Monat: April 2020

Facebook, Google und Microsoft blasen zur Jagd auf Zoom

Was ist

Zoom ist in aller Munde und vor aller Augen. Die Plattform für Videokonferenzen zählt zu den größten Profiteuren der Corona-Krise. In Zeiten von Physical Distancing versuchen Menschen, zumindest virtuell sozialen Kontakt aufrechtzuerhalten – und das funktioniert auf Zoom so gut wie mit kaum einem anderen Dienst.

Was kommt

Der steile Aufstieg von Zoom hat schlafende Riesen geweckt. Das Silicon Valley reagiert spät, aber mit aller Macht: Facebook, Google und Microsoft wollen ihren Teil vom Videokuchen abhaben und verteilen intern Ressourcen neu, um ihre Produkte möglichst schnell auf Augenhöhe mit Zoom zu bringen – und nach Möglichkeit vorbeizuziehen.

Auch der Rest der Tech-Branche will mitspielen: Verizon hat den Dienst BlueJeans gekauft, Cisco pusht Webex als sichere Alternative zu Zoom (mit der wir in einem Test gute Erfahrungen gemacht haben), und auch Telegram hat Videotelefonie für Gruppen angekündigt.

Wir werden uns an dieser Stelle aber auf Facebook, Google und Microsoft beschränken – diese Konzerne haben qua Marktmacht und strategischen Möglichkeiten schlicht die größten Chancen, Zooms Siegeszug zu stoppen.

Warum das wichtig ist

„Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.” Das sagte der Futurist Gerd Leonhard bereits Anfang März (dirkvongehlen.de). In einem aktuellen Blogeintrag führt Dirk den Gedanken weiter aus:

„Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, ‚live‘ zu denken.“

Wir sind überzeugt, dass Dirk Recht hat. Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die sonst womöglich erst in einigen Jahren spürbar geworden wäre. Die Grenzen zwischen analoger und virtueller Realität werden verschwimmen, digitale Zusammenkünfte werden zunehmend normal werden.

Für Kulturpessimisten ist diese Vorstellung ein Graus („aber ‚echter’ Kontakt ist doch viel wertvoller”). Wir sehen in erster Linie die langfristigen Vorteile:

  • Im Privatleben müssen virtuelle Treffen analoge Begegnungen ja nicht ersetzen, sondern können sie ergänzen. Ein Zoom-Bier ist (oft) netter als ein Glas Wein allein.
  • Im Arbeitsleben dürften viele Unternehmen feststellen, dass strikte Präsenzkultur ein Dinosaurier ist. Home-Office, flexible Arbeitszeiten und Videokonferenzen können viele Mitarbeiterïnnen das Leben erleichtern.
  • Manchmal müssen Arbeitgeber zu ihrem Glück gezwungen werden. Das Coronavirus hat verkrustete Strukturen eingerissen, die nach der Krise kaum wieder alle aufgebaut werden dürften.

Kurzum: Videokonferenzen und Livestreams haben gerade ihre 15 Weeks of Fame. Wir glauben, dass daraus ein Dauerzustand werden wird, der Sozial- und Berufsleben prägt.

Was Zahlen und Fakten sagen

  • Einer Analyse von App Annie zufolge sind die Downloads von Zoom im vergangenen Monat um 740 Prozent gestiegen.
  • Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte Zoom 10 Millionen Nutzerïnnen – jetzt sind es mehr als 300 Millionen.
  • In den vergangenen Wochen haben sich 50 Millionen Menschen bei der Videochat-App Houseparty angemeldet, hinter der Fortnite-Entwickler Epic Games steckt.
  • Zoom hat bereits den Einzug in Popkultur und Alltagssprache gehalten. Begriffe wie „Zoombombing” (Wikipedia – mit 39 Quellen!) Und „Zoom-Fatigue” (SZ) zeigen, wie allgegenwärtig der Dienst ist.
  • Auch andere Dienste wachsen rasant: Täglich melden sich drei Millionen Menschen bei Google Meet an, die Zahl der täglichen Nutzerïnnen liegt bei mehr als 100 Millionen.
  • Facebooks Zahlen sind noch eindrücklicher: 700 Millionen Menschen videotelefonieren täglich mit dem Messenger und WhatsApp.

Was Facebook macht

Mark Zuckerberg soll Entwicklerïnnen auf neue Video-Produkte angesetzt haben (NYT), nachdem er gesehen hat, wie erfolgreich Zoom ist. Angeblich haben sich Facebook-Mitarbeiterïnnen in internen Foren staunend über die Zahlen ausgetauscht, die Zoom vorlegt.

Im Gespräch mit Casey Newton (The Verge) sagt Zuckerberg selbst, dass ihm das Thema Video am Herzen liegt:

„I’m very focused on remote presence: being able to feel like you’re with a person even when you can’t physically be there.“

Er glaubt, dass sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen wird:

„I’m sure there’s some kind of temporary peak now, but the trend has been going this direction for a while. (…) And I think that this period will accelerate that permanently by a few years.“

Deshalb hat Facebook eine Reihe von Updates verkündet (Facebook-Newsroom), die sich alle um das Thema Video drehen und im Laufe der kommenden Tage oder Wochen weltweit freigeschaltet werden:

  • Messenger Rooms ist eine Mischung aus Zoom und Houseparty: Nutzerïnnen können Chat-Räume eröffnen und bis zu 50 Teilnehmerïnnen einladen.
  • Man muss niemanden anrufen, sondern kann Rooms direkt aus der Facebook- oder Messenger-App heraus nutzen. Die Funktion taucht im Newsfeed, in Gruppen und auf Event-Seiten auf.
  • Bald soll Rooms für WhatsApp, Instagram und Facebooks Smart-Speaker Portal folgen.
  • Im Gegensatz zu WhatsApp ist die Video-Verbindung nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Facebook sagt aber, dass es daran arbeite (Facebook-Newsroom).
  • Das Unternehmen verspricht, keine Inhalte zu erfassen und die Metadaten nicht zu nutzen, um Anzeigen zu personalisieren.
  • Die Videoanrufe bei WhatsApp werden von vier auf acht Personen erweitert.
  • Facebook Live und Instagram Live erhalten etliche neue Funktionen, unter anderem kann man bald Geld verlangen, wenn man einen Livestream erstellt – spannend für Künsterïnnen oder Online-Seminare.

Was Google macht

Allo, Duo, Hangouts, Messages, Meet, Talk – Google hat in den vergangenen Jahren etliche Messenger und Videokonferenz-Dienste vorgestellt und teils wieder beerdigt. Auch wir haben Mühe, in dem Messenger-Chaos den Überblick zu behalten. Kürzlich wurde Hangouts Meet zu Meet (Google Cloud) und Hangouts Chat zu Chat (The Verge).

Es läuft also noch nicht alles rund bei Google, wie eine (leicht gekürzte) Anekdote zeigt, die das Unternehmen der New York Times zwar nicht bestätigen wollte – die Google aber auch nicht dementiert:

„Philipp Schindler, Google’s chief business officer, held a videoconference with thousands of the search giant’s employees using Google Meet. During the session, one employee asked why Zoom was reaping the biggest benefits even though Google had long offered Meet.

Mr. Schindler tried placating the engineer’s concerns, the people said. Then his young son stumbled into view of the camera and asked if his father was talking to his co-workers on Zoom. Mr. Schindler tried correcting him, but the boy went on to say how much he and his friends loved using Zoom.“

Immerhin scheint Google allmählich herauszufinden, welche Dienste es dauerhaft beibehalten will: Duo und Meet – einen unkomplizierten Facetime-Konkurrenten für private Anrufe, ein mächtigeres Tool für größere Gruppen und Unternehmen.

  • Im Laufe der vergangenen Monate hat Google Duo immer weiter aufgebohrt. Kürzlich kam ein größeres Update hinzu (Google-Blog), das unter anderem nochmals deutlich verbesserte Video-Qualität verspricht und die Zahl der möglich Teilnehmerïnnen bei Gruppentelefonate auf zwölf erhöht.
  • In unseren Tests war Duo unkompliziert und fast immer zuverlässig. Vor allem die Bildqualität überzeugt, insbesondere bei langsamem Wlan oder schlechtem mobilen Netz.
  • Bislang war Meet Business-Kundïnnen vorbehalten, die Googles G Suite abonniert haben. Nun wird die Plattform für alle Nutzerïnnen freigeschaltet – während Duo auch ohne Google-Konto funktioniert, braucht es für Meet aber einen Account.
  • Die Plattform ermöglicht Gruppenanrufe mit bis zu 100 Teilnehmerïnnen, bis 30. September gibt es keine zeitliche Begrenzung. Danach gilt ein Limit von 60 Minuten.
  • Native Apps gibt es nur für mobile Betriebssysteme, auf dem Desktop läuft Meet im Browser.
  • Google setzt auf Integration mit seinen bestehenden Diensten und verwebt Meet etwa eng mit Gmail. Außerdem soll das Bundle mit G Suite und dem Google Drive attraktiv für Unternehmen sein.

Was Microsoft macht

Genau wie Google hat Microsoft zwei Produkte im Portfolio: Skype und Teams. Ganz im Gegensatz zu Google scheint Microsoft aber nicht überzeugt zu sein, ob beide Dienste dauerhaft parallel existieren sollen – ein Statement ist vielsagend (The Verge):

„For now, Skype will remain a great option for customers who love it and want to connect with basic chat and video calling capabilities.“ The ‚for now‘ part of that statement is a telling sign that Microsoft’s focus is now Teams, not Skype.“

Wäre Skype noch ein eigenständiges Unternehmen und gäbe es noch Aktien zu kaufen – wir würden unser Geld woanders investieren.

Die Zahl der Menschen, die Skype täglich nutzen, stieg im vergangenen Monat zwar um 70 Prozent auf 40 Millionen. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das aber überschaubar – zumal Skype auf allen Windows-Rechnern vorinstalliert ist und damit eigentlich einen großen Wettbewerbsvorteil haben sollte.

Das Unternehmen pusht stattdessen Teams und will die Plattform, die sich einst nur an Unternehmen richtete, auch für Privatnutzerïnnen attraktiv machen (VentureBeat):

The company wants you to use Teams to plan trips, neighborhood gatherings, and book club meetings. You can share photos and videos in a group chat and make video calls, as you might expect. Additionally, you will soon be able to collaborate over shared to-do lists, assign tasks to specific people, and coordinate schedules.

Microsoft selbst bezeichnet Teams als „All-in-one-Hub für Arbeit und Leben”, während Skype in erster Linie eine Chat- und Video-Plattform sei. Die Update-Frequenz zeigt aber eindeutig, welcher Dienst höhere Priorität genießt.

Einem Bericht von The Verge zufolge will Microsoft Teams möglichst schnell neue Funktionen verpassen und hat dafür Entwicklerïnnen von anderen Aufgaben abgezogen. Skype Business ist bereits in Teams aufgegangen, Skype könnte folgen.

Ähnlich wie Mark Zuckerberg hält Jared Spataro, der das Team für Microsoft 365 leitet, den aktuellen Boom für eine nachhaltige Entwicklung (The Verge)

„The new normal is not going to be, like what I thought two weeks ago, that all is clear, go back everybody. There will be a new normal that will require us to continue to use these new tools for a long time. (…) I really feel this will be a turning point for how we work and learn because there are just some very real practical things happening that will mean we’ll never go back to the old way.“

Während Google Meet mit G Suite verwebt, will Microsoft Teams als Argument für das Microsoft-365-Abo (bis vor kurzem bekannt als Office 365) nutzen. Der Lock-in-Effekt, der bislang vor allem für Betriebssysteme und soziale Netzwerke galt, greift zunehmend auf Software-Bundles über.

Was Zoom macht

Während das halbe Valley das Kriegsbeil ausgegraben hat, gibt sich Zoom-Chef Eric Yuan ganz entspannt (NYT:

„Zoom’s chief executive, Eric Yuan, said in an interview this month that his company was not thinking about competition and was focused on users and their experience during a ‚once in a probably 100 years crisis.“

Das mag man glauben oder nicht (wir sind eher skeptisch). Fakt ist, dass Zoom momentan tatsächlich viel tut, um sein Produkt zu verbessern.

Die Plattform ist zwar einfach zu verstehen, leicht zu bedienen und funktioniert zuverlässig – auf den zweiten Blick gibt es aber etliche Mängel bei Datenschutz und Privatsphäre, die wir in Briefing #627 aufgelistet haben.

In Ausgabe #628 folgte das Update: Anfang April versprach Yuan im Blog des Unternehmens, man werde 90 Tage lang keine neuen Funktionen entwickeln, sondern sich darauf konzentrieren, Sicherheitslücken zu stopfen und Daten besser zu schützen.

Am Montag wurde Version 5.0 veröffentlicht – mit besserer Verschlüsselung und der Möglichkeit, Daten nicht mehr durch China leiten zu lassen. Dafür ist allerdings ein kostenpflichtiger Account nötig.

Be smart

Facebook hat Konkurrenten in der Vergangenheit oft einfach aufgekauft. Doch Zoom wird sich nicht schlucken lassen, wie das etwa bei WhatsApp und Instagram möglich war. Dafür ist das Unternehmen zu groß und mit einer Bewertung von knapp 50 Milliarden Dollar (Business Insider) auch zu teuer.

Snapchat und TikTok haben gezeigt, dass es möglich ist, sich dauerhaft zu etablieren, obwohl Facebook alles kopiert, was nicht bei Drei ein Patent angemeldet hat.

Die Technikgeschichte zeigt aber auch, dass Erfolg vergänglich ist. Wäre Covid-19 2011 ausgebrochen, hätte der große Krisengewinner Skype geheißen. Damals zahlte Microsoft 8,5 Milliarden Dollar für den Dienst, der so allgegenwärtig war, dass Skypen sogar ins Oxford-Dictionary aufgenommen wurde – nachdem The Onion zuvor noch Witze darüber gerissen hatte.

Doch es folgte eine Reihe von Fehlentscheidungen (The Verge), Microsoft verschlief die mobile Revolution, setzte auf die falsche Technologie, wollte zwischenzeitlich Snapchat kopieren und manövrierte Skype so ins Abseits.

Niemand weiß, ob Zoom-Chef Yuan die kommenden Trends frühzeitig antizipiert, um sein Unternehmen dauerhaft konkurrenzfähig zu halten. Google und Microsoft haben durch die Integration in G Suite und Microsoft 365 Vorteile – und Facebook kontrolliert drei der wichtigsten Plattformen der Welt, vernetzt 2,5 Milliarden Menschen und kann neue Produkte wie Rooms nahtlos integrieren.

Für Zuckerberg scheint Video ohnehin nur eine Zwischenstation zu sein (The Verge):

Clearly, there are a bunch of things that are kind of weird about just staring at a video screen. I did a management team meeting in VR earlier, when everyone was working from home. And even though VR is earlier in its development, and video presence is more mature, there’s something about the feeling of space. (…) There was something that felt a lot more real about that in a way. I do think that there are things that we’ll get to over time. Video presence is not the end of the line.


Foto-Quelle: Gabriel Benois, Unsplash


Facebook, Google und Microsoft blasen zur Jagd auf Zoom, TikTok-Download-Rekord, Relaunch von StudiVZ

Video-Wars: Facebook, Google und Microsoft blasen zur Jagd auf Zoom

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Was ist: Zoom ist in aller Munde und vor aller Augen. Die Plattform für Videokonferenzen zählt zu den größten Profiteuren der Corona-Krise. In Zeiten von Physical Distancing versuchen Menschen, zumindest virtuell sozialen Kontakt aufrechtzuerhalten – und das funktioniert auf Zoom so gut wie mit kaum einem anderen Dienst.

Was kommt: Der steile Aufstieg von Zoom hat schlafende Riesen geweckt. Das Silicon Valley reagiert spät, aber mit aller Macht: Facebook, Google und Microsoft wollen ihren Teil vom Videokuchen abhaben und verteilen intern Ressourcen neu, um ihre Produkte möglichst schnell auf Augenhöhe mit Zoom zu bringen – und nach Möglichkeit vorbeizuziehen.

Auch der Rest der Tech-Branche will mitspielen: Verizon hat den Dienst BlueJeans gekauft, Cisco pusht Webex als sichere Alternative zu Zoom (mit der wir in einem Test gute Erfahrungen gemacht haben), und auch Telegram hat Videotelefonie für Gruppen angekündigt.

Wir werden uns an dieser Stelle aber auf Facebook, Google und Microsoft beschränken – diese Konzerne haben qua Marktmacht und strategischen Möglichkeiten schlicht die größten Chancen, Zooms Siegeszug zu stoppen.

Warum das wichtig ist: „Online Konferenzen werden das neue Normal, und face to face wird der neue Luxus.” Das sagte der Futurist Gerd Leonhard bereits Anfang März (dirkvongehlen.de). In einem aktuellen Blogeintrag führt Dirk den Gedanken weiter aus:

„Das Internet ist nicht nur Dokumentationsmedium, sondern vor allen Dingen ein Erlebnismedium. Teil- und Einflussnahme am Entstehen sind hier wertvoller Bestandteil der bisher als abgeschlossen gedachten Inhalten in allen erdenklichen Formen. Durch die Corona-Krise wird dieser Wandel vom Produkt zum Prozess auch für vormals weniger digitale Menschen greif- und fühlbar. Der Live-Stream macht aus Text, Bild und Ton ein Erlebnis, aus dem womöglich neue Finanzierungsmethoden erwachsen können – wenn wir anfangen, ‚live‘ zu denken.“

Wir sind überzeugt, dass Dirk Recht hat. Die Pandemie hat eine Entwicklung beschleunigt, die sonst womöglich erst in einigen Jahren spürbar geworden wäre. Die Grenzen zwischen analoger und virtueller Realität werden verschwimmen, digitale Zusammenkünfte werden zunehmend normal werden.

Für Kulturpessimisten ist diese Vorstellung ein Graus („aber ‚echter’ Kontakt ist doch viel wertvoller”). Wir sehen in erster Linie die langfristigen Vorteile:

  • Im Privatleben müssen virtuelle Treffen analoge Begegnungen ja nicht ersetzen, sondern können sie ergänzen. Ein Zoom-Bier ist (oft) netter als ein Glas Wein allein.
  • Im Arbeitsleben dürften viele Unternehmen feststellen, dass strikte Präsenzkultur ein Dinosaurier ist. Home-Office, flexible Arbeitszeiten und Videokonferenzen können viele Mitarbeiterïnnen das Leben erleichtern.
  • Manchmal müssen Arbeitgeber zu ihrem Glück gezwungen werden. Das Coronavirus hat verkrustete Strukturen eingerissen, die nach der Krise kaum wieder alle aufgebaut werden dürften.

Kurzum: Videokonferenzen und Livestreams haben gerade ihre 15 Weeks of Fame. Wir glauben, dass daraus ein Dauerzustand werden wird, der Sozial- und Berufsleben prägt.

Was Zahlen und Fakten sagen:

  • Einer Analyse von App Annie zufolge sind die Downloads von Zoom im vergangenen Monat um 740 Prozent gestiegen.
  • Vor dem Ausbruch des Coronavirus hatte Zoom 10 Millionen Nutzerïnnen – jetzt sind es mehr als 300 Millionen.
  • In den vergangenen Wochen haben sich 50 Millionen Menschen bei der Videochat-App Houseparty angemeldet, hinter der Fortnite-Entwickler Epic Games steckt.
  • Zoom hat bereits den Einzug in Popkultur und Alltagssprache gehalten. Begriffe wie „Zoombombing” (Wikipedia – mit 39 Quellen!) Und „Zoom-Fatigue” (SZ) zeigen, wie allgegenwärtig der Dienst ist.
  • Auch andere Dienste wachsen rasant: Täglich melden sich drei Millionen Menschen bei Google Meet an, die Zahl der täglichen Nutzerïnnen liegt bei mehr als 100 Millionen.
  • Facebooks Zahlen sind noch eindrücklicher: 700 Millionen Menschen videotelefonieren täglich mit dem Messenger und WhatsApp.

Was Facebook macht: Mark Zuckerberg soll Entwicklerïnnen auf neue Video-Produkte angesetzt haben (NYT), nachdem er gesehen hat, wie erfolgreich Zoom ist. Angeblich haben sich Facebook-Mitarbeiterïnnen in internen Foren staunend über die Zahlen ausgetauscht, die Zoom vorlegt.

Im Gespräch mit Casey Newton (The Verge) sagt Zuckerberg selbst, dass ihm das Thema Video am Herzen liegt:

„I’m very focused on remote presence: being able to feel like you’re with a person even when you can’t physically be there.“

Er glaubt, dass sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen wird:

„I’m sure there’s some kind of temporary peak now, but the trend has been going this direction for a while. (…) And I think that this period will accelerate that permanently by a few years.“

Deshalb hat Facebook eine Reihe von Updates verkündet (Facebook-Newsroom), die sich alle um das Thema Video drehen und im Laufe der kommenden Tage oder Wochen weltweit freigeschaltet werden:

  • Messenger Rooms ist eine Mischung aus Zoom und Houseparty: Nutzerïnnen können Chat-Räume eröffnen und bis zu 50 Teilnehmerïnnen einladen.
  • Man muss niemanden anrufen, sondern kann Rooms direkt aus der Facebook- oder Messenger-App heraus nutzen. Die Funktion taucht im Newsfeed, in Gruppen und auf Event-Seiten auf.
  • Bald soll Rooms für WhatsApp, Instagram und Facebooks Smart-Speaker Portal folgen.
  • Im Gegensatz zu WhatsApp ist die Video-Verbindung nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Facebook sagt aber, dass es daran arbeite (Facebook-Newsroom).
  • Das Unternehmen verspricht, keine Inhalte zu erfassen und die Metadaten nicht zu nutzen, um Anzeigen zu personalisieren.
  • Die Videoanrufe bei WhatsApp werden von vier auf acht Personen erweitert.
  • Facebook Live und Instagram Live erhalten etliche neue Funktionen, unter anderem kann man bald Geld verlangen, wenn man einen Livestream erstellt – spannend für Künsterïnnen oder Online-Seminare.

Was Google macht: Allo, Duo, Hangouts, Messages, Meet, Talk – Google hat in den vergangenen Jahren etliche Messenger und Videokonferenz-Dienste vorgestellt und teils wieder beerdigt. Auch wir haben Mühe, in dem Messenger-Chaos den Überblick zu behalten. Kürzlich wurde Hangouts Meet zu Meet (Google Cloud) und Hangouts Chat zu Chat (The Verge).

Es läuft also noch nicht alles rund bei Google, wie eine (leicht gekürzte) Anekdote zeigt, die das Unternehmen der New York Times zwar nicht bestätigen wollte – die Google aber auch nicht dementiert:

„Philipp Schindler, Google’s chief business officer, held a videoconference with thousands of the search giant’s employees using Google Meet. During the session, one employee asked why Zoom was reaping the biggest benefits even though Google had long offered Meet.

Mr. Schindler tried placating the engineer’s concerns, the people said. Then his young son stumbled into view of the camera and asked if his father was talking to his co-workers on Zoom. Mr. Schindler tried correcting him, but the boy went on to say how much he and his friends loved using Zoom.“

Immerhin scheint Google allmählich herauszufinden, welche Dienste es dauerhaft beibehalten will: Duo und Meet – einen unkomplizierten Facetime-Konkurrenten für private Anrufe, ein mächtigeres Tool für größere Gruppen und Unternehmen.

  • Im Laufe der vergangenen Monate hat Google Duo immer weiter aufgebohrt. Kürzlich kam ein größeres Update hinzu (Google-Blog), das unter anderem nochmals deutlich verbesserte Video-Qualität verspricht und die Zahl der möglich Teilnehmerïnnen bei Gruppentelefonate auf zwölf erhöht.
  • In unseren Tests war Duo unkompliziert und fast immer zuverlässig. Vor allem die Bildqualität überzeugt, insbesondere bei langsamem Wlan oder schlechtem mobilen Netz.
  • Bislang war Meet Business-Kundïnnen vorbehalten, die Googles G Suite abonniert haben. Nun wird die Plattform für alle Nutzerïnnen freigeschaltet – während Duo auch ohne Google-Konto funktioniert, braucht es für Meet aber einen Account.
  • Die Plattform ermöglicht Gruppenanrufe mit bis zu 100 Teilnehmerïnnen, bis 30. September gibt es keine zeitliche Begrenzung. Danach gilt ein Limit von 60 Minuten.
  • Native Apps gibt es nur für mobile Betriebssysteme, auf dem Desktop läuft Meet im Browser.
  • Google setzt auf Integration mit seinen bestehenden Diensten und verwebt Meet etwa eng mit Gmail. Außerdem soll das Bundle mit G Suite und dem Google Drive attraktiv für Unternehmen sein.

Was Microsoft macht: Genau wie Google hat Microsoft zwei Produkte im Portfolio: Skype und Teams. Ganz im Gegensatz zu Google scheint Microsoft aber nicht überzeugt zu sein, ob beide Dienste dauerhaft parallel existieren sollen – ein Statement ist vielsagend (The Verge):

„For now, Skype will remain a great option for customers who love it and want to connect with basic chat and video calling capabilities.“ The ‚for now‘ part of that statement is a telling sign that Microsoft’s focus is now Teams, not Skype.“

Wäre Skype noch ein eigenständiges Unternehmen und gäbe es noch Aktien zu kaufen – wir würden unser Geld woanders investieren.

Die Zahl der Menschen, die Skype täglich nutzen, stieg im vergangenen Monat zwar um 70 Prozent auf 40 Millionen. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das aber überschaubar – zumal Skype auf allen Windows-Rechnern vorinstalliert ist und damit eigentlich einen großen Wettbewerbsvorteil haben sollte.

Das Unternehmen pusht stattdessen Teams und will die Plattform, die sich einst nur an Unternehmen richtete, auch für Privatnutzerïnnen attraktiv machen (VentureBeat):

The company wants you to use Teams to plan trips, neighborhood gatherings, and book club meetings. You can share photos and videos in a group chat and make video calls, as you might expect. Additionally, you will soon be able to collaborate over shared to-do lists, assign tasks to specific people, and coordinate schedules.

Microsoft selbst bezeichnet Teams als „All-in-one-Hub für Arbeit und Leben”, während Skype in erster Linie eine Chat- und Video-Plattform sei. Die Update-Frequenz zeigt aber eindeutig, welcher Dienst höhere Priorität genießt.

Einem Bericht von The Verge zufolge will Microsoft Teams möglichst schnell neue Funktionen verpassen und hat dafür Entwicklerïnnen von anderen Aufgaben abgezogen. Skype Business ist bereits in Teams aufgegangen, Skype könnte folgen.

Ähnlich wie Mark Zuckerberg hält Jared Spataro, der das Team für Microsoft 365 leitet, den aktuellen Boom für eine nachhaltige Entwicklung (The Verge)

„The new normal is not going to be, like what I thought two weeks ago, that all is clear, go back everybody. There will be a new normal that will require us to continue to use these new tools for a long time. (…) I really feel this will be a turning point for how we work and learn because there are just some very real practical things happening that will mean we’ll never go back to the old way.“

Während Google Meet mit G Suite verwebt, will Microsoft Teams als Argument für das Microsoft-365-Abo (bis vor kurzem bekannt als Office 365) nutzen. Der Lock-in-Effekt, der bislang vor allem für Betriebssysteme und soziale Netzwerke galt, greift zunehmend auf Software-Bundles über.

Was Zoom macht: Während das halbe Valley das Kriegsbeil ausgegraben hat, gibt sich Zoom-Chef Eric Yuan ganz entspannt (NYT:

„Zoom’s chief executive, Eric Yuan, said in an interview this month that his company was not thinking about competition and was focused on users and their experience during a ‚once in a probably 100 years crisis.“

Das mag man glauben oder nicht (wir sind eher skeptisch). Fakt ist, dass Zoom momentan tatsächlich viel tut, um sein Produkt zu verbessern.

Die Plattform ist zwar einfach zu verstehen, leicht zu bedienen und funktioniert zuverlässig – auf den zweiten Blick gibt es aber etliche Mängel bei Datenschutz und Privatsphäre, die wir in Briefing #627 aufgelistet haben.

In Ausgabe #628 folgte das Update: Anfang April versprach Yuan im Blog des Unternehmens, man werde 90 Tage lang keine neuen Funktionen entwickeln, sondern sich darauf konzentrieren, Sicherheitslücken zu stopfen und Daten besser zu schützen.

Am Montag wurde Version 5.0 veröffentlicht – mit besserer Verschlüsselung und der Möglichkeit, Daten nicht mehr durch China leiten zu lassen. Dafür ist allerdings ein kostenpflichtiger Account nötig.

Be smart: Facebook hat Konkurrenten in der Vergangenheit oft einfach aufgekauft. Doch Zoom wird sich nicht schlucken lassen, wie das etwa bei WhatsApp und Instagram möglich war. Dafür ist das Unternehmen zu groß und mit einer Bewertung von knapp 50 Milliarden Dollar (Business Insider) auch zu teuer.

Snapchat und TikTok haben gezeigt, dass es möglich ist, sich dauerhaft zu etablieren, obwohl Facebook alles kopiert, was nicht bei Drei ein Patent angemeldet hat.

Die Technikgeschichte zeigt aber auch, dass Erfolg vergänglich ist. Wäre Covid-19 2011 ausgebrochen, hätte der große Krisengewinner Skype geheißen. Damals zahlte Microsoft 8,5 Milliarden Dollar für den Dienst, der so allgegenwärtig war, dass Skypen sogar ins Oxford-Dictionary aufgenommen wurde – nachdem The Onion zuvor noch Witze darüber gerissen hatte.

Doch es folgte eine Reihe von Fehlentscheidungen (The Verge), Microsoft verschlief die mobile Revolution, setzte auf die falsche Technologie, wollte zwischenzeitlich Snapchat kopieren und manövrierte Skype so ins Abseits.

Niemand weiß, ob Zoom-Chef Yuan die kommenden Trends frühzeitig antizipiert, um sein Unternehmen dauerhaft konkurrenzfähig zu halten. Google und Microsoft haben durch die Integration in G Suite und Microsoft 365 Vorteile – und Facebook kontrolliert drei der wichtigsten Plattformen der Welt, vernetzt 2,5 Milliarden Menschen und kann neue Produkte wie Rooms nahtlos integrieren.

Für Zuckerberg scheint Video ohnehin nur eine Zwischenstation zu sein (The Verge):

Clearly, there are a bunch of things that are kind of weird about just staring at a video screen. I did a management team meeting in VR earlier, when everyone was working from home. And even though VR is earlier in its development, and video presence is more mature, there’s something about the feeling of space. (…) There was something that felt a lot more real about that in a way. I do think that there are things that we’ll get to over time. Video presence is not the end of the line.


Follow the money

Facebook übertrifft Erwartungen: Facebook setzt auch in der Coronakrise weiter Milliarden um. Im Vergleich zum Vorjahr wuchs der Umsatz um rund 17 Prozent auf 17,74 Milliarden Dollar im ersten Quartal des Jahres (FACEBOOK). Den Löwenanteil macht dabei weiterhin das Werbegeschäft aus – lediglich 297 Millionen Dollar erwirtschaftet Facebook mit anderen Geschäftsbereichen. Mit Blick auf die Einnahmen im weiteren Verlauf des Jahres zeigt sich das Unternehmen skeptisch. Ein klares Warnsignal für alle, die auf Werbeeinahmen angewiesen sind.

TikTok erzielt neuen Rekord: Nur falls jemand dachte, der TikTok-Hype wäre schon wieder vorbei – Zitat SensorTower: „In Q1 2020, it generated the most downloads for any app ever in a quarter, accumulating more than 315 million installs across the App Store and Google Play“. Wie viel Geld ByteDance für diese gigantische Anzahl an Downloads ausgibt, ist bislang nicht bekannt.


Inspiration

68 Bits of Unsolicited Advice: Kevin Kelly, Gründungs-Chefredakteur des Wired-Magazins und Autor von 1000 True Fans, einem Artikel, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass es diesen Newsletter gibt, hat zu seinem 68. Geburtstag 68 Weisheiten verbloggt – manches erinnert an Kalendersprüche, anderes unterstreicht seinen fast schon kindlichen Optimismus, von dem wir uns immer wieder gern eine Scheibe abschneiden. Drei unserer Favoriten:

  • „Being enthusiastic is worth 25 IQ points.“
  • „Show up. Keep showing up. Somebody successful said: 99% of success is just showing up.“
  • „You are what you do. Not what you say, not what you believe, not how you vote, but what you spend your time on.“

Schon einmal im Briefing davon gehört

VZ Relaunch: Buschfunk und Plauderkasten sind back. Kein Witz! Das legendäre StudiVZ wird unter VZ.net wiederbelebt – mit neuem Design und vielen altbekannten Funktionen. Wir haben die Plattform noch nicht selbst getestet, freuen uns aber sehr, dass sich Kollege Schwarzer für RND an das neue, alte soziale Netzwerk gewagt hat. „Ein Besuch erinnert an eine Erstiparty von 2006 – nur mit deutlich weniger Leuten“, schreibt Schwarzer. Oh ha, wir werden uns das die Tage mal genauer anschauen, weil „Scheiß Party. Wenn ich meine Hose finde, können wir gehen“. 🤷🏻‍♂️


Neue Features bei den Plattformen

Reddit

ByteDance

  • Viamaker: TikToks Mutterhaus hat ein Video-Editing-Tool mit dem Namen Viamaker auf den Markt geschmissen. Das müsste uns gar nicht groß interessieren, wenn die chinesische Schwester-App Jianying nicht bereits seit 90 Tagen zu den Top 10 (SensorTower) der am meisten heruntergeladenen Anwendungen in Apple’s App Store gehören würde.

Tipps, Tricks und Apps

Verification Handbook: Die neueste Ausgabe des Standardwerks in Sachen Verifikation kommt mit Blick auf all den Schlodder, der derzeit in sozialen Medien die Runde macht, genau zur richtigen Zeit. Im Verification Handbook erfährt man alles, was es braucht, um angemessen über Deepfakes, Bots, Desinformationen und den dunklen Wald referieren zu können. Garantiert einen Bookmark wert – vielleicht sogar einen Hinweis in der morgendlichen Team(s)-Runde.

Tricks für Google Drive: Der nächste Bookmark-Tipp stammt von Amit Agarwal: Auf Labnol gibt es einen Überblick über versteckte URL-Tricks, um z.B. direkte Downloads zu ermöglichen.

Tricks für Google Kalender: Bei Fast Company gibt es 30 Tipps, wie sich der Google Kalender produktiver nutzen lässt.

Android- oder iOS-Geräte als Webcam zu nutzen, ist tatsächlich leichter als gedacht. The Verge zeigt, welche Apps dafür am besten eingesetzt werden.


Header-Foto von Kate Trifo bei Unsplash


Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will

Was ist

Am Wochenende verkündeten Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung ihren Kurs bei der geplanten Proximity-Tracing-App ändert: Nachdem Deutschland wochenlang hartnäckig an einem Modell mit zentralem Server festgehalten hatte, bevorzugt sie nun einen dezentralen Ansatz.

Warum das wichtig ist

Keine App der Welt wird die Pandemie aufhalten. Aber Tracing-Technologie kann einer von vielen Bausteinen sein, um Kontaktpersonen von Erkrankten zu warnen und Infektionsketten zu unterbrechen.

Obwohl dieses Thema nicht direkt in unsere Kernkompetenz fällt, haben wir die Entwicklung deshalb fortlaufend und mit ausführlichen Analysen begleitet:

  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Um das Format dieses Newsletters nicht zu sprengen, setzen wir die bisherigen Briefings als bekannt voraus. Wir wiederholen nur die nötigsten Information und fokussieren uns darauf, die neuesten Entwicklungen zu beleuchten.

Warum die Entscheidung überraschend kommt

Die Bundesregierung hat sich vor Wochen für die europäische Plattform Pepp-PT ausgesprochen. Das Projekt sollte aus technologischer Perspektive agnostisch sein, also sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze ermöglichen. In Deutschland war aber ein Modell mit zentralem Server geplant.

In der vergangenen Wochen wurde es dann chaotisch:

  • In offenen Briefen warnten Wissenschaftlerïnnen vor „beispielloser Überwachung“, sechs netzpolitische Vereine und Verbände appellierten an die Regierung, ihren Kurs zu überdenken.
  • Aus dem Digitalausschuss gelangten widersprüchliche Aussagen an die Öffentlichkeit, die die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg in ihrem Blog beschreibt.
  • Mal hieß es, die Regierung sei nach wie vor von Pepp-PT überzeugt. Dann wurde kolpotiert, sie prüfe nun doch drei unterschiedliche Modelle, was das Kanzleramt wenige Stunden später wieder dementierte.
  • Spätestens am Freitag waren alle Beteiligten grundlegend verwirrt und niemand wusste mehr so richtig, was Sache ist – bis Helge Braun in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Kehrtwende bekanntgab.

Wie die Reaktionen ausfallen

Zusammen mit meinem SZ-Kollegen Daniel Brössler habe ich Stimmen aus der Opposition (SZ) und von netzpolitischen Vereinen wie dem CCC eingeholt. Für einen weiteren Text (SZ) habe ich mit Professoren für IT-Sicherheit sowie dem Richter und Grundrechtsaktivisten Ulf Buermeyer gesprochen. Die Zusammenfassung:

  • Linke, FDP und Grüne loben den Kurswechsel der Regierung.
  • Auch der CCC hält es für „genau die richtige Entscheidung“.
  • Forscherïnnen, die mittlerweile das dezentrale Modell DP-3T unterstützen, freuen sich über besseren Datenschutz und mehr Datensicherheit.
  • Buermeyer fürchtet dagegen, der öffentliche Streit könnte der Sache geschadet haben. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt er.
  • Womöglich habe die hitzige öffentliche Diskussion Menschen verunsichert, sodass sie der App nun misstrauen.
  • „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben“, sagt Buermeyer. Das könne auf Kosten der öffentlichen Gesundheit gehen.

Wie die App funktionieren soll

Wer den Unterschied zwischen Tracing und Tracking mittlerweile im Schlaf erklären kann, darf beim nächsten Punkt weiterlesen. Für alle anderen nochmal die Eckpunkte im Überblick:

  • Statt Menschen staatlich zu überwachen („Tracking“), dienen Tracing-Apps nur dazu, Kontakte nachzuverfolgen – wo sich die Personen begegnen, wird nicht erfasst.
  • Dafür speichern die Apps, welche Geräte sich nahekommen. Derzeit liegen die Parameter bei 15 Minuten und zwei Meter. Das lässt sich aber nachträglich den aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen anpassen.
  • Auf jedem Handy erzeugt die App einen geheimen, zufällig generierten Schlüssel. Daraus errechnet sie temporäre Proximity-IDs, die das Handy über den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE) überträgt.
  • Wenn sich zwei Smartphone annähern, sodass eine Ansteckung möglich wäre, speichern sie die Proximity-ID des jeweils anderen Geräts – auschließlich lokal auf dem Handy.
  • Wer positiv auf Covid-19 getestet wird, erhält einen Zugangscode vom Gesundheitsamt, der Missbrauch verhindern und Trolle abschrecken soll.
  • Damit ist es möglich, seinen geheimen Schlüssel auf einen Server hochzuladen, den wiederum alle anderen Geräte regelmäßig kontaktieren.
  • Aus den empfangenen Schlüsseln können andere Apps die Proximity-IDs der Infizierten berechnen und sie mit dem eigenen, lokal gespeicherten Kontakttagebuch abgleichen.
  • Wenn sich die Geräte zuvor begegnet sind, warnt die App und fordert zu Test und freiwilliger Quarantäne auf.

Wie sich die Ansätze unterscheiden

Die Modelle funktionieren ganz ähnlich und haben nur einen entscheidenden Unterschied:

  • Bei der dezentralen Lösung übermitteln Nutzerïnnen nur den Schlüssel ihres eigenen Smartphones auf einen Server.
  • Der Abgleich erfolgt lokal in der App auf den anderen Handys. Es entsteht also keine zentrale Datenbank mit Kontakten, der Social-Graph der Nutzerïnnen bleibt verborgen.
  • Dagegen speichert die zentrale Lösung die IDs der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen auf einem Server.
  • In der Theorie entsteht also ein sensibles Kontaktnetzwerk. Allerdings lassen die pseudonymen IDs keinen Rückschluss auf die Person zu, die dahintersteht.
  • Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung, die bewusste Kontakte per E-Mail, Telefon oder Messenger erfasst, gibt es beim Proximity-Tracing ein großes Rauschen, das gezielte individuelle Analysen erschwert.
  • Wer ein paar Stunden im Zug sitzt oder beim Einkaufen an der Kasse wartet, sammelt schnell etliche Kontaktpersonen, die aber keinen echten Social-Graph darstellen, sondern eher einen Random-Proximity-Graph.

Welche Vor- und Nachteile die Modelle haben

Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). In einem Gastbeitrag arbeiten Samuel Brack, Jeanette Hofmann, Leonie Reichert und Björn Scheuermann die Unterschiede genauer heraus (Netzpolitik). Wir glauben, dass es gute Argumente für beide Ansätze gibt:

  • Die dezentrale Lösung bietet weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus.
  • Eine Datenbank ist immer ein potenzielles Angriffsziel für kriminelle Hacker, dieses Risiko minimiert das dezentrale Modell.
  • Dafür gibt ein zentraler Server mit pseudonymisierten Kontaktdaten Epidemiologen die Möglichkeit, Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus zu gewinnen.
  • Außerdem könnte das Infektionsrisiko mit Hilfe von Machine-Learning-Modellen berechnet werden, sodass Kontaktpersonen zielgenauer gewarnt werden können.

Welche Rolle Apple und Google spielten

Neben der massiven öffentlichen Kritik der Forscherïnnen und Verbände dürften die beiden US-Konzerne eine entscheidende Rolle für den Sinneswandel der Regierung gespielt haben. Vor allem Apple hat die Verhandlungen maßgeblich geprägt:

  • Derzeit lässt sich BLE auf iOS-Geräten nur nutzen, wenn das Display aktiviert ist. Niemand installiert und verwendet eine App, die nur funktioniert, wenn der Bildschirm dauerhaft leuchtet.
  • Deshalb muss Apple für die App eine Art Sondergenehmigung programmieren. Diese API erlaubt es, auch im Hintergrund auf BLE zuzugreifen.
  • Apple und Google unterstützen aber nur dezentrale Ansätze, die sie für datenschutzfreundlicher halten. Bei einer zentralen Datenbank fürchten sie etwa Missbrauch durch autoritäre Regime.
  • Mehrere Quellen haben uns aus Verhandlungskreisen berichtet: Dort soll Apple den zentralen Ansatz seit Wochen hartnäckig blockieren.
  • Angeblich liegt die wochenlange Verzögerung von Pepp-PT – ursprünglich sollte die Plattform bereits am 7. April starten, die deutsche App war für kurz nach Ostern angekündigt – in erster Linie an der Hardball-Taktik von Apple.
  • Demnach haben die Entwicklerïnnen versucht, eine Art Hack einzuprogrammieren, um die Restriktion von iOS zu umgehen. Das soll viel Zeit gekostet haben.
  • Aus Gesundheitsministerium und Kanzleramt ist der Vorwurf zu hören, Apple wolle einer gewählten Regierung den eigenen Willen aufdrängen.
  • Beide Unternehmen erklären seit Jahren, dass sie digitale Gesundheitskonzerne werden wollen. Das löste Argwohn auf Seiten der Regierung und der Unterstützer einer zentralen Lösung aus, die ein Eigeninteresse der Unternehmen wittern.
  • In Telefonkonferenzen und Hintergrundgesprächen mit Apple und Google haben wir aber den Eindruck gewonnen, dass es in dem Fall nicht ums Geld, sondern um die Sache geht.
  • Apple wird alle Geräte mit iOS 13 unterstützen, Google setzt mindestens Android 6 voraus.
  • Das Update wird über die Google Play Services erfolgen. Der Vorteil: Hersteller müssen es nicht an ihre Android-Versionen anpassen, alle Nutzerïnnen erhalten es sofort. Der Nachteil: Wer ein neues Huawei-Handy besitzt oder in China lebt, bleibt außen vor – wegen des US-Handelembargos kann Huawei keine Google-Dienste nutzen.
  • Die Schnittstellen, an denen die Konzerne seit Wochen arbeiten, wurden vergangene Woche besser kryptografisch abgesichert und heißen nun auch nicht mehr „Contact Tracing“-, sondern „Exposure Notification“-APIs.
  • Das soll verdeutlichen, dass Apple und Google selbst eben keine Kontakdaten sammeln. Der Social-Graph wird lokal in der App berechnet, über die API werden keine persönlichen Daten abgegriffen.
  • Ein gewisses Grundvertrauen ist aber nötig, und zwar unabhängig davon, ob man einen zentralen oder dezentralen Ansatz wählt. Theoretisch könnte die API missbraucht werden. Allerdings soll der Code veröffentlicht werden, und Sicherheitsforscherïnnen dürften ganz genau hinschauen.
  • Außerdem könnten Apple und Google noch ganz andere Daten abgreifen: Sie stellen Betriebssysteme für Smartphones her, die Milliarden Menschen nutzen – und jedes einzelne ist nicht nur ein Peilsender, sondern enthält oft ein halbes, digital gespeichertes Leben: Fotos, Nachrichten, Anruflisten.
  • Wer diesen Unternehmen grundlegende Bösartigkeit unterstellt und es für möglich hält, dass sie Vertrauen auf derart kriminelle Art missbrauchen, sollte sich besser ein Nokia 3310 kaufen (und vielleicht einen Aluhut dazu).

Welche Hürden es gibt

In Briefing #630 haben wir unter den Kategorien „Verbreitung“, „Verwirrung“, „Zuverlässigkeit“, „Sicherheit“, „Psychologische und soziale Folgen“ und „Testkapazitäten“ etliche Herausforderungen aufgezählt, die Tracing-Apps überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Zwei Punkte dieser Liste wollen wir nochmal unterstreichen:

  • Um auf eine angestrebte Verbreitung von etwa 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, muss fast jeder Mensch, der ein technisch geeignetes Smartphone besitzt, die App installieren.
  • Dafür ist Vertrauen nötig – und das dürfte nach den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Woche zumindest bei einem Teil der potenziellen Nutzerïnnen angekratzt sein.
  • „Jetzt braucht es eine Kultur der App-Installationen“; sagt Buermeyer. „So wie wir das mit Masken machen: Wer eine trägt, handelt solidarisch und schützt vor allem andere.“
  • Über die Zuverlässigkeit wird unserer Meinung nach noch zu wenig gesprochen. BLE wurde nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen zwei Geräten zu ermitteln – dementsprechend wird der Abstand eher geschätzt als gemessen.
  • Je nach Smartphone-Modell unterscheidet sich die Signalstärke, in der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen.
  • Ein Forscherteam um Professor Gerhard Fettweis von der TU Dresden versucht seit Wochen, das System so zu kalibrieren, dass Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig identifiziert werden können.
  • Andere Wissenschaftlerïnnen loben seine Arbeit. „Das Forscherteam hat bei der Bluetooth-Kalibrierung viel geleistet“, sagt etwa IT-Professor Thorsten Holz. „Da sind wir in Deutschland vorn dabei.“
  • Allerdings zählt Fettweis zu den Unterstützern von Pepp-PT. Jetzt bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit auch in einen dezentralen Ansatz einfließt.

Was noch unklar ist

Das Ziel steht fest, Deutschland soll eine Tracing-App mit dezentraler Software-Architektur erhalten. Wie der Weg dorthin aussehen wird, wissen wir aber noch nicht:

  • Hinter dem zentralen Ansatz stand die Plattform Pepp-PT. Für eine dezentrale Lösung gibt es mehrere Konzepte, etwa das Bündnis DP-3T, die ito-App auf Grundlage des TCN-Protokolls und die Intiative GesundZusammen.
  • Auf welche Bausteine die deutsche App setzt, wird derzeit noch verhandelt.
  • Zumindest steht mittlerweile fest, dass die Deutsche Telekom und die SAP die Entwicklung unterstützen sollen (Bundesregierung.de). Außerdem beraten die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA.
  • Das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft leitete zuvor die Entwicklung der Pepp-PT-App. Das Helmholtz-Institut unterstützte Pepp-PR anfang ebenfalls, distanzierte sich aber und zeichnete den offenen Brief mit.
  • Es sind also Institute und Forscherïnnen beteiligt, die vor kurzem noch an konkurrierenden Projekten arbeiteten. Es wird wichtig sein, den Streit beizulegen und die Kräfte zu bündeln.
  • Spahn und Braun erwähnten in ihrer Erklärung am Wochenende auch die Möglichkeit, freiwillig zusätzliche Daten zu übermitteln.
  • Nun schreibt die Bundesregierung, es sei geplant, „einen Forschungsserver einzurichten, der auf Basis freiwilliger Datenspenden der Nutzer die pseudonymisierten Daten zur qualitätssichernden Analyse der Corona-App nutzen kann“.
  • Was das genau bedeutet? Zumindest wir wissen es nicht, und öffentlich ist bislang nicht mehr darüber bekannt. Man kann sich fragen, ob es eine gute Idee ist, die App mit einer solchen Funktionalität auszustatten. Immerhin soll die Datenspende freiwillig und opt-in-basiert bleiben.
  • Auch hinter dem Zeitplan stehen Fragezeichen. Apple will die APIs diese Woche veröffentlichen, doch bis die Apps angepasst sind und zuverlässig funktionieren, wird es wohl noch einige Wochen dauern. Mitte Mai dürfte eine eher optimistische Schätzung sein.

Be smart

In seinem Newsletter „The Interface“ versteckt Casey Newton eine wichtige Beobachtung in einem eingeklammerten Absatz im letzten Drittel (Revue):

(As an aside, the idea that we live in a time where Apple is telling Europe what forms of exposure notification will be permitted is basically the entire thesis behind / pitch for the existence of this newsletter. Not because I believe Apple abused its power, but because the world is still catching up to the idea that Apple and a handful other tech giants have this power.)

Das gilt für seinen Newsletter, aber natürlich genauso auch für uns. Die Pandemie zeigt erneut, welch zentralen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Funktionen Plattformen und Tech-Konzerne übernommen haben.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn wir die Wahl hätten, ob Tim Cook und Sundar Pichai oder Donald Trump und Jair Bolsonaro über Anti-Corona-Maßnahmen entscheiden sollen, müssten wir nicht lange grübeln. Natürlich denken diese Unternehmen auch ans Geldverdienen, aber das ist nicht verwerflich. Außerdem macht es sie berechenbar – im Gegensatz zu manchem Staatsoberhaupt.

Unabhängig vom Ergebnis kann man den Prozess hinterfragen: Ist es wünschenswert, dass private Konzerne demokratisch legitimierten Regierungen diktieren, wie sie die Pandemie zu bekämpfen haben? Dass Apple und Google in diesem Fall eine datenschutzfreundlichere Lösung erwirkt haben, ist bemerkenswert – aber wenn beim nächsten Mal ein Unternehmen wie Palantir, dessen Corona-Software Hessen nutzen will (SZ), mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht die Sache womöglich anders aus.

Know more

Auch andere Medien haben schöne Tracing-Analysen:

  • Ein siebenköpfiges Autorïnnenteam hat für Netzpolitik das wohl ultimative Q&A zur digitalen Kontaktverfolgung geschrieben: 22 Fragen und Antworten, fortlaufende Updates, und jede Menge weiterführende Links.
  • Etwas kürzer, aber genauso lesenswert ist die Analyse von Fabian A. Scherschel (Heise), der vor allem die technischen Details ausführlich und verständlich erklärt.
  • Der dritte empfehlenswerte Text hat nichts mit der deutschen App zu tun: Patrick Howell O’Neillarchive zählt fünf Dinge auf (MIT Technology Review), die es braucht, damit Contact-Tracing funktionieren kann – zum Beispiel 100.000 menschliche Tracer, die Kontakte manuell nachverfolgen. Merke: Technologie allein ist nie die Lösung.

Foto-Quelle: Mika Baumeister, Unsplash


Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will, Facebook setzt auf Video-Chats, Fundraising via Social Media

Warum Deutschland jetzt doch eine dezentrale Corona-App will

Was ist: Am Wochenende verkündeten Kanzleramtsminister Helge Braun und Gesundheitsminister Jens Spahn, dass die Bundesregierung ihren Kurs bei der geplanten Proximity-Tracing-App ändert: Nachdem Deutschland wochenlang hartnäckig an einem Modell mit zentralem Server festgehalten hatte, bevorzugt sie nun einen dezentralen Ansatz.

Warum das wichtig ist: Keine App der Welt wird die Pandemie aufhalten. Aber Tracing-Technologie kann einer von vielen Bausteinen sein, um Kontaktpersonen von Erkrankten zu warnen und Infektionsketten zu unterbrechen.

Obwohl dieses Thema nicht direkt in unsere Kernkompetenz fällt, haben wir die Entwicklung deshalb fortlaufend und mit ausführlichen Analysen begleitet:

  • Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App (#632)
  • Warum Tracing-Apps die Corona-Krise nicht lösen werden (#630)
  • Deutschland will Covid-19 mit einer App eindämmen (#627)
  • Grundrechtseingriffe gegen Covid-19 (#626)
  • Weniger Datenschutz – besserer Seuchenschutz? (#624)

Um das Format dieses Newsletters nicht zu sprengen, setzen wir die bisherigen Briefings als bekannt voraus. Wir wiederholen nur die nötigsten Information und fokussieren uns darauf, die neuesten Entwicklungen zu beleuchten.

Warum die Entscheidung überraschend kommt: Die Bundesregierung hat sich vor Wochen für die europäische Plattform Pepp-PT ausgesprochen. Das Projekt sollte aus technologischer Perspektive agnostisch sein, also sowohl zentrale als auch dezentrale Ansätze ermöglichen. In Deutschland war aber ein Modell mit zentralem Server geplant.

In der vergangenen Wochen wurde es dann chaotisch:

  • In offenen Briefen warnten Wissenschaftlerïnnen vor „beispielloser Überwachung“, sechs netzpolitische Vereine und Verbände appellierten an die Regierung, ihren Kurs zu überdenken.
  • Aus dem Digitalausschuss gelangten widersprüchliche Aussagen an die Öffentlichkeit, die die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg in ihrem Blog beschreibt.
  • Mal hieß es, die Regierung sei nach wie vor von Pepp-PT überzeugt. Dann wurde kolpotiert, sie prüfe nun doch drei unterschiedliche Modelle, was das Kanzleramt wenige Stunden später wieder dementierte.
  • Spätestens am Freitag waren alle Beteiligten grundlegend verwirrt und niemand wusste mehr so richtig, was Sache ist – bis Helge Braun in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Kehrtwende bekanntgab.

Wie die Reaktionen ausfallen: Zusammen mit meinem SZ-Kollegen Daniel Brössler habe ich Stimmen aus der Opposition (SZ) und von netzpolitischen Vereinen wie dem CCC eingeholt. Für einen weiteren Text (SZ) habe ich mit Professoren für IT-Sicherheit sowie dem Richter und Grundrechtsaktivisten Ulf Buermeyer gesprochen. Die Zusammenfassung:

  • Linke, FDP und Grüne loben den Kurswechsel der Regierung.
  • Auch der CCC hält es für „genau die richtige Entscheidung“.
  • Forscherïnnen, die mittlerweile das dezentrale Modell DP-3T unterstützen, freuen sich über besseren Datenschutz und mehr Datensicherheit.
  • Buermeyer fürchtet dagegen, der öffentliche Streit könnte der Sache geschadet haben. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt er.
  • Womöglich habe die hitzige öffentliche Diskussion Menschen verunsichert, sodass sie der App nun misstrauen.
  • „Als Gesellschaft müssen wir uns fragen, ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben“, sagt Buermeyer. Das könne auf Kosten der öffentlichen Gesundheit gehen.

Wie die App funktionieren soll: Wer den Unterschied zwischen Tracing und Tracking mittlerweile im Schlaf erklären kann, darf beim nächsten Punkt weiterlesen. Für alle anderen nochmal die Eckpunkte im Überblick:

  • Statt Menschen staatlich zu überwachen („Tracking“), dienen Tracing-Apps nur dazu, Kontakte nachzuverfolgen – wo sich die Personen begegnen, wird nicht erfasst.
  • Dafür speichern die Apps, welche Geräte sich nahekommen. Derzeit liegen die Parameter bei 15 Minuten und zwei Meter. Das lässt sich aber nachträglich den aktuellen epidemiologischen Erkenntnissen anpassen.
  • Auf jedem Handy erzeugt die App einen geheimen, zufällig generierten Schlüssel. Daraus errechnet sie temporäre Proximity-IDs, die das Handy über den Funkstandard Bluetooth Low Energy (BLE) überträgt.
  • Wenn sich zwei Smartphone annähern, sodass eine Ansteckung möglich wäre, speichern sie die Proximity-ID des jeweils anderen Geräts – auschließlich lokal auf dem Handy.
  • Wer positiv auf Covid-19 getestet wird, erhält einen Zugangscode vom Gesundheitsamt, der Missbrauch verhindern und Trolle abschrecken soll.
  • Damit ist es möglich, seinen geheimen Schlüssel auf einen Server hochzuladen, den wiederum alle anderen Geräte regelmäßig kontaktieren.
  • Aus den empfangenen Schlüsseln können andere Apps die Proximity-IDs der Infizierten berechnen und sie mit dem eigenen, lokal gespeicherten Kontakttagebuch abgleichen.
  • Wenn sich die Geräte zuvor begegnet sind, warnt die App und fordert zu Test und freiwilliger Quarantäne auf.

Wie sich die Ansätze unterscheiden: Die Modelle funktionieren ganz ähnlich und haben nur einen entscheidenden Unterschied:

  • Bei der dezentralen Lösung übermitteln Nutzerïnnen nur den Schlüssel ihres eigenen Smartphones auf einen Server.
  • Der Abgleich erfolgt lokal in der App auf den anderen Handys. Es entsteht also keine zentrale Datenbank mit Kontakten, der Social-Graph der Nutzerïnnen bleibt verborgen.
  • Dagegen speichert die zentrale Lösung die IDs der Erkrankten und ihrer Kontaktpersonen auf einem Server.
  • In der Theorie entsteht also ein sensibles Kontaktnetzwerk. Allerdings lassen die pseudonymen IDs keinen Rückschluss auf die Person zu, die dahintersteht.
  • Im Gegensatz zur Vorratsdatenspeicherung, die bewusste Kontakte per E-Mail, Telefon oder Messenger erfasst, gibt es beim Proximity-Tracing ein großes Rauschen, das gezielte individuelle Analysen erschwert.
  • Wer ein paar Stunden im Zug sitzt oder beim Einkaufen an der Kasse wartet, sammelt schnell etliche Kontaktpersonen, die aber keinen echten Social-Graph darstellen, sondern eher einen Random-Proximity-Graph.

Welche Vor- und Nachteile die Modelle haben: Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). In einem Gastbeitrag arbeiten Samuel Brack, Jeanette Hofmann, Leonie Reichert und Björn Scheuermann die Unterschiede genauer heraus (Netzpolitik). Wir glauben, dass es gute Argumente für beide Ansätze gibt:

  • Die dezentrale Lösung bietet weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus.
  • Eine Datenbank ist immer ein potenzielles Angriffsziel für kriminelle Hacker, dieses Risiko minimiert das dezentrale Modell.
  • Dafür gibt ein zentraler Server mit pseudonymisierten Kontaktdaten Epidemiologen die Möglichkeit, Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus zu gewinnen.
  • Außerdem könnte das Infektionsrisiko mit Hilfe von Machine-Learning-Modellen berechnet werden, sodass Kontaktpersonen zielgenauer gewarnt werden können.

Welche Rolle Apple und Google spielten: Neben der massiven öffentlichen Kritik der Forscherïnnen und Verbände dürften die beiden US-Konzerne eine entscheidende Rolle für den Sinneswandel der Regierung gespielt haben. Vor allem Apple hat die Verhandlungen maßgeblich geprägt:

  • Derzeit lässt sich BLE auf iOS-Geräten nur nutzen, wenn das Display aktiviert ist. Niemand installiert und verwendet eine App, die nur funktioniert, wenn der Bildschirm dauerhaft leuchtet.
  • Deshalb muss Apple für die App eine Art Sondergenehmigung programmieren. Diese API erlaubt es, auch im Hintergrund auf BLE zuzugreifen.
  • Apple und Google unterstützen aber nur dezentrale Ansätze, die sie für datenschutzfreundlicher halten. Bei einer zentralen Datenbank fürchten sie etwa Missbrauch durch autoritäre Regime.
  • Mehrere Quellen haben uns aus Verhandlungskreisen berichtet: Dort soll Apple den zentralen Ansatz seit Wochen hartnäckig blockieren.
  • Angeblich liegt die wochenlange Verzögerung von Pepp-PT – ursprünglich sollte die Plattform bereits am 7. April starten, die deutsche App war für kurz nach Ostern angekündigt – in erster Linie an der Hardball-Taktik von Apple.
  • Demnach haben die Entwicklerïnnen versucht, eine Art Hack einzuprogrammieren, um die Restriktion von iOS zu umgehen. Das soll viel Zeit gekostet haben.
  • Aus Gesundheitsministerium und Kanzleramt ist der Vorwurf zu hören, Apple wolle einer gewählten Regierung den eigenen Willen aufdrängen.
  • Beide Unternehmen erklären seit Jahren, dass sie digitale Gesundheitskonzerne werden wollen. Das löste Argwohn auf Seiten der Regierung und der Unterstützer einer zentralen Lösung aus, die ein Eigeninteresse der Unternehmen wittern.
  • In Telefonkonferenzen und Hintergrundgesprächen mit Apple und Google haben wir aber den Eindruck gewonnen, dass es in dem Fall nicht ums Geld, sondern um die Sache geht.
  • Apple wird alle Geräte mit iOS 13 unterstützen, Google setzt mindestens Android 6 voraus.
  • Das Update wird über die Google Play Services erfolgen. Der Vorteil: Hersteller müssen es nicht an ihre Android-Versionen anpassen, alle Nutzerïnnen erhalten es sofort. Der Nachteil: Wer ein neues Huawei-Handy besitzt oder in China lebt, bleibt außen vor – wegen des US-Handelembargos kann Huawei keine Google-Dienste nutzen.
  • Die Schnittstellen, an denen die Konzerne seit Wochen arbeiten, wurden vergangene Woche besser kryptografisch abgesichert und heißen nun auch nicht mehr „Contact Tracing“-, sondern „Exposure Notification“-APIs.
  • Das soll verdeutlichen, dass Apple und Google selbst eben keine Kontakdaten sammeln. Der Social-Graph wird lokal in der App berechnet, über die API werden keine persönlichen Daten abgegriffen.
  • Ein gewisses Grundvertrauen ist aber nötig, und zwar unabhängig davon, ob man einen zentralen oder dezentralen Ansatz wählt. Theoretisch könnte die API missbraucht werden. Allerdings soll der Code veröffentlicht werden, und Sicherheitsforscherïnnen dürften ganz genau hinschauen.
  • Außerdem könnten Apple und Google noch ganz andere Daten abgreifen: Sie stellen Betriebssysteme für Smartphones her, die Milliarden Menschen nutzen – und jedes einzelne ist nicht nur ein Peilsender, sondern enthält oft ein halbes, digital gespeichertes Leben: Fotos, Nachrichten, Anruflisten.
  • Wer diesen Unternehmen grundlegende Bösartigkeit unterstellt und es für möglich hält, dass sie Vertrauen auf derart kriminelle Art missbrauchen, sollte sich besser ein Nokia 3310 kaufen (und vielleicht einen Aluhut dazu).

Welche Hürden es gibt: In Briefing #630 haben wir unter den Kategorien „Verbreitung“, „Verwirrung“, „Zuverlässigkeit“, „Sicherheit“, „Psychologische und soziale Folgen“ und „Testkapazitäten“ etliche Herausforderungen aufgezählt, die Tracing-Apps überwinden müssen, um erfolgreich zu sein. Zwei Punkte dieser Liste wollen wir nochmal unterstreichen:

  • Um auf eine angestrebte Verbreitung von etwa 60 Prozent der Bevölkerung zu kommen, muss fast jeder Mensch, der ein technisch geeignetes Smartphone besitzt, die App installieren.
  • Dafür ist Vertrauen nötig – und das dürfte nach den öffentlichen Diskussionen der vergangenen Woche zumindest bei einem Teil der potenziellen Nutzerïnnen angekratzt sein.
  • „Jetzt braucht es eine Kultur der App-Installationen“; sagt Buermeyer. „So wie wir das mit Masken machen: Wer eine trägt, handelt solidarisch und schützt vor allem andere.“
  • Über die Zuverlässigkeit wird unserer Meinung nach noch zu wenig gesprochen. BLE wurde nicht dafür entwickelt, die Entfernung zwischen zwei Geräten zu ermitteln – dementsprechend wird der Abstand eher geschätzt als gemessen.
  • Je nach Smartphone-Modell unterscheidet sich die Signalstärke, in der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen.
  • Ein Forscherteam um Professor Gerhard Fettweis von der TU Dresden versucht seit Wochen, das System so zu kalibrieren, dass Kontaktpersonen halbwegs zuverlässig identifiziert werden können.
  • Andere Wissenschaftlerïnnen loben seine Arbeit. „Das Forscherteam hat bei der Bluetooth-Kalibrierung viel geleistet“, sagt etwa IT-Professor Thorsten Holz. „Da sind wir in Deutschland vorn dabei.“
  • Allerdings zählt Fettweis zu den Unterstützern von Pepp-PT. Jetzt bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit auch in einen dezentralen Ansatz einfließt.

Was noch unklar ist: Das Ziel steht fest, Deutschland soll eine Tracing-App mit dezentraler Software-Architektur erhalten. Wie der Weg dorthin aussehen wird, wissen wir aber noch nicht:

  • Hinter dem zentralen Ansatz stand die Plattform Pepp-PT. Für eine dezentrale Lösung gibt es mehrere Konzepte, etwa das Bündnis DP-3T, die ito-App auf Grundlage des TCN-Protokolls und die Intiative GesundZusammen.
  • Auf welche Bausteine die deutsche App setzt, wird derzeit noch verhandelt.
  • Zumindest steht mittlerweile fest, dass die Deutsche Telekom und die SAP die Entwicklung unterstützen sollen (Bundesregierung.de). Außerdem beraten die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA.
  • Das Heinrich-Hertz-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft leitete zuvor die Entwicklung der Pepp-PT-App. Das Helmholtz-Institut unterstützte Pepp-PR anfang ebenfalls, distanzierte sich aber und zeichnete den offenen Brief mit.
  • Es sind also Institute und Forscherïnnen beteiligt, die vor kurzem noch an konkurrierenden Projekten arbeiteten. Es wird wichtig sein, den Streit beizulegen und die Kräfte zu bündeln.
  • Spahn und Braun erwähnten in ihrer Erklärung am Wochenende auch die Möglichkeit, freiwillig zusätzliche Daten zu übermitteln.
  • Nun schreibt die Bundesregierung, es sei geplant, „einen Forschungsserver einzurichten, der auf Basis freiwilliger Datenspenden der Nutzer die pseudonymisierten Daten zur qualitätssichernden Analyse der Corona-App nutzen kann“.
  • Was das genau bedeutet? Zumindest wir wissen es nicht, und öffentlich ist bislang nicht mehr darüber bekannt. Man kann sich fragen, ob es eine gute Idee ist, die App mit einer solchen Funktionalität auszustatten. Immerhin soll die Datenspende freiwillig und opt-in-basiert bleiben.
  • Auch hinter dem Zeitplan stehen Fragezeichen. Apple will die APIs diese Woche veröffentlichen, doch bis die Apps angepasst sind und zuverlässig funktionieren, wird es wohl noch einige Wochen dauern. Mitte Mai dürfte eine eher optimistische Schätzung sein.

Be smart: In seinem Newsletter „The Interface“ versteckt Casey Newton eine wichtige Beobachtung in einem eingeklammerten Absatz im letzten Drittel (Revue):

(As an aside, the idea that we live in a time where Apple is telling Europe what forms of exposure notification will be permitted is basically the entire thesis behind / pitch for the existence of this newsletter. Not because I believe Apple abused its power, but because the world is still catching up to the idea that Apple and a handful other tech giants have this power.)

Das gilt für seinen Newsletter, aber natürlich genauso auch für uns. Die Pandemie zeigt erneut, welch zentralen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und zunehmend auch politischen Funktionen Plattformen und Tech-Konzerne übernommen haben.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein: Wenn wir die Wahl hätten, ob Tim Cook und Sundar Pichai oder Donald Trump und Jair Bolsonaro über Anti-Corona-Maßnahmen entscheiden sollen, müssten wir nicht lange grübeln. Natürlich denken diese Unternehmen auch ans Geldverdienen, aber das ist nicht verwerflich. Außerdem macht es sie berechenbar – im Gegensatz zu manchem Staatsoberhaupt.

Unabhängig vom Ergebnis kann man den Prozess hinterfragen: Ist es wünschenswert, dass private Konzerne demokratisch legitimierten Regierungen diktieren, wie sie die Pandemie zu bekämpfen haben? Dass Apple und Google in diesem Fall eine datenschutzfreundlichere Lösung erwirkt haben, ist bemerkenswert – aber wenn beim nächsten Mal ein Unternehmen wie Palantir, dessen Corona-Software Hessen nutzen will (SZ), mit am Verhandlungstisch sitzt, sieht die Sache womöglich anders aus.

Know more: Auch andere Medien haben schöne Tracing-Analysen:

  • Ein siebenköpfiges Autorïnnenteam hat für Netzpolitik das wohl ultimative Q&A zur digitalen Kontaktverfolgung geschrieben: 22 Fragen und Antworten, fortlaufende Updates, und jede Menge weiterführende Links.
  • Etwas kürzer, aber genauso lesenswert ist die Analyse von Fabian A. Scherschel (Heise), der vor allem die technischen Details ausführlich und verständlich erklärt.
  • Der dritte empfehlenswerte Text hat nichts mit der deutschen App zu tun: Patrick Howell O’Neillarchive zählt fünf Dinge auf (MIT Technology Review), die es braucht, damit Contact-Tracing funktionieren kann – zum Beispiel 100.000 menschliche Tracer, die Kontakte manuell nachverfolgen. Merke: Technologie allein ist nie die Lösung.

Kampf gegen Desinformation

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YouTube erweitert Fact Checks

YouTube fährt beim Kampf gegen Falschinformationen u.a. die Strategie, bei kritischen Inhalten auf verlässliche Medienpartner zu verweisen. In Sachen Fact Checking wird daher künftig auch in den USA auf Angebote von Factcheck.org verlinkt, ist im Firmenblog zu lesen.


Follow the money

Warum Snap derzeit erfolgreich ist

In Ausgabe #633 hatten wir berichtet, dasss Snap überraschend gute Zahlen für das erste Quartal 2020 vorgelegt hat. The Information ($) ist der Sache nun noch einmal auf den Grund gegangen und hat zwei Faktoren für Snaps Erfolg ausgemacht: Discover und Direct Response Ads – mehr als die Hälfte von Snaps Umsatz stammt von dieser (eher ungeliebten) Werbeform.

Fortnite Rekord-Konzert

Rapper Travis Scott hat mit einem virtuellen Gig bei Fortnite mehr Zuschauer erreicht als irgendjemand zuvor: 12,3 Millionen Fortnite-Spielerïnnen haben laut Variety gleichzeitig an Scotts Performance teilgenommen. Der alte Rekord stammte von Marshmello und lag bei 10,7 Millionen Menschen. Was Scott damit verdient hat, ist nicht bekannt. Mit Blick auf die 1,9 Milliarden Dollar, die Epic Games mit Fornite 2019 umgesetzt hat, dürfte der Deal für beide Seiten aber ein Gewinn gewesen sein.


Schon einmal im Briefing davon gehört

Menschen, die auf Laptops starren

Die Programmiererin und Künstlerin Maya Man hat sich darüber Gedanken gemacht, wie es wohl für den Computer ist, wenn du so viel Zeit am Tag damit verbringst, ihn anzustarren. Das Resultat ihrer Überlegungen ist eine Chrome-Erweiterung, die völlig random beim Öffnen eines neuen Tabs ein Foto von dir per Webcam knipst und dich fragt, was du gerade denkst. No worries: Die Fotos und Texte werden nur lokal gespeichert und können jederzeit wieder gelöscht werden. Wer Bock auf digitale Selbstreflexion hat, kann die Extension ja mal ausprobieren. Erfahrungsberichte werden gern entgegengenommen.


Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Rooms: Mark Zuckerberg beschäftigt sich ja bekanntlich schon länger mit der Frage, wie sich Treffen virtuell besser gestalten lassen: der milliardenschwere Oculus-Erwerb von 2014 zeugt davon. Die Coronakrise zeigt nun aber, dass Menschen derzeit noch gar nicht so sehr an VR-Spielereien interessiert sind, sondern tatsächlich schon ganz glücklich sind, wenn die Leitung für die nächste Zoom-Konferenz ohne Aussetzer funktioniert. Genau hier kommt Facebook Rooms ins Spiel. Die neue Applikation, die sich von Facebook und Messenger aus starten lässt, bietet bis zu 50 Menschen „Raum“ für Video-Chats. Bald soll auch eine Verzahnung mit WhatsApp und Instagram möglich sein. Wir finden das Thema super spannend und widmen Facebook Rooms, respektiven Facebooks neuer Video-Chat-Strategie, einen unserer nächsten Schwerpunkte. Stay tuned. Aber macht so lange das Mikro aus!

Instagram

TikTok

Telegram

  • 400 Millionen Nutzerïnnen zählt der russische Messenger jetzt. Um diesen Meilenstein gebührend zu feiern, lanciert das Unternehmen zahlreiche neue Features.

Twitter

  • Goodbye SMS: Am Anfang war die SMS. Und die SMS war kurz. Dann kam die SMS ins Netz und wurde noch kürzer. Dann irgendwann doppelt so lang. Und jetzt spielt die SMS keine Rolle mehr. Zumindest bei Twitter nicht mehr. Eben jenem Service, für den die SMS anfänglich eine so zentrale Rolle spielte. Nun denn: Goodbye SMS (The Verge)

Wie das Coronavirus die Sicht auf Facebook verändert, die 15 häufigsten Coronavirus-Gerüchte, Facebooks größter Deal seit der Übernahme von WhatsApp

Salut und herzlich Willkommen zur 633. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beschäftigen wir uns ausführlich damit, wie das Coronavirus die Sicht auf Facebook verändert. Zudem blicken wir auf die 15 häufigsten Coronavirus-Gerüchte, die auf Social Media kursieren, erfahren von Facebooks größtem Deal seit der Übernahme von WhatsApp und dass die Hälfte aller Gen-Z-People in den USA Nachrichten auf Snapchat konsumiert. Die Hälfte!!! Wir wünschen eine gewinnbringende Lektüre und ein angenehmes Wochenende, Simon und Martin

Wie das Coronavirus die Sicht auf Facebook verändert

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Was ist: Fast das gesamte Silicon Valley versucht, den Kampf gegen Covid-19 zu unterstützen. Kein Unternehmen war in den vergangenen Wochen so aktiv wie Facebook. Das hilft der Plattform, seinen ramponierten Ruf aufzupolieren – grundlegende Probleme dürfen aber nicht aus dem Blick geraten.

Was Facebook tut: Seit dem Ausbruch des Coronavirus hat Facebook etliche Maßnahmen angekündigt und umgesetzt, die helfen sollen, das Virus aufzuhalten. Die Schlagzahl ist beeindruckend, und die Entschlossenheit ist ungewohnt. In der Vergangenheit reagierte Facebook oft nur zögerlich und nach massivem öffentlichen Druck.

Die Maßnahmen sammelt Facebook auf einer eigenen Übersichtsseite in seinem Newsroom, die mittlerweile einem Fortsetzungsroman ähnelt. Teils sind es nur kleine Updates, etwa der Hinweis auf ein Pressegespräch mit Mark Zuckerberg. Doch ein Großteil der Einträge steht für substanzielle Schritte – etwa der Kampf gegen Corona-Falschinformationen, den wir in Briefing #631 beschrieben haben.

In den vergangenen Tagen hat das Unternehmen außerdem:

  • im Rahmen seines Programms „Data for Good” ein Mobility Dashboard freigegeben, mit dessen Hilfe Wissenschaftlerïnnen nachvollziehen können (Facebook-Newsroom), ob und wie sich Ausgangsbeschränkungen auf die Ausbreitung des Virus auswirken.

     

    • Forscherïnnen haben uns erzählt, dass diese Daten hilfreich sind und sie Facebooks Vorgehen für sinnvoll halten. Es handelt sich also nicht um Aktionismus, es gibt echten Mehrwert.
  • in Zusammenarbeit mit der Carnegie-Mellon-Universität eine Umfrage zu Covid-19-Symptomen aufgebaut und Nutzerïnnen im Newsfeed darauf hingewiesen. Nachdem die ersten Daten, die in den USA erhoben wurden, offenbar hilfreich waren, soll die Umfrage in Zusammenarbeit mit der Universität Maryland international verbreitet werden.
  • seine Expertïnnen für AI und maschinelles Lernen mit mehreren Universtitäten und Forschungsinstituten zusammengebracht, um Gesundheitsdaten über Covid-19 zu sammeln, auszuwerten und Modelle zu entwickeln.

Um solche Maßnahmen zu ermöglichen, hat Facebook Entwicklerïnnen von aktuellen Projekten abgezogen und andere Prioritäten gesetzt. Neue Funktionen müssen sich derzeit dem Kampf gegen die virologische Pandemie und die virale Infodemie unterordnen.

Wie Facebook davon profitiert: Kurzfristig sinkt der Umsatz, da die meisten neuen Produkte oft auch in irgendeiner Form Geld abwerfen. Langfristig könnte sich der entschlossene Kampf gegen das Virus für Facebook aber rechnen:

  • Umfragen zeigen (Axios), dass vier von zehn US-Amerikanerïnnen die Tech-Industrie nun positiver wahrnehmen als vor der Corona-Krise.
  • In Briefing #624 haben wir analysiert, wie das Netz in der Krise helfen kann und soziale Medien wieder zu dem werden können, was der Name verspricht: Plattformen, die Menschen verbinden. Genau das tun Facebook, Instagram und WhatsApp derzeit.
  • Jahrelang ist kaum eine Woche vergangen, ohne dass Facebook in Zusammenhang mit einem angeblichen Datenschutzskandal, Leak, Hack oder einem anderen negativ konnotierten Vorfall genannt worden wäre.
  • Seit einigen Monaten spielen diese Themen kaum noch eine Rolle, die Pandemie überlagert fast alles.
  • Auch die kartellrechtlichen Ermittlungen, die Facebook etwa wegen seiner Übernahmen oder der geplanten Zusammenlegung von WhatsApp, dem Messenger und Instagrams Direktnachrichten drohen, scheinen ins Stocken geraten zu sein. Zumindest öffentlich ist wenig davon zu lesen.

Wie Facebook die Situation nutzt: Natürlich weiß auch Facebook, dass die aktuelle Krise eine Chance ist, um die öffentliche Warhnehmung des Unternehmens zu verbessern. Das ist aber nicht verwerflich, sondern selbstverständlich: Der Leitsatz „Tue Gutes und rede darüber“ eint das gesamte Silicon Valley.

  • In einem Op-ed (Washington Post) argumentiert Mark Zuckerberg, dass Daten ein wichtiger Bestandteils des Kampfs gegen Covid-19 seien.
  • Er betont, dass Facebook auf einzigartige Weise dabei helfen und Wissenschaftlerïnnen unterstützen könne.
  • Die Plattform vernetze Milliarden Menschen und erhalte somit Einblicke in soziale Strukturen und könne epidemiologische Daten in einem Ausmaß sammeln wie kaum jemand sonst.
  • Die Welt habe bereits früher Pandemien erlebt, aber dieses Mal gebe es eine neue Superkraft: die Möglichkeit, Daten für gute Zwecke zu sammeln und zu teilen.

Damit versucht Zuckerberg, einen der zentralsten Vorwürfe gegen Facebook in einen Vorteil zu verwandeln: Jahrelang hieß es, die Plattform sei sich selbst über den Kopf gewachen: too big to control. Datenschutzskandale und Hasskommentare überall, das Unternehmen komme einfach nicht mehr hinterher.

Jetzt schreibt Zuckerberg: Wenn Facebook nicht so groß wäre, könnte es nicht so viele und präzise Daten sammeln. Aus der Schwäche konstruiert er eine Stärke. Im Gespräch mit Casey Newton sagt er (The Verge):

„We’re in a relatively unique position where I don’t think that there are that many institutions in the world that could stand up a survey like this — across the country, much less across the world.“

Warum Facebook noch viel Arbeit vor sicht hat: Bei allem Lob für die aktuellen Maßnahmen – wenige Wochen der Entschlossenheit können nicht wettmachen, was in den Jahren zuvor geschehen ist. Den schlechten Ruf hat sich das Unternehmen hart erarbeitet. Jetzt muss es genauso hart dafür arbeiten, die Skandale und Skandälchen wieder loszuwerden.

Auch im Schatten der Corona-Krise gehen die Probleme weiter. Sie mögen weniger Aufmerksamkeit bekommen, aber wer sucht, der findet:

  • Das neugegründete Tech-Portal The Markup deckt auf, dass Werbetreibende jahrelang Anzeigen gezielt für Nutzerïnnen schalten konnten, die sich für „Pseudoscience“ interessieren.
  • Diese Kategorie umfasste mehr als 78 Millionen Menschen. Erst nach der Konfrontation entfernte Facebook das Label aus dem Werbe-Manager.
  • The Markup schaltete selbst Anzeigen auf Facebook und auf Instagram, die auf Pseudscience-Anhängerïnnen gerichtet waren. Facebook gab die Werbung frei.
  • Zum wiederholten Mal lässt Facebook hochgradig fragwürdige Interessen als Werbe-Kategorien zu. In der Vergangenheit waren es etwa „Impf-Kontroversen“ (Guardian) oder Judenhasser (ProPublica).
  • A propos Werbung: Kürzlich zeigte die US-Verbraucherschutzorganisation Consumer Reports, dass Facebook Anzeigen zuließ, die gefährliche Desinformation über das Coronavirus enthalten.
  • Außerdem entdeckte The Markup 67 Gruppen, die gegründet wurden, um Verschwörungstheorien über das Coronavirus zu verbreiten – etwa die absurde Theorie über einen Zusammenhang zwischen 5G und Covid-19, die wir in Briefing 629 beleuchtet haben.
  • A propos Gruppen: Rechtsradikale Waffenrechts-Aktivisten (das Gendern erübrigt sich) haben Facebook genutzt (Washington Post), um zu teils illegalen Demonstrationen gegen die Ausgangssperren in den USA aufzurufen.

Be smart: Casey Newton unterscheidet zwischen Facebook, dem Unternehmen, und Facebook, dem Netzwerk:

„On one hand you have Facebook the company working to stop the spread of the pandemic, and on the other you have a small but growing group of users working to exacerbate it. (…) History has taught us that what happens at Facebook is usually not as important as what happens on Facebook.“

Selbst wenn Zuckerberg und alle anderen Facebook-Mitarbeiterïnnen nur das Beste wollen, wird die Plattform niemals ausschließlich positive Auswirkungen haben. Netzwerke wie Facebook, Instagram, YouTube und Twitter helfen uns, die Quarantäne zu überstehen – aber sie begünstigen auch die Infodemie, die das Virus begleitet, und sind zentrale Werkzeuge von Extremistïnnen und Verschwörungstheoretikerïnnen.

Ein Beispiel: Bill Gates ist auf dem besten Weg, George Soros als Feindbild für Rechtsradikale abzulösen. Vor allem Impfgegegnerïnnen nutzen Facebook und andere Plattformen, um Lügen über Gates zu verbreiten (NYT).

Das könnte fatale Folgen haben: Claire Wardle, Chefin der Recherche-Organisation First Draft, fürchtet, die gezielten Angriffe und koordinierten Kampagnen könnten Menschen davon abhalten, sich in Zukunft gegen Covid-19 impfen zu lassen. Als ob es nicht schwer genug wäre, einen Impfstoff zu entwickeln.

Autor: Simon Hurtz

Kampf gegen Desinformation und Hass

Die 15 häufigsten Coronavirus-Gerüchte

Die unermüdlichen Faktenchecker von Correctiv haben einen klasse Artikel geschrieben, der die 15 häufigsten Gerüchte und Theorien zum Coronavirus erklärt und debunked. Falls Opa am Tisch mal wieder damit anfängt, dass schon Ur-Oma vor der gelben Gefahr gewarnt hat, kann diese Übersicht sehr hilfreich sein.

Facebook: Mehr Transparenz bei Pages und Accounts

Während der Präsidentschaftswahl 2016 sah sich Facebook mit dem Vorwurf konfrontiert, ausländische Mächte hätten mit Pages und Accounts für Zwietracht unter US-Nutzerïnnen gesorgt und somit die Wahl von Außen beeinflusst. In der Folge führte Facebook allerhand Funktionen ein, um solche Aktivitäten zu unterbinden. Nun hat Facebook ein weiteres Feature gelauncht: Auf der „About this Page“-Seite wird bei Seiten mit großer Reichweite fortan angezeigt, wo der Seiteninhaber lokalisiert ist. Dieser Hinweis soll helfen einzuschätzen, wie glaubwürdige eine Seite ist.

Twitter: Update der COVID-19-Guidelines

Bei Twitter werden die Zügel angezogen, was Falschinformationen rund um das Coronavirus angeht. Das Unternehmen verkündet, dass sie den Leitfaden zu ungeprüften Behauptungen erweitert hätten und künftig alles von der Plattform genommen wird, dass Menschen „zu schädlichen Aktivitäten aufstachelt, zur Zerstörung oder Beschädigung kritischer 5G-Infrastrukturen führt oder zu weit verbreiteter Panik, sozialen Unruhen oder Unruhen großen Ausmaßes führen könnte.“ Klingt alles legit. Es kommt – wie immer – auf die Umsetzung an. Was das Sperren von Accounts und Inhalten angeht, hat Twitter leider in den letzten Monaten viel Kredit verspielt.

YouTube sperrt medizinisch fragwürdige Inhalte

Auch YouTube will strenger zu Werke treten und kündigt an, Inhalte, die medizinisch fragwürdige Dinge versprechen, von der Plattform zu nehmen. Was „medically unsubstantiated content“ genau sein soll? Nun, laut CEO Wojcicki alles, was sich gegen die Empfehlungen der WHO richtet. Oh boy, it’s gonna get messy.

Follow the money

🇮🇳 Facebook investiert 5,7 Milliarden Dollar in JIO

Ganz ehrlich: Wir hatten vor dieser Nachricht noch nie von JIO gehört. Was wir allerdings direkt verstanden haben: Die Nachricht ist wichtig. Denn mitten in der Krise investiert Facebook die zweitgrößte Summe, die das Unternehmen jemals auf einen Schlag investiert hat. Der JIO-Deal ist nach der Übernahme von WhatsApp der größte Deal, den Facebook jemals abgeschlossen hat. Bei Ben Thompson und CNBC erfährt man, was Facebook damit bezweckt: Zugang zum wichtigen indischen Markt sichern und die Monetarisierung von WhatsApp vorantreiben. Dieser Deal wird uns noch ausführlicher beschäftigen.

👻 Snap Earnings

Snap hat erstaunlich gute Zahlen für das erste Quartal 2020 vorgelegt. Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um 44 Prozent gewachsen. Die (heilige) Zahl der täglich aktiven Nutzerïnnen konnte ebenfalls um 20 Prozent gesteigert werden – 229 Millionen Menschen nutzten Snapchat jeden Tag. Am Spannendsten ist für uns aber vor allem der Erfolg von Snapchat Discover in den USA: mehr als die Hälfte der Gen-Z-People in den USA schaut sich Nachrichteninhalte auf Discover an. Das ist ein wirklich erstaunlicher Erfolg. Peter Hamby freut’s (Twitter).

👖 TikTok & Levi’s

Wer sich dafür interessiert, wie sich mit TikTok Geld verdienen lässt, der dürfte an diesem Artikel von Techcrunch Gefallen finden. Sarah Perez erklärt darin, was Levi’s unternimmt, um möglichst viel Traffic von der Plattform abzugreifen. Spoiler: Irgendwas mit Influencer-Kooperationen und 3D-Maßanfertigungen.

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

  • Facebook Avatar gibt es nun auch in Europa (Techcrunch). Die Bitmoji-Raubmordkopie soll Unterhaltungen „fun, youthful, visually communicative, and more light-hearted“ machen. Na denn.
  • Neue Features bei Messenger Kids: Zum Start des Rollouts in 70 weiteren Ländern führt Facebook drei neue Funktionen bei Messenger Kids ein (Techcrunch), die hoffentlich einfach solide funktionieren und nicht zu Missbrauch führen.
      • Das erste Feature – Supervised Friending – ermöglicht Kids, die eigenständige Verwaltung von Freunden. Eltern bekommen eine Nachricht über jeden neuen Kontakt und können ggf. intervenieren.

     

      • Das zweite Feature ermöglicht anderen Erwachsenen (etwa Lehrern), Kinder bestimmten Gruppen-Chats hinzuzufügen.

     

    • Das dritte Feature erlaubt es Eltern, das Profilfoto und den Profilnamen des eigenen Kindes ausgewählten Kreisen zugänglich zu machen.

Instagram

  • Denkmal-Feature: Instagram hat bereits seit einiger Zeit an einem Feature gearbeitet, das zum Einsatz kommen soll, wenn ein/e Account-Inhaberïn verstorben ist. Die Remember-Funktion wurde nun aufgrund der weltweiten Pandemie schneller ausgerollt als erwartet (BuzzFeed News).

WhatsApp

  • Sticker gegen Corona: WhatsApp macht mit der WHO gemeinsame Sache und launcht die „Together at Home“-Sticker (The Next Web). Von Händewaschen über Yoga bis zur Katze, die auf dem Laptop schläft, ist alles dabei, was das neue Leben halt so auszeichnet. 😷

LinkedIn

Twitter

Social Media Watchblog für Grimme Online Award nominiert

One more thing

Grimme Online Award: Liebe Kollegïnnen, das Social Media Watchblog wurde für den Grimme Online Award 2020 in der Kategorie Information nominiert 🎉

Mit Blick auf die über 1000 Einreichungen ist es eine große Ehre, zu den 11 Angeboten zu zählen, die nominiert wurden. Zudem befinden wir uns in bester Gesellschaft: herausragende Info-Angebote wie das Coronavirus-Update mit Christian Drosten vom NDR, MedWatch und „Darüber spricht der Bundestag“ von Zeit Online wurden ebenfalls nominiert.

Für uns ist das wirklich eine große Sache! Tausend Dank an alle Abonnentïnnen! Ohne Euch wäre das alles nix. Mit Euch ist das hier aber der beste Job, den wir uns nur vorstellen können. Indie Journalism FTW!!!

Wer uns unterstützen möchte, kann gern für uns beim Publikums-Voting abstimmen. Wir würden uns sehr freuen.

Noch mehr würden wir uns aber freuen, wenn wir hier noch ganz viele Ausgaben zusammen weitermachen können. Wir haben jedenfalls hart Bock 💛✊🏻👾

Header-Foto von Kate Trifo bei Unsplash

Streit um die ‚richtige‘ Anti-Corona-App, Bidens Social-Media-Problem, 70 Prozent mehr Instagram-Live-Nutzung

Salut und herzlich Willkommen zur 632. Ausgabe des Social Media Briefings. Auch in dieser Ausgabe widmen wir uns wieder der Frage, wie Technologie beim Kampf gegen das Coronavirus helfen kann. Zwar handelt es sich dabei offenkundig nicht um ein genuines Social-Media-Thema – die Frage ist aber derzeit so zentral, dass es uns wichtig erscheint, auch diesen Themenkomplex ausführlich zu beleuchten. Wir hoffen, dass wir damit einen kleinen Beitrag leisten können, die technologischen Hintergründe besser einordnen zu können. In diesem Sinne: eine gewinnbringende Lektüre! Simon und Martin

Hinweis: Unsere Briefings sind eigentlich kostenpflichtig. Da wir unsere Recherchen zum Coronavirus aber nicht hinter einer Paywall „verstecken“ möchten, sind alle Analysen zum Thema Covid-19 frei zugänglich.

👉🏻 Falls du noch kein Abonnent bist und unsere Arbeit unterstützen möchtest, kannst du entweder via Steady ein Abo abschließen oder uns via Paypal einen Kaffee kaufen. Vielen Dank!

Weitere Artikel zum Coronavirus:

Zentral oder dezentral? Der erbitterte Streit um die „richtige“ Anti-Corona-App

Was ist: Unter Forscherïnnen ist ein heftiger Richtungsstreit entbrannt. Sie sind uneins über das Konzept, das einer Tracing-App gegen Covid-19 zugrunde liegen soll, die Kontaktpersonen von Infizierten warnt.

Rund 300 Wissenschaftlerïnnen aus mehr als zwei Dutzend Ländern warnen in einem offenen Brief (Google Docs) vor „beispielloser Überwachung“, die ein zentraler Ansatz ermöglichen könnte. Sie plädieren für eine dezentrale Lösung, bei der sämtliche Daten ausschließlich lokal auf den Smartphones gespeichert werden.

Warum das wichtig ist: In Briefing #630 haben wir erklärt, dass Corona-Apps die Krise nicht lösen werden, weil Technik allein niemals die Antwort auf soziale, politische oder epidemiologische Probleme ist. Anonymisiertes Tracing kann aber sehr wohl dazu beitragen, Infektionsketten zu unterbrechen, damit Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen vorsichtig gelockert werden können:

Tracing scheint uns die datenschutzfreundlichste und beste Methode zu sein, die diskutiert wird. (…) Es wäre wünschenswert, dass alle Forscherïnnen ihre Kräfte bündeln, um aus dem Potpourri der Apps und Plattformen ein gemeinsames System zu entwickeln.

Genau das Gegenteil ist eingetreten. Statt gemeinsam an einem einheitlichen Standard zu arbeiten, spalten sich Wissenschaft und IT-Fachleute in zwei Lager.

Das könnte fatale Folgen haben: Neben der technischen Herausforderung, mit Hilfe des Standards Bluetooth Low Energy (BLE) zuverlässig den Abstand zwischen zwei Smartphones zu ermitteln, sind vor allem zwei Ressourcen kritisch für den Erfolg der App: Zeit und Vertrauen.

Der Faktor Zeit

  • Je weiter sich das Virus bereits ausgebreitet hat, desto schwieriger wird es, Kontaktpersonen gezielt zu warnen und zu isolieren.
  • Ursprünglich sollte die App in Deutschland bereits gestartet sein. Jetzt sieht es so aus, als werde es noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern.
  • Der schwelende Streit beschleunigt das Vorhaben mit Sicherheit nicht.

Der Faktor Vertrauen

  • Damit eine Tracing-App halbwegs zuverlässig funktioniert, müssen sie viele Menschen installieren. Forscherïnnen peilen einen Anteil von etwa 60 Prozent der Bevölkerung an.
  • Da nicht alle Menschen ein Smartphone besitzen und längst nicht alle Smartphones die nötigen technischen Voraussetzungen erfüllen, bedeutet das: Nahezu alle Handynutzerïnnen müssen bereit sein, die Tracing-App einzusetzen.
  • Das kann nur gelingen, wenn niemand daran zweifelt, dass seine Daten anonym und sicher sind.
  • Ein offener Brief, der vor Massenüberwachung warnt, trägt kaum dazu, das Vertrauen zu stärken.

Was in dem offenen Brief steht: Die Wissenschaftlerïnnen warnen vor „Lösungen“, die schleichend eine beispiellose Überwachung der Gesellschaft etablieren könnten. Tracing-Apps müssten auf einem Privacy-by-Design-Ansatz aufbauen.

Der Social-Graph, den diese Apps speicherten, sei viel zu sensibel und invasiv, um die Daten von Millionen Menschen über einen zentralen Server zu leiten. Die Unterzeichnerïnnen fordern vier Grundprinzipien, die alle Apps erfüllen müssten:

    1. Zweckbindung: Tracing-Apps sollen nur verwendet werden, um Covid-19 einzudämmen. Das System muss strikt darauf begrenzt bleiben, die dafür nötigen Daten zu sammeln und zu übertragen.

 

    1. Transparenz: Alle Protokolle und Implementierungen müssen veröffentlicht werden und sich unabhängig überprüfen lassen.

 

    1. Privatsphäre: Wenn eine bestimmte Komponente oder Funktionalität auf unterschiedliche Arten umgesetzt werden kann, muss immer die Möglichkeit gewählt werden, die mehr Privatsphäre gewährleistet.

 

  1. Freiwilligkeit: Niemand darf gezwungen werden, eine Tracing-App zu verwenden. Nutzerïnnen müssen bewusst und informiert zustimmen. Das System muss abgeschaltet und alle Daten müssen gelöscht werden, sobald die Krise vorbei ist.

Wer den Brief unterzeichnet hat: Unter den rund 300 Forscherïnnen aus Europa, Australien, den USA und anderen Ländern, sind zahlreiche renommierte Wissenschaftlerïnnen. Viele von ihnen haben einst die europäische Plattform Pepp-PT unterstützt, die wir in Briefing #627 und #628 ausführlich vorgestellt haben.

Nun hat sich die Stimmung gedreht: „Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das mittragen, sind nicht zufrieden, wie die Entwicklung verlaufen ist”, sagt etwa Thorsten Holz, der den Lehrstuhl Systemsicherheit an der Ruhr-Universität Bochum leitet. „Mittlerweile haben sich die meisten akademischen Partner aus dem Projekt zurückgezogen, das spricht ja für sich.”

Tatsächlich haben sich in den vergangenen Tagen zahlreiche renommierte europäische Universitäten und Forschungsinstitute von Pepp-PT losgesagt, darunter das deutsche Helmholtz-Institut, die italienische ISI Foundation, die belgische Universität Leuven sowie Forscher der ETH Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne.

Dazu zählt auch der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé, der ursprünglich in zentraler Funktion an Pepp-PT mitarbeitete. „Ich habe noch nie ein derart kooperatives Projekt gesehen, bei dem einzelne Egos keine Rolle spielen“, sagte er während einer gemeinsamen Videokonferenz Anfang April, als Pepp-PT erstmals öffentlich vorgestellt wurde.

Von dieser Einigkeit ist längst nicht mehr übrig. Salathé und seine Kollegïnnen wollen ihre Energie nun in das Projekt DP-3T stecken, das einen dezentralen Ansatz verfolgt.

Worum sich der Streit dreht: Hinter den eher kryptischen Buchstabenkolonnen Pepp-PT und DP-3T verbergen sich zwei unterschiedlichen Ansätze. Beide wollen eigentlich dasselbe: Sie erfassen und warnen mit Hilfe von BLE Kontaktpersonen von Infizierten, sammeln ausschließlich pseudonyme IDs, sollen komplett anonym funktionieren und keine persönliche Daten erfassen.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Art und Weise, wie Kontaktpersonen benachrichtigt werden sollen:

  • Pepp-PT will eine Plattform sein, die von Land zu Land unterschiedlich umgesetzt werden kann und dabei auch zentrale Lösungen ermöglicht. Im Hintergrund läuft also ein Server, der die Liste der pseudonymen IDs empfängt, die Infizierte übertragen, die Daten auswertet und dann automatisch Push-Benachrichtigungen an die Kontaktpersonen verschickt.
  • DP-3T unterstützt ausschließlich einen dezentralen Ansatz. Es gibt keine zentrale Datenbank, die Geräte kommunizieren nur untereinander.

Das Für und Wider hat Chris Köver ausführlich beschrieben (Netzpolitik). Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile, der dezentrale Ansatz bietet aber weniger Missbrauchspotenzial und setzt kein absolutes Vertrauen in den Server-Betreiber voraus. Auch deshalb unterstützt ein Großteil der Wissenschaftlerïnnen eine Lösung ohne zentrale Datenbank.

Neben der Diskussion um zentrale oder dezentrale Ansätze gibt es einen weiteren Streitpunkt. „Mir geht es vor allem um die Transparenz“, sagt etwa Tibor Jager, Professor für IT-Sicherheit an der Universität Wuppertal, der ebenfalls zu den Unterzeichnern des offenen Briefs zählt.

„Bei einer App, die sensible Daten von vielen Millionen Menschen sammelt, darf die Entwicklung nicht hinter verschlossenen Türen stattfinden.“ Der Code müsse öffentlich einsehbar sein und unabhängig überprüft werden können. „In dieser Hinsicht ist DP-3T weit voraus. Es gibt bereits erste Open-Source-Apps, die in der Praxis getestet werden können.“

Tatsächlich wurde Pepp-PT lange Zeit unter Ausschluss der Öffentlichkeit entwickelt. Erst am Wochenende stellte das Konsortium Teile des Codes auf Github. Im Vergleich dazu ist ist das Git-Repository von DP-3T deutlich aktiver und besser gepflegt.

Warum der Konflikt eskaliert ist: Wir haben uns in den vergangenen Tagen unter den Forscherïnnen umgehört, die sich von Pepp-PT losgesagt haben. Dort hört man viel Unverständnis und teils auch offene Vorwürfe:

  • Einige glauben, dass Initiator Chris Boos damit Geld verdienen wolle, das gehe mit einem zentralen Ansatz besser.
  • Der IT-Unternehmer sitzt im Digitalrat der Bundesregierung und soll enge Beziehungen zu Kanzleramtschef Helge Braun haben. Manche vermuten, das könne einer der Gründe sein, warum die Bundesregierung Pepp-PT von Anfang an unterstützt habe – und bislang immer noch daran festhält.
  • Seine einstigen Mitstreiterïnnen werfen Boos miese Kommunikation vor. Vergangene Woche verschwand etwa der Name DP-3T plötzlich von der Webseite von Pepp-PT, ohne dass die Beteiligten vorgewarnt wurden.

Boos selbst weist die Vorwürfe zurück und warnt vor einem Glaubenskrieg:

  • Es sei „unglücklich” gewesen, den Namen DP-3T ohne Absprache von der Webseite zu entfernen. Dafür habe er sich mittlerweile entschuldigt.
  • „Statt sich anzuschauen, in welchem Fall welche Lösung besser ist, wird die Diskussion von einigen Vertretern des jeweiligen Ansatzes religiös geführt”, sagt Boos.
  • Ihm zu unterstellen, er wolle sich persönlich bereichern, sei inakzeptabel: „Bisher arbeiten fast alle seit Wochen komplett für umsonst. Aber ich habe auch immer gesagt, wenn Geld da ist, sollten wir beteiligt werden.“

Welche Lösung die besseren Erfolgsaussichten hat: Das EU-Parlament hat sich vergangene Woche für dezentrale Ansätze ausgesprochen. Deutschland hält dagegen noch an Pepp-PT fest, ist damit innerhalb der EU aber zunehmend isoliert.

„Die Bundesregierung muss den Kurs wechseln, sagt Thorsten Holz. „In der Privatwirtschaft mag es Anhänger einer zentralen Lösung geben, aber in der Wissenschaft kenne ich niemanden.“ Tibor Jager vermutet, dass Deutschland seine Haltung bald ändern könnte. „Die Unterstützung kam zu einer Zeit, als das noch ein echtes Kooperationsprojekt war. Jetzt hat sich die Situation geändert. Ich denke, dass der offene Brief ein Umdenken auslösen könnte.“

Womöglich könnten auch Apple und Google zu einer Entscheidung beitragen: Beide befürworten dezentrale Lösungen. Vor allem bei Apple ist die technische Unterstützung wichtig: Damit BLE bei iPhones funktioniert, während das Display nicht aktiviert ist, muss Apple seine API öffnen.

Wenn Apple einem zentralen Ansatz den Zugriff auf diese Schnittstelle verweigert, könnte Pepp-PT zum Scheitern verurteilt sein. iOS ist in Deutschland weniger weit verbreitet als Android, kommt aber immer noch auf einen Marktanteil von knapp einem Viertel – ohne diese Menschen kann eine Tracing-App nicht richtig funktionieren.

Be smart: Wir können von außen nicht beurteilen, welche Interessen die beiden Lager verfolgen. Wir sind auch keine IT-Experten, die mit Sicherheit sagen können, welcher der Ansätze besser ist. Nur bei einem Punkt legen wir uns fest: Wenn sich Pepp-PT und DP-3T noch länger öffentlich streiten, gewinnt am Ende nur einer: das Virus.

Autor: Simon Hurtz

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Unsichtbar im US-Wahlkampf

Was ist: Der US-Wahlkampf läuft mutmaßlich auf das Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden hinaus. Mit Blick auf das Corona-Krisenmanagement müsste der demokratische Bewerber eigentlich die besten Chancen haben, Trump abzulösen. Das Problem: Biden ist in Zeiten von Social-Distancing im Vergleich zu Trump quasi unsichtbar (New York Times).

Warum ist das interessant? Biden hat von Anfang an auf einen eher traditionellen Wahlkampf gesetzt: Rallys, Werksbesuche und TV-Spots sind seine Mittel der Wahl. Soziale Medien waren für Biden bisher nicht wirklich relevant. Da nun aber Rallys und andere persönliche Begegnungen vorerst wegfallen könnten, bleibt in Bidens Werkzeugkoffer eigentlich nur noch das Werben in traditionellen Medien. Denn an der Social-Media-Front kann Biden eigentlich schon jetzt nicht mehr gewinnen.

Die Zahlen:

  • Trump zählt 77,8 Millionen Twitter-Follower, Biden lediglich 5 Millionen.
  • Donald Trump hat über 27 Millionen Facebook-Fans. Joe Biden kommt auf rund 1,7 Millionen Fans.
  • Während Trump bei Instagram 19,2 Millionen Abonnenten hat, sind es bei Biden nur 1,8 Millionen.
  • Bei YouTube hat Trump 357.000 Abonnenten, Biden zählt knapp 42.000.

Be smart: Die Unterschiede sind gewaltig. Vor allem handelt es sich dabei ja nur um die offiziellen Pages der Bewerber. Gruppen, Meme-Accounts, Sockenpuppen und Co sind hierbei noch gar nicht berücksichtigt. Klar, welchen Impact Social Media bei der kommenden US-Wahl spielen wird, lässt sich noch nicht final sagen. Hinsichtlich der Rolle, die Facebook und Co bei den vergangenen Wahlen spielten, dürften die Platttformen dieser Tage aber nicht gerade an Bedeutung verlieren.

Kampf gegen Desinformation

Facebook setzt weiter auf Remote Work – mit einer Ausnahme: In einem Blogpost erklärt Mark Zuckerberg, dass Facebook bis Juni 2021 aller Voraussicht nach keine Meetings mit über 50 Personen abhalten wird. Überhaupt könnten die Mitarbeiterïnnen erst ganz langsam wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Die einzigen, bei denen dies möglichst schnell erfolgen soll, sind Content-Moderatoren. Warum diese Überlegung nachvollziehbar ist, haben wir in Briefing #625 ausführlich beleuchtet.

Statistiken

Mehr, mehr, mehr! Über 80 % der Verbraucher in den USA und Großbritannien geben an, seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie mehr Inhalte zu konsumieren (Visual Capitalist). Über alle Generationen und Geschlechter hinweg erzielen Fernsehsendungen und Online-Videos die größten Zuwächse. Bei Gen Z erfährt Musikhören ebenfalls einen erstaunlichen Zuwachs.

 

Schon einmal im Briefing davon gehört

Instagram-Gründer bauen Rt-Tracker: Das erste öffentliche Projekt der beiden Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger beschäftigt sich zwar auch mit exponentiellen Wachstum – es geht aber nicht um die Akquise neuer User, sondern um die Verbreitung des Coronavirus: Ihr Tracker rt.live misst die Reproduktionszahlen in US-Staaten.

Facebook Symptom-Tracker: Auch Facebook arbeitet an einem Tracker, um eine bessere Datengrundlage zur Bekämpfung des Coronavirus zu schaffen. Das Umfrage-Werkzeug, bei dem Nutzerïnnen freiwillig Symptome melden sollen, zeige vielversprechende Ergebnisse und wird ab Mittwoch international ausgerollt (The Verge).

Neue Features bei den Plattformen

Facebook

TikTok

One more thing

Trends: In der kommenden Ausgabe wollen wir uns ausführlich mit Trends beschäftigen, die sich zwar bereits seit geraumer Zeit andeuten, in der Coronakrise aber extrem an Fahrt aufnehmen – etwa das Ende des Techlash, Livestreaming, Tech-Unternehmen, die Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen, etc.

Wir würden uns sehr freuen, wenn wir dabei auch eure Beobachtungen aufnehmen dürften: Welche Trends beobachtet ihr gerade – ganz allgemein, bei euch im Haus, persönlich – und wie schätzt ihr sie ein? Wer mag, antwortet uns auf diese Mail oder schreibt uns hier bei Slack.

Header-Foto von Cheng Feng bei Unsplash

Facebook eskaliert den Kampf gegen Corona-Fehlinformationen, Reuters-Studie zu Social Media und Nachrichten, TikTok-DM nur noch ab 16

Salut und herzlich Willkommen zur 631. Ausgabe des Social Media Briefings. Heute beleuchten wir Facebooks neue Ideen, wie Corona-Fehlinformationen stärker eingedämmt werden sollen. Zudem widmen wir uns einer Reuters-Studie zur Bedeutung von Social Media und Nachrichten-Websites in Zeiten existentieller Ängste. Das und noch viel, viel mehr im Newsletter deines Vertrauens! Viele Grüße und ein hoffentlich angenehmes Wochenende, Simon und Martin

Facebook eskaliert den Kampf gegen Corona-Fehlinformationen

Was ist: Du klickst auf Corona-Quatsch? Dann wirst du nachträglich gewarnt. So lässt sich Facebooks Ankündigung zusammenfassen. Der Prozess funktioniert so:

  • Nutzerïnnen interagieren in irgendeiner Form mit Beiträgen, die auf Artikel verweisen, die einen Bezug zu Covid-19 haben. Das beinhaltet alle Reaktionen, also Likes, Shares und Kommentare.
  • Später stufen Faktenprüferïnnen, die WHO oder andere offizielle Stellen wie das Bundesgesundheitsministerium den zugrundeliegenden Artikel als irreführend oder falsch ein und melden das an Facebook.
  • Facebook prüft die Meldung, entscheidet, dass es sich um „schädliche Fehlinformation” handelt, und löscht den Beitrag. Für Artikel mit Corona-Bezug liegt diese Hürde derzeit deutlich niedriger als bei Desinformationen zu anderen Themen.
  • Die Nutzerïnnen sehen im Newsfeed einen Hinweis und einen Link zur WHO.

Warum das wichtig ist: Die Ankündigung ist aus drei Gründen von Bedeutung. Erstens wählt Facebook damit ein völlig neues Mittel, vor dem es lange Zeit zurückgeschreckt ist. Zweitens unterstreicht ein Avaaz-Bericht, welch große Öffentlichkeit Corona-Desinformation auf Facebook immer noch findet – trotz aller Bemühungen. Drittens sind diese Falschnachrichten in der aktuellen Situation besonders gefährlich.

    1. Bislang hat Facebook nur Hinweise unter den Beiträgen selbst eingeblendet, wenn Faktenprüferïnnen diese beanstandet hatten. Das große Problem: Alle Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt die Fehlinformation sehen, bekommen das vermutlich nicht mehr mit. Auf diese Art ist es kaum möglich, viralen Unsinn einzufangen – man kann höchstens Schadensbegrenzung betreiben und die künftige Verbreitung einschränken. Jetzt informiert Facebook erstmals aktiv Nutzerïnnen, die in der Vergangenheit Desinformation ausgesetzt waren.

 

    1. Einer Untersuchung der NGO Avaaz zufolge wurden allein im März mehr als hundert Fehlinformationen mehr als 1,7 Millionen Mal auf Facebook geteilt und 117 Millionen Mal betrachtet. Vier von zehn Beiträge erhalten keine Warnhinweise, obwohl zwei Drittel davon von Facebooks eigenen Factchecking-Partnern widerlegt wurden. Teils dauert es drei Wochen, bis Facebook auf einen Faktencheck reagiert.

 

  1. In Briefing #629 haben wir analysiert, wie Verschwörungstheoretiker einen Zusammenhang zwischen 5G und Covid-19 herbeifantasieren. Damit erreichen sie nicht nur Millionen Menschen, sondern verbreiten solche Panik, dass in Großbritannien Dutzende Mobilfunkmasten beschädigt wurden. Verharmlosung ist noch gefährlicher: Wenn Menschen glauben, sie seien garantiert gesund, weil sie zehn Sekunden lang die Luft anhalten können, verhalten sie sich womöglich sorgloser – und stecken Alte oder Vorerkrankte an.

Wie Facebook Nutzerïnnen warnt: „Hilf deinen Freunden und deiner Familie, Fehlinformationen zum Coronavirus zu identifizieren”, steht groß im Newsfeed. Etwas kleiner darunter: „Teile einen Link zur Website der Weltgesundheitsorganisation, die eine Liste gängiger Gerüchte rund um das Virus zusammengestellt hat.”

Dort stellt die WHO etwa richtig, dass sich Covid-19 nicht via 5G ausbreiten kann, Knoblauch keine Infektionen verhindert und weder Hitze noch Kälte die Viren zuverlässig töten. Falschnachrichten wie diese wurden teils viele Millionen Mal weiterverbreitet.

Zunächst will Facebook Nutzerïnnen nicht explizit darauf hinweisen, dass sie mit Desinformation in Kontakt gekommen sind. Eine Sprecherin sagt aber, das Unternehmen werde unterschiedliche Versionen und Formulierungen testen, die teils konkreter werden sollen.

Was das genau bedeutet, ist unklar: Womöglich erfährt man, warum man den Hinweis sieht, oder erhält eine Korrektur für die Fehlinformation, mit der man interagiert hat.

Allerdings erklärt Facebook auch, seine eigenen Erhebungen hätten ergeben, dass solche konkreten Nachrichten den gegenteiligen Effekt auslösen könnten: Menschen glauben der Desinformation dann erst recht. Deshalb fokussiere man sich darauf, Menschen mit Fakten aus glaubwürdigen Quellen in Kontakt zu bringen.

Was Avaaz dazu sagt: Die Kampagnendirektoren Christoph Schott und Fadi Quran loben Facebook für die Entscheidung. Facebook befände sich im Epizentrum der Fehlinformationskrise, sagt Quran.

Aber das Unternehmen leitet heute eine entscheidende Wende ein, um dieses vergiftete Informationsökosystem zu bereinigen, indem es als erste Social-Media-Plattform alle Nutzer, die Coronavirus-Fehlinformationen ausgesetzt waren, entsprechend alarmiert und sie auf lebensrettende Fakten hinweist.

Avaaz untersucht seit langem wie sich Fehlinformationen auf Plattformen wie Facebook und YouTube ausbreiten, und fordert die Betreiber auf, konsequenter dagegen vorzugehen. Schott glaubt, dass Avaaz entscheidend zu Facebooks neuer Policy beigetragen habe.

Wir führen seit Wochen fast täglich Gespräche mit Facebook“, sagt er. „Die nehmen das Problem sehr ernst. Wir glauben, dass wir einen großen Einfluss auf die aktuellen Änderungen hatten.

Facebook bestätigt das nicht, dementiert aber auch nicht ausdrücklich. „We did collaborate with Avaaz on the concept”, heißt es nur – was auch immer das bedeuten mag.

Trotzdem gehen Avaaz die Änderungen nicht weit genug. Schott fordert, dass alle Nutzerïnnen, die Desinformation auf Facebook gesehen haben, nachträglich gewarnt und auf entsprechende Korrekturen hingewiesen werden. „Die Studienlage ist mittlerweile eindeutig: Richtigstellungen können ein Umdenken bewirken.“

Was die Wissenschaft dazu sagt: Avaaz hat bei Ethan Porter von der George-Washington-Universität und Tom Wood der Ohio-State-Universität eine Studie in Auftrag gegeben. Die beiden Professoren haben untersucht, was nachträgliche Richtigstellungen bewirken können.

Die zentrale Aussage: Menschen, die an falsche oder irreführende Informationen glauben, können zum Umdenken gebracht werden, wenn sie Korrekturen sehen. Im Schnitt ließ sich etwa die Hälfte der Studienteilnehmerïnnen überzeugen, dass sie einer Fehlinformation aufgesessen waren.

„Diese Ergebnisse liefern ganz klare Belege dafür, dass Faktenchecks auf Facebook funktionieren würden”, sagt Porter. „Über Interessensgebiete und Ideologien hinweg fördern Faktenchecks zuverlässig das faktisch korrekte Wissen der Nutzerïnnen.”

Yes, but: In Briefing #620 haben wir erklärt, warum wir nur in Ausnahmefällen über einzelne Studien berichten:

Völlig egal, wie du diese Fragen beantwortest – du wirst auf jeden Fall mindestens eine Studie finden, die deine Meinung bestätigt (und eine, die ihr widerspricht). Das liegt nicht zwangsläufig an mieser Methodik, die einzelnen Untersuchungen können für sich genommen valide und reliabel sein. Oft fokussieren sich die Forscherïnnen aber auf einen bestimmten Teilaspekt. Teils ist es auch gar nicht möglich, komplexe, sozialwissenschaftliche Fragestellungen abschließend empirisch zu beantworten.

Das gilt auch in diesem Fall. Im Januar sammelte das Nieman Lab sieben Studien, die sich mit Desinformation beschäftigen und teils zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, was die Wirksamkeit von Factchecks angeht.

Kurz darauf veröffentlichen vier MIT-Wissenschaftler ein Paper, das Vice so anpries: „It’s Official: Facebook’s Fact-Checking Is Making Its Fake News Problem Even Worse”. Das Problem ist der sogenannte „Implied Truth Effect”, den Brian Feldman gut erklärt (New Yorker):

That is, when certain posts are labeled fact-checked and false, users also believe that content without the label has been fact-checked and is true.

Hinzu kommt eine Gefahr, auf die Facebook selbst hinweist: Wenn man allzu konkret auf eine bestimmte Fehlinformation hinweist, wiederholt man den Inhalt. Selbst wen rot und groß „Debunked” darüber steht, bleibt bei einigen Nutzerïnnen trotzdem eher die Desinformation als die Korrektur hängen.

Be smart: Wie fast alle Plattformen tut Facebook seit vielen Wochen außergewöhnlich viel, um Gerüchte und Falschnachrichten über Covid-19 zu bekämpfen. Das ist wichtig und lobenswert. Die aktuelle Ankündigung ist einer von vielen Schritten – und mit Sicherheit nicht der letzte.

Dass nach wie vor vieles schief läuft, zeigt etwa ein Bericht der Verbraucherschutzorganisation Consumer Reports. Der Test:

I wanted to see how well the company is policing coronavirus-related advertising during the global crisis. So I put the two dangerous claims Clegg brought up, plus other false or dangerous information, into a series of seven paid ads.“

Das ernüchternde Ergebnis:

Facebook approved them all. The advertisements remained scheduled for publication for more than a week without being flagged by Facebook.

Reuters-Studie: Veränderter (News-) Konsum

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Was ist: Das Reuters Institut hat untersucht, wie Menschen Nachrichten in Zeiten der Corona-Krise konsumieren und bewerten. Die Ergebnisse zeigen, dass der Zugang zwar sehr divers ist, traditionelle Medienhäuser aber deutlich mehr Glaubwürdigkeit genießen als soziale Medien. Bei der University of Oxford gibt es alle Ergebnisse der Studie – bei uns einen Überblick der zentralen Befunde.

Die Datenlage

  • Die Untersuchung wurde von YouGov anhand eines Online-Fragebogens durchgeführt, der vom 31. März bis 7. April 2020 in Argentinien, Deutschland, Südkorea, Spanien, Großbritannien und den USA ausgefüllt wurde.
  • In Deutschland wurden 2003 Menschen befragt.
  • Die Studie gilt als repräsentativ.

 

Die Ergebnisse im Überblick:

 

News on the rise

  • Der Nachrichten-Konsum ist in allen untersuchten Ländern gestiegen.
  • Die meisten Menschen nutzen entweder soziale Medien, Suchmaschinen, Video-Websites wie YouTube und Messenger oder eine Kombinationen davon, um Nachrichten und Informationen über das Coronavirus zu erhalten.

Unterschiede bei den Nutzerïnnen

  • In allen sechs Ländern geben Menschen mit niedrigem formalen Bildungsniveau viel seltener an, dass sie für Nachrichten und Informationen über das Coronavirus auf traditionelle Nachrichtenangebote angewiesen sind. Sie verlassen sich eher auf soziale Medien und Messenger.
  • In Argentinien, Südkorea, Spanien verlassen sich junge Menschen mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit auf soziale Medien.
  • In Deutschland, Großbritannien und den USA verlassen sie sich eher auf Gruppen innerhalb von Messengern.

Experten genießen hohe Glaubwürdigkeit

  • In allen erfassten Ländern werden Wissenschaftler, Ärzte und andere Gesundheitsexperten von einer sehr hohen Zahl von Menschen aller Altersgruppen, Bildungsniveaus und politischen Ansichten als vertrauenswürdige Informationsquellen über Coronaviren angesehen. Drosten lässt grüßen.
  • Drei Viertel der Befragten vertrauen nationalen oder internationalen Organisationen des öffentlichen Gesundheitswesens.
  • Eine Mehrheit der Befragten schätzt Nachrichtenorganisationen als relativ vertrauenswürdig ein.
  • In jedem Land mit Ausnahme Spaniens und der Vereinigten Staaten bewertet eine Mehrheit auch ihre nationale Regierung als vertrauenswürdig.

Politischer Bias

  • Während das Vertrauen in Wissenschaftler und Experten durchweg hoch und das Vertrauen in gewöhnliche Menschen durchweg geringer ist, gibt es bedeutende politische Unterschiede im Vertrauen in Nachrichtenorganisationen und in die Regierung.
  • Insbesondere in den Vereinigten Staaten, wo die Menschen auf der linken Seite des politischen Spektrums den Nachrichtenorganisationen viel mehr vertrauen als der Regierung und die Menschen auf der rechten Seite der Regierung viel mehr vertrauen als den Nachrichtenorganisationen.

Trust

  • Auf die Frage, wie vertrauenswürdig sie Nachrichten und Informationen über das Coronavirus von verschiedenen Plattformen finden, bewerten die meisten Befragten Plattformen als weniger vertrauenswürdig als Experten, Gesundheitsbehörden und Nachrichtenorganisationen.
  • Die Ergebnisse unterscheiden sich erheblich zwischen den verschiedenen Arten von Plattformen – im Durchschnitt der sechs Länder beträgt die „Vertrauenslücke“ zwischen Informationen von Nachrichtenorganisationen und Informationen aus sozialen Medien 33 Prozentpunkte, zwischen Nachrichten- und Video-Websites 30 Prozentpunkte und zwischen Nachrichten- und Messengern 35 Prozentpunkte.
  • Der Abstand zwischen Nachrichtenwebsites und Suchmaschinen beträgt im Durchschnitt nur 14 Prozentpunkte.

Falschinformationen

  • Auf die Frage, wie viele falsche oder irreführende Informationen über das Coronavirus die Menschen glauben von verschiedenen Quellen und Plattformen gesehen zu haben, fallen laut Reuters insgesamt vier Ergebnisse auf:
      • Erstens gibt für jede Quelle und jede Plattform in jedem abgedeckten Land nur eine Minderheit an, sie sei auf viele oder sehr viele falsche oder irreführende Informationen rund um das Coronavirus gestoßen.

     

      • Zweitens werden unter den Quellen am häufigsten falsche oder irreführende Fehlinformationen genannt, die von gewöhnlichen Menschen verbreitet werden, die die Befragten nicht persönlich kennen.

     

      • Drittens haben die Befragten die meisten falschen oder irreführende Informationen auf Social-Media- und Messenger-Plattformen gesehen.

     

    • Viertens ist die Besorgnis über falsche oder irreführende Informationen über das Coronavirus von Nachrichtenorganisationen und der jeweiligen nationalen Regierung zwar weniger weit verbreitet als die Besorgnis über gewöhnliche Menschen, soziale Medien, Messenger und in einigen Ländern über einzelne Politiker. Allerdings zeigen sich im Durchschnitt etwa ein Viertel besorgt – sowohl bei Nachrichten als auch bei der Regierung.

Die Rolle der traditionellen Medien

  • Eine Mehrheit der Befragten gibt an, dass traditionelle Nachrichtenangebote ihnen dabei geholfen haben, die Krise zu verstehen und zu erfahren, was sie selbst tun können.
  • Etwa jeder Dritte gibt jedoch auch an, dass die Nachrichtenmedien bei der Berichterstattung rund um die Pandemie übertrieben hätten.

Be smart: Die Coronakrise hat traditionellen Nachrichtenangeboten enorme Reichweiten und Zugriffszahlen beschwert. Jedenfalls in den ersten Wochen. Gerade in Deutschland setzen Menschen auf die Informationsangebote der Öffentlich-Rechtlichen, Nachrichtensender und Zeitungen. Social Media spielt laut Chartbeat bei der Generierung der Reichweite eine große Rolle. Jüngsten Untersuchungen des NiemanLabs zufolge ist der Anstieg des Traffics – traffic bump – allerdings größtenteils schon wieder vorbei. Da die meisten aus dem Traffic Bump kein Kapital schlagen konnten, bleibt abzuwarten, welche langfristigen Folgen die Krise mit sich bringt.

Follow the money

Rückgang von Werbeeinnahmen: In den letzten fünf Jahren haben sich die Umsätze von Google und Facebook nahezu verdreifacht. Jetzt befürchten sie massive Rückgänge (New York Times). Das trifft die beiden Tech-Unternehmen zwar bei weitem nicht so hart wie Nachrichten-Angebote, sehr wohl geht das Coronavirus aber auch an Big Tech nicht grundsätzlich spurlos vorbei:

  • Google plant, deutlich weniger Menschen einzustellen.
  • Twitter hat seine Prognose kassiert und warnt vor deutlichen Einbrüchen.
  • Pinterest warnt vor Einbrüchen um die 30 Prozent.
  • Yelp setzt bis zu 2000 Menschen vor die Tür.

ByteDance auf der Suche nach neuem Personal: Ganz anders sieht es dagegen bei TikToks Mutterhaus aus: ByteDance ist auf der Suche nach 10000 neuen Mitarbeiterïnnen (Bloomberg), um die Präsenzen außerhalb der USA und China zu stärken.

Schon einmal im Briefing davon gehört

Screentime: Bloomberg hat ein neues Vertical, das sich mit Fernsehen, Streaming, Musik, Podcasts, eSports, Video Gaming und Influencern beschäftigt. Screentime heißt das Angebot, von dem sich Bloomberg gerade bei jüngeren Menschen eine Menge erhofft.

Keine neuen Emojis: Dieses Jahr wird es laut Unicode keine neuen Emojis geben. Das ist mit Blick auf die Pandemie sicherlich eine der am unwichtigsten Nachrichten überhaupt – aber irgendwie konnten wir auch nicht davon absehen, die News an dieser Stelle kurz zu vermelden. 🍩

Follow up

Quibi: In Briefing #629 haben wir dargestellt, was es mit Quibi auf sich hat und warum es das neue Angebot womöglich schwer haben wird, einen bedeutenden Teil des Streaming-Kuchens für sich zu gewinnen. An einer Stelle wird Quibi nun direkt nachbessern: Das ursprünglich vor allem für mobile Endgeräte konzipierte Angebot soll künftig wohl auch auf regulären Fernsehgeräten konsumierbar sein (The Verge) – that escalated quickly.

Leseempfehlungen fürs Wochenende

Es ist Freitag, zwei freie Tage stehen vor der Tür – aber irgendwie haben auch Wochentage an Bedeutung verloren: Wir sind ja eh immer zuhause, die Grenzen zwischen Home-Office und Freizeit verwischen. Umso wichtiger ist es, sich bewusst Zeit zu nehmen, in der man nicht arbeitet.

Unsere wichtigste Empfehlung fürs Wochenende lautet deshalb: Klappt den Laptop zu, schaltet die E-Mails aus, legt das Smartphone weg – und nehmt es nur wieder in die Hand, um virtuell Freundïnnen zu treffen. Ruft Menschen an, die euch wichtig sind, fahrt in die Natur, macht Sport oder was auch immer euch gut tut.

Falls ihr doch Lust auf Lesen habt, dann sind diese Texte eure Zeit wert:

  • Daniel Ryser hat den definitiv deutlich weniger verrückten, aber nichtsdestotrotz umstrittenen Chefredakteur der NZZ getroffen. Sein Portrait von Eric Gujer, der die einst liberale NZZ nach rechts steuert und damit vor allem in Deutschland Erfolg hat, steckt voller interessanter Details und erzählt viel über einen mächtigen Journalisten. „Wie war ich?” (Republik)
  • Matthias Schwarzer lenkt den Blick auf zwei Plattformen, über die bislang selten gesprochen wurde, wenn es um Rechtsextreme im Netz geht: Spotify und Apple Podcasts. Die rechtsradikale Gruppierung „Ein Prozent” versucht, „alternative Medien für Patrioten” aufzubauen – und setzt dabei auch auf einen Podcast. Spotify und Apple fahren bislang eine Strategie, die anderen Unternehmen irgendwann auf die Füße gefallen ist: Sie reagieren nicht auf Anfragen und ignorieren das Problem. „Rechtsextreme podcasten ungestört bei Spotify” (RND)
  • Guido Mingels stellt neun Thesen auf, wie das Coronavirus und seine Folgen das Silicon Valley langfristig verändern werden. Einige davon sind offensichtlich und vielfach berichtet („Der Techlash ist vorerst abgesagt”), andere von großer sozialer und ökonomischer Bedeutung („Die Digitalisierung wird zur Klassenfrage”). „Was die Coronakrise für die Techindustrie bedeutet” (Spiegel)
  • Vier Männer und keine Frau? Das ändert die wie immer großartige Taylor Lorenz, die beschreibt, warum sich Menschen derzeit nach positiven oder zumindest konstruktiven Nachrichten sehnen und dabei teils auch Dinge verbreiten, die zu schön sind, um sie nicht zu glauben (mindestens die Hälfte der wunderbaren Tier-Memes der vergangenen Wochen sind leider falsch). Takeaway für mitlesende Medienmacherïnnen: Sex sells – good news as well! „The News Is Making People Anxious. You’ll Never Believe What They’re Reading Instead” (NYT)

Neues von den Plattformen

Facebook

  • KIT: Das NPE Team haut weiter raus: Der neueste Test – KIT – ist eine App, die dafür gedacht ist, mittels Apple Watch ausgewählten Kontakten kurze Nachrichten zukommen zu lassen (Techcrunch). Die Sprachnachrichten, Emojis oder Angaben über den Aufenthaltsort werden direkt via Facebooks Messenger Service verschickt.

YouTube

  • Video Builder: YouTube hat ein Tool gelauncht, das dabei helfen soll, Videos zu basteln. Der Video Builder ist vor allem für all jene gedacht, die sich bislang nicht mit der Kreation professioneller Video-Inhalte auseinandergesetzt haben. Alles ziemlich rudimentär, aber womöglich für viele trotzdem (oder gerade deshalb) sehr nützlich.

TikTok

  • Keine DMs unter 16: Ab dem 30. April können nur noch Nutzerïnnen ab 16 Jahren auf das Nachrichtenarchiv zugreifen, neue Nachrichten senden und empfangen, meldet TikTok. Grund für diese Entscheidung dürften Vorkommnisse wie diese (BuzzFeed) sein.

Tools, Tipps und Tricks

Gemeinschaftlich Videos schauen: Social Distancing führt ja gerade an vielen Stellen zu einem veränderten Konsumverhalten. Allem Anschein nach auch bei Dingen, die wir in unseren Briefings bislang stets belächelt haben. Es sieht ganz so aus, als wäre Co-Watching doch etwas, das uns künftig noch stäker beschäftigen könnte. Während Facebook und Instagram bereits native Angebote in Petto haben, ermöglicht die Chrome-Erweiterung Vemos gemeinschaftliches Glotzen von Netflix, Prime Video und Co. Jedenfalls solange bis eine der Plattformen die Erweiterung kassiert…

Apropos Streaming: Es gibt ja aktuell nicht gerade ein Unterangebot an Streaming-Optionen. Schon klar. Aber von diesen Streaming-Angeboten (Producthunt) hast du wahrscheinlich noch nicht gehört:

  • RHEO: Eine Art TikTok der Internetvideos.
  • Neverthink TV bündelt die besten Videos des Internets.
  • Thripy bringt dich trotz Lockdown an die entlegensten Orte der Welt.

One more thing

Touch Tool: Es gibt ein Werkzeug, um Türen zu öffnen und Knöpfe zu drücken, ohne sie selbst anfassen zu müssen. Für 32 Euro. In Gold. Irgendwie muss sich die Krise doch zu Geld machen lassen. Damn.

Header-Foto von Zhipeng Ya bei Unsplash

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