Monat: April 2020

Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden, rechtes Online-Portal Fritzfeed, Facebook-App für Pärchen

Salut und herzlich Willkommen zur 630. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns ausführlich mit Tracing-Apps und zeigen, warum sie die Corona-Krise nicht lösen werden. Zudem blicken wir auf Fritzfeed – ein buzzfeedesques Angebot vom rechten Rand. Darüber hinaus gibt es einen ganzen Haufen neuer Features und Tests bei den Plattformen. Herzlichen Dank für das Interesse an unserem Newsletter, Simon und Martin

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

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Weitere Artikel zum Coronavirus:

Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden

Was ist: Apple und Google schließen sich zusammen, um das Coronavirus zu bekämpfen. Sie wollen in ihren jeweiligen mobilen Betriebssystemen Schnittstellen zur Verfügung stellen, um mit Hilfe von Bluetooth Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln.

Warum das erstaunlich ist: Die beiden Unternehmen konkurrieren erbittert um Marktanteile. „Android vs. iOS” mag nicht mehr die emotional diskutierte Glaubensfrage sein, die das Netz einst bewegte, doch es geht immer noch um viele Milliarden Dollar.

Nun verkünden Tim Cook und Sundar Pichai die Kooperation auf Twitter und klingen dabei nicht wie Rivalen, sondern wie Verbündete. Man werde gemeinsam daran arbeiten, die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern und dabei die Privatsphäre der Nutzerïnnen schützen.

Warum das wichtig ist: Bislang ist nicht überliefert, ob die Hölle schon zugefroren ist – entscheidender dürfte es für die meisten Menschen derzeit sein, ob das Coronavirus seinen Schrecken verliert und sie irgendwann wieder ihren gewohnten Alltag aufnehmen können.

Von allen technischen Initiativen, die dabei helfen sollen, ist die Ankündigung von Apple und Google vermutlich die wichtigste, weitreichendste und erfolgversprechendste.

Wie das Tracing funktionieren soll: Wir haben uns in Briefing #627 und #628 ausführlich mit der europäischen Plattform Pepp-PT beschäftigt, die genau wie Apple und Google auf Bluetooth-Low-Energy (BLE) setzt, um Infektionswege nachzuvollziehen. Die Funktionsweisen ähneln sich stark. So wollen Apple und Google vorgehen:

  • Bis Mitte Mai öffnen die Unternehmen APIs in Android und iOS, auf deren Grundlage Gesundheitsbehörden Apps entwickeln können.
  • In einem zweiten Schritt soll die Funktionalität direkt ins Betriebssystem integriert werden. Die Teilnahme bleibt aber freiwillig: Nutzerïnnen müssen per Opt-in zustimmen.
  • Jedes Gerät erhält eine pseudonyme, zufällig generierte ID, die sich einmal pro Tag ändert.
  • Hinzu kommt eine „Proximity ID”, die sich alle 15 Minuten ändert.
  • Wenn sich zwei Handys auf weniger als zwei Meter annähern, speichern beide Geräte die Proximity ID des jeweils anderen Smartphones – zunächst ausschließlich lokal und vollständig verschlüsselt.
  • Im Fall einer positiven Diagnose übertragen die Erkrankten ihre eigene ID mitsamt ihres Kontakttagebuchs an einen zentralen und abgesicherten Server.
  • Alle Geräte, deren Proximity IDs sich in der Liste finden, erhalten eine Push-Nachricht, die darüber informiert, dass man Kontaktperson eines Infizierten war.
  • Es fallen keine personenbezogenen Daten an. Gerätebezogene Merkmale wie die IMEI-Nummer des Smartphones oder sensible GPS- und Bewegungsdaten werden nicht gespeichert. Die pseudonymen IDs sollen eine anonyme Nutzung gewährleisten.
  • Um Trolle abzuschrecken und Fehlalarme zu verhindern, müssen Ärztïnnen oder Labore positive Diagnosen bestätigen, sodass nur tatsächliche Erkrankte eine Benachrichtigung auslösen können.

Warum Datenschutz nicht das größte Problem ist: Zwei der mächtigsten Tech-Konzerne der Welt schließen sich zusammen, um nachzuverfolgen, wer wann wem begegnet ist. Das klingt creepy, doch Datenschützerinnen sind bislang vergleichsweise entspannt.

Selbst notorische Tech-Kritiker wie die Bürgerrechtsorganisation ACLU gestehen Apple und Google zu, „die schlimmsten Privatsphäre und Zentralisierungs-Risiken abgemildert” zu haben. Man werde wachsam bleiben, um sicherzustellen, dass sämtliche Tracing-Apps freiwillig und dezentralisiert angeboten, ausschließlich für gesundheitliche Zwecke eingesetzt und nach dem Ende der Pandemie wieder eingestellt werden.

Das Gleiche dürfte für etliche andere Organisationen, Datenschützerïnnen und Aktivistïnnen gelten, die ebenfalls misstrauisch beäugen werden, was Apple und Google anstellen. Nach Hintergrundgesprächen mit beiden Unternehmen sowie unabhängigen Wissenschaftlerïnnen und der Lektüre der entsprechenden Whitepaper sind wir relativ zuversichtlich, dass es in diesem Fall tatsächlich ausschließlich um Gesundheitsschutz geht und kein kommerzielles Interesse dahintersteckt.

Dennoch bleiben in Sachen Datenschutz Fragen offen, die etwa das Forum Informatikerïnnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung in einem 101-seitigen Gutachten aufwirft. Dieses Dokument haben wir noch nicht vollständig gelesen und verweisen auf die zugehörige Presseerklärung. Dort äußern die Forscherïnnen Bedenken, ob die Nutzung dauerhaft freiwillig bleiben wird und inwieweit tatsächlich Anonymität gewährleistet ist.

Auch der Kryptografie-Experte und Signal-Entwickler Moxie Marlinspike ist noch nicht endgültig überzeugt (Twitter), ob die Privatsphäre der Nutzerïnnen dauerhaft gewährt bleibt. Doch selbst wenn sich diese Zweifel als unbegründet erweisen und sich das System sicher und anonym herausstellt, könnte das Vorhaben scheitern.

Was die größten Hürden sind: In den vergangenen Tagen sind zahlreiche umfangreiche Analysen, Kommentare und Essays erschienen, die erklären, welche Schwächen Contact-Tracing hat. Wer tiefer einsteigen will, sollte lesen, was Ross Anderson (Light Blue Touchpaper), Julia Angwin (The Markup), Andreas Proschofsky (Standard) sowie Christin Schäfer und Ann Cathrin Riedel (Tagesspiegel) schreiben.

Für alle anderen fassen wir die wichtigsten Punkte zusammen:

Verbreitung

  • Um Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig nachzuvollziehen und Infektionsketten zu unterbrechen, müssen etwa 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App nutzen.
  • Die Nützlichkeit sinkt schnell: Bei einem Anteil von 30 Prozent wird weniger als jede zehnte Begegnung registriert. Bei einer Nutzerïnnenbasis von zehn Prozent beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass beide Personen die App installiert haben, gerade einmal ein Prozent.
  • Da nicht alle Menschen Smartphones besitzen, müssen fast alle Handynutzerïnnen mitmachen, um auf die Quote von 60 Prozent zu kommen. Wenn sie dazu eine separate App installieren müssen, ist das nahezu ausgeschlossen.
  • Die geplante Integration in die Betriebssysteme erhöht die Chance. Dennoch wird es eine gewaltige Herausforderung, allein in Deutschland 50 Millionen Menschen zu überzeugen, bewusst und aktiv in das freiwillige Tracing einzuwilligen.

Verwirrung

  • Diese Herausforderung wird durch die Vielzahl unterschiedlicher Ansätze und die unglückliche Kommunikation einiger Politikerïnnen und Forschungsinstitute erschwert.
  • Seit Wochen werden diverse Apps und Ansätze diskutiert. Mal werden asiatische Länder als Vorbilder genannt, dann wird vor Überwachung gewarnt. Selbst uns fällt es manchmal schwer den Überblick zu behalten:
  • Was genau ist der Unterschied zwischen Tracking und Tracing? Wieso schreibt das Bundesgesundheitsministerium in einem Entwurf für eine Novelle des Infektionsschutzgesetzes, dass der Staat Standortdaten sammeln müsse? Warum torpedieren einige Politikerïnnen bereits jetzt alle Versuche, Vertrauen aufzubauen, indem sie öffentlich in Frage stellen, ob die Apps dauerhaft freiwillig bleiben werden? Was unterscheidet Bluetooth-Tracing-Systeme wie Pepp-PT, DP-3T, PACT und die Apple-Google-Kooperation? Warum veröffentlich das RKI seine Datenspende-App just an dem Tag, an dem eigentlich Pepp-PT starten sollte, und stößt damit einige der beteiligten Forscherïnnen vor den Kopf?
  • Für Menschen, die diese Themen nicht beruflich im Blick behalten, muss ein fürchterlich unübersichtliches Konvolut entstehen. Viele dürften beim Stichwort Handydaten längst nur noch an digitale Dystopien und Massenüberwachung denken – obwohl Tracing eigentlich das Gegenteil ist.

Zuverlässigkeit

  • Bluetooth ist nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen Geräten zu messen. Die Abstandsmessung per BLE dürfte im Alltag bestenfalls unzuverlässig funktionieren. Fehlalarme und ausbleibende Benachrichtigungen sind die Folge.
  • Bei der Entwicklung von Pepp-PT haben Bundeswehr-Soldatïnnen und Unternehmen wie Vodafone geholfen, etliche Smartphone-Modelle zu konfigurieren, die unterschiedlich starke Signale aussenden.
  • Doch es gibt so viele weitere Faktoren: Ein Handy, das in eine Jackentasche oder im Rucksack ist, reagiert anders als eins, das man in der Hand hält. Glasscheiben halten Viren ab – Bluetooth-Signale werden dennoch übertragen. Erkennt die App, dass die infizierte Nachbarin, die nur wenige Meter entfernt schläft, durch eine Zimmerwand getrennt ist?
  • Selbst die beste Kalibrierung kann unmöglich alle Szenarien abdecken. Die Ungewissheit, die aus der eingeschränkten Verbreitung resultiert, wird sich mit der Unberechenbarkeit multiplizieren, die die mangelnde technische Zuverlässigkeit mit sich bringt.

Sicherheit

  • Das Bluetooth-Protokoll ist anfällig für Angriffe. Wer dauerhaft funkt, könnte Einfallstore für Kriminelle öffnen.
  • Insbesondere auf älteren Android-Geräten, deren Betriebssystem teils seit Jahren keine Sicherheits-Updates mehr erhalten hat, ist das ein Risikofaktor. Sobald viele Millionen Menschen solche Systeme nutzen, werden sich Hackerïnnen auf die Suche nach Schwachstellen begeben.
  • Andere installierte Apps könnten versuchen, Daten abzufangen und eben doch einzelne Nutzerïnnen aufzuspüren. Moxie Marlinspike hat hier vor allem die Adtech-Industrie im Blick, die bereits jetzt mit Beacons und Proximity-Marketing (Beaconstac) arbeitet.
  • Besonders kritisch ist die Authentifizierung der Infizierten-Meldungen: Was passiert, wenn es doch gelingt, die Mechanismen zu überwinden, die eigentlich sicherstellen sollen, dass nur tatsächlich Erkrankte ihre Daten hochladen und Kontaktpersonen alarmieren können?
  • Da Apple und Google mit Dutzenden nationalen Gesundheitsbehörden zusammenarbeiten müssen, sind viele Details noch offen. Die Qualität der Umsetzung wird entscheidend sein, ob Tracing nicht doch zum Paradies für Trolle wird.

„The performance art people will tie a phone to a dog and let it run around the park; the Russians will use the app to run service-denial attacks and spread panic; and little Johnny will self-report symptoms to get the whole school sent home.”

Psychologische und soziale Folgen

  • Je weiter die Pandemie voranschreitet, desto häufiger werden die Push-Nachrichten kommen. Wer sein Leben nicht vollständig in Quarantäne verbringt, dürfte regelmäßig gewarnt werden.
  • Manche Menschen dürfte das in Panik versetzen – andere werden sich irgendwann daran gewöhnen und die Meldungen schlicht ignorieren. Beides ist nicht im Sinne der Erfinderïnnen.
  • Vor allem für ältere und vorerkrankte Menschen ist die Warnung ein echter Schock. Covid-19 ist für sie eine lebensgefährliche Erkrankung. Ist eine anonyme Push-Nachricht dafür der richtige Weg?
  • Wer eine solche Nachricht erhält, soll sich testen lassen und in freiwillige Quarantäne begeben – doch das muss man sich leisten können: Wer kauft ein, wer kümmert sich um die Kinder, wer kommt für den Arbeitsausfall auf?

Testkapazitäten

  • Bereits jetzt sind die verfügbaren Tests ein Flaschenhals. Junge, gesunde Personen mit Symptomen werden teils nach Hause geschickt, ohne sie auf Covid-19 zu testen.
  • Ein funktionierendes Tracing-System vervielfacht die Zahl der Menschen, die sich testen lassen wollen. Das kann nur klappen, wenn die Kapazitäten massiv ausgebaut werden.

Be smart: Ende März machte eine Oxford-Studie (Science) die Runde, wonach Contact-Tracing helfen könne, das Coronavirus unter Kontrolle zu halten. Doch Technik wird niemals die Lösung für soziale, politische oder epidemiologische Probleme sein – sie kann höchstens ein kleiner Teil der Lösung sein.

Tracing scheint uns die datenschutzfreundlichste und beste Methode zu sein, die diskutiert wird. Die Kooperation von Apple und Google ist der bislang aussichtsreichste Ansatz und hat die besten Voraussetzungen, die hohen Hürden zu überwinden, schnell eine signifikante Verbreitung und damit eine kritische Masse an Nutzerïnnen zu erreichen. Es wäre wünschenswert, dass alle Forscherïnnen ihre Kräfte bündeln, um aus dem Potpourri der Apps und Plattformen ein gemeinsames System zu entwickeln.

Bis dahin werden noch Monate vergehen – und der entscheidende Meilenstein wird kein Bluetooth-Tracing, sondern die Impfung sein. Technik könnte dazu beitragen, Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen vorsichtig lockern zu können. Noch wichtiger sind ausreichend Abstand, Mundschutz und Händewaschen.

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen Desinformation

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Fritzfeed: Der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje hat in der vergangenen Woche gezeigt, dass die AfD auf Facebook und Twitter während der Coronakrise massiv an Reichweite verloren hat (Tagesspiegel). Die Wutmaschine funktioniere aktuell nicht mehr, so das Fazit seiner Untersuchung, die hier von Correctiv ausführlich eingordnet wird. Daniel Laufer und Watchblog-Kollege Jan Petter berichten nun bei netzpolitik und bento von einer neuen Website, mit der die rechte Szene Anhängerïnnen ködern und wieder mehr Sichtbarkeit im Netz erhalten will. Laut Laufer und Petter haben die Macher enge Verbindungen zu AfD-Politikern und ins rechtsextreme Milieu.

Falschmeldungen mit Millionenpublikum: Datenanalyst Philip Kreißel hat Videos und Artikel erfasst, die von Fakt Checkern als irreführend oder falsch gekennzeichnet wurden, und untersucht, wie sie sich in sozialen Netzwerken verbreiten. Demnach wurden allein 18 Videos, die Fehlinformationen über das Coronavirus enthalten, bis zum Freitag mehr als zwölf Millionen Mal auf Youtube angesehen (SZ).

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Tuned: Es gibt eine neue experimentelle App aus dem Hause Facebook. Tuned (Producthunt) ist für Pärchen gedacht und soll dabei behilflich sein, Erinnerungen fest- und Beziehungen frisch zu halten. Ob und wann Tuned jemals groß ausgerollt wird, bleibt abzuwarten. Aux, Bump, Hobbi und Whale sind bislang ja auch nicht wirklich über den Test-Status hinausgekommen.
  • Campus: Back to the roots? Jane Manchun Wong berichtet auf Twitter von einem Feature, das Studierenden mti .edu-Email-Adresse Zugang zu einer App (?) namens Campus geben soll. Dort lassen sich dann u.a. Gruppen und Events erstellen.
  • Quiet Mode: Facebook hat ein Feature gelauncht, das es Nutzerïnnen ermöglicht, Push Notifications auszuschalten. Zudem fungiert Quiet Mode als Reminder, die App für eine bestimmte Zeit nicht zu nutzen. Time Well Spent, ick hör dir trappsen. (About FB)
  • Facebook Tournaments: Gaming wird uns hier beim Social Media Watchblog in einer der kommenden Ausgaben noch ausführlicher beschäftigen. Heute nur schon einmal vorab der Hinweis, dass Facebook an einem Turnier-Feature arbeitet: Facebook Tournaments. (fbgaminghome)

WhatsApp

  • Group Calls: WhatsApp hat den Prozess verschlankt, Group Calls mit bis zu vier Teilnehmerïnnen zu tätigen: fortan lässt sich einfach aus dem Gruppenchat heraus (video-) telefonieren. (Twitter / WhatsApp)

Instagram

  • Live: Instagram Live erfreut sich bekanntlich seit Ausbruch der Corona-Pandemie zunehmender Beliebtheit bei Bloggern, Musikern und Schauspielern, um mit ihren Fans in Kontakt zu treten. Jetzt können Live-Sessions auch am Rechner verfolgt werden. (Twitter / Instagram)
  • DM im Web: Direktnachrichten können nun von allen Nutzerïnnen auch am Desktop genutzt werden. (The Verge)

IGTV

YouTube

Google

Header-Foto von Yohann LIBOT bei Unsplash

Verschwörung um 5G und Covid-19, Start von Quibi, viel Zeit für Streaming, weniger Zeit für Podcasts

Salut und herzlich Willkommen zur 629. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns ausführlich mit hanebüchenen Verschwörungstheorien rund um 5G und Covid-19. Zudem blicken wir auf den Start von Quibi und die Rekordwerte für Streaming-Plattformen. Herzlichen Dank für den Support in diesen schwierigen Zeiten, Tilman, Simon und Martin!

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

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Artikel zum Coronavirus:

5G ist gefährlich – aber nicht wegen der Strahlung

Was ist: Besorgte Bürgerïnnen haben in Großbritannien mindestens 20 Mobilfunkmasten angegriffen und angezündet (Guardian). Außerdem wurden Ingieneurïnnen und andere Angestellte der Betreiber beschimpft und bedroht (Guardian).

Was dahintersteckt: Die Attacken wurden von hanebüchene Verschwörungstheorien befeuert. Angeblich übertrage 5G-Strahlung die Lungenkrankheit Covid-19. Videos und andere Beiträge mit solchen unwissenschaftlichen und nachweislich falschen Behauptungen verbreiten sich in sozialen Netzwerken und erreichen Millionen Menschen.

Als ob die Brandstiftungen nicht schon absurd genug wären, gibt es einen weiteren Treppenwitz: Ein Großteil der beschädigten Masten sendet nur mit 3G- und 4G-Standard. Die Angreifer haben damit ausgerechnet jene Mobilfunktechnik zerstört, die in der aktuellen Situation für Sanitäterïnnen und anderes medizinisches Personal besonders wichtig ist, um sich zu koordinieren.

Warum das wichtig ist: Die Vorfälle zeigen erneut, dass Falschnachrichten reale Konsequenzen haben. In Briefing #623 haben wir analysiert, warum die Infodemie genauso gefährlich ist wie die Pandemie. Lügen und Gerüchte können dazu führen, dass sich Menschen leichtfertig verhalten, Abstandsregeln ignorieren und Menschenleben riskieren – oder sie lösen Panik aus.

Psychologisch ist das nachvollziehbar. In Krisensituationen suchen Menschen nach Halt. Sie sammeln Informationen, um die Lage besser einschätzen zu können. Das ist evolutionär gelerntes Verhalten und war einst überlebenswichtig. Doch mittlerweile gibt es ein Überangebot an Informationen – und gerade in sozialen Medien sind viele davon irreführend oder falsch.

Schon immer habe Unsicherheit dazu geführt, dass sich Gerüchte ausbreiten, schreibt die Professorin Kate Starbird (Medium), die zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht. Im aktuellen Ausnahmezustand löst das eine Flut an Falschnachrichten und Verschwörungstheorien aus, die teils bewusst gestreut werden.

Was die Plattformen tun: Nachdem die ersten Masten brannten, schaltete sich die britische Regierung ein. Sie drängte Plattformen wie Facebook, WhatsApp, YouTube und Twitter, aktiv gegen den 5G-Unfug vorzugehen. „Hammer this message home“, habe die Forderung gelautet (Guardian).

Ob der politische Druck eine Rolle spielte ist unklar. YouTube und Facebook reagierten jedenfalls schnell:

  • YouTube will die Reichweite von Videos, die 5G-Strahlung für Covid-19 verantwortlich machen, künftig drosseln (Guardian) oder die Inhalte ganz löschen, wenn sie gegen YouTubes Regeln verstoßen.
  • Facebook kündigte an, Beiträge zu sperren, die einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard und der Krankheit herstellen, wenn sie eine physische Gefahr darstellen.
  • Unabhängig von 5G hat YouTube Tausende Video gelöscht (Axios), die medizinische Falschinformationen zum Coronavirus enthalten. Die Plattform versucht, stattdessen seriöse Quellen wie die WHO und glaubwürdige Medien zu stärken.
  • Auch Whatsapp verschärft sein Vorgehen gegen viralen Corona-Quatsch (SZ): Nachrichten, die bereits mehrfach weitergeleitet wurden, lassen sich nur noch an einzelne Kontakte weiterschicken. Das soll helfen, Kettenbriefe mit Gerüchten und Falschnachrichten zu verhindern.

Das passt zu unserer bisherigen Einschätzung, die wir etwa in Ausgabe #620 und #624 formuliert haben. Damals schrieben wir:

In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

Die vergangenen Wochen haben deutlich gemacht, dass Facebook, Google und Co. sehr wohl schnell und entschlossen handeln können. In einer Telefonschalte mit Journalistïnnen sagte Mark Zuckerberg (SZ): „Man kann nicht einfach ‚Feuer‘ in einem vollen Theater schreien.“ Das bezog er auf Falschnachrichten zum Coronavirus. Deshalb greife Facebook bei solcher Desinformation härter durch, als es das in der Vergangenheit getan habe.

Wir können nicht beurteilen, ob jede einzelne Maßnahme der Plattformen das gewünschte Ziel erreicht. Aber niemand kann ihnen absprechen, dass sie sich anstrengen, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein.

Diesen Eindruck haben auch etliche Hintergrundgespräche verfestigt, die wir in den vergangenen Wochen geführt haben. Neue Funktionen werden plötzlich nebensächlich, und die besten Entwicklerïnnen kümmern sich nicht mehr nur noch darum, wie man möglichst viel Geld verdienen, sondern fragen sich, wie man möglichst viele Leben retten kann.

Warum die 5G-Panik verfängt: Es vermischen sich Technophobie und eine weltweite Pandemie. Verschärfend hinzu kommen Zehntausende lokale Nachbarschaftsgruppen in sozialen Netzwerken und Messengern, die Menschen gegründet haben, um sich über das Virus auszutauschen – und in denen jetzt auch Falschnachrichten kursieren.

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Wie Medien und Prominente alles noch schlimmer machen: Ahnungs- oder gewissenlose Portale wie der Daily Star schreiben Überschriften wie „Coronavirus: Fears 5G wifi networks could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Nach einem Faktencheck der Organisation Fullfact lautet die Überschrift nun: „Activists in bizarre claim 5G could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Um die Verbreitung zu stoppen, sind solche nachträglichen Korrekturen natürlich zu spät.

Noch größeren Schaden richten Prominente wie der Boxer Amir Khan (Independent) oder der Schauspieler Woody Harrelson (Buzzfeed) an, die Videos mit Verschwörungstheorien teilen oder auf dubiose Petitionen verlinken. Sie agieren als Influencer im Wortsinn – nur dass sie statt Werbung Panik verbreiten.

Wo die Verschwörungstheorien herkommen: Wir wollen die absurden Behauptungen nicht im Einzelnen nacherzählen. Das gibt ihnen zu viel Raum. Lieber beschränken wir uns auf einige Hintergrundinformationen und Eckpunkte:

  • Widerstand gegen 5G ist im Netz seit Jahren ein großes Thema. „Seit 5G bekomme ich wäschekörbeweise Zuschriften“, sagte Dorothee Bär im Oktober. Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Wer eine der zahlreichen Anti-5G-Demos besucht, denkt plötzlich ganz neu über das Wort besorgte Bürgerïnnen nach.
  • Verschwörungstheorien über 5G werden Hunderttausendfach geteilt (Buzzfeed) und finden auch in QAnon-Kreisen großen Anklang – dort vermischt sich die Technophobie mit Antisemitismus und Rassismus.
  • Die aktuellen Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Covid-19 konstruieren, wurden wohl maßgeblich durch ein – online mittlerweile gelöschtes – Interview mit einem dubiosen Arzt in einer belgischen Lokalzeitung ausgelöst (Wired).
  • Der verlinkte Wired-Text erzählt detailliert nach, wie sich der Unfug über vermeintliche Expertïnnen, Infowars, russische Medien und hauptberufliche Verschwörungstheoretiker wie den ehemaligen Fußballprofi David Icke im ganzen Netz ausbreitet. Die Dynamik ist faszinierend, das Ergebnis ist erschreckend.

The big picture: Die 5G-Theorien sind nur eine von vielen üblen Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Während Trump Covid-19 lange Zeit verharmlost hat und China dafür verantwortlich machen will, versucht die chinesische Regierung über Staatsmedien und mit Werbung auf Facebook und Instagram, ihrerseits den USA die Schuld in die Schuhe zu schieben (Telegraph).

Wo sich die zwei Großmächte streiten, will natürlich auch Russland mitmischen. Kremltreue Medien wie RT verbreiten haltlose Behauptungen (Belltower), die sich teils mit antisemitischen Motiven vermischen. Meist wird nahegelegt, die USA hätten das Virus erschaffen (EU vs Disinfo).

Be smart: Verschwörungstheorien sind nichts Neues. Auch neue Technik hat seit jeher Widerstand ausgelöst. Als 3G eingeführt wurde, gab es ebenfalls Angriffe auf Funkmasten. Mobilfunkstrahlen, Mikrowellen, Wlan – Fortschritt macht Menschen Angst.

Die aktuellen Umstände potenzieren das Problem jedoch: eine virologische Pandemie, eine virale Infodemie und nahezu unkontrollierbare, Ende-zu-Ende verschlüsselte Messenger, die als Gerüchteschleuder dienen.

Deshalb ist es wichtig, selbst alles dafür zu tun, dass sie die Falschnachrichten nicht weiterverbreiten. Dieser BBC-Artikel ist ein guter Anfang: David Robson erklärt, warum auch kluge Menschen groben Unsinn glauben und wie man dem am besten entgegentritt: nicht überheblich oder brüsk, sondern mit möglichst präzisen und einfach formulierten Argumenten.

Autor: Simon Hurtz | Illustration: Julia Tripke | sympathiegestalten
Permalink: https://socialmediawatchblog.de/2020/04/08/5g-ist-gefaehrlich-aber-nicht-wegen-der-strahlung/

Zukunft des Fernsehens?

Was ist: Das viel gehypte Streaming-Startup Quibi ist da.

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Was ist Quibi?

  • Quibi ist kein Social-Media-Angebot. Vielmehr handelt es sich um eine Art Netflix fürs Smartphone.
  • Die Inhalte von Quibi (kurz für Quick Bytes) sind originär für den Konsum auf dem Smartphone konzipiert und sollen Nutzerïnnen vor allem „on the go“ abholen – also an der Bushaltestelle, in der Supermarktschlange, beim Pendeln oder als Begleiter in der Kaffeepause.
  • Einzelne Episoden sind hochwertig produziert und dauern maximal zehn Minuten.
  • Für die Produktion konnten Stars wie Jennifer Lopez, Reese Witherspoon, Steven Spielberg, Liam Hemsworth und Christoph Waltz gewonnen werden.
  • Zwar gibt es die Inhalte bislang nur in Englisch und Spanisch, sehr wohl kann die App aber auch in Deutschland direkt zum Start genutzt werden.
  • Die ersten 90 Tage sind kostenfrei – danach kostet das Abo 9 Euro im Monat.
  • Um sich von der Konkurrenz abzuheben hat sich Quibi ein technisches Schmankerl names Turnstyle ausgedacht – damit lassen sich Videos von der Vertikalen (default!) in die Horizontale kippen. Eine ganz hübsche Spielerei, die aber auch dramaturgisch Sinn ergeben kann.

Warum ist das interessant?

  • Seit Jahren berichten wir im Social Media Briefing über die Streaming Wars oder etwas weniger martialisch: den Kampf um Video.
  • YouTube, Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram und TikTok arbeiten eifrig daran, ihren Nutzerïnnen Video-Inhalte anzubieten: mal kurz, mal mittel, mal lang, mal live, mal als Konserve, mal originär für die Plattform produziert, mal als Zweitverwertung, mal von Profis, mal von Nutzern hochgeladen.
  • Quibi schickt sich nun an, in diesen Konkurrenzkampf einzusteigen und sich ebenfalls ein Stück vom Kuchen (read: Fernseh-Milliarden) zu sichern.
  • Da Quibi vom ehemaligen Dreamworks-Gründer Jeffrey Katzenberg und der ehemaligen eBay-Managerin Meg Whitman gegründet wurde, ist Quibi eine bislang einzigartige Symbiose aus Tech und traditioneller Entertainment-Industrie.

Be smart: Quibi startet mit 50 Formaten – darunter viele hochkarätig besetzte Serien, sowie Gossip-Krams von TMZ und News von BBC, respektive NBC. Die App funktioniert anständig und macht auch optisch einen soliden Eindruck. Ob Quibi allerdings ein Erfolg wird, die Milliarden an Risikokapitel rechtfertigt und sich wirklich am Markt nachhaltig etablieren kann, ist aus vier Gründen fraglich:

  • Streaming-Portale leben von einem Mega-Hit, für den es sich lohnt, die App herunterzuladen, bzw. ein kostenpflichtiges Abo abzuschließen. Solche Hits sind aber nur bedingt plan- und steuerbar. Ob Quibi einen landen kann, nobody knows.
  • Quibi launcht in einer Zeit, in der nur wenige Menschen „on the go“ sind. Im Gegenteil: #Wirbleibenzuhause ist der Zeitgeist. Ob die App es schafft, in dieser sehr speziellen Zeit ein kritisches Wachstum zu erreichen, ist fraglich.
  • Quibis Hauptargument – mobile only – könnte zugleich sein Killer sein. Menschen sind es gewohnt, Inhalte ohne große Brüche zu konsumieren: Wer etwas auf dem Laptop entdeckt, möchte es auf dem Smartphone weiterschauen können, um dann den Inhalt bei Bedarf auf den Fernseher zu zaubern – YouTube, Netflix und Co machen es vor. Dass Quibi sich aber genau dieser Funktionen gänzlich beraubt, könnte für viele Menschen ein abturn sein.
  • Alle anderen Angebote lassen sich gemeinschaftlich konsumieren, ggf. digital über Watch-Party-Funktionen, etc. Quibi hingegen ist alles andere als Lagerfeuer. Quibi ist eine Ego-Maschine. Du und dein Smartphone. Sonst niemand lautet das Motto. Ob das bei all der Zeit, die Menschen schon „allein“ in den anderen Apps verbringen, beim Publikum verfängt, sehen wir kritisch.

Statistiken

Streaming-Angebote erzielen derzeit in den USA Rekordwerte (Axios). Podcasts hingegen verbuchen sehr viel geringere Abrufzahlen (NiemanLab). Beides lässt sich sicherlich auch im Rest der Welt beobachten und gut mit den Nutzungsgewohnheiten der Menschen erklären: Mehr Binge-Watching dahoam, weniger Podcast-Nutzung unterwegs.

Schon einmal im Briefing davon gehört

  • BuzzFeed Deutschland steht zum Verkauf: Bereits im letzten Jahr deutete sich an (New York Times), dass BuzzFeed sehr genau prüfen wird, welche Verticals und Ableger erhalten bleiben können. Nun steht fest, dass das Mutterhaus die Standorte in Brasilien und Deutschland verkaufen möchte. Wohl nicht zuletzt auch wegen der Coronakrise und der schwindenden Werbeerlöse. Falls also jemand von euch Partner von BuzzFeed Deutschland werden möchte, einfach bei Daniel Drepper melden. Das Team um Daniel leistet wirklich klasse Arbeit!
  • The Outline macht übrigens dicht.

Neue Features

Pinterest

One more thing

Schöne Feiertage: Wir wünschen allen Leserïnnen schon einmal vorab frohe Ostern! Wir hoffen wirklich sehr, dass alle ein schönes Osterfest haben – trotz Social Distancing und allen anderen Herausforderungen, mit denen wir uns in dieser Zeit konfrontiert sehen. Immer dran denken: We are in this together! Wir lesen uns dann nächste Woche Mittwoch wieder. Bis dahin 🐰

Header-Foto von Victor He bei Unsplash

Warum Menschen aus Angst vor Corona 5G-Mobilfunkmasten anzünden

Was ist

Besorgte Bürgerïnnen haben in Großbritannien mindestens 20 Mobilfunkmasten angegriffen und angezündet (Guardian). Außerdem wurden Ingieneurïnnen und andere Angestellte der Betreiber beschimpft und bedroht (Guardian).

Was dahintersteckt

Die Attacken wurden von hanebüchene Verschwörungstheorien befeuert. Angeblich übertrage 5G-Strahlung die Lungenkrankheit Covid-19. Videos und andere Beiträge mit solchen unwissenschaftlichen und nachweislich falschen Behauptungen verbreiten sich in sozialen Netzwerken und erreichen Millionen Menschen.

Als ob die Brandstiftungen nicht schon absurd genug wären, gibt es einen weiteren Treppenwitz: Ein Großteil der beschädigten Masten sendet nur mit 3G- und 4G-Standard. Die Angreifer haben damit ausgerechnet jene Mobilfunktechnik zerstört, die in der aktuellen Situation für Sanitäterïnnen und anderes medizinisches Personal besonders wichtig ist, um sich zu koordinieren.

Warum das wichtig ist

Die Vorfälle zeigen erneut, dass Falschnachrichten reale Konsequenzen haben. In Briefing #623 haben wir analysiert, warum die Infodemie genauso gefährlich ist wie die Pandemie. Lügen und Gerüchte können dazu führen, dass sich Menschen leichtfertig verhalten, Abstandsregeln ignorieren und Menschenleben riskieren – oder sie lösen Panik aus.

Psychologisch ist das nachvollziehbar. In Krisensituationen suchen Menschen nach Halt. Sie sammeln Informationen, um die Lage besser einschätzen zu können. Das ist evolutionär gelerntes Verhalten und war einst überlebenswichtig. Doch mittlerweile gibt es ein Überangebot an Informationen – und gerade in sozialen Medien sind viele davon irreführend oder falsch.

Schon immer habe Unsicherheit dazu geführt, dass sich Gerüchte ausbreiten, schreibt die Professorin Kate Starbird (Medium), die zu Kriseninformatik und Krisenkommunikation forscht. Im aktuellen Ausnahmezustand löst das eine Flut an Falschnachrichten und Verschwörungstheorien aus, die teils bewusst gestreut werden.

Was die Plattformen tun

Nachdem die ersten Masten brannten, schaltete sich die britische Regierung ein. Sie drängte Plattformen wie Facebook, WhatsApp, YouTube und Twitter, aktiv gegen den 5G-Unfug vorzugehen. „Hammer this message home“, habe die Forderung gelautet (Guardian).

Ob der politische Druck eine Rolle spielte ist unklar. YouTube und Facebook reagierten jedenfalls schnell:

  • YouTube will die Reichweite von Videos, die 5G-Strahlung für Covid-19 verantwortlich machen, künftig drosseln (Guardian) oder die Inhalte ganz löschen, wenn sie gegen YouTubes Regeln verstoßen.
  • Facebook kündigte an, Beiträge zu sperren, die einen Zusammenhang zwischen dem Mobilfunkstandard und der Krankheit herstellen, wenn sie eine physische Gefahr darstellen.
  • Unabhängig von 5G hat YouTube Tausende Video gelöscht (Axios), die medizinische Falschinformationen zum Coronavirus enthalten. Die Plattform versucht, stattdessen seriöse Quellen wie die WHO und glaubwürdige Medien zu stärken.
  • Auch Whatsapp verschärft sein Vorgehen gegen viralen Corona-Quatsch (SZ): Nachrichten, die bereits mehrfach weitergeleitet wurden, lassen sich nur noch an einzelne Kontakte weiterschicken. Das soll helfen, Kettenbriefe mit Gerüchten und Falschnachrichten zu verhindern.

Das passt zu unserer bisherigen Einschätzung, die wir etwa in Ausgabe #620 und #624 formuliert haben. Damals schrieben wir:

In der Coronakrise aber zeigen viele Unternehmen, dass sie so etwas wie ein Gewissen haben und soziale Verantwortung verspüren.

Die vergangenen Wochen haben deutlich gemacht, dass Facebook, Google und Co. sehr wohl schnell und entschlossen handeln können. In einer Telefonschalte mit Journalistïnnen sagte Mark Zuckerberg (SZ): „Man kann nicht einfach ‚Feuer‘ in einem vollen Theater schreien.“ Das bezog er auf Falschnachrichten zum Coronavirus. Deshalb greife Facebook bei solcher Desinformation härter durch, als es das in der Vergangenheit getan habe.

Wir können nicht beurteilen, ob jede einzelne Maßnahme der Plattformen das gewünschte Ziel erreicht. Aber niemand kann ihnen absprechen, dass sie sich anstrengen, Teil der Lösung und nicht Teil des Problems zu sein.

Diesen Eindruck haben auch etliche Hintergrundgespräche verfestigt, die wir in den vergangenen Wochen geführt haben. Neue Funktionen werden plötzlich nebensächlich, und die besten Entwicklerïnnen kümmern sich nicht mehr nur noch darum, wie man möglichst viel Geld verdienen, sondern fragen sich, wie man möglichst viele Leben retten kann.

Warum die 5G-Panik verfängt

Es vermischen sich Technophobie und eine weltweite Pandemie. Verschärfend hinzu kommen Zehntausende lokale Nachbarschaftsgruppen in sozialen Netzwerken und Messengern, die Menschen gegründet haben, um sich über das Virus auszutauschen – und in denen jetzt auch Falschnachrichten kursieren.

Menschen haben Angst vor moderner Technik. Menschen haben Angst vor dem Virus. Andere Menschen nutzen das aus und schüren Panik. Es ist ein „Perfect Storm“, ein Szenario, wie es sich Dan Brown nicht besser für einen seiner Verschwörungs-Thriller hätte ausdenken können.

Wie Medien und Prominente alles noch schlimmer machen

Ahnungs- oder gewissenlose Portale wie der Daily Star schreiben Überschriften wie „Coronavirus: Fears 5G wifi networks could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Nach einem Faktencheck der Organisation Fullfact lautet die Überschrift nun: „Activists in bizarre claim 5G could be acting as ‚accelerator‘ for disease“. Um die Verbreitung zu stoppen, sind solche nachträglichen Korrekturen natürlich zu spät.

Noch größeren Schaden richten Prominente wie der Boxer Amir Khan (Independent) oder der Schauspieler Woody Harrelson (Buzzfeed) an, die Videos mit Verschwörungstheorien teilen oder auf dubiose Petitionen verlinken. Sie agieren als Influencer im Wortsinn – nur dass sie statt Werbung Panik verbreiten.

Wo die Verschwörungstheorien herkommen

Wir wollen die absurden Behauptungen nicht im Einzelnen nacherzählen. Das gibt ihnen zu viel Raum. Lieber beschränken wir uns auf einige Hintergrundinformationen und Eckpunkte:

  • Widerstand gegen 5G ist im Netz seit Jahren ein großes Thema. „Seit 5G bekomme ich wäschekörbeweise Zuschriften“, sagte Dorothee Bär im Oktober. Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Wer eine der zahlreichen Anti-5G-Demos besucht, denkt plötzlich ganz neu über das Wort besorgte Bürgerïnnen nach.
  • Verschwörungstheorien über 5G werden Hunderttausendfach geteilt (Buzzfeed) und finden auch in QAnon-Kreisen großen Anklang – dort vermischt sich die Technophobie mit Antisemitismus und Rassismus.
  • Die aktuellen Theorien, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Covid-19 konstruieren, wurden wohl maßgeblich durch ein – online mittlerweile gelöschtes – Interview mit einem dubiosen Arzt in einer belgischen Lokalzeitung ausgelöst (Wired).
  • Der verlinkte Wired-Text erzählt detailliert nach, wie sich der Unfug über vermeintliche Expertïnnen, Infowars, russische Medien und hauptberufliche Verschwörungstheoretiker wie den ehemaligen Fußballprofi David Icke im ganzen Netz ausbreitet. Die Dynamik ist faszinierend, das Ergebnis ist erschreckend.

The big picture: Die 5G-Theorien sind nur eine von vielen üblen Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Während Trump Covid-19 lange Zeit verharmlost hat und China dafür verantwortlich machen will, versucht die chinesische Regierung über Staatsmedien und mit Werbung auf Facebook und Instagram, ihrerseits den USA die Schuld in die Schuhe zu schieben (Telegraph).

Wo sich die zwei Großmächte streiten, will natürlich auch Russland mitmischen. Kremltreue Medien wie RT verbreiten haltlose Behauptungen (Belltower), die sich teils mit antisemitischen Motiven vermischen. Meist wird nahegelegt, die USA hätten das Virus erschaffen (EU vs Disinfo).

Be smart

Verschwörungstheorien sind nichts Neues. Auch neue Technik hat seit jeher Widerstand ausgelöst. Als 3G eingeführt wurde, gab es ebenfalls Angriffe auf Funkmasten. Mobilfunkstrahlen, Mikrowellen, Wlan – Fortschritt macht Menschen Angst.

Die aktuellen Umstände potenzieren das Problem jedoch: eine virologische Pandemie, eine virale Infodemie und nahezu unkontrollierbare, Ende-zu-Ende verschlüsselte Messenger, die als Gerüchteschleuder dienen.

Deshalb ist es wichtig, selbst alles dafür zu tun, dass sie die Falschnachrichten nicht weiterverbreiten. Dieser BBC-Artikel ist ein guter Anfang: David Robson erklärt, warum auch kluge Menschen groben Unsinn glauben und wie man dem am besten entgegentritt: nicht überheblich oder brüsk, sondern mit möglichst präzisen und einfach formulierten Argumenten.


Grafik: Julia Tripke


Das neue NetzDG, Zoom will beim Datenschutz nachbessern, Handydaten gegen Covid-19, YouTube bastelt an TikTok-Rivalen

Salut und herzlich Willkommen zur 628. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigt uns das neue NetzDG: Helfe Gesetze gegen Hass im Netz? Zudem lernen wir, dass Zoom beim Datenschutz nachbessern möchte, was es mit Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing auf sich hat ( 🤓 ) und warum es so schwer ist, einen TikTok-Rivalen zu bauen. Herzlichen Dank für das Interesse an unserer Arbeit und ein angenehmes Wochenende – Tilman, Simon und Martin

Das neue NetzDG: Helfen Gesetze gegen Hass im Netz?

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Was ist: Die Bundesregierung will das NetzDG ändern. Dafür hat sie den „Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes“ beschlossen. Auf der Webseite des Justizministeriums gibt es einen Überblick der wichtigsten Neuregelungen sowie ein ausführliche Q&A mit 25 Fragen und Antworten. Wer am Wochenende noch nichts vorhat, kann die 61 Seiten Gesetzestext auch als PDF lesen.

Warum das wichtig ist: Das NetzDG zählt zu den umstrittensten Gesetzvorhaben der Bundesregierung. Der Grundgedanke ist richtig: Wer im Internet bedroht und beleidigt wird, soll das nicht tatenlos hinnehmen müssen. Große Plattformen wie Facebook und YouTube sollen strafrechtlich relevante Inhalte schneller entfernen und Meldeprozesse transparenter machen.

Die Umsetzung war aber kritikwürdig: Obwohl die ersten Entwürfe mehrfach nachgebessert wurden, enthält das fertige Gesetz viele vage Formulierungen, sieht keine Beschwerdemöglichkeiten vor, überlässt den Plattformen die Ausgestaltung der Meldewege und Transparenzberichte, verlagert staatliche Aufgaben auf private Anbieter und bietet keinen wirksamen Schutz vor Overblocking (Netzpolitik).

Das NetzDG wurde zwar zum Vorbild für autokratische Regime (SZ), die große Furcht vor Zensur hat sich in Deutschland aber nicht als begründet erwiesen (Heise). Allerdings war es auch nicht besonders wirksam: Ursprünglich ging die Bundesregierung von 25.000 Beschwerden pro Jahr aus – 2020 waren es gerade einmal 489.

Das könnte natürlich auch daran liegen, dass sich die Plattformen fast vorbildlich verhalten und gar keinen Anlass dafür bieten. Wahrscheinlicher ist aber, dass nur wenige Menschen die teils komplizierten Beschwerdewege kennen und nutzen.

Was sich ändern soll: Der Regierungsentwurf geht auf einige der zentralen Kritikpunkte am bestehenden NetzDG ein:

  • Beschwerden: Nutzerïnnen können verlangen, dass Entscheidungen überprüft werden. Das gilt für gemeldete Inhalte, die nicht gelöscht werden, aber auch für eigene Beiträge, die das soziale Netzwerk womöglich zu Unrecht gesperrt hat. Dafür müssen die Plattformen ein sogenanntes Gegenvorstellungsverfahren etablieren und ihre Entscheidungen individuell begründen.
  • Kürzere Klagewege: Wer nach einer Beschwerde mit der Entscheidung nicht einverstanden ist, soll sich an einen Zustellungsbevollmächtigten in Deutschland wenden können. Bislang sind dafür teils komplizierte Klagen in Irland oder anderen Ländern nötig.
  • Schlichtungsstelle: Private Schlichtungsstellen sollen helfen, Streitpunkte zwischen Nutzerïnnen und Unternehmen außergerichtlich beizulegen. Das kann helfen, Gerichtskosten zu reduzieren.
  • Meldewege: Einige Plattformen (hallo, Facebook) verstecken ihr Meldeformular auf einer Unterseite im Hilfebereich – das dürfte eine rechte effektive Methode sein, die Zahl der Beschwerden zu minimieren. Künftig sollen die Formulare leichter zugänglich sein und direkt vom jeweiligen Beitrag aus aufgerufen werden können.
  • Transparenzberichte: Die regelmäßigen Berichte sollen aussagekräftiger werden. Soziale Netzwerke müssen künftig etwa offenlegen, wie sie mit Gegenvorstellungsverfahren umgehen und angeben, wie viele Inhalte sie nach Beschwerden wiederherstellen. Außerdem sollen die Unternehmen aufführen, ob und inwiefern sie unabhängigen Forschungseinrichtungen Zugang zu anonymisierten Daten für wissenschaftliche Zwecke gewähren.

Was sich sonst noch ändert: Derzeit versucht die Bundesregierung, mit mehreren Intiatitiven gegen Hasskriminalität im Netz vorzugehen. Neben der Novellierung des NetzDG gibt es den Gesetzentwurf „zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität“, der im Februar im Kabinett verabschiedet wurde. Das Paket soll insgesamt sechs Gesetze ändern, darunter auch das NetzDG.

Dieses zweite Vorhaben wird seit Monaten kontrovers diskutiert. Zwischenzeitlich enthielt ein Referentenentwurf Formulierungen, die den Schluss zuließen, die Bundesregierung wolle auf Passwörter im Klartext zugreifen.

Solche Frontalangriffe auf Grundrechte wurden mittlerweile entfernt, vor allem die Meldepflicht für Plattformen, die bestimmte Inhalte automatisch ans BKA übermitteln sollen, bleibt aber heftig umstritten (Heise). Einen guten Überblick zum Gesetz gegen Hasskriminalität hat Patrick Beuth im Februar geschrieben (Spiegel).

Wie es weitergeht: Beide Gesetzentwürfe wurden bislang erst im Kabinett verabschiedet. Bevor der Bundestag zustimmt, stehen parlamentarische Verfahren an, sodass noch Änderungen vorgenommen werden können. Das Innenministerium wünscht sich etwa eine Regelung für Plattformen, die nicht unter das NetzDG fallen, weil sie weniger als zwei Millionen Nutzer in Deutschland haben.

Be smart: Die Überarbeitung ist sinnvoll und überfällig. Bei einigen Änderungen fragt man sich: Warum erst jetzt? Insbesondere die fehlenden Beschwerdemöglichkeiten gegen zu Unrecht gesperrte Beiträge waren von Anfang an ein Kritikpunkt des NetzDG – das vor mehr als zwei Jahren verabschiedet wurde.

Trotzdem bleiben grundsätzliche Probleme bestehen. Das zeigt sich in den Stellungnahmen, die das BMJV veröffentlicht hat (ganz unten). Dort üben nicht nur Facebook und Google Fundamentalkritik, auch zivilgesellschaftliche Organisation wie die Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) und HateAid haben Bedenken. Sie fürchten Eingriffe in die Meinungsfreiheit, kritisieren die Auslagerung staatlicher Aufgaben an private Unternehmen und fordern generell ein langsameres Vorgehen mit mehr Einfluss der Zivilgesellschaft.

Die Organisationen Das Nettz, Campact, das No-Hatespeech-Movement und die AAS schreiben etwa:

Die eilige Veröffentlichung der jüngsten Referentenentwürfe wirkt auf uns wie politischer Aktionismus, der nicht zu überlegten Entscheidungen führen kann. Völlig unverständlich ist, warum die in Arbeit befindliche wissenschaftliche Evaluierung zum NetzDG nicht abgewartet wird, bevor Veränderungs-Entwürfe vorgelegt werden.

Auch die Grünen-Politikerinnen Renate Künast und Tabea Rößner fordern (Grün-Digital):

Allerdings muss Ministerin Lambrecht nun auch die lange angekündigte Evaluierung des Gesetzes vorlegen, das 2017 im Galopp durch den Bundestag getrieben wurde. Diese war nämlich bisher stets das Argument, schon lange bekannte Fehler im NetzDG nicht abzuändern und grüne Anträge zu vertagen. Jetzt sollten nicht nur die von Anfang an bekannten Fehler beseitigt werden, sondern mit der Evaluierung auch eine grundsätzliche Debatte über Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrechte im Gesetz erfolgen.

Update 1: Zoom will beim Datenschutz nachbessern

Was war: In Briefing #627 haben wir über den rasanten Aufstieg von Zoom geschrieben – und über die teils massiven Datenschutzpannen, die sich der Dienst geleistet hat.

Was ist: Zu den Kritikpunkten sind in der Zwischenzeit weitere Sicherheitslücken hinzugekommen (Wired). Mittlerweile hat auch das Unternehmen reagiert. In einem Blogeintrag verspricht Zoom-Chef Eric S. Yuan, dass man sich in den kommenden drei Monaten auf Sicherheit und Datenschutz fokussieren werde.

Be smart: Innerhalb weniger Monate ist die Zahl der Menschen, die Zoom nutzen, von 10 auf 200 Millionen gewachsen. Es ist verständlich, dass das Unternehmen an der Belastungsgrenze arbeitet und von der Situation teils überfordert ist. Doch die unrühmliche Geschichte der Sicherheitslücken reicht weiter zurück, und es gibt wenig Grund für einen großen Vertrauensvorschuss.

Yuans Ankündigung liest sich gut, bislang ist sie aber nur ein Versprechen. Entscheidet ist, was in den kommenden Wochen geschieht. Bis dahin gilt: Auch andere Unternehmen haben schöne Videokonferenz-Software – Zeit Online und The Verge stellen die besten Alternativen vor.

Update 2: Handydaten gegen Covid-19

Was war: In Briefing #627 haben wir über eine App geschrieben, mit der Robert-Koch-Institut (RKI) und Heinrich-Hertz-Institut (HHI) die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen wollen.

Was ist: Mittlerweile ist die Sperrfrist vorbei und weitere Details bekannt. Tatsächlich geht es nicht nur um eine App, und es sind nicht nur die beiden deutschen Institute beteiligt.

Hinter dem sperrigen Begriff „Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing”, kurz Pepp-PT, verbirgt sich eine europäische Plattform, an der mehr als 130 Wissenschaftlerïnnen wochenlang gearbeitet haben. Die wichtigsten Eckpunkte:

  • Das Projekt ist der bislang größte und ambitionierteste Versuch, die Pandemie mit moderner Technik zu bekämpfen – ohne in die Privatsphäre der Nutzerïnnen einzugreifen.
  • Beteiligt sind Forscherïnnen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Spanien und der Schweiz.
  • Pepp-PT ist ein Framework, auf dem Apps aufsetzen können. Wenn zu viele unterschiedliche Apps entstehen, erreicht keine eine kritische Größe, die nötig ist, um als wirksames Warnsystem zu funktionieren.
  • Das System ist ein Gegenentwurf zu den teils repressiven und invasiven Ansätzen anderer Länder. Statt massenhaft sensible Standortdaten zu sammeln, Nutzerïnnen zu überwachen oder Infizierte an einen digitalen Corona-Pranger zu stellen, soll Pepp-PT komplett freiwillig und datenschutzfreundlich sein.
  • Um Infektionsketten wirksam zu unterbrechen, streben die Forscher eine Nutzerbasis von 60 Prozent der Bevölkerung an – in Deutschland wären das 50 Millionen Menschen.
  • Die Plattform soll am 7. April fertiggestellt sein, mit den ersten Apps wird eine Woche später gerechnet. Für Deutschland entwickeln RKI und HHI diese App.
  • Die Funktionsweise der App, die auf dem Bluetooth-Low-Energy-Standard beruht und lokal anonyme, temporäre IDs der Kontaktpersonen speichert, entspricht der Analyse aus Briefing #627.

Be smart: Es wird eine gewaltige Herausforderung, genug Menschen zu überzeugen, sich freiwillig eine solche App zu installieren. Zum Vergleich: Nicht mal WhatsApp hat in Deutschland 50 Millionen Nutzerïnnen.

Was das Vorhaben zusätzlich erschwert, sind Berichte, wonach die Polizei – datenschutzrechtlich höchst fragwürdige – Infizierten-Listen erstellt (Netzpolitik). Auch solche Aussagen von CDU-Politikern wie dem Bundestagsabgeordneten Tino Sorge dürften eher Misstrauen auslösen als Vertrauen stiften (Handelsblatt):

Dass der Standard nur auf Freiwilligkeit und Anonymisierung beruht, zeigt leider, dass es sich um einen Kompromiss mit den Datenschützern handelt – obwohl der lebensrettende Nutzen außer Frage steht. Weil die App von freiwilligen Downloads abhängig ist, wird sie stets nur lückenhafte Daten liefern.

Auch Hansjörg Durz, der digitalpolitische Sprecher der CSU, droht jetzt schon:

Wenn Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit im absoluten Notfall eingeschränkt werden können, darf auch die Einschränkung von Datenschutzrechten kein Tabu sein – insbesondere wenn dadurch andere Grundrechte zurückgewonnen werden können.

Zumindest Angela Merkel gibt sich Mühe (Spiegel), das ambitionierte Projekt nicht schon vor dem Start zu sabotieren. Wenn sich das Konzept als wirksam erweise, um Kontaktpersonen zu warnen, dann sei sie „natürlich auch bereit, das für mich selber anzuwenden und damit vielleicht anderen Menschen zu helfen”.

Shorts: YouTube plant TikTok-Rivalen

Was ist: YouTube plant, Ende des Jahres eine neue Kurzvideo-Funktion in die reguläre YouTube-App zu integrieren. Das neue Feature soll Shorts heißen und TikTok Konkurrenz machen (The Information $).

Was genau soll Shorts können? Bislang ist zu den Funktionen noch nicht all zu viel bekannt. The Information berichtet lediglich, dass das Feature Nutzerïnnen ermöglichen soll, ihre Videos mit Musik aus der YouTube-Library zu verbinden. Ob es TikToksche Editing-Funktionen, Filter, Challenges und dergleichen geben wird, ist völlig offen.

Warum ist das interessant?

  • Bislang tun sich die etablierten Social-Media-Unternehmen schwer damit, den Erfolg von TikTok einzubremsen. 2019 hat das Unternehmen aus China mit Blick auf Umsätze und neu registrierte Accounts Monat für Monat bessere Ergebnisse erzielt. Nach Erfolgen in Europa und USA, soll die App nun in weiteren Ländern der Welt mit Nachdruck expandieren (Reuters).
  • TikTok zeigt in der aktuellen Krise, dass sie sich längst am westlichen Markt etabliert haben. Nicht nur Kids und Möchtegern-Influencer nutzen die App, sondern etliche (Alt-) Stars und Sternchen haben sich jüngst bei TikTok angemeldet (von Arnold Schwarzenegger über Jennifer Lopez bis zu Jack Black). Auch setzen Unternehmen wie die WHO auf TikTok, um Teens besser über Covid-19 aufzuklären. Sogar der saarländische Ministerpräsident nutzt jetzt TikTok ¯\_(ツ)_/¯

Be smart:

  • Facebook versucht bereits mit Lasso und Instagram Reels, eigene Kurzvideo-Apps in ausgewählten Märkten zu etablieren.
  • Ob solche Standalone-Apps besser funktioneren können als Features, die einfach nur in bereits bestehende Apps gepflanzt werden, muss sich zeigen. Da wir über Facebook Lasso im November 2018 zum ersten Mal berichtet haben (siehe Briefing #499) und seitdem nicht wirklich etwas passiert ist, gibt es eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass die App noch einmal wirklich abhebt. Selbiges dürfte womöglich auch für Instagram Reels gelten, über die wir im November 2019 berichteten (Briefing #591).
  • Am Ende sind es aber wohl auch nicht so sehr die Features, die darüber entscheiden, ob es eine App aus dem Hause Facebook oder Google schafft, TikTok nachhaltig aufzumischen.
  • Den größten Vorteil, den TikTok genießt, ist der „content network effect“ – je mehr Menschen die App bereits nutzen, desto mehr Inhalte gibt es, die für eigene Inhalte als Vorlage genutzt werden können – egal ob bei Duetts, Challenges, Parodien, Reaction-Videos, etc.
  • Was Facebook mit Blick auf den traditionellen Netzwerk-Effekt erreicht hat (je mehr Menschen die App nutzen, desto größer ist das Incentive, dass ich mich für die App auch anmelde), hat TikTok mit seinen Inhalten geschafft.
  • YouTube könnte das auch. Dafür braucht es aber mehr als nur den Zugriff auf die Musikbibliothekt. YouTube müsste für Shorts all seine bereits hochgeladenen Videos zum Remix freigeben. Das wäre ein Fest.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

Instagram

Empfehlungen fürs Wochenende

Tipps for Social Distancing gab es ja die Tage zuhauf. Diese Hinweise machen auf uns aber einen besonders kredibilen Eindruck – sie beruhen auf 50 Jahren Erfahrung mit Social Distancing (NPR).

Hier. Du. Machen. Das Internet ist ein Großmeister darin, einem ein schlechtes Gewissen einzureden. Gerade in diesen Zeiten gibt es eine Flut an Artikeln, was nun alles mit der Zeit zuhause angefangen werden könnte. Taylor Lorenz meint: Stop trying to be productive. Diesem Aufruf wollen wir uns gern anschließen.

Dokus ohne Ende: Vielleicht einfach mal die Füße hochlegen und eine fantastische Doku aus dem Archiv des International Documentary Film Festival Amsterdam gucken – das wäre doch fein.

Header-Foto von Tedward Quinn bei Unsplash

Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen, Zoom und der Datenschutz, Facebook und der Journalismus

Salut und herzlich Willkommen zur 627. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute schauen wir uns ausführlich an, wie Deutschland Covid-19 mit einer App eindämmen will und erklären, warum das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Gesundheitsschutz gar kein Widerspruch sein muss. Zudem zeigen wir, was Du über den neuen Social-Media-Star Zoom besser wissen solltest. Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und bedanken uns für das Vertrauen! Merci, Tilman, Simon und Martin

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

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Artikel zum Coronavirus:

Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen

Was ist: Zum dritten Mal in anderthalb Wochen geht es in diesem Briefing um Handydaten, die im Kampf gegen Covid-19 helfen sollen. In Ausgabe #624 und #626 haben wir das Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Gesundheitsschutz beleuchtet. Jetzt erklären wir, warum das gar kein Widerspruch sein muss.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Heinrich-Hertz-Institut (HHI) des Fraunhofer-Instituts entwickeln gemeinsam eine App, die mögliche Kontaktpersonen von Infizierten warnen soll – ohne in die Privatsphäre der Nutzerïnnen einzugreifen.

Uns liegt ein bislang nicht veröffentlichtes Whitepaper vor, das vielversprechend aussieht. Die Details sollen in den kommenden Tagen auch öffentlich vorgestellt werden.

Warum das wichtig ist: Dutzende Länder setzen auf Technik und Daten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Staaten wie China, Taiwan, Südkorea und Hong Kong wählen dabei mitunter repressive Methoden und Apps, die in Deutschland schon allein aufgrund der DSGVO kaum denkbar wären.

Mittlerweile sammeln auch die USA GPS-Daten (WSJ) und kooperieren dabei mit zwielichtigen Unternehmen, die massenhaft Standortdaten sammeln und dabei nicht immer legal vorgehen. Datenschutz-Aktivist Wolfie Christl sagt zurecht, die Industrie betreibe „Covidwashing” und versuche, ihre fragwürdigen Praktiken schönzufärben.

Die RKI/HHI-Lösung kommt ohne solche Risiken und Nebenwirkungen aus. Sie funktioniert anonym und im Einklang mit deutschem Datenschutzrecht. Die App könnte ein wichtiger Baustein sein, um die Kurve in den kommenden Wochen flach zu halten.

Wie die App arbeitet: RKI und HHI setzen auf Bluetooth-Technik. Die App verwandelt das Smartphone in einen Sender und einen Empfänger zugleich. Das Gerät scannt die nahe Umgebung und protokolliert alle Handys, die sich in Reichweite befinden. Diese können später benachrichtigt werden, wenn Nutzerïnnen der App positiv auf Covid-19 getestet werden.

Als Inspiration dient die TraceTogether-App aus Singapur, deren Code bald Open Source werden soll (Heise). Dort wird allerdings die Telefonnummer gespeichert, wodurch Handy-Besitzerïnnen für den Staat und Gesundheitsbehörden identifizierbar werden. Das geschieht bei der deutschen Version nicht. Zudem sollen weitere Modifikationen die Privatsphäre der Nutzerïnnen schützen.

Warum die App anonym funktioniert: Das einzige Identifikationsmerkmal ist eine zufällig generierte ID, die keine Rückschlüsse auf individuelle Nutzerïnnen ermöglicht und sich in regelmäßigen Abständen ändert. Sämtliche Daten werden lokal und verschlüsselt auf dem Smartphone gespeichert. Die Funktionsweise schützt die Identität der Nutzerïnnen:

  • Wer die App installiert, erhält eine temporäre ID.
  • Wenn zwei Handys für einen bestimmten Zeitraum einen gewissen Mindestabstand unterschreiten, sodass sich die Besitzerïnnen theoretisch hätten anstecken können, speichern beide Apps die ID des anderen Geräts – zunächst ausschließlich lokal.
  • Im Fall einer positiven Diagnose übertragen die Erkrankten die Liste der IDs an einen zentralen und abgesicherten Server, auf den nur RKI oder HHI zugreifen könnten.
  • Diese Informationen enthüllen nicht die Identität der Nutzerïnnen, sondern ermöglichen es lediglich, einmalig eine Push-Benachrichtigung an die Geräte zu verschicken, die sich hinter den jeweiligen IDs verbergen.
  • Diese Personen werden aufgefordert, sich testen zu lassen, und sollen bis zur Diagnose in Quarantäne bleiben.
  • Ältere Daten, die keinen epidemiologischen Wert mehr haben, sollen automatisch gelöscht werden.

Auf Informationen wie Namen, dauerhafte, gerätebezogene Merkmale wie die IMEI-Nummer des Smartphones oder sensible GPS- und Bewegungsdaten kann dabei verzichtet werden. Johannes Abeler, Matthias Bäcker und Ulf Buermeyer, die eher der Datenschutzfraktion angehören und Bedenken sicher nicht leichtfertig beiseite schieben, halten die Lösung für effektiv und sinnvoll (Netzpolitik)

„So eine App könnte eine Kontaktverfolgung deutlich wirksamer implementieren als ein System, das auf Funkzellendaten oder Standortdaten basiert, denn beide Kategorien von Daten erlauben keine Positionsbestimmung mit der erforderlichen Präzision von höchstens zwei Metern. Und gleichzeitig wäre ein solches Konzept datenschutzrechtlich einwandfrei.“

Welche Fragen offen bleiben: Das Whitepaper geht nicht ins Detail und spart einige wichtige Punkte aus. Unter anderem fragen wir uns:

  • Wie sind die Apps und vor allem der zentrale Server gegen Hackerangriffe geschützt?
  • Das Bluetooth-Protokoll öffnet Einfallstore für kriminelle Hacker (ERNW), wenn Geräte permanent im Discovery-Mode sind. Werden Nutzerïnnen über diese potenziale Gefahr in Kenntnis gesetzt?
  • Mit welcher kryptografischen Methode werden die IDs ver- und entschlüsselt?
  • Ein TAN-System soll sicherstellen, dass sich nur Nutzerïnnen als infiziert melden können, die tatsächlich positiv getestet wurden. Das ist sinnvoll, um Trolle gar nicht erst auf üble Gedanken zu bringen. Wie genau soll dieser Mechanismus ablaufen, und wie wird dabei die Identität der Erkrankten geschützt?
  • Gibt es unabhängige Kontrollinstanzen, die garantieren, dass Daten sicher aufbewahrt und wie versprochen zeitnah gelöscht werden?
  • Wie viele Menschen müssen die App mindestens nutzen, damit das System funktioniert?

Be smart: Das Konzept klingt auf dem Papier gut. Doch damit eine solche Bluetooth-App eine wirksame Hilfe im Kampf gegen das Coronavirus werden kann, braucht es eine große Zahl an Nutzerïnnen. Gerade in Deutschland dürfte es schwierig werden, einen Großteil der Bevölkerung zu überzeugen.

In Umfragen erklären sich zwar viele Befragte bereit, einen Teil des Datenschutzes dem Gesundheitsschutz unterzuordnen (was in diesem Fall gar nicht nötig wäre). Aber RKI-Präsident Lothar Wieler und Gesundheitsminister Jens Spahn haben in den vergangenen Wochen mit unklaren Äußerungen und einem kontraproduktiven, mittlerweile geänderten Entwurf des Infektionsschutzgesetzes selbst dazu beigetragen, Verwirrung zu stiften.

Eine mögliche Alternative könnten Apple und Google sein. In einem offenen Brief fordern Dutzende Wissenschaftlerïnnen und Medizinerïnnen die beiden Unternehmen auf, das Contact-Tracing direkt in ihre mobilen Betriebssysteme zu integrieren. Dann bräuchten Nutzerïnnen nur noch per Opt-in zustimmen, aber keine App mehr installieren. Dieses Vorgehen wirft aber etliche datenschutzrechtliche Fragen auf, die vorher geklärt werden müssten.

Neben der nötigen Überzeugungsarbeit gibt es noch mehr Herausforderungen: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland mag ein Smartphone besitzen und ständig mit sich herumtragen – ausgerechnet die besonders gefährdeten Seniorïnnen sind aber oft noch mit älteren Handys unterwegs und könnten nicht gewarnt werden.

Auch die Testkapazitäten könnten zum Flaschenhals werden. Jede Kontaktperson müsste sich umgehen prüfen lassen. Bereits jetzt gibt es diese Möglichkeit nicht mal für alle Menschen, die Symptome aufweisen. Die App könnte auf einen Schlag etliche weitere Nutzerïnnen ins Krankenhaus schicken.

Trotz aller Bedenken: Was RKI und HHI planen, geht definitiv in die richtige Richtung. Nach allem, was wir bislang wissen, können wir sagen: Wir würden die App installieren – und allen Freundïnnen, Verwandten und Bekannten raten, dasselbe zu tun.

Autor: Simon Hurtz

Zoom, die Trolle und der Datenschutz

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Was ist: Die Videokonferenz-App Zoom geht durch die Decke – doch der Boom wird von negativen Schlagzeilen begleitet. Zwischenzeitlich übermittelten die Apps ungefragt Nutzerdaten an Facebook, außerdem wird der Dienst von Trollen geplagt.

Warum das wichtig ist: In Briefing #625 haben wir die Zoom-Mania beleuchtet. Millionen Menschen müssen zuhause bleiben, also videotelefonieren sie mit Zoom. Die App dominiert die Download-Charts, der Börsenkurs geht durch die Decke. Was als Business-App startete, wird mittlerweile von Schulen, Universitäten, Politikerïnnen, Journalistïnnen und Millionen Jugendlichen genutzt.

Worum es im Detail geht: In den vergangenen Tagen haben eine Reihe von Artikeln die Schwachstellen und Probleme von Zoom offenbart:

  • Zoom versichert selbst, dass auch Gruppenanrufe Ende-zu-Ende-verschlüsselt seien. Das ist offenbar nicht der Fall (The Intercept). Demnach sind die Gespräch nur transportverschlüsselt – was bedeutet, dass Zoom selbst die Videoaufnahmen sehen kann. Für sensible Telefonate sollte man also besser auf Apps wie Signal ausweichen.
  • „Zoombombing”: Die Quarantäne hindert Trolle nicht an üblen Scherzen. Sie klinken sich in öffentliche Zoom-Calls ein und teilen ihren Bildschirm – auf dem pornografische oder gewaltverherrlichende Inhalte zu sehen sind (NYT). Die Angriffe treffen etwa Wahlkampfveranstaltungen oder öffentliche Diskussionen.
  • Bereits im vergangenen November hatte ein US-Staatsanwalt Zoom als „Netflix der Kinderpornografie” (NYT) bezeichnet. Die Plattform wird auch von Pädophilen genutzt.
  • Zwischenzeitlich enthielt die iOS-App ein Software Development Kit von Facebook, das Nutzerdaten übermittelte (Vice) – sogar von Menschen, die gar keinen Facebook-Account besitzen. In der Datenschutzerklärung fehlte dieser Hinweis. Mittlerweile hat Zoom das SDK entfernt (Vice) und sagt, dass es sich um ein Versehen gehandelt habe.
  • Trotzdem hat ein Zoom-Nutzer eine Sammelklage gegen Zoom eingereicht (Vice). Der Vorwurf: Zoom habe kalifornisches Datenschutzrecht gebrochen, weil es nicht über die Datenweitergabe an Facebook informiert und keine Zustimmung eingeholt habe.
  • Mehrere tausend E-Mailadressen und Profilfotos wurden versehentlich veröffentlicht (Vice) und anderen Nutzerïnnen angezeigt. Das Problem: Zoom hatte Provider wie Gmail, Yahoo und Outlook als jeweils ein Unternehmen gezählt und ein „Company Directory” erstellt.
  • Nun interessiert sich auch die New Yorker Generalstaatsanwältin für Zoom (NYT). Sie will wissen, wie Zoom die Privatsphäre seiner Nutzerïnnen schützt und welche Maßnahmen das Unternehmen plant, um „Zoombombings“ und andere Angriffe zu verhindern.
  • Eine Kurzanalyse des Sicherheitsforschers Mike Kuketz zeigt, dass Zoom zahlreiche weitere personenbezogene Daten an mehr als ein Dutzend Drittanbieter weitergibt. Das ist nicht unbedingt illegal, und andere Apps gehen noch dreister vor – Vertrauen schafft es aber auch nicht unbedingt.
  • John Gruber erinnert an einen Vorfall aus dem vergangenen Jahr (Daring Fireball). Damals gab eine üble Sicherheitslücke Hackerïnnen Zugriff auf Webcams. „If you ever installed Zoom, I’d go through the steps to eradicate it and never install it again”, lautete das Fazit von Gruber.
  • Die US-Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) kritisiert, dass Admins oder Vorgesetzte mit Hilfe von Zoom andere Gesprächsteilnehmerïnnen überwachen können. Sie werden etwa benachrichtig, wenn einer der anderen Nutzerïnnen mehr als 30 Sekunden lang den Fokus auf ein anderes Fenster legt.

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen Desinformation

Twitter & Facebook löschen Posts von Bolsonaro : Twitter und Facebook haben erstmalig Inhalte eines Staatschefs von ihren Plattformen gelöscht (Techcrunch). Die Relativierungen und Irreführungen in Sachen Coronavirus, die Brasiliens Staatspräsident auf den Plattformen teilte, verstießen gegen die Community Standards, so die Unternehmen. Das ist deshalb so spannend, weil die Plattformen bislang den Ansatz gefahren sind, Politiker von Fact-Checks in aller Regel auszunehmen. Mal schauen, wen es als nächstes erwischt. Oder anders ausgedrückt: Ob sie sich an Trump auch rantrauen.

Snapchats Myth Game: Ja, es ist ein Quizspiel. Und nein, Covid-19 ist kein Spiel. Trotzdem ist das neue Myth-Buster-Spiel von Snapchat (Mashable) eine gute Idee. Das Quiz funktioniert als regulärer, interaktiver Filter und lässt Nutzerïnnen zu Mythen rund um das Coronavirus quizzen. Die Grundlage bilden dabei Informationen, die von der WHO ausgegeben wurden. Snaps Idee: Kids spielerisch an das Thema heranführen und der gesellschaftlichen Verantwortung als Netzwerk mit über 200 Millionen Nutzerïnnen gerecht werden. Sounds legit.

Social Media & Journalismus

100 Millionen Dollar für den Journalismus: Facebook hat angesichts der durch die Coronakrise wegbrechenden Werbeerlöse 100 Millionen Dollar an Zuschüssen für (lokale) Zeitungen angekündigt (Facebook). Mit dem Geld werden 50 kleinere Redaktionen in den USA und Kanada unterstützt, wie z.B. die South Carolina Post and Courier, die Southeastern Missourian und El Paso Matters. Das Geld fließt on top zu den 300 Millionen Dollar des Facebook Journalism Projects.

Follow the money

Facebook schließt AR-Deal ab: Facebook wird exklusiver Kunde des AR-Display-Herstellers Plessey (The Information $). Solche Displays sind vor allem für Datenbrillen interessant, wie wir sie bislang am ehesten von Snapchat kennen. Eigentlich stand wohl im Raum, das britische Unternehmen zu kaufen. Auch Apple hatte darüber nachgedacht. Doch durch die exklusive Partnerschaft kann Facebook nun einerseits ziemlich schnell die Herstellung von smarten Brillen umsetzen, andererseits eine regulatorische Prüfung vermeiden.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Viele neue Livestreaming-Features: Das Coronavirus führt bekanntlich zu einem echten Livestream-Boom. Das hat natürlich auch Facebook registriert. Das Unternehmen lanciert daher eine Reihe neuer Features für das eigene Live-Streaming-Angebot (The Verge):
    • einen Audio-Only-Modus
    • ein Live-Producer-Feature
    • neue Möglichkeiten, Kreative mittels Stars zu bezahlen,
    • sowie eine Option, mittels Public Switched Telephone Network, Audio-Livestreams auch über Telefonnummern anzubieten statt übers Internet. Ein Feature, das gerade in Ländern interessant sein dürfte, in denen Facebook-Dienste gesperrt sind.

Snapchat

  • Stories bald überall Snapchat arbeitet ja bereits länger an der Idee, Snapchat Stories auch in anderen Apps sichtbar zu machen. Nun ist es tatsächlich so weit: Bei Hily (Dating-App), Triller (Music-App) und Squad (Co-Watching) können Nutzerïnnen fortan auf Stories zugreifen, die eigentlich bei Snapchat produziert wurden. Der Hintergedanke: Das Format Stories ist so populär geworden, dass Snap nun sicherstellen möchte, dass nicht noch weitere Unternehmen eigene Stories-Funktionen bauen (und lieber auf das Original zurückgreifen).

One more thing

Danke! Ganz ehrlich: Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie großartig es ist, dass wir beim Social Media Watchblog +3k zahlende Abonnentïnnen haben und komplett unabhängig von Werbeumsätzen und Einzel-Verkaufszahlen arbeiten können! In Zeiten wie diesen ist das doppelt wertvoll! Danke für Euer Interesse und Euer Vertrauen, liebe Steady-Member und liebe Organisationen und Unternehmen, die uns über ein Firmen-Abo lesen! Merci, Martin 💛

Header-Foto von Max Anderson bei Unsplash

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