etwa Livestreaming-Deals abzuschließen oder Künstlerïnnen und Influencer auszuwählen, die prominent in Facebooks und Instagrams Produkten auftauchen sollen.

In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Vergleich mit Onavo, das Facebook 2013 übernahm:

  • Facebook bewarb die Onavo-App als VPN, die helfen solle, „dich und deine Daten zu schützen“. Tatsächlich sammelte sie massenhaft Daten von Nutzerïnnen.
  • Für Facebook waren die Information vermutlich Milliarden wert. Es nutzte die Daten um herauszufinden, wofür sich Menschen interessieren und wie sie kommunizieren.
  • Onavo zeichnete nicht nur die besuchten Webseiten auf, sondern die installierten Apps. Diese Erkenntnisse halfen Zuckerberg, langfristige strategische Entscheidungen zu treffen.
  • Unter anderem sollen die Daten von Onavo maßgeblich zum Kauf von Whatsapp beigetragen haben. Facebook konnte sehen, wie beliebt der Messenger damals bereits war – und wie gefährlich er Facebook werden könnte.
  • Nachdem bekannt wurde, dass Facebook auch Teenager dafür bezahlte, Onavo zu installieren, musste es den Dienst nach heftiger Kritik schließen (mehr dazu in Briefing #520).

Giphy dürfte kein ähnlich mächtiges Spionagewerkzeug werden. Über die API kann Facebook viel weniger Daten abgreifen als über einen VPN-Dienst. Außerdem werden auf Privatsphäre bedachte Unternehmen wie Apple (das bei iMessage auch mit Giphy arbeitet), Telegram und Signal und direkte Konkurrenten wie Twitter, Snapchat und TikTok Facebook diese Daten mit Sicherheit nicht freiwillig überlassen.

Be smart

Was die Übernahme von Giphy aus regulatorischer Perspektive bedeutet, werden wir voraussichtlich in einer der kommenden Ausgaben beleuchten. Wir planen gerade ohnehin einen Deep-Dive zu Big-Tech-Regulierung im Schatten der Corona-Pandemie.

Deshalb wollen wir diese Analyse mit einer Klarstellung beenden, die bei diesem Thema zwingend ist. Giphy selbst schreibt in seiner Danksagung: „The hard G defenders, the soft G defenders (we all know who’s right)“

Den Inhalt der Klammer beantwortet Giphy-Investor John Borthwick (Protocol):

What’s your reaction when you hear people pronounce it Jiffy?

I come down firmly on the side of Giphy. I once had David Cameron, when he was prime minister of England, come by Betaworks, and he looked at me with a straight face and said, „I’m so fascinated to see BEEtaworks.“ So yeah. I come down hard on the side of Giphy.


Facebook launcht Facebook Shops

Was ist: Facebook geht all in, was E-Commerce angeht: Ab heute startet das Rollout von Facebook Shops.

Das sind die Hauptmerkmale:

  • Facebook Shops können quasi von allen Unternehmen aufgesetzt werden, egal ob es sich um Adidas oder den Indie-Craft-Beer-Hersteller aus deinem Viertel handelt
  • Shops sind sowohl in der Facebook App als auch bei Instagram verfügbar
  • Der Einkauf erfolgt dabei komplett innerhalb der Plattformen
  • Shop-Betreiber suchen sich einfach aus, welche Inhalte sie bei Facebook Shops hinterlegen möchten.
  • Der Kundenservice erfolgt via Messenger, Instagram Direct & WhatsApp

Warum ist das wichtig?

  • Zunächst einmal unterstreicht es Facebooks Ambitionen, im Bereich E-Commerce weiter zu wachsen.
  • Im Blogpost zum Launch heißt es: Facebook sei schon immer der Ort gewesen, um Dinge zu finden, die man liebt.
  • Auch hätten Nutzerïnnen schon immer die Plattform genutzt, um Produkte zu erwerben – ob nun über ein Tag wie #forsale oder via Marketplace.
  • Mit Facebook Shops wird Shopping nun weiter institutionalisiert.
  • Zudem verschränkt Facebook mit Facebook Shops weiter seine einzelnen Plattformen – etwas das mit Blick auf mögliche Pläne, das Unternehmen zu zerschlagen, noch wichtig werden könnte.

Be smart: Facebook Shops ist selbstverständlich auch ein Angriff auf Amazon. Vermutlich hat Bezos nur darauf gewartet, dass Zuckerberg etwas wie Facebook Shops launcht. Bislang war Facebooks Erfolg in Sachen E-Commerce nämlich recht überschaubar: lediglich 2 Prozent (297 Millionen Dollar) vom Gesamtumsatz gehen bei Facebook auf das Konto von Shopping und „non-advertising revenue“. Bei Amazon sind es immerhin bereits 5 Prozent (3,9 Milliarden Dollar), die das Unternehmen mit Anzeigen verdient. Da ist bei Facebook also noch ziemlich Luft nach oben.


Top-Manager wechselt von Disney zu TikTok

Was ist: TikTok hatte im Januar angekündigt, einen neuen CEO zu suchen (Briefing #608). Jetzt haben sie jemanden gefunden: Disneys ehemaliger Streaming-Chef, Kevin Mayer, wurde am Dienstag als neuer CEO präsentiert (New York Times).

Warum ist das wichtig?

  • TikTok hatte im Januar erklärt, der neue CEO solle sich von den USA aus vor allem nicht-technischen Fragen widmen.
  • Mit anderen Worten: Der neue CEO soll sich ums Geld verdienen kümmern und für gute Presse sorgen.
  • Der bisherige Chef, Alex Zhu, könne sich dann von China aus weiter um das Produkt kümmern.
  • TikTok beweist damit, wie ernst sie es meinen, den westlichen Markt weiter aufzumischen.
  • Dass Amerikaner führende Rollen bei chinesischen Unternehmen einnehmen, ist bislang eher die Ausnahme (The Information $)
  • Mayer ist aufgrund seines langjährigen Wirkens bei Disney in den USA bestens verdrahtet und kann vermutlich auch mit Blick auf die Bedenken, die es in den USA bei Regulatoren bezüglich TikTok gibt, enorm wichtig werden.

Be smart: TikTok unterstreicht mit Mayer als CEO zudem, dass sie sich künftig noch stärker als Medienunternehmen positionieren könnten. Mayer wird nämlich auch die Rolle des COO bei TikToks Mutterkonzern ByteDance übernehmen. Dort wird er für die weitere Entwicklung des Gaming- und Musikgeschäfts tätig sein. Ein wichtiger Schritt vor einem potentiellen Börsengang.


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Guides: Instagram hat ein wirklich spannendes neues Feature am Start: Mit Instagram Guides können Kreative direkt innerhalb von Instagram Inhalte teilen, die weit über Foto- und Video-Posts hinausgehen. Die Funktion erinnert eher an eine eigene Interpretation von Instant Articles – eben jenem Feature von Facebook, dass es Profis ermöglicht, Artikel direkt bei Facebook zu veröffentlichen. Instagram Guides bekommen ein eigenes Tab auf der Profilseite, können Posts, Videos und Notizen beinhalten und via Stories und Direct geteilt werden.

Facebook

  • Lasso Camera: Der stets gut informierten Jane Manchun Wong zufolge arbeitet Facebook daran, die Features von Lasso (einer Art TikTok-Klon) in die Facebook App zu integrieren. Im November 2018 hatten wir erstmals über Lasso berichtet (Briefing #502). Seitdem konnte die App aber nie so richtig abheben. Ob eine Integration der Funktionen in die Flagship App daher sinnvoll ist, bleibt abzuwarten.

LinkedIn

  • LinkedIn News: Für viele Menschen ist der kuratierte Nachrichtenüberblick auf LinkedIn mittlerweile zur Routine geworden. Um noch stärker die Ambitionen zu unterstreichen, als Nachrichtenhub wahrgenommen zu werden, vereinheitlicht das Unternehmen künftig alles Journalistische unter der Marke LinkedIn News.

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Facebook spürt die Risiken und Nebenwirkungen seiner eigenen Größe, neue rechte Medienmacher, Überblick zu QAnon

Facebook spürt die Risiken und Nebenwirkungen seiner eigenen Größe

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Was ist

In den vergangenen Tagen gab es bei Facebook drei Entwicklungen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben:

  1. Facebook hat sich dafür entschuldigt, dass die Plattform in Sri Lanka missbraucht wurde, um Gerüchte und Hass zu streuen – mit tödlichen Konsequenzen.
  2. Facebook will 11.250 Content-Moderatorïnnen (CM) insgesamt 35 Millionen Dollar für die Traumata und anderen psychischen Folgeschäden zahlen, die ihre belastende Arbeit hinterlassen hat.
  3. Facebook hat die ersten 20 Mitglieder seines Oversight-Boards bekanntgeben, das eine Mischung aus Aufsichtsrat und Verfassungsgericht darstellen wird.

Wie das zusammenhängt

Alle drei Nachrichten zeigen (erneut): Facebook ist sich selbst über den Kopf gewachsen. Binnen eines Jahrzehnts hat sich das einstige Start-up in die wohl wichtigste globale Kommunikationsplattform verwandelt – erst recht, wenn man WhatsApp und Instagram dazuzählt.

Jede Entwicklung hängt mit dem gigantischen Ausmaß zusammen, das es Facebook schwer macht, die Risiken und Nebenwirkungen seiner eigenen Existenz zu kontrollieren:

  1. Das US-Unternehmen Facebook hat lange zu wenig darauf geachtet, wie Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern seine Dienste nutzen. Diese blinden Flecken haben dazu geführt, dass Extremistïnnen offen zu Gewalt aufrufen konnten, etwa in Indien, Myanmar und eben Sri Lanka.
  2. 2,5 Milliarden Nutzerïnnen hinterlassen leider auch jede Menge Dreck, den CM beseitigen müssen. Das gilt auch für kleinere soziale Netzwerke, doch je größer die Reichweite, desto schwerer die Aufgabe – und niemand ist so groß wie Facebook.
  3. Jahrelang wollte Facebook eine möglichst neutrale Plattform sein und keine Verantwortung für Inhalte übernehmen – teils sogar verständlich, aber zunehmend unmöglich: Der Einberufung des Oversight-Boards liegt die Erkenntnis (und viel öffentlicher Druck) zugrunde, dass Facebooks eigene Community-Standards nicht reichen, dass es externe Kontrolle braucht.

Trotz dieser verbindenden Meta-Ebene wollen wir die Nachrichten separat betrachten und erst im abschließenden Fazit noch einmal auf das große Ganze blicken.

1. Facebooks Rolle in Sri Lanka

  • Die Überschrift „An Update on Facebook’s Human Rights Work in Asia and Around the World“ klingt nach einer eher kleinteiligen Wasserstandsmeldung zu einem mit Sicherheit wichtigen, aber eben auch sehr komplexen Thema.
  • Zentral ist dieses Statement, das Facebook Bloomberg gegeben hat:

We deplore this misuse of our platform. We recognize, and apologize for, the very real human rights impacts that resulted.

  • Das ist beileibe nicht die erste öffentliche Entschuldigung von Facebook (Bloomberg). Aber nachdem das Unternehmen in der Vergangenheit meist nur anerkannte, dass es zu langsam reagiert habe (unter anderem auf russische Manipulationsversuche, auf die Cambridge-Analytica-Affäre, auf den Genozid in Myanmar, auf Gewaltausbrüche in Indien und Nigeria), erkennt es seine unrühmliche Rolle in Sri Lanka ungewohnt deutlich an.
  • Neben diesem Eingeständnis veröffentlicht Facebook weitere Berichte, die untersuchen, welchen Einfluss die Plattform auf Menschenrechte in Indonesien und Kambodscha hatte.
  • Dafür arbeitet das Unternehmen mit unabhängigen Menschenrechtsorganisationen und gemeinnützigen Beratungsfirmen zusammen. Sie attestieren Facebook Fortschritte, etwa im Bereich der CM und der Bekämpfung von Desinformation.

2. Facebooks symbolisches Schmerzensgeld

  • 52 Millionen Dollar für 11.250 CM – es gibt viele Möglichkeiten, diese Zahlen zu interpretieren. Zunächst sollte man verstehe, wie die Summe zustandegekommen ist und wie sie sich zusammensetzt.
  • Im September 2018 verklagte Selena Scola Facebook (NYT). Sie hatte neun Monate für einen Facebook-Dienstleister Inhalte geprüft und eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Später schlossen sich weitere CM der Sammelklage an.
  • Die Klägerïnnen werfen Facebook vor, nicht genug unternommen zu haben, um sie vor den Folgen ihrer belastenden und teils traumatisierenden Arbeit zu schützen. Außerdem fordern sie bessere psychologische Betreuung und eine Übernahme der Behandlungskosten.
  • CM müssen täglich, teils unter großen Zeitdruck, Hunderte Inhalte prüfen und kommen dabei mit den dunkelsten Abgründen des Internet in Berührung: Darstellungen von Kindesmissbrauch, Videos, in denen Tiere gequält werden, live gestreamte Suizide oder Hinrichtungen.
  • Nun hat sich Facebook mit den Klägerïnnen geeinigt (The Verge) und damit erstmals eingestanden, dass es in der Vergangenheit zu wenig getan hat, um seine verletztlichsten Mitarbeiterïnnen zu schützen. Das allein ist historisch.
  • Die Summe ist es nicht: Von den 52 Millionen Dollar bleiben nach Abzug der Anwaltskosten 35 Millionen Dollar übrig – deutlich weniger, als Facebook pro Tag verdient.
  • Jeder der gut 11.000 Personen, die seit 2015 in den USA als CM gearbeitet haben, stehen mindestens 1000 Dollar zu, die eine erste ärztliche Behandlung ermöglichen sollen. Je nach Diagnose kann sich die Summe auf bis zu 6000 Dollar erhöhen.
  • Die Anwälte der Klägerïnnen gehen davon aus, dass die Hälfte der CM zusätzliche Zahlungen erhalten wird – anders ausgedrückt: Das Risiko, dass die Arbeit Traumata, Depressionen oder andere psychische Folgeschäden hinterlässt, liegt bei 50 Prozent.
  • Wer die beiden Recherchen von Casey Newton liest, der die Arbeitsbedingungen der CM in Phoenix und in Tampa (beide The Verge) beleuchtet hat, versteht, warum die Tätigkeit so belastend ist.
  • Für die dürftig bezahlten Hilfsarbeiterïnnen, die etwa ein Neuntel des Durchschnittgehalts eines Facebook-Angestellten verdienen, sind 1000 Dollar viel Geld und eine echte Hilfe – hinzu kommt der Symbolwert des Vergleichs, der weitere Klägerïnnen ermutigen könnte.
  • Das Problem geht aber weit über die USA und Europa hinaus – und auch über Facebook. Ein Großteil der CM arbeitet in Schwellenländern, allein in Manila gibt es Zehntausende, die für Facebook, Google und andere Tech-Unternehmen den Schmutz aus dem Netz fischen.
  • Dort sind Bezahlung und Arbeitsbedingungen noch deutlich schlechter, und die öffentliche Aufmerksamkeit kleiner. Facebook und seine Subunternehmer locken CM mit dem Versprechen, dass sie das Netz zu einem besseren Ort machten – in sehr christlichen Ländern wie den Philippinen teils auch noch verbunden mit religiösen Appellen.
  • Unternehmen wie Facebook, die Dutzende Milliarden pro Jahr verdienen, können es sich nicht nur leisten, diese Hilfskräfte besser zu bezahlen und zu betreuen – sie müssen es. Zumindest, wenn sie ihrem eigenen Anspruch, die Welt zu verbessern, gerecht werden wollen.
  • Langfristig arbeiten viele der CM ohnehin daran, ihre eigene Arbeit abzuschaffen. Sie trainieren mit ihren Entscheidungen Maschinen, die künftig sichten, prüfen und löschen soll.
  • Bereits jetzt werden 89 Prozent der Inhalte bei Facebook automatisch von Maschinen gelöscht. Dennoch wird es noch dauern, bevor Software vollständig übernehmen kann: Selbst die klügste künstliche Intelligenz scheitert an Satire und erkennt den Kontext noch nicht zuverlässig genug, um ihr alle Entscheidungen zu überlassen.
  • Die Aussicht, dass Maschinen Menschen verdrängen und über Redefreiheit im Netz entscheiden, kann einem Angst machen – die Vorstellung, dass Zehntausende Menschen eine Arbeit verrichten müssen, die sie traumatisiert, ist aber mindestens genauso erschreckend.

3. Facebooks neue Richterïnnen

  • Seit mehr als anderthalb Jahren arbeitet Facebook an seinem Oversight Board, jetzt stehen die ersten 20 Namen fest (About FB). Die zehn Frauen und Männer (Oversightboard) sollen grundlegende Entscheidungen darüber treffen, wie Facebook und Instagram mit Inhalten umgehen sollen.
  • Die vier Vorsitzenden sind Catalina Botero-Marino, Jamal Greene, Michael W. McConnell und Helle Thorning-Schmidt, die unter anderem in einem Op-ed (NYT) Stellung zu ihrer neuen Aufgabe nehmen.
  • Hinzu kommen 16 weitere Personen aus allen Weltregionen mit großer inhaltlicher Bandbreite: Juristïnnen, Menschenrechtlerïnnen, Politikerïnnen. Darunter sind prominente Namen wie der ehemalige Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger oder die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman. 20 weitere Mitglieder sollen folgen.
  • In einem Gastbeitrag für OneZero erklärt Rusbridger, warum er dem Board beigetreten ist. Auch die ehemalige dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt gibt in einem Interview (Zeit Online) interessante Einblicke in Auswahlprozess und Erwartungshaltung.
  • Das Gremium wird nur über wenige ausgewählte Fälle entscheiden, die Nutzerïnnen oder Facebook selbst dem Oversight Board vorlegen können. Diese Urteile sollen dann Präzedenzfälle schaffen, an denen sich Facebook bei seiner täglichen Arbeit ausrichten kann.
  • Die Arbeit ähnelt dem eines Verfassungsgerichts, das einen Rechtsrahmen vorgibt, an dem sich andere Richterïnnen orientieren.
  • Allerdings gibt es wichtige Einschränkungen: Zu Beginn wird das Board nur über Inhalte entscheiden, die entfernt wurden – nicht über Fälle, in denen Facebook der Aufforderung zum Löschen widersprochen hat.
  • Damit sind Fälle wie der von Eva Glawischnig, die auf Facebook als „miese Volksverräterin“ beschimpft wurde, zunächst nicht abgedeckt. Facebook weigerte sich bis zu einem EuGH-Urteil, die Beleidigung weltweit zu entfernen.
  • Kritikerïnnen bemängeln, dass wichtige Themen wie Facebooks intransparente, auf Emotionen optimierte Algorithmen oder das Geschäftsmodell des Überwachungskapitalismus, der auf massenhaftem Datensammeln und maximaler Datenverknüpfung beruht, ausgespart bleiben.
  • Das stimmt natürlich – aber die Abwägung zwischen Menschenrechten und Meinungsfreiheit ist eine derart herausfordernde Aufgabe, dass es uns seltsam erscheint, Facebook vorzuwerfen, das Oversight Board nicht mit weiteren Themen zu überfrachten.
  • Natürlich kann man bei jeder Gelegenheit kritisieren, was Facebook alles nicht tut (und das ist eine Menge), aber in diesem Fall soll es darum gehen, was Facebook tut.
  • Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Facebook das Gremium nutze, um sich wahrer demokratischer Kontrolle zu entziehen.
  • Auch in diesem Fall gibt es ein Aber: Demokratische Kontrolle in Europa ist schön und gut. Aber wer entscheidet, welche Regierung Demokratie genug ist, um bei der Moderation von Inhalten mitreden zu dürfen? China, Russland, Türkei, Saudi-Arabien? Soll Trump entscheiden, was in den USA auf Facebook gesagt werden darf?
  • Deshalb könnte ein globales und weitgehend unabhängiges Gremium zumindest bei der Frage der Meinungsfreiheit die bessere Alternative sein.
  • Unserem Eindruck nach hat Facebook bei der Entwicklung des Boards vieles richtig gemacht. Der Prozess war transparent, es wurden weltweit Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven eingebunden, die Meinungsbildung fand in zahlreichen Workshops geradezu basisdemokratisch statt.
  • Mit dem Oversight Board gibt Mark Zuckerberg einen kleinen Teil seiner nahezu unbeschränkten Machtfülle ab: Die Entscheidungen des Boards sind bindend (allerdings gibt es Einschränkungen, die Alexander Fanta bei Netzpolitik beschreibt).
  • Gleichzeitig gibt Facebook auch Verantwortung ab: In der Vergangenheit war die Moderation von Inhalten immer wieder ein großes Streitthema, bei denen es Facebook seinen Kritikerïnnen kaum Recht machen konnte. Künftig kann das Unternehmen auf das unabhängige Board verweisen.
  • So vielfältig und klug die Mitglieder des Gremium sein mögen, auch sie werden keine endgültigen, universell „richtigen“ Entscheidungen treffen. Aber es ist gut, dass sie es überhaupt versuchen dürfen.

Be smart

Zuckerberg sagt, dass Facebooks Größe dazu beitrage (The Verge), bestimmte Probleme wirksamer bekämpfen zu können als kleinere Unternehmen wie Twitter. Das stimmt nur teilweise: Vor allem (manuelle) Content-Moderation wird immer schwerer, je größer eine Plattform ist.

Maschinen werden Menschen in naher Zukunft nicht ersetzen können – vielleicht gelingt es Facebook aber auf eine andere Art und Weise, sich das Problem vom Hals zu schaffen: Vergangenes Jahr hat Zuckerberg seine „Privacy-Focused Vision for Social Networking“ beschrieben.

Demnach verlagert sich Kommunikation zunehmend in geschlossene Räume und verschlüsselte Messenger, wo Moderation unmöglich ist. Facebook will eine gemeinsame, Ende-zu-Ende verschlüsselte Plattform für WhatsApp, den Messenger und Instagrams Direktnachrichten aufbauen. Das ist gut für die Privatsphäre – aber schlecht für alle, die sich mehr Moderation und Kontrolle wünschen.


Kampf gegen Desinformation und Hass

Facebook weitet Faktenprüfung auf Österreich und Schweiz aus: Die dpa, die ja auch in Deutschland für die Faktenchecks mit verantwortlich ist, überprüft ab sofort auch Inhalte aus Österreich und Schweiz (Facebook). Zu Beginn wird die dpa vom Faktencheck-Team der Austria Presse Agentur, bzw. Keystone-SDA unterstützt.

Hateful Memes Challenge: Memes sind ein populäres Format, um Hass und Beleidigungen in sozialen Netzwerken zu streuen. Das Problem bei Memes besteht darin, dass es ungleich schwieriger ist, den Kern der Aussage zu erfassen (was übrigens für Computer und Menschen womöglich gleichermaßen gilt). Während Facebook problematische Text-, Video- und Audio-Inhalte bereits recht gut automatisiert identifizieren kann, bleiben Memes eine echte Herausforderung. Eine Challenge soll nun dabei helfen, Facebooks AI smarter zu machen (AI Facebook).

Neue Labels und Warnhinweise bei Twitter: Twitter hat damit begonnen, „irreführende“ und „umstrittene“ Botschaften zum Coronavirus zu kennzeichnen (Twitter). Dabei arbeitet das Unternehmen mit „vertrauenswürdigen Partnern“ zusammen. Welche Partner das sind, ist bislang nicht bekannt.


Datenschutz-Department

TikToks Umgang mit Inhalten: In Ausgabe #637 haben wir berichtet, dass WeChat auch nicht-chinesische Accounts überwacht. Das Vorgehen, das dabei zum Tragen kommt, war so bislang nicht bekannt. Für uns stellte sich daher die Frage, ob Inhalte der derzeit extrem populären Plattform TikTok womöglich auch dazu genutzt werden, um das Zensursystem der chinesischen Schwesterapp Douyin zu trainieren und aufzubauen. Gudrun Herrmann, Leitung Kommunikation TikTok Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, erklärt hierzu:

Nein. Inhalte auf TikTok werden nicht für derartige Zwecke verwendet. TikTok ist nicht in China verfügbar. Unsere Daten werden in den USA gespeichert mit einem zusätzlichen Backup in Singapur.

Follow the money

Adidas lässt EM digital aus- und via IGTV übertragen: Weil die Fußball Europameisterschaft dieses Jahr bekanntlich ausfallen muss, hat Adidas die EM kurzerhand ins Netz verlegt. In der Türkei wurde das komplette Turnier bei Fifa ausgetragen und via Facebook Live, IGTV und YouTube Live übertragen (Digiday).


Statistiken

Livestream Boom: Die letzten Wochen haben dafür gesorgt, dass die Zahlen bei Twitch, Facebook Gaming und YouTube Live regelrecht explodiert sind. The Verge hat einen Überblick über die wirklich beeindruckenden Zahlen:

  • Zwischen März und April wuchs der Live-Streaming-Bereich um 45%, vor allem dank Twitch und YouTube.
  • Damit ist die Branche im Vergleich zum Vorjahr um 99 % gewachsen.
  • Die Nutzung von Twitch ist um 50 % gestiegen -> 101 % mehr im Vergleich zum Vorjahr
  • Zu den größten Gewinner zählten bei Twitch vor allem die Kategorien Just Chatting, Musik und darstellende Kunst.
  • Facebook Gaming kommt zwischen März und April auf ein Wachstum von 72 % -> 238 % mehr im Vergleich zum Vorjahr.

Empfehlungen fürs Wochenende

Die neuen rechten Medienmacher: Die Kollegïnnen von Rabiat haben für die ARD eine spannende Dokumentation zum Thema neue rechte Medienmacher gedreht. In 44 Minuten gehen sie der Frage nach, wer die Produzenten sind und wie die Distribution der Inhalte funktioniert. Da ist selbst für die aufmerksamsten Watchblog-Leserïnnen noch viel drin – absolute Guck-Empfehlung! Nicht zuletzt, weil man erfährt, wie ernst es die rechten Akteure meinen – offen ausgesprochene Drohungen gegenüber den Reporterïnnen inklusive:

Solltet ihr es so zurecht schneiden, dass es gegen mich verwendet werden kann, was ich gesagt habe, (…) dann wird euch irgendwann der Blitz beim Scheißen treffen.

Umfassender Überblick zu QAnon: In den vergangenen Tagen war wieder einmal viel von QAnon die Rede. Was es damit auf sich hat, welche Rolle Donald Trump bei dieser Verschwörungsideologie spielt und warum QAnon für einige fast schon religiöse Züge annimmt, erklärt Adrienne LAFrance in einem beeindruckenden Longread für The Atlantic: The Prophecies of Q – American conspiracy theories are entering a dangerous new phase. Der Text ist übrigens auch als Audioversion verfügbar.

What I came to learn is that QAnon isn’t just a dangerous conspiracy theory. We are witnessing the birth of a new religion. And we are likely closer to the beginning of its story than the end.


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Messenger Rooms ist jetzt verfügbar. Sämtliche Hintergründe zu diesem neuen Feature haben wir ausführlich in Briefing #635 besprochen.

Instagram

  • Shops from Facebook: Instagram bastelt fleißig weiter daran, die Plattform zu einer modernen Shopping-Mall umzubauen – kuratierte Kollektionen (Twitter / Jane Manchung Wong) a la Pinterest inklusive.

LinkedIn

Houseparty

  • Co-Watching: Gemeinsames, digitales Glotzen is a thing – das Video-Chat-Tool Houseparty führt Co-Watching von Live Events (Techcrunch) ein.

Twitter


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Hygiene-Demos und Corona-Rebellen: Warum pauschale Abwertung gefährlich ist

Hinweis: Unsere Briefings sind kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

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Alle Artikel zum Coronavirus:

  • Warum die virale Infodemie tödlich ist (Briefing #623)
  • Wie das Netz in der Krise helfen kann (Briefing #624)
  • Covid-19 und Content-Moderation (Briefing #625)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (Briefing #626)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (Briefing #627)
  • 5G ist gefährlich, aber nicht wegen der Strahlung (Briefing #629)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (Briefing #630)
  • Facebook eskaliert den Kampf gegen Corona-Fehlinformationen (Briefing #631)
  • Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben (Briefing #631)
  • Hygiene-Demos und Corona-Rebellen: Warum pauschale Abwertung gefährlich ist (Briefing #631)

„Hygiene-Demos“ und „Corona-Rebellen“: Warum pauschale Abwertung gefährlich ist

Was war

Vergangene Woche haben wir die bislang erfolgreichste Ausgabe unseres Briefings veröffentlicht – zumindest, wenn man die Zahl der Reaktionen, Interaktionen und Seitenaufrufe in unserem Blog als Maßstab nimmt. Die Analyse „Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben“ * hat uns eine Menge Zuspruch und neue Abos beschert – aber auch Kritik ausgelöst.

Teils fühlen sich Abonnentïnnen, die selbst an den Demonstrationen teilgenommen haben, zu Unrecht als Wirrköpfe abgestempelt. Teils schreiben uns auch die Verschwörungsideologïnnen selbst und wollen uns weismachen, dass Bill Gates die WHO eben doch unter seine Kontrolle gebracht habe.

In der Zwischenzeit habe ich zu dem Thema mehrere Texte für die SZ geschrieben und beobachte dort ähnliche Reaktionen: Allein übers Wochenende kam eine knapp dreistellige Zahl an E-Mails an, manche sachlich, andere wüst, einige justiziabel.

(*) Künftig schreiben wir nicht mehr von Verschwörungstheorien, denn (DLF):

Eine Verschwörungstheorie an sich hat also nichts mit einer Theorie zu tun. Der Begriff gibt Propaganda, Desinformation und Lügen nur fälschlicherweise einen wissenschaftlichen Anstrich. Dabei handelt es sich aber je nach Ausprägung um Erzählungen, um Ideologien, Mythen oder Legenden.“

Was ist

Das Thema löst offenbar große Emotionen aus und scheint viele Menschen zu beschäftigen. Allein am vergangenen Wochenende sind mehr als zehntausend Teilnehmerïnnen im Rahmen von „Hygiene-Demos“ auf die Straße gegangen, um gegen die Maßnahmen der Bundesregierung zu protestieren.

Deshalb wollen wir in diesem Newsletter nochmal ganz genau hinsehen: Wir beleuchten, wer diese Leute sind und schauen uns an, wie im Netz mobilisiert wird. Wir analysieren, welche Motive dahinterstecken und erklären, warum wir Demonstrantïnnen nicht pauschal als rechtsradikal oder grenzdebil bezeichnen wollen.

Trotzdem sind wir nach wie vor überzeugt, dass antisemitische, rechtsextremistische Verschwörungsideologïnnen die Situation ausnutzen und gezielt Plattformen wie YouTube (Correctiv) und Messenger wie Telegram (DLF) bespielen, um ihren menschenfeindlichen Unsinn massenhaft zu verbreiten. Mit dieser Strategie prägen sie die Demonstrationen und Online-Diskurse – auch, weil sich gemäßigte Kritikerïnnen und verunsicherte Menschen vereinnahmen lassen.

Warum das wichtig ist

Verschwörungserzählungen und rechtsradikale Narrative sind gefährlich, erst recht in Zeiten einer Pandemie. Fast immer geht es darum, vermeintlich Schuldige zu finden: Bill Gates, Juden, die Bundesregierung. In geschlossenen Gruppen und Telegram-Kanälen wird teils offen zu Gewalt aufgerufen.

Es ist wichtig, diese Szene genau im Blick zu behalten, denn aus dem Unsinn können schnell Taten werden – das zeigen etwa die Angriffe auf Mobilfunkmasten, Angestellte von Telekommunikationsunternehmen und Journalistïnnen, die über die Demonstrationen berichten wollten. Ignorieren ist in diesem Fall keine Option.

Genauso entscheidend ist aber die Art und Weise der Berichterstattung. Dabei geht es uns um zwei Dinge:

  1. Wir möchten den Mythen nicht mehr Bedeutung und Aufmerksamkeit geben als unbedingt nötig. Wir wollen die Botschaft nicht weiterverbreiten und die kleine krakeelende Minderheit nicht als mächtig und bedrohlich darstellen – obwohl es sich tatsächlich nur um einen verschwindend geringen Anteil der Bevölkerung handelt.
  2. Wir wollen den Menschen, die an den Demonstrationen teilnehmen, Videos von Ken Jebsen teilen, Artikel auf RT Deutsch lesen oder Telegram-Gruppen wie den „Corona-Rebellen“ beitreten, gerecht werden. Ein Teil davon hat schlicht Angst: vor Freiheitsbeschneidungen und Grundrechtseingriffen, um Job, Zukunft und Existenz.

Vergangene Woche schrieben wir:

„Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Bundesregierung auch nur annähernd so tief in die Grundrechte eingegriffen, wie es derzeit der Fall ist. Für die aktuellen Maßnahmen gibt es gute Gründe – aber es gibt eben auch gute Gründe, die Beschränkung der Freiheitsrechte kritisch zu hinterfragen.“

Das gilt nach wie vor. Und dass Menschen auf die Straße gehen können, um dagegen zu demonstrieren, dass sie ihre Meinung im Netz und auf dem Münchner Marienplatz kundtun und alternative Medien lesen können, zeigt, dass wir eben nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie leben.

Wenn wir aber all diese Leute pauschal als Extremistïnnen oder Quartalsirre abwerten, entsteht bei vielen der Eindruck einer „Meinungsdiktatur“: Wer sich übergangen fühlt, den Kurs der Bundesregierung kritisiert oder den Zahlen des RKI misstraut, werde lächerlich gemacht – so empfinden es jedenfalls viele. Und nicht jeder, der sich fragt, ob die WHO durch die Großspenden von Bill Gates (Zeit Online) an Unabhängigkeit verliert, glaubt an Mythen über Mikrochip-Implantate und Illuminaten (Golem).

Bernhard Pörksen drückt es im Deutschlandfunk so aus:

Und ich glaube, es ist der Moment, an dem man als Journalist oder als Journalistin möglichst genau hinschauen muss, den präzisen Blick betonen muss. (…) Die Menschen demonstrieren aus ganz unterschiedlichen Gründen, mal schlechteren und mal besseren. Eine vorschnelle Diffamierung seitens der Medien ruiniert den Diskurs.

In eine ähnliche Richtung gehen Ingrid Brodnig mit ihrem Appell „Im Zweifel für den Zweifel“ (Journalist) und Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die zurecht warnt (Belltower-News):

Wenn wir kein „Pegida reloaded“-Erlebnis wollen, sollten die Medien aufhören, Kameras und Mikros in die wütende Menge zu halten, und anfangen mit Analyse, Erklärungen und Lösungssuche.

Warum Extremistïnnen den (Online-)Diskurs prägen

Die Motive der Menschen, die online mobilisieren und offline demonstrieren, sind divers. Am lautesten schreien aber eindeutig jene, die komplexe Fragen mit einfachen Antworten begegnen. In Briefing #636 haben wir beschrieben, wie Rechtsradikale, Antisemitïnnen und Verschwörungsideologïnnen unter tatkräftiger Mithilfe von Prominenten und Politikerïnnen die Infodemie befeuern. Sie konstruieren Feindbilder, suchen Sündenböcke und bieten Erzählungen an, die gerade bei verunsicherten, ängstlichen Menschen verfangen.

Diese Kampagnen sind hochprofessionell und werden teils mit großem Aufwand initiiert und gesteuert, wie etwa das virale „Plandemic“-Video zeigt (The Verge). Die Wissenschaftsleugnerïnnen nutzen dabei gezielt die Mechanismen der Plattformen und wissen, wie Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert (Technology Review):

Anti-vaccine activists are particularly good at gaining views on virtually any social app, says Renee DiResta, a researcher at the Stanford Internet Observatory who works to combat this type of misinformation. „They are on every single social platform—even TikTok,“ she says. „If they can create content people will find if they search for a specific term, they’ll invest the time.

Von einzelnen Ausnahmen wie dem „Coronavirus-Update“ abgesehen, tun sich Gesundheitsbehörden, Forschungsinstitute und Wissenschaftlerïnnen schwer (The Atlantic), der Flut an Desinformationen Fakten entgegenzusetzen. Je länger der Zustand andauert, desto hanebüchener wird der Unsinn werden, der verbreitet wird (NYT):

Bogus information is only going to get worse in this pandemic as some people sow distrust of medical experts and any potential coronavirus vaccines. This is dangerous, and we can stop them by understanding the mechanics of bad information, and by not fanning the flames.

Die Debatte ist hitzig und polarisiert: Auf der einen Seite stehen die Bundesregierung, fast alle Wissenschaftlerïnnen und – immer noch – ein Großteil der Bevölkerung (Twitter / Matthias Quent). Auf der anderen Seite formt sich eine Querfront, die von Rechtsradikalen dominiert wird. Wer sich irgendwo dazwischen verortet und leise differenziert, wird oft nicht wahrgenommen. Manche wenden sich deshalb den Extremistïnnen zu, weil sie das Gefühl haben, nur so gehört zu werden.

Wir rufen an dieser Stelle ausdrücklich nicht dazu auf, alle Teilnehmerinnen der „Hygiene-Demos“ ernst zu nehmen oder ihnen eine Plattform zu geben. Lutz Jäkel (Volksverpetzer) war am Wochenende in Berlin unterwegs:

Sie skandieren, schreien, brüllen: „WI-DER-STAND! WI-DER-STAND!“, „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“, einige bauen sich direkt vor der Polizei auf: „Ihr steht auf der falschen Seite! Ihr Verräter!“, „WIR bezahlen euch, NICHT IHR UNS!“, „Schämt euch!!“.

Ein weiterer Beitrag beim Volksverpetzer und diese Übersicht der Amadeu-Antonio-Stiftung (Belltower-News) lassen wenig Zweifel, woher der Wind weht. Dennoch glauben wir, dass der Verschwörungs-Stempel der Komplexität nicht gerecht wird. Die Strippenzieher des „Widerstands“ sind meist radikale Ideologen – aber das gilt nicht für alle, die ihre Videos anschauen oder ihren Aufrufen folgen.

Be smart

Vergangene Woche haben wir dem geschätzten Kollegen Christian Fahrenbach das Schlusswort überlassen. Auch diesmal verweisen wir auf einen anderen Journalisten – leider schon wieder ein Mann, dafür aber ein kluger: Dirk von Gehlen hat einen „Brief an Corona-zweifelnde Facebook-Freundinnen“ geschrieben, der genau das ist, was wir uns wünschen: nachdenklich, differenziert und immer auf Augenhöhe.

Aber ich möchte dir hier gar nicht widersprechen, dich belehren oder gar beschimpfen. Ich habe ja gesagt: Wir haben vermutlich mehr gemein als uns gerade auffällt. Wir machen uns gerade beide Sorgen. Wir haben Angst, weil es so etwas wie diese Corona-Pandemie noch nie gab und wir alle nicht so genau wissen, wie es weitergeht. Diese Angst ist scheiße, aber wir können sie aushalten. Gemeinsam. Denn wir sind beide Menschen, uns verbindet die Sorge um unsere Lieben und wir wollen beide nicht, dass Menschen sterben müssen.


Social Media & Journalismus

Facebook News mit Startschwierigkeiten: Gut ein halbes Jahr ist es nun her, dass Facebook News in den USA ausgerollt wurde. Doch längst können noch nicht alle Nutzerïnnen auf Facebook News als Tab zugreifen. Die neue, redaktionell betreute Seite, die auf Nachrichten von ausgewählten Publishern verlinkt (siehe Briefing #589 und #572), kommt noch nicht so richtig aus den Startlöchern, berichtet Digiday. So lässt sich für Publisher, die bei Facebook News mit dabei sind, bislang noch nicht einmal überprüfen, ob Traffic wirklich von FB News kommt oder aus dem regulärem, ollen News Feed. Well, well, well. Warten wir mal ab, wie sich das weiter entwickelt.


Datenschutz-Department

WeChat überwacht nicht-chinesische Accounts: WeChat-Nutzerïnnen außerhalb Chinas denken vielleicht, dass die politische Zensur und die Überwachungssysteme von WeChat sie nicht betreffen. Untersuchungen des Citizen Lab zeigen jedoch, dass durch die Nutzung von WeChat nicht nur die Dateien und Bilder, die sie gemeinsam nutzen, unter politischer Überwachung stehen, sondern dass ihr Inhalt auch dazu dient, das Zensursystem zu trainieren und aufzubauen, das WeChat zur Zensur von in China registrierten Nutzern verwendet. Ein Vorgehen, das so womöglich auch bei TikTok / Douyin Anwendung findet – bislang natürlich reine Spekulation, aber denkbar wäre es. Eine entsprechende Anfrage an TikTok ist raus.

Zoom kauft Keybase: Über Zooms Shortcomings und den Kampf um Marktanteile beim Thema Video-Konferenz-Tools haben wir in Briefing #635 ausführlich berichtet. An dieser Stelle möchten wir nur kurz festhalten, dass Zoom überraschend Keybase gekauft hat – ein spannender Schritt, um dem Thema Datenschutz und Verschlüsselung wirklich gerecht zu werden.


Video Boom

Mieser Start von Quibi: Lediglich 2,9 Millionen mal wurde die neue Short-Video-App Quibi (siehe Briefing #629) seit dem Launch vor etwas mehr als vier Wochen heruntergeladen. Was sich für den Laien zunächst einmal nach soliden Zahlen anhört, ist für Quibis Chefetage eine einzige Enttäuschung. Grund genug also, sich auf die Suche nach Schuldigen zu machen. Zum Glück ist der schnell gefunden – Zitat Jeffrey Katzenberg:

I attribute everything that has gone wrong to coronavirus. Everything.

Twitch arbeitet an ‚original content‘: Ganz anders wird der Einfluss der Coronapandemie auf das eigene Geschäft bei Twitch bewertet. Die Livestreaming-Plattform hat derzeit Hochkonjunktur und arbeitet nun an Talk und Dating Shows (Bloomberg). Für uns ist Twitch übrigens derzeit eine der spannendsten Plattform überhaupt.


Follow the money

TikTok launcht neues Augmented-Reality-Werbe-Format: Von Snapchat kennen wir bereits Werbeformate, die es Nutzerïnnen „ermöglichen“, selbst zur Werbung zu werden. Sponsored Lens, bzw. Word Lenses heißen diese Formate dort. Nun zieht TikTok nach und arbeitet ebenfalls an einem AR-Werbeformat (Digiday). Nutzerïnnen können dann z.B. künftig ihre Choreos mit Firmen-Maskottchen aufnehmen. Toll, oder? Nun ja.

Vertrag für Avatar: Die komplett digitale Influencerin Miquela zählt bei Instagram mittlerweile 2,2 Millionen Follower. Bei TikTok kommt sie immerhin auf 550.000 Fans. Wenig verwunderlich also, dass sie nun die erste rein digitale Influencerin ist, die einen Deal mit einer Talentagentur abgeschlossen hat (Variety). Die Erfinder des sommersprossigen, CGI-generierten Teenager-Roboters wird es freuen.


Schon einmal im Briefing davon gehört

Discover App: Erinnerst du dich an Free Basic? Dabei handelte es sich um Facebooks Vorhaben, Menschen in Indien kostenfrei mit Internet zu versorgen. Der Service, der es Nutzerïnnen ermöglichte, ausgewählte Websites anzusteuern (etwa BBC News, Wikipedia, Bing und natürlich Facebook sowie Messenger), wurde 2016 nach ziemlichen Hin und Her wegen Fragen der Netzneutralität eingestellt. Nun unternimmt Facebook einen zweiten Anlauf in Peru – ähnliches Prinzip, anderer Name: tech.fb.com/discover.


Neue Features bei den Plattformen

Instagram

  • Kommentare pinnen: Zudem ermöglicht es Instagram seinen Nutzerïnnen, ausgewählte Kommentare oben zu pinnen. Dadurch könne der Nutzer vorgeben, welche Art von Kommentaren erwünscht wären, erklärt das Unternehmen.

Twitter

  • Gegliederte Kommentare: Das neue Desigin, wie Kommentare bei Twitter künftig strukturiert werden könnten, wird nun auch bei Twitter selbst getestet (Techcrunch). Bislang war das nur bei Twitters experimenteller App twttr der Fall.

Pinterest

  • Notizen, Datum und smarte Vorschläge: Pinterest gibt sich Mühe, auch über die Phase des Lockdowns hinaus für Nutzerïnnen attraktiv zu bleiben, und launcht eine ganze Reihe neuer Features (Techcrunch), die wirklich vielversprechend aussehen, ja Pinterest gar zu einer Art Notizbuch werden lassen.

Tinder

Spotify

  • Video Podcast: Video! Video! Video! Jetzt also auch bei Spotify: Das Unternehmen testet ein neues Podcast-Format (The Verge), das zusätzlich zum Audio auch ein Video bereithält. Zwar nur ein erster zaghafter Test, aber gleichwohl ein deutlicher Hinweis, dass sich Spotify in Zukunft wohl nicht nur mit Audio abgeben möchte.
  • Party Feature: Stell dir vor, du bist auf einer Party und ihr hört Musik über Spotify. Bislang konnte die Musik immer nur über ein Smartphone gesteuert werden. Das wird sich mit Spotifys neuem Party Feature ändern: Fortan können sich Premium-Nutzerïnnen über einen QR-Code miteinander verbinden und gemeinsam Playlists bestücken (Cnet). Yay!

Header-Foto von United Nations COVID-19 Response bei Unsplash


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